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Full text of "Zeitschrift für deutsche Philologie"

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ZEITSCHRIFT 



FÜR 



DEUTSCHE PHILOLOGIE 



BEGRÜNDET von JULIUS ZACHER 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



HUGO GERING um> OSKAR ERDMANN 



VIERUNDZWANZIQSTER BAND 



HALLE A. S. 

VERLAG DER BÜCHHANDLnrG DES WAISENHAUSES. 

1892. 



LIBRARY OF THE 
LELAIHD S7Au:j::^ ....j:JIVER8nY. 



INHALT. 



Seite 
Sigfrid und Bronhild. Beitrag zur geschichte der Nibelungensage. Von B. Sij ni ons 1 
Über die ^neutralen engel* bei Wolfram und bei Dante. Von J. Seeber . . 32 
Beiträge aus Luthers Schriften zum deutschen wörterbuche. Von J. Köstlin 37. 425 

(Nachträge von M. Spanier, F. Bech, J. Peters 285) 

In bu^ correptam — eine anfrage. Von G. Kawerau 42. 424 

Thete das, tliet, thäte gleich mhd. entete. Von A. Birlingcr 43 

Predigtlitteratur des 17. Jahrhunderts. Von I. Zingerle 44. 318 

Beiträge zur deutschen mythologic. I. Der todesgott ahd. Menno Wotan = Her- 

curius. IL Things und die Alaisiagen. lU. Zur Hludanae-inschrift . 145. 433 

Zum ganga undir jardamien. Von M. Pappenheim 157 

Zum Spruch von den 10 altersstufen des menschen. Von A. Jeitteles u. H. Lewy 161 

Zur entwickeluDg der mhd. lyrik. Von 0. Streicher 166 

Neue belege für Uiäte gleich mhd. entete bei Luther. Von G. Kawerau . . 201 
Ein brief Gottscheds an den Königsborger professor Flottwell. Von G. Krause 202 

Die hauptgöttin der Istvaeen. Von H. Jaekel 289 

Aar und «Her. Von H. Kluge 311 

Ungodruckte briefe Herders und seiner gattin an Gleim. Von ,1. Pawel . . 342 
Bruchstücke aus dem Willehalm Ulrichs v. d. Türlin. Von II. Suchior . . 461 

Zu Reinke vos. Von H. Damköhler 487 

Zum mittelalterlichen badewesen. Von K. Kochendörffer 492 

Goethes verse über Friesland. Von H. Jaekel 502 

Uet gethan im bedingungssatze. Von E. Wolff 504 

Zur geschichte des bigräbnisses ,,more teutonico*^. Von R, Röhricht . . . 505 

Zu Goethes Faust Von R Sprenger 506 

Zu H. V. Kleists Hermannsschlacht Von demselben 510 

Nekrologe. 

Konrad Hofmann. Von W. Golther 64 

Arthur Reevos. Von K. Maurer 142 

Hermann Oesterley. Von E. Seelmann 142 

Hermann Frischbier 568 

Miscellen. 

Ein brief Schillers. Von J. Minor 129 

Bericht über die Verhandlungen der deutsch -romanischen soction der philologeu- 

vei-samlung in München. Von K. Borinski 213. 569 

Rose. Von J. Zingerle und H. Fischer 281. 426 

Ein gedieht aus dem 15. Jahrhundert. Von H. Holstein 283 

Ein brief Jacob Grimms. Von E. Wolff 284 

Dribolde scheren. Von M. Pappenheim und Th. Siebs 284. 567 

Zu Wielands werken. Von Minor. (Dazu berichtigung von Souffert) . 285. 430 
Dramatische aufführungen im 16. und 17. Jahrhundert. Von J. Minor . . . 285 
Bericht über die 16. jahresversamlung des Vereins für niederdeutsche Sprachfor- 
schung in Lübeck. Von H. Jellinghaus 368 

Zum Düdeschen Schlömer. Von H. Brandes 425 

Zu W. Grimms kleineren Schriften. Von R. Steig 562 

Litteratur. 

C. Franke, grundzüge der Schriftsprache Luthers, angez. von J. Luther . . 67 
Reeves, tho fmding of Winoland the good, angez. von H. Gering . . . . 84 



IT 

Seite 
W. WjtB*rr. verültaiä der z£inDe!k*i^rii£fi*is*:i.n^ii BzniC zzz q:ie!lr-. anz^z. 

v'Ä F. Vogt 90 

J. H'^s*?r. %TLr&x in 6< DOme* hot-y.. ac^-rz. T.:n E. Nai-er 95 

E. IL M*:y«:r. Völas{A. ao^cz. vi« F. iLaiiffir.a::n 96 

A. Wa^ber. lautstand der muEriart t>.*d B^atli£jb')&2i . a£:r€'Z. vonF. Kaiiffmann 114 

F. KauffmaDü. ^«schichur der •».-hTätiy.-hea mondän, azt^r. t-mi iL Boh- 

nenberger 116 

L. Tes'.L. zur eDt£tebacjEBg':;scLidLur des eTaDg&lieLba*.^<e» tc*si Cnfnd I. angez. 

von 0. ErdmaEb 120 

U, Schröder, zur waffen- imd s^.-hil^kunde des deut&i^hei: mhtelahers. angez. 

von A- E- h^T^^T 122 

E. Joseph, aasga)^ von Konr&ds v«..n Würzbarg Engelhari. an^ez von K. Ko- 

chendörffer 128 

L. Fulda, übenietzung des M»=-ifr Helmbrecht, angez. von R Sprenger . . 132 

G. Kadke. die epische formel im Nibelußgenlie«le. angyrz. vm E. Kettn?:r. . 133 

0. Ellinger. Berliner neu'irucke I, 3, angvz. von J. Bvite 135 

H. Paul. grundriaÄ der g>^nn. phiiulogie I. 3 fg.. angez. von E. Martin . . 221 

K. Brandstett».*r. ges<;hichie der Luzemer mun«iart. angez. ven L Tobler . 231 

H. Blattner, mundarten des kantons Aargau. angez. von A. Soein .... 234 

Balg. com[«arative glo^sar^' of the gothic langoage. angez. von E. Bernhardt 236 

F. Sarau, ilartmann von Aue als lyriker. angez. von F. Vogt 237 

F. KeiDZ, die lieder Neidhart.s, angez. von F. Vogt 245 

W. Uhl, unechtes bei Neifen, angez. von F. Vogt 247 

Th. Hampc, quollen des Strassburger Alexander, angez. von K. Kinzel . . ^5 

E. Kettner, Untersuchungen über Alpharts tixi. angez. von K. Kinzel . . . 258 

W. Cordos, satzbau bei Nicolaus von Basel, angez. von K. Tomanetz. . . 259 

0. Mensing, ahd. und mhd. concessivsatze. angez. von H. Wunderlich . . 260 

Neuere Schriften über Hans Sachs, angez. von M. Rachel 262 

M. Herrmann, Albrechts v. Eyb ehezuchtbüchlein, angez. von E. Matthias . 269 

(i. Kaufmann, ges<.'hichte der deutschen Universitäten, angez. von W. Schum 271 

E. Wolf f, prolcgomena der littcr.-evolutionUtischen poetik. angez. v. G. Roethe 273. 428 

B. Litzmaun, F. L. Schröder, angez. von C. Heine * . . 275 

O. Koller, Klopstockstudien , angez. von F. Prosch 279 

A. Schultz, das höfische leben, 2. aufl., angez. von J. Meier .... 371. 524 

F. Liesenberg, die Stieger mundart, angez. von Kauffmann 401 

W. Müller, zur mythol. d. griech. u. deutsch, heldensage, ang. v. F. Kauffmann 403 

H. K u h 1 m a n n , concessivsatze in mhd. volksepos , angez. v. H. Wu n d e r 1 i c h . 405 

R. Wölk an, Böhmens auteil an der deutsch, litteratur, angez. v. A. Jeitteles 406 

E. Schröder, Jacob Schöpper von Dortmund, migez. von H. Holstein . . 409 

K. Wein hold, gtKiichte von Lenz, angez. von 0. Erdmann 410 

K. Lehmann, der deutstJio Unterricht, angez. von O. Erdmaun 411 

W. Cosack, inatorialion zu Ix^ssings dramatui"gie, angez. von O. Carnuth . . 420 

Hermann und Szamatolski, lat. litterat.-denkm. 1 — 111, ang. v. H. Holstein 420 

Goethes werke, Weimarer ausgäbe, angez. von H. Düntzer 513 

E. Martin u. K. Schmidt, Klsüssisclu» litterat.-denkm. IV, ang. v. E. Matthias 555 

L. H. Fischer, J. L. Frisch's Hchulspi(»l, angez. von J. Holte 559 

Wustmann, sprachdumheittui , unge/.. von (>. Krdmaun 560 

Neue erschüinungen 139.287.430.568 

Nachrichten 142. 288. 432. 568 

Register von E. Matt h Ihm 569 



^■- 



i)ie neueste Mehrung des Inhalts der 

Zeitschrift für deutsche Philologie, 

so zwar, dafs der einzelne Band statt wie bisher 32 Bogen 
künftig 36 Bogen enthalten wird, nötigt uns von jetzt ab den 
Preis ftir den Band auf 15 Mark zu erhöhen. 

Halle a. S., den 17. Juni 1891. 

Buchhandlung des Waisenhansee. 



SIGFEID UND BRUNHILD. 

EIN BEITRAG ZUR GESCHICHTE DER NIBEI.UNGENSAGE. 

I. 

Die nordische Überlieferung. 

Den grundlegenden arbeiten Lachmanns und Müllenhoffs verdan- 
ken wir die einsieht, dass die Nibelungensage in ihrer aus der ver- 
gleichung der verschiedenen Überlieferungen erschliessbaren gi*undgestalt 
eine Verschmelzung historischer sage mit anders gearteten bestandteilen 
voraussezt, welche man als mythische zu bezeichnen pflegt Die histo- 
rische Burgundensage ist in ihrer entstehung und ausbildung in allem 
wesentlichen klar. Dagegen bietet die mythische SigMdssage der for- 
schung bedeutende Schwierigkeiten, einmal weil sie in ihrer volständig- 
keit nicht rein, sondern nur mit der geschichtlichen sage von den 
Burgunden contaminiert erhalten ist, sodann aber auch, weil offenbar 
sowol die nordische sage wie die deutsche sage in ihrer dreifachen 
tradition hier manche alte züge geopfert oder in neuen Zusammenhang 
gebracht haben. Man ist darüber einverstanden, dass die Burgunden- 
sage, die dichterische Überlieferung von dem Untergang der Gibichun- 
gen durch Attila und der räche, welche diesen dafür trift, in ihrer 
ältesten, dem ursprünglichen verhältnismässig sehr nahe stehenden fas- 
8ung in der altnordischen gestalt vorliegt. Es ist deswegen methodisch 
nur zu billigen, wenn auch für die in unserer Überlieferung mit der 
Burgundensage verbundene Sigfridssage die Untersuchung von den alt- 
'iordischen quellen ausgeht: nur gewichtige gründe, wie sie beispiels- 
^*eise für den teil der sage, welcher Sigfrids gel)urt und kindheit 
^i'zählt, tatsächlich vorhanden sind, dürfen ims bestimmen, von diesem 
ß^undsatze abzugehen. Der forderung, dass jede betrachtung der Sig- 
•Wdssage die nordische Überlieferung zur gnmdlage zu nehmen, dabei 
^ter die deutsche sagenform unablässig im äuge zu behalten habe, 
^Hsst sich, wie mir scheint, gegründeter Widerspruch nicht entgegen- 
stellen. 

Neuerdings macht sich das streben geltend, die nordische mythen- 
*^^d Sagendichtung zu discreditieren. Ihren poetischen wert lässt man 

ZUXttCUUJfT F. DBXJTSOEB FHn.OLO&IK. BD. XXnr. 1 



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uEAT^xasret. aber g«»?n ihn? ursprün^ofakeit und riaubwüpliffkeit 
häufen sich die anfiriffe, BucTir^i seniAÜtiii venianken wir io den _.Stu- 
dier over de nöniis^ke 4:ude- « heliesagns i>priiidrl>e. Firste rat-kk»r" 
il5'>l Sv*» eine arbeit, deren erire^nisisi*^ wetiis«' überz^ru^i hat^n. denE^o 
be^ieu:en-ie Tc-rzüire aber auch dem^enitren einleuohien, we-oh^r >ich 
ihivn Kendecdeß reizen zu entziehen verm^vlitr- rKis> es aii ;üii£!«ni 
und naofafv.I^v-m nicht fehlen »üioe, war zu erwanec. FüLiie Bugg^ 
iSraiier ?^ 15^ ^i^i angesi^-hi? der sob^pfehTioheü knkft -ter viüng^r an 
Shakrrsprares \eriiiLnii> zu «rineü ^ueLen erinnen. >-:• erk.ir: ;-r-2t Crol- 
±-er die ::oriii>!*.4iv Nibe!..::j:er*Nai?e für .r;!:r Tolk^nini-ec- ii-Uiü..4stunc, 
in irr das crifiz^ er?: V*f: 5..4:arfr r b-trschrarii: wid^n^ierirnnr-L ist* 
«in-nn. i>8. 47^ In einer rrihe T>n irSeirrii ha: «T-xther »ür auf- 
iis^un*: vercv<e-n. da2%> dir nvnii>^.i«r X:"r»eli;ri^ri>Aa?e wrj<*rLZ>-ii dn 
r«r:cur: der v-.k.ii^^ri'eiT 5*ri: naoii mr-üreret 5^^:^waJ.£uIli^^n hat er 
ruler: die«- aiisdci: > ::-n:i'^:Tr^. dAÄ> die alte Äinkisctte. izL, •>. jakr- 
::u£irr: • i.:>T*cdeLe sa^^ Y.n ie:_ X:'t*r.:i:j>-i: er?:: im i« '^TüuDdeit 
lu ieu Skii;liiiaT:-r:. ^tt-ai^ <»ra: s.\-, -.iiid i-war .;i:n_:~'=-lbar au> 
Friz'£>-:-^ Ukt I>la£ii. A^:" d:e:?<-r winir^'JEu: : ..>r> ir-Aii.i eine 
äa::.c. .iLi ir ■.:.!. Zimmer ^.A.•:Li?r"«.e^*rs:r^l mrrra Irt-^rrz r-i*teb- 
nu'-i^-:. 3r-r ir*s:*i.'T-n i-rCir-iisa^. >. .^jrci m.-i:. -srir i.-.-**:-? ^r-.r-Lnr- -- 
ui-eiLrr m-ir...u: i.*.i, m.: v..l.rm re.^üv. Arnikim ZT>-!.r 1 d a. 

Ä?, >xlT Ic . A..> >»i.:;c :i.T v.irrr -'»eiT-i. Tin-ajL.J-r-i^r .^-r ^^..:?*i?6e«* 
SÄT"- *i»^ * '•.j--*' '"^"T-c ^ ^^HL ^ •- >•-'• w«^ • •s.t^i.»^^ i^ *«■ T d*=-r 

or-uv^iftc :.rm li.vl. iivm.:.i v.>.iMn5dnE:r:..> stt^r.-«:.:>»r«r.L.iLr. dir 
\.\:. 3Ckfcir-:\!L !i.r.::?*.i?t^ r;>iK!.r^r4ir:T. ...».i f>: «t:* '^t-i.. ->. 476» 

iii'r Nit>rT.-:.i>:<.sirfr: •',::-. ^.•..-|i^ :."r«^s.-: iirj^rj: i.>« r.i--. V .i. dr-r 
nNitürte«: i..f?*r: ..r- , *.,:.^>: :\'s,. :aTt '^■.:--: ■•>*.!: ..r^-^-. .st «T.idticr 
löer/tiar ?*. ->-r:f.«r: :-ks^ ■■•. ».r.'.isvm • r >u-: ^ ^^t« .^ -liirt-j:"?. lu 

^- '.-dik*ai> .'■■■ :•■"-•.> I-i ...'. .;■'•-':> !•■•: > ,—. ■ ■• \ > ■...-.^ >*k.- ' • ■2.:*lt^. .»-: 

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I 



ftlGFRIP UND ftRUNHILD. 1 3 

darstellung derselben geben zu können geglaubt hat (Beilage zur AUg. 
ztg. vom 1. märz 1890, nr. 60). 

Es li^ nicht in meiner absieht, Golthers ansichten über die ent- 
stehung der Nibelungensage, speeiell ihrer nordischen form, einer 
zusammenhängenden prüfung zu untemehen. Vielmehr soll an einem 
einzelnen punkte, und zwar an dem ausgangspnnkte der Goltherschen 
forschungen, der nachweis versucht werden, dass Golther in seiner 
beurteilung der nordischen Überlieferung und ihres Verhältnisses zur 
deutsehen von unrichtigen praemissen zu unrichtigen Schlussfolgerungen 
gelangt ist. Es sei ausdrücklich betont, dass ich den fleiss und den 
Scharfsinn des Verfassers anerkenne und seinen arbeiten manche anre- 
gnng und förderung im einzelnen verdanke, wenn ich auch weder sei- 
ner kritik der quellen zustimmen, noch seinen schlussfolgenmgen den 
Vorwurf der Übereilung ersparen kann. 

Nur im vorübergehen deute ich ^iue klippe an, an der Golthers 
datierung der einwanderung der Nibelungensage in den germanischen 
norden scheitert. Finnur Jönsson hat kürzlich mit recht darauf hin- 
gewiesen (Arkiv f. nord. fil. 6, 154 fg. 280 fg.), dass schon die älteste 
norwegische skaldendichtung wesentlich dieselbe mythologie voraussezt 
wie die späteren isländischen quellen. Dasselbe gilt für die Nibelun- 
gensage. Bereits der älteste historisch bezeugte norwegische skald, 
Bragi der alte, an dassen wirklicher existenz zu anfang des 9. Jahr- 
hunderts zu zweifeln nach den neueren untersuchimgen ^ ebensowenig 
berechtigt ist, als die echtheit der unter seinem namen überlieferten 
Strophen zu verdächtigen, bezeichnet das gift als Vqhun^a drekka (2V 
Gering) und, was noch mehr ins gewicht falt, nent Sqrli und Hampör 
Ojüka nipjar (62). Loztere Umschreibung sezt die specifisch nordische 
anknüpfung der Ermenrekssage an die Nibelungensage voraus, die 
selbstverständlich erst verhältnismässig lange nach der Überführung die- 
ser sage in den norden zu stände gekommen sein kann. Die folge- 
rungen ergeben sich von selber. Wer die einwanderung der Nibelun- 
gensage in den germanischen norden — und zwar nach Island — in 
die vikingerzeit verlegt, hat zuvörderst die unechtheit der ältesten 
norwegischen skaldendichtung zu erweisen, und zwar mit ganz anderen 
gründen, als dies bisher versucht worden ist. 

1) Vgl. besonders Sn. E. EI, 307 fgg. Ooriug, Kv8e{)a-Brot Braga ens gamla, 
1886, s. 5 fgg. E. Mogk, Paul-Braunes Beitr. 12, 391 fg. F. Jonsson, Ark. 0, 
141 fgg. — Bugge hält allerdings noch 1888 daran fest (Paul-Brauuos Beitr. 13, 201), 
dass die dem Bi*agi Boddason beigelegten verso erst im 10. Jahrhundert gedichtet 
sein können; er hat diese ansieht aber nicht näher begründet. 

1* 



StJllO!«S 



Wenn im folgenden ein einzelner teil der Sigfiidssage einer 
näheren betrachtung unterzogen werden soll, so darf darin keine Zu- 
stimmung zu dem Ter£Ediren gesehen werden, der Sigfridssage von vorn- 
herein die einheiüichkeit abzusprechen, sie in eine reihe einzelnen 
zur dichtung verwachsener motive zu zerfasern. Was uns als ganzes 
übeiüefert ist, müssen wir zunächst als ganzes zu verstehen suchen^ 
wenn sich auch im veriaufe der Untersuchung berausst^en kann« dass 
die einheit des Stoffes nur eine scheinbare ist und die analyse ihr gutes 
recht beansprudit 

Sigfirids Verhältnis zu Brunhild-Sigrdrifa tritt uns in der Über- 
lieferung als ein einzelner akt der geschichte des beiden entgegen. 
Kine genauere betrachtung desselben, zunächst losgelöst von den 
anderen teilen der Sigfridssage, scheint aber wünschenswert Auch 
Golther hat diesen teil der sage zum ausgangspunkt seiner Unter- 
suchungen genommen (Studien s. 42 — 73), und in der tat ist die ent- 
scheidung der bestrittenen frage nach dem Verhältnis des beiden zu 
Brunhild-Sigrdrifa von grosser bedeutung auch für die beurteilung 
anderer punkte, wie Golther s. 42 hervorhebt Vor allem komt es an 
auf die richtige auffassung des verhältni^^ses der nordischen quellen 
unter einander, sowie zur deutschen Überlieferung, und gerade für sie 
ist die eK>rtorung unserer frage bee*>nders lehrreich. Auszugehen ist 
von der nordischen Überlieferung. Hier sind streng genommen zwei 
fragen zu unterscheiden: I. Sind in der nordischen dichtung Brynhildr 
und Sigrdrifii ursprünglich als zwei verischiedene gestalten au^fasst 
und erst in den spätesten quellen zu tHner zusammengeworfen, oder 
beruht die dop(H'lheit auf nüsverstHiuUicher spalnmg 6iner ursprüng- 
lichen figur? - 2. Wie hat die nonlisi^he dichtung das Verhältnis der 
Brynhildr« oder der Brvnhildr und der Sigrtlrifii, zu Sigur{»r ur^rüng- 
lich au^^fiisst? ^Ursprünglich** ist hier zunächst immer zu verstehen 
von der ältesten uimiis^'hen üWrliefi*ruug. Die K^handlung beider 
fragen kann aln^r nicht stnnig gt^tr^^nt wenlen, sie greifen ineinander 

über. 

l 

In der \\klsungasaga, der eintig\m alluordis\*heu quelle, welche 
zugleich zusanunenliäi\genii und ausführlich üln^r Sigur{^ Schicksale 
berichtet, Knden wir bekantlioli folpMulo darstellung: 

Nach der erschlH^rimg des dmohou und der erwerbung des hortes 
erwei*kt Sigur|u* die auf lliiulartjuU sohlnftnule Hrvnhildr; nai^hdem sie 
ihn runen und \veislieit»r^^»lu ^vlehvt, schwören sie sich ewige treue 
(c. 20. 21). IVr held nnM weiter $\\ Ueuuir, Ur>nhiUis s^^hwager und 



SIOFRID UNO BRÜNHILD. I 



pfleger, findet sie dort in einem türm mit weiblichen arbeiten beschäf- 
tigt und verlobt sich abermals^ mit ihr (c. 23. 24). Darauf gelangt er 
an Gjükis hof; durch einen vergessenheitstrank, den die zauberkundige 
Grimhildr ihm reicht, vergisst er Brynhild und hält hochzeit mit GuJ)- 
rün (c. 26). Gunnarr beschliesst um Brynhild zu werben. Er und 
SigurJ)r reiten zuerst zu ihrem vater BuJ)li, darauf zu ihrem pfleger 
Heimir, die beide der Brynhild die freie wähl lassen zu nehmen, wen 
sie wolle. Ihr saal, sagt lezterer, sei nahe bei, ok kvax pat hyggja 
at pann einn mtcndi hmi eiga vilja, er ripi eld brennanda, er sleginn 
er um sal hennar. Sie kommen zur flammenumloderten bürg; verge- 
bens sucht Gunnarr erst sein eigenes ross, dann Grani durchs feuer 
zu treiben. Erst, nachdem sie die gestalten getauscht, trägt Grani 
seinen herrn durch die lohe. Die saga citiert hier zwei schöne Stro- 
phen, die den flammenritt anschaulich schildern 2. Die lohe erlischt, 
und im saale findet Sigurt)r Brynhild, gepanzert und den heim auf 
dem baupte. Er nent sich Gunnarr Gjükason; sie stuzt, fühlt aber, 
dass sie ibi*em gelübde treu bleiben muss, dem manne zu folgen, der 
das feuer durchritte. Drei nachte teilt Sigurpr ihr lager, durch ein 
nacktes schwort von ihr getrent. Als Brynhildr wider zu Heimir komt, 
erzählt sie ihm was vorgefallen: „Er durchritt die waberlohe und sagte, 
er sei gekommen sich mit mir zu vermählen; er nante sich Gunnarr. 
Ich aber meinte (sagpa „sagte mir"?), dass Sigurpr allein das volbrin- 
gen würde, dem ich eide schwor auf dem berge, und er ist mein 
erster gatte". Heimir aber erklärt, es müsse nun dabei sein bewenden 
haben (c. 27). 

Die darstellung der V(}lsungasaga, so wichtig auch die einzelnen 
teile der erzählung, namentlich c. 27, für die erkentnis der sage sind, 
ist in ihrem Zusammenhang das ergebnis der combinierenden arbeits- 
weise des sagaschreibers (Paul-Braunes Beitr. 3, 255 — 262. 272 fg. 
277 fgg.). Es unterliegt keinem zweifei, dass die doppelte Verlobung 
mit Brynhild auf dem berge und bei Heimir sein werk ist, während 
seine hauptquelle, die noch volständige liedersamlung, zwei frauengestal- 
ten unterschied: Sigrdrifa und Brynhild. Die identificierung beider 

1) ok 8V(^Pu nü eißa af nyjii c. 24 (Bugge 138'*), vgl. Paul -Braunes Beitr. 
3, 272 fg. 

2) Es ist natürlich völlig wilkürlich, wenn Golther, der den beweis zu führen 
sucht, dass der vafrlogi durch unberechtigte Übertragung von Sigrdrifa an Brynhild 
gekommen sei, behauptet (Studien s. 53 a. 2): „es ist gleichgiltig, wo diese verse jezt 
stehen, bei Brynhild oder bei Sigrdrifa, jedenfals stammen sie aus der Sigrdrifasage 
. . . .* Es ist vielmehr von gröster bedeutung. 



6 8UM0N8 

durch den Verfasser der Vs. ist also für die beurteilung der sage ohne 
belang. Wir dürfen vielmehr mit bestimtheit behaupten: die VqIs- 
ungasaga, obgleich sie Brynhildr und Sigrdrifa zusammenwirft, weist 
durch die ganze art ihrer darstellung und manche einzelheiten (a. a. o. 
272 fg. 279 fg.) noch deutlich darauf hin, dass ihr Verfasser sie in 
seinen quellen getrent vorfand. Er hat sich im wesentlichen darauf 
beschränkt, den namen Sigrdrifa durch Brynhildr zu ersetzen, sowie 
zwischen der Verlobung mit Sigrdrifa auf dem berge und der Verlobung 
mit Brynhildr bei Heimir einen notdürftigen chronologischen Zusam- 
menhang herzustellen. Auch der Nomagestspättr c. 5 (Bugge 65^) 
nent die auf HindarQall erweckte valkyrie Brynhildr, ohne dass sich 
daraus für die ursprüngliche nordische Überlieferung etwas ergäbe. 

Die Spaltung in Sigrdrifa -Brynhildr, welche die Y^lsungasaga 
beseitigt hat, wird in ihrer quelle, der liedersamlung, denn auch 
wirklich bestätigt Der samler, welcher um 1240 oder 1250 die ihm 
bekanten mythologischen und heroischen lieder zu einem grossen cor- 
pus vereinigte, hat für die Sigur{)slieder ofienbar eine biographisdie 
anordnung angestrebt Trotz der gerade in diese partie fallenden grossen 
lücke des Codex Regius^ wird dieses princip der anordnung sowol aus 
der reihenfolgo der erhaltenen lieder wie aus den capiteln 23 — 29 der 
YQlsuugasaga (s. Beitr. 3, 286. Edzardi Yolsunga- und Ragnars-Saga, 
1880, s. XXI fg.) zur genüge klar. Wahrscheinlich existierte dieser 
teil der samlung — d. h. die lieder, welche den abschnitt der sage 
von Sigurt)s geburt bis zu Brynhilds tode behandeln, mit zusammen- 
hängender und chronologisch fortschreitender prosa untermischt — 
bereits früher für sich^ und wurde als ganzes vom samler seiner 
liedersamlung einverleibt (Edzardi^ Genn. 23, 186 fg. 24, 356. 362%.; 
vgl. Ztschr. f. d. phil. 12, 111 fg.). Der samler kante neben Biynhiidr 
Bul>ladi')ttir eine valkyrie Sigrdrifa. Diesen eigennamen verwendet er 
in dem pmsastücke vor Sgrdr. 5^ (Bugge 229 ^ ^K **). Auf Hindar- 
Qall erblickt Sigurj)r ein helles licht, svä ^setN cldr bnfnni, ok Iföfne^ 

1) "NVol aber vorlnotct die lücko, wie mir scheint, die anfstellung der grund- 
sätze. welche R, M, Meyt»r. Ztschr. f. d. a. iV2. 402 fgg. für die anorduung der 
eddischeu heldenlieder nachzuweisen sucht 

2) Als iStifurpargatfa? Anspivchend erklärt Edzardi durch diese annähme die 
K'nifung des Nl>. c. 5 (Bugge 65^) auf eine sat/a Sit^urparj womit koinesfals die 
V<jlsungasi4gj4 gemeint ist, wie Müllenhoff Ztschr. f. d. a. 23, 113 u. a. weiten. Für 
die Brynhild - Sigrdrifafrap^ ist aber der umstand, <liiss der N(). gelegentlich dieses 
citates von Brynhildr auf llindarfjall spricht, ohne Mang. 

3) Die Eddalieder citiere ich stets nach Bugge und zwar nach dessen kon- 
zeilen. 



SIOFRID UND BRUNHILD. 1 



nf Hl hirniris. Trotz der Unklarheit des ausdrucks, wobei sich auch 
die VQlsungasaga c. 20 (Bugge 124 ^^ fg.) beruhigt, kann nur der vafr- 
logi gemeint sein. Ohne Schwierigkeiten geht aber der held in die 
schildburg, dort findet er die schlafende ganz gewaftiete Jungfrau. Er 
nimt ihr den heim vom haupte, schlizt ihr den panzer auf mit seinem 
Schwerte Gram und zieht ihn ab. Da erwacht sie. So erzählt der 
samler — oder der Verfasser der Sigurparsaga — in dem prosastücke 
(Bugge 227), das in den ausgaben die einleitung zu den sogenanten 
SigrdrifimKjl bildet, in der handschrift aber ohne jede trennung auf 
die Schlussprosa zu F^fhismijl folgt In einem weiteren prosastücke 
(Bugge 229) nent die erwachte valkyrie sich Sigrdrifa; sie erzählt ihre 
geschichte. Dieses prosastück ist unbestritten auflösung von versen, 
deren Wortlaut dem samler bis auf einen unbedeutenden rest nicht 
mehr in der erinnerung war oder deren wörtliche aufzeichnung er sich 
ersparte, weü sie in der Helrei|) 8 — 10 in wesentlich derselben fas- 
sung erhalten waren. Dass aber in der alten poetischen form der 
erzählung der valkyrie von ihrem geschick dieselbe Sigrdrifa genant 
war, darf natürlich nicht ohne weiteres angenommen werden, um so 
weniger, als die Helreit) dasselbe von Brynhildr erzählt Diese frage 
wird uns noch zu beschäfügen haben. Wie der samler sich die 
weitere entwicklung des Verhältnisses zwischen Sigurpr und Sigrdrifa 
dachte, bleibt dahingestelt, da mitten in Sigrdrifas weisheitslehren die 
lücke des Codex Begius begint Hier genügt es festzuhalten, dass die 
liedersandung als solche eine valkyrie Sigrdrifa, welche Sigurpr aus 
dem zauberschlafe erweckt, von Brynhildr But)ladöttir unterscheidet, 
welche er für Gunnarr erwirbt Für die in der samlung enthaltenen 
oder einstmals enthalten gewesenen lieder ist damit selbstverständlich 
nicht das mindeste entschieden. 

Wie die VQlsungasaga, so steht auch die erzählung von den Nibe- 
lungen in der ausführlicheren redaction der Skäldskaparmäl c. 39 — 
42 unter dem einflusse der liedersamlung, wie ich in dieser ztschr. 
XII, 103 fgg. gezeigt habe (s. auch MüUenhofF, DA. V, 1, 185 fgg. 
232). Snorris ursprünglichem werke gehört nur die in U enthaltene 
erzählung an, welche mit der ermordung Hreit)mars durch FÄfhir und 
K^nn, allerdings etwas gewaltsam, schliesst (c. 100 U: Sn. E. II, 
359 fg. = c. 39. 40*: Sn. E. I, 352 — 3561«). Dieser teil ist frei und 
unabhängig, während die fortsetzimg, die zu einer volständigen Über- 
sicht der sage wurde, in der Überarbeitung (hier fast allein durch r 
vertreten 1) unter benutzung der liedersamlung hergestelt ist Bei die- 

1) In TT fehlen c. 39—42. Ein nicht ganz kleines stück bietet das fragment 



8 8IJM0N8 

ser Sachlage, die auch Golther anzuerkennen scheint (Studien s. 73 fg.), 
muss es auffallen, dass dieser gelehrte der fassung, welche die erzäh- 
lung der überarbeiteten Skspm. von SigurJ)s Verhältnis zu Brynhildr- 
Sigrdrifa bietet, so grossen wert beimisst Der bericht lautet bekant- 
lich: Sigurt)r ei'weckt auf dem berge die valk^Tie Hildr; hon er kql" 
lup Brynhildr ok var vaUcyrja, Er reitet weiter an Gjükis hof, ver- 
mählt sich mit dessen tochter Gupntn und schliesst blutbrüderschaft 
mit Gunnarr imd HQgni. Dann gewint er für Gunnarr und in dessen 
gestalt Brynhildr Bul)lad6ttir, Atlis Schwester, die auf HindaQall sizt, 
von einem tlammenwall umgeben, und geschworen hat, nur demjenigen 
gehören zu wollen, der denselben zu durchreiten wagt Am morgen 
nach dem keuschen beilager gibt er ihr den Andvaranaut zur morgen- 
gabe und erhält von ihr einen anderen ring tu fnifija, — Der Verfas- 
ser unterscheidet also, wie der samlcr, eine valkyrie, die er aber nicht 
Sigrdrifa, sondern Hildr-Brynhildr nent, von Brynhild Buplis tochter, 
die bei ihm auf HindaQall wohnt. Die waberlohe haftet an lezterer. 
Eine frühere Verlobung Sigurt)s mit Brynhild erwähnt er nicht, und 
somit durfte auch der liebes- oder vergesscnheitstrank fehlen. Den 
ringwechsel erzählt die Snorra Edda anders und besser als die VqIs- 
ungasaga c. 27 (Beitr. 3, 280 fg. Golther, Studien s. 74). Aus die- 
sem umstände darf man jedoch „die Selbständigkeit der Snorra Edda** 
der liedersamlung gegenüber schon deswegen nicht folgern, weil die 
y^lsungasaga hier offenbar eigenmächtig geändert hat und es keinem 
zweifei unterließt, dass das beiden berichten zu gnmde liegende, durch 
die lücke verlorene lied den ringwechsel gerade so dargestelt hat, wie 
es die Snorra Edda tut Dass eine frühere Verlobung und damit auch 
der zaubertrank in der darstellung der Snorra Edda fehlen, wird noch 
im verlaufe unserer dai-stellung genügende erklärung finden: es war 
eben die sagenform des zu gründe liegenden liedes, desselben, auf wel- 
chem der kern des c, 27 der Vqlsungasaga beruht Aus einem der 
durch die lücke verlorenen lieder wird auch die sonst unbekaute Gjü- 
katochter Gupny stammen (Sn. E. I, 360**^), ebenso Gotpormr als Gjdkis 
Stiefsohn, wie im Hyndluliede 27 (Müllenhoff, Ztschr. f. d. A. 10, 155. 
DA. V, 1, 186). So werden wir auch bei dem namen Hildr, „die Bryn- 
hildr genant wird'', für die in der samlung als Sigrdrifa auftretende 
valkyrie zunächst an Helrei(> 7 zu denken haben: 

heio mik aller i Hhjwdqlom 
Hilde und hjalmpy hrerr es kunne. 

Itt^ oder richtigtT (s. Katalog over den Am. händskriftsaml. 1. 5J cod. AM 748, 4* 
(6n.£. U, 573 fgg.), der einen älteren text als r enthält 



SIGFRID UND BRUNHILD. I 



Was bedeutet aber der ziisatz: ti^n er kqlbtp BrißiMIdr'^ Jeden fals 
nidits anderes, als dass der Überarbeiter der Snorra Edda der Schei- 
dung zweier frauengestalten , welche er im anschluss an die liedersam- 
lung vornahm, selber nur sehr bedingt beipflichtete. Und in der tat 
fragt man erstaunt, was nach seiner darstellung die erweckung der 
Hildr überhaupt soll, welchen poetischen zweck sie erfült In der lie- 
dersamlung, d. h. in der uns überlieferten interpolierten und am schluss 
abbrechenden gestalt der Sigrdrifum<}l , lehrt die erwachte valkyrie den 
jungen beiden wenigstens runen und sprüche der Weisheit In der 
SnoiTa Edda fehlt sogar dieser, freilich äusserst wirkungslose, zweck 
des beeuchs. Wenn Golther, Studien s. 45 äussert: „die wenigen auf 
die Zusammenkunft mit Hildr sich beziehenden werte könten leicht 
ausfallen, ohne dass der handlung dadurch irgendwie eintrag geschähe", 
so hätte ihn diese unzweifelhaft richtige bemerkung zur einsieht füh- 
ren müssen, dass eine so überflüssige, nichtssagende episodo nimmer- 
mehr alte sage imd dichtung widerspiegeln kann. Beruht also die 
erzählung von den Nibelungen in der überarbeiteten Snorra Edda nach- 
weislich auf der liedersamlung, wobei natürlich stets die lücke des 
Begius in anschlag zu bringen ist, und trägt die bemerkenswerteste 
abweichung das deutliche gepräge des unursprünglichen, so haben wir 
durchaus nicht das recht, diesem berichte selbständige oder gar ent- 
scheidende bedeutung beizumessen. Mit MüUenhofif, DA. V, 1, 186 
haben wir darin nur „eine zwar eigenmächtige, aber wohl bedachte 
combination" zu erblicken. 

Unter den heldenliedem der Edda ist die üripisspä das einzige, 
welches die schlafende Jungfrau auf dem berge deutlich und unzwei- 
deutig von Brynhildr Bu|)ladöttir unterscheidet. Die Grlpisspä ist 
anerkantermassen ein junges Übersichtslied über die Sigur|)8sage in 
gestalt einer prophezeiung, das der samler nicht ohne guten grund an 
die spitze der lieder von den Nibelungen stelte. Sie sezt ausser Reg- 
insmijl, FÄfhismiJl und Sigrdrifum(JI die lieder voraus, welche dem 
Verfasser der V(}lsungasaga für c. 23 fg. 26 — 29 zu geböte standen, 
kann also kaum viel älter sein als die liedersamlung und ist am wahr- 
scheinlichsten um die scheide des 12. und 1 3. Jahrhunderts anzusetzen. 
Ich sehe keinen zwingenden grund, mit Edzardi (Germ. 23, 325 fgg. 
vgl. 27, 399 fgg.) anzunehmen, dass die Grlpisspä in älterer gestalt mit 
8tr. 23/24 abgeschlossen habe, brauche aber in diesem zusammenhange 
nicht auf die frage einzugehen. Reine wilkür aber ist es, wenn Gol- 
fer (Studien s. 47) die alte Grfpisspä mit str. 18 enden lässt, die 
„einen offenbaren abschluss" enthalten soll, wovon ich nichts spüre, 



10 8IJM0N8 

fals man nicht Nus pvi hket 18^ falsch übersezt: ^damit ist die sache 
abgetan" und den übrigen inhalt der strophe unberücksichtigt lässt. 
Nimt man das gedieht wie es vorliegt, so ist die reihenfolge der bege- 
benheiten folgende: 1) Erschlagung des drachen und Regins und erwer- 
bung dos hortes 11. 13^-^. — [2) Besuch bei Gjüki 13^-®, sonstiger 
Überlieferung (doch s. u.) widersprechend und von Bugge Fomkv. ilö** 
wol richtig erklärt als misverständnis von FÄfn. 40 fg.]. — 3) Erweckung 
der schlafenden Jungfrau auf dem berge, die SigurJ) runen und heil- 
kunst lehrt 15 — 18. Ihr name wird nicht genant (fylkes dotier lyqti 
i brynjö)^ die waberlohe nicht erwähnt^, von einer Verlobung ist nicht 
die rede. — 4) Besuch bei Heimir, wo sich Brynhildr, But)Ii8 tochter, 
Heimirs föstra befindet Sigurt)r verliebt sich in sie und verlobt sich 
mit ihr 19 1-*. 27 — 31*. — 5) Nach einnächtlichem aufenthalt bei 
Gjüki vergisst der held, durch Grimhilds betrug betört, die Brynhild 
geleisteten eide; er erwirbt dieselbe für Gunnarr (blutbrüderschaft zwi- 
schen Sigurl)r, Gunnarr und H(jgm 37 1-*, gestaltentausch 37 ^ — 39*, 
keusches beilager 41) und vermählt sich selber mit Guprün 31^ — 43. 
Doppelhochzeit Von der waberlohe ist auch hier keine rede*. — 
Bemerkenswert ist in dieser darstellung die strenge Scheidung zwischen 
der (ungenanten) schlafenden jung&au auf dem berge und Brynhildr 
Bu{)ladöttir, die Verlobung mit lezterer bei Heimir, die nichterwähnung 
der waberlohe sowol bei der erweckung der Jungfrau d fjalle als bei 
der erwerbung Brynhilds. 

Die Gripisspä ist der älteste uns bekannte versuch, Sigurt)s 
lebensgeschichte in chronologischen Zusammenhang zu bringen; sie 
zuerst hat aus dem nebeneinander verscliiedener sagenformen ein bio- 
graphisches nacheinander hergestelt, das für den samler und damit 
auch für den Überarbeiter der Snorra Edda und den Verfasser der 
yqlsungasaga bestimmend geworden ist Die trennimg der Jungfrau auf 
dem berge von Brynhildr, ilire aufTassung als besondere figur, ist, 

1) Bugge Fomkv. 412 sucht die waberlohe in der verderbten halbzeile 15* 
cpt(ir) hana Heigay wofür er vorschlägt und ha na seljo. Die conjectur hat mehr- 
fach Zustimmung gefunden, und Golther Studien s. 52 benuzt sie sogar zu seinem 
beweise, dass der vafrlogi ui*sprünglich nui* zu Sigrdrifa gehöi-te. Bugges besserung 
hat für mich nichts überzeugendes, da der fehler vermutlich mit in hana steckt, das 
in z. 8 noch einmal c. gen. gebraucht ist 

2) Edzardi, Germ. 27, 402 glaubt, dass eine hinwoisung auf die waberlohe bei 
der schildemug der Werbung um Brynhild ausgefallen sei. Auch diese Vermutung ist 
sehr fraglich: der dichter der Grip. kann den flammenritt absichtlich fortgelassen 
haben, da er nach der Spaltung der Brynhildr -Sigrdrifa ungewiss war, wo derselbe 
anzubiingea sei. 



SIQFRID UND BRUNHILD. 1 11 

soweit die uns vorliegenden quellen ein urteil gestatten, das werk des 

dichters der Grfpisspä. 

2. 

Dass die ältere nordische Nibelungendichtung die Identität von 
Brynhildr und Sigrdrifa ausdrücklich oder stUschweigend voraussezt, 
ist die ansieht der meisten älteren deutschen forscher gewesen. Gele- 
gentliche äusserungen Jacob und Wilhelm Grimms^ lassen keinem 
zweifei räum, auch Lachmann muss diese aufFassung geteilt haben. 
Müllenhoff (Ztschr. f. d. a. 10, 155) äusserte: „Brynhildr heisst im 
norden bekantlich auch Sigurdrifa*' und betrachtete beide namen als aus 
der deutschen sage herübergenommen. „Als Brunihild, Bellona loricata, 
ist die Walküre die doppelgängerin der nibelungischen Grimhild, der 
Bellona larvata oder galeata; als Sigutriba .... aber ein dem echten, 
lichten göttersohne, d. i. dem Walsung Sigufrid gleichartiges wesen''. 

Auch W. Müller^ (Myth. der deutschen heldens. s. 81 fgg.) sah 
in Sigrdrifa nur einen anderen namen für Brynhild, nahm aber an, 
derselbe sei speciell nordisch, wie denn übeiiiaupt nach der ansieht 
dieses gelehrten die Verlobung bei Heimir ursprünglich, die Verlobung 
mit der Jungfrau auf dem berge ausschliesslich nordische dichtung wäre. 

Andererseits hat es nicht an stimmen gefehlt, die eine trennung 
der beiden figuren von altersher befürworteten. Die wichtigsten der- 
selben hat Golther, Studien s. 49 gesammelt Von skandinavischen for- 
schem vertreten u. a, F. Magnussen (Lex. myth. s. 414), Bugge 
(Fomkv. s. XXXVIII), Grundtvig (Edda« s.230'), Kosenberg (Nord- 
boemes aandsliv 1, 289 ig.) diese ansieht Bydberg (Undersökningar 
i germ. myth. 1, 732. 2, 272 fgg.) betrachtet „Segerdrifva" als eine in 
die heldensage übertragene mythische figur, die ursprünglich mit Brj^n- 
hild Bul)li8 tochter nichts zu schaffen hatte. Die weitere ausführung 
dieses gedankens, wonach erst „redaktören af Fafhersmal'' die weit 
älteren Sigrdrifum<Jl in den Sigurl)scyclus gezogen und dem beiden, der 
Sigrdrifa erweckt und von ihr runenweisheit lernt, den namen des 
Sigurpr Päfnisbani gegeben haben soll, ist so phantastisch, dass ich 
auf eine Widerlegung verzichten darf. In Deutschland haben sich in 
neuester zeit Heinzel und Golther für die Scheidung erklärt. Heinz el 
in seiner inhaltreichen und gelehrten schrift über die Nibelungensago 
(aus den Sitzungsl?erichten der Wiener akadomie, phil.-hist cl., CIX, 

1) S. z. b. J. Grimm, Myth.* 351. 111, 119. Kl..schi-.2, 27üfg. — W.Grimm, 
Hds. 349. 

2) Auch schon in seinem „Versuch einer m^'thol. erklärung der Nibelungen- 
•«»• (1841) 8. 63. 



12 SIJMONS 

s. 671 fgg.), Wien 1885, s. 22 fgg. entscheidet sich für die ursprüng- 
lichkoit der sugcnform, welche zwei valkyrien kent, die valkyrie Sigurjis 
Hildr oder Sigrdrifa und eine andere,, „welche Brünhild heisst und 
Günthers gemahlin wird"*. Auf Heinzeis vorzugsweise ästhetischen 
gründe wird noch einzugehen sein. Golther hat in den „Studien** 
s. 44 fgg. der frage eine eingehende Untersuchung gewidmet, als deren 
orgebnis sich herausstelt, dass in den Eddaliedern die valkyrie Sigr- 
drifa oder Hildr überall scharf getrent wird von Brynhildr Bu{)ladöttir. 
„Nirgends wird ein näheres Verhältnis zwischen Sigurd und Sigrdrifa, 
ein Verlöbnis erwähnt; Sigrdrifa verschwindet, nachdem sie Sigurd 
mnen gelehrt haf (s. 49). In seinem aufeatze in der beilage der Allg. 
Zeitung 1890, nr. 60 wird diese ansieht so formuliert, dass „in der 
nordischen diehtung diese Sigrdrifa von der Brynhildr durchw^ unter- 
schieden wird und erst die spätesten quellen des 13. Jahrhunderts den 
unglücklichen versuch machen, die beiden gestalten in eine einzige 
zusammenfliessen zu lassen. "" 

In den Beitr. 3, 255 fgg. habe auch ich, ohne die lursprüngliche 
mythische einheit der Sigrdrifa- Brynhild anzufechten, die ansieht auf- 
gestelt, dass, soweit wir auf quellen zurückgehen können, eine Spal- 
tung eingetreten sei, die sich als sehr alt erweise durch feststehende 
charakteristische züge. Dieser ansieht hat sich Bdzardi (übers, der 
V<)ls, s. 92** u. ö.) angesi*hlossen. Wie sich aus dem bisher erörterten 
bereits ergeben hat, kann ich dieselbe nicht mehr als richtig anerken- 
nen. Vielmehr bin ich dim?h eine neue erwägung der frage und fort- 
gesezte l>eschäftigung mit den Eddaliedern zur Überzeugung gelangt, 
dass erst der Verfasser der Gripisspa die Spaltung der Brynhildr in 
zwei gestalten vorgenommen hat^ Die berechtigung zu dieser aufiEas- 
suiig muss sich zugleich mit ihrer näheren be^ündung aus einer ana- 
lyse der eddischen heldenlieder ei^ben. In betracht kommen nament- 
lich die Schlussstrophen der FAfnismt^l, die Sigrdrifum<Jl und Helreip 
Br>*nhildar. 

In den FÄfnismtjl str. 32. 33. 35. 36. 40 -44 sind uns frag- 
monte eines lieiies aus dem Sigurpscyclus im fornyi^islag überliefert 
Domsellvn Hede mögiMi auch Reg. 13 — 18. 26, sowie Sgrdr. 1. 5 nebst 
der halbstn>pho im pn^sastücke Vi>r 5 angt?hört halben. Ähnlich urteilen 
Ettnuillor, (lorm. 17, 13; Edzanli iierm. 23, 319 fgg.: G. YigfÖsson, 

l» PiosolK^ ansieht Äussert, wio ich orst s|>ater K^merkte, W. Ranisch in 
Uor orston vior hmttT soinor disdi^^rtativui »Zur krilik und motrik der Haiii{>isiiiil * 
(Bt'ri. 18^) al^Hinu'ktxm tht'son: ., Brynhildr und Sigrünfa sind erst durch dm dich- 
ter der Gnpisi^pA ab iwm vi»ni>hied«iH> pen^onen ij^'fiust'^. 



8I0FRID UND BRUNHIIJ). I 13 

Cpb. 1, 157 fgg. und F. Jönsson in seiner ausgäbe. Nach der tötung 
R^Ds erteilen die vögel dem Sigurpr ratschlage: 

40 Bitt pü, Sigvqrpr, bauya raupa! 
esa konunglekt kvlpa mqrgo: 
itiey veitk eina mikh fegrsta, 
goüe gedda, ef geia moitter, 

41 Ldggja tu Ojüka grenar brauter, 
fr am visa sh^p foJkUpqndom ; 
hefr dyrr konujigr döttor alna, 
pä mo7it, Sigvqrpr, munde kaupa. 

In str. 41 ist von Gut)rün die rede; ob die vorhergehende Strophe sie 
oder Brynhild meint, lässt sich mit Sicherheit allerdings nicht entschei- 
den. Die herausgeber und common tatoren schwanken; es mag genügen 
auf die erörterungen Bugges (Fomkv. 415) und Edzardis (Germ. 23, 
322 fgg.) zu verweisen. Mit diesem bin ich geneigt, auch in der Jung- 
frau, von welcher die vögel in str. 40 singen, Gut)rün zu erblicken, 
nicht Brynhild. Es ist an sich natürlicher, in str. 41 eine fortsetzung 
des gedankens der vorhergehenden Strophe zu sehen. Die „mit gold 
ausgestattete maid" erinnert an Gut)rüns worte GuJ)r. II, 1^~^: imx 
mik Gjüke gotte reifpe, golle reifpe, gaf Sigverpe; nach Sig. sk. 2 wird 
dem beiden mit der Jungfrau meipma fjqtp geboten. Sodann führt die 
aufforderung der vögel 40 1, die roten ringe zusammenzubinden, folge- 
recht zu der prophezeiung 41^, dass er sie brauchen wird um Guprün 
mit dem maischatz zu kaufen. In den werten ef geta mektter 40" 
liegt kaum, wie Bugge meint, ein hinweis darauf, dass das Schicksal 
Sigar{) nicht gestatten werde, sich mit der Jungfrau zu vermählen, viel- 
mehr eine ermunterung: „suche sie zu erlangen!" (s. Edzardi a. a. o, 
324 a 2). Der gewolte Zusammenhang der beiden Strophen scheint 
dieser zu sein: „Binde zusammen, Sigur|), die roten ringe! Nicht ist 
es königlich, viel zu fürchten; eine wunderschöne Jungfrau kenne ich, 
goldgeschmückt, köntest du sie erlangen! Zu Gjüki führen grüne 
wege, vorwärt» weist das Schicksal den recken^; es hat der edle könig 
eine tochter gezeugt, die \virst du mit dem maischatz erwerben". 
Es folgt die schlafende Jungfrau auf dem berge: 

42 Salr's d hovo Hindarfjalle, 
allr CS ütan elde sveipenn, 

1) folklißqndam 4i* dat. pl. soll heissen: ^ uuiherzieheude reckeu, wie du*^. 
Der plaral in dieser algemeinon senteuz gestattet die anwendimg auf deu vorliegen- 
den &11. Ähnlich steht der plural Sig. sk. 14^, etw&s abweichend Gu[)r. 11, 5**. 
Helg. Hq. II, 46», vgl. Bugge Fomkv. 249 ^ K. Gislason NjäU U, 562 fg. 



14 StJMONS 

pann hafa horsker haier of gqrvan 
&r ödekkani ögnar Ij&tnu. 
43 Veitk d fjalle folkvUt sofa, 
ok leikr yfer Ihidar väpe; 
Yggr stakk pome — apra felde 
fiqrgefn liale, an hafa vildeA, 

I 

j Auf HindarQall im flammenumloderten goldenen saale schläft ei 

i valkyrie, die Öpinn mit dem schlafdorn gestochen hat, da sie and( 

i männer getötet hatte, als der gott ihr befohlen. Die einzelnen zu 

j sind wesentlich dieselben, wie in der pi-osa vor Sgrdr. 5 und H( 

i Brynh. 8 — 10, nur absichtlicli in unsicherer märchenhafter beleu( 

tung, wie sie der Situation angemessen ist Zweimal wird die seh 
ferin in str. 43 umschrieben, ihr name wird nicht genant, so wei 
wie Gudruns in str. 40 fg. Nun aber heisst es weiter: 

I 44 Knutt, mqgVj sea niey und hjalmej 

\ päs frd vige Vingskorne' reip; 

wut s^igrdnfa(r) sveftie bregpa, 
s^'qldnnga nipr, fyr skqpom Norna, 

In der zweiten halbstrophe bietet die Überlieferung sigrdHfai\ wä 
rend Bugge Fornkv. 415'* Sigrdrifa änderte. Jedenfals versteht Bug 
mit recht skjqldunga nipr als anrede, wie mqgr z. 1, nicht als subje 
zu mal. Denn, weim F. Jonsson Eddalieder 2, 126 unsere ste 
erläutert: „wenn der vogel sagt, dass Sigrdrlfa niemals erwachen kai 
so ist es ein versu(;h, Sigurpr vom schlafenden weibe fem zu haltet 
so li^ es nahe dagegen zu bemerken, dass der vogel diesen zwe 
einfacher und kürzeij, hätte erreichen können, wenn er der valkyi 
überhaupt nicht erwähnt hätte. Keinesfals aber durfte der voj 

I 

behaupten, dass Sigurpr ihren schlaf nicht zu brechen vermöge, oh 
eine wissentliche Unwahrheit zu sagen. Der held wird die behelff 
maid schauen, die (oder, wie sie?) auf ihrem streitross aus dem kam{ 
ritt. Ihr schlaf kann nach dem ratschluss der nomen nicht gebroch 
werden: dass der skjqldunga nipr, SigurJ)r, allein dies vermag, wi 
vers<hwiegen, wi(j es der haltung dieser prophezeiung wol entsprich 

1) 43"—** nach der ül)erzoufj:endon herstellung oder richtiger deutung der üb 
lieferung von Orundtvig und Bugge. R liest: aP'a feldi havrgefn fmli e* hafa ril^ 
Krgäuzung von es vor aftra ist unnötig und metrisoli nicht empfehlenswert 

2) 44* ringncorm'r R; Vimfskonie lesen mit i-ccht die alt-en Kopenhagei 
und iVhi neueren !ierausgcl)er seit Bugge. 

3) (f. Vigfiisson ('pb. 1, ir>8 üb<Tsezt richtig: ^Sigixlnfa's sleep cannot be bi 
ken, thou sou of the Shieldings, because of tlie Fate's dec^rees**. Es geht nicht i 



NtOFKID BOT) RRIINHII.n. I 16 

I mit der handschrift sitfrdHfar oder mit Bugge sigrdrifa gelesen 
rirtl, ist für ilen sinn freilich gleit^ligiiltig. Die Überlieferung Hesse 
bich syutaktisch wol verteidigen, aber 4ier gt?n. idgidiifar sezt einen 
'Siifrdi-lf voraus, der sonst nicht überliefert, wenn auch sehr 
rol denkbar ist (s, unten); für Bngg:es ändeining dürfte ferner die ana- 
1 Sgrdr. 1 ', 2 "'■ " sprechen. Von grösserer bedeutung ist aber 
■eine andere frage, die sich an dieses wort knüpft, für unseren zweck 
entscheidender. 
Sigrdrifa (r) ist bisher wol algeniein als eigeananie verstanden 
forden. Ich habe wenigstens nirgends eine andere aiiffassung ange- 
lautet gefunden und verdanke selber die ani*ogüng zu meiner jetzigen, 
I Pauls (irundriss II, 1, 2R bereits angedeuteten, hier näher zu bc^ 
[rundenden auffassung einei' brieflichen bemerk-iing meines freundes 
. Gering. Ks wäre das einzige mal, dass Sigrdrifa in den Eddalie- 
t genant würde; ihr sonstiges vorkommen beschrankt sielt auf die 
i der Hgrdr. (Bugge 229'- "■ *'). Str. 40. 41 reden von 
lu^irüii, ohne «ic zu nennen; in sti'. 42. 4.^ wii-d von der tlomnien- 
mgebenen valkyrie gesungen, ohne dass ein name genant wird; auch 
■. 44' spricht nur vun der behelmten maid: auffallend wäre es, wenn 
"|dötzlich am achlusse der name der dreimal umsclirieheuen hervorti-äte, 
um sonst nirgends in den liedeni Verwendung zu finden! Sieht man 
mnächst ab vun anderen Überlieferungen und betrachtet unsere strti- 
len für sii'h, so liegt es näher, >iigrdrifn appeliativisch zu verstehen 
eiDH neue poetische bezeichnung der valkyrie, die stilistisch nicht 
»Henkliclier wäre als folhmli- 4;^', kqrgefn 43'. Die forayrpislag- 
rophen der Käfn. verwenden kenningar in ziemlich Busgedehriteni 
astabe: Sigurl)r heisst iiyilhr Ijaitgn ^2% Inideii riftr 36*, nkjqMunffti 
(dazu konmien Yugrn koiir Reg. 14^, hri/nfiing.f iipiiMr 
ir, 5*), das gold öyiiur fj&mf 42", «las feuer Undni- vdpc 43^, das 
c fjqraege 32' (das schifl' Rärels kp.itr Reg. Itt', segh'igg Ifi'', rdg- 
mr Iß', näM 17», hivmdgg 17'). Auch hrrs jtijmrr FÄfn.3li» {hane 
mttndar Reg. 26", kilmes rufe 26') gehören einigemiassen in die- 
zusiunmenhang. Eine Umschreibung «lyrdrifi für die valkyrie 
ihildr wäre dem stile un«tires ti-agmcntes gewiss nicht zuwider: 
, Edzardi Oorm. 23, 320 fg. Der samler hätte aus der appellativi- 
bezeichnung einen eigennamen gemacht, und Sigrdrifa, sei es 
I als zweiter name der Brynliildr, sei es als name einer besonderen 

nipr (als subj>3tft za mtU) vnii iuidoi«i] bünigsxühnen (im )(»){nu!iHtx v.\\ 
[>r) XU vunilitlien i nooli viel weniger kanu fyr nlnjpimi tutma beisaeu „eh die 

n es fCiff-a' (Simfiok). 



16 mJHONB 

figur, würde auf einem mis Verständnis beruhen. Die möglichkeit eines 
solchen misverständnisses dürfen wir getrost behaupten: hat doch der 
samler in der prosaischen einleitung zur V0lundarkvi|)a sich nachweis- 
licli einen ähnlichen irtum zu schulden kommen lassen^. 

Nach Golther Studien s. 37 wäre Sigrdrifa eine Zusammensetzung 
mit drifa „Schneesturm, schneetrift''. Weit richtiger hatte bereits 
J. Grimm Myth.* 741 in Sigrdrifa „die nordische Victoria oder M'xiy" 
gesehen und MüllenhofF Ztschr. f. d. a. 10, 156 hatte an ahd. v)ig tri- 
hau Graflf 5, 482 erinnert. Mit altn. drifa in der bedeutung „schnee- 
trift" ist nichts anzufangen. Allerdings wird dieses wort in der skal- 
densprache zu Umschreibungen für kämpf verwant: so ist hjqf'drifa in 
der Gräfeldardr&pa des Glümr Geirason (Hkr. U. 136 3®) eine leicht 
verständliche kenning „schwort (schnee) stürm = kämpf (vgl. hjqrregn, 
hjqrgräp Lex. poet 348 fg.); vgl. femer hjalmdrifa [ftjalmdrifo vipr 
Sighvatr Hkr. U. 307 21], hlem^nidHfa Hildar Hätt. str. 54» Mob., 
loptdrifa Fms. I, 176, piiigdrifa [piriydrifo menn Sighvatr Hkr. U. 
522^6 „die zur volksversamlung strömenden menschen"]. Die mhd. 
volksepik liebt es, die geschosse oder die heerschaaren mit schnee zu 
vergleichen (W. Grimm zu Athis E 146 =^ Kl. sehr. 3, 306; Jaenicke 
zu Bit 10193), und die nordische skaldendichtung tut wesentlich das- 
selbe, nur dass sie den vergleich in eine kenning zusammendrängt. 
Damit ist aber für sigrdrifa wenig gewonnen, man müste denn mit 
Golther DLZ 1890, sp. 333 annehmen, dass eine kenning für kämpf 
als bezeichnung für die valkyrie gebraucht sei. Aber näher liegt eine 
andere deutung des namens. 

Die quantität des zweiten i von sigrd?'tfa(r) Fafn. 44^ ist mit 
Sicherheit nicht zu bestimmen. Ich fasse die halbzeile niät sigrdrifa (r) 
als den Sievers'schen typus C 3 ( X -^ | ^^ X ) und das / von -drifa 
demnach als kurz. In sigrdrifa hätten wir ein weibliches nomen agen- 
tis mit w- Suffix, zu welchem das masculinum -dnfe vorliegt in hring- 
drife Akv. 31*^ (frehi hringdrife, d. i. ji | ^^X typus D 2), mit 
regulärer schwächster vokalstufe, wie kveldripa, myrkripa : baldripe 
usw. (vgl. Hj. Falk Beitr. 14, 14 fgg.). Neben -drife kent die altn. 
dichtersprache -dHfr (mit praesensvocal), so mit hringdHfe gleichbedeu- 

1) Die sacho liegt doil wol folgondermaäsen. Der uom. sing. alf>Ür unga 10^ 
(über alvitr s. Sievers Boitr. 12, 488) verführte den samler dazu, auch 1* uud 3* 
den gleichlautenden nom. plur. als siiig. zu behandeln und demgemäss ungar durch 
unga zu ersetzen. In seiner prosa hat er daiui alvitr als beinamen der Hervor auge- 
sehen, ebenso vielleicht spafthvit 2^ als beinanien der Hla])gu[>r. Allerdings ist 4'® 
svanhvUo der form nach eigenname: stand hier ursprünglich svanhritre? 



tend krhigdrifr (Lex. poet 396), batigdrifr [baugdrif vom h. Olaf 
Geisli 17® nach Bergsbök = branddrif Fiat.], femer qrdrifr Koma. s. 
Str. 55* Mob. [hjqrdrifr Cod., hringdrifr? F. Jönsson bei Möbius s. 147]. 
Wie hringdrife oder hringdrifr den milden forsten als den „ringspen- 
der" bezeichnet, so sigrdrifa (oder stgrdrif) die valkyrie als die „sieg- 
spendeiin^. Die bildungen scbliessen sich an drffa in der bedeutung 
„stauben, streuen**, einer specialisierung der ursprünglichen bedeutung 
des germanischen verbums driban „in eilige bewegung versetzen". 
Sigrdrifa als bezeichnung der valkyrie erinnert an sigrmeyjar (Fms. V, 
246), sigrfljöp {gjöpom sigrfljqpa „den raben" Eyrb. 1864, 114*): ist 
es doch das amt der valkyrien, des sieges zu walten {rdpa sigri Gylf. 
c36: Sn. E. I, 120. II, 275). Wenn in dem bekanten ags. bienen- 
segen der ausdmck si^etüif auffallender weise auf schwärmende bienen 
mgewant wird (Grein -Wülker 1, 320; vgl. Zupitza Anglia 1, 189 fgg.), 
so wird man annehmen dürfen, dass er ursprünglich valkyrien bezeich- 
nete und erst später auf bienen bezogen wurde ^. 

Als ergebnis dieser erörterung glaube ich aufstellen zu dürfen: 
sigrdrifa in Fäfii.44 ist appellativische bezeichnung der valkyrie, die 
nicht genant wird, aber unter der nur Bryhhildr verstanden werden 
kann. Die Prophezeiung der igpur kent also nur zwei frauengestalten, 
die in Sigurps Schicksale eingreifen werden: Guprün, die er heiraten, 
nnd Brynhildr, die er aus dem zauberschlafe durch den flammenritt 
erwecken wird. Diese reihenfolga ist, wie sich ergeben wird, nicht 
wilkürlich, auch nicht mit Bugge Fomkv. 415 und Edzardi Germ. 23, 
323 80 zu deuten, dass die vögel zuerst die hauptbegebenheit, dann 
die firühere begegnung mit der schlafenden valkyrie hervorheben, son- 

1) Galten etwa bienenschwärme dem ausziehenden krieger als gutes omen und 

^er die bienen als ^ siegspendende frauen" (ai^etoif)? Ich kann die frage nur auf- 

*^en, mache aber darauf aufrnerksam, dass im märchen die bienenkönigin sich auf den 

*nnd ihres günstlings sezt (KHM. nr. 62. Myth.* 579). — Den Römern galten frei- 

^ch im algemeinen bienenschwärme als üble Vorzeichen, sowol im lager (Liv. 21, 46. 

^*ler. Maxim. 1, 6, 12), als auf dem markte in der Stadt (liv. 24, 10. 27, 23) 

^d 80 noch bei Ammian. Marcell. 18, 3, 1 im jähre 359 n. Chr. Auf eine andere 

^^^fEassung könte allerdings Plinius n. h. 11, 55 deuten: seder e (apes) in castn's 

"^^t imperatoris, cum prospere pugncUum apud Ärbalofiem est, haud qimquam 

^^^tua haruspieum conjectura, qui dirum td osientum existimant semper. Diese 

^Uflassung steht vermutlich unter griechischem einllusse. Als Dionysius I. von Sici- 

^11 einmal die band in die mahne seines pferdes schlug, um dasselbe zu besteigen, 

^d ein bienenschwarm sich darauf niederliess, erklärten die Wahrsager, &it raOra 

f*^aqx(ay in^ol (Aelian. Var. Eist. 12, 46 = Cic. de div. 1, 33, 73. Plin. n. h. 

^1 Ifö); vgl. auch Diodor. 19, 2, 9. Bei diesen nachweisen haben mich prof. Yaleton 

^ AmitesdiDi und mein hiesiger coUege prof. Boissevain freundlichst unterstüzt. 

\ »^^^wr f. nmnaoam PHiLOLoeiE. bd. zxtv. 2 



18 auMONs 

dern nach der einen der beiden ältesten nordischen sagenfassungen 
auch chronologisch richtig. 

Hinsichtlich der Sigrdrifam(^l kann ich mich in allem wesent- 
lichen den ausführungen Müllenhofis DA. Y, 1, 160 fgg. anschliessen. 
Die kritische analyse dieses „liedes^, d. h. der Strophen, welche die 
samlong ohne andeutung ihres verschiedenen Ursprungs als ganzes bie- 
tet und die ausgaben unter dem titel Sigrdrifum^l zusammenfassen, 
führt zu folgendem ergebnisse. Den grundstock bilden bruchstücke 
eines gedichtes in ^öpah&ttr (A), dessen stoflf die erste begegnung Sig- 
urj)s und seiner valkyiie bildete: str. 2 — 4, zu lesen in der reihen- 
folge 3. 4. 2 (MüUenhoff s. 161), 20. 21. (22. 23. 24. 26. 28. 29. 31. 
32. 33. 35. 37, von denen gleich näher die rede sein wird). Bereits 
in der mündlichen recitation verschmolzen mit diesem gedichte Stro- 
phen eines anderen liedes aus dem Sigur{)scyclus in fomyr{)islag (B), 
dem möglicherweise auch Eeg. 13 — 18. 26. F&fh. 32 fg. 35 fg. 40 — 
44 angehörten (s. oben s. 12, dazu aber auch unten s. 30 anm.). Der 
aufzeichner hatte nur noch str. 1 und 5 im gedächtnis, die erzählung 
der valkyrie von ihrem geschick war in ihrer alten poetischen fassung 
bis auf einen geringen rest (die halbstrophe in der prosa vor 5) ver- 
gessen. Eine jüngere einschaltung, die aber die Verbindung von A 
und B voraussezt, da sie ofTenbar veranlasst wurde durch die er wäh- 
nung der gamanrunar 5^, ist das runatal str. 6 — 13^. Daran haben 
sich in der Überlieferung angeschlossen verschiedene bruchstücke alter 
gedichte: str. 13*""^®. 14. — 15 — 17 (eine zwölfzeilige J)ula). — 18. 

19 (leztere strophe wol als abschluss des runenabschnitts und Überlei- 
tung zu 20 fgg. gemeint). Endlich haben sich an die lebensregeln der 
valkyrie str. 22 fgg. einige verwante geheftet (str. 25. 27. 30. 34. 36), 
die schon Bergmann, Die Edda-gedichte der nord. heldens. s. 89 fgg. 
als jüngere zutaten ausschied. 

Für unseren zweck komt die Strophenreihe A vorzugsweise in 
betracht Die aus langem zauberschlafe erwachte valkyrie fleht in 
zwei herlichen vfsur den tag und die nacht mit ihrer sippe um sieg 
an, die äsen und asinnen und die segenspendende erde um redegabe, 
Weisheit und heilende bände für sich und den berühmten geliebten 
beiden. Darauf leitete die strophe Lenge svafk usw. die erzählung 
ihres geschickes ein, deren weiteren verlauf die prosa, wie sich aus 
der veigleichong von Helr. 8 %g. ergibt, im ganzen treu bewahrt Nur 
den namen ^^ ralkinie hat der samler hinzugefügt, die „siegspende- 
xin* fti and diese namengebung ist für 



fUGFBID UND BBÜNHILD. I 19 

die auCFassung des liedes verhängnisvoll geworden. Mit Müllenhoff 
müssen wir das rünatal und die sich anschliessenden Strophen (6 — 19) 
schonungslos entfernen. Erst str. 20 und 21 gehören wider dem alten 
gedichte an. Brynhild, zur strafe für ihr eigenmächtiges eingreifen in 
schlaf versenkt, hat dem gotte verheissen oder wol richtiger — nach 
Helr. 9 — ihm das versprechen abgerungen, keinem sich zu vermäh- 
len, der sich furchten könne. Der furchtlose erwecker, der ihr bestimte 
bräutigam, ist erschienen; in glühenden werten hat sie glück und 3ieg 
herabgefleht auf den geliebten mann und sich selber. Und wozu soll 
diese vielversprechende einleitung dienen? Damit Sigrdrifa runenleh- 
ren und sprüche der Weisheit auskramen könne, um dann spurlos zu 
verschwinden! Dies mag bereits die ansieht des samlers gewesen sein, 
wie es die ansieht neuerer forscher ist: der alte dichter unsres Bryn- 
hildliedes, wie man die Sigrdrifum(^l richtiger zu nennen hätte, bezweckte 
anderes. In str. 20 sagt die valkyrie: 

yjNü skalt Igösa, p&'s kostr of bqpenn, 
hvassa väpna hlynr! 

sqgn epa pqgn haf pär sjalfr i hug, 

qll ero mein of meten'^. 

Welche wähl stelt sie dem beiden? Die antwort kann nur z. 3 geben: 

sqgn efa pqgn, d. h. sprechen oder schweigen. Über die bedeutung 

dieser ausdrücke an unserer stelle gibt Sigurps erwiderung in str. 21 

aofklärung: 

„Monkak fleja, pöt mik feigjan viter, 

emkak mep hleyPe borenn; 

ästrqp pin vilk qll hafa, 

svä lenge sem ek life". 

Wenn der held emphatisch beteuert, er wolle nicht fliehen, wenn 
er auch dem tode verfallen sei, denn er sei kein feigling, so ist es 
undenkbar, dass der dichter damit die folgenden durchaus uncharak- 
teristischen lebensregeln einleiten wolte. Diesen standzuhalten war 
allerdings etwas geduld, aber weder mut noch todesverachtung erfor- 
derlich. Folglich kann 20' unmöglich bedeuten: „überlege dir, ob ich 
weiter reden oder schweigen soll'', vielmehr soll Sigurpr sprechen 
oder schweigen, d. h. er soll sich entscheiden, ob er der eben erlösten, 
ihm zur braut bestimten Jungfrau entsagen oder ob er ihr ewige treue 
schwören will. Aus seiner antwort darf man schliessen, dass Brvnhild 
ihn in verlorenen Strophen darauf gewiesen hat, dass aus ihrem bunde 
Unheil entspriessen und Zerwürfnisse sich entwickeln werden, die den 
tod des beiden herbeiführen. Nur durch diese annähme wird die erste 

2* 



20 6UH0Nd 

hälfte von str. 21 verständlich; ihre zweite hälfte bringt äigur|>8 ent- 
Scheidung. Hier macht nun freilich der ausdruck ästrqp Schwierig- 
keiten. Die bedeutung, welche das wort ästrdp sonst hat, ,,liebeyoller, 
freundschaftlicher rat^, ist hier unpassend. Der Zusammenhang erfor- 
dert, wie MÜllenhoff mit recht hervorgehoben hat, dass Sigur{)r einfach 
sagt: „deine liebe will ich ganz haben, so lange als ich lebe^. Man 
könte auf den gedanken verfallen, die stelle habe ursprünglich gelau- 
tet: äst ptna vilk aüa hafa, und erst die interpolation von str. 22 fgg. 
habe die änderung veranlasst Wahrscheinlicher aber ist der umge- 
kehrte voigang: wie die zufallige erwähnung der gamanrunar 5 die 
einschaltung von str. 6 fgg., so konte die falsche aufhssung der ästrqP 
die anfügung der sitten- und lebensregeln str. 22 fgg. veranlassen. 
Kann ästrqp pin dem dichter von str. 21 als „die ehe mit dir der 
geliebten'' gegolten haben (vgl. göpra räpa Grlp. 45*. Brot 3* und 
Ox£ dict. s. V. räd 11, 3)? Sind nun aber die ratschlage der valkyrie 
str. 22 fgg. ein jüngerer zusatz, so kann der alte, durch die grosse 
lücke des Codex Begius verlorene schluss des alten Brynhildliedes kein 
anderer gewesen sein als das strophenpaar, dessen prosaauflösung die 
Vijlsungasaga am schluss von c. 21 (B. 133^*-^^) bewahrte Sigur{>r 
und Brynhildr schwuren sich ewige treue. So nimt Müllenhoff a. a. o. 
s. 161 mit recht an gegen Bugge Fornkv. 235** fg. und mich Beitr. 3, 
255 fgg. Der Inhalt der sogenanten Sigrdrifiuni^l, den die kritische 
Zergliederung und Säuberung der unter diesem namen herkömlicher 
weise zusammengefassten strophenmasse mit Sicherheit ergibt, war dem- 
nach die erweckung der Brynhildr durch Sigur{) und ihre Verlobung. 

Von hervorragender Wichtigkeit für unseren zweck ist das viel- 
fach nusverstandene lied Helrei{) Brynhildar. Bekantlich hat Sv. 
Grundtvig (Edda^ 230) die Strophen 6. 8 — 10 (Bugge) ausgeschieden 
als dem gedichte ursprünglich nicht angehörig und sie in die Sigrdrifu- 
m<Jl verpflanzt Dieser ansieht hat sich Bugge nachträglich ange- 
schlossen (Fornkv. 41 6 \ 423), und Golther (Studien s. 37 fgg.) ist noch 
einen schritt weiter gegangen, indem er auch str. 7 als interpoliert 
betrachtet und somit Helr. 6 — 10 auswirft Eine etwas modificierte 
ansieht über unsere Strophen vertrat Edzardi (Germ. 23, 413 fgg.), der 
aber auch str. 8 — 10 einer anderen fassung der Sgrdr. zuwies. Wenn 
neuerdings Mogk (Pauls Grundriss U, 1, 88) sagt, in der Helrei{>, die 

1) Völlige treue der paraphrase soll damit nicht behauptet sein. Namentlich 
mennjt der msdrnok mgi finnsc pir vitrari mapr bedenken, er sezt die vorausgehen- 

ytnam und ist wol nicht ursprünglich. 



SIQFBID UND BBUNHILD. I 21 

er als „eine rein nordische pflanze späterer zeit^ charakterisiert, sei 
Brynhiid vom dichter mit der Sigrdrifa zusammengeworfen, so scheint 
er wesentlich derselben ansiebt zugetan. Fragt man, was den urheber 
derselben zu seiner ausscheidung bewogen hat, so wird die antwort 
lauten müssen: weil in den betreffenden Strophen der HelreiJ) von Bryn- 
hiid erzählt wird, was sonst (d. h. in der prosa der Sigrdrifiimi^l) von 
SigrdiifEi ausgesagt wird. Qrundtvig erklärt ausdrücklich: „es verdient 
besonders hervorgehoben zu werden, dass, sobald man anerkent, dass 
diese Strophen von rechtswegen zu Sgrdr. und nicht zu dem gedichte 
von Brynhiid gehören, jede stütze in den alten liedem selber für die 
Identität der beiden personen wegfalt^. Offenbar eine petitio princi- 
pii! Sehen wir zunächst zu, ob wir mit der Überlieferung fertig wer- 
den können, ohne unsere Zuflucht zu so verzweifelten mittein zu neh- 
m^. Ich sehe davon ab, dass die erzählung in der oben besprochenen 
prosa vor str. 5 der Sigrdrifa nicht in jedem einzelnen zuge genau 
übereinstimt mit den entsprechenden Strophen der Helrei{). Soll aber 
eine Interpolation glaubhaft gemacht werden, so muss der nachweis 
gefordert werden, dass die verdächtigten verse den Zusammenhang stö- 
ren oder sich durch äussere kenzeichen als fremdartiges einschiebsei 
herausstellen. Dieser nachweis ist in unserem faUe weder versucht 
noch zu erbringen. Ein machtspruch erledigt die sache nicht Wenn 
wir das gedieht nehmen, wie es vorliegt, und die erzählung an und 
für sieh, ohne vorgefasste meinung von der sage, zu verstehen suchen, 
so ergibt sich der folgende Inhalt 

Auf ihrer todesfahrt berichtet Brynhildr einer riesin die Ursache 
von ihrem und Sigurps tode, Str. 6 ist schwer verderbt (vgl. diese 
ztschr.XVULl, 110 fg.); ich sehe von ihr und der halbstrophe 7 zunächst 
ab. Wegen ihres eigenmächtigen eingreifens in Öpins ratsch! uss ist 
Brynhildr von dem erzürnten gotte in schlaf versenkt, in eine schild- 
biu^ eingeschlossen und durch einen feuerwall umgeben. Nur der 
fiirchüoseste held (es hverge lands hrtkpask kynne 9 ^- ®), der ihr 
F&hirs gold bringt, soll sie erwecken, d. L Sigur|)r (str. 8 — 10). Der 
erlöser komt auf Granis rücken, allein, statt mit ilir die Verlobung zu 
feiern, behandelt er sie wie seine Schwester: 

12 svqfom ok unßom i scßing einne, 

sem minn bröper of borenn vcere; 

hvärtke knätie kqnd of annat 

dtta nöttom okkart leggja. 
Es ist Sigurpr in Gunnars gestalt Brynhildr fügt sich in die umstände, 
bis ihr dunkler argwöhn sich durch die vorwürfe der Gudrun (str. 13) 



22 SIJM0N8 

als gegründet ausweist und es sich herausstelt, dass nicht Ounnarr, 
sondern Sigur|)r, der ihr bestirnte bräutigara, sie wirklich erlöst hat: 
pd varpk pess vis, es vildegak, at v6lto mik i verfange. Da beschliesst 
sie mit dem geliebten beiden zu sterben, da sie nicht mit ihm leben 
kann. Die hier gegebene deutung des Zusammenhanges ist, obgleich 
sie zuversichtlich auf Widerspruch stossen wird, meines erachtens die 
einzige, welche der Überlieferung gerecht wird^ Diese ist nur ergänzt, 
soweit der sprunghafte stil des liedes es notwendig machte. Es blei- 
ben aber Schwierigkeiten übrig, die meiner deutung entgegenzuhalten 
ich nicht erst andern überlassen will. 

Die in der Helr. auftretende sagenform, an sich logisch und poe- 
tisch unanfechtbar, ist nicht in Übereinstimmung mit allen anderen 
nordischen quellen. Ihr zufolge wird der ritt durch die waberlohe nur 
einmal unternommen, und zwar sogleich für Gunnarr. Folgende sagen- 
fassung ergäbe sich als dem gedichte zu gründe liegend: SigurprF&fii- 
isbani ist der der Brynhildr bestimte erlöser und bräutigam, er erwirbt 
sie aber nicht für sich, sondern für Gunnarr, mit dessen Schwester er 
sich vermählt hat. Das scheinbar eigentümliche dieser sagenform liegt 
nun darin, dass Sigur|)r nicht bei Brynhildr gewesen ist, bevor er sie 
für Gunnarr erwirbt Der flammenritt ist hier also durchaus begrün- 
det und keine müssige widerholung. Zugleich aber erklärt sich aus 
dieser sagenform die oben (s. 17) noch unerklärt gelassene reihenfolge 
in der vogelprophezeiung am Schlüsse der Fäfhismi^l. Diese wurzelt 
gleichfals in der anschauung, dass Sigurpr nach der erschlagung des 
drachen und der erwerbung des hortes sofort an Gjükis hof zieht und 
sich mit dessen tochter vermählt, dann erst die valkyrie aus dem zauT 
berschlafe weckt 2. Andererseits ist die deutsche sage, wie jedem sofort 
einleuchtet, die erwünschteste bestätigung der hier vertretenen ansieht 
über die ursprüngliche gestalt der nordischen Überlieferung. Es scheint 
aber, im interesse einer leichteren Übersicht und um zusammengehö- 
riges nicht zu trennen, besser die betrachtung der deutschen sage einst- 
weilen noch au&usparen. 

Aber in der Helreif) selber, so klein das denkmal ist, finden 
sich Widersprüche. In str. 11 s* * wird sehr auffallender weise die 

1) Zu meiner freudo ersah ich aus einer brieflichen mitteilung von dr. R. C. Boer, 
dass er zu derselben auffassung der Helr. gelangt ist 

2) Dagegen vormag ich in der oben (s. 10) besprochenen Ordnung der begeben- 
heiten in der Gripisspd, wie gesagt, nur ein misverständnis oder richtiger ein mecha- 
nisches nachschreiben der schlossstrophen von F4fh. zu erblicken. Jedenfals fehlt 
dem jungen Hede alle beweiskraft — Y^. auch das faeröische Brinhildlied str. 64 fgg, 
Heinzel Üb« die Hibi. s. 25. 



zwischen Sigur[) uod Brynhild nach Heimire Wohnort ver- 
's föstre minn ftetjom si^rpe. Heünir, den älteren quellen 
fremd, ist in der Gripisspä und der Vfjlsimgasaga Brynbilds pflege- 
Vater iind, wie algemein anerkant, ein später auswucbs der sage. Nach 
etrophe 7 * wird Brynhildr l Hlyjndqlovi erzogen; Hlymdalir aber ist 
nach der Vijlanngasaga (vgl. auchSn. E. I, 370 ^ LandnÄma, Viabsettir: 
Isl. SS. 1843, I, 324 fg,) Heimirs wohnsitz, und auch dem dichter 
der Helr. muss diese auffassung geläufig gewesen sein. Es stimmen 
demnach die halbstrophe 7 und str, 11 in ihrer sagenform überein, 
nnd schon dieser umstand hätte Golther' von der athetese der halb- 
etrophe 7 abhalten sollen. Aber auch in str. 6 spielte wol Heimir 
«ioe rolle. Ich habe in dieser ztschr. XVllI, HO fg. eine Vermutung 
ut%e6teU über die stark verderbt«, im N|), in sehr abweichender ge- 
ttalt überlieferte atrophe, die ich in der hauptsache auch jezt noch 
aufrecht erhalte, Brynhildr scheint auch in ihr auf ihre erziehung in 
Heünirs hause hingedeutet zu haben. Mit dieser auüassung würde 
aa<^ für die von Grundtvig ausgeschiedene str. 6 die Zusammengehö- 
rigkeit mit str. 11 erwiesen werden. Es bleibt nur die annähme, daas 
liede eine sehr alte und ursprüngliche sagenfassung mit 
einer jüngeren Vorstellung verquickt ist. Mit der einzig der alten sage 
entsprechenden Anschauung, welcher der flammenritt als die bedingung 
galt, deren erfüUung den tmer zur Brj'nhiid dringen lässt, ist natür- 
lich die rolle eines die Jungfrau hütenden pflegevaters unvereinbar, 
«omit die diirchreitung des feuerwalls zum kinderspiel herabsinkt. Die 
Helmut mag immerhin in ihrer auf uns gekommenen fassung ein jun- 
lied sein, wie auch die einführung Heimirs andeutet; dies braucht 
nicht anszuGcb Hessen, dass ihr ältere lieder vorgelegen oder alte Über- 
lieferungen zu geböte gestanden haben können, und uns nicht irre zu 
in der Überzeugung, dass die in ihr auftretende form des ver- 
zwiscben SigurJ)r imd Brynhildr nicht weniger ursprünglich 
ist lüs irgend eine andere in den nordischen quellen vorkommende. 

Die übrigen heldenlieder der Edda haben zwar für unsere frage 
verhältnismassig nur untergeordnete bedeutung. Doch sind einige anga- 
ben derselben nicht ohne wert. Das in betracht kommende soll hier 
in kürze geprüft werden. 

Die eingangsstrophen der Sigurl»arkvipa en skamma (str. 1 — 5) 
sind mehrfach dem ursprünglichen gedichte abgesprochen worden 



1) Was Golthur Studiei 
Blymdalir vorbringt, ist in l 



3 fg. für den mythischen iiraprung des i 
weise überZBUgand. 



24 SIJMONS 

(8. Beitr. 3, 260. Edzardi Germ. 23, 174 fg.). Sicher ist, dass diesel- 
ben, mögen sie nun dem alten dichter oder einem bearbeiter zufallen, 
eingehende beachtung verdienen. Wenn es zu anfang heisst: 

Ar vas pats Sigvqrpr sötte Ojüha, 

Vqlsungr wige, es veget hafpe, 
so lässt sich diese angäbe wol nur unter der Voraussetzung verstehen, 
dass Sigur[)r an Ojükis hof gelangt unmittelbar nach dem drachen- 
kampfe (es veget hafpe). Also die Voraussetzung von F&fh. 40 %. und 
der HelreiJ)! Der jimge held schliesst blutbrüderschaft; mit Gunnarr 
und HQgni (1*~^), vermählt sich mit Guprdn (so ist 2^-* doch not- 
wendig zu verstehen), verweilt bei Gjüki lange zeit in fireude und 
freundschaft {2^-^): diese reihenfolge entspricht dem c. 26 der Vqls- 
ungasaga. Dann die Werbung um Brynhildr str. 3: 

Uhx Brynhildar bipja föro, 

svdt peim Sigvqrpr reip i sinne; 

Vqlsungr unge, ok vega kunne, 

hann [1. hana?] of dtte, ef eiga kruktte. 
Mit Bugge Fomkv. 248* u. a. verstehe ich vega als inf. praes. Zwar 
hat Bugge in den nachtragen seiner ausgäbe s. 419 mit rücksicht auf 
die stelle der {»idrekssaga c. 226, wo Sigurd zu Gunnarr sagt, dass er 
alle wege (aUar leipir) zur Brynhild kenne (ünger s. 208*®), der schon 
von Grimm angedeuteten auffassung von vega als acc. plur. den Vor- 
zug erteilt, aber sein grund ist nicht stichhaltig. Eddastellen aus der 
niederdeutschen Überlieferung* zu deuten, geht nicht an, und der Vijls- 
ungasaga ist dieser zug fremd: c, 26 (Bugge 144**). Der relativische 
gebrauch von ok ist aus anderen Eddastellen bekant (Gering Gloss. 123^): 
den altgermanischen sprachen ist diese eigentümlichkeit, ein rest älte- 
rer parataxis, überhaupt nicht verwehrt, und mhd. beispiele sind jedem 
zur band*. Die alte Übersetzung der Eopenhagener „qui pugnaie 
sciebat^ trift demnach den richtigen sinn der stelle. Eine frühere 
bekantschaft Sigur{>s mit Brynhild, bevor er in Gunnars gestalt zu ihr 
komt, braucht aus ihr nicht gefolgert zu werden, und darf es nicht, 
weil str. 1 dieser anschauung widerspricht Auch der allerdings dunk- 
len Schlusszeile: hann [l,hana?] of cette [düe F. Jönsson gegen die hs.], 

1) Dass der betreffende abschnitt der I^s. deutscher überliefenmg entstamt, 
ergibt sich aus der übereinstiinmung mit Nib. 367, 3: die rehten waoMersträxe sini 
mir wol bekant. Wie Bugge auch Zupitza Ztschr. f. d. ph. IV, 446, ich selber 
Beitr. 3, 259 und neuerdings F. Jönsson Eddal. 2, 128. Heinzel Nibs. 25 entsohei- 
det sieh nicht 

2) Aus ags. pioM gibt Kfln XldL BBdr. 2, 907 beiqpiele. 



81GFBID UND BBUNHILD. I 25 

ef eiga kncßtte, lässt sich wol nur bei dieser annähme ein sinn abge- 
winnen. „Er hätte sie (zur ehe) gehabt, wenn er sie hätte haben dür- 
fen^, mit andern werten das Schicksal verweigert ihm die braut, die es 
ihm doch bestirnt hat imd die seiner hart Str. 4 schildert dann das 
keusche beilager, in Übereinstimmung mit Helr. 12. Brot 18 fg., vgl. 
auch Sig. sk. 28. Vs. c. 27 (B. 146 « fgg.). 

Einer sonderbaren version begegnen wir im hauptteil desselben 
liedes (Sig. sk. 34— 41)i. Die Vs. c. 29 (Bugge 150 ^ fgg.) und c. 31 
(Bugge 160 ® fgg.) berichten auf grund dieser Strophen wesentlich das- 
selbe; über das quellenverhältnis hat man verschieden geurteilt (Bugge 
Foinkv. 253. Hüdebrand Edda 227 fg. Verf. Beitr. 3, 284 fg. Edzardi 
Genn. 23, 176 fg.). Es müssen mit Hildebrand und Edzardi str. 36 — 
38 als einschub aus einem anderen liede erklärt werden; sie wider- 
sprechen dem schon vorher gesagten und der aufiassung der sage in 
unserem gedichte. In str. 34. 35 berichtet Brynhildr dem Gunnarr 
von ihrem unbesorgten, freien leben in ihres bruders hause (34*""®) 
und ihrem entschlusse, unvermählt zu bleiben (N^ vildak pat at mik 
verr diie). Als aber die Gjukunge zu ihr geritten kommen, prir d 
hesiom fjöpkonungar, da (str. 39 Bugge = 36 Hildebrand) gelobt sie 
sich dem volkskönige, der mit dem golde auf Granis rücken sizt, d. h. 
dem töter Fäfnirs. Nicht das gold lockt sie, sondern an Fä&irs gold 
glaubt sie den ihr bestimten bräutigam zu erkennen, der durch die 
erschlagung des drachen sich als furchtlos erwiesen hat und ihrem 
eide somit genügt (vgl. Helr. 9). Dass Sigurpr der erlöser ist, dafür 
scheinen ihr auch seine strahlenden äugen und sein aussehen über- 
haupt zu zeugen (39*""® Bugge = 36 *~® Hildebrand, vgl. Vs. c. 29: 
Bugge 152 **). Es kann meines erachtens gar nicht die rede davon 
sein, den überlieferten Zusammenhang von str. 35 imd 39 (36) zu zer- 
stören. Ja, wenn in der Überlieferung die str. 36 — 38 dazwischen 
standen, so müste die trennung beseitigt werden. Man lese die beiden 
Strophen nur im zusammenhange: 

35 N^ vildak pat at mik verr oftie, 
<Spr Ojükungar at garpe ripo, 
prir d hestom pjöpkonungar, 
en peira fqr pQrfge vcere. 

1) Nach Bugge. In R ist die reihenfolge der Strophen 34. 35. 39. 36 — 38. 
^ ^, und m HUdebrands ausgäbe ist dieselbe mit recht wider zu ehren gekommen. 
*• UoflBOD sohliesst sich Bugge an. Meine bemerkung Beitr. 3, 285 anm. 3 nehme 
^ «k surfiok: s. Edzardi Germ. 23, 187 fg. 



26 8UM0N8 

39 pevm hdtomk ßä fjöpkonunge (36) 

es mep goUe sat d Orana bögom; 

vascU kann i augo ypt' of glikr, 

n4 d enge hlut dt dlitom. 

[p6 pykkesk 6r pjöphonungarj 
Diese version lässt sich mit derjenigen, welche die soeben besproche- 
nen eingangsstrophen der Sig. sk. voraussetzen, wol vereinigen. Yon 
einer früheren Verlobung ist keine rede. Sigur|)r erwirbt Brynhildr 
für Gunnarr, während sie in ihm den ihr bestirnten eriöser zu erken- 
nen glaubt Aber die alte fassung ist schon verdunkelt, wenn Bryn- 
hildr bei ihrem bruder Atli (d fiele bröpor 34®) erzogen wird und 
unvermählt bleiben will (35^). Dass der fiammenritt fehlt, wird nur 
dem einschub von str. 36 — 38 zuzuschreiben sein, wodurch ältere Stro- 
phen verdrängt wurden. In dem liede, das der Verfasser der Vijlsunga- 
saga für sein c. 27 benuzte, und das wesentlich auf derselben stufe 
der sagenentwickelung stand als die Sig. sk., wurde das durchreiten 
des vafrlogi mit grosser lebhaftigkeit geschildert Auch dieses in 
Ys. c. 27 paraphrasierte lied sezte keine frühere bekantschaft zwischen 
Sigurpr und Brynhildr voraus, wie sich namentlich aus der erzäh- 
lung vom Wechsel der ringe (Bugge 146^^ fgg.) klar ergibt (Beitr. 3, 
279 fgg.). 

Ganz andere sagenaufEEissung atmen die eingeschobenen Strophen 
36 — 38 des kurzen Sigurpliedes. Ihnen zufolge erzwingt Atli die Ver- 
mählung von seiner Schwester, um sich vor den angriffen der Gjuk- 
unge und Sigurps zu schützen. AtUs bürg wird bestürmt Er sucht 
Brynhildr zur freiwilligen Vermählung zu bestimmen, indem er andem- 
fals ihr das erbe zu entziehen droht Sie ist schwankend, was sie tun 
soll: nachgeben^ oder kämpfen. Schliesslich wählt sie die Vermählung, 
durch Sigur{)s schätz geblendet Wesentlich dieselbe aufEassung finden 
wir in Oddrünargrätr 17 fgg. Auch nach QxipT. I, 25 fg. wird dem 
Atli die schuld alles unheils zugeschrieben; die stelle ist aber dunkel 
und bleibt besser aus dem spiele. Es setzen also die Interpolation der 
Sig. sk. und Oddr. eine gewaltsame erwerbung der Brynhildr voraus. 
NaraentUch Oddr. 17 fg. deutet mit gröster bestimtheit auf kämpfe bei 
Brynhilds erlösung oder bezwingung. Sie sizt stickend im gemache 
(vgl. Vs. c. 24: Bugge 136 ^^ fgg.). Da, heisst es, erdröhnte {düsape, 

1) vega 37" ist jedenfals verderbt: Rask schlug vagja vor, was Gnmdtvig 
aofhahm (dagegen Bugge s. 421), F. Jönsson ändert ansprechend ver eiga. Eben die 
von Bugge hervorgehobene häufigkeit der Verbindung von vega und ro/ feUa erklärt 
die corruptel. 



SIGFBID UKD BBUNHIL]}. I 27 

s. Bugge Fornkv. 427** fg.) himmel und erde, als der töter FäMts die 
bmg erblicktei Und weiter: 

pd vas vig veget vqlsko sverpe, 
ok borg broten, süs Brynhildr ätte. 
Von einer „anspielung auf den vafrlogi'', die Golther Studien s. 55 im 
anschluss an Bugge u. a. in^l?*-^ findet, steht nichts da. Das 
erdröhnen von himmel und erde ist epischer ausdruck für die gewalt 
des angriffes, wie ähnlich alle berge erzittern beim herannahen förs 
Lok. 55^, wie die erde erbebt, als Öpin zu Hels hause reitet Bdr. 3* 
und Skimir sich Gymirs gehöften naht Skm. 14*. Vielmehr ist in der 
Version, der wir in Oddr. 17 fg., Sig. sk. 36 — 38 (Vs. c. 29: Bugge 
150* %g.; c. 31: Bugge 160« fgg.), vielleicht auch in Gupr. I, 25 fg., 
begegnen, der flammenritt durch kämpfe ersezt. Denselben zug kent 
Pis. a 168 in anderer Verwendung, nämlich kämpfe, welche Sigurpr 
in Brynhilds bürg bei der erkiesung Granis zu bestehen hat, während 
bei der Werbung um Brynhild für Gunnar c. 227 weder flammenritt 
noch kämpf eine rolle spielen. Mit Golther Studien s. 55 fgg. Germ. 
34, 267. 274 fgg. ist c. 168 als eine erfindung des Überarbeiters der 
Ps. zu betrachten; die kämpfe mit den Wächtern gehörten ursprüng- 
lich zur Werbung und sind von ihm in falschen Zusammenhang ge- 
bracht Auch dem Verfasser dieses capitels war also eine Überlieferung 
bekant, die die Werbung der Brynhild nicht mit dem flammenritt, 
sondern mit kämpfen verknüpfte. Dass er dabei nordischer sage folgte, 
ist wahrscheinlich, muss aber einstweilen dahingestelt bleiben. — End- 
lich findet sich auch in dem faeröischen liede von Brinhild str. 77 fgg. 
(Hammershaimb s. 23) bei der erwerbung Brinhilds, mit dem flammen- 
ritt verbunden, die spur von kämpfen. Wenn hier Sjürdur mit seinem 
Schwerte die heygsdyr erbricht, so kann direkte beeinflussung des 
berichtes der Ps. vorliegen, welche dem Schlüsse des liedes ja unstrei- 
tig zu gründe liegt (Golther Studien s. 57. Ztschr. für vgl. litteratur- 
gesch. n. f. 2, 279 fgg), während der daneben behaltene flammenritt 
nordischer Überlieferung, speciell der Vglsungasaga, entstamt. 

Die nordische sagenfassung, die Brynhilds Werbung mit anwen- 
dung von gewalt voraussezt, ist als eine jüngere Umgestaltung leicht 
kentlich. Sie hat den flammenritt durch kämpfe ersezt: nur Vs. c. 29 
(B'igge 150 15 fg.) ist beides durch contamination des sagaschreibers 
verbunden. Fäfiiirs gold ist nicht mehr, wie in der älteren sage, das 
Dierkmal des erwarteten erlösers, sondern das lockmittel, das die jung- 
fawi gefügig macht (Sig sk. 38. Gut)r. I, 26; vgl. Germ. 23, 177). 
Atli erzwingt ihre Vermählung, er ist gewissermassen an die stelle des 



28 fajMONs 

erzürnten gottes getreten. Nimmermehr darf man daher in dieser 
sagengestalt mit Golther (Studien s. 58) ^einen älteren stand der nor- 
dischen sage^ mutmassen, wo vielmehr alles auf eine verflachung und 
Verwischung des alten mythus deutet. 

3. 

Es erübrigt, die resultate der vorstehenden untersuchimgen über 
die formen, in denen das Verhältnis Sigfrids zu Brunhild in den nor- 
dischen quellen für die Nibelungensage erscheint, kurz zusammenzu- 
fassen. 

1. Der eigenname Sigrdrifa^ den der samler der Eddalieder für 
die von Sigur|)r aus dem zauberschlafe erweckte valkyrie verwendeti 
findet seinen Ursprung in misverständlicher aufEassung von Fäfii. 44^, 
wo sigrdrifa eine appellativische bezeichnung (kenning) für Brjmhildr 
ist (oben s. 15 fgg.). 

2. In keinem der Eddalieder, mit einziger ausnähme der OrfpisspA, 
kommen zwei valkyrien neben einander vor oder findet sich eine deut- 
liche beziehung, aus welcher sich entnehmen Hesse, dass sie die auf 
HindarQall schlafende Jungfrau, welche Sigur{)r erweckt, als ein von 
Brynhildr Bupladöttir, welche Sigurpr für Gunnarr erwirbt, verschie- 
denes wesen aufgefasst haben. 

3. Die aufstellung der schlafenden Jungfrau auf dem berge als 
einer besonderen, von Brynhildr verschiedenen figur, rührt ver- 
mutlich vom dichter der Orlpisspä her, in der wir den ersten uns 
bekanten versuch erblicken dürfen, aus dem nebeneinander der ver- 
schiedenen sagenformen, in denen Sigur{)s Schicksale der nordischen 
dichtung geläufig waren, ein biographisches nacheinander herzustellen 
(oben s. 9 fgg.). — Der samler der Eddalieder (resp. der verfiASser 
der „Sigur{)arsaga^) ist auf diesem wege weiter gegangen, indem er 
der in Grlpisspä noch namenlosen valkyrie den misverständlich erschlos- 
senen namen Sigrdrifa erteilt (s. 6 fg.). Der Überarbeiter der 
Snorra Edda, welcher eine valkyrie Hildr, auch Brynhildr genant, 
von Brynhildr Bu{)lad6ttir unterscheidet, bietet in seiner unter dem 
einflusse der liedersamlung stehenden erzählung eine zwar geschickt 
angefertigte, aber eigenmächtige combination ohne selbständigen Sagen- 
geschichtlichen wert (s. 7 %g.). Der Verfasser der Y^lsungasaga end- 
lich beseitigt zwar die doppelbenennung widerum, unterlässt es aber, 
die aus diesem schritte sich ergebenden consequenzen zu ziehen und 
gelangt somit m einer doppelten Verlobung Sigui^ und Brynhildt, 
bevor jner lüdi. m ^ "^«ht (a^ 4 %g.). 



BtOPBlD ÜNt) B&tmmLD. t 29 

Ich möchte an dieser stelle dem einwände begegnen, den Heinzel 
in der oben s. 11 angeführten schrift (über die Nibs. s. 27) gegen die 
hier begründete auffassimg des entwickelungsganges erhebt Heinzel 
meint, es sei von vornherein wahrscheinlich, dass die sagenform, welche 
zwei valkyrien unterscheide, das ältere bewahrt habe, „da allerdings, 
sobald die sage zu biographischer behandlung vorschritt, sich eine 
ästhetische veranlassung ergab, aus den zwei walküren eine zu machen, 
d. i. die in der lebensgeschichte Siegfrieds ganz isolierte Sigrdrifa mit 
Brynhildr zu verschmelzen, nicht aber aus der einen Brynhildr, wenn 
dies das ursprüngliche ist, zwei walküren zu machen^. Ich glaube 
zunächst, dass diese argumentation des ausgezeichneten forschers das 
gegenseitige Verhältnis und den dadurch bedingten wert unserer quel- 
len nicht genügend berücksichtigt Ferner betone ich den wesentUchen 
unteischied zwischen der von Heinzel vorausgesezten und abgelehnten 
annähme, dass die doppelheit der valkyrien durch bewuste Spaltung 
6iner ursprünglichen figur entstanden sei, und der meinigen, dass sie 
auf Vereinigung abweichender sagenformen zu biographischer darstel- 
lung beruhe. Vor allem aber, welche „ästhetische veranlassung" konte 
für die alte sage und dichtung vorhanden sein, ihrem lieblinge eine 
tat beizulegen, die für sein ferneres Schicksal jeglicher bedeutung ent- 
behrte und somit keinem einzigen poetischen zwecke entsprach? Lässt 
es sich der alten sage wol zutrauen, dass sie Sigrdrifa bloss dazu ein- 
geführt haben solte, um sie nach ihrem erwachen spurlos verschwinden 
zu lassen (vgl oben s. 9. 19 und Literaturbl. für germ. und rom. phil. 
1890, sp, 217)? 

4. Die älteren Eddalieder kennen zwei hauptformen des Ver- 
hältnisses zwischen Sigurpr und Brynhildr. Beiden gemeinsam ist der 
name der valkyrie Brynhildr oder Hildr (Heb:. 7 », vgl Sn, E. I, 360 1») \ 

1) Es ist bekanÜich germ. und iveiterhin idg. brauch, statt des zusammen- 
gesezten eigexmamens nur das eine der beiden glieder zu setzen. Die kürzung 
geschah zwar in den meisten fällen durch weglassung des zweiten gliedes, aber 
auch das erste glied wird zuweilen gespart. Es ist Hildr also blosser kurzname für 
Brynhildr, wie Bera = Kosthera Atlm. 34 '. 53 ^ vgl. pjöfr = Frip^öfr Fas. 11, 
91 tfsg, [Brogmanu Orundriss ü, 1, 33 führt aus Jord. Get. c. 54 an Vtdfus = 
Bmt'ftlfiis, aber nach Mommsens kritischem apparat (Mon. Germ. Auct. antiq. V, 1, 
130) ist uuulfo verlesen aus umäfo in den handschriften der zweiten klasse = hun- 
uifo AI 

Sme HUdr Bußladöttir kent die Asmundarsaga kappabana (Fas. ü, 463 fgg.). 
dflr HgilBsaga ok Äsmundar (Fas. m, 365 fgg.) hat könig Hertryggr von Russ- 
xwei tÖciiiar, die beide Hüdr heissen. Dio ältere var kqlluß Brynhildr; kom 
fti M f^^t ^ ^^>f^ vandix viß riddara ißröttir. Die jüngere nam Jiannyrfir ok 



30 fiUMONS 

ihre erlösung durch und ihre liebe zu Sigar{)r, sowie zauberschlaf und 
flammenritt, die in der alten sage tatsächlich unzertrenlich zusammen- 
gehörten. Die wichtige abweichung zwischen beiden hauptformen aber 
ist diese: 

a) Sigurjfv erweckt die schlafende valkyrie durch den flammen- 
ritt und verlobt sich mit ihr [Sigrdrifum<^l, ergänzt durch die para- 
phrase der Yqlsungasaga c. 21 (oben s. 18 fgg.)]* 

b) Sigur|)r erweckt die ihm bestimte schlafende valkyrie durch 
den flammenritt, erwirbt sie aber nicht für sich, sondern für Ounnarr, 
dessen Schwester er geheiratet hat Der tragische conflict entsteht 
nicht durch Sigurt)s treulosigkeit, sondern durch den betrug bei der 
er Werbung [HelreiJ) Brynhildar (s. 20 fgg.)) das lied, von welchem die 
Vs. a 27 zwei Strophen bewahrt (s. 26); vorausgesezt wird diese sag^- 
form in F&fhism(Jl 40 — 44 (s. 12 fgg.)^ und vermutlich auch in Slgur^ 
arkvi{)a sk. 1 — 4. 34 fg. 39 fg. (s. 23 fgg.)]. 

5. Diesen beiden hauptformen treten in den Eddaliedern spuren 
von zwei nebenformen zur seite, deren kenzeichnende eigentümlich- 
keiten folgende sind: 

c) Brynhildr wird bei ihrem bruder AÜi [in Sig. sk. 34 mit b 
verbunden (s. 26); die Vs. c. 31 (Bugge 160®) hat Atli durch Brjm- 
hilds vater ersezt] oder bei ihrem schwager Heimir erzogen [in Helr. 
mit b verbunden (s. 22 fg.); selbständig erscheint diese fassung in dem 
Vs. c. 23. 24 zu gründe liegenden liede]. 

Dass in dieser sagenform jüngere speciell skandinavische Umbil- 
dung vorliegt, bedarf keines be weises. Ist doch das verwantschaftliche 
Verhältnis zwischen Brynhildr und Atli, der Guprün zur sühne als fraa 
erhält, ein wenig glücklicher versuch der nordischen sage, zwischen 
der Sigfridssage und der Burgundensage ein bindeglied herzustellen* 
Als das Verständnis für die alte mythische sage verblasste, &nd deir 
norden in Atlis oder Heimirs pflege eine neue form für Brynhildr 
geschichte, die weiter ausser betracht bleiben kann. Erst für den ver-— 



sat i skemtnUf ok var lion Bekkhildr kqllup. Vermutlich eine leminiscenz dl 
Vs. c. 23 (Bugge 135*'-~): vgl. Golther Studien s. 12 fg. 

1) Wenn, wie oben angenommen wurde (s. 12. 18), die fomyr}>i8lag » stroph u,^ 
der Sgrdr. demselben licde angehörten , wie Fafn. 40 fgg. , so muss mindestens Sgrdr. S.- 
bei der Verbindung der fomyr{)islag- und lj6{)ahattr- Strophen eine Umgestaltung' 
erfahren haben. In der sagenform h nante der erlöser sich nicht Sigar{)r (Sgrdr. 1 '* ^^ 
sondern Gunnarr (wie Vs. c. 27: Bugge 145*®). Die jetzige fassung von Sgrdr. 1 is^ 
in Übereinstimmung mit der in den ]j6{>ahattr-sti'ophon der Sgrdr. herschenden sageo-^ 
form a. 



8I0FRU) UND BRÜNHILD. I 31 

fiiaser der Y^lsunga-Bagnarssaga (vgl. Beitr. 3, 199 fgg. Heinzel Nibs. 
4 anm.) wurde Heiiuir eine bedeutungsvolle Persönlichkeit, da ihm 
iislaug zur erziehung übergeben wird. 

d) Brynhildr wird von Atli (dafür: Bu})li Vs.) zur Vermählung 
bestirnt und durch anwendung von gewalt erworben [die interpolation 
der Sig. st 36 — 38; Oddrünargr&tr 17 fg.; Gu|)rtinarkvi|)a I, 25 %. (?) — 
vgl. Vs. c. 29. 31 (oben s. 26 fgg.)]. 

Inwieweit diese form einer erneuten beeinflussung der nordischen 
sage durch die deutsche zu verdanken ist, mag einstweilen dahingestelt 
bleiben. 

6. Die älteste uns bekante biographische darstellung von Sigur{)s 
sddcksalen in der Orfpisspä beruht nachweislich auf einer reihe von 
liedem, die dem dichter in einer ähnlichen pseudo- chronologischen 
folge vorlagen, wie die durch Y^lsungasaga ergänzte liedersamlung sie 
aufweist (oben s. 9 und dazu Edzardi Germ. 23, 325 fg.). Er fand 
also in seinen quellen hintereinander vor die sagenformen a (Sgrdr.), 
€ (das durch die lücke in E verlorene lied von Sigurps besuch bei 
Heimir « Vs. c. 23. 24), b (das gleichfals bis auf zwei Strophen ver- 
lorene lied von der erwerbung Brynhilds durch SigurJ) für Gunnarr =» 
Vs. c. 27). Diese drei abweichenden sagenformen für ein und dasselbe 
actum verarbeitete er zu einer chronologischen aufeinanderfolge von 
drei verschiedenen begebenheiten, indem er gleichzeitig die 6ine figur 
der valkyrie in zwei spaltete (s. unter 3). Das misliche einer doppel- 
ten vorverlobung (auf dem berge und bei Heimir) konte ihm natür- 
lich nicht entgehen: diese wunderliche erzählung blieb dem Verfasser 
der VQlsungasaga vorbehalten (Beitr. 3, 262). Der Verfasser der Grlp- 
isspÄ vereinigt die drei sagenformen in der weise, dass er Sigur^^s 
Verhältnis zu der bei ihm namenlosen erweckten Jungfrau auf dem berge 
auf belehrung beschränkt, die begegnung bei Heimir aber als eine vor- 
v^erlobung aufTasst, so dass der held, um Brynhild für Gunnarr erwer- 
l>eii zu können, erst vergessen muss, dass er ihr eide geleistet hat 
Öi^sem zwecke dient der betrug der Grlmhild (str. 33): der vergessen- 
lieitstrank wird freilich nicht geradezu erwähnt und kann also auch 
^rst vom Verfasser der Vqlsungasaga nach anderen zaubertränken, von 
^eichen die sage berichtet (Golther Studien s. 60), eingeführt sein, 
^etm nicht alles täuscht, trägt der dichter der Grfpisspä die schuld 
^ der bedenklichen Verwirrung, welche nicht nur die jüngeren skan- 
^navischen prosabearbeitungen, sondern auch die heutzutage geläufigen 
^bzzen der nordischen form der Nibelungensage entstelt Die Spaltung 
der valkyrie in Sigrdrifa- Brynhildr ist dabei nicht das schlimste: da 



32 SIJMOMS, StOVBtl) UND fiftÜMfiaD. t 

sie ergebnislos blieb und den verlauf der sage nicht weiter berührt, 
so ist sie harmlos in vergleich mit der weit wesentlicheren neudichtung 
einer früheren Verlobung. Denn diese tastet den ethischen gehalt der 
sage an. Die reinste und edelste heldengestalt, welche die germanische 
Phantasie erschaffen, erniedrigt sie zu der rolle des treulosen liebhabers, 
oder sie lässt ihn, unter dem verhängnisvoUen banne eines minne- 
tranks, zum willenlosen Werkzeuge herabsinken, dem unsere mensch- 
liche Sympathie versagt bleiben muss. Wie sehr auch die erhabene 
gestalt der Brynhild an tragischer grosse verliert, wenn sie den beiden 
kent, der sich für Gunnarr ausgibt, ihm sogar ewige treue geschworen 
hat, bedarf keiner ausführung. In diesem punkte schliesse ich mich 
ganz den erörterungen Golthers an (Studien s. 64 fg.). Durch die 
annähme einer früheren Verlobung wird aus dem grossartigen drama, 
welches die gigantische macht des Schicksals verkörpert, ein schwäch- 
liches intriguenstück. Nur zeihe man nicht die alte nordische sage 
einer entstellung, die erst dem Ungeschick und der verständnislosigkeit 
eines späten dichters zur last fält. Die beiden alten formen der nor- 
dischen sage {a und b) spiegeln vielmehr die ursprüngliche fränkische 
sage im wesentlichen getreu und unverfälscht wider. Zu ihrer recon- 
struktion bedarf es zunächst einer prüfung der deutschen sagengestalt 
in ihren verschiedenen traditionen, sowie einiger quellen, welche die 
als a bezeichnete form der nordischen sage in anderem zusammenhange 
überliefern. Diese nebst den sich ergebenden folgerungen bleibt einenk 
zweiten artikel vorbehalten. 

QRONINOEN, WEmNACHTEN 1890. B. SUMONS. 



ÜBEE DIE „NEUTEALEN ENGEL" BEI WOLFRAM Vö 



ESCHENBACH UND BEI DANTE 

Der gralmythus hat bei Wolfram bekantlich folgende von 
übrigen grallegenden abweichende gestalt. Der gral ist ein kostbare:^ 
stein — etwa in der form der patene — , welcher sich in der hu ^ 
jener engel befand, die einst im kämpfe Lucifers gegen gott sich indif^ 
ferent verhielten: 

Parz. 471, 15 di newederhalp gestiumden, 

dö sirtten begunden 
L/udfer und Trinitas, 
stpox der selben engel tiHis, 



die edelen unt die werden 
muosen üf die erden 
xuo demselben steine, 
der stein 'ist immer reine, 
ick enweix, op got üf si verkäs, 
ode ob ers fürbax- verlos, 
was dax sin reht. er nam se wider. 
1 bezug auf die strafe korrigiert sich iler dichter, indem erTre- 
: an einer späteren ßtelle (798, 6 fg.) sagen lasat, die neutralen 
ongel seien ewig verloren. 

Man mag, um sich die entstehung dieses gralmythus zu erklären, 
äneiseits an die erzählung im „Wartburgkrieg" denken, wonach der 
gial ein aus Lucifers kröne gebrochener edelstein ist, andererseits 
■anehmen, dass Wolframs Gewährsmanii Kyot eine jUdisch-mobam- 
IQAdaaittche sage von einem heiligen stein als Unterpfand alles glUckes 
bvnQzte — die frage nach den „neutralen engeln" ist damit nicht erledigt 
Redet doch auch Dante davon, wenn er Inferno 3, 37 fg. sagt: 
Vi'nniseht sind sie mit jenem feigen diore 
Der enget, welche nicht empörer icareti, 
Noch goit getreu, für sich gesondeii bleibend. 
& versezt sie in eine art vorhöUe und geselt sie der verächtlichen 
*diir jener bei, die einer fahno im ewigen kreislauf nacheilen müssen: 
Nicht sei?ten glafix zu trüben, stiesa der himmel 
Sie aus, noch nimt sie auf die tiefe höUe, 
Weil Sünder stoli auf sie doch blicken könten. 
Eä liegt nahe, in der alten theologie nach dieser anschaumig zu forschen. 
Die Scholastik des mittelalters vei-tritt die lelire, dass der stolz 
•ü« Ursache vom stunie Lucifers und seines anhangB gewesen sei (Tho- 
"••» Aquin. summ. th. 1' qu. 63, 2)\ dieser stolz aber begründete nach 
Kholastisclier auffassung eine begehuiigssünde , prccatum commissionis, 
setlosa daher jede blosse Unterlassung, pura omissio, jede sogenante 
leutralität von vornherein aus. Also konte von „indifferenten engeln" 
"II sinne Woltrams und Dantes nicht die rede sein. 

Lidessen findet sieh doch bei einem jüngeren hauptvertreter der 
«iholastik, bei Suarez, eine erwähnung von indifferenten engeln, frei- 
M in ablehnendem sinne. Es hatten nandich einige tJieologen — wie 
HervaeuB, Cajetanns, Ferrara, Aegidius und Bussulis — eine abwei- 
*«nde erkJärung von Luciters Bünde versucht und waren dadurch 
(^nötigt worden, diese als ein peccatitm oniissionis, als nnterJassungs- 

. DBDTSCUE PHILOLOI»!. BD. XXIV, 3 



d4 i. ssxßKk 

Sünde zu fiASsen (Suarez, tom. 2 de angelis, 1. 7 c. 10, n. 16). Gegen 
diese wante sich nun Suarez und erklärte (ebd. c. 18 n. 24): nuUus 
angelorum fuit quasi indifferens, sed omnes fuerunt aut boni atU 
malt; und n. 25: quod autem in illo initio secundae morae nulhis 
fuerit quasi indifferens, probari potesi, iumi quia praeceptum Dei pro 
illo momento urgebat, et iia non statim obedire esset resistere et pec- 
care, quod non per omissionem puram, sed per superbiam factum est. 

Die lezte bemerkung richtet sich auch gegen Bonaventura (in 
2. dist 5. a. 2. qu. 2), der behauptet hatte, die von Lucifer verführten 
engel ^audientes Ludferum (ems suasionem) potuerunt non statim 
ilU consentire, sed prius drca sibi proposita recogitare et postea cofi- 
seniire^. 

Daraus ergibt sich, dass die Scholastik der ansieht von neutralen 
engein durchaus nicht günstig war, die oben berührte controverse aber 
immerhin für Dante, den theologen unter den dichtem, gelegenheit 
bot, den „Neutralen*^ im Inferno einen platz anzuweisen. Gilt dies 
auch von Kyot- Wolfram? 

Mir scheint die (Parz. 471, 15 fg.) eigentümliche strafe und die 
— später widerrufene — rettung der indifferenten engel darauf hinzu- 
weisen, dass die theologischen anschauungen hiemit nichts zu tun hat- 
ten. Zwar stelte Origines die lehre auf, dass auch die dämonen einst 
gerettet werden; er zog aber den satz nach der reprobation desselben 
zurück, und seitdem sprechen die theologen einstimmig von der ewigen 
Verwerfung der gefallenen engel. Wir müssen uns also nach einer 
andern quelle für Wolframs darstellung umsehen. Diese meine ich ia 
der deutschen volkssage gefunden zu haben und folgere daraus^ 
dass der gralmythus, wie ihn der deutsche Parzival bietet, Wolfran»^ 
selbst und nicht seinem gewährsmann angehört Ich bringe folgend< 
belege bei. 

In Tirol besteht der glaube, „dass nicht alle engel, welche dei 

Lucifer anhingen und vom himmel gestürzt wurden, in die hölle kamen 

Viele, die sich nur hatten aufreden lassen und nicht eigentlicl 
böse waren, blieben im stürze an bergen und bäumen hängen un< 
wohnen noch jezt in hohlen räumen. Sie müssen bis zum jüngstei 
tage auf der erde bleiben^. (Zingerle, Sagen, märchen und gebräuch^^ 
Tirols, s. 39). Alpenburg erklärt (Mythen und sagen Tirols): ^ 
volkssage bringt die entstehung der zwerge mit dem falle der engel 
beziehung*', und teilt ähnliches über die „Pütze" mit 

Aus der Schweiz berichtet A. Lütolf (Sagen, brauche und legei 
den. Luzem 1865) spedell über die entstehung der ^enUeutohen* 



NSUTRALB ENOEt % 

Als Lucifer fiel, wurde ihm und seinem anhange von gott eine Mst 
gesezt, in der sie in der höUe ankommen selten. Da fielen die ein- 
stigen engel so dicht wie schneefiocken; aber nicht alle waren, da die 
frist verstrichen, schon in der hölle angelangt Die andern blieben 
zwischen himmel und erde hängen und wurden die „erdleutchen**. 

Daraus ist ersichtlich, wie die heidnische sage von den zwergen — 
oder, wenn wir uns an die klassifikation von Orimm und Wolf hal- 
ten, die sage von den döckalfar — noch bis heute im volke fortlebt, 
nur im christlichen gewande. Die vergleichung der Tiroler- und Schwei- 
zersage ergibt zugleich, dass man bemüht war, den christianisierten 
mythus nun auch aus der christlichen lehre zu entwickeln. Den an- 
knüpfongspunkt bot wie von selbst der fall der engel, namentlich die 
stellen Ephes. H: ^prmdpem potestatis aeris huius^ und I. Petr. V: 
^versarius vester diabolus, tamquam leo rugiens drcuit quaerens, 
queni devoret^, was Augustin (Sup. Genes. 1. 3, c. 10) in den satz 
zosammenfasst: „aeV caliginosus est quasi carcer daemonibus tisqtie 
ad tempus iudicii"'. 

Nun kann ich eine parallelstelle aus dem 14. Jahrhundert anfüh- 
len, die nach der einen seite den Übergang von den obigen volkssagen 
zu Wolframs auffassung bildet, nach der andern diese in engere bezie- 
hung zur theologie bringt. Die stelle findet sich in der chronik, welche 
Hans Sentlinger im auftrag seines herm Niklas dem Vintler auf Run- 
kelstein geschrieben und „einen teü gedichtet" hat (1394) ^ Er be- 
schreibt: 

1) Lucifers sünde: Bl. 4^, col. 2, z. 31 %.: 

Do tut um die geschrift chunt 

daz Lucifer ein halbew stunt 

in dem himel aldo toax 

in seiner schon ein Spiegel glax, 

sein hochvart in niht mer do liex, 

die in in die hell stiex 

und all sein volgdr 

in immer wemdew swar, 

2) Die neutralen engel: Bl. 4**, col. 1, z. 30 fg.: 

etleich engel taten schein 
dax si gedahten in irm mut, 
swer under in dax pest tut, 

1) Der peigamentcodex befindet sich im besitze des herm Friedrich v. Vintler 
"^Bruneck. 



da süU wir pei Ijeleiben. 

wer mag wnx, dann iistreiben? 

die selben tcam Zweifler. 

da von warn si unmer 

dem vil hoch gelobten got. 

da von si Uten groxeen spot. 
3) Ilire bestrafung: Bl. 4", col. 2, z. 1 fg.: 

Und do got dax. wort vol sprach, 

die enget man do vallen sah 

aux dem himmekeich 

all gemainleich. 

die mit Liuifer warn an der schar, 

die sah man mit im vaUcn gar. 

Mit im si verstoxzen sind, 

da von si sind der heÜ chtjid. 
Und auch die xweiflar 

die sint got vil untrtar, 

wan si ai?id verstoxxen 

mit andern ir» genoxxen 

von got ewicleich. 

ex reyent von dem himelreivh 

drei lag und drei nacht 

alx im got het gedacht 

Nicht wan tewfel her xe tat 

dilx war an jamerleicher val. 

si vielen in der )iell grünt, 

do in ward ach wid ice chunt 

immer in der hell gl&t . . . 
Die verse: ex regeni von dem kitnelreich usf. schliessen siot 
an die auBführung der Schweizersage an, t^odass man vidi schü 
darf, die „Deutraten engel" der chrooik seien direkt aus den en 
eben, norgen und putzen der volkssage entstanden; dasselbe sc 
mir umsumebr von den ^Neutralen" im Parzival zu gelten, weil 
ram noch zwei ursprünglichere züge des zwergmythus bewalirt bi 
Die Zwerge sind die hüter verborgener schätze; Im Pa 
haben diese engel den gnil, das kostbarste kleinod, zu hüten, wc 
allen menschen verborgen bleibt, ausser denen, die in geheininis 
weise dazu berufen werden. Die zwerge, erdleutchen, norgen 
worden gerettet, ebenso W(^fi?||9^,lB'Mltrale''. Später allerdings w 



roft dies der dichter, untl zwar in einer form und gedankenverbindung, 
■ die es wahrscheinlich macht, dass seine erste darstellung tadel und 
■Widerspruch gefanden haho (so auch Bartsch, Ausg. III, 178). Parz. 
|798, 6 lieisst es: durch abkitens lül haha Trevnzent gelogen. 



31ÄHIU8CH WEISSKIIiCIiE». 



BEITRÄGE AUS LUTHERS SCHRITTEN ZUM DEUTSCHEN 
WÖETEEBÜCHE. 

1. Mit lungen auswerfen. 
In der vorrede, welche Luther der ausgäbe seines Grossen kate- 
mus vom jähre 1530 beigab, redet er von nutz und frucht des 
I gSltlichen wertes, fragt dann „Und wir sollen solche — -^ frucht so 
I leichtfertigUch verachten — — ?" und fährt fort: „So soit man uns 
I doch — — mit hunden aushetzen und mit lungen auswerfen" 
*». (Luthers werke, Erl, ausg. bd. 21 s. 29). 
Was heisst „mit lungen auswerfen"? 

Die alte, nicht von Luther selbst abgefasste Übersetzung, welche 
der officiellen samlung der lutherischen bekentnisschriften, dem 
Wncordienbuch, aufnähme gefunden hat, sagt dafür nur: „'^'g'*' ^"^ 
— ^ qui cauibus etiam exagitaremur". Hat sie das wort 
lungen nicht vei-standen oder aus anderer Ursache wegge- 

Mir sind keine älteren deutungen des wortes oder erörterungen 
Über bekant>. Es mag dies damit zusammenhängen, dass ältere 
"*! wunderlicherweise auch noch neuere und heutige theologen unse- 
> katecbisraus, auch in gelehrten deutschen abhandlungen und büchern, 
_ *WiDiscb zu citieren, also wol auch nur in jener Übersetzung zu lesen 
J»flegen. 

Endlich neuestens, in der ausgäbe von Luthers werken für das 
•^nristliche haus, Braunschweig 18fl0 (bd. 3 s. 130), hat der bearbeiter 
''^« katechismus, W. Bornemann, die erklnrung vorsucht: „mit der 
*fHSt der lungen auswerfen, ausspeien". Ich selbst, damals über meine 
"öeinimg gefragt, wolle erklären: „einen verfolgen und hetzen mit 

[1) Das DeuUnhe Wörterbuch (VI, 1304), welchem ausser den boideu von Kost- 
''*) b«8{irocheiieQ stellen noch eine diitte, ebenfals aus Lutlier (HauBpORtille , feBtteU, 
I '*• G6^, beibringt, hat eino deutung nicht versucht Ited,] 




38 KÖSTUN 

einem geschrei, mit dem man sich die hingen ausschreite. Ein mit 
der spräche jener zeit vertrauter germanist, dem ich die sache vortrug, 
stimte mir bei. 

Seither aber ist ein ganz gleichartiger ausdruck aus einer andern 
Schrift Luthers an den tag gebracht worden, nämlich aus der schrift 
,,Dass diese werte, das ist mein leib, noch feststehen** vom jähre 1527, 
Erl. au6g. bd. 30 s. 33: 

„0 das wäre ein kühner held, den man solt' anspeien und mit 
lungen zum dorf auswerfen''. 

Mit dem beisatz „aus dem dorf* muste mir meine erklärung, die 
mir schon vorher seltsam schien, vollends unwahrscheinlich werden. 
Und hier haben wir nun eine alte Übersetzung in dem 1558 erschie- 
nenen, durch eine vorrede Melanchthons vom jähre 1556 eingeführten 
7. bände der Wittenberger lateinischen ausgäbe von Luthers werken. 
Sie übersezt (s. 384**), oflFenbar mit dem bestreben, genau zu sein: 
„Heros sane fortis et egregius, dignus qui foedatus ora vultumque sputu 
et pilis ex stercore equino confectis e pago ejiciatur*'. Ohne 
allen zweifei hat sie also unter den lungen dasjenige verstanden, was 
wir rossboUen oder pferdeäpfel nennen, und unstreitig passt dies vor- 
treflich in den Zusammenhang. Nicht zu verwundern ist dann auch, 
wenn der Übersetzer des katechismus die werte ebenso verstand, aber 
aus einem katechismus lieber wegliess. 

Wie selten aber „lungen*' zu dieser bedeutung gekommen sein? 
Mein herr koUege Sicvers, der die frage getreulich mit mir überlegte, 
wies mir den weg, den ich unter seiner Zustimmung auch noch andern 
fachmännem hier zur envägung vorlegen möchte. Man vergleiche dazu 
namentlich die angaben im Grimmschen wörterbuche. 

Fest steht die bedeutung von klunge ==» knäuel; so schweizerisch: 
fadenklung. Daraus wird „lunge" in jenem sinne (= belle) geworden 
sein, und zwar zur zeit und an orten, wo der sonstige gebrauch des 
wertes klunge in abgang kam. 

Wir haben hieran um so weniger zu zweifeln, da „klung" und 
„lung" auch sonst eigentümlich nebeneinander herläuft und ineinander 
übergeht. So hat „lungel" neben der bedeutung „lunge" (lat pulmo) 
auch die bedeutung „liederliche weibsperson" und hiemit eben dieselbe 
bedeutung mit „klungel, klüngel", was 1) knäuel, quaste, 2) lieder- 
liches Weibsbild und schlingel heisst Ferner steht nebeneinander 
„klungem" = sich faul herumtreiben, und „lungern", herumlungem. 

Ganz ähnlich steht im englischen noch heute nebeneinander 
„clump" und „lump" » klumpen, stttck (woher der nenfite deutwdie 
name „lompenzucker^ stamt). 



BKTTRÄOE ZT7B ERKLÄRUNG LUTHERS 39 

Auch an andern beispielen dafür fehlt es nicht, dass an die stelle 
eines wertes, das in abgang kam und nicht mehr recht verstanden 
wurde, ein viel gebrauchtes gleichklingendes anderes wort trat, dessen 
dgenüiche bedeutung doch eine ganz andere war und blieb. Ja merk- 
würdiger weise bietet gerade hiefür auch wider das wort lunge mit 
noch ganz anderer Verwendung sich als beispiel dar. In gewissen 
gegenden Deutschlands nämlich reden gebildete und ungebildete von 
^lungenbraten". Sie meinen damit lendenbraten. Ihrer wunderlichen 
benennung aber liegt ohne zweifei zu gründe das wol nur wenig mehr 
im Volk fortlebende wort „lummel^ = lende. 

2. Spielen tragen = aufziehen. 

In eben derselben gegen Zwingli und ökolampad gerichteten 
sdiiift sagt Luther im Schlussabschnitt (a. a. o. s. 149): 

„Es trägt mich auch ihre rotte spielen mit solchem urteil, 
dass, weil ich wider die bauem geschrieben habe, sei der geist von mir 
gewichen, dass ich verstockt nicht möge verstehen die helle Wahr- 
heit usw.*' 

Mir wurde, als ich über den sinn dieser werte von den heraus- 
gebem der oben genanten Braunschweiger ausgäbe befragt wurde, die 
Vermutung vorgelegt, das tragen könte hier den sinn des lateinischen 
ferunt haben: „sie (die rotte) berichten"; imd was sie von ihm sagen, 
wäre das, dass er mit ihrem urteil spiele. 

Nie aber hat Luther „tragen" so gebraucht Überdies zeigt auch 
die alte Übersetzung, dass nicht von Luther gesagt sein kann, er spiele 
mit dem urteil. Sie lautet: vestrae haereseos asseclae me hoc quoque 

nomine et judicio passim calumniantur, quod spiritus a me dis- 

cesserit Sicher gehört vielmehr „spielen tragen" zusammen, ebenso 
wie wir sagen: spazieren fahren, ein kind spazieren tragen. 

Was dies bedeute, wird freilich durch jene Übersetzung noch 
nicht näher erklärt Man möchte zunächst denken: herumtragen wie 
ein Spielzeug, einen als Spielzeug gebrauchen mit gerede über ihn. 
Nach der analogie mit „spazieren tragen" möchte man aber erwarten, 
dass der getragene selbst irgendwie zum spielen kommen werde. 

Auch hier hat nun Sievers weiter geholfen durch hinweis auf die 
reidien mitteilungen in Schmellers Bayer. Wörterbuch ed. Frommann 
bd. 2 k 664. Hiemach heisst „einen ausspielen" : ihn zum scherz und 
spott nachäffen. „An der Ihn", sagt Schmeller, „ist besonders zur 
fwtnachtBzeit üblich das leut- ausspielen, wobei einzelne lächerliche bege- 
badwiien, die sich das jähr über im orte ereignet, im kostüme und 



40 KÖ8ILIN 

mit den gebärden derjenigen, die sich dabei biosgegeben haben, zur 
belustigung der zuscliauer sceniseh vorgestellt werden^. Schmeller 
fülirt auch an: „aufspielen über einen — ihn zum gegenständ der 
Unterhaltung, gewöhnlich der boshaften, nehmen". Femer erwähnt er 
ein „ aschermittwochgericht der zwölf Jungfrauen zu Burgebrach (in 
Oberfranken, Baiem) über eine ausgestopfte figur". 

Hiemach wird Luthers sinn klar sein: die gegner verhöhnen und 
lästern ihn hin und her, wie man bei solchem brauch einen in efSgie 
umhertrug, vorführte, spielen liess, lächerlich machte und wol auch 
aburteilte (vgl. jenes aschermittwochgericht). Dazu passt auch, dass 
Luther das urteil bezeichnet, das eben hiebei die gegner über ihn spre- 
chen. Auch dass er diese gerade hier eine rotte nent, wird im Zusam- 
menhang damit bedeutung haben: sie gleichen den mutwilligen und 
boshaften aufführen! jener spiele, die haufenweise herumzogen. 

Von hier aus wird endlich auch die herkunft der bedeutung von 
„aufziehen" = sich über einen lustig machen, festzustellen sein. 
Grimms Wörterbuch 1, 784 denkt an ein „ziehen auf die spötterbank**, 
daneben auch an eine gleichbedeutung mit aufhalten, hinhalten; M.Hey- 
nes deutsches Wörterbuch 1, 704 fg. ans leztere. Dabei steht fest (vgl. 
bei Grimm und Heyne), dass man nach dem älteren Sprachgebrauch 
einen nicht bloss „aufzieht", indem man ihm selbst etwas vorhält, um 
sich über ihn lustig zu machen, sondern ganz algemein, indem man 
ihn um irgend einer saoho willen und in irgend einer Situation zum 
gegenständ des lachens macht Als einfachste erklämng aber bietet 
sich nun gewiss der ursprüngliche sinn dar: man zieht ihn auf auf 
jener spottbühne; noch bestimter: man zieht ihn dort auf wie die am 
faden oder draht hängenden spielpuppen. 

3. Quecksilber in den teich werfen. 

Keine entscheidung, sondern nur eine Vermutung oder frage wage 
ich mit bezug auf einen anderen, offenbar sprichwörtlichen ausdruck, 
den Luther in jener schrift s. 19 fg. gebraucht hat Er führt dort aus: 
dem toufel zum trotz habe er mit saurer arbeit im gegensatz gegen 
die menschengebote wider die heilige schrift hervorgebracht usw.; jezt 
habe dagegen in seine und der seinigen mitte der teufel leute ein- 
gemengt, die seine lehre nicht dazu au&iehmen selten, um ihm in jener 
arbeit und jenem kämpfe beizustehen, sondem um, während er und 
die seinigen vorne stritten, in ihr beer von hinten einzufallen und sie 
so zwischen zwei femde su bziBgen iind desto leichter zu verdeiben. 



BKITRÄGB ZUH EltKLÄBUNG LÜTHEBS 41 

^Das", sagt Luther, ,,heisst (mein' ich ja) quecksilber in den teich 
geworfen". 

Die lateinische Übertragung sezt an die stelle dieser werte ein 
offenbar auch sprichwörtlich gewordenes lateinisches bild: „Hoccine est 
floribus immittere austros". Sie kann damit nur heisse Südwinde mei- 
nen, welche den blumen verderben bringen. 

Im Grimmschen Wörterbuch (7, 2336) werden die werte Luthers 
auf die beweglichkeit des quecksilbers und seiner unendlich vielen 
kügelchen bezogen. Was soll aber diese in jenem Zusammenhang? in 
ihm handelt es sich ja jedenfals um eine verderbliche Wirkung, die 
das quecksilber im teich üben soll. Man müsste nur etwa an einen 
aberglauben denken, wonach das quecksilber dort mit seiner beweg- 
lidikeit verderbliche bewegungen oder stürme hervorbringen solte. Von 
einem derartigen aberglauben ist mir wenigstens nichts bekant. 

Eben dort lesen wir aber, dass das quecksilber, und zwar nament- 
lich nach Paracelsus, auch als gift diente, wobei dahin gestelt bleiben 
mag, in welchem zustand oder welcherlei Zubereitung es so gebraucht 
wurde. Hat es nicht diese bedeutung auch hier? Es wird heim- 
tückisch und heimlich in einen teich geworfen, um seine fische zu 
verderben. Man denke an die damals so zahlreichen fischteiche. 

4. Wenn — — thät. 

In bd. XXin, 41 und 293 dieser Zeitschrift wurden fünf belege 
mitgeteilt für die bedeutung von „thet" = „entete'' = „nicht thäte, 
nicht wirksam oder vorhanden wäre". Hier folgen zwei weitere aus 
Luther 1. 

In der schrift wider Hans Worst vom jähre 1541 (Neudruck her- 
ausgegeben von Knaake bei Niemeyer 1880, s. 54; Erl. ausg. 27, 55) sagt 
Luther von den Papisten: Es ist nun dahin kommen, „dass sie das 
licht unverschämt scheuen, ja viel ding selbst itzt lehren, das sie 
zuvor verdammt, dazu nichts zu lehren hätten, wenn unsere bücher 
theten**. 

In Luthers Bibelübersetzung 1. Kön. 21, 7 ist es zwar üblich 
geworden zu drucken: „Was wäre für ein königreich in Israel, wenn 
du 80 thätest", und hiefür ist dann in der „revidierten BibeP, soge- 
Mnten „Probebibel*' vom jähre 1883 (Halle, buchhandlung des waisen- 
'^'wes) gesezt worden: „wenn solches geschähe^. Bei Luther aber 
'mk 68: „wenn du thätest*'. Mein herr College Burdach, mitarbei- 

- 1) ^^ ^Iazu Aoch 8. 43 dieses heftes. Red. 



42 KAWERAÜ, IN BUS OOBSEPTAM 

ter an der superrevision jener bibel, hat mich darauf aufinerksam ge- 
macht als auf ein neues beispiel jener eigentümlichen ausdrucksweiße, 
die also Luther ohne bedenken dort, bei einer rede der schlimmen 
königin Jesabel an ihren gatten Ahabj ohne bedenken auch fürs deutsch 
seiner Bibel verwante. Eigentümlich ist dort das Verhältnis Luthers zum 
hebräischen grundtext Dieser besagt nämlich eigentlich: „Du, nun übe 
königsmacht (dasselbe wort im hebräischen mit königreich) über Israel!** 
oder fragend: „du, übst du nun königsmacht usw.?** Und zwar ist 
dieses „üben" mit dem gewöhnlichen werte für „thun" (nton) aus- 
gedrückt Es fragt sich, wie weit Luther, der hier jedenfels selbstän- 
dig, ganz abweichend von der falsch übersetzenden Yulgata, und zu- 
gleich frei übersezt hat, hiebei die einzelnen hebräischen worte genau 
verstand. Und hiebei mag ihm nun das „thun" im grundtext ein 
besonderer anlass gewesen sein, sein „Wenn du thätest" in der Über- 
setzung anzuwenden, so sehr auch dessen sinn von dem des „thun** 
im hebräischen abweicht Jedenfals aber wird er es in ebendemselben 
sinne, wie in den zuvor ausgehobenen belegst^llen gebraucht haben. 

HALLE A. 8. JULIUS KÖ8TLIN. 



77 



IN BUS COEREPTAM" — EINE ANFRAGE 



Luther ruft 1530 in seiner „Vermanung an die geistlichen ve^ 
samlet auff dem reichstag zu Augsburg ** (Erl. ausg. 24' s. 363) den 
deutschen prälaten in erinnerung, wo sie wol nach dem Wormser 
reichstage geblieben wären, wenn damals ein prediger das volk zur 
gewaltsamen Vertreibung der geistlichen aufgestachelt hätte: „ — wäre 
nur ein prediger aufgestanden, der dazu geraten hätte, wo woltet ihr 
geistlichen itzt sein? In bus correptam!^ Ebenso lesen wir in 
den tischreden (Erl. ausg. 61, 282) in einer schUderung des todes des 
Wiedertäufers Hetzer: „Als er nun gerichtet werden und sterben sollte, 
da führe er auch in bus correptam. Denn das war sein leztes wort 
gewesen: Herr Gott, wo soll ich hin etc/' An beiden stellen ist es 
also sichtlich sprichwörtlicher ausdruck für ein ende mit schrecken, ja 
wie es scheint, gradezu für die höUe. An der zweiten stelle gibt eine 
neuere ausgäbe es sachlich zutreffend wider mit „in des teufeis rä- 
chen". An der ersten umschreibt es J. Picker in seiner bearbeitung 
der schritt für die Braunschw. Luther-ausgabe HI, 353 mit: „zu schar- 
fer busse, zu Züchtigung^. Weder du Gange noch Dietz geben aus- 
kunft und anhält fBr das verst&Ddms dieser sprichwörtlichen redeweise. 



BmXiINOKB, Üute 43 

Ich möchte daher die aufmerksamkeit auf dieselbe lenken und fragen: 
kann jemand den ausdruck sonst noch in der litteratur nachweisen? 
kann jemand den Schlüssel zur sprachlichen und sachlichen erklärung 
bieten? Dass an einen druckfehler nicht zu denken ist, beweist das 
vorkommen in zwei ganz verschiedenen Schriften. 

KIEL. EAWERAÜ. 



THETE DAS, THET, THÄTE == MHD. ENTETE. 

Die Studien über Luthers spräche und die revision des bibeltex- 
tes lenkten auf das kaum beachtete thet, ihät = mangelte, fehlte das, 
wäre das nicht vorhanden. Ich habe bd. XVI, s. 374 dieser Zeitschrift 
aus Sebastian Francks sprichwörtersamlung und Conrad Dieterichs pre- 
digten über das buch der Weisheit eine anzahl beispiele mitgeteilt, 
was den Verfassern der beiden artikel ztschr. XXIII, 41. 293 entgangen 
ist Dieser gebrauch ist süddeutschen denkmälem durchaus fremd. Die- 
terich war ein Hesse, von Hayna oder Gmunden, von 1614 — 1639 in 
Ulm. Ich füge zwei weitere belege hier bei. Boltes „Der bauer im 
deutschen liede 1890" hat einen liederdruck von 1647 s. 15; str. 12: 

König, fürsten und herren 
Muss er mit gott emehren, 
Schlösser vnnd städt die weren nicht. 
Hatten nicht zu verzehren 
Wenn der bawer nicht thet. 
Älter, wol noch in die zweite hälfte des 15. Jahrhunderts gehö- 
rend, ist „Der bawm lob" s. 109 fgg. nümbergisch. v 55 fgg.: 

Ich lob dich, du edler bawr 
Für alle creatawr, 
für alle herm auf erden 
Der kayser muss dir gleych werden. 
Dir scholt nymer geschehen kain layt, 
Das sprich ich aufF meinen ayt 
Thestu, so müst mancher in sorgen allda. 
Bolte fügt bei: etwa thetestu nit. 

Vgl. Verwys-Verdam mittelnederl. woordenboek II, 240: endoe^ 
^'wfade (en daei = en dade Jiet), en hadde gedaen wenn (eine person 
oder Sache) es nicht getan hätte, nicht gewesen wäre, es nicht gehin- 
dert hätte". 

BONN. ANTON BIRLINGER. 



44 ZINOKRLI 

PREDIQTLITTERATUE DES 17. JAHEHUNDERTS. 

L 

Die katholische predigtlitteratur des 17. Jahrhunderts ist viel zu 
wenig beachtet und gewürdigt — und doch erschliesst sich, beson- 
ders in den predigten der volkstümlichen Franziskaner und Kapu- 
ziner eine reiche, frische quelle für kultur- und Sittengeschichte ^ Die 
spräche ist meist für das volk berechnet, an trefiEenden gleichnissen, 
derben vergleichen und an humor fehlt es diesen kanzelrednem nicht 
Für die gebildeten zuhörer gibt es citate aus lateinischen Schriftstellern 
oder stellen aus der alten mythologie. Da kehren gewisse formeln 
wider, die sich bei den Kapuzinern bis in die mitte dieses Jahrhun- 
derts erhalten haben. Nachdem aussprüche der kirchenväter für die 
Sache angeführt worden, wird als höchster beweis ein Spruch eines 
griechischen oder lateinischen Schriftstellers gegeben mit den werten 
„und selbst der blinde beide Ovidius*' oder „wie der blinde beide Cicero** 
sagt Die citate werden zuerst in lateinischer spräche, dann in deut- 
scher gegeben, stellen aus lateinischen dichtem oft in gereimten ver- 
sen. Ich habe mir einige verschollene predigtsamlungen aus jener zeit 
erworben, die ich mit vergnügen las. Eine führt den titel: „Cande- 
labrtim apocalypticum Septem luminaribus coruscans oder ÄpocaUfp- 
tischer Leichter mit siben Liechtem und Fachten flammendt, das ist: 
Stben fache Predigten durch siben Jahrgang, auff alle Sonn- und 
Feyrtäg ieglichen gantxen Jahrs außgetheilt. Ersten Leichters oder 
ersten Jahrs Dominical oder sonntäglicher Theü, Verfasst und b^ 
schriben, wie auch mit nützlichen Marginalien und viererley Registern 
aufs beste versehen. Durch R. P. F. Joannein Copistranum Brin- 
xing, Ä Frandsci Ordens, der strengem Observanz, Straßburger iVo- 
vintx Pr^iestern und der Zeit ordinari Pfarrpredigem bei U. L, Frataen 
in Bamberg. — Stiifft Kempten, getruckt durch Rudolff Dreher, im 
Jahr 1677. 4®. 451. s. Die register nicht eingerechnet Der zweite 

teil: ^Ersten Leichters oder ersten Jahrs Festivahdenden feiertäglicher 
Theil^ Kempten, im jähre 1681. 4® hat ohne register 544 Seiten. Der 
erste teil ist „Dem Hoch würdigsten des H. Rom. Reichs Fürsten und 

1) Einen Kapuziner -predigor ans dem 17. Jahrhundert behandelte auf meine 
anregung mein freund Adolf Hueber in der schrift: Über Heribert von Salom. 
Beitrag zur künde deutscher spräche am ende des 17. Jahrhunderts. Innsbrock, 
Wagnersche Universitätsbuchhandlung. 1872. Birlinger hat schon seit 25 jähren 
diese litteratur gepflegt, und viele kapuzinerpredigten, wie werke der Franziakaner 
für spräche, sittenkonde, mythologie an^gebeotei. 



FRBDIOTLITTKRATÜR DES 17. JH8. 45 

Herrn, Herrn Petro Philippo, Bischoffen zu Bamberg und Würtzburg, 
Hertzogen in Francken", der zweite dem „Keverendissimo et celsissimo 
S. R L Prindpi Domino Domino Ruperte Abbati Gampidonensi, Augu- 
stissimae Imperatricis Archimarschallo " gewidmet 

Der erste teil ist in demselben jähre erschienen, in dem Abra- 
ham a Santa Clara hofprediger in Wien wurde. Beide sind geistes- 
verwante redner ihrer zeit Auch Brinzing ist „volkstümlich und 
von mächtiger darstellungskraft"^, auch er sieht in seinen predigten 
auf effekt und Unterhaltung, liebt derbe spässe und Wortspiele, geschich- 
ten und schwanke, prunkt nicht selten mit gelehrsamkeit, und man 
begreift, dass damals die leute lieber zu den kurzweiligen predigten 
gi^cigen, als heutzutage zu den langweiligen erbauungsreden, die lei- 
der alzuoft von politik durchzogen sind. 

Schon die inhaltsgaben im ersten register sind für unsem P. Jo- 
hannes bezeichnend, z. b.: „Wie erschröcklich am jüngsten tag in dem 
f5rchtigen thal Josaphat das letste gericht seyn werde", „warheit 
bringt feindschaft", „wie man lebt, so stirbt man", „die weit ist eine 
betrogene wüste", „ein böses weih ist das grösste übel von der weit". 
„Am sontag Quinquagesimae. Thema: sepeliatur sepultura asini Je- 
rem. 22, 19. Er soll in des esels grab begraben werden. Jerem. 22, 19. 
Innhalt Leichpredig Bacchi deß Faßnachtgotts". „Das vertrunckne 
Elend", „Jetziger Welt Politic ist des TeufFels Hauß-Regel", „Großer 
Reichtumb, großer Untergang", „Ein Geitziger ist einem Wassersüch- 
tigen gleich". Im festteile ist der Inhalt ernster und weniger volkstüm- 
lich angegeben. — Charakteristisch ist die „Leichpredig Bacchi" I, s. 116 
— 125, eine wahre fastnachtspredigt voll humor und derben witzen. 

In der erwartung, dass ein P. Franziskaner das gedächtnis seines 
redemächtigeD mitbruders durch eine ausführliche besprechung und 
Würdigung dieser predigten ehren wird, beschränke ich mich zunächst 
darauf, das Sprichwort in diesen reden zu verzeichnen imd anderes 
darüber mitzuteilen. 

I. teil. 

„Die Wahrheit sagen bringt Ungunst" s. 4. 

„Der wolf artet den hofleuten nach" s. 17. 

„G^ar zu grob, wenn man es greifFen kan" s. 17. 

„Wie man lebt, so stirbt man" s. 21. 

^Wann das kind stirbt, so hat die gevatterschafk ein end" s. 57. 

1) fr. fioherer, Geschiohte der deutschen litteratur 338. 



46 ZIN&IRLt 

^So muss man die fiichs fangen^ s. 59. 

„Böse weiber sind bissiger als die hund^ s. 60. 

„Alles verthon vor meinem endt Macht ein richtigs testament" 
s. 24. 

„Beim wein ist es gut lustig sein, sprechen die durstigen brü 
der** s. 150. 

„Wenn den esel das futter sticht, so gumpt er" s. 155. 

„Ptirwitz wird theur bezahlt" s. 163. 

„Man lebt wie hund und katzen" s. 177. 

„Gleich und gleich geselt sich geren. Der wolf sucht wölf un. 
flieht den beren" s. 199. 

„Da ligt der haas im pfeffer" s. 202. 297. 430. 

„Der wolf grabt ihme Selbsten ein gruben" s. 205. 

„Der loser an der wand Hört seine eigne schand" s. 205. 

„Untreu schlägt sein eignen herren" s. 206. 

„Stärker ist das gelt. Als sonst die gaiitze weit" s. 208. 

„Außwendig schön, inwendig &ul Verfuhrt das aug, betrügt di 
maul" 8. 329. 

„Der fiix wüste wol, wo der has im pfeffer lag" s. 362. 

„Du gehst auß oder ein. So steht der tod und wartet dein** 
s. 374. 

„Wer sich mischet under die klew. Den ifressen die säw" s. 3^ 

„Wer die Wahrheit geiget, dem zerschlagt man die geigen a. 
köpf" 8. 395. 

IL teil. 

„Was die alten sungen. So zwitzem die jungen" s. 6^. 

„Je böser der mensch, je besser das glück" s. 89. 

„Zu hofP leben ist ein gefährlich leben. Lang z' hoff, lang z' hol 
8. 257. 

„Es ist keen messer, das schärpfer schirt. Als wenn ein betl< 
zum herren wird" s. 263. 

„Auf leid folgt ifreud" s. 282. 

„Wo der teufel nit kan, so schickt er ein böses weib" s. 287. 
„Wo der teufel nit hin kann, da schickt er ein bösee weib^ 
8. 309. 

„Böse weiber sind ärger als der teuföl^^ & 287. 

1) ,Begi8 ad mwn^ odl |^taMiiit> 



FSBDIOTUTTERATÜR DBS 17. JH8. 47 

„Der Teutsch sagt im Sprichwort: Der neid wird zu hoff geboh- 
ren, in clösteren auferzogen und stirbt im spital" s. 337. 

„Das glück will einen neider haben" s. 338. 
„Der unschuldig muss leiden" s. 338. 
„Glück und glas, Wie leicht bricht das'' s. 344. 
„Wer auf gott traut, hat wol baut" s. 425. 

Häufiger begegnen lateinische sprüche und versus memoriales, 
oft mit Übersetzung in reimen. 

I. teil. 

„Tempus genmia pretiosius omni. 

Die zeit ist das theurest auf der weit, 
Wird nimmer kauft umb alles gelt" s. 38. 

„Die zeit verschwindt Wie rauch im wind, 
Zergeht behendt, Wirdt nimmer gwendt" s. 40. 

„Sine crux et sine lux, ohne reu und laid, ohne buss und 
beicht" s. 53. 

„Qui tetigerit picem, inquinabitur ab ea. Wer mit bech umb- 
geht, der besudelt sich leichüich" s. 77. 

.,Pigulus figulum odit, der hafner neidet den hafher" s. 85. 
„Etiam capillus unus habet suam umbram, auch ein kleines här- 
Idn hat seinen schatten" s. 88. 

„Anserum convivia sunt gratiora, mit den gänsen ist es gut 
essen" s. 150. 

„Quod cito fit, cito perit, was bald wird, das vergeht bald" s. 165. 

„üt enim avis cantu, sie homo loquela notatur, dann gleichwie 
der teutsche poet singt: 

Den Yogel am gsang, 
Den hafen am klang. 
Die Jungfrau am gang" s. 199. 

„Ex nihilo nihil fit, sagt der Lateiner im Sprichwort: Auß nichts 
^ird nichts, als weit er mit dem Teutschen sagen: Arme leute haben 
^ts, wer nacher geht, der findet nichts" s. 262. 

„Felix quem fadunt aliena pericula cautum, wol dem, der an 
iBderer lenten schaden witzig wird. 

' Wo so YÜ gefallen, Kan mir nit gefallen" s. 359. 

! „Omne tzinum perfectum, alles was sich dreiet, das ist volkom- 

[ m M. - 



48 ZINOEBLB 

„Deliberandum est diu, quod statuendum est semel, was ein 
muss geschehen, das soll zuvor wol erwogen sein" s. 436. 

n. teil. 

„A Jove principium" will mit dem Teutschen sagen: „Der 
geht voran" s. 2. 

„Qualis rex, talis grex: Wie der könig, also die underthj 
wie der pfaff, also die pfarrkinder, wie der hirt, also die schaff, 
der pfeiffer, also die dantzer" s. 4. „Wie der hirt also sinnd die ^ 
wie der pfaff, also die pfarrkinder" s. 5. 

„Non est conveniens cantibus ille color: 

Traurig sein und schwarte sich kleiden 
Tauget nit, wo lauter freuden" s. 78. 
„Volat irrevocabile verbum: 

Das wort fliegt fort, kombt nit mehr her, 
Nit haben gredt, oft besser wer" s. 172. 
„Qui cito dat, bis dat: Wer gschwind gibt, der gibt zwei 
s. 203. 

„Non est in pota saepe salute salus: 

Gesundheit trinken Machet hinken" s. 223. 
„Vil getrunken, Hart gehunken" s. 223. 
„Insanire facit vel sanos copia vini: 

Auch die weisen werden narren, 
Fahren auf dem schellen -karren. 
Wann des weins zu viel genossen. 
Wann das glas oft eingegossen" s. 223. 
„Rnis coronat opus: wans end gut ist, so ist alles gut, 
mit dem poeten zu singen: 

Wol geschlossen, Gut geschossen" s. 231. 
„Exeat ex aula, qui cupit esse pius: 

Willst bleiben fromm, Gen hof nit komm" s. 257 u. 306 
„Omnia vincit amor: 

Die lieb ist stark imd überwindt, 
Die lieb die ist, so alles bindt" s. 260. 
„Conveniunt rebus nomina saepe suis: 

Was die sach von selbsten ist. 
Zeigt der nam oft zu der frist" s. 262. 
„Hast du auch nomen et omen? 

Ist dein nam Wie dein fEun? 

Ist dein prob Wie dein lob?" s. 264. 



PBXDIOTLITTCEATTm DES 17. JHS. 49 

„Portunae comes iuvidia sagt der Lateiner im sprüchwort, will 
mit dem Teutschen sagen: Das glück will einen neider haben" s. 277. 

„Audaces fortuna juvat, timidosque repellit: Frisch gezuckt ist 
halb gefochten" s. 324. 

„Tibi nil potest leonina, assuatur pellis vulpina, sagt der poli- 
ticus: Kannst nichts mit gwalt außrichten, 

Vorteil kann den handel schlichten, 
Wo des lewen zom nichts ist, 
Gebrauch dich des fuchsen list" s. 324. 

,,Solatium est miseris, socios habuisse dolorum, sagt der Lateiner 
im sprüchwort, wül mit dem deutschen poeten singen: 

Muss ich leiden und soll es sein^ 
Freut michs doch, bin nit allein" s. 341. 

„Pai*turiunt montes, nascetur ridiculus mus: 
Vil geschrei und wenig woU, 
Außen läer und innen hol" s. 378. 

„Nunquam deorsum" Nimmermehr under sich: 
Li der höh bei meinem gott 
Halt ichs stet in freud und spot s. 401. 

,,Graviora non timet amor: 

Dieß und noch vil mehr dazu 

Acht die lieb vor lauter ruh" s. 459. 

Ich gebe noch eine reihe anderer stellen, welche freie Übertra- 
ges zeigen. 

L teil. 

„Lautam statim intulit coenam, quam non paraverat: Er hatte 
alsoli^d gp^iß mi(j trank genug ohne koch und keller" s. 63. 

„Misit eum in carcerem: es half nichts dafür, er mußte fort ins 
t^obishaus" s. 69. 

„Fortuna patitur invidiam, sagt der Lateiner im sprüchwort, als 
^o\t er mit dem Teutschen sagen: das glück muss einen neider haben; 
oder mit dem poeten singen: 

Gleichwie auf d' jfreud folgt gwisses leidt, 
Also wirdts glück mit haß verneidt" s. 79. 

„Tollatur ergo e medio causa et cessabit effectus: So werf man 
tan ein solch stinkendes todten-aaß, einen solchen glüenden höUen- 
^ittdt aoB der gemain hinauß in ein kothlachen, so wird das übel 
«ABW & 223. 

r. imnaoBM pmLOLOGis. bd. xxiv. 4 



50 ZINOERLI 

„Mortis inevitabile fatum 

Aequa sorte destinatum 

Mihi, tibi, omnibus. 

Pomp und pracht, 

HofEftrl und macht, 

Oelt und gut, 

Freud und muth 

Führt der todt ins grab am strick'' ö. 267. 

„Natat in aquis et saltat in terris: 

Es schwimmt im wasser wie ein fisch, 

Und springt auf erden wie ein hirsch^ s. 299. 

„Mel in ore, fei in corde, das ist: Honig im mund, gall 
tzen, als wolt er sagen: 

Süß in Worten und conversieren, 

Aber schau, thues hertz probieren, 

Für das hönig gibt er gallen, 

Laß dir, freund, solch vögl gfallen'' s. 330. 

„Plus dare non habes, plus petere nequis: 
Mehr zu schicken ist nit mein. 
Mehr begehren ist nit dein.'' 

„Plus dare non habes, plus petere nequeo: 

Mehr zu geben ist nit dein, 

Mehr begehren ist nit mein. 

Nemb mir mein hertz, gib mir das dein. 

Laß beede hertzen ein hertz sein" s. 391. 

„Nimb du mein hertz, gib mir das dein. 

Laß beede hertzen ein hertz seyn" II, 19. 

„Tibi soli: Dein allein Soll alles seyn" s. 393. 
„Dulcis amor patriae, quem non bona patria mulcet 
adamas, bestia, nullus homo: 

Gleich dem vich Halt den ich. 
Härter als ein adamant. 
Wie ein stein Muß der sein, 
Der nit liebt sein vatterlandt" s. 446. 

n. teil. 
„Ad omnia utilis: 

Alles, was kann nützlich seyn. 

Hat der palmbaum gantz allein" s. 100. 



PBlDIGTLtTTKlUTrR DBS 17. JHS. 51 

^Nominis umbra: 

Gottes wesen abgemahlt 

Zeigt die tafel so gestalt" s. 144. 
„Quid dico, minus dico: 

Was ich sag, ist alls nit gnug, 

Wer soll reden hier mit fug? 

Aber was rahts? soll ich schweigen? 

Gnug hier reden kan nit seyn, 

Gar stillschweigen ist nit fein" s. 179. 
,^aena pati discant et durum quodque subire: 

Juncti uno pariter foemina virque jugo: 

Lehrne meiden, lehme leiden. 

Der du wüst im ehestand seyn. 

Dann alldorten aller Sorten 

Findest schmertzen, creutz und pein" s. 234. 
„Quantum potes tantum aude: 

Mach es nur wies dir gefallt, 

Tragt es ein, so ists schon recht 

Alles ist in dich gestelt, 

Frage nur nach keinem recht 

Eanstu dirs zu nutzen machen. 

Laß die weit darwider pochen. 

Du must trutzen, du must pochen, 

D' weit politic rieht solch Sachen" s. 317. 
„Nusquam honestius moriar quam hie: 

Nirgends werd ich besser sterben. 

Nirgends grössers lob erwerben" s. 410. 
„0 suavis sors, o bona mors: 

süsses glück! o guter tod, 

schöner sieg! o gnad von gott!" s. 411. 
„Omnia amato. 

Nichts ist mein. Alles sein" s. 449. 

Unser prediger liebt es, mit klassischen Schriftstellern zu prun- 

^^ und seine kentnis der alten litteratur mit historien und vereen zu 

^i§en. Er wirkte ja zur zeit der renaissance, welcher der jüngere 

^^^us mit besonderer liebe huldigte. Im „Elenchus alphabeticus aucto- 

7^^, quorum potissimimi opera in hoc de sanctis tomo sum usus" 

^^d folgende Schriftsteller des altertums verzeichnet^. 

1) Er macht die bemerkang: ^Notes tarnen velim, Lector candidissime, quod 
^^UlnloiiQg me iactitem, quasi omnes legissem ego propriis in operibus, cum ob libro- 

4* 



52 ZtKGlERLX 

„Aelianus, Aristoteles, Aulus Gellius, Herodotus, Homerus, Ho- 
ratius, Juvenalis, Lucanus, Martialis, Mela historicus, Ovidius Naso, 
Pausanias, Plato, Plautus, Plinius, Plinius junior, Plutarchus, Seneca, 
Solinus, Suetonius, Yalerius Maximus, Virgilius Maro''. 

Den aus lateinischen dichtem entlehnten versen gibt er eine 
gereimte Übersetzung oder Umschreibung bei. Ich gebe beispiele davon. 

I. teil. 

„Virgilius: Quid non mortaüa pectora cogis 

Auri Sacra fames? 

All hertzen zwingt, 

All gmüther gwint 

Deß golds sehr grosser hunger, 

Das gelt die weit 

Steiff gefangen helt, 

Ist stärcker als der donner usw." s. 108. 

„Quisque suum nomen portabat, quivis honorem: 

Ein jeder gott sein namen hett. 

Ein jeder trug sein ambt. 

Was jeder zu verrichten hett, 

Miech (sie!) ihn der weit bekannt" s. 173. 

„Audaces fortuna juvat timidosque repellit: 

Frisch gezuckt ist halb gefochten. 

Es fällt kein aich 

Vom ersten straich" s. 201. 

„Horat I. epic. 6. Et genus et formam regina pecunia donat. 

Adl, gstalt, form, auch was da liebt die weit 

Bringt bey, bezahlt imd gibt das gelt" s. 208. 

Hör. I, ode 37. „Nunc est bibendum, nunc pede libero pulsanda 

tellus etc.: Bald essen, bald trinken. Bald frölich Ju schreyen, 

Bald hupfen, bald springen, Bald führen ein reyen etc." 

s. 240. 
„Grandia concessit liberalis pondera mundus: 

Alles, was ich hab begehrt, Hat die weit mir geben: 

Schöne gaben hats beschert, Darzu auch langes leben ^^ s. 269. 

„Est amor ingratus, si non sit amator amatus: 

Lieben und nit geliebt werden 

Ist der gröste schmertz auff erden ^ & 277. 

rom defectum ferme ordinarioni vix ullus modemamin aooriqifen* 
ausit; multos tarnen legi, ast pluros ab alüs hinc ind« i 



PBKDianJTTSBATUB DIS 17. J^S. 53 

„Virgilius, der Ponter könig. Mille txahens varios opposto sole 
Dolores: Tausend farbig hochgeziehret 

Brangt am himmel au%efiihret 

In dem gwülck der regenbogen 

Von der sonnen glantz erzogen" s. 291^. 

„Omnia si perdas, fEunam servare memento: 
Geht alls zu grund In böser stund, 
Schau, bhalt dein ehr Dir wird nit mehr" s. 303. 

„Quo plus sunt potae, plus sitiuntur aquae: 
Wer da vil hat, noch mehr begehrt. 
Durchs trinken wird der durst vermehrt" s. 376 u. 378. 

„Facilis descensus Avemi etc.: 

Zum undergang ist breit der steg. 

Ins höllish feur ist baut der weg" etc. s. 403. 

„Post nubila phoebus: Nach regen wirds gern schön, oder: 
Es ist nun wahr, Eundt, offenbahr, 
Auff trübe zeit Folgt fröügkeit" s. 410. 411. 

n. teil. 

„Et via sublimis coelo manifesta sereno lactea nomen habet: 
Am firmament ein weg sich weißt 
Von milch, schön über d'massen, 
Den potentaten allermeist 
Zum himmel zeigt die Strassen" s. 56'. 

„Diesem Ludovico hätte der poet MartiaUs wol mögen jenen vers 
vorsingen, den er in seinem 4. buch Epigrammatum Septime hinter- 
lassen: nox quam longa es, quae facis una senem? 

Wie lang bistu, o tolle nacht. 

Die junge haar so graw gemacht" s. 129. 

1) S. 293 gibt er die reime über den regenbogen: 

„Will zwar was seyn, Ist doch nur schein. 
Außwendig schön, Inwendig nichts, 
Verführt das aog, Spott des gesichts. 

2) Über die müchstrasse sagt er s. 55: „Die milchstrassen, von dem gemeinen 
numn aber Via sancti Jacobi: Sanct Jacobs straße. S. 56. Endtlich fingieren 
die poeten, es aeyyia lactea dia Jacobsstrassen deAwegen genennt, weilen die himm- 
fiMlie Judo an selbigem ort Hercnlem und Mercurium die götter mit ihrer milch 

und jNdoh schöne färben hinderlassen. Andere aber als wie Ovidius und 
fl07 die stassen, durch welche könig und kayßor, fürsten und poten- 



54 ZmOEBLB 

„Foecundi calices, quem non fecere disertum? singt zwar Hora- 
tius Flacxjus, der Venusinische poet: 

Wer tnmcken hat vom siessen wein 

Soll dessen zung ja bredt gnug seyn" s. 143. 

„Unde? Tarn subito corvus, qui modo cygnus erat: 
Woher? Ein schwartzer rapp und jener mann, 
Der weisser war, als nie kein schwan" s. 258. 

„Magnum iter ascendo, sed dat mihi gloria vires, 
Non juvat ex facili lecta Corona jugo 
hat unser betier mit Propertio dem poeten gesungen: 

Eaucher weeg steht noch bevor, 
Förcht mir nit, der glory thor 
Steht mir offen. Das macht hoffen, 
Leichter streit Verdient kein freud" s. 366. 

„Ovidius der poeten printz und könig in seinem buch de arte 
amandi singt so: 

Qui non vult fieri desidiosus, amet: 

Lieb, so wirstu nimmer trag. 

Lieb, so hastu gschäfftig täg'^ s. 401. 

Heiter stimt folgende stelle, bei der am rande Homer e. 5 
I(i)iad steht: 

„Hermenides, der berühmt kunstvoll trojanische baumeister, 
wie Homerus singet, ward also sehr von Minerva, der königin, 
geliebt, dass sie ihm einst anerbotten, er solle von ihre begehren, was 
er immer wolle, so werd ers erhalten. Worauff er lüstiglich: 
Lingua ferat regimen, supplimat ipsa necem: 
Meiner zungen gib die kraft, 
Ubem todt, daß hab sie macht 
Welches er auch glücklich erlangt; Mieche (sie) alsobalden die prob, 
eilete zu dem verblichenen todten-cörper Latoma seiner holdschafft, 
(welche die eifersüchtige Juno umbs leben gebracht), berührt selbige 
mit seiner zung. Et ecce und nemmet wahr! Jussa redire parat: 
Sie lebt, steht auff, geht heim nach hauß, 
Danckt ihrem mann schön überauß" s. 166. 

II, 8. 3 beruft der prediger sich suf Diodorus 6. buch und erzählt: 
„Gandericus der Wandalische könig fragte einest bei einem panqueth 
oder mahlzeit Socraten den weltweisen, was er darvon hielte, wem ein 
monarch, ein könig, ein kaiser, ein obrigkeit von füglichsten zu ver- 
gleichen wäre? Auf welchs Socrates: Oculo; einem aug." 



PBEDIOTUTTSRATTTB DES 17. JH8. 55 

An ähnlichen anachronismen und irtümem fehlt es bei den ein- 
gefügten „historien" nicht. So liest man I, 17: „in der weltberühmb- 
ten insel Ponte, in welcher Cicero sein exilium und elend auBstehen 
moßte^, und I, 419 „Bosimunda, könig Heinrichs in Engelandt ange- 
hende gespons und braut, wie Aulus Gellius schreibt, brannte der- 
massen in feuriger liebe auff gegen ihrem gemael könig Heinrichen, 
dafi sie sich nicht gescheuet, alter und gifit auft seinen wunden mit 
ihrem eigenen mund herauß zu saugen usw.'^ 

Noch einige beispiele der Übertragung aus spätem lat gedichten: 

„Mille annis jam peractis 

Nulla fides est in pactis, 

Mel in ore, verba lactis. 

Fei in corde, fraus in ÜEtctis: 

Schon über tausent jähr man zehlt, 

Daß man kein glaub noch trew mehr halt, 

Sieß wort im mund, doch lauter lug. 

Im hertzen gall, im werck betrug." I, s. 295. 

„0 felicem sortem 

Talem occumbere mortem, 

wie ein grosses glück 

Bringt ein solch letster augenblick" I, 247. 
„Wer sollte da nit billig aufspringen und mit dem newen poeten 
weinendt singen: 

Eheu! quid homines sumus? 

Et pulvis et dnis et fumus. 

Unser leben kürtzlich besteht. 

Wie der rauch im wind zergeht" I, 369. 
Dass hymnen und Sequenzen vom prediger benüzt wurden, ist 
selbstverständlich. Jedoch gebraucht er dieselben seltener, als man 
vennutet Einige beispiele: 

„Yagit in&ns inter arcta conditus: 

Eingefatscht in windelein 

Weint das kleine kindelein" I, 315. 

„Loquens magnis parvulis 

veritatis jaculis 

aeque feriebat: 

Allem z'gleich, arm und reich 

Hat die warheit er gesagt. 

Niemand gscheudt, alle gmahnt 

Blibe immer unverzagt" I, 431. 



56 ZINO£BLS 



„Qui Paraclytus diceris, 

Donum Dei altissimi, 

Föns vivus, ignis, charitas 

Et spiritalis unctio. 

Du wirst der tröster recht genant, 

Ein gab vom hohen himmel gsandt 

Du bist die lieb, der brunn, das feur 

Uns armen auf? der weit zur steur" H, 115. 

„Veni Creator Spiritus 

Mentes tuorum visita, 

Imple superna gratia 

Quae tu creasti pectora: 

Komb heiiger geist, erforscher der weit, 

Besuche die gmüther, wies dir gefalt, 

Erfülle mit gnaden vom himmel herab 

Die hertzen erschaffen durch deine genad^ 11 , 122. 

„Mors est malis, vita bonis. 

Vide paris sumptionis 

quam sit dispar exitus: 

Todt und leben 

Kan es geben 

Beden eins zu gleicher frist 

Nutzt dem grechten, 

Schadet dem schlechten, 

Schaw, wie ungleich dises ist" II, 154. 

„Sacra beato conjuge, 

Sacratior e filia, 

Nepote sacratissima: 

Heilig ist sie durch den mann. 

Höher bringts die tochter an. 

Das größte lob doch ihr entsprießt. 

Weil Jesus ihr enkel ist'' II, 234. 238. 244. 

„Ave maris Stella 

Dei Mater alma: 

Sey gegrüßt, o meeresstem, 

Grosse mutter unsers herrn" s. 271. 

„Ergo vi Vit, Nam adivit, 
Aetemae vitae gaudia: 



PBEDIOTLITTBBATÜB DES 17. JHS. 57 

So lebt er dann Der seelig mann, 
Weil gott ihm geben Das ewig leben" II, 366. 
Ähnüches I, 119, H, 102, 149. 

Das alte kirchenlied: 

„Christ ist erstanden 

Von seiner marter alle 
Deß sollen wir alle froh seyn, 

Christus will unser trost seyn. Alleluja" 
bildet den schluss der osterpredigt. 11, s. 67. 

Einigemal wird ein deutscher poet angeführt, z. b.: „Ich aber 
beschließ es mit dem teutschen poeten, sag und sing dir also: 

Mein rath will ich dir geben, 
Bitt, sey mir nit entgegen. 
Lieb gott mehr, als die weit 
Das bringt allhier die gröste freud 
Und dort die ewig seeligkeit: 
Laß die weit fahren 
Bey deinen jähren" I, 271. 

„Du bist auß jener leuthen zahl, von welchen der teutsche poet 
singt: Viel schmeichlen und liebkosen, 

Sie reden zucker und rosen, 

Seynd unter äugen gut, 
Beynebens ist ihr hertz ein schalck. 
Gefüttert mit dem katzenbalck, 
So vomen freundlich lecken 
Und binden hecken" I, 297. 

„Was der teutsche poet singt: 

Wir streben auflf der weit 

Nach vilem gut und gelt. 

Und wann wir solches erwerben 

So legen wir uns nieder und sterben" I, 373. 

Der schlussvers lautet I, 375: 

„So fallen wir nieder und sterben". 

„Lingua Deorum! Das ist die zungen der götter! oder wie es 
der teutsche poet vertiert: 

Weil die himmel uns betrohen, 

Ghorchen wir gar gern all. 

Diese stimmen seynd vom hohen 

Unser götter zom — schaU" 11, 173 — 175. 



58 ZINGEBLE 

„Auf gott und unser liebe frawen 
Steht all meine hofl&iung und vertrawen: 

singt der einfeltige teutsche poet" 11, s. 269. 

„0 schöne gottes hand, 

Wie bist allhier zu land 

So schmerzlich zu gedulden, 

Ach, wie muß man so theur 

In diesem strengen feur 

Bezahlen alle schulden" 11, s. 375, 
wobei am rande steht: „Der teutsche poet in einem bekannten gesang". 

„Die viertzigste predig. Am vierzehenden sontag nach pfingsten" 
I, 362 — 67 schliesst mit den reimen: 

„Mein rath will ich dir geben, 
Bitt, sey mir nie entgegen: 
lieb gott mehr als das gelt, 
Das bringt allhier grosse &eud 
Und dort dir ewig seeligkeit 
Laß gelt und gut fahren 
Bey deinen jähren. Amen", 

die wol dem prediger angehören. — Die reime: 

„Vor geübt Macht beliebt" I, 436 

und: ,>Jung von jähren Schön von hären. 

Schmal von landen. Weiß von bänden usw." I, 437 
sind vermutlich entlehnt 

Den alten spruch: „Trink und iß Gott nicht vergiß", ändert er in: 
Trink und iß Gott vergiß. 
Verschwitz deine ehr Dir wird nicht mehr" 

um das lateinische: „Ede, bibe, lüde, post mortem nulla voluptas" zu 
geben. 

Obwol Brinzing die meisten seiner historien und exempel der 
bibel oder der mythe, legende und geschichte entlehnt, so bringt er 
auch volkstümliche anekdoten und erzählungen bei. So z. b. n, s. 83 
die bekante geschichte von einem besoffenen bauem, die man in 
„G. Görres und Fr. Pocci's festkalender '^ in versen findet. Am rande 
steht: „Ein schöner schimpf von einem vollen bauem'', im register: 
„Philippus mit dem zunamen Bonus stelte einst einen lächerlichen 
bossen mit einem bezechten bauem an. NB. ist ein gutes ostermährl. 
Historia lepidissima." Ich gebe dies exempel volständig zur probe: 
Philippus, mit dem zunamen Bonus, der gute, königliche gubemator 



^^^^^^^H FREDiaTurtEBATUR iik;> 68 

!ier Hie spanische Nidorland, tlor hat einest einen lächerlich- doch 
denkwürdigen scbimpff angestellt. Es fände dieser hortzog, als er eins- 
Bils bey schon anbrechender naclit heimb nacher hoff fahren wolte, 
•off der offenen Strassen dort ligen einen toll, plitz, platz, sternvoUen 
bRUren, welcher mehr todt als lebendig zu soyn schine, wo ihn nit 
daß heile schnarchen nocli empfindtlich zu sein verrathen hette: volu- 
tatus in luto ac sordibus, quas vorauerat: sagen die authores: er sey 
in dopptetem koth und unrath gelegen, theila in jenem, so die gaseon 
TOn sich hätte, theils in dem, so er selbsten gemaeht. Biseii nun 
befilcht der fürst, solle man alsbald auffheben, in ein caroschen werf- 
len, nnd mit nacher hoff bringen: dictum factum: was der herzog 
befohlen, das wiu-d gehoreamlichst vollzogen, usw. Der gut toll- und 
¥oUe Hensa, kam nun nacher hoff, wie der Pilatus ins credo, wußte 
iber so wenig von sich selbsten, als ein stock auff der gassen, man 
IpüBt ihn aus der gutschen heben , ihre vier die stiegen hinauff tragen, 
. wäre Toonöthen gewesen, man hätt darzu gesungen: 
Schau Hensa schau! 
Bist du nit ein sau? 
Da trägt man d'sau die stiegen auff, 
Wers sehen will, der schnauff und lauff; 
Schau Hensa schau. 
:Bo bald nun dises newe hoffschwein (sit venia verbo), hab wollen sagen, 
ier newe hofQiinker, doch seiner selbst unwissendt, in das zimmer 
gebracht, würd er auß befelch des hertzogs außgezogen, sauberlich 
gercingt, auff hachspanisch, mit einem stolzen knöbelbart barbiert, 
tDd also in dem allerschönst- und kustbahrlicbsten zimmer deB gantzen 
.pallasts, in das herrlichste beth einlogiert. Es hat diser gute höffling 
nit vil wiegens, noch zu singen gebraucht, dann, somno vinoque sepul- 
er schliefe so munter unnd schnarchte so holdseelig, daß es 
Bchine, au0 der hoffhaltung war gahling ein ranschondte schneidtmühl 
worden. Jetz hört wunder! Zu morgens nit gar früh, sonderen in dem 
) schöne sonn schon wol einen zimlichen zirkei ihres creises abge- 
und unser newer hoff-cavalier den rausch allgemach aaßge- 
hchlaffen, da erwacht er endlich, sieht hin und wider, verkehrt die 
liagea, als wie ein kalb im stattelbogen, verwundert sich nit wenig, 
■ sein, sonst so harter strohsack, in ein so weiches federbeth ver- 
irandlet; greift auff den kopff, und ziecht herab ein überanß kostbahre, 
init goid und pr?rlein gestickte scblaffliaiiben , trähta in den bänden 
l>fltermahls herumb, kan den bandol nit genugsamb fassen, setzt doch 
Irider auff, und fragt sich selbsten voller frcwdeu: sumno ego vel alius? 



60 ZINOEBLE 

bin ichs, oder bin ichs nit? die kunstvoll- und überkostbahre vorhäng 
an dem beth, der gantz pur vergulte himmel der bethladen, die schön 
planiert und kunstlich außgemachte stöhlen und säulen machen ihn 
allgemach glauben, er sey einmal kein baur mehr, sonderen entwedera 
in die zahl der götter mit der Minerva verzuckt, oder in einen könig, 
wie Diomedes, verwandlet. Endtlich springt er voller frewden auB dem 
beth, siebet noch mehr schönes an den tapezereyen, schillereyen, ge- 
mählten usw. ünder andern aber einen Spiegel , der das gantze zimmer 
gleichsamb in einem epylogo oder kurtzen begriff kunstlich repraesen- 
tierte: vor disem stund nun unser Gouemier mit so begihrigen äugen, 
daß er schine gar verzuckt zu seyn. Nichts aber auß allem, was er 
darinn gesehen, gefiele ihm besser, als sein spannischer hart, schrye 
deßwegen nimmer zweifflendt, sonderen voll deß glaubens auft: Mein 
aydt ich bins. Ja du bists, aber was? der alt bauren Hensa, und 
sonst gar nichts. Indessen, ex condicto & jussu principis, lieffen der 
diener, der laqueien, der bagi, der edelknaben, der hofl^ünkeren so vil 
zu, daß das zimmer angefüllt wurde; einer brachte pantofel, der ander 
hosen und wammes, der dritte kragen und handdezel, der vierdte etwas 
anders; warteten dem frembden printzen nit änderst auff, als war er 
ihr natürlicher herr und fürst: Aller aber reden und anbringen war 
insgemein: sie erfrewen sich hertzlich, daß ihre durchl(aucht) die ver- 
strichene nacht so süeß geruhet und so glücklich passiert hette. 

Nach disem allem, in dem er angekleydt, der regierung nun 
würklich sich undemommen, sagt Archimedes Christianus: so hab er 
sich also maisterlich in den handel geschickt, daß mäniglich hett glau- 
ben soUen, er wäre ein gebohrner printz: tot felicitatibus beatus, tot 
honoribus affectus, in aulä se habuit, non ut rusticus, sed ut heros 
herum, ut eorum princeps: dann durch so vil gluckseeligkeiten groB 
gemacht, und durch so vil ehren tbietungen angefrischt hat er sich zu 
hoff nit als ein baur, sonderen als ein fürst eingefunden: bey der taf- 
fei, nach der taffei, under tags, ja die gantze zeit seine grandeza also 
spannisch spendieret, daß er bey sich selbsten, und alle, so deß spils 
unwissendt, vermeynt, ja geschworn hätten, hie est: der ists: allein 
mit anbrechendem abendt, imder wehrendten nachtessen name auch sein 
regiment ein eudt: dann der hertzog Philippus in persohn, als andere 
cavalier, so schon darzu underrichtet waren, deckten den guten bau- 
ren, so der zeit einen regentcn, wenigsts bey sich selbsten und seiner 
einbildung nach vertretten, also mit trinken in dem allerkostbähiisten 
wein zu, daß er, wie deß anderen tags, abermal plitz, platz, stem voll 
worden, in jenes orth, wo er gestern gefunden , mit seinen alten htsor 



PREDIOTLITTSRATUR DES 17. JHS. 61 

ren kley deren getragen, in dem koth vorlieb nehmen müeßte, usw. 
Da hett dann der spaß ein end, das regiment gwann ein loch, der 
hofif war voller lachens, und der gute baur wußte nit wie vil es 
geschlagen, usw. Die einbildung allein von seiner gewesenen gluck- 
seeligkeit blibe noch in der memori, wie er aber darzu und darvon 
kommen, wußte er weniger, als der esel von der lauten. 

Unter den vielen historien und fabeln, die nicht jfremd sind oder 
verbreitet waren, kann ich nur folgende nennen: Historia faceta oder 
lächerliche geschieht von einem doctor medicinae mit seinem gumpeten 
maulesel I, 154. — Histori von dreien Studenten und einem teufel, 
welcher ihren diener vertreten I, 162. — Lustige histori von einem 
Schalksnarren und seinem glückshafen auf dem reichstag zu Begensburg 
1, 196; im zweiten teile: die weitverbreitete legende, wie eine kloster- 
jungfirau sich die schönen äugen ausgestochen habe, um einen in sie 
verliebten jüngling von böser liebe zu heilen I, s. 306, die bekante 
legende von Theophilus 11, s. 205, der eine ähnliche legende von einem 
jüngling in Regensburg folgt s. 205. Von Skanderbegs säbel, der so 
gut, dass er einen gehamischten mann entzweien können s. 170. 

Unser prediger greift aber auch zu fabeln, um Sittenlehren zu 
geben, so z. b. „Fabel vom kranken löwen, ehrabschneiderischem wolf 
und dem lustigen fuchs'' I, 205. „Fabel vom löwen, baren, wolf und 
fuchsen, wie der fiichs sich hoff lieh entschuldigt, daß er nit in deß 
löwen böten möchte'' I, 359. „Fabel abermahlen vom löwen, baren 
und fuchsen, wie sie mit einander auf die jagt gezogen und den raub 
geteUt haben" I, 393. 

Für kulturgeschichte, alte brauche gibt der prediger auch einige 
beitrage. So berichtet er über das „blindemausen*' (blinde kuh) fol- 
gendes: „Das blindemausen macht mir den eingang! wer es nicht kann, 
den will ich es lehren; merkt wol auf: beim blindemausen, welches 
die kinder, die hüben, die mägdlein, die Jugend vor all anderer kurtz- 
vreil gern treibt und oft spilt, da finden sich ein dreierlei Sorten der 
leut und persohnen. Erstlich sein die zuseher, welche da nit mit spi- 
len, doch aber kurtzweil halber dem spil gegenwärtig seynd und zu 
schawen: hemacher ist der jenig, welcher den blinden führt und mit 
verbundenen äugen suchen muß; und letstlich seyn die, welche in das 
spil gehören, mit machen, sich verbergen und suchen lassen. Wann 
nun der gute tropf, welcher zum suchen verdampt ist worden, sein 
ambt zu verrichten allgemach anfangt, hin und wider mit blind ver- 
bundenen äugen und außgespanten armben seine mitspiler suchet, so 
moB er sich in der warheit nur zur gedult richten, des zupfens, des 



62 ZINOERLX 

rupfens, des vexierens, des verlachens, des anfiihrens ist kein end; 
bald ertapt ihn einer beim armb, ein anderer beim haar, der dritte 
beim küttel, der viert beim faß, der fünft oder sechste anderstwo und 
muß sich also nur darein schicken, biß er einen erwischt; under des- 
sen aber hat er vil gefahren und elend zu gewarten, er stoßt als ein 
blinder binden und vomen an, er lauft an stül und bänk, an tisch 
und Öfen, an mauren und wand, ja büeßt so oft ein, daß ihme das 
suchen verlaiden möchte, doch hilft nichts darfür, so lang und viel 
muß er der sucher seyn, biß er endlich einen ertapt, an sein stell 
bringet und erlößt und was noch das ärgist und elendest ist, weil 
nit alle im spil, die gegenwärtig, sondern theils leut auch nur Spec- 
tatores und züseher seynd, so bekommt der blinde tropf oftermals den 
imrechten, ergreift einen, der nur zusieht und nit mitmacht, vermeint 
der handel seye gewonnen, hebt ihn freudig stark, thut die larven 
eilends herunder, aber spürt erst am end, wann er die äugen aufthut, 
daß es gefahlt ist; da lachen ihn alsdann auß seine gesellen und gespi- 
len, seine mit-consorten und zuseher, mit einem wort, er wird zu 
schänden, muß den spott zum schaden haben und entweders auf ein 
newes vorthun und wider anfangen oder aber gar vom spil ausgeschlos- 
sen seyn und hinder den ofen schlieffen. Dieß ist und heißt blinde- 
mausen, ist also in diesem spil nit alles gold, was glantzet,. nit alles 
aigen, was man erhascht, nit alles gewinn, was man fangt". L 167. 68^. 
Auf den totentanz beziehen sich I, 374, 375 die stellen: 
pDu gehest aus oder ein. 
So steht der tod und wartet dein*'. 
„So komt der tod und heisst: Vade mecum: 

S'ist auß mit dir, 

Komb her mit mir. 

Leg ab den Crantz 

Zum todtentanz**. 
In der ersten predigt des zweiten teiles bespricht er neujabrs- 
wünsche und geschenke und weist diese sitte schon bei den alten Rö- 
mern und Cretensem nach. S. 2. Ausführlicher spricht er s. 222 %g. 
über das gesundheittrinken. (Am rande steht: „Vor alter hat man 
auch schon dapfer gsundheit trunken" und er beruft sich auf den h. 
Basilius, den hönigflüssenden kirchenlehrer Ambrosius und Augostiniis 

1) In ähülicher weise beschreibt P. Conrad von Salzburg das Mindfttu yinffli 
in einer predigt: Fidus salutis monitor (Salzburg 1683) s. 120. Ich habe die stalle 
in meiner schrift: Das deutsche kinderspiel im nuttelalter (LuisIneViqIc 187SI -& 44 
mitgeteilt 



PBEDIGTUTTBRATÜB DBS 17. JH8. 63 

den gpossen), wie über die luftgeister. Nicht alle verstossene engel 
sind in der höll, sondern deren vil sind bei uns in der weit, in dem 
Inff usw. I, 85. 86. Auch über die Sagittarii, die pfeilschützen, 
die mit hilfe des teufeis hinschießen und den entferntsten verwunden, 
macht er grössere mitteilung 11, 137. Es sind dies die sogenanten 
„fireischützen". 

Bei der so häufigen Vorführung von aussprüchen der apostel, 
kirchenväter und dichter usw. lässt er es an rühmlichen epitheta 
der autoren nicht fehlen, z. b. „Der weltprediger Paulus*' 11 , 1, 
„Der grosse weltprediger Paulus" 11, 333. „Mathäus, der geheime 
secretarius der allerheiligsten dreifaltigkeit'' I, 201. „Der hönigflie- 
Bende Ambrosius" I, 279. „Der hönigfließende Bemardus" n, 74. 
„Daniel der Goldfromme" I, 427. Auch die heidnischen Schriftsteller 
nent er nicht blind, sondern gibt ihnen ehrende bezeichnungen, z. b. 
„Der römische wolredner Cicero", ü, 1, „Der weise Seneca" 11, 20. 
„Ovidius der poeten printz und könig" 11, 401. „Der berühmte poet 
und gewaltige reimendichter MartiaUs" I, 191 usw. Esopus nent er 
aber den „wunderbarlichen Fabelhans" I, 78. 

Ein frisches leben gewinnen diese predigten durch die anreden 
an die zuhörer, mit denen er manchmal gespräche führt Die gewöhn- 
lichen formein sind: „Werthiste zuhörer", „Andächtige zuhörer", „Lieb- 
ste zuhörer", „Herzliebste zuhörer", „Andächtige, außerwählte, aller- 
liebste zuhörer", „Außerwöhlte, andächtige Christen, allerUebste zuhörer", 
„Andächtige brüder und schwestem", „Andächtige hertzen", „Außer- 
wehlte hertzen". Allerliebste hertzen". Eine stehende formel ist „Ewre 
lieb und andacht". Oft benent er aber auch seine zuhörer „sünder". 
„Hast du es gehört, mein sünder?" I, 7. 11. „Da merkt auf, ihr Sün- 
der und Sünderin, da spitzt ewere obren, ihr kinder der weit" I, 23, 
vgl. I, 41. 67. 70. Er wendet sich aber nicht nur an seine zuhörer, 
sondern in apostrophen an heilige und andere personen, z. b. „Holla, 
weiser Salomon, ein andere gleichnuß her!" I, 279. „Pfui dich, Da- 
vid!" I, 317. „Aber holla, Pilate, gemach an, gemach an, wo hinauß?" 
I, 432. 

Zum Schlüsse noch eine probe: „Bey den durstigen zech- und 
Saufbrüdern ist ein algemeines Sprichwort, welches also lautet: Anse- 
mm convivia sunt gratiora, das ist: Mit den gänsen ist es gut essen; 
wollen sagen: gleichwie die gäns auf faiste waiden, langes gras, gutes 
fdeter und grtLne beiden nit lieben, achten noch verlangen, es sey denn 
daxbegr oin nasse pfutz, kühler brennen oder wasserstrom, in welchem 
fstige Zungen zum oftermahlen befeuchtigen, abkühlen, ein- 



64 QOLTHEß 

netzen und laben können; also und auf gleiche weis lieben sie die- 
jenige tisch, häuser, mahlzeiten, bruderschaft und Zusammenkünften 
am eifrigsten, wa der weihbronner bier oder wein ist; wa der geseng 
gott herr wirth ist, wa der schenk ein Juncker keller ist, und wa der 
trinkauß Jungfrau köchin ist Mit einem wort sagen die Saufbrüder, 
da ist es gut gast seyn, wo das tranks ein mühlrad treibt, wa der 
trukne tisch abgeschafft ist, wa der gläser und kannen so tu auf 
der tafel, als stund im somnierlangen tag" I, 150. 

GUFmAUN. IQNAZ ZINOERLE. 



KONEAD HOFMANN. 

Am 30. September 1890 starb ia Waging bei Traanstein, wo er sich in den 
sommerferien zur erholung aufzuhalten pflegte, E. Hof mann, professor für altdent- 
sche und altromanische spräche an der Münchener hochschule. 

Alberich Eonrad Hofmann war geboren am 14. november 1819 in der ober- 
fränkischen Benediktiner -abtei Banz in der nähe von Bamberg. Sein vater war her- 
zoglicher rentamtmann daselbst. In Banz inmitten einer schönen natur verlebte er 
seine kinderjahix). In Bamberg durchlief er die 6 klassen der dortigen vorbereitungs- 
schule in drei jähren und wurde 1830 ins gymnasium aufgenommen, das er 1837 
absolvierte. Hofmann bezog zunächst die Münchener Universität, ohne sich über die 
wähl seines künftigen lebensberufes völlig klar zu sein. Von 1837 — 43 hörte er 
philosophische, mcdicinische, endlich philologische Vorlesungen. Durch Massmann 
und Schmeller erhielt er die ersten anregungen für die germanische philologie. Nach- 
dem er sich endgUtig zum Studium der philologie entschlossen hatte, besuchte er 
Erlangen, Leipzig und Berlin. Er trieb namentlich orientalia, sanskrit, zend, nor 
bisch und palaeographie. Am 29. jaimar 1848 promovierte er in Leipzig mit einer 
abhandlung über eine upanishad; die dissertation wurde aber nicht gedruckt. 

Im jähre 1850 — 51 hielt er sich in Paiis auf. Die französische reise übte 
eine nachhaltige Wirkung auf seinen ferneren studiongang aus, indem er hier zum 
ersten mal dem romanischen nahe gefühi-t wurde. Auf den bibliotheken lernte er 
das französische mittclalter direkt aus den (quellen kennen, von denen er eine grosse 
anzahl in eigenhändigen abschriften besass. Er kehrte nunmehr wider nach München 
zurück. Schmeller nahm sich seiner an und gewann ihn für die universitätslaofbahn. 
Noch wähi*end seiner akthität schlug ihn Schmeller der fakultät als nachfolger vor, indem 
er selber von seiner profcssur zui*ücktreten wolte (vgl. J. Nicklas, Sohmellers leben 
und wirken s. 163 fg.). Der tod Schmellers am 27. juli 1852 erledigte die stelle 
rascher, als alle beteiligten es gedacht. 1853 wurde Hofmann ao. professor an der 
Universität; 1853/54 war er zugleich als praktikant an der hof- und Staatsbibliothek 
tätig und bcnüzte diese zeit dazu, den von Schmeller so musterhaft geordneten hand- 
schriftenschatz , vornehmlich den deutschen teil durchzuarbeiten. 1853 wurde & 
auch ao. mitglied der akademie der Wissenschaften zu München. 1856 erfbigts 
emennuDg zum ordentlichen professor, 1859 zum ordentliohai mitgjied dar 
1857, 1858, 1859 machte er mit ^köni^cher unteirstataims 



fOjsaion, Oxford, St. Gnlloi 
I und romviisclieii spracliE 
. bd. 50, 1860, 
I (nn sehr weites fi;ebiet, inijetii 



6B 

nnil Btiiii. lim Studien auf dem gebiet« der 
amuBtelicu (vgl. Gelehrte anzeigon änT k. 
43 — 46). In seinen vorlasungen umfasste er 
neben roniEiniscli und germaaiRch liia I8G4 
^^heb über sBoakrit iind palaeop'atibie rortnie. Am 13. Oktober 1869 wurde er ofß- 
^^Ul neben dem altdeutsolieii auch mit der Vertretung des altromanischen an der 
Hpfitochenei bochscbolo betntut. Bis zum Schlüsse des lezteu aommerBemeBters hielt 
Bfr Mtllcgien, und zwar pflegte or meistens im Semester zwei grosse vieretündige und 
Bx«ei ld«ioe, zwei- oder einstündige Vorlesungen aus beideu gebieten xu haiton. 1871 
^ta|r er kiuo niitglied der konigl. dänischen altertiunsgoselsohaft eruont worden. 
^^L Ans fiofmsnns Privatleben ist mitzuteilen, dass or sich 1S53 xum eiston male 
^BfealUte mit Marie Krause, der tochter des philoso|jben Krause. Sieben kinder 
^Hgfe|Rn^ii dieser ehe, drei von ihnen giengen dem vater im tode voran. 1684 
^King Hofmann eine zveite ehe ein. 

^B nnfmanu entfaltete namentlich in der ersten zeit seiner okadomiBchen laufbahn 

^Hk! r«ge schrirtstoUerische tütigkeit. Von seinen textansgaben sind ta nennen Amis 
HEtI Imiks nud Jourdain dp Bkivien 13^2; 2. aufl. 1882; rürartz de Rossilbo 1855 — 
^P.]fi&7; Priinavera y Hör de romances 18ö6 (mit Ford. Wolf zusammen); Joufrois 1880 
K'tUi Honcker); unvollendet blieben eine ausgäbe der l^anson de Roland nach der 
' Ortorder und Tenedigor haadHctmft und Karls des grossen pilgerfahrt anglonennän- 
niMh, kimrisch und englisch, beide im vertag der k. Iiayer. ak. d. wiss. 1866, aber 
k licht im buchhaudel ansgegeben. Von deutscheD texten führe ich an das Eildebrands- 
i M 1850 (mit Vollmer); Lutwina Adam und Eva 1881 (mit Wilh. Meyer); unvoUen- 
^HAt wider Beioaert de Vus nach der Brüsseler und Comburgor liandsclirift. Zahl- 
^^Bfehe textkritiscbe und litterorbistoriBcbe aufsützo veröffentliohte Hofmann in den 
^^PtUumdltmgen und Bitüimgsberichten der Munch«ner Akademie; in den Denksotuiften 
^p inchienen Onillaumo d'Orenge (abh. VI, 3, 1852); ein katalan. tierepos von Hamon 
M labh. XJI, 3, 1871); Zur textkritik der Nibelungen (abh. XID; 1. 1872); Die 
»HWpmdische übereetzung der predigton Gregors über Ezeebiel (abh. XVI, ], 1881), 
Oter Schmefler hielt er 1885 eine rede, wslehe in den Denkschriften der akodemie 
TW selben Jahrgang verölTenUicht ist Schon früher hatte er in den Gelehrten anxei- 
pa to atademie bd. 40, 1855 nr. 14— 16 über des sei. Scluneller amtliche tfib'gkeit 
B der k. Staatsbibliothek, und nr. 33 über Schmellers litterarischen nachlass berich- 
M. 7aa schritten Hofmauns, welche der geschichte, nicht der phOologie im engeren 
•"U» xuUlen, nenne ich tjuellen zur geHcbiehto Priedriebs des siegreicheu, l)d. I 
Xatttnas von Eemnat und Eikhart Artzt; b. 11 Beheim ncd Eikbart Aitzt, erschienen 
"1 iw Quellen und erörteningen zur bayer. und deutschen geschichte 11 u. HI 1862 
*rt 1883; dann das Spnichgedirht des Hana Schneider über Ulrich Schwara von 
'<iSrtiDi]g in den Sitzungsberichten der akad. 1870 T. Neben diesen gi'öaseren arbei- 
**■, dereu blosser titel ohne weitereu kommentar bereits wol ein genügend deutliches 
Wd von Hofmanufi Vielseitigkeit und weitumfaas enden stndiea gibt, laufen noch viele 
"Vnm artike) her, die in den Gelehrten anzeigen and Sitzungsberichten der oksde- 
""^i in VoUmoellers Roman, forschangen, in der Zeitschrift für deutsches altertum 
•"■ verfilfentlicht wurden. Ein Verzeichnis dieser oft sehr wortvollen achritten findet 
^ hn Almanach der königl. hayer. akad. d. wiss. für das Jahr 1884 s. 192 fgg. 
"BiBiteiifiiiTert ist noch Hofmanns rede über die gründnng der Wissenschaft altdent- 
""■r (iinrhe und litteratur, erschienen im verlag der akad. 1857. 



66 OOLTHKR 

An Hofmanns textkritischen arbeiten wii*d sein scharfeinn in entzifiFerong schwie- 
riger handschriftenstellen and bei herstellang des verderbten Wortlautes gerühmt Bei 
seinen litterargeschichtlichen Schriften gab ihm seine ausserordentliohe Vielseitigkeit 
und seine grosse belesenheit oft die mittel zur erklärung der quellen fast spielend an 
die band; namentlich besass er eine eingehende kentnis der realien des mittelalters; 
er kante genau diejenige litteratur jeder gattung, welche im mittelalter verbreitet 
war. So gelang es ihm denn auch, manche verdeckte anspielung in den denkmälem 
aufzufinden und zu erläutern. Ganz besonders zeigte sich dies bei seiner erklärung 
Wolframs von Eschenbach, der ihm imter den alten dichtem der liebste war. Das 
vertrautsein mit dem altfranzösischen einerseits, mit den algemeinen mittelalteiiiehen 
Verhältnissen in allen ihren zweigen andererseits sezte ihn in stand, das geistige 
leben Wolframs, seine seltsamen Umformungen und Verarbeitungen der ihm zu gebot 
stehenden imd von seiner zeit dargebrachten wissenschaftlichen kentnisse zu versteh(»i 
und zu deuten. Leider nur hat Hofmann gerade von seiner Wolframforschung fast 
nichts veröffentlicht. Ein hauptsächlicher vorzug seines Schaffens liegt überhaupt 
darin, dass er bei der erklärung der alten denkmäler sich ganz imd gar in die zeit 
ihrer entstehung zurückzuvoi'setzen vermochte und demnach vermöge seines reichen 
Wissens auch aUo die verschiedenen einflüsse, unter denen das werk möglicher weise 
gestanden haben könte, rasch und sicher zu bestimmen wüste. Hinsichtlich derKyot- 
frage glaubte Hofmann entschieden an eine reine fiktion Wolframs, dem seiner mei- 
nung nach nur Christians unvollendeter Perceval vorlag. 

Einer Zersplitterung der kräfte, einem blendenden geistreichen vielwissen redete 
Hofmann durchaus nicht das wort; er wüste sehr wol die grenzen zu bemessen, über 
die ein einzelner nur schwer hinausgelangt, und im hinblick auf ein tiefes gründliches 
wissen, auf eine selbständige kritik des forschers schien ihm die teilung ins mittel- 
alter und in die neue zeit als eine notwendige. Dagegen selten bei einer arbeits- 
teilung nun auch auf dem einzelnen gebiet die weitesten anforderungen ihre erföl- 
lung finden. In diesem sinn verlangte er namentlich vom deutschen philologen mit 
entschiedenheit eine selbständige kentnis des romanischen, insbesondere des altfirao- 
zösischen; denn ohne diese sei ein richtiges urteil in Sachen der mhd. liHeratur- 
geschichte schlechterdings unmöglich. Die Vereinigung der altromanischen und alt- 
germanischen Studien, insbesondere die klarlegung der Wechselbeziehungen zwischei^ 
den führenden germanischen und romanischen Völkern im mittelalter war seiKi 
lieblingsgedanke, für den er besonders im coUeg mit gi'osser wärme eintrat; er ve:K'' 
stand es auch, dem schüler und hier ^^ider insbesondere dem germanisten die rick'fc* 
punkte aufzustellen, nach denen man zumal unter seiner leitung in kurzem 8i( 
zurecht zu finden vermochte. So wie Hofmann es meinte und betrieb, war die ve 
einigung des altromanischen und altgermanischen keine Zersplitterung der Studien d« 
einzelnen, keine ausbroitung und Zerstreuung des wissens in die weite, sondern eii 
durchaus einheitliche harmonische Vertiefung, eine von den tatsachen gebotene fo^^^ 
derung. 

Hofmanns wissenschaftlich -schriftstellerische tätigkeit findet ihre notwendi|^^ 
ergänzung in seiner lehrtätigkeit. Nicht allein in den Vorlesungen, die er frei 
ungezwungen, oft humoristisch und drastisch, wie es der augenbliok gab, zu 
pflegte und in denen er sich an kein festes thema band, sondern aadi im 
kam stets seine ganze volle individualität zum ausdruck, dem einiftliiWi 
ebenso wie im kreise seiner schüler. Wer ihn so aus aeinfir IaIi 
poi'sönlicliem unigango kennen lernte, der konte lebb 



KONRAD HOFMANK 67 

Schriftsteller zu keinem grösseren, systematisch angelegten und ausgeführten werke 
gekommen ist, wie viele themata er auch, und zwar häufig von ganz neuen gesichts- 
punkten aus, lichtvoll behandelt hat. Gerade bei seinem umfassenden wissen hätte 
er etwas bedeutendes und grosses leisten können, wenn er einmal halt gemacht und 
die ergebnisse seiner forschung methodisch dargestelt hätte. "Wir meinen damit 
namentlich eine grössere htterargeschichtliche arbeit, die erschöpfend einen gegen- 
ständ, sei es nun einen Zeitabschnitt oder eine bestimte persönlichkeit behandelt hätte. 
Sein genialer eigenartiger gedankenreichtum wäre dann zur klaren objektiven Verar- 
beitung gelangt Aber dafür hat Uofmann manche schöne wichtige Unternehmung 
anderer angeregt; ich nenne hier nur die ausgäbe des Chiistian von Troies durch 
oberster, welduB aof Hofmanns veranlassung und zum teil unter seiner persönlichen 
mitwirkung entstand. 

Wer, wie ich selbst, Hofmann erst in seinen lezten jähren kennen gelernt hat, 
dürfte schwerlich mehr den vollen eindruck seiner bedeutung für die Wissenschaft so 
recht empfangen haben. Zwar seine regsamkeit und frische hat er auch in seinen 
alten tagen nicht eingebüsst; aber ich stelle mir sie noch ganz anders vor in den 
Jahrzehnten, in welchen er eine so ungewöhnlich fruchtbare und vielseitige schrift- 
steUerische tätigkeit entfaltete und überall selbständig in das werden und wachsen 
der Wissenschaft eingriff, ja oft selber den fortschritt hervorrief. Hoftnanns neigung 
war mehr aufs greifbare gerichtet; die quellen, ihre Verfasser, ihre zeit kante er 
durch und durch. Weniger sagten ihm rein sprachwissenschaftliche Studien formaler 
art zu. Zwar etymologie und worterklärung liebte er und war mitunter glücklich 
darin; doch den Sprachstudien, wie sie in den arbeiten der jüngeren generation 
betrieben werden und umgestaltend auf die alten theorien wirkten, stand er ferner 
und hat sie nicht mehr mittätig begleitet. 

Den begriff der „schule*' hat Hof mann strengstens verpönt Er liess der freien 
individualität seiner schüler stets ihren lauf und suchte nur durch geistige anregung 
auf sie einzuwirken. Auch verlangte er keineswegs ein jurare in rerba nuigistri; 
eine von seiner eigenen abweichende ansieht eines Schülers hat nie eine feindselige 
gegnenehaft zur folge gehabt Sein Wahlspruch war, wie er oft es aussprach: verum 
^ognoseere eatisas. 

Mit Hofmann gieng wider einer jener männer dahin, welche an die germa- 
^he und romanische philologie in ihrer frühzeit herantraten, ihren gewaltigen auf- 
schwung miterlebten und mit ihm gross wurden. Stets werden beide disciplinen 
^kbar und mit Verehrung Hofmanns namen imter ihien ersten Vertretern nennen. 

MÜNCHEN, OKTOBER 1890. WOLFOANO QOLTnER. 



LITTEEATUR 

^*'Undzüge der Schriftsprache Luthers. Versuch einer historischen 
grammatik der Schriftsprache Luthers von dr. Carl Franke. Gekrönte 
preisschiift (Separat -abdruck aus dem Neuen Lausitzischen magazin bd. LXIV.) 
Qöilitz, £. Bemers buchhandlung. 1888. XV und 307 ss. 8. 

ToflSagende xmtersuchung ist der erste versuch einer umfassenden darstelluug 
^'^ ' Ijdlieiv; in drei teilen behandelt der Verfasser die laut-, wort- und 

A-taü entiiiUt auch einen abschnitt über die rechtschreibung. 

5* 



68 LÜTHRR 

Der Verfasser hat ein reiches quellenmaterial henuzt und ist hei der ansbentung 
desselben mit grosser besonnenheit zu werke gegangen. In lezter beziehong sucht er 
sich in den einleitenden paragraphen mit der Stellung des Luthergrammatikers sei- 
nem quellenmaterial gegenüber auseinanderzusetzen, und komt dabei im § 6, 2 (s. 8) 
zu dem resultat, dass für die ,, feststellung der laut- und formenlehre sowie der 
rechtschreibung Luthers*^ sowol seine manuscripte als die drucke seiner Schriften zu 
berücksichtigen, von diesen aber nur "Wittenberger, von Luther selbst besorgte aus- 
gaben, zu benutzen seien. Von den beiden genanten arten der Überlieferung bieten 
jedoch dem Verfasser die drucke, soweit von diesen anzunehmen, ^dass Luther ihre 
korrektur gelesen*^ (s. 3) ein zuverlässigeres bild für die grundsätze der Schreibweise Lu- 
thers, als seine manuscripte; deim in diesen seien unzweifelhaft Schreibfehler voiiumden, 
die Luther „später auf dem korrckturbogen berichtigt oder deren berichtigong er 
wenigstens gebilligt*^ habe (s. 2). Den korrekteren gesteht Franke nur ein allerbeschei- 
denstes mass von einfluss auf die gestaltung des textcs zu; mehr vielleicht noch im 
aufang von Luthers schiiftstellerischer tätigkeit, aber spätestens von 1524 an habe 
Luther durch jene bei Christoph Walter [i. j. 1563!] erwähnten „schärferen anwei- 
sungen*^ diesem einfluss ein ende gesezt, so dass von dieser zeit an „eine genaue 
korrektur der von Luther selbst besorgten ausgaben durch ihn oder doch nach mit 
ihm vereinbarten grundsätzen anzunehmen, und ihrer Schreibweise vor deijenigen der 
manuscripte der vorzug zu geben '^ sei (s. 3). Franke tadelt hierbei Dietz und Wülcker, 
die den korrekteren und setzem einen grösseren einfluss auf die gestaltung des tex- 
tes beimässen. Aber der einfluss der drucker und korrekteren bleibt trotz Frankes 
gegenteiliger ansieht auch nach 1524 bestehen. Ich will nur einen fall herausgreifen. 
Im Anz. f. d. a. XV (1889), s. 332 fgg. hatte ich in dieser beziehung einige bemer- 
kungen über die anwenduug der umlautszeichen in Wittenberger drucken Lutherscher 
schhften gemacht. Ich hatte dort auf die grossen inkonsequenzen, die sich nicht nur 
in den drucken verschiedener ofTicinen gegen einander, sondern auch in den drucken 
einer und derselben officin unter sich flnden, bis zum jähre 1525 einschliesslich hin- 
gewiesen. Doch auch nach dieser zeit dauert die Unsicherheit fort, ja sie erhält sich 
bis in Luthers lezte lebcnsjahre. Wenige beispiele mögen dies zeigen. Nickel 
Schirlentz druckte im jähre 1541 die „Vennanunge || zum Gebet/ || Wider den | 
Tiircken. |i Mait. Luth. || Wittemberg. |1 MDXLI. — Am ende: Gedrückt zu Wit- || tem- 
berg / durch || Nickel Schir || lentz. Anno || M. D. XLI.** und widerholte denselben 
druck im folgenden jähre: „. . . M. D. XLIl. — Am ende: Gedruckt zu Wit- tem- 
berg / durch || Nickel Schir- || lentz. Anno || M. D. XUl.*^ Beide drucke stammen 
also aus der gleichen ofücin. Hier flndct sich nun — die angäbe der stelle bezieht 
sich, wo nicht ausdrücklich anders angegeben, stets auf den erstgenanten druck; 
länge und kürze der vokale sind, weil für den vorliegenden zweck unnötig, nicht 
geschieden — gülden in dem ersten druck (Bj*») gegenüber gülden in dem zweiten^ 
furchten (Biij' zweimal, Biij**) gegenüber fürdUen, in funden (Biy*») gegenüber nm 
fändefiy muffen (Biiy**) gegenüber muffen y und umgekehrt erxümet im ersten druols^ 
(Ay') gegenüber erxumet im zweiten, erfüllet (Ay*») gegenüber erfüllet, feh{\hU\^m 
(Biiy**) gegenüber fchtddig; femer können (Bij**) gegenüber kmnen. Das sohwankec^ 

findet sich aber auch im texte eines und desselben druckes. So steht in dem nrei 

ten druck erfüllen (Ay**) neben dem oben erwähnten erfüllet, muffen (s. o.) 
muffen (Aiiy »»), fürchten (Bij • By »») neben furchten (Bg*), vnfeMUdigm (Bbjj* 
neben fchuldig (s. o.). In beiden ausgaben schwankt die Schreibung dea Wortes 
den (1541: Bj% B^^ dreimal; 1542: Ää^^ dreimal, ESj* sweimal) mkou^mUm (1541 



ÜBER FRANKE, GRAMM. DER SCIlRnTSPRAOHE LUTHERS 69 

Bj" ßj**; 1542: Aiiy*) usw. Allei*dings muss bemerkt werden, dass von den hier 
übeiiiaupt in betracht kommenden Wörtern die weitaus überwiegende anzahl mit 
omlautszeichen versehen ist Viel merkwürdiger unterscheiden sich zwei drucke aus 
der officio des Joseph Klug: „Vermanung an || die Pfan*her inn || der Superatten- 
dentz der || Kirchen zu Wittern- || berg. || Anno 1543. — Am ende: Gedruckt zu Wit- 
temberg / Durch Jofeph || Klug. Anno M. D. XLiij.*' und „. . . Anno. M. D. XLUI. — 
Am ende; Gedruckt ...*', also beide im jähre 1543 gedruckt. Während in dem ersten 
dieser drucke die umlautszeichen durchweg anwondung finden, fehlen sie in dem zwei- 
ten überwiegend häufig. Ich führe folgende beispiele an: Kurfärß im ersten druck 
(Aij*) gegenüber JSur/t«r/2 im zweiten (dagegen in beiden dmcken i^r/lc« Aij* Aiij''), 
muffen (Aij* Aij** Aüj') gegenüber muffen j T&rck (Ay*») gegenüber Turek, Türcken 
(Aij*" dreimal, Aiij' zweimal) gegenüber Tureken (dagegen in beiden drucken Tärcken 
Ay* zweimal), ßüek (Aij*») gegenüber ßiick^ Sünden (Aiij') gegenüber Sunden , ent- 
fcküldigt (Aüj*») gegenüber entfchuldigt , Gedrückt (impressus, Aüj*») gegenüber Oe- 
druckt; femer hören (Ay' Aij**) gegenüber hören (dagegen in beiden drucken hören 
Aiy»), auffhoren (Aüj') gegenüber auffhoren, bofen (Aiij') gegenüber bofen, moch- 
ten (Aüj**) gegenüber mochten, können (Aiy**) gegenüber können, schüesslich Ver- 
mögens (Aüj') gegenüber vermugens. Auch Hans Lufft, der, wie ich a. a. o. 
S.334 gezeigt habe, im jähre 1524 noch sehr selten, aber schon im jähre 1525 über- 
wiegend die umlautszeichen zui* anwendung brachte, schwankt noch später, wie dies 
beispielsweise die im jähre 1539 in zwei auflagen aus seiner presse hervorgegangene 
Schrift Luthers „ Wider || den Bifchoff zu || Magdeburg! Albrecht Cai*-||dinal.||D. Mar. Luth.|| 
1539. — Am ende: Gedrückt zu Wit-||temberg durch || Hans Lufft ||M. D. XXXIX.*' 
(titel und impressum beider ausgaben stimmen in der beschreibung überein) ersehen 
lässt £s findet sich hier z. b. tourde im ersten druck (By') gegenüber würde im 
zweiten (dagegen in beiden drucken wurde als conj. prt. Diiij'), gefunder (Aüj**) gegen- 
über gefünder (dagegen in beiden drucken ^e/fimier Cij**), fchuldig (Diiij') gegenüber 
fehüldig; umgekehrt Konig (Aüj' Aiiy') gegenüber iTon^ (dagegen in beiden drucken 
Konige Aüij'), können (Dij**) gegenüber können (dagegen in beiden drucken kennen 
Düj^ Düj** Diüj'). An Schwankungen im texte eines und desselben druckes — und 
zwar finden sich diese beispiele jedesmal in beiden ausgaben — führe ich nur noch 
an fchuldig (Ay* Aüy** Diüj*) neben fehüldig (By**), fclum (pulcher, Aig**) neben 
Schone (Aüj**), gehört (By'), vnuerhort (Diiij') neben ^cÄoW (Cüj**) usw. Man sieht, 
auch Hans Lufit schwankt noch lange; aber doch gehören diese Schwankungen bei 
üim mehr und immer mehr zu den ausnahmen gegenüber der anwendung des umlauts- 
zeichens, und es hat, soweit ich sehe, allerdings den anschein, als ob dieser drucker 
sich zulezt in der tat zu fast konsequenter durchführung der umlautszeichen auf- 
geschwungen habe. Alle hier sowol wie früher a. a. o. berücksichtigten drucke sind 
derart ausgewählt, dass sie die möglichste gewähr für Luthers eigene korroktur oder 
wenigstens für den energischsten einfluss seinerseits auf dieselbe bieten. Und da 
hiesse es doch in der tat das sprachliche wollen des reformators einer bedenklichen 
^leuchtung preisgeben, weite man annehmen, dass aUe diese Schwankungen unter 
^^r ausdrücküchen genehmigung in den druck gelangt seien. Dieser Schwierigkeit 
^ die erklänmg der schwankenden imfilautsbezeichnung war sich auch Franke 
^W'ÄSt; aber er hilft sich daraus, indem er meint (s. 8), „dass Luther sich nie 
'^^ klar über den umlaut geworden*' sei, und dass er erst „wol nach dem vor- 
^^^ der nordostthüringischen kanzleien und einiger Wittenberger druckereien, wie 
^ ^on Qnmenberg, Schirlenz und Hans Lufft, die umgelauteten formen für gemein- 



70 LUTÜEB 

deutsche bestandteilo'^ gehalten habe. So wenig nun ein diesbezüglicher einfluss der 
drucker auf die autoren im algemeinen geleugnet werden soll — er muss im einzel- 
nen fall immer ei-st nachgewiesen werden — , so müste es doch auffallen, dass Luther 
sich erst so spät jener erkentnis erschlossen hätte, die umgelauteten formen seien 
„gemeindeutsche bestandteile '^ ; denn die oben beigebrachten beispiele stammen aus 
den jähren 1539 bis 1543. Vielmehr wird nach alle dem auch Franke sich der 
anerkennung jener tatsacho nicht verschliessen können, dass die drucker auch ohne 
Luthers genehmigung den text, — sei es unabsichtlich, sei es in ihrem bachhänd- 
lerischen interesse — wilkürlich änderten. Ausführlich bespricht diesen gegenständ 
F. Kluge Von Luther bis Lessing (Strassburg 1888) s. 54 fgg. Nicht zum wenigsten 
macht gerade dieser umstand die darstellung der spräche Luthers wie überhaupt 
sprachliche« arbeiten über jene zeit so schwierig. 

Verfasser nent seine grundsätze einen „versuch einer historischen grammatik 
der Schriftsprache Luthers^, und sucht diesen zusatz durch widerholte heranziehung 
sowol des mhd. und md. als des nhd. zu rechtfertigen. Die vergleichung mit dem 
mhd. resp. dem md. führt der Verfasser zwar im algemeinen, aber nicht konsequent 
durch, und mit dem aufhören dieser vergleichung hört auch die historische darstel- 
lung auf; denn eine Schilderung des Verhältnisses zum nhd. ist für eine historische 
grammatik der schriftspi'ache Luthers nicht erforderlich. Auch muss eine darstel- 
lung der spräche Luthci-s als grundlage stets den sprachstoff, wie er sich in den 
Schriften des reformators bietet, betrachten, und darf erst von diesem aus zu einer 
vergleichung mit dem stände der deutschen spräche in einer anderen periode schrei- 
ten. Aber auch dieses geschieht bei Franke nicht. Er verfalt vielmehr in den lei- 
digen fehler der meisten bisherigen Luthergrammatiker, welche die spräche des refor- 
mators im algemeinen mit dem nlid. identificieren, ihr wesen daher im algomeinen 
als bekant voraussetzen, und nunmehr sich lediglich auf dio herzählung von abwei- 
chungen beschränken, ein fehler, der dadurch nicht an härte verliert, dass Franke 
auch ältore sprachstufen zur vergleichung heranzieht. So gibt Franke z. b. folgende 
darstellung von dem vorkommen des kurzen i bei Luther: 1) kurzes i bei Luther, 
dem mhd. entsprechend, für nhd. ü, auch nhd. ie (§ 26), 2) kurzes i bei Luther, 
dem md. entsprechend a) für mhd. kurzes e in stamsilben (§ 27) und in bildungs- 
und flcxionssilben (§ 28), b) für mhd. kurzes ü (§ 29). Für eine Luthoi^grammatitK. 
historischen Charakters, wie sie Franke beabsichtigte, muste die frage vielmehr sc^ 

gestolt werden: in welchen fällen findet sich bei Luther kurzes « 1) in überein 

Stimmung mit dem mhd., 2) abweichend vom mhd. a) in Übereinstimmung mit den= 
md., b) event. weder aus dem mhd. noch md. stammend. Erst dann hätte das nhd— 
unter 1. anmerkungs weise herangezogen werden düi*fen mit der bemerkung, dass ii:=^ 
einigen dieser Wörter, die im mhd. und noch bei Luther kurzes i haben, im nhd — - 
ie oder auch ü eingetreten wäre; ebenso hätte dann aber auch unter 2a. hinzugesez — 
werden können, dass diese w^örter mit i bei Luther == md. i = mhd. e auchr:^ 
im nhd. e hätten. Noch etwas bedenklicher ist die dai*stellung des kurzen e, Si^^ 
wird folgendermasseu durchgeführt: 1) kurzes e bei Luther, entsprechend mhd ^ 
kurzem c, für nhd. ö (§35), dasselbe für nhd. r, vielleicht auch nhd. i (§ 36)— 
Dann komt als nr. 2) der § 37 mit einem e, welches nach der ansieht des ver — ' 
fassers im mhd. gar nicht, bei Luther nur „erst in spärlichen spuren*^, wohl abe^^ 
im nhd. in ausgedehntem masse vorhanden ist; es ist dies da^enige e, welche^ 
sich zwischen den diphthongen ei au eu und r in nhd. Wörtern wie feiern mamer 
(euer u. dgl. findet Darauf folgt 3) kurzes e bei Luther = md. e » sonstigem C 



ÜBER FRANKE, GBAMM. DER SCHRIFTSPRACHE LUTHERS 71 

(§ 38), und als aohang hierzu eine Verweisung für das umlauts-e auf die dar- 
Stellung des kurzen a. Die anordnung konte kaum unlogischer getroffen werden. 
Auch hier hätte zunächst e bei Luther = mhd. e betrachtet werden müssen, Unter- 
abteilungen wären dafür altes e und unüauts-e gewesen; bei dem lezten, für wel- 
ches auch so eine Verweisung auf die darstellung des umlauts würde genügt haben, 
hätte wie ähnlich oben beim i zusatzweise die notiz platz linden können, dass einige 
dieser Wörter im nhd. ö haben, denn im princip hat nur das umlauts -e diesen Über- 
gang erfahren. Paul Mhd. gr. * § 27, 4 führt allerdings auch mhd. erleschen und 
lewcy also zwei beispiele mit altem ^, für den Übergang in ö an; aber diese können 
nicht als beweismittel gegen die ursprüngliche beschränkung dieses vokalwandels auf 
das umlauts -e gelten, da mhd. lewe sowol als lehnwort als auch wegen des dem e fol- 
genden tc eine Sonderstellung einnimt, bei erl'esehen dagegen nur eine Vermischung 
mit dem trans. mhd. lesehen, welches umlauts -e hat, eingetreten ist; vgL für den 
lezten fall auch Grimm DWb. VI, sp. 1177. An diese darstellung des e bei 
Luther = mhd. e, e hätte sich dann zunächst die des e bei Luther = md. e = 
sonstigem i am richtigsten angeschlossen, und erst nunmehr, fals Frankes ansieht 
richtig ist, der inhalt des §37 mit einem e bei Luther, welches im mhd. noch nicht 
vorhanden gewesen, seinen platz gefunden. Aber dies leztgenante e war auch schon 
mhd. vorhanden, vgl. z. b. Weinhold Mhd. gr.^ § 129, und es hätte somit in die 
erste Unterabteilung des kurzen e bei Luther gehört, wenn diese erscheinung über- 
haupt an dieser stelle besonders hervorgehoben werden solte, und nicht vielmehr, 
wie auch Weinhold das a. a. o. getan, richtiger bei den diphthongen, oder gar bei 
den liquiden, denn nur durch den einfluss der lezteren, im vorliegenden falle des r, 
ist diese „zerdehnung'^ eingetreten, hätte erwähnt werden müssen. Weiterhin findet 
das kurze a bei Luther überhaupt nur erwähnung, insofern es = md. a ist und ent- 
weder mhd. kurzem o (§ 41) oder sonstigem e (§ 42) entspricht, nebst hinwois auf 
unterbleiben des umlauts. In ähnlicher weise geht es bei der darstellung des voka- 
lismuB fort. Den diphthongen widmet Franke allerdings einen einleitenden paragra- 
plien, in welchem er erwähnt, dass sie entweder schon aus dem mhd. stamten oder 
Aber ei-st durch diphthongisierung alter längen entstanden wären, gibt indessen für 
die leztere erscheinung nur wenige, aber sehr wenige, belege aus Luthers Schriften, 
während die erstere allein für au bei Luther (= mhd. oü) belegt wird. Bei der 
folgenden einzelbesprechung der diphthonge treten dann jene oben gerügten mängel 
^er darstellung nur um so krasser hervor. 

Was in dieser beziehung über den vokalismus gesagt ist, gilt in voller aus- 
dehoung auch für die darstellung des konsonantismus. 

Etwas anders liegt die sache für Luthers Wortschatz. Bei diesem können sich 
^^ agrundzüge*' allerdings eher auf die darstellung gewisser differenzen, die der Ver- 
fasser im § 136 näher bezeichnet, beschränken, da hier die lexikographie in ihre 
^hte tritt 

In dem abschnitt über Wortbildung (§§141 — 170) wird zwar sowol in dem 
leitenden paragraphen (§ 141) als auch sonst widerholt des mhd. gedacht, aber 
^ tüid. muss gar oft als alleiniges vergleichungsobjokt dienen, z. b. in den §§ 142. 
H 1. 3. 146, 1. 154. 155, 2—4. 156 — 60. 163 usw. Häufig fehlt auch diese ver- 
0fiichung; und das würde einer objektiven darstellung immer noch näher kommen. 

Dagegen führt der Verfasser in dem nun folgenden abschnitt über „wortbie- 
gting» xjßnf,^ gg 171 — 252, die vergleichung mit dem mhd. am konsequentesten durch, 
^v guis yereinzelt, wie im §244 bei der darstellung des rückumlauts oder im §251 



72 LUTHBR 

bei der bespreohung des gebrauchs von „haben*^ und ^sein*^ zur bildung des perfokts 
und Plusquamperfekts, vorgisst er auch hier das mhd. heranzuziehen und beschrankt 
sich auf eine vergleichung mit dem nhd. Einen besonderen vorzug verleiht der Ver- 
fasser diesem abschnitt namentlich vor der darstellung der lautlehre dadurch, dass 
er hier auch die regel bei Luther zu worte kommen und ihr in der aufstellung von 
paradigmaten (§§ 175. 179. 180. 198. 212. 235) gorechtigkeit widerfahren lässt 
Warum, was hier getan, nicht auch in der lautlehre durchfuhren, die doch gewiss 
dasselbe recht darauf hat? 

Die Syntax dagegen muss sich wider an einer ganz minimalen berücksichtigung 
früherer Sprachperioden genügen lassen, ti-otzdem gerade hier die vom Verfasser so 
sehr betonte Volkstümlichkeit der spräche Luthers durch solche vergleichung hätte 
interesse bieten können. Ein um so grösserer räum ist dafür der vergleichung mit 
dem nhd. zu teil geworden, häufig wider so, dass nur die zwischen Luthers spräche 
und dem nhd. vorhandenen difforenzen in der darstellung platz gefunden haben. 
Selbst da, wo Franke sich hauptsächlich auf die darstellung des Lutherschen Sprach- 
gebrauchs beschränkt, ohne vergleichung mit dem spraclistand in früherer oder spä- 
terer zeit, findet man gelegentlich nur ausnahmen erwähnt. So enthält das vierte 
kapitel der syntax (§§ 271 — 280), in welchem nur ganz vereinzelt in den §§ 277. 
278. 280 das nhd. verglichen wird, die „ab weichungen in der Übereinstimmung 
der abhängigen sazteile im numerus, genus und kasus*^, und zwar die abweichon- 
gen von der regel innerhalb des Lutherschen Sprachgebrauchs; aber von der regel 
selbst, die doch gewiss auch einen anspruch auf berücksichtigung hat, finden wir 
keine spur. 

Ein Vorzug des buches ist es dagegen, dass der Verfasser der recht schrei* 
bung Luthers eine von der des lautstandes grundsätzlich gesonderte darstelluog 
zuteil weixlon lässt; denn die nichtbeachtung dieser Zweiteilung ist auch eine tob 
den Sünden, der die meisten Luthergrammatiker bisher gefröhnt haben. Franke ver> 
wirklicht seinen „grundsatz*^ (§6, 4), indem er am Schlüsse der lautlehre einen beson- 
deren abschnitt der rechtschreibung widmet. Einleitend sucht er hier Luthers steUnDg 
in dieser frage dahin zu charakterisieren, dass derselbe im wesentlichen mit der kor*-» 
sächsischen, in einzelnen punkten aber abweichend von dieser „mit der nordostthniiiL— 
gischeu oder der kaiserlichen Schreibweise'' übereinstimme (§ 116). Schon in 
jähre 1520 begimio eine Umgestaltung der rechtschreibung bei Luther sich geltend u 
machen, die dann von 1523 an ^ganz deutlich wahrzunehmen sei*^ (§ 117); di^ 
würde damit übereinstimmen, dass Luther spätestens im jähre 1524 den dmckem j< 
schon oben er^'ähnten „schärferen an Weisungen '^ gegeben habe, von denen Ghri8t(»pl& 
Walter, allerdings erst im jähre 1563, spricht. Bei der nun zunächst folgenden 
fühnmg über die darstellung der vokale nehmen die . dehnungszeichen '^ den ]b\ 
anteil (§118 = s. 89 — 98) in anspruch. Besser würde der Verfasser diesen 
graphen die graphische darstellung langer vokale betitelt haben; denn er behindflK 
ausser demjenigen Wörtern, in denen durch ein äusseres kenzeichen die länge da» 
vokals angedeutet ist, aueli diejenigen in diesem paragraphcn, in denen kein sogeoflt* 
tes dehnungszeichen die länge des vokals kentlieh macht. Die vielbesprodieiie flirf* 
luug des Ä in seiner eigonschaft als dehnungszeichen charakterisiert der vetbtKf 
dahin, dass dasselbe ^nur** bei einem dem l>etrcflfenden laut folgenden «, r oderiA 
auslaut nach dem vokal stehe, bei vorangehendem t oder r aber vor denselben M* ^ 
Von dios(>n Inndon l>ehauptungen ist zunächst die erste inhaltlich unriohtig. 0** 
aui<>er iK^i fulgeudom n, r oder im] auslaut — für diesen fall führt verftsBeriW 



ii 



ÜBKB FBANKE, ORAHM. DER SCHKIFTSPR/kCUE LT7THERS 73 

gens keinen beleg an — findet sich h nach dem vokal auch bei folgendem l und m. 
Man mos indessen, wie es scheint, auch in dieser frage eine Scheidung der drucker 
vornehmen. So finden sich z. b. gerade für das h nach dem vokal bei folgendem / 
und ni in der von Melchior Lotther gedruckten septemborbibel folgende belege: mahl 
(mhd. mät) Jud. 3, annahmen (mhd. nämen) Ap. gesch. 7, 45, angenehm (mhd. ge- 
nofme) Lac. 4, 24, Rom. 15, 16. 31, PhiL 4, 18, angenehme Luc. 4, 19, angnehm 
L Tim. 5, 4, genehmen ü. Cor. 6, 2, fumehmßen Ap. gesch. 17, 4. 25, 2, fumeli' 
mißen Ap. gesoh. 28, 17, auffnefimen (mhd. nomen) Ap. gesch. 18, 27; dazu mit 
mhd. noch kurzem vokal vntxehlich Ebr. 11, 12, k^im Ap. gesch. 3, 2, lahmen 
Joh. 5, 3, Ap. gesch. 8, 7, auffnahm Jac. 2, 25, netimen Math. 1, 20. 5, 40. 24, 12, 
Marc. 8, 14, Joh. 16, 14. 15. 22. 24, annehmefi Joh. 5, 43, vernehmet Marc. 7, 14. 
8, 17, nehmt fl Joh. 17, 15, nehm Marc. 15, 36. Alle diese belege finden sich bis 
auf mcU Jud. 3, fumemiflen Ap. gesch. 28, 17, nemen Marc. 8, 14, neme Marc. 15, 36 
und nhemS Joh. 16, 22 auch in der aus der gleichen dinickerei hervorgegangenen 
deoemberbibel vom jalire 1522. Etwas öfter fehlt das h der vorgenanten belege dann in 
dem folio- druck des neuen testaments von Melchior Lotther dem iungem aus dem jähre 
1524, aber in einem andern drucke desselben Jahres von Melchior und Michel Lotther 
gebruder tritt es wider etwa mit derselben häufigkeit wie in der deoemberbibel auf. 
Dagegen verzichten drei von mir verglichene drucke des Hans Lufift aus den jähren 
1536, 1541, 1544/45 gänzUch auf das dehnungs-A an den angeführten stellen. Auch, 
was gleich hier erwähnt werden möge, für das in den obengenanten Lottherschen 
drucken sich findende bevahl (jussit) resp. befahl (nur der zu dritt erwähnte druck 
mit dem impressum Melchior Lotthers des iungem aus dem jähre 1524 hat befal) 
Math. 2, 12, sowie für bevehl resp. befehl Math. 2, 22 in sämtlichen vier Lotther- 
Bchen drucken hat Hans Luft in allen drei ausgaben die formen befalh und befelh. 
Für mehls Math. 13, 33 in den vier Lottherschen drucken hat Hans Lufft 1536 zwar 
ebenfals mehls, 1541 und 1544/45 aber Melhs. Auch das h in J?ierufalem, welches 
anfangs in der Lottherschen druckerei zuweilen vorkomt, z. b. Math. 5, 35. 21, 10. 
23, 37. I. Cor. 16, 3 in der September- und der deoemberbibel vom jähre 1522, für 
den eraten dieser belege auch noch in der ausgäbe der gebruder Melchior und 
Hichel Lotthor vom jähre 1524, hat Lufft wenigstens an den angeführten stellen der 
erwähnten ausgaben nicht. Für den beweis seiner zweiten behauptung, dass das h 
^ einem dem vokal vorangehenden t oder r vor denselben trete, führt der Verfas- 
ser unter seinen belegen das noch fmhd. thurßig (audax) und das substantivum 
^^<*m tkurm (turris) an, mit der ausdrücklichen Überschrift, dass das h hier „vor 
"iiid. noch kurzen vokalen" stände. Ist der vokal von tkurm denn heute lang, und 
^^t der Verfasser länge des vokals für das fmhd. thurßig an? Franke dreht die 
~te mähr vom thy die er in seiner behauptung widergibt, nunmehr um, und meint 
^^enscheinüch , dass nach anlautendem th nun auch stets langer vokal stehen müsse, 
^^ er denn auch das h in dieser Verbindung vor diphthongen als „überflüssig" 
^zeichnet, §. 126, 1. Er lässt sich überhaupt weder auf eine erklärung des h als 
"önnungszeichens im algemeinen noch in seiner Stellung beim t und r im besonderen 
^ Und so wonig auch dies vielleicht in dem rahmen des vorliegenden buches 
forderlich war, es hätte doch möglicherweise den Verfasser vor jenem bedenklichen 
"^tzer bewahrt, dass auch das h in dem häufig vorkommenden werte Jhefus deh- 
^"'"^P-Ä für das ihm folgende e sein solle (s. 93). Nein! das h verdankt hier seinen 
^tOQg lediglich einer falschen transskription der griechischen buchstaben 1112: als 
t^t woiauB dann h als solches weiter übernommen wuixie und in der Schreibung 



74 LUTHEB 

Jhesus eine ganz gewöhnliche erscheinung des mittelalterlichen latein ist Das ist eine 
bekante tatsache der paläographio, vgl. z. b. Wattenbach Anleitung zur lat. pal. (Leipz. 
1869) autogr. s. 20, von neueren etwa Prou Manuel de pal. (Paris 1890), s. 49 — 
eine tatsache, die auch schon Grotefend in seiner bekanten abhandlung über Luthers 
Verdienste um die ausbildung der hd. Schriftsprache (Abhandlungen des Frankfurtischen 
golehrtenvereines f. d. spr. I, 1818, s. 112) erwähnt, und diese schrift befindet sich 
unter den von Franke „benuzten'^ abhandlungen (s. VI). Auf rein äusserlicher Über- 
tragung aus Jfiefus beruht dann das h in Jheru federn, welches wort sich in dieser 
gestalt, wie schon oben angegeben, zuweilen in Lottherschen drucken findet 

Diese Sonderbehandlung der rechtschreibung , wie sie Franko vorgenommen hat, 
ist für die Luthorgrammatik , wie bereits oben angedeutet wurde, zweifellos ein fort- 
schritt. Indessen ist der Verfasser von seinem „grundsatz*^ noch nicht genügend 
durchdrungen gewesen, um der rechtschreibungslehre nun auch jeden näheren ein- 
tritt in die darstellung der laute zu verwehren. Im gegen teil sündigt er gegen sei- 
nen eigenen grundsatz hier in sehr bedenklicher weise. Der erste abschnitt der laut- 
lehre betritt „algcmeines über den lautstand Luthers.*' Unter dieser Überschrift wird 
im §7 die „Schreibweise* der kanzleisprache kurz erörtert, §8 handelt über die 
„einwirkung der Schreibweise der vei-schiedonen kanzloien auf Luther.* Überein- 
stimmend mit dieser Überschrift des §8 werden darin ausser mehreren wirklich laut- 
lichen erscheinungen die bekanten Schwankungen im schreiben zwischen ai und ei 
resp. ey, die Schwankungen in der „bezeichnung des umlautes von o und i«*, das 
eintreten der längenbezeichnung von ie für mhd. *, der Wechsel zwischen t , y 
und y, dd und d, die drei lezteren punkte sogar ausdrücklich als erscheinungen 
„rein graphischer natur", sowie „die graphische l>ezeichnung des langen e durch 
ce* behandelt Im § 16 des folgenden abschnittes gibt Fi-anke belege für die bei 
Luther bereits durchgeführte dehuung im mhd. noch kurzer silben. Statt hier die 
art der längenbezeichnung {ie für /, doppelschreibung, sogenantos dehnungs-A) 
als bekant vorauszusetzen oder doch in dieser beziehung auf den abschnitt über recht- 
schreibung zu verweisen, wo das allein hingehört, und dann entweder durch behandlung 
der einzelnen vokale oder durch erörterung ihrer jeweiligen stellimg, sei es im auslaut, 
sei es vor bestimteii konsouanten, übersichtlich zu zeigen, in welchen fällen sich der 
eintritt der dehnung nachweisen lässt, teilt Franke diesen paragraphen umgekehrt 
nach der art der liingeubezeichnung, also nach rein orthographischem princip ein, 
und muss dann unter jedem dieser drei punkte alle diejenigen vokale behandeln, 
deren länge in der betreffenden weise angedeutet wird. Auch das im § 60 über die 
wenigen bei Luther vorkommenden ue gesagte, deren e Franke selbst für ein zeichen 
„wol nur rein graphischer natur* hält, und welches sicher nur noch den vielleicht 
unbewussten wert eines dehuungszeichons hat, hätte in der abhandlung über die 
rechtsclireibuiig seinen platz finden sollen, etwa nacli der bosprechung des te als I. 
Dazu würde aucli das wort faet (mhd. sät) Marc. 2, 23 zu stellen sein, welches sich 
in den vier oben (s. 73) genanten Lotthcrsch(»n drucken aus den jähren 1522 und 
1524 findet, während Hans Lufft in den an gleicher stelle genanten drucken fcuU 
oinsezt Über dieses e (oder i) nach vokalen im Frankfurter dialekt handelt Wülcker 
in Paul -Braunes Beitr. IV, s. 30 fg. In dem aufsatz über „die Umlautserscheinungen 
bei Luther* (§ 18 fgg.) war es glcichfals nicht nötig, der graphischen darstaUnng 
des Umlauts einen so grossen räum zur Verfügung zu stellen, da strenggenommen 
das graphische element auch dieser ei*scheiuung in dem abschnitte über die reoht* 



ÜBEB FRANKE, QRAMM. DER SCHRIFTSPRACHE LUTHERS 75 

Schreibung hätte behandelt werden müssen. Doch lässt sich die inkonsequenz hier 
eher entschuldigen. 

Diesen erörterungen algemeinerer art, die mir für die vorliegende besprechung 
zunächst die hauptsacho waren, mögen einige speciellere bemerkungen folgen. Ich 
will nur noch vorausschicken, dass der grosse fleiss, mit dem der Verfasser die 
belege für die einzelnen behauptungen aus einer umfassenden reihe Lutherscher Schrif- 
ten herbeigeschaft hat, volle anerkennung verdient. Leider stehen dem allerdings 
auch eine reihe von schwachen gegenüber. 

In dem bereits oben (s. 74 fg.) berührten aufsatz über „die nhd. Verlängerung der 
mhd. kurzen stamvokale vor einfachen konsonanten'^ beschränkt sich der Verfasser im 
§ 16 darauf, falle anzuführen, in denen durch die bekanten hilfsmittel, die sogenan- 
ten dehnungszeichen, länge des vokals angedeutet wird. Es liegt zum teil an der 
schon oben misbiUigten anordnung der belege, dass der Verfasser nicht den nach weis 
zu führen versucht, in welchen fällen denn Luther wirklich langen vokal, in welchen 
aber er die alte kürze bewahrt hat. Und die möglichkeit dieses nachweises ist kei- 
neswegs ausgeschlossen. Namentlich die starken verba der t- reihe bieten in dieser 
beziehung ein wertvolles material. Diese hatten im mhd. in allen präteritalformen 
ausser dem Singular des Indikativ t. Hieifür findet sich bei Luther — ich beschränke 
mich hierbei auf die spräche Luthers in der septemberbibel — i und te, ersteres in 
demjenigen fäUen, in welchen dem stam vokal ein ch, ff, ff, also tonlose doppelspi- 
rans, oder it folgt, gleichviel ob lezteres allen formen des betreffenden verbums eigen 
ist, oder in grammatischem Wechsel sonstigem d entspricht, ie dagegen dann, wenn 
dem Stammvokal ein by g, n, h folgt, oder der stamm vokalisch ausgeht Man 
vorgleiche etwa folgende belege: geicichen Zo\i. b ^ 13, Off. 18, 14, ^rrt/fe» Math. 14, 3. 

26, 55, MiHffefi Ap. gesch. 16, 22. 23, 10, flritten Ap. gesch. 23, 9, erlitten Math. 

27, 19, Marc. 5, 26 neben gefehriehen Math. 2, 5. 4, 4. 6. 10, ßiegen Luc. 5, 19, 
Ap. gesch. 1, 13, erfchienen Math. 17, 3, verliehen vorrede z. Rom. abs. 1, fchriehen 
Math. 8, 29. 9, 27; das h in fchriehen ist nur hiatusfüllend, ich habe aber die 
form in dieser Schreibung als beleg gewählt, weil sie so die obige behauptung besser 
illustriert; es finden sich auch die Schreibungen fehrien Joh. 19, 6 und fchryen 
Job. 19, 12. Die regelmässigkeit dieses Wechsels im auftreten von i und ie beweist, 
dass in den lezten fäUen, also vor einfachem tönenden konsonant und im auslaut, der 
vokal gedehnt ist, dass er aber vor tonlosem doppelkonsonanten seine frühere kürze 
bewahrt hat. Über die dehnuugsfrage in mhd. zeit spricht sich Weinhold Mhd. gr.' 
an verschiedenen stellen aus, so § 15, 24, 32, 51, 55 usw.; zum oben behandelten 
fall vgl. besonders § 354 schluss, femer Bartsch zui* Erlösung 2739, Rieger in 
der einleitung zur Elisabeth s. 24 fg. u. a. m. So leicht nun von der anwendung der 
dehnungszeichen auf die länge des vokals geschlossen werden kann, so schwer oder 
noch schwerer lässt das unterbleiben dieser bezeichnungsart auf erhaltene kürze oder 
gar auf mögliche kürzung schliessen, wenn nicht wie in dem oben erwähnten fall 
eine solche schroffe gegenüberstellung von belegen möglich ist. Auch die resultate, 
die sich aus den beobachtungen über etwaiges unterbleiben der diphthongierung der 
alten längen t ü iu ergeben könten, haben für den vorliegenden zweck wenig oder 
gar keine beweiskraft. Trotz der anerkennung dieser Schwierigkeiten versucht Franke 
im § 17 aus dem fehlen der dehnungszeichen für einige fälle erhaltene alte kürzen 
nachzuweisen, stelt diese jedoch selbst zum grösseren teile als fraglich hin, nanient- 
lidi wenn der heutige obersächsische dialekt, den er zui* feststellung dieser tatsachen 
liedbeiziehti ebensow^iig wie die jetzige schiiftsprache den kurzen vokal bewahrt hat, 



76 LUTHKB 

und auch in der erwägung, dass der vokal mancher wörtor wie z. b. des nhd. jähr 
zwar von alters her lang ist, aber bei Luther stets ^ohne dehnungszoichen*' orscheint 
Dem auCsatz über die dehnung folgt der über den umlaui Das unterbleiben 
des Umlauts von a in einigen Wörtern belegt Franko zwar mit einer reihe von beispie- 
Ion, ohno jedoch auf den grund dieser erscheinung einzugehen; alte flexionseigentüm- 
lichkeiten, folgen alter woiibildung, schliesslich auch die Widerstandsfähigkeit gewisser 
dem umzulautenden vokal folgender konsonantengruppen, über die für das ahd. Braune 
in Paul-Br. Beitr. IV, s. 540 fgg. handelt, konten zur erklärung leicht herbeigezogen 
werden; siehe auch Franke §190. Nicht nur ^anfänglich* (Franke § 20) findet sich 
o/fetiberlich bei Luther, sondern auch später noch, z. b. in demLufftschen druck ,Kurtz 
bekentnis D. Mart Luthoi-s vom heiligen Sacramenf, ... Wittemberg 1544, bl. By'; 
ebenda klerlich bl. B\j*'. Soll e in erbcü und den zugehörigen Wörtern bei Luther wirk- 
lich Umlauts -e soui? Im ahd. hoisst das wort araJbeit; und dio Zusammenstellung mit 
dem stamme von crbej mhd. erbet ahd. erbi arbi, got. arbt, die schon Grimm 
DWb. I, sp. 539 machte, und die auch Weigand DWb.*I, s. 70 und Dietz Wb. zu 
Luthers deutschen schnften I, s. 111 fg. übernonmien haben, ist von Kluge EWb. s.9 
energisch in frage gezogen worden. Lexer Mhd. wb. I, sp. 88 hält die form erbeü eben- 
fals für umgelautet, ohne jedoch dies zu begründen, belegem, belegerung, jezt 
belagern y belaycrung, die Franke gloichfals für formen mit umlauts-e gegen den 
jetzigen gebrauch hält (§ 22), haben mhd. c, vgl. Lexer Mhd. wb. I, sp. 171 und Wei- 
gand DWb. I *, s. 183 u. 1047, dazu mhd. leger, ahd. legar. Hier hat die vergleichun^ 
mit dem nhd., welcher der vei'fasser zweifelsohne diesen irtum vordankt, anheilsam 
gewirkt Im §23, „unterbleiben des umlauts von au*^^ hätte eine trennung zwischen 
altem au — mhd. ou, und dem erst aus ü neuontstandenen gemacht werden sollen, 
da dies für die spräche Luthers nicht ohne belang ist; namentlich eine genaue und 
umfassende boobachtung der umlautung von au = altem ü könte aufschlüsse über 
den umlaut der dunklen vokale bei Luther und im md. überhaupt geben. Das 
geschieht aber bei Franke nicht Bei der erörterung des umlauts von o und u haftet 
der Verfasser völlig an der äusseren darstellung desselben durch die schrift Zwar 
war er schon im § 18 am schluss seiner algemeinen betrachtungen über den umlaut 
für dio spräche Luthei-s in der bibel von 1545 zu dem resultat gekommen, dass, da 
hier die umlautsbezoichnung von o und u auch in fällen stehe, wo ihn die jetzigp 
Schriftsprache nicht habe, „im grossen und ganzen der umlaut von o und u in ihr 
fast in demselben masse vorhanden '^ sei als jezt. Aber diese folgerung beruht auf 
einer plötzlichen identificierung von umlautsbezoichnung und dem Vorhanden- 
sein desselben. Diese beiden punkte müssen aber in drucken jener zeit streng 
getrent gehalten werden; das erfordert das grosse schwanken der umlautsbezeichnung 
sowol bei den verschiedenen druckem als in den drucken einer und derselben ofÜdn. 
Die notweiidigkeit einer trennung der druckerfirmen bei der besprechung dieser frage 
sieht auch der Verfasser ein und nimt deshalb eine dahin zielende sonderang im 
§ 25 verschiedentheh vor; man vgl. dazu meine oben s. 69 und früher im Ans. fl 
d. a. a. a. o. gegebenen belege. Gerade diese Schwankungen in der bezeichnang 
zwingen uns, für das Vorhandensein resp. die ausdehnung des umlauts noch andere 
quellen in anspvuch zu nehmen. Eine eingehende Untersuchung der md. reimdenk- 
mäler niuss hier den boden bilden, auf welchem weiter zu arbeiten wäre. Dem von 
mir im Anz. f. d. a, XV, s. 335 angeführten Wortspiel zwischen betiel und liftiei irill 
ich hier ein audoros zufügen aus Luthers schrift „Wider den Bifohoff zu Magdefamg 
Albrecht Cardinal. D. Mar. Luth. 1539^ Wittemberg, Hans Lufit, bL Q*: QiMk 



ÜBEB FRANKK, GRAMM. DKR SCHRIFTSPRACHK LUTHERS 77 

me der hdlifehe . . . Cardinal nicht gnug hatte / das er Schenitxen ermordet / Son- 
dern mufte auch alle feine guter nemen / wie jm die Scheppen vnd Vniuerß- 
teien haben gefproehen / als er fieh rhümet / Aber es fey Sehepps oder Bock 
. . . / da fragt der hShefl Richter nichts n^ich . . . Das erste wort ist mhd. seheffe 
schepfe, ahd. sceffin seaffin^ das andere mhd. schöpi^ schopi^, aus dem slav. entlehnt, 
czech. skopee. Auch die Schreibung Sehepps mit e statt 6 weist schon auf umlaut 
hin. Wenn schliesslich Franke im § 25, 6 behauptet, dass selbst noch in der bibel 
von 1545, in welcher die umgelauteten foimen „ganz bedeutend*^ überwiegen, der 
^umlaut*^ von o und u „regelmässig^ unterbleibe, sobald im anlaut v für t«, resp. 
die majuskeln statt der minuskeln stünden, so ist dies wider nur eine Verwechselung 
zwischen dem unterbleiben der umlautsbezoichnung und dem Vorhandensein; 
in den lezterwähnten fällen hegen sicher nur typographische eigenheiten vor. 

Nunmehr geht Franke auf die behandlung der einzeben vokale über. — 
Im § 27 werden beispiele gebracht, in denen Luther md. kurzes t für mhd. kur- 
zes e in stamsilben hat; aber hirfchafft ist mhd. herschaft mit e, und füi* hir- 
fehen schwankt das mhd. zwischen hersen und hersen, ahd. herison. Eine sub- 
somierung dieser Wörter unter die Überschrift dieses paragitiphen war daher nicht 
gerechtfertigt. — Zu § 30, 4 sei bemerkt, dass neben leinen nicht nur lintcad 
mit i vorkomt, sondern auch lynen, linen Ap. gesch. 10, 11, Luc. 24. 12 in der 
Septemberbibel. Franke will das i in linwad durch „möglicherweise . . . infolge 
der konsonantenhäufung '^ eingetretene „Verkürzung*^ erklären, „wie ja auch das 
jetzige schriftdeutsche linnen = mhd. linin hat"; Kluge im EWb. sucht viel- 
mehr zur erklärung des nhd. linnen niederdeutschen einfluss herbeizuziehen. — 
§32 behandelt „mhd. langes [sie!] ie für nhd. ü"", als belege dienen die beiden verba 
nhd. lügen, trügen, mhd. liegen, triegen mit den dazu gehörigen stamverwanten. 
Hier liegt aber kein spontaner lautwandel vor, sondern lügen ist eine neubildung von 
lug, lüge, nach gewöhnlicher annähme unter ein Wirkung einer beabsichtigten diffe- 
renzierung von liegen (jacere), vgl. Heyne in Grimm DWb. VI, sp. 1273, "Weigand 
DWb. I', s. 1111, und trügen ist dementsprechend gebildet. — Im § 39 bespricht 
Franke md. i bei Luther für mhd. und nhd. ei, führt dabei aber auch xwenxig = 
mhd. xweinxee, nhd. xwanxig als beleg auf; übrigens ist auch Mcenxic mhd. — Im 
§ 40 behauptet Franke die identität der ausspräche von e, = altem e, und e, dem 
umlaut von a, für Luthers spräche. Sein einziges beweismittel ist der tatbestand in 
der jetzigen Schriftsprache. Da aber in mhd. zeit ein solcher unterschied imbestrit- 
ten vorhanden war, so kann natürlich dieser alleinige hin weis auf das nhd. nicht 
genügen. — Die angäbe im § 41 , dass adder (= oder) in der septemberbibel „nur 
noch 4mal'^ vorkomme, hat Franke jedenfals aus Dietz Wb. zu Luthers deutschen 
Schriften I, s. YU. Es mag erwähnt werden, dass es in Wirklichkeit sich dort 
noch fünf mal findet, ausser an den angegebenen stellen nämlich noch Ap. gesch. 
3, 12. — Im § 43 wird das schwanken zwischen mhd. ä und nhd. e bei Luther 
erörtert, und dabei auch die imperative gang und ftand als belege aufgeführt. Diese 
formen haben aber niemals d gehabt und gehören deshalb nicht in diesen paragrar- 
phen. — Als einziges beispiel für mhd. o bei Luther = nhd. u wird im § 46 das 
wort maulworff = mhd. moltmorf augeführt. Aber es gibt im mhd. auch die 
form moUwerf moÜwerfe, deren vokal etymologisch wol der ursprüngliche ist, 
neben anderen formen wie mültc'erf u. a., die ebenfals e haben; ahd. finden sich 
mMwerf und muÜwurf Das beispiel ist also höchst unglücklich gewählt. — Zu 
Rmkes anseht von dem „mutmasslich*^ erhaltenen o für nhd. d in wertem wie wol 



78 LUTHER 

wonen geftolen verweise ich auf das oben bei l)€SprechuDg der dehnang im algemei- 
nen gesagte. — § 51: o bei Luther, mhd. uo, nhd. ü entsprechend findet sich auch 
in dem werte tcermot Off. 8, 11 in der septomber- und der decemberbibel; von da 
ab steht urennut. — § 52, 2 sagt Franke, dass u in fun (filius) sich bis 1520 finde; 
ein beleg, allerdings ganz vereinzelt, ist aus dem jähre 1522 in der 8eptemberi»bel 
Ap. gesch. 9, 20. — Im § 53 wird nhd. taugen auf mhd. tugen lügen zurückgeführt, 
und hieraus dur(;h dehnung des u zu ü und darauf folgende diphthongienmg des 
lezteren erklärt Das wäre ein für die Chronologie dieser sprachlichen erscheinungen 
recht interessanter fall. Leider stamt der diphthong aber aus dem schon mhd. vor- 
handenen schwachen verbum taugen tougeie Umkie, v^ Weinhold Mhd. gr. * § 420. 
wie auch von tugen präs. ind. sing. 1. 3. taue lautete. Warum solte auch die diph- 
tliongienuig nnr das verbum und nicht auch das subsi mhd. tugerU, nhd. tügeni 
betroffen haben? Vorsichtiger drückt sich der Verfasser später im § 234 aus, wo er 
sagt „für unser taugen steht [bei Luther] noch das praeterito- praesens fügend — 
Im § 59 nimt Franke für das sehr seltene uff bei Luther = mhd. nf, nhd. auf — 
Franke belegt vffvi und ufferftentniß — langes u in anspruch , während er im § 54 
für das bei Luther sich findende fufftxen fufftzen, neben dem schon seit frühester 
zeit nebcnformen mit eu einliergehon — z. b. feufftxen Ap. gesch. 7, 34, erfeufflxä 
Marc. 8, 12 in der soptemberbibel — , mhd. siufxen stuften, ahd. süflSn süftjSm, 
kurzes u resp. ü ansezt. Die geringe betonung der piilposition lässt aber eine kür- 
zung, wenn wir solche überhaupt annehmen wollen, für dieses wort mindestens 
ebenso wahrscheinlich sein wie für das genante verbum. — Bei der besprechung des 
diphthougs ei und seines vorkommeuK bei Luther, Franke § 63 — 65, fehlt ganz die 
erwähnung jenes ai ei, welches aus altem, noch mhd. vorhandenem -age — ege- her- 
vorgegangen ist , und das sich bei Luther schon allein in der soptemberbibel in msfi 
Lud, 38, meydlin Math. 9, 24, Marc. 5, 41. 6, 28, meydlyn Marc. 6, 28, meydk 
Math. 14, 11, 7neyde (plur.) Luc. 12, 45 neben magd Marc. 14, 69, Luc. 1, 48, 
megde (i»lur.) Marc. 14, 60, Ap. gesch. 2, 18, mhd. maget, ahd. tnagad, sowie io 
getreyde Ap. gesch. 7, 12, mhd. getregede, ahd. gitragidi findet; für getreyde s. wer- 
tere belege bei Dietz Wb. zu Luthei-s deutschen schritten 11, s. 109. Über dieses »" 
spricht sich schon Fabian Frangk in seiner „Orthographia ..." Wittembcrg 1531, 
bl. Dj* aus: Der Meichffner nimpt auch das fyy. der Schlefier aber das oy I f6r 
ag odder agc / Als / trenn der Meichffner fpricht / die moyt foyt / der woyn «^ 
v^nnd n^yl ic / Sagt der Schlefier j die mayt fayt / der wayn xayl vnd nayl Jf / 
für I Die nmgt fagt / der tragen xagel vnd nagel 2c. Neuerdings hat Hermann 
Fischer Zur geschichte des mhd. (Eiuladungsschrift der Universität Tübingen 1889) 
ausführhch hierüber gehandelt, dabei auch die geographische ausdehnnng dieser 
erscheinung festzustellen gesucht; das lezte natürlich nichts ohne sich von selten des 
Sprachatlasses oder derer, die ihm nahe stehen, den bekanten wamungsruf „ab^rtf* 
ten" zugezogen zu haben. Diese wamungsrufe , besonders aus der BLZ., sind höcW 
ungerechtfeiügt; im gegenteil müssen wir, so lange das material des sprachatltfses 
dem wissenschaftlichen publikum unzugänglich ist, für jede dialektgeographische ax^ 
dankbar sein, auch wenn sie zu anderen ergebnissen gelangt, als sie dermaleinst der 
Sprachatlas erzielen wird. 

Mit den diphthougon schliosst die besprechung der vokale und der veifaH' 
geht im § 07 zu den konsonantcu über. Ich werde mich im folgenden etwas kfinff 
zu fa.sscn suchen. 



Prankü liehandcll in dem kapitel über die kuuäOnimteD KasaminoD hängend nur 
,[las mhil. auskulsgesetz", d. b. die ilboiTeste dos alten regelmässigen Wechsels zwi- 
tcheu aus- und inlauteudcin konsonanten , soweit sie die schriftliche widergabe von 
Latbprs gprai^b« noch erhalten hat, der im mhiJ. auch in der schrift ener^sch her- 
vor^hoben wurde, wülirend er sieh im nhd., soweit er hier überhaupt uoch vorhau- 
deo, in der echiifl gänzlich verloren hat. Andere algemoinere maammenfassungen, 
wie etwa betracihtungen über die reste grammatischen Wechsels bei Luther, macht 
Krvtke nicht Im übrigen bespricht er in althergebrachter klossitieierung die üppen-, 
langen- und gauntenkonscnanten; l und r rechnet er den ztuigenkoDsonanten zu, — 
Unrichtig ist, wenn Franke im g G8 sagt, dass in hettlit (capnt) und seinen zu»ani- 
meDEetzQDgeii inlautendes b ,ohne ausnähme' stehe; allein aus dar Septem berliibel 
lühr^ ich dagegen an haKpImans Luc. T, 2. heu^tman Ap. gesoh. 31, 37, tnttr- 
keiephnan Ap.gesch.22, 25. rbcrheieptlailten Ap. gesch. 25, 23, vbirheieplman Joh. 
18, 12, ttithewptei Math. 14, 10. — Zu dem schwanken zwischen gekirebel und 
»Autfet u. dgl., für dss Franko keine erklSning gibt, ist zu erwähnen, dass 0. Jänieke 
Obar die uiederdentscheo elemei;te in unserer Schriftsprache (progr. I), Wriezeii 1869, 
kW in den rönnen mit f niederdeutsche lautstufe erhalten glaubt, indem er allL>rdtugs 
■vLnlherB spräche a. a. o. nur die schreibnng aehtreM anfährt; Paul Hlid. gr.' §81 
Mit in dem mhd. schwanken zwischen f und b auch in den dop])eirornieQ ttfl'vel 
wrtrf Sberbleibscl grammaüachen Wechsels. — In §70h findet sich unter dier für eine 
hittorische gramniatik höchst kuriosen üherschiift „fehlendes b n-ie mhd.* angegeben, 
tes sich bei Luther öfter gel = nhd. gelb fände. Es hätte vielmehr darauf hin- 
fewiesen worden müssen, dass gel. welches niLd. in den obliijuen kasus ein dem l 
MgeaäUB «■ hatte, bei Luther überwiegiind mit eiufiuhoni l vorkomt, zuweilen aber 
m stelle des w ein b aufweist, vgl. die belege bei Dietz Wb. U, s, 59; diesos b drang 
■ach in die nominatiTfonn, vgl. llietz a. a. o. IVraellie fall liegt vor bei dem adj. färb, 
Bthd. var «wnee», bei Luther nur noch in zusanimeusetzuugeo , vgl. Dietz a. a. a. I, 
R,631,r6mer s. v, ,bttiitfsrh' Distel, 8.362, dazu ro/yn/arft ro^/örA™ Off. 17,4. 3 in 
ikr Septem herbibel, sjiätor rofinfarben. ~ §.71, 2, ,die ainschiebung voa h oder 
p Kwistdien in und >/ oder l usw.", gehört bei exakter darstellung in die lehre von 
der TEchtschreibung. Denn b oder p in werten wie frembd bcrtimbt berömpl nimpl 
kompl ist nur die graphische bezeiehnung de^enigen lautelementes, dns auch heute 
noch au dieser stelle sich in der ausspräche findet. Nur die analogieschreibung, die 
pffH'li die sprachli'ihe verscbiodenbeit zwischen dem tonlosen auslauts- und tönenden 
ConsonAnten in der schrift ignoriert, hat in den ßllen geuanter art das b oder 
seitigt. — Dui'eb die hersehende unglückselige vei'gleichmig mit dem nhd. kom- 
I unter den lippeulauten werter, die unveTsch ebenes p liewahren, uie wnpen 
L dgl. neben icaffen. ferner tippe fioppeln, die sich bei Luther finden, gar nicht 
r erwühnnug; nur fehnuppen wird im §72, der ,iinverschobene8 pp für nhd. p/"," 
schrieben ist, hervorgehoben. Dass spSter bei der erortenmg des wortsuhatzes 
in der algemeinen überweht §136 erwähnt wird, dass lippe ein md. wort sei, wone- 
ben die obd. foriü Irfxe bei Luther nicht vorkomme, macht jene Unterlassung in der 
lantlebre nicht angesohehen. ~ Im § 78 behauptet Pranke, dass Luther „xtets" die 
form btftim = nhd. befen habe, und belegt aucti nur auslautendes m\ auslautendes n 
in diesem worte führt aber Dietz I, s 275 schon aus dem jähre 1522 an. — Zu g 101 : 
t die neben einander vorkommenden formen fioke und (löge u. a., die Franke 
dtueh die , ausspräche des g als reibelauf^, „für das verdiehtete h geschriebeu", 
P arUirt, nicht besser als reste des grammatischeu Wechsels zu betraehten sein? Die- 




80 LUTHER 

selbe erklärang gilt für § 1 1 1 ; indessen findet sich ;hier der Verfasser mit der tat- 
sache eines Schwankens zwischen ^mhd. h und nhd. g*^ in gewissen Wörtern, nhd. 
schlagen und xiehen^ ab. — In § 113, 1, ^abfall des h im anlauft, moste ausser 
dem h im anlaut „unbetonter'^ silben auch dieses abfals im subst er (dominus) gedacht 
werden; belege von 1520 — 1530 gibt Dietz I, s. 552. Über die geschicke dieses er 
in der rochtssprache hat neuerdings A. Stölzcl Fünfzehn vortrage aus der branden- 
burgisch - preussischen rechts- und staatsgoschichte, (Berlin 1889) s. 3 fg. gehandelt — 
§114 bringt als belege für den „antritt von h im anlaut*^ die formen her (illo) und 
hunden; das anlautende h dieser werter ist aber für beide ganz verschiedenen 
Ursprungs. Wurde hunden erwähnt, so musten auch formen wie haussen neben 
aussen, auch hynncn neben ynnen platz finden. 

Die abschitte „wertschätz '^ und „Wortbildung '^ waren im algemeinen schon 
oben s. 71 fg. kurz besprochen. Ich will mich mit einzelheiten hier nicht mehr auf- 
halten; ausserdem geben diese abschnitte im einzelnen weniger grund zu aussetzun- 
gen wie diejenigen über das lautsystom. Namentlich bietet Franke vielfach gute und 
ausführliche worttaboUen, die füi' manche Seiten der Sprachgeschichte von Wichtigkeit 
sind. — Im § 147, 7 rcclmet Franke zu zusammengesezten hauptwörtem auch das wert 
ferge {= fährmann). — Falsch ausgedrückt ist es jedenfals, wenn der Verfasser im 
§148, 3 unter den adjoktiven, welche die endung -en für mhd. -tn haben, wie 
hitltxen elffcnimnen u. dgl., schliesslich harin als „noch mit der mhd. endung 
in^ behaftet aufführt. Das könte den schein erwecken, als hieltiO der Verfasser 
dieses i in harin noch für lang, wie es im mhd. wai*; aber es ist bei Luther 
genau so kurz wie etwa das i in offinhar neben offenbar, welches sich häufig 
genug findet, und das auch Franki^ im § 28 erwähnt. — Die elision der nach- 
tonigen e in den mit -c/-, -en-, -er- abgeleiteten verben behandelt der Verfas- 
ser im §161, 2. £s ist bekant, dass in diesen verben bald das flezions-, bald 
das ableitungs-e synkopiert wird. Im Iczten falle meint der Verfasser, es fehle 
bei den mit -efi abgeleiteten verben sowol im infinitiv als auch bei den andern 
formen auf -en diese endung „dann gänzlich '^. Es geht aus dieser äusseruog 
nicht mit Sicherheit heivor, wie sich der Verfasser den betreffenden Vorgang denkt; 
aber es hat nach andern gleich zu en^ähnendnn behauptungen des Verfassers iii der 
tat den anschein, als glaube er hier an den abfall der endung -en. Betrachten wir 
dieses scheiubaro fehlen der endung im zusammenhange mit anderen gleichartigen 
erscheinungeu , soweit der Verfasser dieselben im laufe seiner darstellung noch erwähnt, 
so stelt sich in der hauptsaclie dabei folgendes heraus: Die endung -en schwindet 
scheinbar 1) wenn sie, wie in dem vorliegenden falle, an die mit -en abgeleiteten 
Verbalstämme tritt (§161, 2), 2) im dativ pluralis der feminina auf -in (§ 189), 3) 
wenn sie sowol in der schwachen als in der starken doklination an substantiva oder 
ac^ektiva tritt, die schon auf -e;/ ausgehen (§ 202, 5). Femer: die endung -es fiiit 
scheinbar fort 1) im gen. sing, von Substantiven, die auf -s auslauten (§ 176,1, § 181, 2); 
„regelmässig" tritt dieses ein „bei den sächlichen hauptwörtem auf -tiM* (§ 181, 1). 
Hierzu gehört 2) die crschoinuug. dass die pronominalform es häufig in nebeoBätsen 
mit dass oder als fohlt, „ohne dass es sich aus dem hauptsatze ergänzen liease*^ 
(§ 265, 4 b). Weiter: „im gen. sing, und dat. sing. fem. und im gen. plur. aller drei 
geschlechter hat Luther nach mhd. rcgel bei don besitzanzeigenden fürwörtem unter 
und euer die endung -er gewülmli(.h und zuweilen auch bei ander sowie bei kompa- 
rativen nicht" (§ 202, 7). Und schlies.slich fält die verbalendung -et bei vtulwii, 
deren stamm auf t oder d endet, scheinbar „oft ganz" fort (§ 225 g). Diese 



ÜBER FRANine, GRAMM. DIR SCHRIFTSFRACIIE LUTHERS 81 

uungen benent der Verfasser verschiedentlich an den angegebenen stellen als ^abfall*^ 
oder ^wegüall^ der betreffenden endungen, resp. ^ weglassung '^ jener pronominalform. 
Davon kann aber natürlich keine rede sein. Vielmehr liegt hier einfach eine synkope 
des endongsvokals und darauf folgende lautliche Vereinfachung des endkonsonanten 
vor. Auf diese weise wird aus der vollen form hegegenen zunächst begegenn und 
dann begegen neben der form begegnen mit synkopiertem ableitungsvokal; oder aus 
xeiehenen zunächst xeiehenn und dann xeichen, wie es sich etwa in dem substantivum 
xeiehenunierrieht neben xeicknenunterricht , oder wie sich solch nebeneinanderstehen 
auch in dem worte rechenheft neben reehnenhefl noch heute findet und schon manchem 
schulkinde sohwierigkeit in der entscheidung bereitet hat. Das scheinbare fehlen der 
pronominalform es nach dass und cUs betont schon Wunderlich Untersuchungen über 
den satzbau Luthers I (München 1887) s. 31 ; über den scheinbaren ausfall der prono- 
minalform er nach sandem und oder vgl. ebd. 8, 17 yy und dazu sowie über die 
gleiche erscheinimg bei dem artikel den nach den präpositionen an und in die bemer- 
kungen im Anz. f. d. a. XTV (1888), s. 256 fg. und s. 258. — Wie komt webem (= hin 
und her bewegen) dazu, unter die „mit präfixen versehenen und zusammengesezten 
tätigkeitswörter*^ des § 164 gerechnet zu werden? vgl. die bemerkung zu § 147. — 
§173. Die ausdrücke „der abfall des auslautenden e*8 [sicl]>, „diese abwerfung des 
e's [f]*^ können unmöglich als schön gelten; ebensowenig im § 231, 2 „der wegfall 
des auslautenden e's [l]*^, § 178 „als rest des alten u's [1]*^. — Dass der gen. sing, 
des pronomens du gewöhnlich dein und nur einmal deiner 5. Mos. 13, 17 laute, hat 
schon Grimm DWb. U, s. 1485 und nach ihm Dietz I, 8.460 behauptet. Wir haben 
aber dieselbe form auch in deyner halben Ap. gesch. 28, 21 in den Lottherschen drucken 
des neuen testaments von 1522 (sept. u. dec.), 1524 und 1526, während Hans Lufft 
(1536, 1544/45) deinet halben dafür einsozt — Im § 225 hätte Franke bei bespre- 
chong der 83rnkopierung des „e in den alten praesensendimgen -est und -et'*' die fälle 
der zweiten person, in denen sich das pronomen du (heyßu betriibßu) an die endung 
lehnt, von denen scheiden müssen, in denen das nicht geschieht, denn der antritt 
dieser pronominalform und die dadurch eintretende Verlängerung des wertes üben auf 
den tonwert der verbalen endung bestimmenden einfiuss. — Im § 227, II, 3 stelt Franke 
die imperativformon des singular ßand und ßehe neben anderen formen wie halt 
haUe als beispiele für ein schwanken zwischen erst, dem mhd. entsprechend, endungs- 
loser, später aber mit endung versehener imperativform. Soll das verbxim stehen 
hier überhaupt belege abgeben, so könte es sich doch nur um einen gegensatz zwi- 
schen steh und stehe y nicht aber zwischen den zwei genanten, verschiedenen vorbal- 
stämmen angehörigen formen handeln. Ebenso war schon im § 227, 11, 1 gang nicht 
als beleg anzuführen. — Am schluss des § 243 wird „das unregelmässige [!] 
verb sein*- besprochen. — Dem participium praesentis ist in der darstellung der 
«konjugationsendungen*^ §223fgg. eine besondere behandlung nicht zu teil geworden; 
es beschränkt sich auf ein bescheidenes erwähntwerden im paradigma § 235. Und 
doch bietet auch das part. praes. ein specielles Interesse durch die lautliche Umge- 
staltung seiner endung in -en. Ich gebe hierfür folgende belege, zunächst aus der 
Septemberbibel; der lateinische text entstamt der ausga1)e des Erasmus Basileae 
1519. Nach „werden**: Mofes aber wart zittern vnd thurße nicht anfehatcen 
(iremefaetus auiem Mofes, non andebat attendere) Ap. gesch. 7, 32; (er) wart 
zittern (iremefaetus) Ap. gesch. 16, 29; nach „sein**: «ja bgn furchtig vnd 
xitißrn (eotpauefaetus fum, ae tremebundus) Ebr. 12, 21; nach „kommen^: da 
da» weyb fahe / das nitt rerporgen war / hnm fie gittern rnd fiel für yhn 

r. DEUTSCHE PmLOLOGIK. BD. XXIV. 6 



82 LUTHER 

(pülcfis atUem mulier, quod tum latuiffet, tremens uemt ae proeidU ante pedes) 
Luc. 8, 47; deyn konig kompt rcytten auff eynem efeUs füllen (rex tuus uenit 
fedens fuper pullum a[in<p) Joh. 12, 15. Vielleicht gehören hierher auch beispiele 
wie: icie yhr yhn gefeiten Jiaht gen hymel faren (quem ad modum uidiftis cum 
e untern in coelum) Ap. gesch. 1, 11 neben vnd als fie yhm nach faken yn den 
hyffiel farend (cunique effent defixis in ccplum octdis, eunte illo) Ap. gesch. 1, 10; 
rnnd fanden beyde Marian rnnd Jofeph vnd das kind ynn der krippen ligen (et 
inuefierunt Mariam et Joseph, et infatUem pofitum in preefepi) Lno. 2, 16 neben 
vnnd fand . . . die tochter auf dem bette ligend (reperü . . . fUiam iaeentem 
fuper Icctum) Marc. 7, 30 und dazu yhr uerdet finden das kind ynn windel ge- 
wi rk eil t / vüd ynn eyner krippen ligen (inuetiietis infantem fafcijs inuolutum, 
pofitum in pne.fepi) Luc. 2, 12; vnd fand fie fchlaffen (reperü eos dormien- 
tes) Luc. 22, 45 neben vnd fand fie fc klaffend (reperit eos dormientes) Math. 
20, 40; funden fie yhn yfn tempel fitxen (inuenerunt illum in templo fedentemj 
Lu(\ 2, 40 neben vnnd fuiuien den menfcJien ... fitxend xu den fuffen Jhefu (et 
inuenerunt hotninetn fedentem ... ad pedes Jefu) Luc. 8, 35. Zu diesen belegen 
nach der soptombort)ibül verhalten sich die ausgaben von Melchior und Michel Lotthcr 
ir)24, Älichel Ix)tther 1520 und Hans Lufft 1530 folgendermassen: xittem Ap. gesch. 
7, 32. 16, 29 bleibt in allen drei ausgaben, für Ebr. 12, 21 bleibt es 1524 und 
ir)20, währond Hans Lufft 1530 dafür gibt ich bin er fehrocken vfid xittere, für 
Lu(\ 8, 47 bleibt xittcrn nur noch 1524, während 1520 und 1536 die stelle lautet 
kam fie mit xittem; reytten Joh. 12, 15 bleibt noch 1524, dann heisst es rei- 
tende; faren Ap. gesch. 1, 11 bleibt in den drei ausgal>en, für Ap. gesch. 1, 10 
bleibt faren 1524 und 1530, wälirond 1520 farend sich findet; /tVjren Luc. 2, 12. 16 
n(^lK«n ligcud Marc. 7, 30, fchlnffen Luc. 22, 45 neben feJUaffend Math. 26, 40 und 
fit^,cn Luc. 2, 40 nobon fitxend Luc. 8, 35 bleiben in dieser Verschiedenheit in alleo 
dri*i ausgaben. Diese assiinilatiou, die, lautlich niederdeutschen Ursprungs, auch in 
Mittoldoutschland vorbmtet war, machte das participium in der form dem infinitiv 
gleich. Heispiole dafür hat F. Bech im programm von Zeitz 1882 zusammen- 
gesUUt. Man vgl. hierzu übrigens noch Bohaghel Die deutsche spräche (= Das wis- 
siui der gegenwait, bd. 54) I^ipzig und Prag 1886, s. 208 fg. Diese erschoinung hätte 
eine orwiihnuug gerade in di'r wortbieguugslehro sicher verdient, auch wenn man, 
wie Franki« es siiüter in der syntax im §324 tut, zwar jene formen auf -end als 
participien bestenen lässt, diejeuigen auf -cw aber als infinitive innerhalb der kon^ 
struktion des anusativus cum iufinitivo betrachtet. Ob aber gerade das oben gezeigte 
schwanken niclit melir gegen die ainiahme des infinitivs spricht als dafür? 

Die mängol in dt*r darstoUung der syntax sind cl)onfals schon oben (s. 72> 
kurz hervorgeholKMi. Nur weniges sei hier noch erwähnt. Es ist nicht in der Ord- 
nung, wenn der vei-fasser für dii» syntaktischen erscheinungen in der spräche Luthers 
diMi lu'i woitoin giüssteii teil seiner citah» der bibel — hauptsächlich dem neuei» 
testninent — , also il«»r üKn"setzuogslitteratur entninit, wenn er auch im § 255 her— 
vorhobt, dass Luther «sell»st in seinen übei-setzungeu ... sich ... von dem direkte». 
eintlus.se fivmder spnuhen fast ganz fnugehaltcn ** habe, ,,so dass es schwer hält, 
ihm volständig undoutsche konstruktionen uachziiweisen*'. Eintlüsse fremder spra- 
chen sind nun einmal in der syntax Luthers vorliandon: solche des lateinischen führt 
Wunderlicli rntersuchungen ül»«»r den satzbau Luthers L s. 57. 00. 09 an; dazu vgl. 
man Kückert (lesch. der nhd. Schriftsprache 11, s, 122 fgg. Franke sellist gesteht für 
den )H>riodenliau (§255) diesiui eintluss uiuimwuudeu zu. für ilen gebrauch der par- 



Pbkr V 

§325, 4, des aec, c. inf. §324, bolm isougnia §335, für , einige liiilmo 
la* §359, 5. Aach Flntxhofl'. Lutbers erste psalincoüliorsetEuiig spraohwis- 
iBftlich naterauclit (diss. Halle 1887). a. 36 spnclit siüh trotz enorgiscbster 
'IntODong Ton LTithors iibersRtzungakunst für die sabtbildang in den psalmen vor- 
sichtig daMu ans, ,Atis» Luther auch bei dieser aicli längst Dicht immer durch 
it«»n [hebiiÜBchfn] pmodtest bindeu üissf. Es wäre zweifellos besser gewesen, die 
bolege für die syntox aus Luthers cigeaeti, urspriLiigliuli in deutscher sijracbo abge- 
basten Schriften zu wäMeu, um von hier aus duroh eine vergleiciiuug mit den syn- 
taktischen erscheinunson in adnon fiberactzungeu zu zeigen, wieweit oder wie wenig 
beido darin auseinandergehen. Auch kann der umstand, dass „die verachiedeueu 
Muagsben des alten und neuen testaments' in bezug auf den satzbau „wenig 
raüeren*, nnmöglich a priori als alleiniger und strikter bewöis dafür gelten, dass 
Luther „während seiner ganzen schriftstellerischen tätigfceit nur wenige 
T«rliideningoo* im satzbau vorgenotameu habo (Frante §256). — ^ § 256, 10 bie- 
trt Fnnlie einige bologe zur entwickelung des pcriodenbauos in dor spräche Luthers. 
Er üboruimt dabei, allerdings ohne (tuellonangabe, jenen irtum über Joe. 5, 4 aus 
A. Lebmann Luthers spräche in seioer übereetzun^ des neuen testaments (Halle 1873) 
s. 141 , den auch der sonst in seinen belegen durchans selbständige 'Wunderlich a. a. o. 
fL«4, aber mit r]iiel!enangabo nufnabm, und über deu ich im Anz. f. d. a, XIV, 
s. ^9 fg. mich ausführlicher ausgelassen habe. Solte Lohmanns bucli, welches nur 
di« ayotax der spräche des neuen testaments behandelt, dem Verfasser vielleicht aJs 
TorbQd gedient haben, auch seineraeits, wie schon erwähnt, eine unveitältnismSsaig 
hohe anzahl von belegen für die syntax dem neuen testament zu entnehmeu? — 
Im § 313 „der reflexive gebranah der dative t'lim ihr Urnen' behauptet Tranke zu 
anbag, ,iin mittelhochdeutschen wurde von dem reflexiv aeiner, »ich noch kein 
ilativ auf [!] sieh gebildet" und wenige zoQen apiiter „Luther . . , gebraucht . . ., 
vis teilwoise auch schon in der mittelhochdeutschen periode geschah, aieh 
besonders bei Verhältniswörtern als dativ'. Wo hat Franke mit seiner moinung 
vom mhd. nun rocht, zu anfang dieses absatzes oder zu ende? Übrigeos kernt die 
lorm jtü-A für den dativ schon bei Notkor vor, vgl. Weinhold Mhd, gr.' §475; D. Hfin- 
lel Ober den gebrauch der pronomina reflexiva liei Notkor (diss. Hallo 1876), s.S. — 
tbot die von Franko im § 324, 8 gegebenen Iwlege für den accusatinis cum iufiuj- 
tivD nach finden vgl. das von mir oben über die endung •m des part. praes. gesagte. 
Fnnke fasst trotz der daneben vorhandenen zweifellosen participialformen auf -enä 
dwfa die formen auf -eii als inRnitive auf. 

Der Verfasser hat — Abu muss nochmals ausdrücklich hervorgehoben werden — 
Siosmi fleiss auf die ausarbeituog seiner schrifC vci-want; die auewahl des i^uellen- 
""ttcriab ist BorgRiltJg, die benutzung desselben umfassend gewesen. leider ent- 
^«icht der erfolg nicht der aufgewanten mühe; auf den anfilnger kann da.s buch viel- 
"'^'H nur verwirrend wirken. In der besi/hrei bung der benuzten drucke hätte mehr 

I^'t^liü^raphische genauigkoit bewiesen wcnien tönneu, nnmentlich vermisat man die 
'^'^Snbo der dnicker. Die Utteratur über Luthers spräche ist im ganzen volstfindig; 
1"* fehlen H. Wunderlich Untersuchungen über den satzbau Luthers I. teil: die 
i^*^jiomiDa (München 1887), sowie zwei Hallenser dissortationen desselben Jahres: 
'^ Pjatxhoff Lutliers erste psalmenübersetzung sprachwissenschaftlich untersucht 
"^^ J. Lnther Die spräche Luthers in der Septem berbibel [I]. In dem anf- 
"^tao: Bestrebungen auf dem gebiete der Luthergnunmatik im 10. Jahrhundert, in 
***-'»*t Zeitschrift XX (1888), s. 37— 49 suchte ich die diosboiiiglichou bis dahin 



B4 GERING 

erschioncnen Schriften zu charakterisieren. F. Kluge Von Luther bis Lessing (Strass- 
bnrg 1888) war bei der herausgäbe von Frankes schrift noch nicht erschienen. Ganz 
neuerdings haben sich F. Kauffmann Geschichte der schwäbischen mundart (Strass- 
burg 1890) und K. v. Bah der Gnindlagou des nhd. lautsystems (Strassburg 1890) 
über verscluedene liiorhorgehürige problemo ausgesprochen. Einen index hat Franke 
seinem buche nicht beigegeben. 

BKRLIN IM MÄRZ 1890. JOHANNES LUTHER. 



The finding of Wineland tho good. The history of the Icelandic disco- 
very of America, edited and translated froni the earliest records by 
Arthur Middleton Rceves. With phototype platcs of tho vellum luss. of the 
saga.s. I^ndon, Ueniy Frowdo. 1890. VJII, 205 s. 4°. 40 sh. 

Die isländischen quellen, die von der zu anfang des 11. Jahrhunderts erfolgten 
entdeckung des amerikanischen continents durch nach Grönland ausgewanderte Islän- 
der berichten, sind, seit sie 1837 und 1838 in den Antiquitatos Aniericauae und 
Gra'nlands historiske mindesma?rker sehr unkritisch ediert worden waren, noch nicht 
wider gedruckt worden, und es war daher ein verdienstliches untemcbmen von inr. 
Keevcs, eine neue ausgäbe zu veranstalten. Diese bringt — ebenso wie die beiden 
erwähnten älteren werke — sowol den doppelt (in der üauksbok und in AM. 557, 4') 
üboriiefeilen Torfinns |)attr karlsefnis* wie die zwei nur in der Flateyjarbuk 
erhaltenen crzählungen: Eiriks J)jUtr rautta und Gra^nlendinga j)dttr (gewöhn- 
lieh zusanunengefasst unter dem titol Eiriks saga rauda). Der in den genanten 
drei handschriften bewalirte text der beiden sagas ist von Reeves auf 55 phototypier- 
ton tafeln, deren ausführung das höchste lob veixlient, volständig widorgegebeu wor- 
den; gegenüber steht ein 'zeilengetreuer abdruck, der jedoch leider — was doch 
sonst in facsimile- ausgaben nicht üblich — in normalisierte Orthographie gekleidet 
ist. Wir hätt*»n lieber gesehen, wenn der herausgcber seinen tafeln einen kritisch 
berichtigten text (diesen natürlich normalisieit) angehängt hätte: dass er dies unter- 
lasstMi, ist um so weniger begreiflich, als er in der von ihm beigefügten englischen 
ülK'i-setzung eine aii; von textkritik zu ül)en vorsucht hat, indem er beim I^orlinns 
|)attr die beiden handschriften benuzte und in der Eireks saga rauda eine lücke aus 
der jüngeren Olal's saga Tiyggvasonar ergjüizte. Er hat jedoch in der auswahl der 
Varianten aus llauksbok und AM. 557, 4° (ich bezeichne diese beiden handschriften 
im folgenden mit A und H) das richtige nicht immer getroffen und zu seinem scha- 
den auch die hilfc vta-schmäht, die hier und da aus anderen denkmälem, namentlich 
aus der Kindnamabok , zu gewinnen war, eine liUfe, die um so wilkommoner ist, als 
aus den beiden menibrauon des I^)IflIms |)attr ein befriedigender text sich nicht überall 
hei*stelleu liisst. Biude nämlich stammen — allerdings nicht in allen partien — von 
einer und deiiielben handschrift ab, aus der sich gemeinschaftliche fehler in beide 
vererbt haben*. A 93 ^ .'iO fg. = B 27 ^ 28 fg. steht in beiden handschriften fol- 

1) Warum dor liorausgebcr dio beiden hss. einer und derselben saga doroh verachiedene tital 
untorschoidot (or nont den text der Haukslx')k I'orfinns Juittr karlsofnis, den des AM. 667, 4!* 
davroiron Kirfks sai;a rautta) vorstoho ich nicht. Es empfiehlt sich, um nicht unliebsame misventilid- 
nisse zu voranlassen , 1)ci der altiMi , vronn auch nicht recht passenden bezeichnnng za bleiben, alao (Br 
den in der Ilaukslmk und in AM. 357, 4^ erhaltenen bericht nach wie vor den namen I'orfinns ^4ttr 
/n voi~vi-cnden, für dio „Vinlandssai^a^* der Flatin jarlM'ik dagegen den namen Eiriks saga ranQs. 

2) Damit ist denn natürlich auch über Finn Magnusens t«)richten versuch, die veradüedeoliMtiM 
von A und B dadurch tu erklären , dam beide unabhängig von einander alte lieder in proM KaSgMtH 



ÜBEB BEEVBS, WINELAND 85 

gendes : peir Eirikr uräu sekir d porsneapingi. Hann hjo skip (siti add. B) i Eir- 
iksvdgij en Eyjolfr leyndi honum i Dimtmarrdgi, medan Peir poryestr Icitudti 
hans um ei/jamar. Hann sagdi ßeim, at hann eetladi at leita lands ßess er 
Gunnhfqm, son Ulfs krähu, sd usw. Diese stelle, die Reeves s. 30 nach dem texte 
von AB wörtlich übersezt, ist natürlich verderbt, denn peim lässt sich auf nichts 
anderes beziehen als auf ßetr Porgestrj die feinde Eiriks, wähi'end es klai* ist, dass 
dieser die rede nur an seine freunde und beschützer hat lichten können. Schlagen 
wir nun die Landnama auf, die für den anfang dos I'orfinns {)ättr zweifellos die quelle 
gew^esen ist, so finden wir dort im 14. kapitel des 2. buches (Islcnd. sögur I^ 104) 
einen volkommen tadellosen text: Peir Eirikr urdu sekir d Pörsnespingi, Hann 
bjo skip i Eiriksvdgi, en Eyjolfr leyndi honimi i Dimimarvdgi, medan Peir por- 
gestr leitudu hans um eyjar, peir Porbjt^rn ok Eyjölfr ok Styrr fylgdu 
Eiriki üt um eyjar; hann sagdi peim usw. Die gospert gedruckten worte waren 
in der gemeinsamen quelle von A und B, die mit y bezeichnet werden mag, zw^ar 
nicht verloren — wir lesen sie in A 94% 1. 2, in B 27**, 33 fg. — aber sie stan- 
den schon dort an einem falschen platze, was nur dadurch sich erklärt, dass der 
Schreiber einer noch älteren handschrift iß) beim copieren seiner vorläge (») von dem 
ersten eyjar auf das zweite abgeirt war und infolge dessen die dazwischen stehenden 
Worte ausliess. die er aber, sobald er seines fehlers inne wurde, am rande nachtrug; 
von hier hat sie dann ein jüngerer copist (y oder der Schreiber eines zwischen y 
und ß liegenden Zwischengliedes) in den text zurückversezt, wenn auch an eine 
unrichtige steUe. Zieht man den parallelbericht der Eirikssaga (Fiat. 222") und der 
jüngeren Olafs saga (Fms. U, 214) hinzu, der ebenfals auf der Landnama basiert, 
den text derselben aber wesentlich vorkürzt hat, so wird die richtigkeit imserer 
annähme bestätigt, denn auch hier heisst es: er hann (Eirikr) var buinn, fylgdu 
Peir Styrr honum üt um eyjar; Eirikr sagdi pdm, at hann eetladi at leita lands 
usw. Die vergleichung einiger wenigen zeilen von A, B und Landnama ergibt also 
schon ein für die textgeschichte des I'orfinns {)attr nicht unwichtiges resultit, das 
ich für aufmerksame lescr nicht näher zu formulieren brauche. 

Eine zweite stelle, an der die Vernachlässigung der quellenschrifton sich gerächt 
hat, steht ebenfals im 2. kapitel des torfinns J)attr (A 93^ 16 fg. = B 27*», 13 fg.). 
A liest: Eirikr fekk pd pörhildar, döttur Jt^rundar Atlasonar ok Porbjargar knarr- 
(Mrbringu er pd dtti porbjqm hinn haukdalski; B hat statt der gesparten worte: 
en pd dtti ddr. A bezeichnet somit den PorbJQm als den zweiten gatton der Por- 
^J9rg» während er nach B ihr erster war. Reeves, der in seiner Übersetzung (s. 29) 
der lesart von B folgt (who had been married before to Thorbiom of the Haukadal 
family) hat damit einen schweren kiitischon fehler begangen, da die fassung von A 
darch die Landnama (fsl. sögur I', 103; 130, n. 11; 350), die widerum von Flateyj- 
arbok (222, 4) und von OsT (Fms. II, 213) secundiort wird, bestätigung erhält. 
Übrigens war die priorität von A auch ohne vergleichung der übrigen quellen leicht zu 
erkennen, da die lesart von A durch den nachfolgenden satz direkt als die allein mög- 
liche erwiesen wird: Bex Eirikr pd nordan ok ruddi land i Haukadal ok hjo d 
Eiriksstqdum hjd Vatxhomi, förhildr lebte demzufolge, als Eirikr um sie freite, 
bei ihrem Stiefvater torbj^ru im Haukadalr, und der wünsch, seinen nunmehrigen 
verwanten näher zu sein, war ohne zwcifel die veranlassung, dass Eirikr seinen bis- 

Uttan — eine hypothese , durch die sich wunderbarer weise selbst Möbios (Cat. 153) blonden Hess — das 
iiftoil gwpRMlieD. 



86 GERING 

herigen wohnsitz Draugar in den Yestürdir aufgab und nach dem HvammsQQrdr über- 
siedelte. Die werte Rix Eirikr — Vaixhomi muste ich nach B geben, da A hier 
einen ganz verwirten und unverständlichen text bietet. Keeves hat denn auch dies- 
mal mit recht seiner Übersetzung A zu gründe gelegt, dem hier die LiandnÄma, Fiat 
und OsT bestätigend zur soite stehen. Es ergibt sich aus dem gesagton, dass A 
und B von einander unabhängige repräscutanten des verlornen archetypus sind, dass 
bald die eine, bald die andere — zuweilen aber auch keine von beiden — die echte 
lesart überliefert hat. 

Im algemeinen erweist sich jedoch die ältere handschrift A auch als die bes- 
sere und sorgfältigere, B als die minder gute und nachlässigere. Namentlich hat 
sich der Schreiber von B eine reihe von auslassungen zu schulden kommen lassen. 
94**, 27 steht in A: pat finni pSr nüy at fe mitt fvcrr er slik rdä gefid mer — 
die gespert gedruckten unentbehrlichen werte fohlen in B. Weitere lücken finden 
sich z. b. 95% 1 (fyrir lausaßdr sakir)] 23. 24 {ok vdru allar spdkonur); 9U*, 10 
{en i vetr); 26. 27 {efi peir vistudu hdseta med h6ndum)\ 96% 6 {^d ai sinu 
rddi)\ 97", 1. 2 {aum trc — skipflaki\ die orzählung wird durch diese auslassung 
ganz unverständlich); 97% 11 {um haust it Hl nafna 8ins)\ 23 {f(iru vü nüy Gud- 
ridr)\ 98% 33 {hinum dauda)\ 98^, 15 — 18 (Madr — skipt: das äuge des abschrei- 
bors war von skipi z. 15 auf das gleiche z. 18 widerkohrende wort abgeirt); 28. 29 
{vamiwj — hafa pur fit)] 99% 12 (i fdtceku laiidi)-^ 99^, 34 (eptir pH — 8agt)\ 
100% 25 (Peir hqfdu — akinn: auch hier erkläit sich die lacune dadurch, dass 
zwei Sätze hinter einander mit Peir beginnen); 29 (pd svd smdtt); 30 {sem ddr); 
100% 1. 2 (skrcelingar — sidan); 4 (pvi tuer — saudarvqmh)\ 9. 10 (ptfiiU — 
konia)\ 28 — 30 {tök tipp — tök ein ok: widerum abspringen von tok z. 28 auf das 
gleiche wort z.30); 101% 11. 12 {alt — rjödr i); 26. 27 {ok pat — veg^ia)\ 29 (ok 
stöd — uro: hier haben zweifelsohne die kurz nach einander vorkommenden Wörter 
vdru und uro den ausfall verschuldet); usw. usw. — 101% 5 liest A: vdru par 
fyrir alls ynottir pess er Peir Purftu at hafa; B hat statt dessen nur: er Par alU 
konar, hat also das Subjekt hinzuzufügen vergessen (Reeves sezt aus A gnottir ein, 
obwol die inconginienz zwischen prädikat und Subjekt zwar nicht beispiellos, aber 
doch äussei-st selten und an uusrer stelle höchst unwahi-scheinlich ist). Eine schlimme 
Verwirrung hat der liederliche Schreiber von B 34% 28 fgg. (= A 101*, 16 fgg-^ 
angerichtet. Die stelle lautet in A: ])orvaldr Eiriks son rauda sat vid sf^i, o9c 
skaut Einfcetiugr qr i smuparma honum. porraldr drö üt qrina ok nueU-d^ - 
,jFeitt er uvi istruna^, gott lafui hqfum per fengit kostu7n, en pö megutn 
varla njöta**. In B lesen wir statt dessen: porvaldr son Eiriks hins rauda. 
mtrlti porvaldr: „Gott land hqfum ver fengit'^, pd hleypr Einfoetingrinn d 
ok nordr aptr ok skaut ddr i smdparma d porraldi. Hann drö üt qrina. 
mcdti porvaldr: j, Feilt er um istrmm^^. (!!) — Eine ähnliche gedankenlosigkeit 
wenige zeilen später zu linden (B 35% 2 fg. = A 101% 29 fg.). A liest: Par 
tu hit fyrsta haust Sno^rri son Karlsefnis ok rar hann pd prevetr er Peir f& 
hrott. Statt der gesperten werte finden wir in B: Par Pann, eine lesart, die 
unsinnig ist und schwerlich durch conjectur hätt« geheilt worden können. — V 
leichteren ilüchtigkeitsfchlem seien angemerkt: 31**, 28 vigda B statt övigda A; 
vigri B statt ovigdri A; 32% 22 ttgladr er B statt oyladari en A, usw. 

1) Ob hior nicht bewaste nachAhmong der bokanten erzfthlong von dorn ende dw. !l^iofiB68r 
brünarsk^d (Hkr. IT. 498 ») vorUegt? 



87 



] dem gegonübur ilio falle, in dunen B doa vorzog verdient. Biner 

dhea hat olien sctboa urwiibnung geluodt:^', ich tügo noch eini^) weiture belege 

A94*, 3 ^ B28", 2 niusy tnaii dct It'xtoren haudsuhiirt folgen: Kvex, Eirikr 

t »kgiiiu rortta at prUiltu trausti sc/n {A: ef} härm mtetti sir tiä koma, ef 

r kynni (A: ok kynni feir) han» at ^urfn: detm PvUiku erfordert als correla- 

Ifit onbedingt ain sent, niubt ein ff, vgl. z. b. Hjäla 134": ek tnun . . . veita per 

ttiti lid aein cli nid tmr riA koma. — A Ueat 97', 29 fg.: pd nwiUi Eirlltr: 

..Katari aü/lda air i aumar ül or ßräimtm cn nü eru v6r. B 31*, 16 Fg. bat 

«wir KDA naclJäasigkeit die worti- pd — Eirücr ausgülossou, gibt aber den folgonden 

•au rwfifellos in richtlgerei' gestalt; Katari vüru per i sumar er per f6ruä At or 

priinum en nü ent ptr. Die fassang von B wiirdo uns zu der annähme nötigen, 

lUss Eirikr truta der schworen Verletzung, die er sich auf dorn wege zum schiffe 

durch don stürz vom pferde zagezogon hatlo, wiiklioh an bord gegangen sei niid die 

ujtgemacht habe, einer annaluno, die selbst Gast. Stonn (Aarb. 1887, 

E314) Rr möglich gehalten tiat, wio sie auch Reeves in seiner Übersetzung (s. 37) 

iwptii^rte. Das9 die Dnbritisclion herausgeber von AA und QhU an der ühodiofo- 

" J in Ä keinen onstosB genommen haben, ist weniger wunderbar. — 97'', 24 fg. 

1 wir in A den nachstehenden paSBus; Var pit porsleiim korfinn henryi; pUti 

■ ddr haß kafa seipu l htndi ok vHj'a beryn lidit. B dagegen bietet (31'', Ifg-)' 

r pd ok terketjärinii harfinn, er henni pütti dar kafa arijju i bcndi uav. Es 

1 keinem «weife] untorliegon, dass auch hier die von B üborlicforto lesart, dio 

I aoch von Keevos der Übersetzung zu gründe gelegt ist, in den tiixt oiiigesezt 

1 muaa, deim es ist klar, dasn dum übel l>orufüuon rcrkuljört GuSr , der zuerst 

r epidemio erlegen war und dessen leiuhe spliter »uf anordnung torsteins ver- 

■nt werdw muste, und nicht diesem die schuld an don nachfolgenden todesfalicn 

[ däi spukerei der vorstorbeueu {hanu tciiir qlluin aplrgqnffum peim »cm her 

■in/a Fer«( f velr A 98% 34 = B 31'-, 30) zugeschrieben ward. In AA und GhM 

Ist OBturliub wider die unsinnige lesort von A im texte bdaasen. — Ferner gehört 

liieriier die stelle A 101", 13 fg. = B 35*, 37 fg. Bie lautet in A: AntuU numar 

tplir f6r Karhrfiii til Islands ok GudrUIr meit honum, ok (6r heim i Reyiiisnes. 

" hana Pütti »em liattn hefdi Uli Hl koetar tekit, ok var OuäriSr cigi heima 

8te retr. EH er hon pröfa'Ji at Oitilridr rar Itetiiuin/rungr tnikHl, för 

m ok ciiru namfarar peira gödar. In B dagegen lesen wir; Amial miliar 

r Karlsefiii til Islanils ok Snorri meS honum, ok [tu] bü» ains i ßiyni- 

Mödur hnna pötti Sern kann hefdi litt lil koglar tekit, ok var hon cigi 

m[a] par hinn fyrsta vetr; ok w hon reijndi at OttArütr viir »kirimgr 

■kill, fär hon licim, ok rdnt »amf/tdr [schrefbrehlei' statt »amfarar] Petra gödar. 

D ersten winter von Karlsofnis bauso sich rerubaltendo, dann abor dahiu 

Sokkohrondc, eine und dieselbe persou, und zwar seine muttcr, niulit seine frau, 

ISS, hat den herausgehem von AA und GhM nicht einleuchten wollen, obwol 

!i soviel sahen, dass in der übcrlietenuig von A eine Schwierigkeit vorhanden 

, die sie fceilicli in der dänischen Übersetzung durch ein kleines taschenspielor- 

itetüuk beseitigt haben {för hon heim wird gegeben: tillod hun hende at drago 

Reeves hat mehr einsieht besessen nud sich dieses fbhlers nicht sckuldig 

; nur hätte er auch darin B folgen sollen, am anfange des besproohiinon 

kB Soorri statt Guärldr in seine Version zu recipioren. — Endlich sei nöch einer 

. wo dnrch vergloidiung beider handsohriften jodom methodisch goachul- 

I Philologen die horstellung des echten ohne besondeni aufwand von schai'fHtun 



I 



88 QKRING 

hätte gelingen müssen. Es handelt sich um die dem I'orhallr veidimadr zugeBchrie- 
beue Visa A99^ 27 fg. = 6 33^, 13 fg., die ich bnchstabengetren nach A widergebe: 

Hafia kvadv mik meidar 
malml>ings er ek kom hingat; 
mer samtV land (yr lydum 
lasta dryokin bazta. 
billdz hattar verdr bvttv 
beidityr at styra, 

helldr er sva at ok kr3rp at kelldv 
komad vin a gron mina. 

B hat folgende abweichungen: z. 2 fehlt ek; 3 litt statt land; 5 hattr statt hattar; 
verdek statt verär; byttu statt buttu; 6 reida statt styra; 8 komit statt komad. — 
Es versteht sich, dass der text von B an ein paai' leichteren gebrechen leidet (ßuUtr 
und komit) ^ zu deren heilung es der hilfe von A kaum bedurft hätte; dagegen wird 
z. 6 die lesart von B zu bevorzugen sein, da wol das verbum reida y schwerlich aber 
sUJra von der handhabung eines schöpfgefasses gebraucht wei'den konte und überdies 
derselbe ausdruck in einer lausavisa der Magnus saga berfa^tts (Hkr. U. 652 ^' *) sich 
widerfindet. Z. 3 ist in beiden handschriften hendingalaus , also fehlerhaft, überlie- 
fert, doch ist B insofern dem urspiiinglichen näher geblieben, als es in litt den 
durch den reim geforderten vocal bewahrt hat. Ändert man das wort in Up, so ist 
die zeile in Ordnung. Anstoss erregt dann allerdings noch das erste visuord, weil 
es nur einen studill enthält {mik kann natürlich als unbetontes wort nicht in betracht 
kommen). Der fehler kann nui* in hafa stecken, das also durch ein mit m anlau- 
tendes verbum ersezt werden müste, und es bietet sich hier, soweit ich sehe, kein 
anderes als mcera, das auch dem sinne nach vortreflich passt, weil es seiner bedeu- 
tung nach den direkten gegensatz zu lasta bildet und im ersten visuhelmingr durch 
die scharfe antithese die enttäuschung des I'orhallr weit kräftiger zum ausdruck 
gelangt. Die Strophe würde demnach folgende gestalt gewinnen: 

M8Bi*a kv^umk mei{>ar 
mahn])ings, es kvamk hingat, 
(mer samir li{) fyr ly|)um 
lasta) drykk enn bazta; 
Bilds hattar verj)r byttu 
bei{)i-T5T at rei{)a, 
heldr's at kr^k at keldu, 
kvamat vln ä gr^n mina — 

in prosaischer Wortfolge: fnaimpings meipar kvqPu, es ek kvam hifigat, mik mtera 
enn haxta drykk: mer samir (at) lasta Up fyr lyPum; Bilds -hattar beipi-Tyr 
verpr at reipa byttu: vin kvamat d grqn mina, fieldr es at ek kryp at keldu, d. h. 
^die bäume des kampfes (die männer) sagten, als ich hierher kam, dass ich den 
ausgezeichneten trank loben werde: (statt dessen) muss ich das nass vor den leuten 
tadeln; der den hut des zwerges (den hebn) begehrende mann (der krieger, d. h. 
ich) muss das schöpfgofäss handhaben — wein kam nicht auf meine lippe, vielmehr 
muss ich zur quelle kriechen*. 

Die vorstehenden ausführungcn haben, denke ich, zur genüge erwiesen, dass 
eine kritische beaibeitung der Vinlandss^gur, vor allem des I'orfinns {)attr, nach wie 



«or ein bedüiAiiB ist: hoSenÜicb wird die fioeb«n von dem Eopenh«gi.>ner Sarafimd 
ugekündigta neuu susgalw alleu berechtigtoii aofordeningeD genüge leisten. Siu nlrd 
beim l'orfinna [)Attr den text der Hauksbök zu grujtde legou, diesen aber ans AM. 
537, 4° nnd den i)arttIlelberiohten (Landniinia, Öiafa SBga Trygg\*asonar usw.) emüii- 
dieiuD DiüsBon. Kreilicli reicht dies cccept nicht überall aus. Es ist scbou oium 
{i. 84) AogiHluutot. dass das vorbültnis, in dem die texte A vmd B zu einander ste- 
beti, nicht doTcbwei; ein gleiohmässigea ist. Wahrend nöiniiuh in dem griiesoreu teil 
der 8aga beide handachriften xweifellot' vcn oloer i;emeinGamon Toriago abstanimon 
ood so nahe Eusommengeheo, dass eine üenti'ole der einen durch die andere uiüglich 
ist', ist in einem ahschiiitte die Verschiedenheit so gross, daes sie auf die wiliür 
diies sbschreibeis nicht ziufickgoführt werden kann. Der betreffende abschnitt reicht 
ton A9B% 14 = B 32', 36 bis A99^ 26 = B 33^ 12. Hier wird daher der künf- 
tig bennsgebcr dem beispiele der Antiquitates Americanae folgen und den toxt bci- 
r Codices xnm abdrucke bringen müaseu. 



Es erübrigt noch, i 



[mar werte über die einleitenden kapitel zu sagen, die 
sgoschickt hat. Als Lauptzwßck des TorTassors ergibt sich 
die tatsache der varceluinbischen ontdeckung Amerikas, 



tc< 
t« 
denaclbea die absieht, 
dar man seltaamer weise in den Vereinigten Staaten noch bis auf den heutigen tag 
iweifeln schoiut, gegen diese übertriebene Skepsis sicher lu stellen. Er sammelt 
er alle stellen der isländischen littoratur, die zur bekrSftigung jener tatsache die- 
nen köonen, und sucht vor allom zu beweisen, dass ans iuneron und äusseren gnin- 
doi dem t'orflnns [lättr, der sicherlich auf berichten von aiigeuzeugen basiere, ein 
kohes masB von glaubwürdigkeit zu vindiciereii sei, wKhrend er die oreählungen der 
FUlcj^arbök, die n;an früher in den Vordergrund zu stellen pflegte, dot ab> eine 
TioltBch getrübte und unzuverMssigo quelle botraehtot. Wir haben um so weniger 
arsacU«. dem Verfasser hierin m widersprochen, als Gustav Storm in seinen trel- 
Uchen Studier over Tinlandsreiseme {Aartjsger 1887) zu denselben crgeboissen gelangt 

Iist Die ausfühnmgen von Iteeves sind im wesentlichen nur eine ^^ wenn auch in 
tiiudheilen weiter ausgeführte — reproducticn von Sterms untei'sucliungen. Diesem 
folgt er auch m der chronologischen fixierung der gröiJändischeu entdeck ungsfahrten 
BKh Amerika und in der hypothese über liic geographische läge der im 11. jahr- 
liMitert aufgefundenen und betretenen iandstrioliu. Dio littoratnr über die Vinlunds- 
_ twtia iHt jedoch selbständig und einsichtig beiiuzt. Sorgfältige anmerkuugen zu den 
taten und ein register besohliessen das buch, dos, als crstliogsarbeit betrachtet, eine 
it tüchtige leistimg ist, der siehorlich reifere fruchte gefolgt würen, wenn nicht 
jifaei tod den heraasgel>er der Wissenschaft and und seinen freunden vorzeitig ent- 



B., KÄBZ isai. 



liBi dsi iltnuid. pTDSftlltlatini sin vnUues , sie < 
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rtoii. an den «oitlaut der 



o barichligun. Aul dioso 



90 F. VOGT 

Wilhelm Wisser, Das Verhältnis der minneliederhandschriften B und C 
zu ihrer gemeinschaftlichen quelle. Programm des gymnasiums zu Eutin. 
Ostern 1889. 42 s. 4. 

Scheror hatte in den Deutschon Studien IL s. 15 anm. 1 eine ahhandlung in 
aussieht gestelt, in der er es unternehmen wolte, dio den handschriften B und C 
zu gmndo liegende liedersamlung so genau wie möglich herzustellen, und eine ahn- 
hohe Untersuchung kündigte Apfolstedt Germ. 26 , 229 an. Beiden war es nicht ver- 
gönt ihren vorsatz auszuführen, und so bietet denn die vorliegende schrift den ersten 
versuch, das bisher nur mit bczug auf diesen oder jenen einzelnen dichter erörterte 
Verhältnis joner beiden nächstverwanton Sammelhandschriften im zusammenhange dar- 
zustellen und so zugleich ein bild von ihrer gemeinsamen quelle zu geben. 

Dio in B von der ersten hand geschriebenen 25 dichter kehren auch in C 
wider, teilweise in derselben reihenfolge; bei ihnen allen ist die Übereinstimmung der 
beiden handschriften so gross, dass man in jedem einzelnen falle eine gemeinsame 
quelle für sie voraussetzen müste, wenn B und C jedes nach freier auswahl jene 25 
zusammengestolt hätte. Nähme man dieses an, so müsten also B und C in allen 
25 fällen unter den verschiedenen samlungen, die sich von den liedem eines dichters 
in Umlauf befanden, immer gerade auf ein und dasselbe liederbüchlein geraten sein; 
das ist gewiss nicht wahrscheinlich, und so zieht denn Wisser den schluss, dass bei 
allen 25 dichtem ein und dieselbe gemeinschaftliche quelle den handschriften B und 
zu gründe gelegen habe. Für die bestimmung der art und weise, wie B und C 
mit dieser ihrer quelle (Q) verwant seien, genügt es daher seiner meinung nach, 
das Verhältnis der beiden an einem der 25 dichter zu prüfen, da, was für ihn nach- 
gewiesen werde, auch für dio übrigen als teile desselben ganzen gelten müsse. 

Von diesem gesichtspuiikte aus untersucht Wisser die äussere Überlieferung 
der gedichto Friedrichs von Hausen. Bekantlich stimt hier, abgesehen von einer 
Versetzung der Strophe MF 40, 39 in B, die reihenfolge der Strophen in beiden hand- 
schriften überein. Nur werden die zu einem tone gehörigen und in B aufeinander 
folgenden Strophen MF 42, 1 — 27. 43, 10 — 27 in C durch 14 Strophen (zwischen 
MF 42, 27 und 43, 10) unterbrochen, von denen nur die erste (MF43,.l) demselben 
tone, die übrigen aber 5 anderen tönen Hausens angehören. Und ähnlich worden 
später dio nicht nur zu einem tone, sondern auch zu demselben liede gehören- 
den in C aufeinanderfolgenden sti*ophen 47, 25 — 32 und 47, 17 — 24 durch 12 Stro- 
phen xmterbrochon , welche jedoch nicht Hausen, sondern Reinmar und dem mark^ 
grafen von Hohonburg zugehörcn. Nach der bisher herschenden annähme wurd^ 
diese erscheinung darauf zurückgeführt, dass einmal C, das andere mal B an decr" 

betreifenden stelle in Q eine einlage vorfand, die der eine wie der andere ohne rück 

sieht auf den Zusammenhang mit abschrieb. Wisser prüft die Stichhaltigkeit diesecr" 
aufstellung, indem er ein bild von dem format der handschriftQ zu gewinnen sucht — 
Da sowol die erste als auch dio lezto der in B C zwischen den beiden fra^chei^* 
stellen stehenden neun Strophen durch die einlagen von einer Strophe des ^eich< 
toncs getrent wurde, der sie zuvor doch ohne Zwischenraum gefolgt oder voraus- 
gegangen sein wird, so müsten jene 9 stro[)hen in Q gerade ein von anfang bis zi 
ende beschriebenes blatt ausgemacht haben. (Togenüber diesem 9 Strophen umfassen-^' 
den blatt von Q steht aber dio erste eiulagc als ein blatt von 13 oder 14, die zweites' 
als ein solches von 12 Strophen; und wie die strophonzahl, so geht auch dio gesamt-*^ 
heit der zeilcnlängen bei den vermeintlich eingelegten blättern erheblich über 
einem blatte der handschrift Q zukommende liinaus. Da somit das format dieaer 



ÜBEB WISSER, UEDERHANDSCHBIFTEK 91 

den einlagen ein anderes gewesen sein mäste als das der handschrift Q, so hält der 
Verfasser jene hypoihese für unmöglich. Er meint, B und C können nicht unmittel- 
bar aus einer gemeinsamen vorläge abgeleitet werden, vielmehr sei jedem der beiden 
eine mittelstufe (b und c) vorausgegangen. Die äussere beschaffenheit dieser vermit- 
telnden handschriften sucht nun der Verfasser vermutungsweise herzustellen; er 
bemüht sich wahrscheinlich zu machen, dass die mehrstrophen , welche B zeigt, in b 
ursprünglich auf dem lezten, für nachtrage bestimten blatte der die Ueder Hausens 
enthaltenden läge aufgezeichnet, dann aber durch blättorvertauschung an die stelle 
geraten seien, wo sie in B vorliegen, während die C eigentümlichen Strophen C5 — 
17 schon in Q, und zwar als lezte Strophen der ganzen samlung enthalten waren; 
in c fülten sie dann gerade das lezte blatt, welches nun widerum durch veiiauschung 
an die stelle geiiet, wo es in C abgeschrieben wurde (zwischen MF 43, 9 und 10); 
in b kam das blatt, welches sie enthielt, an einen platz, wo es leicht übersehen 
werden konte und von B übersehen wurde. 

Mit so mümtiöser Sorgfalt diese Untersuchungen auch geführt smd — die 
sunmie der zeilenlängen des einzelnen blattes wird bis auf den millimeter berechnet! — 
idi glaube doch nicht, dass sie zu irgend sicheren und praktisch verwertbaren rosul- 
taten geführt haben und führen konten. Zunächst ist es meines erachtens dem ver- 
ÜEisser nicht gelungen, Müllenhoffs hypothese über jene beiden oinlagen endgültig zu 
widerlegen. Er verfährt, als ob MüllenhofF behauptet hätte, dass sie aus je einem 
blatte bestanden hätten, während er doch vorher selbst Müllenhoffs werte angefülirt 
hat, nach denen die in B überlieferten plusstropheu , als B abschrieb, der vorläge „als 
ein zufällig eingelegtes doppelblatt*^ einverleibt waren, die fraglichen mehrstrophen 
der handsclirift C aber „ursprünglich ein liederbüchlein für sich bildeten'^, wel- 
ches ähnlich wie jenes doppelblatt in die ältei'e samlung eingefügt und so von G 
vorgefunden wurde. Es waren also demnach zwei selbständige, zufällig in die sam- 
lung geratene blattpaare, und diese konten am Schlüsse ebensowol einen beUebigen 
unbeschriebenen räum für nachtrage enthalten, wie nach Wissers annähme die Hau- 
sens Ueder umfassende samlung in b; sie konten also auch, wenn man das wirklich 
für erforderlich halten will, sehr wol dasselbe format haben, welches nach Wissers 
annähme die handschrift Q hatte. Aber dieses format lässt sich für Q gar nicht ein- 
mal so sicher erweisen. Jene 9 durch die beiden späteren einlagen nach vorne und 
hinten abgegrenzten strophen der handschrift Q, nach denen der ver&sser den blatt- 
lunluig dieser handschrift bestirnt, brauchen in ihr, da sie verschiedenen tönen ange- 
hören, keineswegs alle unmittelbar aufeinander gefolgt zu sein, sondern es könton 
z^-ischen dem schluss eines tones und dem beginn eines neuen lücken ganz unbe- 
stimbaren umfanges für nachtrage freigelassen sein, wie das in C so häufig geschieht. 
Erscheinen somit Wissers einwürfe gegen die ältere hypothese als nicht aus- 
reichend begründet, so lässt sich nun bezüglich seiner eigenen aufstellung mit 
^^^stimtheit nachweisen, dass der Sachverhalt nicht so gewesen sein kann, wie er 
•^D sich vorstelt. Die Voraussetzung für seine erklärung des einschubes der strophen 
^ — 17 in C ist bei ihm die, dass in c str. 1 — 4 auf dem ersten blatte, 18 — 53 auf 
^^^ 3 folgenden und 5 — 17 auf dem lezten gestanden haben. Nun konten aber die 
^phen 1 — 4 weder ein blatt noch eine seite einer handschrift des formates, wie 
^ der Verfasser nach jener berechnung für c voraussezt, auch nur annähernd aus- 
^^^ Er erklärt das daraus (s. 14 anm. 3), dass (entsprechend der annähme Lehfelds 
^^■^-Br. Beitr. n, 352) c ebenso wie Q und b eine sammelhandschrift war, in der 
^ liedem Hausens die eines anderen dichtei-s unmittelbar voi-ausgiengen. Dieses 



92 F. VOOT 

ist aber sicher nicht der fall gewesen. Zunächst vor den liedem des dichters moss 
vielmehr in c sowolwie in Q und in b sein bild gestanden haben; die Übereinstimmung 
der abbildung Hausens in B und C macht das zweifellos. Hätte dieses bild nun über 
den str. 1 — 4 noch auf derselben soite gestanden (was übrigens dem in B und C 
beobachteten brauche widersprochen haben würde), so müste das format von c ein 
viel grösseres gewesen sein, als Wisser annimt; stand es dagegen auf der Vorder- 
seite, so war die ganze rückseite durch jene 4 Strophen ausgefnlt, und das einzelne 
blatt jener handschrift hatte dann einen geringeren umfang, als es nach der anfgostel- 
ten bei'echnung der fall gewesen sein müste. Damit stürzen aber auch die auf diese 
gegründeten folgorungen. 

Es zeigt sich hier, was Wissor s. 4 anm. selbst zugegeben hat, dass eine ent* 
Scheidung der fragen, die er aufwirft, ohne heranziehung der in B und C voriiegenden 
abbildungen nicht getroffen werden kann. Diese kommen auch schon in betracht, 
wenn es sich darum handelt, ob wir als gemeinsame grundlage von B und C überhaupt 
eine einzige handschrift anzunehmen haben oder nicht Wisser sezt das ohne genü- 
genden grund voraus. Die Übereinstimmung von B und C erklärt sich an und für 
sich doch ebenso gut, wenn Q eine handschriftensamlung, als wenn es eine sammd- 
handschrift war. Und die reihenfolge der dichter in B und C spricht keineswegs für 
das leztere. Sie zeigt mehr abweichung als Übereinstimmung; das bringt die Über- 
sicht, die der Verfasser s. 7 gibt, nicht zur geltung. Übereinstimmend folgen in B 
und C nur auf einander: 1. Hausen, Rietenburg, Seveliugen; 2. Munegur und Rute; 
3. Hoinzenburc und Seven, denen an und für sich wie in B so auch schon in Q 
Rubin gefolgt sein könte, der in C nur durch den in B nicht enthaltenen Walthor 
von Metz von liutolt von Seven gotrent wird; doch ist das aus anderen gründen 
nicht oben wahrscheinlich. Dagegen mögen (4.) Singenberg imd Künzich (in C durch 
Sahsendorf getrent) schon in Q vereinigt gewesen sein, ebenso wie endlich (5.) kai- 
ser Heinrich und Rudolf von Fenis, zwischen die nur in G neun in B nicht über- 
lieforte fürstliche dichter eingeschoben wurden. Dass B und G übereinstimmend durch 
den kaiserlichen minnesingcr oröfnet werden, ist begreiflich genug. Dass aber im 
übrigen jene einzelnen complexe von 2 bis 3 dichtem sich verschieden auf die sam- 
hmg verteilen und dass die übrigen dichter einzeln in ganz abweichender anordnung 
dazwischen stehen, würde unerklärlich sein, wenn ein codex mit feststehender reUien- 
folgo der einzclnou sängor die gemeinsame grundlage gebildet hätte; es lässt sich 
durchaus kein grund erkennen, aus dem G oder B oder G und B sich die müh» 
einer so durchgreifenden umordnung des vorgefundenen gemacht haben solten. 
Andrerseits aber kann Q auch nicht aus einer anzahl von liederbüchem ganz ver^ 
sclüedcnon Ursprungs bestanden haben, es niuss vielmehr eine einheitlich angelegte 
samlung gewesen sein. Dies geht eben vor allem aus dem umstände hervor, dass siei^ 
bereits mit den Dach einem gemeinsamen Schema angelegten abbildungen der dichten — 
und ihrer wappen geschmückt gewesen sein muss. Leider sind die Erausschen nach — 
bildungcn der miniaturcn von G nickt in färben ausgeführt; das ist besonders inm^ 
bezug auf die wappen zu bedauern^ utnsomehr als v. d. Hagens angaben in diesemt^ 
punkte imvolständig sind. So viel ich aus ihnen aber entnehmen kann, zeigt dim^ 
kolorierung der gesamten bildcr in H und G zu viele abweichiuigen, als dass mtam^ 
sie auf eine gemeinsame vorläge zurückfülireu könto. Dagegen ist eine solche für' 
die Zeichnung mit geringer einschräukung zweifellos anzunehmen. Ohne weiteres 
das klai' bei Bl Gl kaiser Heinrich, B2 GIO Fenis, B3 G41 Hausen, B8 C27 
B9 G6Ü Hartmann, Bll G44 Rucke, B12 G16 Veldecke, B13 C37 Beinmir, Bir 



BT. BIB 079 Hute, B20 CSO Ktinaicb, B25 C4Q Walther; wenn auch 
} (10). 12 (16) uml 25 (45) C: das wappeu vor B voraus hat and 8 ('27) io 
r anÄgetührt ist als in B. Femer zeigen dann dio miniatiiren Bö C43 
SereliDgen), B15 C55 (Horheini), B19 048 (Bingenberg) unter nbei-Binatimmendem 
«xppQDSchild und heim jeUesmal (bo lieiden ÜBbendHu, wenn auch in abweichender 
ftaUnng, ebenso BIO C56 (Joluuiusdorf) wenigatena unter der gleichen daiitteUung 
im heltuea. Auch bei B 7 C 58 (Bliggor) blickt nicht nur in der völlig gleiuLen 
wicbuiiog TOD achüd und bolm, sondern auch io der dos dichters noch dieselbe vnr- 
hgB durch, wenngleich Bligger in B Bcine liedei-roUe selbst hält, während er aie In (' 
vom boten schreiben ISsst B 23 C 52 (Seven) stiininen wenigstens insofern iihereio, 
■Is der dichter beiderseits zu pferde mit dem pergament in der band dargestett ist, 
lind der Bchüd. den er in B. am arme trägt, während denwibe in C dem gewöhn- 
lichoreu braache gemäss über dem eigentlichen bilde steht, zeigt das gleiohe Wap- 
pen. Utne abweiabende ligui-oa zeigen bei Übereinstimmung des Wappenschildes nnd 
lies helmeK B4 C42 (Regensburg), B6 C 14 (Botenlauben), B 14 C32 (Outenburg), 
BSS C&l (Heinzenburc); doch ist bei 4 nnd 6 in B da» fortbloiben der Kweiteu figur 
nd die dadurch bedingte abweicbung der dai'stellung offenbar durch den umstand 
ranuilasst, dass B hier mit dem räume kargte, indem es die beiden bilder noch 
unten auT den zum grossen teil schon hesohriobeoen seiton 18 und 23 anbrachte — 
d» beiden oin^igen Rille, wo dem bilde nicht eine besondere seite eingerSumt ist. 
Dagegen mag Ini 14 und 22 nur erst die zeiohnnng des Wappenschildes und des hel- 
I in der vorhge gestanden haben. Bei B21 C46 (Bcbwangau) triigt der dichter 
lat dem übrigens gleichfals ganz abweichenden bilde in C wenigstens am kleide das- 
ntlie Wappen, welohea B, der gewöhnlicheren weise entsprechend, in dem besonders 
dafür abgeteilten oberen felde bringt. Oaux verschieden ist das bild zu BIC 034 
iVunmgen), wo C das richtige, B ein nach dem namen des dichters erfundenes 
Wippen bietet: gleichwol hat sich die ligar, welche B gibt, sclion in der vorläge 
(■ttaitdou: sie ist von C für Gliers Iwnuxt, So ist B 24 C 54 (Ruhin) schliesslich die 
rfaufie ininiatur, bei der sich weder im wnppon noch im bilde irgendwelche berüh- 
nog zwischen den beiden liandsch ritten findet, und gerade hier, bei Kubin, weicht 
* B und C auch die reihenfolge und der bestand der Strophen in einem grade ab, 
■" l)ei keinem anderen dichter. Trotzdem weisen einzelne überoinaünimeude texl- 
"NtlerbuisBe in B und C ancii hier auf eine vom original verschiedene, abgeleitete 
5'*''o der beiden hin. Aber diese muss hier anders geartet gewesen sein al^ in den 
"^'eoo ffillen; sie bestand vielleioht noch aus oinzelanfzeichnungen, denen noeh niuht, 
*•* den liedem der übrigen dichter, das bild des Verfassers beigegeben war. Und 
■" *<'lieint Q überhaupt noch einou unfertigen charakfer getiiigen zu haben, als B 
^""is abgeschrieben wurde. Es wird eine im. wesentlichen einheitlich ausgeführte, 
'' ZBichnungcu versehene samlnng gewesen sein, die jedoch uuch aus einzelnen 
^*» abteilungen bestand und überall der erweiterung ßhig war. Enthielt sie damob 
*°** nicht mehr als was inB aofgenommen wurde, so wirf sie nachher noch in diun- 
***ii stile tortgesezt und schon betriiohtlich vermehrt gewesen sein, als sie die 
^•><llage von wurde. Bafitr spricht die oioht nnorhebliehe auzahl von bildem 
kandsuhrift 0, welche in B niuht cntlialtene dichter daratellen und doch den 
, einfacheren, einem beschränkteren muine entsprechenden typus der B and C 
II abbildungen aufweisen, nicht den der geslallAni'eiuhereu, gleich für eu 
s format componierten übrigen miniatnren in C. 



94 FBÄNKEL 

Sollen nun ausser jener alten illustrierten sanüung Q auch noch zwei oder gar 
noch mehr andere bilderhandschriften , als mittelstufen von Q zu B und zu C, exi- 
stiert haben, die ebenso wie Q selbst spurlos verloren gegangen sind? Ohne zwin- 
genden grund wird man sich zu dieser annähme nicht entschüessen, und einen 
solchen beizubringen ist dem Verfasser der vorliegenden abhandlimg meines erachtens 
nicht gelungen. Zu einer erschöpfenden behandlung dieser frage würde es freilich 
auch nötig sein, auf die texte selbst einzugehen, eine aufgäbe, die der ver&sser hier 
so wenig in den bereich seiner arbeit gezogen hat wie im zweiten hauptteile, einer 
vergleichung des Strophenbestandes und der Strophenfolge in B und C, die er übri- 
gens auf s. 15fg. in einer recht wilkommenen tabellarischen Übersicht veranschaulicht 
hat. Überhaupt hat er die äusseren Verhältnisse der textübeiliefemng sorgfältig 
geprüft und daigelegt, nur hat er zu viel aus ihnen gefolgert 

BBE8LAU. F. VOGT. 



Tugendhaffter Jungfrauen und Jnngengosellen Zcit-Yertreiber. Ein 
weltliches liederbüchloin des XVII. Jahrhunderts aus v. Meusebachs 
samlung in der Berliner öffcntl. bibliothek. Nachweisungen der quollen, 
aus denen die 201 liedor geschöpft sind, von K. H. G.Freiherr von MeuselNieb 
(t 1847). Als beitrag zur goschichte des deutschen Volksliedes herausgegeben 
von Hugo Hayn. Köln a. Eh., vorlag von Franz Teubner. 1890. 24 s. 1,50m. 

Der durch eine reihe von Veröffentlichungen zur kuiiosa-bibliographie be- 
kante S|)ezialist Hayn legt hier in verbesserter gestalt eine arbeit vor, die bereits 
1870 im lezton (31.) jahrgange des Serapeum nr. 10 — 11 sehr fehlerhaft gedruckt 
worden war. Die hier dargebotene neuausgabe hatte Hayn schon 1885 in seiner 
„Bibliothcca Germanorum erotica*^ (2. aufl. s. 179), diesem äusserst inhaltsreichen, 
wenn auch teilweise nicht völlig zuverlässigen hüfsmittol, angekündigte Nunmehr 
tritt sie in sehr übersichtlicher gestaltung und typographisch vortreflich ausgestattet 
vor den freund und kcnner dos älteren neudeutschen Volksliedes. Der genaue titd 
dos zu gründe liegenden werkchens, dem bisher nicht die gebührende rücksicht 
gewidmet wurde, lautot: „Tugendhaffter Jung&auen und Jungengesellen Zeit-Yertrei- 
bor Das ist: Neu -vermehrtes, und von allen Fan -tastischen groben unflätigen mA 
Ungeschick -ton lacdem gereinigtes, Weltliches Lieder -Büchlein, Bestehend in vi© — 
len, moistonteils Neuen, zu vor nie im Truck ausgegangenen lieblichen und amno. — 
thigen Schäferey- Wald- Sing- Tantz- und keuschen liebes -liedem. Alle, \o:mz 
bekannten annehmlichen Holodeyen, in ein ordentlich verfastes Register zusamm^*^ 
getragen, Durch Hilarium Lustig von Freuden -Thal. Gedruckt im gegenwärtig^^ 
Jahr*^. Als entstchungszeit dürfte et^^^a 1690 anzimehmen sein; doch steht über d^»- 
äusseren umstände der veröfTentlichung nichts fest; datum, druckort usw. sind unl 
kant, auch ist der Verfasser bisher noch nicht entlarvt. Das handexemplar 
bachs auf der königl. bibliothek zu Berlin (Yd 8** 5111) umfasst 100 blätter ohne 
tenzahl, A bis Ny signiert. Der titel steht in einfassung, nüt einem holzschnitU^^ 
der eine rausicierendo geselschaft von sechs köpfen darsteli Der text enthält 2L-^^ 
liedor, „gesetzweise* gedruckt. Auf diese bezoiclmung gründet Meusebach seine afle-^^^' 
dings nur mit grenzen benante zeitbcstinuuutig. Seine handschriftliche notiz in jene^r^ 



1) NfmcTdings hat Haj-n noch eine „Dibliothoca Goirnanomm nnptialis" folgen laaMB (fBrn^^* 
F. Teubner, 1890. 89 s. Preis 4 m.): vgl. Frünkols anzeige i. Centnübl. f. biMiothe U w ag « VIIIB7 ^ 



ÜBEB HA TN, LIEDERBÜCHLEIN 95 

exemplar besagt: ,,Dass diese liedersamlung nach Opitz und Flemming gemacht wor- 
den, zeigen die daraus genommenen stücke; dass aber noch im XVn. Jahrhundert, 
zeigt z. b. hier am endo des 176. liedes der ausdruck ^Gesetz* für ,Strafe**^. Der 
abdrock, den nun Hayn von den dem hierzu gefertigten register beigegebenen quel- 
lennach Weisungen Meusebachs besorgt, ist geziemend ein diplomatisch getreuer nach 
den 48 handschriftlichen blättern, die besagtem exemplar angebunden sind. Die aus 
Meusebachs samlung in die königl. bibliothek zu Berlin gelangten originaldrucke, die 
er selbst also völlig ausgenuzt hat, sind hier recht gut durch gesperton druck her- 
ansgehobon. Besondere aufmerksamkeit verdient das s. 23 fg. von Hayn hereingezo- 
gene liederbuch „Qantz neuer Hans guck in die Welt, Das ist: Neu -vermehrte welt- 
liche Lust -Kammer, In welcher mehr als siebenzig ausbündige neulichst ersonnene 
artige Schäfferey- Welt- Spaß- Yexir- Täntz- und andere kurtz weilige Lieder bey- 
sammen getragen zu finden. Allen bescheidenen Jungengesellen und züchtigen Jung- 
frauen bequemer Zeit und Gelegenheit, ehrlicher Gemüts -Belustigung erlaubet zu 
gebrauchen. Ai\jetzo mit vielen Neuen Liedern vormehret worden. Zufinden bey 
Job. Jon. Felseckers sei. Erben*^. (Nürnberg, etwa neuntes Jahrzehnt des 17. jhs.) 
Es enthält imter Signatur A bis G 79 nummorierte liedor, darunter eine grosso anzahl 
mit unserem liederbuche gemeinsam. Vielleicht hilft ein tätiges nachforschen, etwa 
gar der fund eines dedikationsexemplars auf die spur imsores anonymus. Dem exem- 
plar der königl. bibliothek zu Berlin (Yd 8^ 5116) fehlt übrigens bogen 8. 

Auf einzelheiten der nachweise sei hier nicht des näheren emgegangen. Hof- 
fentlich kommen sie den bearbeitom des nun wider fleissig bebauten feldes der litte- 
raturgeschichte des 17. Jahrhunderts gelegen, ebenso den foi-schem auf den Auren 
des deutschen liedes. Man kann Hayns urteil unterschreiben: „sie werden am besten 
Zeugnis von dem rastlosen, stillen und resignationsvollen fleisse und der unübertrof- 
fenen sachkentnis des grossen samlers und ausgezeichneten kenners deutscher litteratur 
ablegen*. Vgl. Meusebachs Fischai*tstudion hg. von Wendoler (1879) s. 20. 25 ff. u. ö. 

HELGOLAND, PFINGSTEN 1890. LUDWIG FRÄNKEL. 



i 



«Johannes HSser, Die syntaktischen erscheinungcn in Be Domes D(p^e. 
Halle a. 8. 1889. 8. 76 s. 

Eine fleissige syntaktische Untersuchung, von der man nur bedauern kann, 
<^^ss sie sich auf ein so wenig umfängliches denkmal beschdinkt. Die 304 vorszcilcn, 
ÄU& denen Be Domes Da^e besteht, lassen den Verfasser um so weniger zu durch- 
^^g festen ergebnissen gelangen, als der text mancherlei Schwierigkeiten bietet 

Einiges in der vorliegenden arbeit gehört nicht in die syntax; dies gilt z. b. 

""^^lir oder weniger von den abschnitten, in denen die adverbia und die pronomina 

belumdelt werden. An einigen stellen hätte strenger geschieden werden sollen, so 

^Hxen § 5. 2. b) die fälle, in denen das prädicative adjectiv bei intransitiven steht, 

*** trezmen gewesen von jenen, in welchen es zu einem passivum gehört; in v. 107 

^'^^^ übrigens atedeHase besser als attributives adjectiv gefasst. — § 5. 3. b) «) wird 

S^lurt, dass das particip des Präteritums bei sein und werden zur Umschreibung der 

'"^Bttnmengesezten zeiten des activs intransitiver verba verwendet werde; das ist aber 

^i^sofem ungenau, als ja das futurum (fals es nicht durch ein präsens ausgedrückt 

®Q aidit auf solche art umschrieben wird. Hier möge beiläufig auf den übelstand 

'^'''iSsiHeseii werden, der aus der bildung alzu langer paragraphen mit vielfältigen 



9C NADEB, ÜBER HÖ8KR, SYNTAX TS BE DOMES J>JEOK 

anterabteilungoo entspringt: raschos und sicheres auffinden von citaten ist dadurch 
fast anmöglich gemacht, und die Verweisungen selbst werden ungemein schwerfillig. 

Von dem, was ich mir bei der durchsieht der abhandlung angemerkt habe, 
sei noch folgendes angeführt. § 5. 3. a) a) Wenn auch fidan sonst nicht in 
reflexiver bedeutung belegt ist, so würde das nicht verhindern, dass es T. 130 so 
gebraucht sei; mir scheint aber wearä gegen fedend zu spreben. — Ebd. ß) etceäan 
ist kein ititransitivum. — § 8. In ne. all of us, seven of them liegen ebenso wenig 
partitive genetive vor wie im lat. unus ex iis. — § 18. Dass der instrumental des 
pron. 8e vom dativ verschieden ist, hätte schon deshalb angeführt werden sollen, 
weil dies in BDD der einzige erkenbare instrumental ist. — In § 136 gehört v. 132 
pä pe wartm unter 2 (relativsatz eingeleitet durch se fie); dorthin ist auch v. 300 
zu stellen : ^if ßü wille sec^an soä fdfn pe frineä. Ich glaube nicht, dass der Ver- 
fasser recht hat, wenn er §53, c) ß) u. ö. diesen relativsatz für einen unverbnndenen 
erklärt Ebenso unwahrscheinlich ist mir, dass, wie § 36. 1. a) ß) gesagt ist, „die 
rclativpartikel ße [der relativsatz?] als Substantiv seinem beziehungsworte vorangestelt 
ist*^ in V. 290 Pe ealle Uet . . . pat is Maria; es bezieht sich das relativum vielmehr 
auf das vomusgehende , und zwar entweder nominativisch auf beortost, was das sin- 
gcmtissere wäre, oder accusativisch auf wereda, was dem lateinischen text (agmtna, 
quae trahit altna Dei ^en^/rir;^* entspräche. — Im § 50 liest man, dass das histo- 
rische präsens im angelsächsischen überhaupt selten sei. Eomt also doch irgendwo 
in einem ags. deukmal ein präs. hist. vor? Ausser Beowulf 1879, wo ein sehr auf- 
falliges präsens steht, das man zur not als ein historisches erklären könte, ist mir 
kein sicheres ags. präs. hist. bekant. Es unterliegt keinem zweifei, dass, wie Höser 
vermutet, in BDD v. 15 und 17 ondrdde -= andreedde als prätoritimi zu fassen ist — 
§54, 2, b) Ob pa ciccede als coryunctiv zu gel ton habe, lässt sich durch v. 12 nicht 
entscheiden; das veralgcmotnernde eall vor swylce scheint allerdings einen co^j. zu 
begünstigen. — §54, 2. c) «). Es wäre auch der indicativisohe folgesatz anzuführen 
gewesen. — § 94, 2. a) In v. 277 wird man hlide besser als nachgesteltes attribu- 
tives adjectiv auffassen, wie deren im § 96 mehrere aufgezählt sind. 

Schliesslich noch eine kleine bemcrkung, die eine stelle in meinem Aufsatz 
über den dativ und instrumental im Beowulf angeht Der herr verfiasser scheint 
§16, v) zu zweifeln, dass Heyne forwyrnan mit dem dativ ansetze; ich kann nur 
widerholeu, dass Heyno dies in der 4. aufläge (unter woruld-rcpden s. 283) und wol 
auch in den friiliereu (wenigstens in der 2., die mir ebenfals vorliegt) wirklich tut 

-*• WIEN. «. NADKR. 



Elard Hugo Meyer, Yüluspa. Eine Untersuchung. Berlin, Mayer und Müller. 

1889. 8. IV, 298 ss. 6,50 m.> 

Zwingt es uns nicht ein überlegenes, selbstzufriedenes lächeln ab, wenn wir 
eiru^n chauvinistischen hetzpriestor von der edlen soiie eines Julius Firmicus Mater- 
nus in soinem liber De error e profanarum religionum die heidnischen mysteriencnite 
aus dnm alten testament herleiten sehen? Der tractat ist herausgegeben von Halm 
im "Wiener Corpus Script, eccl. lat. vol. II, 73 fgg. und mag etwa im jähr 347 ent- 



1) Dio Verleger haben fUr die ausstattniig dos baohes so gut wie nichts getan, 
sind ans«<ergewöhnlich ««rhiecht: ich kann mir auch nicht denken, dass der heir TerfMaar flr tta 
wohnlich mangelhafte curroctur verantwortlich jromacht werden dürfte. 



KAUFPMINN, ÜBER MKYKR, VÖLUSPA 97 

standen soin. Nicht bloss Iiat Habacuc 3, 3 — 5 (comua in manibus eius ei-unt) die 
qaellenstelle für €v6i &(xeQ(üg dffiofxfs (c. 21) geliefert, in derselben weise ist der 
baomcoltns in saeris Ftygiis , in Isiacis sacris, in Proserpinae sacris nichts ande- 
res als teuflische nachbildtmg der christlichen Symbolik des lebens- resp. kreuzes- 
banmes (c. 27). Doch hatte auch er bereits emsthafte Vorgänger, wenn schon nach 
Jastinns Martyr der an den weinstock gebundene esel im sogen Jakobs (1. Mose 49, 10) 
der hellenischen Bachusmythe oder mittelst Verwechslung des osels mit einem pferde 
der sage von Bellerophon und Pegasus zu gründe liegt, femer das psalmwort 19, 6 
die motive der sage von den Wanderungen des Herakles abgegeben hat u. a. Aus 
dem, wie mir scheint in unsem fachkreisen zu wenig bemerkten, lehrreichen buche 
von O. Zöckler, Geschichte der beziehungen zwischen theologie und naturwissenschaft 
mit besonderer rücksicht auf die Schöpfungsgeschichte (Erste abteilung, Gütersloh 
1877) liesse sich zu diesem capitol noch mancherlei beibringen. Solche in der theo- 
logischen littoratur späterhin sehr beliebte Spielereien haben bekantlich in dem Scan- 
dinavien des mittelalters nachtreter gefunden; ich brauche bloss an Formali undEptir- 
maH zu Gylfaginning zu erinnern, denen es mit Brimia salr = hqll PriamuSy 
Ohipörr = Hector, ragnurokkr = trojanischer krieg usw. sehr ernst gewesen ist. 
Die von den neueren gefundenen entstellungen der alten namen empfehlen sich nicht 
immer so leicht Es ist mir nicht möglich, zu gunsten des heutigen Verfahrens 
einen unterschied zu entdecken, wenn auf der einen seite die comua des alten testa- 
ments für den Ji6pvaog ravQoxeQtos oder ßovx€(Hosy andererseits in gleich unbedach- 
ter weise die comua erueis für das QjaüarJiom {hqtt blcsss Heimdallr VqI. 46, 3) 
verantwortlich gemaclit werden. Die Umwandlung der comiui erueis in die tvba 
des gerichts erfordert einen salto mortale, zu welchem meine phantasio nicht fähig 
ist. Man ist doch almählich gegen die vorsuche abgehärtet, bresche auf bresche in 
die alte göttorburg der Germanen zu legen. Die Situation der mythologischen for- 
schung ist nicht so ungemütlich und unbehaglich, wie dies Meyer s. 1 — 8 zu schil- 
dern sucht Wol haben widerholt kenncr unseres germanischen alteitums einspräche 
gegen unberufene Störenfriede erhoben. Aber nicht mag „leidenschaft, heisse liebe 
zur vaterländischen dichtung*^ (s. 8) die Überlegenheit ihres geistes geblendet haben: 
ein P. E. Müller (den Meyer nicht übergehen durfte), J. und W. Grimm, Uhland, 
R. Keyser, Petersen, Müllenhoff waren doch wol mit anderem rüstzoug versehen, 
um wie liebhaber nach lust und neigung ihre entscheidung zu treffen. Man wird 
allerdings nicht mehr auf gründe wie Mythologie I*, 81 verweisen dürfen. 

Eö war von vornherein zu erwarten, dass der rücksichtslose fonnalismus der 
Norweger, die sucht, in den alten liedem einzelne Wörter oder phrason aufzuspüren, 
die als Übersetzung kirchen- oder dogmengeschichlicher schultermini gedeutet werden 
könten, in Deutschland eine selbständige ontwicklungsphase nicht erloben werde; und 
so ist denn auch das vorliegende buch E. H. Meyers in etwas anderem stile gear- 
beitet. Bugges schwächen worden verechiedentlich beleuchtet, „einfalle von Bug- 
gescher kühnheit^ sind mit der arbcitsmethodo, wie sie in Deutschland tradition 
gewordon ist, nicht verti-äglich. Was sollen wir aber dazu sagen, wenn Meyer trotz- 
dem vorsätzlich und alles ernstes Buggesche läppen ansezt und den Buggeschen sog. 
Volksetymologien die gloichungen Hrymr = Charoti (s. 196), Ho'ner = lief weh 
(s. 226) hinzufügt? Es kann uns bei dieser wilfährigkeit aufzuraffen, was irgend die 
wankende säule zu stützen vermöchte, nicht verwundem, dass Meyer statt mit 
Qarvir mit Oerberus rechnet und Bugges herlcituug des iparqllr aus Eden anspre- 
chend findot (s. 175 anm.), ohne davon zu reden, dass schon die Vorstellungen der 

F. DRUTSCHE PHILIOLOOIK. BD. XXFV. 7 



98 KAÜFFHAKN 

kirchenvStcr von der goographischon läge des gartonsEdcn (Zöcldor a.a. o. I, 128 fg.) 
einen vergleich mit dem feldo der götter ausschlieRseu. Ich will nicht davon reden, 
dass die Nordleute die paradiosvorstellnng durch den ödainsakr aufigedrückt haben 
(Notae uberiores zu Saxo I, IGO. Maurer, Bekehrung 11,370); bezüglich des namens 
wird man berechtigt sein, au den Ida filius Eolha bei Nennius c. 65 zu erinnern. 
Meyer hat sich nicht vor der stilverirrung gescheut, die durch solche fremdartige 
auswüchso in den aufriss seines buches geraten ist Einflüsse griechisch -römischer 
mythologie wiU nämlich Meyer in der VqI. nicht >^iderfindon , sondern er betrachtet 
dieselbe „als eine in der skaldischen mythensprache des heidnischen nordens vor- 
goti-agene christliche heilslehre*^, sie soll eine „summa christUcher theologie*' enthal- 
ten (s. 293 fg.); das ganze des godichts habe in gewissen christlichen litteratur- 
werken seine Vorbilder und Vorläufer gehabt (s. 246). "Was sich Meyer unter der 
skaldischen mythensprache eigentlich gedacht hat, ist mir aus dem buche nicht 
deutlich gewonlen; eine geschichÜiche betrachtung der poetischen diction wiü*e aber 
ei*ste Voraussetzung für seine litterarhistorische kritik gewesen. Schon die, allerdings 
unzulänglichen, resultate R. M. Meyers (Die altgerman. poesie, Berlin 1889) wollen 
sich sclilecht damit vertragen. 

Im 111. kapitel fasst Meyer die ergebnisse seines buches zu einer neugestal- 
tung des YQlosp('^-textes zusammen, die sich etwa folgendermassen ausnimt: 

1) Einleitung v. 1. 2 (R). Statt mipiur (H), ivipi (R) 2, 3 wird Mstfr 
conjiciert (s. 46 fg.); das wort soll gerade an unserer stelle „die untcrweltlicho wohn- 
statt im innorn der erde*^ bedeuten. Ich glaube nicht, dass auf die Verantwortung 
Meyers liin unsere lexicographcn diesen Zuwachs verzeichnen werden. Als quellen 
werden für die beiden Strophen die sibyllinischen orakel und Honorius von Augusto- 
dunum angesezi 

2) Schöpfung V. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 16. 17 (R). bjöpom ypßo (bjojwm nm B) 
4, 1 soll nach s. 65 dem sibyllinischen ovQavöv vipojoi entsprechen und in dem sehr 
zweifelhaften bjopom sollen, wie ich übrigens schon bei Finn Magnusen (I^ex. Myfhol. 
533) lose, die circuli coeli (himmelssphären) in Wilhelm von Conches philosophia 
mundi oder die orhcs in Ambrosius Hexaemoron stecken; ich verweise auf Beda, 
de natura rerum c. 9 (de circulis mundi), ferner J. Orimm, Mythologie nachtr. zu 
s. 464. V. 5, 3 — 5. 6, 1—2 (ausserdem heto ok niifjan dag, undorti), 8, 3. 4. 
16, 5. 6 (R) sollen inter[>oliert sein. Das in R v. 9 — 15 üboriioferto sog. dvergatal 
hatten bereits frühere „mit recht als späteres einschiebsei ausgestossen'^ (s. 72 fg. 74). 
Walirscheinlich bilden v. 11 — 15 (R) einen ursprünghch nicht an diese stelle gehö- 
rigen zwergkatalog ; aber v. 9 und 10 bringen einen zu bestimten inhalt, als dass man 
diesi' Strophen so leicht überspringen köntc. Das Interesse heftet sich an das gemein- 
gorni. wort mnnlicon (R), nmulikan (H), vergleiche got. manieüca, ags. manlieay 
alid. crine manalihnn (statuas ereas) Ahd. gl. II, 762 u. ö. Nach J. Grimm Mytho- 
logie I*, 465 bildeten Mutsogiier imd Durctm eine menge menschenähnlicher zwerge 
aus der erde. Das wideretreitet der angäbe in v. 9, wonach die drött der zweige 
nr Brimcs hlnfe ok nr Blaens hffgjom geschaffen werden soll; vgl. dazu yafl>rd{>- 
nesm. v. 21. Orimnesm. v. 40. Dagegen gibt uns v. 10 ausreichende antwort auf die 
frage, woher Askr und Embla stammen, welche die göttertrias vorgefunden hatte. 
Offenbar sind von den zwergen (aus holzV) gefonnte vianlieon damit gemeint Pör 
die sohOpfungsgeschichtc hat der dicliter der VqI. Genesis und Genesiscommentar von 
Ambrosius, Isidor und Honorius, Uiob und I^ed. Salomon. bcnüzt, ferner hat der 
leser ags. Doniesdieg 106 und Wunder der Schöpfung 95 zu vei^eichen. 



ÜBER MEYSR, VÖLÜSPA 99 

3) Der sündenfall der menschon und seine folgen. Unter diesem 
titel werden die atrophen 18. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27 (R) vereinigt, v. 19. 20 (R) 
sollen interpoliert sein, ausserdem 22, 2 (R). Für den text haben Genesis, Ambro- 
sius und Honorius die grundlage gebildet. 

4) Die erlösung der sündigen seele durch den gekreuzigten = 
V. 28. 29. 30. 32, 1. 2. 34, 3. 4. 35 (R). Die zwischenliegenden Strophen 31. 
32, 3. 4. 33. 34, 1. 2 (R) werden wegen ihres vordringlichen prunkens mit mjrtholo- 
gischen namen, ihrer tendenz die heidnische färbung zu verstärken (valkyrionepisode), 
wegen ihres unsichem und unbeholfenen ausdrucks {misiilteinn) mit verblüffender 
kühnhcit weggeschnitten. Für den text hat sich der mysteriöse Verfasser sein mate- 
rial aus Honorius und andern kirchenschriftstellem, sowie aus der apokalypse zusam- 
mengeklaubt 

5) Hölle und paradies. Hier soll sich die christliche visionslitteratiu* nebst 
einfluss Ezechiels in den sti-ophen 36 — 38 (R) bemerkbar machon; nur v. 38, 3 ok 
Panns annars glepr eyrarüno wird trotz der „bis auf den überraschenden Singular 
hin wörtlichen Übersetzung ** von Ezechiels wrmsquisqtie tutorem proximi sui polluit 
(s. 169 fg.) ausgenommen, wegen Hqvam. 115, 5. 

6) Die Vorzeichen des jüngsten gerichts in der natur sind, wie die 
Strophen 39 — 43 (R) sie überliefern, vorwiegend germanische personificationen unheil- 
drohender naturereignisse (s. 179); mit andern Worten „nach einem ungeheuren um- 
schweif durch die christlichen vorstellungskreise kehrt der Verfasser jezt zur hei- 
mischen bahn zurück" (s. 175) und doch sollen die termini ragnarqk und ragnarokkr 
eher christlicher als heidnischer prägung sein {dies judicii, vespera mundi). Die 
heidnisch - christliche zwittematui* des gedieh ts (wie reimt sich das zu der anläge 
einer christlichen heilslehre?) hat es zu verantworten, dasswir mit str. 44 (R) „plötz- 
lich mitten aus dem bunten treiben einer überwiegend germanischen mythenweit'' 
herausgerissen werden. Da es für Meyer fraglich ist, ob überhaupt die weltunter- 
gangsidee eine einheimische gewesen, und da er andei-erseits bis hieher nachgewiesen 
zu haben glaubt, „dass unser dichter fast ausschliesslich fremde ideen vorträgt, da 
ferner die annähme nahe liegt, dass ihm, als geistlichen, gerade mehrere derjenigen 
Schriften bekant sein musten, in denen dieselben zustände mit der christlichen ten- 
denz aufs jüngste gericht geschildert werden und da wir endlich die art der darstel- 
lung des sittenverfals nicht als speciüsch germanisch anerkennen können, so müssen 
vrir auch hier uns fragen, ob nicht auch hier fremde muster benüzt worden seien •* 
(s. 183). Heisst das nicht, die einfachsten, elementarsten grundsätze historischer kri- 
tik preisgeben? 

So hat denn also unser dichter das ovangclium und die propheten 

7) in den Vorzeichen dos jüngsten gerichts auf erden und am himmel 
ausgeschrieben v. 44 (ohne zeUe 4. 5). 45 (R) + 40, 3. 4 (H). 41 H = 49 R. 44 (R). 

8) Beginn des jüngsten gerichts: ansturm und kämpf der dämonen mit 
der gottheit und weltbrand aus der apokalypse und den propheten geschöpft: v. 47. 48 
(Heljar statt muspellz). 50. 51. 52. 53, 1 R + 58, 1. 3 H. 53, 3— 55 (R). 

9) Die neue weit und ankunft Christi zum jüngsten gericht gleich- 
fals nach der apokalypse und den propheten gearbeitet, die Strophen 56. 57 -j- 53, 3. 
59. 60, 61. 58 H. 62 umfassend. V. 58 habe schwerlich irgend welchen volkstüm- 
lichen oder litterarischen Ursprung, sei vielmehr ein nicht gehörig motivierter und 
nobefaolfener breiter ausfluss der 7. strophe, den möglicherweise ein intcrpolator in 
bewegong seite (s. 218). 

7* 



100 KAUFFMANN 

Meyors gründe für seine textkritische Herstellung einer ursprünglichen compo- 
sition des gediclites sind nirgends überzeugend. Es musten andere mateiialien bei- 
gebracht werden, ehe unser Interpret gerechtfertigt sein konte, eine von ihm zu- 
s«immcngcsteltc Strophenreihe als YqIospq auszugeben und dieses stück jüngfster 
Eddukritik als christliche heilslehre zu deuten. Selbst der hinweis auf die Eireksm^l 
und nakonarmQl (s. 262 fg.) kann auf grund der damaligen zustände in Norwegen 
nur ein weiteres zeugnis für die imerschüttertc festigkeit des glaubons liefern. Ge- 
wiss waren die betreffenden hofdichter vom schlag eines Jarl Sigurdr, den seine 
hochsiunige treue zum getauften könig nicht hinderte, zugleich einer der eifrigsten 
Verteidiger des alten glaubens zu sein (Maurer, Bekehrung I, 151 fgg.). 

Es ist nicht unmöglich, dass sich empfängliche gemüter finden, die dem küh- 
nen Schwung dos führers folgen — gewiss wird es für sie eine befriedigende abron- 
düng und Vollendung des ganzen sein, in Sadmundr dem weisen den Verfasser der 
E. H. Moyei-schen VglospcJ kennen zu lernen (s. 275 fgg.). Wenn überhaupt jemand, 
konto er als solcher genant werden: hat ihm ja die legende manches ungeheuerliche 
angedichtet, vgl. z. b. hier einschlagend Vita Saemundi s. XXVII, 87 (dazu Zöckler 
I, 05). Er ist 1133 oder 1135 gestorben. Die von ihm benüzten Schriften des Ho- 
iiorius Augustodunensis „waren kaimi schon alle im ersten viertel des 12. jahrhun- 
doi*ts auf Island bekant*' (s. 272 fg.). Kurz vor seinem tode muss also der verdiente 
pastor Oddensis der nach weit die grosse mystifikation zugeeignet haben, die für den 
1170 geborenen SnoiTo schon als altes gedieht gegolten und im Zeitalter der schrift 
nicht bloss die entstellungen in Snorra Edda, sondern auch die in cod. H. erfahren 
Iiaben solte. 

Sajmundr, eine hauptstütze der kirche (er ist z. b. 1097 bei der einführong 
des zehnten beteiligt), nach allem was wir wipsen ein volksmann bester sorte, der 
dio Vergangenheit seines volkes kante und studierte — Saemundr traue ich anachro- 
nisnien, wie die Meyersche VglospcJ sie enthält, nie imd nimmer zu. Man verzeihe 
die abschweifung, aber unwUkürlich wird es einem im Meyerschen buche zu mute, 
als bewegte man sich in der modernen mytiienfabrik, die das publikum mit dem 
I^acou-Shakospearümytiius in Spannung gehalten und die Spitzfindigkeiten Bugges und 
Meyers auf den markt geworfen hat. Die fabrikmarke ist hier wie dort dieselbe, die 
mache gleich unhistorisch. 

Icli verzichte darauf zu widcrliolen, was Müllenhoff, Iloffory, Jessen, Bugge 
über das alter der ül>erlicfci*ton V^(>los})('^ boigcbmcht haben. Es sind nunmehr die 
litt(»rarisclien parallelen zu prüfen, die Meyer in seiner Untersuchung aufgestolt hat 
Ich constatiere zunächst, dass v. 42 — 44 und dazu gehörig v. 20 (von Meyer gestri- 
chen) nach s. 180 „ohne zwoifel** echt germanischen inhalts sind, nur der höllenhuii«! 
Oarnir soll antik zugestuzt sein — Corbenis. Im vorbeigehen füge ich an, dass deir— 
sol!)o ja leicht, z. b. aus Bcdas l>criihmtom briefe an Ecgbert zu haben war: 
trici'ps infororuni cauis, cui fabiüac Corberi nomen iudidenint (Haddan and Stubt 
Councrils and occlesiasti(*al docunionts III, 325). Im stil der herschenden mytheode^ 
tunj; bricht, naolidem «li«? wolkonfrauon herangoschwebt sind und der wind seine n 
fröhlichcMi W(»isen angestimmt hat, das gewitter los. Allein der dichter der VqIos 
habe die sclilimmon gennanischon wottennythen nur zum aufputz seiner heilsgeschi 
vcnvondct. Ich zwcitlo niclit, dass die ))ctreiTcndon stroplien ihre ausnahmestdiu. 
nur den liolilingsidecn E. II. Meyors vordanken. 

Für uns andorc, dio wir uns unmöglich entsehliessen können, die 
geschit-hto der Germanen in eine gowitteruacht mit winddämonen und blitzheioen 



ÜBEB UETEB, VÖLTTSPA 101 

zulöseo, in verblendeter einsoitigkeit die anschauung des natmiebens zu hypostasieren 
und alle andern lebensbedingungen unserer vorfahren auf sich beruhen zu lassen, 
bleiben derartige einfalle höchst gleichgültig. Seite man es bei ruhiger Überlegung 
für möglich oder auch nur denkbar halten, dass man unsere vorfahren über die uatur- 
Vorgänge grübeln lässt, während uns doch die formen des rechtslebens und der 
sitte, die mit den Individuen so innig verschmolzenen nationalen Institutionen 
der Germanen die bodürfhisse der gemüter so anschaulich widererkennen lassen? Es 
ist hier nicht der ort, ein programm zu entwickeln und meinen in arbeit genom- 
menen Untersuchungen über germanische religionsgeschichto vorzugreifen. Hängt es 
nicht mit den in ganz falsche bahnen geratenen grundanschauungon zusammen, wenn 
auch E. H. Meyer widerum meteorologische Vorgänge als germanische mythenstoffe 
anerkent> dagegen die Zerrüttung des volks- und familionlebens (v. 45) verdächtigt? 
V. 43 mit ihrer Unterscheidung von Hei und YalhQll wäre leichten kaufs durch eine 
anleihe bei Schullerus Beitr. XII, 235 aus der Originalfassung der Y^lospcJ auszu- 
sohliessen gewesen; was zeichnet die strophe vor der Baldropisodo aus, dass diese 
getilgt, jene erhalten ist? Es fehlt dem buche, an dessen rosultate wir nun im ein- 
zelnen heranzutreten haben, all das, was ims bestimmen könte, wo wir zweifeln, 
seiner entscheidung zu folgen und wo wir überrascht werden, aus ihm zu lernen. 

Vielleicht befriedigt es den einen oder andern, wenn ich für die nwire ok 
minne niqgo Heimdallar (v. 1) an die formel der päbstlichen kanzlei erinnere, die 
adresse magnis et parvis, ingenuis et scrvis Zacharias papa, welche der aus dem 
jähr 748 stammende 68. Bonifatiusbrief (Jaffo s. 195) ti-ägt, oder wenn ich die vielleicht 
dem eingang der 5. strophe zu gründe liegende naturorscheinung auch aus Joi-danis 
III, 20 (quod nobis Nidetur sol ab imo surgei-e, illos [Scandza] per ten*ae marginem 
dicitur circuire) belege. Weitere gelegentliche lesofrüchte stelle ich später zu nutz 
und frommen zusammen. Lassen wir zunächst oinzelnheiten aus Meyers buch rovuc 
passieren. AVas Meyer s. 15 fgg. über Heimdallr mythologisiert, „ein offenbar jünge- 
res und sonst nicht besonders angesehenes mythisches wesen*^, von dem nicht zu 
begreifen sei, wie er zu der hohen ehre eines städtegründers gelangt sein solte, 
beschäftigt sich mit der symbolischen deutung des regenbogons und seiner far])en. 
Die biblische regenbogenscene nach der sintflut und die sich anschliessende stünde- 
sonderung (bei Honorius, imago mundi: hujus [Noo] tempore divisum est genus 
bumanum in tria: in liberos (de Sem), milites (de Japhet), servi (de Cham)) sclieiue 
ein nordischer gelehrter violleicht nach iiischem vorbild in eine art inneren Zusam- 
menhangs gebracht und so auch diese dem heidnischen gott des regenbogons übor- 
wosen zu haben. "Weil die grüne färbe des regenbogons die erde, die blaue das 
nasser bedeutete, wird der im anfang geborene (mit Christus vorschmolzone) gott 
<ies regenbogens genährt durch der erde kraft und durch das kalte wasser und end- 
^ch durch den — sonardreyri. Dass hier für das zu erwartende feuer das blut 
®'n tritt, gerade das bezeuge den christlichen einfluss am unw^idorleglichsten (s. 30). 
'eineint ist einfach das blut Christi, des sohnes {sonardreyri)^ als ob kenningar 
^® ff^prgjqld jqtna Sn. E. II, 306. I, 244 nicht existierton. "Will Meyer geck kann 
^^ 9onar blöts, Hl frettar Heimski*. 1, 24 (Uhland schrifton VI, 213) ebenso dou- 
^'^ Das misveretändnis Meyers hat schon der rationalistische compilator der VqI- 
^^6a saga verschiddet, vgl. Bugge zu Gu[)ninarkv. II , 21. Die rote färbe des regon- 
ß^ua werde auch auf das unsere sünden sühnende blut gedeutet, das dem herrn 
^^^h dem speerstich aus der seite floss. Durchzudenken liat Meyer seine annähme 
^* Selbst nicht vermocht, wenn er a. a. o. meint, die Charakteristik spiele zwischen 



102 XAÜFFUANN 

den erinneroDgen an don alton regenbogengott Heimdallr und den neuen eindrücken 
der orscheinung des heilandes hin und her. Sind für das 12. Jahrhundert die ein- 
drücke der erscheinung des heilandes noch «neu*^ gewesen? 

Nach s. 85 ist Lö{)orr der heilige geist. Nach s. 127 war es ein kühner aber 
geschickter griff unseres dichters, dem heiligen geist noch einen andern heidnischen 
nameu, nämlich den des Mimer zu geben. Unter solchen voraussetzimgen habe ich 
auch nichts dagegen, wenn Meyer s. 190 behauptet, in v. 46 vertrete Heimdallr nicht 
den heiland, sondern einen enge], „wahrscheinlich weil er nach engelart das himlische 
Wächteramt bekleidete und nach Apokal. 10, 1 einer von den englischen verkündem 
des jüngsten gerichts, eine Iris, also das zeichen des regenbogens auf dem haupte 
trug*'. Ich wüsto nicht, dass mir irgendwo in meiner wissenschaftlichen orCahniog 
eine solche nachgiebigkeit des autors gegen seine tendeuzen aufgeMlon wäre, die vor 
dem gewalttätigsten nicht zurückschreckt. Mir ist nur bei oinem confusionarius wie 
Honorius von Augustodunum (gelegentlich von Zöckler so genant) etwas begegnet 
wie: ieo signifieat cUiquando Christum, cUiqtuindo diabolum, aliquando superbum 
prin<iipem (Bibl. Max. XX, 1179 E). So weit ist Meyer von seinen einfallen befiEui- 
gen, dass er uns zumutet, ein comu enteis, den verborgenen teil des kreuzes Christi, 
mit der tuba, die Heimdall bläst, zu verwechseln. Ich habe darauf bereits hingewie- 
sen. Allerdiiigs lassen sich auspieluugon auf das goricht gottes beibringen. Ich lese 
z. b. bei Schönbach Altd. pred. n, 181 fg. aus Yen. Hildeb. Cenomanensis: profufidiUu 
id est pars illa quae tatet profunda mysteria judiciorum Dei, während es bei 
andern die occfäta gratia Dei zu bedeuten pflegt. Dass aber dabei nicht an das 
jüngste gericht gedacht werden darf, stellen die werte bei Schönbach s. 184: oceulta 
voluntas Dei et ificomprefiefisihilitas judiciorum ejus unde ista gratia in ßiomines 
venit usw. ausser Zweifel. Hat einmal einer der mittelalterlichen mysticisten die 
cortiua crucis etwa durch die coruua lufuie symbolisiert oder umgekehrt? Auf 
christlicher Überlieferung beruliend ist fiom Sn. £. I, 48 verwendet worden, worüber 
unten weiteres zu sagen sein wird. Wenn eine skandinavische phantasie dazu fähig war, 
einen kreuzesbalken als posaune blasen zu lassen, dann allerdings würde ich gerne 
darauf verzichten, das plastische anschauungsvermögon der nordleute zu bewundem 
und eine dichtung wie die V^lospcJ zu verteidigen. 

Str. 27 Veii Heimdallar hljöp of folget 

und }mPc<{nom hetgotn baßme 
Str. 46 en mjqtojtr kyndesk 

at eno yamla Ojallarhome 

hqtt bl(ess Heimdallr horns d lopte . . . 
Der dcutung dieser stropbcn s. 116fgg. ist die anerkennung scharfsinniger combina- 
tion nicht vorzuenthalten. Ich kann es mir versagen, füi' die schon so vielfach seit 
Jac. Grimm belegte anschauung des krouzos als des lebensbaumes weitere citate zu 
häufen, sie liegen al überall am woge. Die arme des kreuzes, die sich nach den vier 
regiouen erstrecken, werden bckantlich als comua bezeichnet und bilden durch ver- 
mitlung Alcuins die voriage für Otfrid V, 1, 19 (thes kru<^es hom)^ worauf seit 
J. (trimm Mythol. II, 665 und Holtzmanu, Mythol. s. 188 wieder Bugge, Stadien 
s. 473 aufmerksam gemacht hat. In dem bereits envähnten traktat des Julius Fir- 
micus Matcnms lieisst es c. 21 : cornua nihil aliud nisi renerandum signum cru- 
cis mofistrant. hujus sigui uno cxtcmno ac dirccto comu mundus sustentcUar, terra 
constriugitur et e duoruut quac per latus eaduuf cowjKigine oriens iangiHurj 
occidcns snbleratur, ut sif totus orbis tripertita stabilitaie firmaius eonfixiqme 



ÜBER MBYBB, YÖLUSPA 103 

operis immortalibus radieitms fundanienta tetieantur. c. 25 li{fnum erat in para- 
dyso etc. vgl. auch c. 27. Interessantere stellen sind aus Tortullian beizubringen z. b. 
adrers. Judaeos (ed. Oehler) s. 1153: quid manifestim . . ut quod jkrierai olim 
per lignum in Adam^ id restitueretur per lignum Christi, Hoc lignum sibi et 
Isaao . . ad saerificiwn ipse portctbat , . et haac cum ligno reservatus est, artete 
oblato in vepre cornibus ?iaerente et Christus suis temporibus lignum humeri^ 
stiis portavit inhaerens cornibus crucis corofia spinea in capite eius circunulata, 
Adv. Mardonem 1. UL c. 18. 19. 22 u. a. 

£b wäre des Nordländers dichterischer kraft nicht un^^ürdig mit mjqtopr kyndesk 
at eno ganUa Ojallarhome liohteffekto in der manier eines Gabriel Max unter die 
Vorzeichen seines ragnarokkr aufgenommen zu haben, wenn der Zusammenhang dos 
Verses, wie M. will, bedeuten könte: der heiland leuchtet an jenem altbcrühinten 
kreuz. Das sclimettemde Gjallarhorn Heimdalls kann ein cornu crucis, auch wenn 
wir die mystifikation weit treiben wolten, nicht vertreten; M.^s eigene worte 
(s. 119: yffdjöß das sonst schall, gehör usw., wie hom bedeutet, verwendete der hier 
ganz besonders mysteriöse Verfasser für das einfache hom'^) gemahnen an Buggo, 
der ad hoo nur einen Shakespeare zu vergleichen wüste. 

Wie leicht wir mittelst der biblischen terminologie auch die dunkelsten an- 
deutungen der YqI. aufzuklären vermögen, zeigt namentlich, was M. s. 120 ff. über 
die Worte 

ä ser ausask aurgom forse 
af veße Vdlfqpor 
beigebracht hat Das pfand Walvaters ist Ühiistus der geki-euzigto. Dass die plgnora 
crucis in der mittelalterlichen literatur reliquien meinen, kann ich nicht verschweigen. 
Von diesem pfände ergiesst sich blut und wasser, als Christi seite mit dem speerstiche 
geöffnet wird. Wollen wir uns auch gefallen lassen, dass der ausdruck fars kaum 
übertrieben erscheinen könne, wenn man sich die kunstdarstellungen der scene ver- 
gegenwärtige, so last uns auch M. im stich, wenn wir fragen, wie unser chiistlicher 
dichter das in diesem Zusammenhang in erster linie wichtige blut vergessen konte! 
Was fangen wir damit an, wenn gelegentlich die formel gebraucht wird: ex laterc 
fans salutis nostrae emanat, oder bei Ezzo 25: der gotes prtmno ist dax pluot, 
wenn M. behauptet, diesen brunnen habe auch VqI. 29 zur grundlage? Schliesslich 
ist „das in dem quell verpfändete äuge Walvater Odins das im quell aller dinge, gott, 
ruhende p£and, Christus, aus dem sich vom paradiesesbaum her das wasser dos 
lebens ergiesst und der hüter, der jeden morgen daraus trinkt, Mimer, kann nun kein 
anderer sein, als der hl. geist*^ (s. 127). Der altgermam'sche custos fontium, in dem 
M. früher einen gandharven gesehen hatte, muste solch ungeahnte mctamorphose 
erdulden! Ich begreife nicht, wie M. auch jezt noch seine ansieht (s. 124) damit zu 
voreinigen wüste, dass Mimer zu den altertümlichsten gestalten germanischen glau- 
bens gehöre. Wir sind indessen nach dem bisherigen auch auf solche auswcge vor- 
bereitet; mit leichter beschwingter phantasie lässt sich die Vorstellung vielleicht nach- 
denken. 

Dass HQfu{>lausn v. 21 unsern mythus wahrscheinlich voraussezt (Beitr. XU, 390. 
XUI, 197), hätte all solche speculationen im keim ersticken sollen. Doch im gegen- 
teil. Im bannkreis seiner einfalle erhobt M. den akt, dass Mimer jeden morgen met 
trinke, zum abbild des täglichen messopfers. Hier verzichte ich darauf die philologische 
lupe anzusetzen und frage nur, ob es denkbar ist, dass eine derartige heidnische 
vermammung des allerheiligsten sich irgendwo mit dem gewissen eines Christen ver- 



ii 



104 KAUFFllANK 

tragen konte! Traut M. eine solch Mvolc profanation seinem priester von Oddi, 
dem besten klerikor Islands, zu? Mich würde es nun nicht mehr wundem, wenn 
jemand mit aer behauptung aufträte, auch die himmelskönigin Maria sei in der alten 
liedersamlung nachweisbar, wenn Uqv. 146 von der pjöpans kona und dem mannx 
mt^ (menschensohnV) in geheimnisvollem Zusammenhang die rode ist Solche witz- 
lose schnurren sind ebenso billig, als sie ernste, eindringende historische kritik per- 
siflieren. 

Parallelen, die mich tiberrascht haben und ein sorgfältiges eingehen erfordern, 
bringt M. s. 94 if. zu den Strophen 21 if., die Schicksale und person der Gollvcig sowie 
den Yanenkrieg betreffend. Auf die nordischen spi^elbilder des sechstagewerks folge 
die scenerio des sündenfalls und engelstui*zes. Hiergegen ist sofort der entscheidende 
einwand zu erheben, dass nach algemeiner ansieht der stürz der engcl entweder dem 
Schöpfungsakte vorausgieng oder am ersten schöpfungstag spielte (Zöckler 1, 420). Der 
Sturz der engel konte von unserem dichter eventuell nur im Zusammenhang mit der 
Schöpfungsgeschichte behandelt werden. M. hat nicht einmal daran gedacht, gründe 
für die Umstellung, die imser dichter vorgenommen haben müste, beizubringen. 

Meyer citiort Ambrosius de paradiso c. 15. Hier wird etwa folgendes über 
den Sündenfall dargelegt: serpentis typum accepit ddectatio corparalis: fnuiter 
syffibolum sefisus erat twatriy vir meiitis . . . delectaiio sefi^um, sensus autern men- 
tem captivam facere cmisuevit. Schon im 12. cap. hioss es, die delectatio sei divino 
aversa mandato et inimica sensibtis nostris , . . si autem ad diabolum referasy 
pent-8 inimtcits est getieris humani. Quae autem causa inimicitiaruni nisi in- 
vidia''^ . . diaholus . . invidit homini eo quod figuratus e limo ut ineola paradisi 
esset j electus est . . dii^ens: iste de ierris miyrabit ad caelum, cum ego de eaeio 
lapsus in terra sim . . . Itaque machifuitus est, ut noti primo Adam adoriretur, 
sed Adam per mulieretn eircumscrihere cofiaretur . . . Coytwscen^ igitur hoc loco 
tentamenti getius, pturima etium aliis locis tentamenti genera reperies, Atta 
stiftt per principetn istius mundi, qui quaedam vencna sapientiae in kune 
mundum evmnuit, tU cera putarent homines esse qtiae falsa sunt et specie quadam^ 

hontimwi caperetur affectus sunt quaedam potestates quae am o rem simu^ 

lant, gratiamque praetefidant , tU paulatim cogitationihus nostris venenum suae 
iniquitatis infundant a quibus oriuntur iila peccata quae vet ex delectatione vel 
ex quadam metUis facilitate nascuntur, iSunt etiam aliae potestates quae Col- 
ine tan tur nobiscum. Hernach werden minist ri diaboli genant, qui et cordis ei 
voeis suae infectas veneno vcluti verborum stiorum jactant sagittas. 
Der kirchenvater komt im verlauf zum Schlüsse: Viderint alii quid sentiant mihi 
tarnen vidctur a muliere coepisse ritium. £s ist nirgends davon die rede, dass Eva 
durch dreierlei infectae sagitta^^ diaboli bezwungen worden sei (s. 94), sondern 
Ambrosius zählt zwei arten von Versuchung auf und sagt schliesslich: muitipliein 
tentamenta sunt diaboli. Die an zweiter stelle genanten potestates, quae veiut cd- 
luetantur nobiseum lassen sich durch eine stelle aus dem 2. cap. illustrieren, wo es 
heisst: nctuo enim ntsi qui legitime ccrtarerit coronatur. Joseph quoqtte easH' 
monia numquam ad nostri fnemoriam pcrveuisset, nisi midier domini efus eontu- 
hernah\'f ignitis diaboli spiculis iucitaia fcntassct ejus affectunu nisi postremo 
afferfasset ejus intcritum , quo riarior esset castimonia riri qui mortem pro eatÜ' 
täte contemserit. Sind wir der sachü und ihrem Zusammenhang nach beroditigi, 
M. tut, jene infeitae sagittac diaboli der Versuchung im paradieB mit dai fjj 
diaboli spi^ula zusammenzusch weissen, die in der bninstigrai li a t oiBha it du 



ÜBER MEYKR, VÖLUÖPA 105 

den unschuldigen bedrohen? Wieso ist die sinnen Versuchung des Joseph dem an- 
griff des tenfels auf Evas naschhafidgkeit ^ähnlich '^P Was sagen wir vollcns dazu, 
wenn die dreifache Versuchung Jesu in der wüste (als laquetis gtUae, jactantiae^ 
avariticie aUque ambitionis Ambrosius de Cain et Abel lib. I. c. 5) die dreizahl stützen 
soll? Zu prysffar boma ist indessen auchMüllenhoffDA.Y, 1,310 anm. zu beachten. 
Ähnlichkeiten, die tatsächlich nicht bestehen, bilden die brücke zu M.'s werten (s. 95), 
Ambrosius rede von einem weihe, das im paradiese durch drei feurige Speere getroffen 
worden seL Mit diesem weihe habe aber unser mysticus' nicht die Eva gemeint, son- 
dern das faustische: duae enim midieres unicuique nostrum cohuhitant inimicitiis 
ae discordiis disidentes vekU quibusdam xelotypiae contentionibus nostrae replenies 
antmi domum, üna earum nobis suavitati et amori est, hlanda conctliatrix gra- 
tiac quae vocaiur voluptas. Harte fwbis opinamur sociam ac doniesticam, illam 
eUteram tmmitemy asperam, feram credimus, cui nomen vir tue est, lila igitur 
ineretrieio procax motu^ infracto per delicias incessu, nutantibtis ocidis 
et ludentibus jaculans palpebris retia quibus pretiosas juvenum animas 
eapit (oetUos enim meretricis, laqueus peecatoris) quemcumque viderit ckibio 
sensu praetereuntcm in angulo transitus domus suae sermonibus ado- 
ritur gratiosis, faciem juvenum volare corda domi inquieia, in plateis vaga, 
osculis prodiga, pudorevüiSj amictu dives, genas picta. Etenim quia verum deco- 
rem naturae habere non polest, adidterinis fucis affectaiae pulchritudinis lenoci- 
natur speciem non veritcUem. Vitiorum suecincta comitatu et quodam nequitiarum 
choro circumfusa, dux criminum talibus verborum mackinis murum nientis 
aggreditur humanae. Mit berufung auf Prov. 7, 14 ff. heisst es weiter: Hanc enim 
per OS Salomonis speciem fornicariae videmus expressam . . . opprobriosae frau- 
dis velamine operit corporis sui Stratum ad sollicitandos juvenum, animos . . . 
thesauros demonstrat, regna protnittit, amores spondet continuos, inexploratos 
conctibitus poUieetur . . . confusa omnia, nihil naturas ordine. Ulic . . repleta 
vomitu bibentium pocula majore odore ebrietatis quam si recentia tantum vifia 
flftgrarent. Ipsa in media stans: Bibite, inquit, et inebriamini, ut cadat 
unusquisque et non resurgat. . . Ble mihi gratior qui sibi nequior. Calix 
aureus Babylonis in manu mea inebriatis omncm terram a vino meo 
bibenmt omnes gentes .... His auditis vehU cerviis sagittatus in jecore fiaerct 
saucius. Quem miserans virtus et casunmi cito videns improviso occurit . . . 
pcUatn inquit apparui tibi non quaeretiti me. Ne fallat imprudentem et circum- 
venieU te mulier effrenata et luxuriosa quae non novit pudorem: sedet in fori- 
bus domis in sella, palam in plateis advocans praetercunies . . . tu 
autem accipe potius disciplinam . . . veni ad convivium sapientiae etc. (Ambrosius 
de Cain et Abel lib. I. c. 4. 5). In Warnungen vor der libido oder fomicatio imd 
der avaritia klingt die grossaiüge Schilderung aus. Ich setze noch zur Charakteristik 
folgendes her: inflammat animum, igne suo pascit cum . . . clementa concutit, tnare 
siäeai, terravn effodity caelum votis fatigat, nee seretio grata nee nubilo, condemnat 
proventus annuos fetusque terrartim arguit. Es ist die gier nach dem golde, deren 
völkerzerstörende leidenschaft auch die phantasie der Germanen zu den eindruckvoll- 
sten bildem aufgewühlt hat. 

An einer andern stelle (de Elia et jejunio c. 15) ruft Ambrosius — es nimt 
sich humoristisch aus, nach dem was in meiner darstollung vorausgegangen, doch ist 
das niobt beabsiditigt — ein dreifaches Vae! über die, welche niane ebrietatis potum 
fMM eonpenidHU Deo laudes referrc . . . Vix diluculum et jam cursatur 



106 KAUFFMANN 

per tabenias, vinum quaeritur, exctäiuntur tapetes, accubitum festinant stemere, 
lagenas argenteas, auratos caliees exponufü. Calix aureus in manu 
dotnini inebrians atnfiem terram. Ä vino e^us biherunt omnes gentes, ideo eam- 
motae sunt. Et subito cecidit Babylon et contrita est. (Jerem. 51,7). Calix ergo 
aureus contritus est, quia Babylon contrita est quae est calix aureus . . . 
denique dimna indignaiione conteritur. Qua ratione calix aureus? Quaniam 
qui vcrilcUe deficitur quaerit illecebram, ut species sattem pretiosa ad bibendum 
aliquos possit iUicere . . . Non te inducant aurea vasa et argentea . . Vas 
apostolicum fietile est, sed in eo thesaurus est Christi. Vae siceram mane sectan- 
tibus. Äurßum est hoc vas, poculum est, et in eo poculo venenum mortis, vene- 
num libidinis, venenum ebrietatis. 

Noch besteht der altbewährte erfahrungssatz jeder historischen forschong zu 
recht, dass die Chancen zu irren grösser werden, je mehr einzelne data der über- 
licferuog aus ihrem gegebenen Zusammenhang gerissen und isoliert oder gar in wil- 
kürlich geschaffene ordnungsreihon gestelt werden. Man vergleiche wie von M. die 
soeben ausgehobenen partien aus den ambrosianischen tractaten zerstückelt und mit 
ganz fremdartigen bruchstückon contaminiert worden sind. In dieser hinsieht ist IL 
leider nicht über Buggos äusserliche citatenhäufung hinausgegangen. Man lese das 
4. und 5. cap. in Ambrosius de Cain et Abel I. fortlaufend, wie der verfiossor sie 
componiort und seinen lesem vorgelegt hat Ist es denkbar, dass nach der bachan- 
tisclien aufregung der Yoluptas der faden abgeschnitten werden darf? Blicht sich 
der grolle strahl der das gemälde beleuchtet, nicht erst zum versöhnenden milden 
glänz in der Schilderung der Virtus? 

Und ich frage wieder: hätte ein christlicher heilsprophct es vor sich selbst 
rechtfertigen können, abgerissene citato aus dem 4. cap. sich zu notieren und das für 
die heilsichre viel wichtigere 5. cap. zu überspringen V Aber auch wenn wir im ein- 
zelnen uns zurecht finden weiten: bei Ambrosius ist wiederholt hervorgehoben, dass 
die Verführungskünste der Yoluptas gegen die jucenes gerichtet sind. Was mochte 
den Isländer veranlast haben, ^\e juvenes durch junge frauen zu ersetzen? Die figor 
der Yoluptas, in der Zeichnung des Ambrosius, wirkt in der geselschaft junger frauen 
geradezu widersinnig, absurd. Wir müssen uns also höchst bedenkliche gewaltsam- 
keiten gefallen lassen, bis wir dazu gelangen, nun vollens die Yoluptas mit der 
babylonischen hure und diese mit dem calix aureus = OoUveig zu identificieren. 
„Der ganz noixiisch klingende weibeiname Gollveig (D. A. Y, 1, 95) und die von Bogge 
behauptete Verbindung von ags. me^e bechor und an. veig getränke wird aus diesem 
ideonzusammenhang besonders deutlich'^ (s. 96). Es fält auf den Salzburger kleriker 
ein eigentümliches licht, der den calix aureus der babylonischen hure verdeutscht 
und einem seiner boiohtkindcr als christlichen ehrenuamen beigelegt hat Die sprach- 
lichen bedenken MüUenhoffs gegen die identität Oolhceig, Choldututih (Salzborger 
Ycrbrüdcrungsbuch 103, 17) sind bekantlich nicht zu rechtfertigen. Ich rede nicht 
von den an. Solvciyy Halheigy Porceig etc., inzwischen hat Bugge selbst seine ansteht, 
an. veig sei aus dem ags. entlehnt, zurückgenommen (Studien s. 574). AisL w^ig 
bedeutet e))on nun und nimmer bccher, sondern gctränk (veig betyder en jäaamde safl 
Rydbcrg, Undci-sökningar I, 176, vgl. auch N. M. Petersen, Mythologi a. 219). ICk 
dem binweis auf Sn. £. U, 489, wo veig unter den kvenna heiU ökend anfgarthlt isti 
können wir uns hier über das geheimnis der namenbildung beruhigen. OeÜTeig itl 
eine gcmeiugenuanische namensform (ganz analog verhalten sioli 
dcnoia Beitr. XII, 264) und kann nach bedeatong der 



ÜBER MKYER, VÖLUSPA. 107 

(Htreus nicht hergeleitet werden. Femer möchte ich daran erinnern, dass das tieiben der 
GoUveig-Hei^r sich durch die bestimmongen der ags. gosetze gegen die horcwenan 
veranschaulichen last In den gesetzen Edwards und Gudrums (c. a. 906) heisst es 
c 11: tcieean odäe wijleras, mdiisworan oäde moräwyrhtan oääe fide, df^lede 
febwre horcwenan ahwar an lande icuräan ajytene ßonne fysie hie man o fear de 
and ddnsie ßä ßeode etc. (Schmidt' s. 118). horcwenan sind ausserdem in Aethel- 
rods (a. a. 0. s. 228) und in Cnuts gesetzen (s. 272) erwähnt. Diese horcwenan sind 
die Organe gewesen, welche die deoflican jalchrsan^asy ^aldorcroefta^s usw. (stf hwa 
wteei^e ymbe ani^es mannes lufej beim weibervolke colportiei*ten, worüber uns das 
Poenitentialo Ecgberti archiepiescopi Eboracensis (Ancient laws and institutes of Eng- 
land ed. B. Thorpe s. 343) interessante einzelnhciten überliefert hat, die allerdings 
nur im Zusammenhang der abendländischen poenitentialordnungen gewürdigt werden 
können, worüber ich bald andern orts handeln werde. Was die bestraf ung solcher 
Personen betrift, so verweise ich auf R. Eeyser, NormaBudenes religionsforfatning 
(Samlede afhandlinger) s. 371. 

So löst sich auch diese verlockendste partie dcsM.'schen buches, dieverführe- 
lische deutung der Gollveig durch den biblischen calix aureus der babylonischen hure, 
in eine selbtstäuschung auf. Es wird aber trotzdem wegen dos folgenden notwendig, 
uns die Verschmelzung derVoluptas mit der babylonischen hure zu besehen. Ambro- 
sius de Cain et Abel I. c. 4 gibt den calix aureus Babylonis der Voluptas in die 
hand. Excerpieren wir aus De Elia et jejunio c. 15 die werte Babylon contrita est 
quae est calix aureus, so sind wir immer noch nicht so weit, dass die Voluptas 
durch den calix aureus resp. Babylon hätte vertreten werden können. „Wider ist 
Uonorius unser nothelfer^ (s. 97). Die vorliegenden dunkeln stellen der VqL empfangen 
ihr volles licht erst aus der Expos itio in cantica cunticorum Honorii; ohne sie und 
vor ihr ist dieVQl. nicht denkbar. Wir haben schon gesehen, dass wir des dem be- 
ginnenden 12. jahrh. angehörigen Honorius nicht bedürfen. Ich möchte aber doch, 
um M. ganz gerecht zu werden, zusammenstellen, was für die Gollveig -episode in 
betracht kommen könte. Ich halte mich dabei möglichst unabhängig von derM.'schcn 
darstellung und gebe meine eigenen auszüge aus der merkwürdigen dichtung des 
rätselhaften mannes. 

Im prolog werden die grundvoraussetzungen erläutei-t: filia regis Babylonis (id 
est diaboli) est gentilitas in confusione idololatriae TuUa. Sed Iiaec facta rcgina 
austri venu ad Salomonem quia spiritu sancto quem auster signifieai illustrata 
venu in coelis regnatura ad verum pacißcum Christum, Löst sich dies auch 
nur entfernt mit den Schicksalen der Gollveig vereinigen? Nach dem altgeprägten 
Schema werden die einzelnen Positionen historice, allegor ice, tropologice, anagogi<ie 
umgedeutet (ich bezweifle, ob eine vermengung dieser catcgorien zulässig war); und 
so ist die braut Christi die angelica et humana natura . . a paradiso cxpulsa . . 
hanc gigantes quasi latrones . . in devium dedtixerunt et multis vitiorum sordi- 
bu8 poUuerunt. Cujus miseria sponsus condolens ßiostes ejus diluvio delcvit. Ipsatn 
vero Noe quasi paedagogo custodiendavt tradidit. Sie ist dann unter Sara, Rebecca etc. 
zu Teistehen; immer ist ihr freund und bräutigam schützend ihr zur seite, bis er sie 
in eadestem cuUam coranandam adduect. Es heisst von ihr multis malis eam 
tjfnmmu et amnula ejus sa^e tentaverunt, quot modis quot dolis quot insidiis 
qmi atrÜlfUi eam ab amore sponsi acertere conati sunt et no7i valuerunt . . per 
ßi 'mita nefaria ei intulerunt . . adhuc sub antichristo eorum omnilms 

I uuiabunt . . höhet in comitatu omne^j qui sub praedicatione 



106 KAÜFFMAMN 

Heliae et Efioch et sttb persectätone AtUichristi pro Christo sanguinem fuderint 
Sie weiss selbst, dass sie alles für Christus erduldet; fornwsa dicitur quia forma osa, 
id est, propter fomiam odiosa. Formum quippe est ferrum in igne candens unde 
dicuntur fomiosi . . ideo dicitur ecclesia formosa quia in igne tribulationis 
ex CO et a fnartyribus rubescH, virginihus albeseit . . . adversitatibus mundi deni- 
grata, interius gemmis virtutum ornata, oder, wie es an anderer stelle von 
der sapientia heisst, ut aurura pura et in camino tribulationis exeocta. 
Sie ist sich bewusst: ego quidem sum nigra quia huic mundo propter passiones 
quos sustiiieo despecta . . quasi sim de furibus et latronibus nigris in pecco' 
tis. Diese latrones identifiüiert Honorius mit den daemoties, unter denen wir nach 
kirchlicher lehre sogar die heidnischen götzon vorstehen dürfen. Sie ist die vorfolgte 
ecclesia, welche tanto odio est habita ut malus ei locus manendi tutus esset, sed 
semper de civitate in eivitatem fugiens migraret, einzig durch das bewusi- 
sein aufrecht erhalten: non pro furto vel aliquo crimine sed pro Christo haee 
pcUior ... sol (auch fervor) persecuiionis me obfuscavit, . . . Persecutio dicta est 
nieridi^ (solis fervor) in quo solis ardor fervei in qtio ecclesia aestuabat mit 
andern werten : eris tu ecclesia amica niea inter gentes filias Babylonis . . . quae te 
multis spinis cruciatuum pungent et multis poenis lacerabt^nt, a carfiifici- 
bus ut lilium a spinis lacerata. Im schatten des lebensbaumes, des hl. krouzes 
sezt sich die fidelis anitna dum aestum specularis vitae declinans in rcquie spiri- 
tualis vitae refrigerari desiderat. Leider sind es zunächst die propheten, von denen 
gesagt ist: qui in altam contcmplatioticm sublcvati Christum et ecclesia^ mysteria 
a longe prospexerunt ; doch sagt Honorius auch von der ecclesia: sciens patris 
secrcta. Wer konte darauf verfallen, die ecclesia in coelis regncUura mit Babylon 
zu identificicren, von dem es heisst: cecidit et contrita est? 

Im fortgang des commentara wird dann die nwrtalitas als originale peccatum 
mit einer mauer verglichen. Quem murum coepit Adam aedificare, et omnis poste- 
ritas eius laborat cum cofisummare. Vielleicht konte an diese periode der Verfol- 
gung die Schilderung angeschlossen worden, die Honorius an späterer stelle von den 
kämpfen beim Weltuntergang gegeben hat. Die gesamte Weitentwicklung überschaut 
er von da aus noch einmal, und alles dulden fasst er zusammen in einer langen reihe 
von kriegen. Im reich der gnade, d. h. seitdem das orlösungswerk volbracht ist, 
zählt er 6 kriege: Primum bellum fuit inter Christujn et diabolum etc. Voraus 
liegt die algemeino friedensruhe unter Augustus, die eine sechszahl der kriege vor^ 
dem ei"scheinen Christi beschlicsst. Die vorchristlichen kämpfe eröffnet das primum^ — 
bellum (civile bellum sagt Honorius in seinem Speculum) inier tgrannum et inipe — 
ratorem . . . quando tyrannus . . similis altissimo esse voluit . . victu^ a rege^^ 

Dco cum Omnibus suis de aula codi cecidit et carceris infcmi supplicium subiit 

Secundum bellum fuit sub gigantibus . . tertium bellum fuit sub aedificatoribi 
turris . . quartum bellum fuit sub patriarchis etc. Das erste bellum civile (folkvif 
fyret V(^l. 21) solto der dichter aufgenommen, die folgende liste nicht einmal ange— — 
deutet haben? 

Wenn Schoror, dessen Üeiss wir Germanisten nächst Dicmer unsere bisherige be^ — 
kantschaft mit Honorius zu verdanken haben (vgl. Zeitschr. f. östorr. Gymnasien 186^S 
s. 567 ff.) in den Denkmäloni- s.418 anm. sich ausdrückte, die poi*son des Honorius behalt^^ 
etwas rätselhaftes für uns, so gilt dies heute noch ebenso. Man ist in den fachkreise^^ 
der historiker geneigt, ihn nach Augsburg zu versetzen (siehe Wattonbach, goschichts^ — 
quellen U", 182); sei dem wie ihm wolle, SchÖnbach's 2. bd. altdeutscher predigten hat u».^ 



BpHag ^PHigt. daes Mülleuhoff reclit zn h&ben scbeiot, weau or von Enoorius sagte 

■^nkm. * ». VUI), dtiES er für die deutsche tlicologio seiner neit besonders orfolgi'eioh 

FHti|; gewesen sei. Erst E, H. Meyer hat ea gewagt, die in nnserer mythologiaolien 

Öborüefenuigen so merkwürdig anklingende darstellung in nnmitteUini'c abliäiigigkoit 

TUi demäelben zu setzen; die besrbeiter der Denkmäler hatten bei gel^enheit von 

i- 41S, IC noch nicht an die esche Yggdrasels erinnert, nie jezt M. s. 116 (t. Es 

nieste T«irlocken „in der diviaten travestie (??) der heiligen geschichte das Schicksal 

i!«t n<illreig-Hei{»r, die voretoSBiing aus dem himraelreich und ihren bösen lebens- 

nuilcl auf erden widerkehren ku sehen" (s. 99); um so verloekender, als sieh aus 

ttouoriuB mittalat überepriogung weitläufiger erörterungon auch eine dentnng fftr das 

l'Jkrig fgrtt gewinnen zu lassen schien. Ea gehörte zu einer solchen doutnng 

[»laiiiilich riel knhiihoit, M. erkent ansdrücklich in den atrophen 23—26 heidnische 

^nndvorstellungen an, glaubt aber trotzdem, es handle sich um den roythue der ans 

te puadies varetosseuen menschenseele, der braat Christi und den damit verknü|)f- 

tm uFmhr der engel gegen gott, den ersten krieg der weit 

Bei dem mysteriösen dunkel, in das für uns die Vijlospe gehült ist, müssen 
"ü miprkeonen, daas bereohtigong vorliegt, mit denkprooessen zu rechnen, bei denen 
«■■^i alles nn der straff gerade gespanten richtsahnur abläuft Das ungewöhnliche bat 
"»ntt noch ein besonderes nnreoht auf wahrscheinliehkoit, Es würe unbillig, dnr- 
'^Dgcn ZQ verlangen, wie sie bei unserem verstöudnis lugfinglichen quellen zum 
•''senscliattlicheu stil gehören. Aber es gibt doch auch hier grenzen. Diese grenzen 
»enien zumal durch die überliefenuig selbst gosteeW, anderer.seita gelten anoh für 
"^■'sefelgeningen, bei denen die prOinisson erst zu reconstrnieren sind, die alge- 
™neti logischen gesetze und os ist nicht statthaft, sich durch potitio principii fwigen 
'"'«ason. 

Wie ein vergleich ineicier e\cerpte aus des Houorius Expositio in contica can- 

iwiTm, mit den vouM. 8. 98ft. gegebenen citaten zeigt, ist die auawahl bei ihm sehr 

"ukiiriich. Und was H. beibringt, bedarf der historischen begründung, ehe es gestattet 

^^ kSnto, aus demselben zengonstimmen für seine sache zu entnehmen. Im Specu- 

'""'_ ^es Honorius (Migne patrolog. 173, 941 C) ist von dem lumm tnUtua Dei (i. e. 

'^'^Stus) die rede: per hoc quippe »umua a m-orU retoneiliali. per lioe supernae 

l j**"*ae funt damaa restaurata; woe aber mit diesen damna gemeint ist, deutet 

" fv^elaatz an: per koe wnglontm agminum gaudia dupUeata. Die einbosse 

('^'n»jia), welche die supema curia dnrch den stuns des Luoifor erlitten hat, kann 

"Mit deutlicher ausgedrückt sein. Niehta desto wenigor müsaan wir die sieh anschliea- 

■"«Ic wouduug: Vena namqur ümnipolcns eacleatis Jliurutalem palaeium ad 

*'*'*»W »Ml apicndiftuit ordinibus angelarum pleniter instrHxit, aed pri- 

""'« arelutngelus a Deo reeedme hoe nequilw destruxit im oitntenscbatz unseres 

'^''t^uintliüheu skandinavischen interpreten dos Honorius als quelle für Vql. 24 (bro- 

*••*» TOS borßrtgifr äta) verzeichnet sehen. Es ist für mich ein ding der unmüglicb- 

"'''i fiinen christlichen kleriker den gedankon hegen za lassen, Lncifer und seine 

IP'tiViion bitten das palaeium des himraels zefstört. VornünfÜgeni'eiao können die 

*orte (Jag Honorius doch nur besagen, dass die Ordnung der himmelachöre durch 

^ "btrüunigen zerstört worden sei. Hier rtlcht sich bitter diu methode Moyers, 

""T nur mit abgerissenen dtatenfetzen zu operieren. 

Weil wir über die Vaneu nicht sonderlicli viel wissen, so soll nach s. 104 ihr 

JuiOfi ein kunstproduct späterer gelehrter skaldeo und geiatlieher sein, zu dem sie 

" die ags. poesie angeregt sein mochten, die gerade den aufruhr dei' eiigel und 



110 KAUFFMANN 

dio damit verbundenen stofTe sehr liebte (Gen. 25 ff.). Schon die Eireksm^I sind 
nur eine nacbahmung des dosconsus Christi ad inferos im NicodemusevaDgelium. 
Die gefallenen engel, Satan an der spitze, seien mit namen von göttem belegt worden. 
Sinßqtli wird zu einem ags. beiden gestempelt, trotz seines gut skandinavischen 
namens. Manches erbauliche fält im detail ab, nur kann z. b. weder die rdckkehr 
Baldrs noch die äusserung Odins: ser tdfr hinn hqsvi d sjqt goßa (von anderem ab- 
gesehen) nicht untergebracht werden. Ich hätte es nicht gewagt, nach den tatsachen, 
die z. b. K. Maurer, Bekehrung I, 172 f. über den zwangsweisen übertritt des Eirekr 
zum Christentum verzeichnet, in so bestirnter form von dem Christentum des dichters 
zu reden, wie dies s. 105 geschieht. YoUens die anspielung auf den schwedischen 
Ericus ist flickwerk; oder meinte M., der verf. der Eireksm(^l habe die vita Anskarii 
gelesen? Die zweifellos heidnischen Hukonarm^l, in denen die heidnischen götter mit 
stolz genant sind, sollen nach christlichem muster gedichtet sein? Ich sehe keine 
vcmnlassung mich weiter mit den einfallen unseres autors zu plagen. Gegen ende 
dos buchcs steigert sich die combinationsfreudigkeit immer mehr, Weltuntergang und 
weltonieuerung werden zu bunter mosaik zusammengewürfelt. Ich möchte zum 
schluss nur noch die Schöpfungsgeschichte eines blickes würdigen. 

Es handelt sich um YqL 3 — 6, Strophen, in denen schon lange biblische ein- 
Üüsse gewittert woi-den sind. M. ist auch hier seiner beweisführung volständig sicher, 
die ganze strophenreiho 3 — 19 folge im wesentlichen der Genesis. Der nordische 
sch(')pfung8bericht habe durchaus keinen germanischen oder gar indogermanischen 
character; auch den ii-anischen erzähl ungen, an welche man immer mit Vorliebe 
erinnert hat, scheine ein Zusammenhang mit der Genesis nicht abgestritten werden 
zu können. Man habe sich indessen mit der kirchlichen exegese vertraut zu machen, 
um den Zusammenhang zwischen dem biblischen Genesis- und dem nordischen 
V^lospiJ- texte ganz zu begreifen, dabei aber eine gewisse freiheit der aufTassung, 
auswahl und widergabe dem nordischen dichter von vornherein zuzuerkennen. Er 
habe grund gehabt seine abhängigkoit zu verhüllen. So? Ymer war in der tat ein 
echt nordischer ricse, ja er gehörte sogar dem idg. dämonenkreise an; dagegen sei 
OS oberflächlich an den indischen Puruäa zu denken, aas dessen gliedern himrael. 
erde und sonne usw. geschaffen wurden. Und doch wird s. 52 capital daraus ge- 
schlagen , dass schon der heidnische Ymor wie der indische Puru& seinen schädol zum 
himmel und sein blut zur seo hergegeben hat. Es Verstösse aufs schroffste gegen aUe 
altindogennanischon Vorstellungen (wie sie nämlich in M's Idg. Mythen I, 210 ff. dar- 
gelegt sind), dass aus der band so junger gebilde, wie die götter es seien, die sohöpfong 
her\'orgegangen sein könne. So ist denn Ymer bewohner der Wetterwolke, die kuh 
Au|)umla gibt nur eine andere anschauung derselben gewitterwolke wider — mir wird 
jedesmal in solcher Umgebung so gewitterschwül, dass mein anschauungsvermögcn 
vorsagt 

Ymer ist aber auch das chaos der Genesis, mit dem ginnungagap gleiclifids 
identisch ist. Die terra inanis et raeua und die aquae von Gen. 1, 2 verwandelte 
unser dichter in die negativen , aber bestimmteren vasn aandr ne stxr ne f^i)phimefm. 
Hat M. die sralar unner vergessen ? Und wie weiss er mit der terra inanis et vaeua 
das jorp farinxk (pra zu vereinigen? An der massgebenden stelle ist keine der for- 
meln genant. Die fiwics ahyssi gab Veranlassung zu der bildlichen darstellung eines 
abgrundriesen : ein wilder mann mit widerwärtigem köpfe. Der erste akt der bibli- 
schen Schöpfung, die Scheidung von licht und flnsteniis kümmerte nnsem verfosser, 
der sich überhaupt auf das allemotweudigste beschränkte, nicht — er liess ihn fort 



ÜBKR MKYER, YÖLUSPA 111 

Gegen die einmischoDg der SnoiTeschen fassung, sowie der Überlieferung anderer 
Lieder in die darstellang der YqI. lege ich nachdrücklich verwahrang ein; von einer 
gleichstelliuig Ymers mit Adam (siehe Zöckler a. a. o. I, 65. 139. 229. 487 f.) ist in 
der YqI. so wenig eine spur zu finden, als von der mischung der gegensätzlichen 
elemonte (Zöckler I, 173) oder der zerteilung des mikrokosmischen urriescn. Y. 4 
hfoßfnn ypßo entspreche dem 2. tagowerk, der erschafifung des firmaments. Die zahl 
der in der YqI. auftretenden schöpfer werde keinen anstoss errregen (über die betoi- 
ligung der trinität s. Zöckler I, 135. 171 u. ö.). Woher hat unser Verfasser aber die 
benennung Bars ayner? Der ausdruck soll allerdings von höchst zweifelhafter echt- 
heit sein. Wenn dann die sonne auf die ,,grundsteine des erdensaales'^ herabscheiut, 
um sie zu trocknen, um die herha virens hen'orzubringon (3. tagcwerk), so begehe 
der Verfasser den übrigens verzeihlichen Verstoss, die sonne scheinen zu lassen, ehe 
sie noch geschaffen. Was unserem dichter diesen tadel zugezogen, ist wol andern 
ebenso unerfindlich wie mir. Ich sehe von der urlichistheorie der kirchenväter ab 
und verweise dafür auf Zöckler I, 173. 396. 401. Ambrosius Hexaem. lib. III. c. 6 
zieht die strenge Schlussfolgerung als glaubenssatz : sciant omnes solem au^torem 
non esse nascentium, juniür est lierhis, junior foeno. Lib. lY. c. 3: ante solem 
lueei quidem sed non refidget dies quia amplius qiwque meridiano sole resplen- 
dei, mit merkwürdiger Übereinstimmung zu sunnan YqL 4; vgl. c. 7 luna als co^i- 
sors ei frcUer solis. Ich habe mir die sache immer so gedacht, dass die sonne 
längst geschaffen, der dichter nur nicht geschwätzig genug war, auch das natürlichste 
im einzelnen zu erzählen, peir es mißgarp mofrran sk4po wird mit stilschwcigen 
übei-gangen, denn die beiziehimg von des Eosmas ^ u^ari leistet nichts. Die vulgat- 
ansicht der exegeten von der kugelgestalt der erde (Zöckler I, 123) ist mit den nor- 
dischen Vorstellungen nicht vereinbar. Ich weiss wol, dass einzelne väter die erde 
sich als scheibenförmig flache, vom ocean rings umflossene ländermasse gedacht haben. 
Was gerade Eosmas betrift, so lehrte er eine vierackige oblonge gestalt der erdobor- 
fläche im anschluss an die vier zipfel oder ecken der erde. An miftgarpr ist 
man versucht zu denken, wenn man sich die mittelalterliche gäocentrischo auffassung 
des Planetensystems gegenwärtig hält (terra in medio omnium); vgl. auch diese Zeit- 
schrift X, 37. 

Y. 5. 6. sind nut Müllenhoff u. a. spätere zusätze oder wahrscheinlicher in eine 
Strophe zusammenzuziehen (s. o.), die sich volkonunen im rahmen des 4. tagewerks 
bewege. Sie vergesse freilich die steme. Die deutung Hoffory's, die auch M. unab- 
hängig gefunden hat, wird preisgegeben, nicht weil sie unrichtig ist, sondern weil sie 
nicht in den bericht der Genesis passt. Dass nun aber mit v. 7 nicht das 5. tagc- 
werk, die tierschöpfung, erzählt wird, bezeichnet endlich auch M. aufrichtig als 
bedeutende abweichung. Unser mysticus hätte sich als blossen nachahmer der Gene- 
sis (wie ja bekantlich viele andere) sofort völlig blossgestelt — so lautet die vielleicht 
andern lesem einleuchtende entschuldigung. Was M. sonst noch weiss, muss ich 
bitten bei ihm selbst s. 72 ff. nachzulesen. Es haben wider einmal die berge gekreist, 
es ist aber m'cht einmal ein mausgrosser gewinn für die YqI. zu tage gekommen. 
Dagegen für Snorre. Wir brauchen uns fernerhin keine Skrupel mehr darüber zu 
machen, wo bei Snorre (11, 255. I, 38) Ymer geblieben ist. Der gute christ hat 
erbarmongsloe die lehre der kirche zur soinigen gemacht und mit seinem ekki 
das nichts an den anfang der dinge gostelt, vgl. Müllenhoff, de carm. Wessof. 
s. 9. Ich acceptiere diese zweifellos richtige erkläiiing als sicheren gewinn. Es 
herscht, wie Zöckler I, 137 hervorgehoben hat, bei allen kii-chenvatem wesent- 



112 KAÜFFMANK 

liehe Übereinstimmung darüber, die heidnische und jüdisch -hellenistische annähme einer 
ungeschaffenen materie, die coätemität oder gar piiorität dos weltstoffis mit der 
gottheit zu verwerfen. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang die polemik 
Tertullians in seiner Streitschrift gegen Hermogenes (ZÖckler I, 156 f.)« Wer 
sich die viel verzweigten ströme vergegenwärtigt, die in der christlichen Hexaeme- 
rou-litoratur zusammengeflossen sind, der wml vielfach geneigt sein, wenigstens don 
godanken anklingen zu lassen, ob nicht Urverwandtschaft in einzeln teilen vorliege. Die 
orientalische kosmologie bei einem manne wie Ephraem, hat, wie es den anscbein 
hat, aufgesogen was von urzeitlichen Überlieferungen erreichbar gewesen ist; von 
den nachweislich starken einflüssen der griechischen philosophenschule nicht einmal 
zu reden. Der menschliche Organismus ist nach der naturphilosophie der Stoa das 
mikrokosmische abbild des alls (Zöckler I, 47), für die Stoiker wie für die anbängor 
Phitons ist die materie als das gestaltlose chaos von anbeginn der dinge (Zöckler 
I, 52 f.); an den massgebenden einfluss eines Philo brauche ich nicht zu erinnern. 
Doch ist nicht aus dem äuge zu verlieren, dass die Schöpfungsberichte verschiedener 
nationalitäten leicht unabhängig zusammentreffen, da es sich stets um die hertmnft 
ungefähr derselben guter des lebens handelt So, meine ich, könte auch die scenorie 
von V<?1. 4 auf eine anschauungswoise zurückgehen, wie sie vielfach von den exegeten 
des l.Qenesiscapitels vorausgcsezt wird. Die erde war ursprünglich vom meer über- 
strömt und wird aus den wassermassen emporgehoben. Die sonne leuchtete durch das 
wassor auf den festen meeresboden {d scUarsteina *; vgl. den namen der Salier als der 
meeranwohner und die späteren Salgau, Salland?), und es wächst der grüne rasen, 
nachdem die wasser eingedämt sind. Die deutung Hoffory's auf dem meeresboden 
halte ich für zweifellos richtig, nur die bemfiing auf lat. solum ist bedenklich. Ich 
lerne aus Zöckler I, 248, dass gerade Beda sich mit der anschauung getragen bat, 
wonach das neugeschaffene urlicht durch die den erdball rings umgebenden wasser 
bis zur Oberfläche der erde durchgedrungen sei, wie die taucher es verstehen, in den 
tiefen des mceres das wasser um sich her heller zu machen. Ambrosius Hexaem. 
III. c. 2 sagt: trctctavimus invimbilem idco fuisse terram, quod aquis operta tege- 
retur . . post congregationem aquae, quae erat super terratn, et post derivationem 
eins in 7n<irmj apparuissc aridam. lib. I. c. 8: solis radius, qui solet et auo aquis 
latciitia declarare. 

Was weiten wir dagegen sagen, wenn jemand behauptete, die geheimnisvolle 
mythologie der nmcu, wie Sigrdrifa sie kent und lehrt, sei nichts anderes als der 
gedanke eines Origcnos, Athanasius und anderer, dass die uns umgebende creatur nur 
eine Zeichenschrift dos allorliöchsten sei, buchstaben in seinem schöpfüngsbuche? Nach 
Gregor von Nazianz eine grosse und herrliche schrift {arot^iTov) gottes, wodurch 
dieser wie durch eine stumme Zeichensprache verkündigt werde; ähnlich bei Basüius, 
Chr\'Bostomus, Augustin u. a. (Zöckler I, 113 f.). Es ist so sehr leicht anklänge an 
die nordisclien berichte aufzuspüren : wenn in der Genesisdichtung des Spaniers Jnven- 
cus der cherub als eine art von waberlohe um das paradias her dai^gestelt wird 
(Zöckler I, 257); ah horto paradisi qui dieitur widique igfieo muro esse eonclu- 
siis . . ut hmnines inde prohH)eat ignis sagt einmal Honorius von Augustodonum 
(a. a. o. 1181 D); oder wenn beim Massiliotcu Claudius Marius Victor das eiskrystall- 
artige firmaniont als ein kühlender schild für die erde gegen die hitze der äthorregioo 
aufgofasst wird (Zöckler I, 261 f. 378): man erinnert sich dabei des himintarga SnE. 
I, 292, des Scalenn stendr solo fyrer skj(^ldr, skinanda gofie; bjqrg ok brim veiik ai 

1) Vt;l. nnrwe^'. soii grundstock (Aasen). 



ÜBER IdBYER, VÖLU8PA 113 

brinna skoio ef kann feilt i frä Grimnesm. 38. Sigrdrifum. 15. Wonu 0))inii und 
Frigg in der eingangsprosa zu don Grimnesm. sdtu i hUpskjalfu (wicZ*i)s' vipICvftq'^) 
ak sd Mtm heima alla, so heisst os auch von gott in der alten, kürzlich von Ewald 
herausgegebenen, in England entstandenen, sehr wertvollen Vita Gregorii: Deo (yinnia 
ex arce sua speculante pron'denteque (Festschrift für G. "Waitz s. 51), wolil nach 
Ps. 13, 1 domimis de caelo prospexit super filios homhium; vgl. auch JafFe, Mon. 
Mog. p. 44, 1 ff. Für den haisschmuck der Froyja könte man des monüe gedenken, 
von dem wir beiHonorius lesen: monüe j quod (ecclesiam) omat et munit pectuSj est 
Signum virginis desponsatae y ne adulter mittat mnnum in sinmn nlienae a. a. o. 
11 G3 F. Als eine schildburg wird die turris David geschildert: ynille rlypei pendent 
«r «1 a. a. 0. 1177 F; und die aula eoeli non recipit ullam peccati fnaculnm, wie 
Baldrs wohnung a. a. o. 1180 B. 

Die Übereinstimmungen werden aber ernsthafteren charaktors, sobald wir uns 
der Überlieferung in Snorre's compendium nähern. Wie dankbar wären wir gewesen, 
wenn M.s fleissige band eine quellenkunde der Snorra Edda uns beschoi*t Iiätto! So 
lange ixir eine solche nicht besitzen, ist es nicht statthaft erzählungon für das heiden- 
tum in anspruch zu nehmen, für welche nur Snorre und sein kreis dio gewährs- 
männer stelt. Ich kenne nur aus Sn. E. 11, 281. 1, 142 jene komische geschichte, die 
j)6rr passierte, als er seine bocke geschlachtet hatte und sie am andem morgen mit 
seinem hammer wider belebte, wovon Hymeskv. 37. 38 nichts weiss. Dazu gibt es 
aus der wundergeschichte des Brittenapostels Germanus ein verblüffendes seitenstück, 
das uns wenigstens gegen die nordische Überlieferung (zu der übrigens H. Petersen, 
Gottesdienst s. 58 zu vergleichen ist) vorsichtig machen muss.* Sie steht beiNennius 
s. 32 und ausführlicher in der Acta SS. zum 31. Juli (s. 272). Germanus war bei 
einem armen subulcus regis an einem stünnischen wintortag eingekehrt; die kleine 
familio besizt nur eine vaeca nebst vitulus. Dieser wird dem gaste zu ehren 
geschlachtet: coena explicUa beaius Germamis mulierem evoeat, imperatque ut ossa 
rituii eoüeeta diligentiu-s super pelUculam eins ante matrem in pracsepio eompo- 
nat. Quo facto (mirum dirtu quod eM) vitulus absque nwra surrexit, matrique 
coadstans pabtUum carpere coepit. Dagegen bei Nennius (Mon. Hist. Brit. I, 63): 
riiulum oeeidity coxit et posuit ante sermim Dei caeterosque socios ejits, quibus 
S. Oermanus praecepitj ut non eonfringeretur os de ossibiis vituh\ et sie factum 
eM. In crasiinum vitulus inrentus est ante matrem suam sanus et rivu^y inro- 
lumisque dei misericordia et oratione S. Germani. Auch übercinstimmungon wie 
die von Maurer Bekehrung I, 468, 99 und Jac. Grimm, myth.* 157 f. 753 anm. 2 
erkanten dürfen erwähnt werden. Während Vaf{)ni{)nesm. 36. 37 auf die frage 0{)ins 
an den rieson, woher der wind komme, die antwort gegeben wii*d: Hrcvsvclgr heiter 
es sitr ä himens enda jqtonn in amar kam, af hans vcengjom krefa rind koma 
alla nwftn yfer, weiss Snorre 11, 257. I, 48: gerfio himinn ok setto yfir jt^rfina 
med im skautum ok undir hrert hörn setto ßeir dverg Äustra, Vestra, Nor^ra, 
Sufiraj zwergnamen, die auch bereits in dem interpolierton katalog der \q\. stehen. 
J. Grimm hat Myth.* s. 382. 525 in denselben die bezeichnung der vier hauptwinde 
gesehen, was nirgends überliefert ist, der sacho nach aber das richtige lierausgehoben 
hat. In solchem falle kann nur blinde Voreingenommenheit christlichen einfluss ver- 
kennen, vgl. Apocalypse 7,1: post liacc vidi quatuor angelos stantes super quatuor 
angulos terrae (= skaut, doch ist zu der Wortbedeutung Bugge, Studien s. 265 

1) NftchtrilgUch soho ich, dass bereits Mono und Wolf daraat hingowioson haben, vgl. Mannhardt, 
. Mjrteo 8. 57 ff. Vgl. aach Qrimm, Myth. 154. 

F. DKÜTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXIV. 8 



114 KAUFFMANN, ÜDER MRYER, VÖLUSPA 

anm. 3 zu berücksichtigen) tenentes quatiior pentos terrae y ne flarefU super ierram 
fieque super mare neque in uUam arhorem. Es sind die mundi eardinesy e quibtis 
ventarum potent qtiatemio (F. Oohlor corp. haerot. I, 131) oder die qtiotuor partes, 
distmctiones mundi, welche die rornua cruci^ umfassen: orieniem scüieet et occi- 
denteni, aquilonem et meridiem (in derselben roiheufolge wie im nordischen text 
gegen \q\. 11). Eine deutlichere spur als der temiinus hom der Eddastelle ist nicht 
zu verlangen (doch \gl. latuisJiorfi Vigfusson Dict. s. 279), und es liegt auf der band, 
dass in demselben christlichen boden die i)oetischen jaräarskauty fteinisskaut wurzeln. 
Ob dagogon eine terminologio wie Honorius Augustod. de imagino mundi I. c. £>6: 
dicuntur auteln nuhes quasi ninihorum naves die quelle für vindflot Alvism. 18 
gebildet hat, kann zweifelhaft sein. Ich habe mich Beitr. XV, 195 flf. dafür erkb'irt, 
dass bereits uns(?re ältesten mythologischen lieder von dem kulturstrom berührt sind, 
der im sonnigeren süden entsprungen war. Diese berührungen nachzuweisen, ist eine 
enisto aufgäbe, an der schon manche kraft sich erschöpfte. Wie tiefgreifend das 
römische rocht die germanische nationalität gefährdete^ mass hier nachdrücklich her- 
vorgehoben werden; es ist notwendig an den ergebnissen der rochtsgeschichte den 
blick zu scliärfon, wenn es gilt, die Wandlungen der i-eHgionsvorstellungen auf Christ- 
hell -römische ointlüsse zurückzuführen. Seitdem Usouers Religionsgeschichtliche Unter- 
suchungen (1. 11. Bonn 1889) erschienen sind, solten auch wir gelernt haben, wo 
und wie der spaten angesczt worden muss, um an die Wurzel der volksbräucho zu 
gelangen. An verwegenen verlorenen einfallen haben wir jezt reichlich genug erlebt 
Die mythologische forschuug hat jezt als nächste aufgäbe, aus dorn bunten 
bilde der Überlieferung die factoren auszuscheiden, die dem religiösen leben der 
einzelnen germanischen stamme angehören. Auf der grundlage des religiösen lebens 
erhebt sich der labyrinthische bau der religiösen dichtung. Ich zweifle nicht, 
dass die religiösen aiiscliauungen, ceremonien und Symbole, die das gesamtvolk be- 
herrschen, wie ein Ariadnefaden uns durch die üboilieferten dichtwerke die riclitige 
balm fühi'on weixleu. Die Scheidung zwischen der kunstleistung des individuellen 
dichtoi's und d(>m festen fonds dos volkstümlichen glaubens ist die Vorbedingung für 
die behandlung der frage nach der herkunft der dichterischen Stoffe. Die cinzolnon 
formen d(>r volkstümlichen religiösen ceremonien haben gleichfals ilire geschichtc, au 
deren auflielluiig wir zu allei-erst werden zu arbeiten haben. Ausgangspunkt kann 
aber nur der zustand dos germanischen hoideutums umnittelbar vor dem bekehrangs- 
werko der christlichen missionaro sein, wenn wir historisch zuverlässige resultate 
erwarten. Ich arlxnto seit längerer zeit in dieser richtung und bin von ganz anderer 
Seite der frage nach der kulturberührung der Oennanen mit der romanischen weit 
nahegetreten. 

M.VRBÜRG, 8. FEHRUAR 1890. FRIEDRICH KAÜFFMANN. 



A. Wnirner, prof., Der gegenwärtige lautstand des schwäbischen in der 
mundart von Reutlingen. Erste hidfte. Reutlingen 1889. (Festschrift der 
kgl. roalanstalt zu Reutlingen zur feior der 25jährigen regierungszeit sr. nugcstit 

dos königs). 

Für den verf. ist die nähere bestimniung seiner abhandlang, die gegenvftr- 
tige lautform der Routlingor Ma. zur dai'stellung zu bringen, wesentlidh. Denn aaoh 
er huldigt der ansieht, dass wir im stände seien, den prooees der 



KAUFTMANN, ÜBER WAQNKR, R>:UTUNOER MUNDART 115 

belauschen und die ricktung derselben vorauszusagen. Das ist ein durcli die engli- 
schen phonetiker nach Deutschland verpflanzter ii-tuni. Von den schriftspraclüichen 
einflüssen wie <w statt qe (aefleks gehört aber nicht hierher, ahd. egidehsa)^ ö statt 
ao u. a. abgesehen, bedarf es nur der kentnis der älteren Sprache, um isolieiie reste 
wie ds^t (zehnte aus zöhondo ^ *zöhede), fdrdlacnd (entlelinen aus verlöhenon), 
(^mots (irgendwohin aus *naiswaze) u. a. als besonders altertümlich zu scliätzen; von 
einem verschwinden der nasalierung kann vernünftigerweise nicht die rede sein. Die 
Reutlinger ma. hat in der alten reichsstadt zweifellos genau dasselbe Schicksal gehabt, 
wie der schwäbische dialekt in weniger exclusivon bezirken und ist in ihrem laut- 
bestand seit Jahrhunderten fest geworden. Durch zorstieute beeinflussungon von selten 
der gemeinspracho wird derselbe im gründe nicht berührt. 

Die Schreibweise schUesst sich im ganzen den von mir gebrauchten zoiclien an. 
Es ist zu bedauern , dass der herr verf. darin nicht consequcnter gewesen ist und da- 
durch sein scherflein zur herstellung einer gleichmässigen dialektorthographio bei- 
getragen hat Aus verachiedenen gründen wäre ä statt ä vorzuziehen gewesen; 
wamm der verf. die fast algemein recipierten ^, q (statt dessen r/», ;;) vei-schmäht hat, 
ist nicht einzusehen. Das giiech./ können wir auch sehr leicht entbehren, wenn wir 
neben x noch x einführen etc. Es ist geradezu pflicht, in dialektdaretellungen klein- 
liche Sonderinteressen zu opfern, um dem leser das Studium dadurch zu erleichtem, 
dass man die Systeme älterer arbeit(»n beibehält. 

Die abhandlung enthält s. 3 — 20 eine sehr gehaltvolle phonetische analyse der 
laute, die in oinzelheiten von meiner darstellung abweicht. Fi'emdartig ist mir nament- 
lich die aufstellung eines kieferwinkeis 5. grades für ä; aus meiner erfalimng wüsste 
ich nichts zur bestätigung desselben beizubringen. Femer soll, was jeder beobach- 
tung meinerseits zuwiderläuft, der kieferwinkel für ^ und v derselbe sein; ich muss 
an der absteigenden reihe v» ^* ^^' festlialten. Im übrigen haben indessen unsere 
unabhängigen beobachtungen zu volständig übereinstimmenden resultaten geführt 
(namentlich was den schwierigen diphthong oi) betrift, so dass wir behaupten dürfen, 
die schwäbische lautbildung sacligemäss erläutert zu haben. Widersprucli muss ich 
gegen Wagners steigende diphthonge (s. 11) erheben. Man mag die Verbindung ja 
als steigenden diphthong betrachten (dessen erstes einsilbiges dement nicht als i 
sondern als § anzusehen wäre); die terminologie ist aber nicht empfehlenswert, schon 
weil sie auf w übertragen, zu Ungeheuerlichkeiten führt, w in wa ist überhaupt kein 
halbvocal mehr, wie Wagner schon von AVinkler hätte lernen können, folglich ist 
seine Umschreibung »a »i «c etc. in hohem grad irreführend. Ausl. -c, -j sind 
nicht mit dem nasalzeichen zu versehen, es sei denn, dass nasenresonanz vorausgeht. 

Sehr dankenswert ist nun aber, dass uns hier zum ersten mal in philologischer 
darstellung experimentelle m essungen der Quantitäten vorgelegt worden sind. 
Wagner hat mit dem Grützner -Marey'schen apparat gearbeitet (vgl. jezt Phonet. 
Studien IV) imd die (|uantitätskurven auf tabellen beigelogt. Ich benutze die gelegen- 
heit, auf den artikel von lierrn William Marteus in Kiel: Über das verhalten von 
vocalen und diphthongen in gesprochenen werten. Untersuchung mit dem sprach- 
zcichnor in der Zeitschrift für biologie, herausg. von W. KüIme und C. A^'oit (N. f. VII. 
bd, 1889 8. 289 ff. , mit sehr wertvollen tabellen und tafel I) die aufmerksamkeit zu 
leoken. Herr Martens hat mit dem apparat von prof. llonsen (vgl. Zeitschrift für 
Inologie, N. f. bd. V.: über die sclirift von scliallbewegungon) gearbeitet (wie neuer- 
dings noch eingehender Pipping). Es empfiehlt sich jodocli bei widerliolung der ver- 
saolie, Tonklitiger zu verfahren. AVenn uns Wagner s. 5 als resultat s<>iner vocal- 

8* 



IIG KAUFFMANN, ÜBER WAONRR, RRITTLINOEH ICÜNDABT 

messuiigCD mitteilt, dass die quantität der langen vocalo zu dor der kurzen sich wie 
3:2 verhalte, so weiss ich damit wenig anzufangen, wenn ich über die termini „lang*^ 
und „kurz*^ ohne aufklürung bleibe. Die expeiimonto von Martens ergaben z. b. eine 
maximaidauer von 0,549, eine minimaldauer von 0,038 Sekunden. Sehr schon sind 
dagegen die resultatc bei den consonaiiten s. 13 ff. Auffallend bleibt mir nur, dass 
dem voi-f. dor lautwert auslautender Icnis entgangen ist: inlautende lenis wird in aus- 
lautstellung zu aspirierter fortis: rap nicht rah rabo, rappe etc. Möchten doch die 
physiologischen experimento au(?h auf andern dialectgcbioten recht sorgfältig widcrholt 
worden! Es ist keine frage, dass die wissenschaftliche, tatsächliche ergobnisse liefernde 
dialectforschung erst mit hilfe von apparaten ihren zweck erfüllen wird, wie ja selbst- 
verständlich die intoresscn der physiologen ihre notwendige wissenschaftliche unterläge 
erst erhalten, wenn sie nicht mit einer abstracton, sondern mit dor individuell mund- 
artliclien aussprachsform operieren. Der Edison'scho phonograph wird wahrscheinlich 
unsern zwecken nicht die erhofften dienste tun. Kreisen, welche die technischen 
eifinduugon mit interesse veifolgen, mache ich noch eine in Deutschland, wie os 
scheint, nicht beachtete untoreuchung von Adrion Guebhard namhaft: Nouveau procedo 
phontMdoscopiijue pai- les anneaux colores d'interforence in der Association FranvAise 
lK)ur Tavancement des sciences. Paris 1879 (Congres de Montpellier.) Vielleicht 
haben andere mit der Wiederholung der experimente mehr glück, als ich. 

S. 20 ff. erlialten wir eine sehr reichhaltige, auf idiotismcnsamlung angelegte 
Statistik, zunäclist die vocalo umfa.ssend; diphthonge und consonanton werden in aus- 
sieht gesteh. Ich möclite den Verfasser dringend dazu ermutigen. Was kentnis der 
älteren formen anlangt, so worden zwar am schluss der abschnitte aus den Urkunden 
des städtischen archivs materiaUon verzeichnet, aber in sehr äusserlicher form. In 
diesem stück bleibt viel zu wünschen. Auch die gruppierung der quantitäten ist 
verfehlt. 

MABBUBO, DECEMRER 1Ö89. FRIEDRICH KAUFFMANN. 



Kauffknanii, Fiiedr., Geschichte der schwäbischen mundart im mittel- 
alter und in der neuzeit, mit tox tprobcn und einer geschichte der Schrift- 
sprache in Schwaben. Strasslmrg, Trübner, 1890. XXVIII, 355 s. 8^ 8 m. 

Das buch enthält eine behandlung der lautlehre des schwäbischen, in welche 
vorwoben ist, was der verf. über flexionserscheinungen gesammelt hat Wie von ihm 
zu erwarten, gibt der verf. eine von den grundsätzen heutiger Sprachwissenschaft 
ausgehende und denselben völlig genüge tuende arbeit. Aber, was mehr heisscn will, 
er komt auch zu ganz hervorragenden ergebnissen. Manche partien schwäbischer 
lautlelrro werden für absehbare zeit zur hauptsache nun fertig gestelt sein, andere 
sind hier ganz erheblich gefördoi-t. Was dor verf. an historischem mateiial aus den 
denkniälom von den ältesten lu-kundlichen nameusformen an abwärts bis auf die dia- 
lektdichtor dos 18. jaliHiunderis zusammengetragen hat, führt vielfach zu ebenso über- 
i-aschenden als fest bogrüudbareu resultaten. Und mag das hier gegebene, was sich 
heute kaum völlig übersehen lässt, in manchen punkton noch in ausschlaggebender 
weise ergänzt werden, so bildet os doch jedesfals für jode weitere arbeit ein 
ausgezeichnetes hilfsmittel. Bedeutend weniger genügend ist das mateiial aus der 
lobenden mundail. llior mussto verf. mehrfach die mundart eines einzelnen ponktoB, 
des Städtchens Horb a. N. als förmliche grundlage benutzen. Dazu konte er AgHl, 
was er aus seiner hei mat Stuttgart kent, was er selbst sonst eneioheii kflato vd 



BOHNENBBBOEB, ÜB£B KAÜFFHANN, GESCH. DER SCHWAB. MUNDABT 117 

neben einigen engere gebiete oder einzelne erschoinungon behandelnden kleineren 
publicationen unsere oberamtsbeschreibungen bieten. Horb hat nun wohl für einige 
erscheinungen eine ganz besonders günstige läge, aber es erscheint als Städtchen 
schon mehrfach von der gebildetensprache bccinflusst. In Stuttgart ist kaum mehr 
etwas von bedeutung zu holen. Die oberamtsbeschreibungen aber, auf welche es für 
die grossen weiten gebiete des dialects ankäme, sind hierfür ganz unzureichend. Ein- 
gehenderes und brauchbares material liefern nur die allerneusten, Babiugen, Tuttlingen 
und Ellwangen. Somit vermögen dieselben nur über begrenzte gebiete im n.o. und 
im s.w. zu unterrichten, alles andere fehlt. Und selbst das bei ihnen gegebene 
bedarf der controlle. Out steht es wider dank Birlingers arbeiten um das obei-schwä- 
bische. So mag es sich aus diesem mangel an material und einer daraus sich erge- 
benden Unsicherheit u. a. auch erklären, dass verf. auffallender weise im gebiet der 
lebenden mundart dem von ihm selbst als absolut unumgänglich anerkanten grund- 
satz, die gesetzmässigen bildungen als solche zu bestimmen, mehrfach nicht oder 
nur ungenügend nachkomt, sich mit aufführung der neben einander hergehenden ver- 
schiedenartigen entsprechungen begnügt und selbst nicht volkstümliches als gleich- 
berechtigt einreiht. Oft wei*den auch den im text aufgeführten durchaus gleich- 
berechtigte entsprechungen in der anmorkung abgemacht, offenbar weil sie einem dem 
verf. weniger naheliegenden dialectgebiet angehören. Damit bin ich auf das formale 
gekommen. Wer auf guten spiachlichen ausdruck, richtige Stoffverteilung in absätzen, 
Paragraphen und abschnitten, correctes anbringen der pai'agraphen - und absatzziffem 
sieht, wird andere anforderungen machen, als der verf. an sich gestolt hat. Über 
dem bestreben pointiert und eigenartig zu reden, wird der verf. manchmal auch 
dunkel und unverständlich. Weite er uns aber vor die wähl stellen, ob wir heber 
das buch, wie es ist, mit seinen formalen Unebenheiten und seiner unvolstäudigkeit in 
Verarbeitung der lebenden mundart annehmeu, oder erst länger warten möchten, bis 
er gelegenheit gefunden, diesen mangeln vollends abzuhelfen, so würde der fachmann 
zweifellos doch ersteres vorziehen. 

Das Vorwort benüzt der verf., persönliches und sachliches verknüpfend, zu 
principiellen auseinandei'setzungen. Gegenüber der von Paul aufgostelton erklä- 
ning der Sprachveränderung sieht verf. deren grund in einer bestirnten, zeitlich 
begrenzten und aus konkreten anlassen hervorgehenden änderung der function der 
Sprachorgane. Wer nun auch diese aufstellung des verf. anerkent, wird eine 
wesentliche modifizierung der ansichten der Sprachwissenschaft nur danu darin 
sehen, wenn ihm dieselben früher mit den aufstellungen Pauls, nun mit denen des 
Verfassers völlig zusammenzufallen scheinen. Da seit dem 14. jahrh. keine Verände- 
rung der lautbildung nachgewiesen werden kann, die Stabilität des lautbestandcs viel- 
leicht aber noch älter sei, so sieht der verf. die vorauszusetzenden functiousändemngen 
der Sprachorgane, veranlasst durch die einwauderung des Stammes in seine heutigen 
sitze, und gibt als gesichtspunkto veränderten luftdruck, gänzlich andere bodens- und 
lebensvorhältnisse. Aber was ist diesen Verhältnissen bei ihrer Verschiedenheit in 
oborschwäbischer ebene und Schwarzwald, in Alb und Neckarthal gemeinsam gegen- 
über den Verhältnissen der alten heimatV Würde verf. wirklich versuchen, in ein- 
zeloon aus solchen veränderten Verhältnissen die functiousveränderungeu der sprach- 
organe zu erklären, so würde er wol, um bestimte Ursachen zu erhalten, gezwungen 
aem einzelDe Verhältnisse herauszugreifen, welche nur für einen grösseren oder gerin- 
goieo kreis, nicht aber für sämtliche stammesangohörigon gölten konten. Damit wäre 
aiMnmahmaa, dass sich die einen dem beispiel der anderen anschlössen; wir hätten 



118 ßOHNENBEBQER 

also hier psychische gründe, und die functionsverändorung hätte dann bei beiden teilen 
durchaus verschiedenartige Ursachen. Diese aus psychischen gründen hervorgehende 
bewogung müsste dann aber ebenso ausnahmelose gesetze geschaffen haben , wie die» 
ans mechanischen gründen gegebene, und sie wäre zu trennen von der secuudären, 
welche analogiobildungen schaft. Ails gleichem gründe geht meines orachtons verf. 
zu weit, W(^nn er für die hd. lautverschiobung das bild der wolleul>ewegung für un- 
statthaft «»rklärt und vielmehr jede einzelne mundart den process selbständig durt^h- 
machen lässt. Soll damit gasagt sein, dafs auch das individuum ohne psychische 
abhängigkeit von anderen denselben vollzieht? Mag man mit verf. darüber einver- 
standen sein, dass noch andere Umwälzungen d(T gleichen z(»it angehören und dass 
womöglich ein alle zusammen erklärender oinh«»itlicher grund anzusetzen ist, so winl 
es doch auch hier, fürclite ich, bei der grossen vei"S(;hiodonheit der Verhältnisse der 
einzelnen sehr schwer sein, irgend welchen zustand in der weise für das ganze gebiet 
der vei-scliiebung gleichartig zu denkiMi, dass dei*selbe allenthalben wesentlich gleich- 
zeitig dieselbe funktionsveränderung der Sprachorgane bewirken könte. Immer werden 
zum mindesten inseln bleiben, innerhalb welcher gerade in den fraglichen Verhält- 
nissen Verschiedenheit oder wenigstens bedeutende abstufung herscht. Diese müssten 
dann die funktion der Umgebung angenommen haben. Und damit wäre räum für 
irgendwelche ai*t der ausdehnungsbew4^gung. Ob aber dabei zum mindesten eine an- 
zahl von li au pt Zentren als ausgangspunct der Verschiebung, oder nur ein einzi^i^ 
hau|)tgebiot anzunehmen, darauf will ich nicht weiter eingehen, zumal der Vorgang 
selbst heute überhau|)t noch unerklärbar ersclieint. 

Hauptabschnitt I, phonetik, gibt die nötigen phonetischen gesichtspunkte und 
chai'akterisiert den lautphysiologisch(Mi bestand der mundart. Dieser wäre als die liaupt- 
sacho noch mehr henorgetreten , wenn manches der algemeinen phonetik angehöiigc^ 
gekürzt oder gestncheu worden wäre. Ueberhaupt kann man sieli bei diesem ab- 
schnitte» mehrfach fragen: für leser welcher art ist dios geschrieben? Wenn verf. in 
betreiT der gpräuschlaute angibt, der vei*suoh mit einer Wassersäule in einer glasröhro 
von 7 mm durchniesser ergebe b<*i leuis ein steigen von 1 72 cm , bei fortis von 27, cm, 
so verliert ein solches experinu?nt dadurch ziemlicli an wert, dass man dasselbe nicht 
wohl durch den die mundart redenden niami machen lassen kann. Und dann wär«^ 
das experinient auch auf die aspirierte foiiis anzuwenden gewesen, ob diese nicht 
noch stärkere explosion aufweist. 

l[aui)tabsclinitt II gibt (?ine Orientierung über namen von stamm un<l spräche, 
Stammesgrenze, nierknialo der nachbardialecte, t^>ilung des schwäbischen in östliclios 
und westliches gebiet. Unbeschadet aller kürze solte man aber, nachdem ort und 
zeit richtiger bestirnt sind, nicht mehr von der ^sog. Schlacht bei Zülpich a. 4%" reden. 

Den haui»tteil der arbeit bildet abschnitt DI, die lautstatistik. Hier werden 
die einzelnen laut«» in ihn?r geschichte von den ältesten nachweisbaren, vom verf. aus 
den deukmälcni meist überreich belegten formen an bis in die heutige mimdart vor- 
geführt, die gesetze wie die zeit der Umbildung bestirnt. In dieser boziehung ist 
allenthalben das ergebnis, dass seit dem 14. jh. keine westmtliche änderung in der 
mundait mehr statg«;fuiiden hat. Aus der benützung der denkmäler ergeben sieh 
ganz interessante grundsätze für deren vorwoiiung, z. b. für di(» l>odeutung der «um- 
gekclii-ten Schreibung'*, für beurteilung der Schreibart in Übergangszeiten, wo das tra- 
ditionell gegebene von dem «ler ausspi-achc entsprechenden zt'icben verdrängt wird, für 
chaitikterisierung der Schreiber, welche je nach stand und bildung mehr der tiaditio- 
oellen Schreibart anhangen oder den lebenden laut geben. Was die vocale betnft| m 



ÜBEB KAUFFMANK, GESCH. DER SClfWÄB. MUNDABT 119 

beabsichtigt yerf. zuerst durch bchandlung der oinzclvocalo einen ausweis des bestan- 
des zu den versohiedenen zeiten zu geben; in einem nachfolgenden cap. ^ Geschichte 
des Yocalismus*^ worden die wirkenden gesetzo eruiert und die zuvor nachgewiesenen 
Vorgänge erklärt Ich gebe der kürze halber nur, was ich auszusetzen habe. Durch- 
gehend sind bei behandlung der alten kürzen die quantitätsverhältnisse zu wenig genau 
gegeben. Es wäre mit rücksicht auf die einzelnen gebiete der mundart genauer zu 
untersuchen gewesen, welche beispielo dehnen und welche die kürze erhalten. Das 
gleiche gilt in betreff der diphthongisierung alter kürze , und hier wäre besonders noch 
zu beachten, wo dieselbe vor nasal -|- Spirans consequent durchgeführt ist, und wo nur 
zum toü. Femer wie weit heute noch die Vertretung e > ea und e >- de durch- 
geht. Was hierüber §69, 2, b und § 72 gesagt ist, ist z. t. selbst für Horb anfecht- 
bar. Dasselbe gilt vom wandel 6> äo und oe >• de. Bei den Vertretern von mhd. tu 
ist eingehender als geschehen der versuch zu machen, diejenigen der beiden ursprüng- 
lich verschiedenen laute auseinander zu halten und genau anzugeben, in welchen bei- 
spielen und wo der diphthong als uij tj ü erscheint, oder dafür mit dem Vertreter 
des Umlautes von ü zusammenfallend 9i auftritt. Das gebiet von %% ist ausgedehnter, 
als verf. misint Eingehend sind die vocalo der nebensilben behandelt und sehr in- 
haltreich die belege aus den denkmälem für endsUbenvocale der ahd. und mhd. zeit. 
Ob die frage über das Verhältnis pe : oa als Vertreter von ai durch den ohnedies etwas 
unbestimt algemeinen hinweis auf verschiedenen nachdrucksgrad (§110 A3) gelöst 
ist, bleibt mir fraglich. Soll hier gesagt sein, i in ai sei direct zu 9 geworden? 
Und wenn so, wo bietet sich hiezu eine parallele? Dies führt auf die erklärung der 
gegebenen vocalveränderungen hinüber. Hier stimme ich im princip der darlogung des 
Verfassers bei, dass bei schwachgeschnittenem accent tieftonigkeit des stamsilbonvocals 
mit zum höchsten laut aufsteigender betonung für das schwäbische sich womöglich 
zweigipfliger accent und dehnung ergibt. Wenn aber verf. diese Wirkung auf die 
geschlossene silbe beschränkt, dehnung in offener silbe auf ausgleichung beruhen und 
umgekehrt jede silbe in pausastellung sich dehnen lässt, daher auch ebenso kurze 
einsilbige formen auf ausgleichung zurückführt, so kann ich diese annähme nicht für 
das ganze schwäbische gebiet teilen. In einer anmerkung weist der verf. die rück- 
.sicht auf den Charakter der folgenden consonanz kurz wog ab. Stände ihm mehr ma- 
terial zur Verfügung, so wäre er wol anderer ansieht. Es lässt sich in bestimten 
gebieten ganz genau nachweisen, wie vor bestirnter consonanz dehnung boz. für c 
diphthongisierung stathaben kann, und wie dieselbe vor andern unterbleiben muss. 
Wenn dann innerhalb bestirnter grenzen wider einzelne consonanzen wie z. b. aspi- 
rierte fortis oder b -f- cons. verschiedene Quantität des vorgehenden urapmnglich 
kurzen vocals zeigen, wenn ng anderen stand zeigt als nkj german. h anderen als 
der Vertreter von germ. kj so ist diese interessante crscheinung auch bei der bestim- 
mung der arüoulation der betreffenden consonanten zu beachten. Dass zwischen den 
verschiedenen consequent bildenden gebieten Übergangsgebiete entstehen, kann nicht 
auffallen. Somit sage ich: zum mindesten in einem teile des schwäbischen gebiotes 
tritt organische dehnung auch ein, wo der vocal die silbe schliesst, und es gibt bestimte, 
die dehnung aufhaltende consonanzen. Bei der erklänmg der diphthongisierung wäre 
auf grund des zuvor bei der darstellung der einzelnen laute eingehender zu gebenden 
materials zu fragen gewesen, warum gerade die nasalvocale anderen voran sein konten, 
und warum auch unter ihnen ein teil zurückblieb. Dann wäre der satz, dass der 
homogene geschlossenere vocal erzeugt wird, wenn bei überlangem vocal kohlkopf und 
jHMgenrftcken sieh heben, specieller auf die einzelnen erscheinungen anzuwenden. Wie 



120 BOUNENB£RO£B, ÜBER KAUFFMANN, OESGH. DEB SCHWAB. MUXDART 

wird ostschwäbisch o zu o^ undczutvV Soll «a über ei* golcitot werden (§140,2.a)'? 
Parallel 09 aus o geht es doch wohl diroct auf e zurück. So war wol auch e, wo 
es als c«) erscheint, zunächst durch dohnung zu (i geworden, so dass für das gesamt- 
gebiet diphthongisicrung des offenen e zu id nachzuweisen wäre. 

Bei daiiitelluDg der consonanton schliosst sich an diejenige der einzelnen ge- 
räuschlaute eine sehr eingehende behandlung der lautverschiebuog an. Zumeist 
handelt es sich dabei um eine mit grosser bestimthoit und genauigkoit durchgi.*führte 
auseinandersctzuug mit der Schreibung der denkmäler. Doch zeigt sich dabei wider 
aufs neue, wie vei*wickelt die Sachlage ist, besonders bei ph^ eh. Aber auch für die 
sachliche fassung, welche mau im grossen und ganzen als feststehend anzusehen 
pflegt, fühi*t die Untersuchung des vorf. noch zu mehrfachen genauerea bestimmungen. 
Es ergibt sich z. b. , dass germ. dentaler reibelaut schon um die wende des 7. und 
8. jh's. zum verschlusslaut wurde, dass dieser loztero stumm war, da ^mit ci wechselt, 
und dass die auftretenden th nicht letzte spui'en oder graphische fortsetzung des alten 
reibelautes sind, sondern erst jünger und gleichwertig mit t. Die aufstellung Kögols, 
dass ausl. fortis oxplos. zunöchst affricata wuixle, hat vcrf. in der hauptsache 
abgewiesen. Im gebiet der Sonorlaute wäre § 181, 2 wider über das eindringen von 
(j nach X l>ez. cons. + * bostimtere angäbe zu machen gewesen. 

Ein anhang behandelt in guter spräche und von gemässigtem Standpunkte aus 
die geschichte der Schriftsprache. Hier werden selbst strengere Verfechter einer mhd. 
Schriftsprache ein gut stück mit dem verf. gehen können. Zur trenn ung wird es 
kommen, wo er die reinheit der reime der mhd. classiker betont; wo er darüber wog- 
geht, dass nach H. Fischers nachweis Rugge sadekeit : trcit reimt; wo Uartmann 
definitiv ausserhalb Schwabens im engeren sinne lokalisieii; werden soll. Beim buch- 
druck weist verf. mit recht auch auf die frage nach der heimat der druckenden 
gesellon und auf die bedeutung der messen hin. In betreff der nachlutherischen 
drucke kann er sagen, dass er über umfänglicheres material verfügte, als seine Vor- 
gänger. 

Als abschluss sind die textproben, beginnend mit einer solchen aus dem 13. jh. 
und horabgehend auf die heutige mundart, von wert. 

TÜBINGEN. K. BOIINEMJKKQEB. 



Zur ontstehungsgeschichte dos Evangelionbuchcs von Otfrid I. Von 
L. Tesch. Oreifswald, tiiss. 1800. GO s. 

Der Verfasser sucht die entstehungszeit der einzelnen kapitel des Otfridischen 
Werkes zu bestimmen. Als kritorien für frühe abfassung gelten ihm (s. 57): häufiges 
auftreten dos part. praes. mit sin, häutige nachstellung des attributiven a^joctivs, 
alliteration , widcrholtes fehlen der Senkungen (leider ist die crörterung dieser liciden 
metrisclien fragen nicht mit abgedruckt!), Vermeidung fremder eigennamen, benutzong 
der evangoLien ohne cummentar, gliedcrung in strophen von je 4 langzeilen, abrun- 
dung der einzelnen kapitel zu selbständigen liedern olme auknüpfung an das vorher- 
gehende und an da^ fulgeudo. Dom resultate (s. 42 fgg.), dass aus dem ersten buche 
namentiich die kapitel 4. 'y^. (J. 7. 0. 10. 11*. 12+13. 17*. 23*. 25* zu den 
ältesten bestandtcilen des evangeliouhuclios gehören, kann man zustimmen; die aus- 
scheidungon späterer zusätze, wolcho Tosch aus den mit * bezeichneten unter diofi^i 
kapiteln versucht, beruhen aber «locli auf subjectiver Vermutung, deren Wahrschein- 
lichkeit von der stärke der l)evveiskrtift abhängt, die man den von Tesch in jedem 



SRDMANN, ÜBER TESCil, KNTSTKliUNGSCiKSTIf. DES KVANO. RITU£S VON OTFRID. 121 

falle vorgebrachten grÜDden zugestehen wird. Über die gliederung Id abschnitte von 
je 4 laogvorsen z. b. urteilt Tesch zwar umsichtiger und besonnener, als Olsen in 
seinem aufisatze Z. d. f. a.31, 206 fg.; aber er geht doch vielleicht zu weit, wenn er 
aonimt, ein an den meisten stellen vierzeiligo abruudung zeigendos kapitel müsse 
eine solche an allen stellen ursprünglich gehabt haben. Er vermutet aus diesem 
gründe z. b. hinter den versen 1, 4, 9. 10 ausfall oder spätere absichtliche auslassung 
zweier alten verso (für 1, 4, 63. 64 und 69. 70 scheint er keine Störungen des vierzei- 
ligen abschlusses anzuerkennen), und hält anderseits aus demselben gründe 1,5, 21. 22 
für später zugesetzt, zu einer zeit, in welcher Otfrid die vierzeiligo abrundnng nicht 
mehr erstrebt habe. Ich habe mir die sache immer so gedacht, dass Otfrid vier- 
zeilige (in anderen fällen sechszeilige) gliedenmg zwar oft orstrobt und in manchen 
kapiteln auch ausnahmelos durchgeführt hat, dass er sie aber zu keiner zeit für unbe- 
dingt erforderlich hielt, und dass er also auch 2 in sich abgeschlossene laogverse 
zwischen vierzoiligon (oder sechszeiligen) gruppen stehen lassen konto, wenn ihm 
keine passende erwoiterung oder füllung einfiel. Äusserlich bezeichnet ist ja (abgesehen 
von den lallen, in denen ein refrain^ in gleichen abständen auch dem äuge auffal- 
len muste) die vier- odor sechszeilige gliederung in keinem falle in den handschrifton. 

Übrigens hat die frühe abfassung der bisher genanten kapitel dos ersten buches, 
mögen sie nun zum teil spätere Überarbeitung erfahren haben oder nicht, bisher wohl 
niemand bezweifelt. 

In der annähme späterer abfassung für 1, 3 und 1, 27 stimme ich Tesch (s. 57) 
bei. Inwieweit er für die einreihung der übi-igen teile des evangelienbuches in die 
drei periodon der entsteh ungszeit, die er s. 58 f. charakterisiert, bestimte und wahr- 
scheinliche neue resultate gewonnen hat, ist aus dem bisher veröffentlichten teile der 
arbeit noch nicht ersichtlich. Mit anerkennenswerter Offenheit gibt er zu, dass aus 
der 8. 29 fgg. angestelten Untersuchung über „volkstümliches im evangelienbuch*^ sich 
keine resultate nach dieser richtung gewinnen lassen; bestrebungon dieser art treten 
in jüngeren wie in älteren bestandteilen gleich stark hervor. Die Verwendung seltener 
werte oder abweichender wortformen (wie z. b. hirumes nur n, 6, 57 statt dos sonst 
stets gebrauchten birun, zugleich der einzige fall einer form auf -nuis ohne adhorta- 
tive bedeutung; gebrauch des inf. wesan oder sin; 2. sg. auf -s oder auf -st) hat er 
nicht für die zwecke seiner arbeit verwendet. Ich billige diese enthaltsamkeit; denn 
bei der anzunehmenden formellen Überarbeitung des ganzen Werkes, deren leztes Sta- 
dium in don correcturon und Zusätzen der handschrift Y uns noch vor äugen liegt, 
dürfte 08 sehr bedenklich sein, aus derartigen differenzen Schlüsse auf die abfassungs- 
zeit der einzelnen teile zu machen. Zu s. 19 bemerke ich, dass der name Jcsiuis nie 
in fremder form vorkomt, weil Jteilant als entsprechende Übersetzung galt, vgl. 0. 1, 8, 27 
nach Mt 1, 21 und 0. 1, 14, 4 nach Luc. 2, 21 ; auch im Tatian steht an den outspre- 
chenden stellen 5, 8. 7, 1 (und ebenso 3, 4) das deutsche wort, und nur später ist ein- 
mal 82, 8 Jhesua in den text gesezt (fehlt bei Sievers im uamensverzeichnis). — 
Durchaus unbegründet ist die Vermutung (s. 51 note), dass die kapitelüberschriftou und 
marginalien nicht von Otfrid selbst herrühren selten. Der corrector der handschrift V 
Iiat sie ebenso durchgesehen und stellenweise ergänzt, wie den deutschen text. 

Die Widmung an könig Ludwig bezieht sich offenbar auf das ganze vollendete werk 
Otfrids; gilt dasselbe auch von den beiden Zuschriften an Salomo von Konstanz und 

1) Ich würde heim dr. Tosch dankbar ^woson i>oin , wonn er die bouTÜndanfr seiner zweiten those 
„Erdnuuiiui antiditBn fiber die verwondong dos refrains in Otfrids orangelionbach sind nicht conscHjucnt" 
mir frMudliflhit mitseteUt hatte. 



122 BEBGER 

aD die St Galler möDchc, oder bogleiteteo dioso zunächst nur einzolne teile des noch 
nicht vollendeten werkos? Die orste meinung wurde von Olsen (Z. f. d. a. 29, 343) 
ausgesprochen, die zwoite verficht jezt Tesch in der ersten these seiner dissertation. 
Mir ist bei der Zuschrift an Salomo die zweite, bei der an Hartm. und Werinbert die 
erste annähme wahrscheinlicher; aber volle Sicherheit darüber wird man kaum ge- 
winnen können — es sei denn, dass ein beweisendes äusseres zeugnis aufgefunden 
werden solte. i^ie etwa eine neue Otfridhandschrift, die nur einen bestimten teil des 
Werkes mit nur einer widniung enthielte. 

Ich komme bei dieser gelegenheit auf eine von mir schon öfters bonuzte' ana- 
logie zurück. Für Klopstocks Messias kennen wir ja das jähr, in welchem jeder 
gesaiig zuerst erschien; wir bissen ausserdem durch äussere Zeugnisse, dass die rei- 
honfolge der abfassung nicht immer mit der der Veröffentlichung übereinstimt, dass 
z. b. lange stücke aus dem 1773 zuerst gedruckten XVUI. und XIX. gesange 
schon zwischen 1748 — 1752 abgefast sind (vgl. K. llamel, Klopstockstudien 3, 56 und 
dessollten commentar in der ausgäbe DKL. 46). Würde wol jemand ohne die äus- 
seren Zeugnisse diese stücke (für die zum teil auch mehrCeu^he Überarbeitung bezeugt 
k$t) aus inneren gründen mit Sicherheit als ältere bestandteilo erkant haben? Schwer- 
lich! Und deshalb wird man sich auch hüten müssen, den resultaten, welche herr 
Tesch aus seinen l>oobachtungen mit anei^ennenswertem fleisse und scharüsinn gewon- 
nen hat, mehr als einen gewissen grad von Wahrscheinlichkeit zuzuerkennen. 

KIEL. 0. EBDMAKN. 



Zur Waffen- und schiffskunde des deutschen mittelalters bis um das 
jähr l'J^JO. Eine kulturgeschichtliche Untersuchung auf grund der ältesten deut^ 
schon volkstümlichen und geistlichen dichtungen. Von Ueinrieh SckrSdcr. Kiel, 
Lipsius \- Tischor. 1S90. 40 s. 1,50 m. 

Der Verfasser der vorliegenden schrift. einer Kiolei dissertation, hat sich ohne 
zweifei ein*.* dankbare aufgäbe gestelt. .Eine kulturges^chichtliche Untersuchung^ nont 
er sie gewiss nicht mit unriHrht; man muss da)»ei nur im äuge behalten, dass die 
rwüit'iikiwde. um die i.*s sich hier bandelt, zwar ein unentbehrlicher teil der kultur- 
getH.'hiehte ist, siih aber keineswegs mit ihr deckt, wie es nach einem leider noch 
nicht ausgestorbenen Iäs>i|;:en sprachgebrauche den anschein hat Der realicnkunde 
des deutschen mittelalters ist bisher weit mehr der eifer von archäologen, kunsthisto- 
rikern. kriegs^Nohriftstellem. ireistlichen und mancheriei dilettanten, als von eigent^ 
liehen phik'logen zu gute irekominen; die schriftliche Überlieferung ist dabei über ge- 
bühr voruachlä>sigt und weder st«jfflich erschöpft, noch überhaupt streng methodisch 
verwertet worden. Dii' schwierige aufgaln?, mit einer volstandigen In'herschang des 
erhaltenen auschauungsmaterials die alseitige durchforschung der mittelalterlichen Ur- 
kunden. gesohichtss<.'hreiU^r und prediger zu verbinden, beides gegen einander zu 
halten, zu vergleichen und daraus die geschichtliehen Wandlungen zu entwickeln, ist 
nach wie vor unceK^st. 

Für die watTenkunde hat bekantlieh San Marte einen derartigeQ versuch ge- 
macht: er hat die >ohriftliohen U^richte tleisNig excerpiert und auf griberfunde und 
abbilduni^^n \-ielfach rücksioht genommen; nur leider voUii: kritiklos, so dass sein 
bu'.h uioht mehr geworleu i<t, aL t-iu ulvrsiohtlicher latalog. in dem es eine ent- 
wicklung uU.*rhaupt nicht gibt. alxT Mog^toUen etwa aus dem Beowolf oder Eaod- 
lieb mit ><:>lch»'u aus dem Wigalois oder Loht-ngriu friedliche nachbarscfaaft hatten. 



ÜBER SCHRÖDER, ZUR WAFFKN- UND SCillFFSKUNDE 123 

In oinem begronzteD zoitraume, von 1150 — 1300, übernahm das verdienstliche, aber 
sehr überschäzte werk von Alwin Schultz dieselbe leistung: eine reichhaltige mate- 
rialsamlung, sehr fleissig, aber sehr äussorlich angeordnet, ohne wirklich historische 
gesichtspankte. Die frage, wie, woher und seit wann die höfische bildung almählich 
vordrang, wie sie sich nach und nach mit der einheimischen auseinandersezte, wie- 
viel sie von dieser aufnahm, umbildete, verdi^ängto, bekämpfte usw., wird in diesem 
werke gar nicht aufgeworfen; nicht nur berichte, welche etwa hundert jähre ausein- 
anderliegen, auch französische und deutsche quellen werden ziemlich sorglos kombi- 
niert, und vielfach werden ganz vereinzelte belege durch ein voreiliges „gewöhnlich", 
^gem* oder dgl. ßilschlich veralgemeinert. 

Schröder geht von der richtigen forderuug aus, dass „die Verschiedenheiten 
nach ort und zeit** sorgfältiger beachtet werden müssen. Nach dem titel seiner schrift 
hat er sich das jähr 1200 als grenze gesezt und fügt hinzu: „eine kulturgeschichtliche 
Untersuchung auf grund der ältesten deutschen volkstümlichen und geistlichen dich- 
tungen*. Leider führt dieser titel irre, denn auf s. 5 erfährt man, dass noch eine 
beschränkung nach rückwärts hinzutritt: es handelt sich keineswegs um die „ältesten 
dcutHchen volkstümlichen und geistlichen dichtungen** — also nicht etwa um die 
reiche ausbeute aus Hildebrandslied, lloliand, Otfrid, Waltharius usw. — , sondern 
lediglich um „die zeit von ca. 1100 (Exodus) bis ca. 1217 (Kudrun)**, und aus dieser 
zeit nur um „denkmäler, die noch keinen französischen einiluss zeigen'^. Das hätte 
schon im titel angedeutet werden sollen. 

Schröders arbeit fusst auf neun gedichten: Rother, Morolf , Orendel, Nibelungen, 
Kudrun, Annolied, Kaiserchronik, Exodus, jüngere Judith. AVarum die gedichte von 
Oswald und herzog Ernst nicht benuzt sind, hätte wenigstens gesagt worden müssen. 
„Das Rolandslied und das Alexanderlied musten, weil auf französischer quelle be- 
ruhend, ausgeschlossen werden.* Daraus ergibt sich die wunderliche tatsache, dass 
nach annähme des Verfassers die begriffe „auf französischer quelle beruhend" und 
„französischen einfluss zeigend* dasselbe besagen; denn die genanten neun gedichte 
haben keine französischen quellen, folglich — so scheint er zu schliessen — zeigen 
sie auch keinen französischen einiluss. Glaubt denn aber der Verfasser wirklich, dass 
OS nur einen „einfluss" von buch zu buch, dass es nicht andere und viel wichtigere 
wege der culturübertragung gibt? weiss er nicht, dass der französische einfluss in der 
gcschichte unsrer bildung schon mit dem 1 1 . Jahrhundert ganz deutlich wird und eine 
orscheinung wie der „Ruodlieb" ohne die Voraussetzung einer aus Frankreich immer 
entschiedener herüberwirkendou ritterlichen cultur nicht zu vorstehen ist? Und wenn 
Schröder nui* den woiischatz seiner neun gedichte ansah, so sprachen doch schon aus- 
drücke wie bönit, harfi^isck, panxierj gnhildt, kopertiure usw. unzweideutig genug 
für „französischen einfluss"! 

Mag man übrigens dem Verfasser immerhin, ganz abgesehen von seiner begrün- 
dung, eine solche einschränkung seines themas zugeben, so hätte er sich doch jedes- 
falLs nicht begnügen sollen, das rohmaterial einfach vorzulegen, damit sich jeder, so 
fjut es geht, selbst damit abfinde: er hätte es vielmehr für seine pflicht halten müssen, 
dem leser auch den Standpunkt zu bezeichnen, von welchem er das material zu be- 
urteilen habe. Er hätte bei jedem capitel über alter, gestalt, Verwendung, bezeich- 
nung, bearbeitung usw. der einzelneu wafifen einige kurzen historischen andeutungen 
geben müssen und dann erst die frage aufwerfen sollen: wie stellen sich diese neun 
gedichte dazu? wieweit stimmen ihre angaben zu den Verhältnissen der voraufliegen- 
den zeit? wo weichen sie von diesen ab? und wie sind diese abweich ungen zu er- 



124 BERGER 

klären? MithllfederbekaDten werke von LiDdenschmitt, Max Jahns, v.Peucker, 
De mm in usw. wäre das auch für einen anfsinger nicht zu schwer gewesen. Aber 
freilich scheinen alle diese vorarbeiten dem Verfasser nicht bekant geworden zu sein: 
nach s. 6 sind jene neun gedichte, die genanten werke von Alwin Schultz und 
San Marte, Pfeiffer's abhandlung über das ross im altdeutschen und zwei arbeiten 
von Ja nicke sein ganzes rüstzeug. Wenigstens noch das in seiner art ausgezeichnete 
werk von G. Köhler ,Die entwicklung des kriegswesens und der kriegfnhmog in der 
ritterzeit*^ hätte er einsehen müssen. £r hätte beispielsweise daraus lernen können, 
dass die fialsberge ursprünglich nichts war als ein halsband (monilia), eine Verbesse- 
rung der römischen rüstung, welche zwischen heim und panzer den hals noch imbe- 
schirmt liess; dass die halsberge spätestens seit 813 hinten am heim befestigt, 8|>äter 
von einer unter dem heim befindlichen kapuze getragen wurde und über die brünno 
hinübergriff, von der sie bis etwa 1150 als besonderes waffenstück völlig getrent war. 
Als dann im 12. Jahrhundert halsberge und brünne, beide aus kettengeflecht hergesteit, 
fest mit einander verbunden wurden, gieng der ausdruck halsberge auf die ganze 
rüstung über; wo sich dann halsberge und brünne aufs neue trenten, ergab sich die 
sonderbare begriffs Verschiebung, dass man die brünne vorzugsweise als halsberge 
bezeichnete. Uättc der Verfasser seine riuellon nicht mit ganz anderen äugen ansehen 
müssen, wenn er diese und andere ausführungen gekant hätte? Die genaue durch- 
forschung eines eng abgegrenzten gobietes einer entwicklungsreihe hat doch nur einen 
sinn, wenn man von der ganzen reihe eine anschauung hat; sonst muss man im 
einzelnen notwendig irren. Wer die ergebnisse der Schröderschen Untersuchung an- 
sieht, wie sie auf s. 45 zusammengestelt sind, der bemerkt alsbald, dass den Verfasser 
genau derselbe von^nirf trift, wie Alwin Schultz: falsche veralgemeinerung einzelner 
Zeugnisse. Wir wissen doch ganz l>estimt, dass in der bewaffhung des mittelalters 
beständig sich Wandlungen volzogeu haben, dass man nicht einmal in einem einzigen 
beliebigen Zeitpunkte die rüstungen, etwa wie unsere uniformen, als etwas wesentlich 
gleichartiges beurteilen darf. Vielmehr bestand nachweislich neben einander eine aus- 
sorordontliche mannigfaltigkeit der ausrüstung. Auch auf diesem gebiete hatte die mode 
ihre geltung; aber an allen ihren ueuerungen konten sich eben die wonigsten betei- 
ligen, weil das sehr kostspielig war. Deshalb fristete sich manches alte fort; neues 
wurde hier und da aufgenommen; einzelne stücke, erst kleinere, dann grössere, altes 
und neues wurde neben einander gebraucht, mit einander vermittelt; jeder suchte 
almälilich dem andern nachzukommen usw. Daraus ergab sich eine grosse Schwierig- 
keit für den Sprachgebrauch, und die vorhandenen technischen bezeichnungen wurden 
keineswegs überall in dem gleichen sinne gebraucht 

Was soll man nun unter solchen umständen mit einem «resultat*^ wie diesem 
machen: „das y>aw;i>r war, wenigstens in unserer i^riode noch, aus ringen gefertigt*^ V 
Diese bchauptung stüzt sich auf eine einzige belegstelle: ein guoi panxier^ die ringe^ 
trdrcn ich und cinoy Morolf 361. AVohcr weiss denn aber der Verfasser, was seine 
quellen zufallig versrhwoigen ? kunteu nicht neben den ringpanzieren auch platten- 
panzioi-e IwstohenV Wenigstens wissen wir, dass brustplatteu schon am ende des 
1 2. Jahrhunderts vorkommen (K«»hler 111, 1, 41). Wenn Schröder femer erklärt, ,da8 
IKinzior wurde auch von rittorn ^cotrageu'', so wurde ja das vou A. Schultz durch- 
aus nicht bestritten, der nur angab .,weniger von den ritteru als von den leichtbe- 
waffneten* (Ilöf. lob. IP, 41) ). Ein drittes „resultaf lautet: ^schiUipexxel ist nicht 
der riemeu zum tragiMi des Schildes, sondoni der fass-, griffriemen*. Dem sind doch 
aus des Verfassers eignem materiid ontgi^genzuhalten Nib. 415, wo Brünhilds Schild- 



ÜBER SCHRÖDER, ZUR WAFFEN- UND SOHIFI-^KUNDE 125 

fessel ein edel borte genant wird, dar üf lägen steine yriiene alsam ein gras\ 1959 
man muos in bt dem vexxel wider ziehen dan; 1505, wo Hagen mit einem schild- 
fessel ein schiff anbindet Diese lezte stelle hat der Verfasser übersehen, wie seine 
samlnngeo überhaupt nicht volständig sind. An jenen drei stellen — und an zahl- 
reichen anderen im sonstigen mhd. — ist ganz zweifellos überall der lange umhänge- 
riemen gemeint, an dem der schild um den hals getragen wurde (sonst auch schilt- 
rieme genannt), nicht aber der kurze giif&iomen, durch den man band und arm 
steckte. Wie komt also Schröder zu seiner zuversichtlichen behauptimg, da^s schilt- 
rexxel den griffriemen bedeute? Lediglich auf eine einzige stelle hin, Nib. 1875, wo 
Dankwart sich zum losschlagen bereit macht: den schilt ructe er hoher j den rexxel 
nider bctx^. Hier sei, meint der Verfasser, der griffriemen gemeint, „der sonach l>e- 
weglich sein musste* (s. 18). Ich möchte wol wissen, wie sich der Verfasser das vor- 
gestelt hat. Das hochrücken des Schildes, ein typischer ausdmck für die bercitschaft 
zum angriff, geschieht durch emporheben des durch die griffriemen gesteckten armes; 
wie soll es also jemand fertig bringen, den schild emporzurücken und zugleich die 
griffriemen, durch die das eben ermöglicht wird, herunterzuziehen? und welcher Wider- 
sinn, von einem beweglichen griffriemen zu reden — wie hätte man dann über- 
haupt den Schild fest fassen können? Da bei dem vexxel an der angeführten stelle 
an den schwertfessel wol auch nicht zu denken ist, so bleibt nui* eine erklärung übrig, 
die schon v.d. Hagen angedeutet hat: der schildvexxel , d.h. der ti'agriemen, musste 
beim hochrückon des Schildes notwendig am halse schlottern; um das zu vermeiden 
und ihn wider straff zu machen , knüpfte man das eine seiner enden am oberen schild- 
rande ab und befestigte es au einem weiter unten, am seitonrande, angebrachten ringe 
oder haken. Ich weiss augenblicklich nicht, ob für eine solche auffassung noch andere 
belege vorhanden sind; für unsem fall scheint sie mir die einzig mögliche. Es ist 
übrigens nicht unwahrscheinlich, dass irgend oinmal dem sehiltrismc^ dem tragriemen, 
der schildvexxel als das armgestello oder der riemen zum fassen des Schildes gegen- 
über gestanden hat; nur hielt sich der Sprachgebrauch an diese norm durchaus nicht. 
Ganz ähnlich steht es mit der kovertiure. Der Verfasser erkläi-t: „Die kovertiure 
konte sowol von eisen als von zeug sein; sie unterscheidet sich nur durch ihren grös- 
seren umfang von den älteren pferdodeckon." Damit glaubt er die sache entschieden 
zu haben, denn bisher waren „über die bodeutung des wertes kovertiure sich die ge- 
lehrten nicht einig*^ (s. 37) — weil eben der eprseh^brauch kein einheitlicher war! 
Aus Köhlers buche hätte Schröder entiif^imen können, <lass die panzerdecke (etwa 
seit der mitte des 12. jahrhundei-ts) das frtLhere war, zu dom die zierdecko ei'st später 
hinzutrat, wodurch das wort kovertiuve eine doppelte bedfutung gewann. Zu der an- 
nähme, dass unter kovertiure „»'»fl gross^r*^-2u den fiklsen herabhängende decke*' zu 
verstehen sei, hat den Verfasser > r-^yrüPf^eine einzetue stelle geführt: wax man guoter 
decke und kovertiure vant Kudj^<;48, 2; da der hier bezeugte unterschied niclit im 
material Ji*»ge» V^inna. «a -nu^^e i f n der form liegen (s. 37 f.). Aber es handelt sich 
hiAT um gar keinen unterst^hied , 'v^jlmehr sind solche doppelungen von synonymen 
mi Mhd. gar nichts selteDOs; auch Martin fasst die beiden ausdrücke au dieser stelle 
als gleichbedeutend ai^. Noch einmal begegnet es dann dem Verfasser, dass er aus 
seinem beschränkten material einen zu vorschnellen schluss zieht: j^nioder wird mhd. 
noch nicht in der bedeutung ^ Steuer' gebraucht", und nach s. 43 zwingen auch die 
von Lexer gegebenen belege zur annähme dieser bedeutung nicht. Von der Verbindung 
dax ruoder näeh dem winde wenden (Eoloczaer codex 182, 958) möchte ich das aber 



126 BRROKR 

doch bestirnt bohauptcu; und entschcidond ist, dass gnbernaetäum mit rttoder glos- 
siert wird (Diefoubach gloss. 270*"). 

In drei punkten wendet sich Schröder gegen frühere ausführungen von mir. 
Wenn er den von mir gelegentlich erwähnten bodeutungswandel von rant (ursprüngl. 
= Schildbuckel, media pars clipei; dann =^ margo) auf s. 16 einfach fuir «gegen- 
standslos '^ erklärt, so weiss er eben nicht, hätte sich aber zuvor darüber belehren 
müssen, dass rani zunächst, genau dem lateinischen umbo (vgl. grioch. äfißtov, dfiffaXö^) 
entsprechend, die erhöhung auf der mitte des Schildes, welche auch zum stoasen 
benuzt wurde, bezeichnete, dann erst den schild überhaupt, schliesslich nur die ein- 
fassung des Schildes, woraus sich die endgiltige bedeutung entwickelte; den anlass 
der bedeutuugsvei'schiebung dürfte das eintreten des auf lat buecula, afrz. boele zu- 
rückgehenden buckel in die ursprünghohe fuuction jenes wertes gegeben haben. Ein 
rest der alten bcüeutung ist vielleicht noch heute vorhanden, ich meine das zuge- 
höiige ramft oder (jüngere) ranft^ welches noch gegenwärtig im obersächsischen und 
vielleicht auch anderwärts nicht etwa die rinde am brote bedeutet, sondern vielmehr 
das scharf gcbackene ende oder gewissermassen den buckel vom brot, welchen mau 
sonst auch knust oder kn ollen usw. nennt. Beachtenswert ist übrigens in diesem 
zusammenhange, dass diesem ranft am brote im niederdeutschen der kanten ent- 
spricht; es ist nämlich sehr wahrscheinlich, dass bei dem werte kante eine ganz ähn- 
liche bedeutungscnt Wicklung wie bei raud vorliegt Mhd. ist es bekantlich noch in 
dem siime von „schildrand*^ bezeugt, als eigentliche bedeutung komt ihm aber offen- 
bar zu: „spitze, ecke oder buckel'^ (vgl. afrz. cant = ecke, dann winkel, dazu die 
Weiterbildung catiion, canUme = eine ecke landes, kantig = mit scharfen ecken 
verschon, Brüsseler kanten =^ spitzen, von der zackigen form, besonders aber das 
erwähnte nd. kanten = buckel am brot; auch die seekante meint zunächst nicht 
den Strand überhaupt, sondern die felsig vorsi^ringende küste). Auch hier also ein 
ganz entsprechender bcdeutungswandel von dem begriff „ecke, vorspringende spitze, 
buckel'' bis zum „saum*^ (vgl. nhd. kante als säum am tuch oder linnen, an der ta- 
pete als einfassung, ebenso an blumenbeeten ; in Berlin hört man kante für den ge- 
brochenen rand am papier, welcher beim schreiben frei bleibt). Ursprungsverwant ist 
gewiss kante (neben kannc) als ursprüngl. „ausgeschweiftes gefäss*^; beide worto füh- 
ren auf eine Wurzelsilbe kan-, die etwas eckig hei*vorspringendes bezeichnen muste. 
Dies nur beiläufig! 

Der Verfasser sucht weiterhin meine datierung des Orendel durch zwei beden- 
ken anzufechten. Ich möchte keineswegs alles, was ich in jenen vor vier jähren ab- 
geschlossenen Untersuchungen mit der zuversiclit des anfängers hingestelt habe, noch 
heute verteidigen, wenn ich mich auch nach wie vor zu dem grundsatze bekenne, 
dass unter so verwickelten Verhältnissen die entschlossene durchführung einer klarge- 
fassten ansieht lehrreicher ist, als die gewissenhafteste registrierung aller im wege 
stehenden Schwierigkeiten. Vogt hat in dieser Zeitschrift (XXII, 484 f.) u. a. mit 
rocht gerügt, dass ich gewissen kulturgeschichtlichen kriterien zu wenig achtong ge- 
schenkt hatte. Auf seine anregung gehen wol auch Schröders einwände zurück, dass 
die ausführliche schildenmg der helmzimiere (v. 1222 — 1260) und die erwähnung der 
bis auf den l)oden i-eichenden zierdecke des olei>hanten (v. 1202) auf eine spätere ent- 
stehungszeit des gedichtes als 1160 deuten. Ich will diese beiden bedenken natürlich 
nicht geradezu von der band weisen, möchte aber doch darauf aufmerksam machen, 
dass die betrelTende Schilderung gar iiiclit zwingt, eine reiche entwicklung des helm- 
zimier für jene zeit vorauszusetzen: kunstwerke mit musicierenden vögeln waren ja 



ÜBER 8CHBÖDER, ZUR WAFFEN- UND SCHIFPSKTJNDK 127 

seit dem 10. jahrhundort aus Byzanz , auch von den Arabern hör bekant und wurden 
nun von den wundersüchtigen spielleutou einfach auf die verschiodonston dinge über- 
tragen, nicht nur auf den heim, sondern doch auch auf den speer, wie in Virginal 
oder z. b. im Orendel auch, auf ringe, auf den schild. Solche Übertragungen konten 
sich ganz von selbst volziehen, ohne dass dem in der Wirklichkeit etwas zu entspre- 
chen brauchte. Ebenso steht es mit dem zweiten einwände des Verfassers. Die pan- 
zemng der pferde ist wahrscheinlich ebenso aus dem Orient, von Persern und Arabern 
übernommen, wie die sitte, sie mit farbigen decken auszustatten (Weiss, Kostüm- 
kunde, mittelalter 195. 256; Prutz, Kulturgeschichte der kreuzzüge 184). Ob diese 
herabhängenden decken also in Deutschland um 1160 üblich waren oder nicht, ist 
eine ziemlich belanglose frage. Im Orient waren sie jedesfalls vorhanden und man 
hatte sie dort gesehen; das war für einen spielmann ausreichend, imi davon zu reden. 

Mit den übrigen resultaten seiner abhandlung wird der Verfasser recht haben. 
„Die Stange der riesen dachte man sich nicht aus massivem stahl oder eisen, sojideru 
nur mit einem stahlbeschlago* (s. 45). Dass sie sich z. b. auch Wolfram von holz 
mit metaUbeschlag dachte, lehrt Willeh. 195, 30 f. 318, 27 fif. 416, 28. 429, 22. Auch 
der unterschied zwischen böge und armbrust ist auf s. 28 f. gewiss richtig angegeben, 
gegen San -Harte und Schultz; zu s. 29 ist zu bemerken, dass es nach Köhler (III, 
1, 113) stahlbogen erst seit dem 15. jalirhundert gegeben hat. Die bomerkung über 
die anker s. 43 giebt eine zutreffende berichtigung einer der vielen flüchtigen behaup- 
tungen von Alwin Schultz. Ganz ohne ertrag ist demnach die Untersuchung nicht 
geblieben. 

Der Verfasser hätte sich mehr dank verdienen können, wenn er sein material 
unter einen historischen gesichtspunkt gestellt und sich nicht begnügt hätte, aufzu- 
zählen, wo und wie die einzelnen ausrüstungsgegenstände in seinen quollen erwähnt 
werden, sondern den versuch gemacht hätte, von der beziehung der einzelnen teile zu 
einander, ihrem gebrauch und ihrer beschaffenhoit überall ein in sich zusammenhän- 
gendes , anschauliches bild zu geben. Eine nachlese der übergangenen belege will ich 
an dieser stelle nicht geben. Unter den nichtritterlichen waffen vermisse ich ein 
capitel über die slinge (z. b. Kehr. 196, 9) und die geiscl (z. b. Nib. 463, 3; Orendel 
2480). Zu Seite 12 verweise ich die hornrüstungen betreffend auf Raum er, Geschichte 
der Hohonstaufen V, 560. Noch eins aber hätte der Verfasser durchführen sollen, 
wozu er ein paar mal einen ansatz macht: ich meine die, soweit seine quellen das 
zuliessen, erschöpfende feststellung des Sprachgebrauchs für jeden einzelnen begriff. 
Auf 8. 40 hat er für die ausdrücke schif und kiel die vorkommenden beiwörter auf- 
geführt und ebenso s. 19 die adjectiva, welche die schärfe, härte, stärke, breite und 
den glänz der Schwerter bezeichnen. Er hätte das auch für lielm, brünne usw. durch- 
fuhren und nicht nur die beiwörter, sondern alle Wendungen, in denen diese begriffe 
gebraucht werden, sammeln, klassifizieren und erklären können: das wäre auf diesem 
beschränkten gebiete nicht alzu mühsam , aber sehr dankenswert gewesen. Mindestens 
Verbindungen, die einen ganz feststehenden sinn haben, wie „den schild an den hals 
hängen, über den rücken werfen, sich auf den schild lehnen, den schild vor die füsse 
stellen** usw. hätten auf s. 19 nicht fehlen düi-fen. 

So lässt die Untersuchung Schröders mancherlei zu wünschen; dass sie in ihrer 
weise fleissig, sauber und gewissenhaft gearbeitet ist, wird mau ihm mit den oben ge- 
machten einschränkungen gern zugestehen. Vielleicht entschliesst er sich, da er die 
lohnende aufgäbe einmal in angriff genommen, in einer späteren Untersuchung manches 
in der oben angedeuteten richtung nachzuholen. 

BOHK, 28. OKTOBER 1890. ARNOLD E. BERÜER. 



128 KOCHKNDÖRFraR 

Eugolhard. Eino erzählung vou Koiirad von Würzburg mit anmerkungeQ 
von Moriz Haupt. 2. aufläge besorgt von Eagren Joseph. Leipzig, S. HirzeL, 
1890. 8^ XVI u. 320 s. 5 m. 

Mit Lachmanns und Benockes Iwein- und Haupts Eroc- ausgäbe ist der Engel- 
hard trotz allem , was seit ihrem erscheinen die forschung neues zu tage gefordert hat, 
die no(^1i unorsezte grundlage für die erkentniss der mhd. dichtersprache geblieben. 
Wer sich mit den dichtungon der mhd. zeit wissenschaftlich zu beschäftigen im sinne 
hat, kann sich auch heute nicht von dem genauesten Studium dieser drei bücher ent- 
binden. Durch ihre eigenart sind sie vor dem veralten gesichert. Ja neben Haupts 
Engelhard lässt sich überhaupt keine andere kritische ausgäbe dieses gedichtes denken. 
Deshalb war eine neue aufläge des 1844 erschienenen und schon lange vergriffenen 
buches wünsch und pflicht der deutschen philologie. Die art der aosführang war ge- 
geben; diese selbst konte, je nachdem der hcrausgeber zu der arbeit gerüstet war, 
verschieden ausfallen. Wir dürfen uns und dem Verleger, dessen verlagswerko als 
muster guter ausstattung bekaut sind, glück wünschen, dass er in Eugen Joseph einen 
gelehrten gefunden hat, der mit völliger beherschung des Eonradschen sprach- und 
Versgebrauchs, wovon er in der Klage der kunst den beweis geliefert, besonnenen takt, 
und mit der schuldigen pietät gegen seinen grossen Vorarbeiter unbefiangcnheit des 
uiieils in hohem masse vereinigt. Das register der textänderungen weist die statliohe 
zaiil von 426 nach. Zu ihnen haben in erster linie beigetragen die von Haupt selbst 
mitgeteilten emendationen von ihm, Lachmann und Wackernagel; femer die vorbessc- 
rungsvorschläge, welche Bartsch in seinen beitragen zur quellenkundo gemacht hat. 
Auch einzelnes von andern forschem gelegentlich beigebrachte ist berücksichtigt, und 
eine anzahl guter konjekturen sind Edward Schröder zu verdanken, der den heraus- 
geber bei der correktur beraten hat. Den löwenanteil der bosserungen hat Joseph 
selbst mit genau zwei fünftein beigesteuert. Was ihnen das gepräge der grosten 
Wahrscheinlichkeit vorleiht, sind die zahlreichen belege aus Konrads werken. In den 
anmerkungen, die von 70 auf 100 selten angewachsen sind, werden Haupts ausfuh- 
rungen teils ergänzt, teils mit hiQfe neuen materials berichtigt Von bedeutung war 
dabei die neuvergleichung des alten dmckes, durch die nicht nur einige versehen 
Haupts sich rektifizieren Hessen, sondern für die bossemde band eine reihe bisher 
unberücksichtigt gebliebener kriterien sich bot. So halte ich die neue ausgäbe , die — 
glaub* ich — auch Haupt freude gemacht haben würde, in der tat für eine verbes- 
serte, und die wenigen bemcrkungen, welche ich schliesslich noch zu machen habe, 
dienen dazu mein urteil zu bestätigen. 

Nur in einem punkte habe ich gegen die gmndsätze, welche den herausgobcr '^ 
leiteten, eine einwendimg. „Der alte text Haupts*^, heisst es im vorwort, „ist in den^m 
anmerkungen stets angeführt, im falle der neue nicht von ihm selbst herrührt oder"^ 
gebilligt ist.*^ Diese ausnähme kann ich nicht loben. Denn abgesehen davon, 
mir jede lesung Haupts des Studiums wert erscheint, da er bei seiner innigen Ver- 
trautheit mit der mhd. litteratur und seinem ausgebildeten sinne für das typische unc 
individuelle nichts aufgenommen oder geändert hat, was er nicht an den 
dos Stiles und verses seines autors geprüft hätte, moine ich auch, es müsse in jedaar~a 
falle sogleich festzustellen sein, was in der ersten ausgäbe gestanden und 
davon abgegangen ist, olme dass mau diese selbst nachzuschlagen nötig hätte. 
ist aber jezt oft unmöglicli. Wenn die zeile 1447 lautet dax in triuwen 4e 
der alte dmck hie hat und in der aum. steht: ie Wackeraagel, so vA fireilioh 
schluss leicht, dass Haupt dem dmoke gefolgt war. Aber ratlos steht am rar 



ÜBKB KONRiri V. wiinznüitn E-MiTüiAim' en. oosEPir 129 

VMleo, wo er geändert hutte and in der neuen ansgatie die Insart des druckes wider- 
)kergeSteU ieL Sn heiset mt \M7 bei Joseph rnil ein ilf iueh geraileu; der druck 
Int dasaelbe. In der anni. ateht: mit ein Waakemagel, ohne dasa man einen gmud 
Unr «n'nsiehi Erst die vergleicbung der bIIhb Ausgabe lehrt, doss Haupt ein in im 
geändert hatte. Oder 351 liest man aUe rfn? ge/tellesehaft , in der anm. sliw IIau|it. 
''Sa keine abweiehnng des druckes angegeben ist, so oi-Khrt man erst Uurdi die erstti 
ausgäbe, dsBS Haupt ursinünglich «in geschiieben hatte. Bei andern gelegeoheitcu 
dien Hnnpis konjektureu ganz unter den tisch, ohne dass man auf sie aurmerksam 
jsmacht vürde. 1990 hat der druck tcan ai gehet, jtn k&ine biß; Josepli nach 
Wackeroagel wtn ni g'ahU, im kteme bax, Haupt las tcan si gegen im Mme 
wovon aber der leser der 2. aullagc nichts erfahrt. 
1.^3 bat Haupt gegen den druck, der hoher schreibt, hShe» in dmi text geaezt 
fmil htrvn und mit munde teil ich ron höhen IrtiiKen sJii teSrex mare erfiiuietn). 
loaeph belHsst es bei dieser Ünderung. Hanpt mass wol — ich kann wenigstens keineu 
VDdern gniud finden — die schwache form ron Iritnee als dem dtahter ungemäas bs' 
Inohtet haben; er hat deshalb auch 105, 169, 181 das überlieferte Ireuiren in triuwe 
, Aber zanachsl ist klürliuh hier der singolar ron hdhrr Iriuieeti besser als der 
fluni und entspricht dem Singular ISl Hax irh ron hä/ier triuire nage, wo Haupt dies- 
Bai nicht das affectiv, sondern das Substantiv dem druck zuwider geändert bat Sodann 
^T gehört triuiCB — wie mimte, erde u. a. — sicherlich z<x den wertem, die Haupt 
n Engelh. 36G im sinn hat („gold. scliviiede 133 schreibe ich noch jezt kenu, da K. 
von mehreren Wörtern starke and scliwache form nebeneinander braucht'). Haupt 
■Btbat bat auch sonst im Engelhard an der schwachen fornt keinen anstoss genommen. 
fteilicli kann man für gewöhnlich der form nicht ansehen, ob sie Singular oiler plnral 
bt Wo aber die mqjitsbol die Personifikation erkeunen lüsst, wie 03 der Triuvutn 
nttgt, G295 lUr Triutpm klüae, 6332 der TVivwen böte, da ist der phiral auBge- 
ihloesen. Ich mövhto also das überlicferto hoher für unbedenklich tmlten. — In der 
nnerkung ku 191 stell Haupt verschiedene verse zusammen, in welchen die form 
ü für diiiu erscheint, ?.. h. dis ar%enie, und bemerkt, dass dazu auch Silv. 1857 
f leite W der selben rrisl Mank und whiu kleider n» gehöre. Ich glaube, der ßdl 
H anders aufsufassen. Die beiden durch taid verbundenen adjektiro sind dem ainno 
Koh eine komposition, in welcher das beiden gemQiusa:ne, hier die eudung, nur ein- 
ibI ausgedrückt wird. Snbstautivische kompositionsformen dieser art haben wir heut- 
ntage zahlreich (zeit- und Streitfragen), aber auch die adjektivisebon fohlen uns nicht. 
D der poesio sind sie natürlich aulteoer alu in der umgaugssprache. In dein gedichte 
Bosetten" sagt ChiistiBn Günther: „ich unteraleh mich dir, galant und treues 
, ein schlecht geseztes lied verwegen darzubieten; a. Erdmanu, Grundz. d. d, syn- 
( 857. Pniower ver^eicht Anz. 13, 2 mit recht das Ooetheache froh- und trüber 
I (dem sich klein- wnd groaetn weit, alt- und neuen xeil aus den Antworten bei 
1 gescbchaftlichen fragespiol zur aeite stellen) und führt aus der Exodus ler- 
»dene beispiele an: 2760 iunch unde altiu. 1370 breit wvie lengi», '2(KI3 aU Muk 
Aus Bnhachingoi', Die kongruenz im nihd. s. 114 setze iah hierher: Walther 
! Sei al ein, »Irlil und ebener danne ein xein; Farz. 57, 16 teix und mearxer 
• sehein; Trist. U, 32 nrme und rlckr hieien in Unb und «wdwi. Derloi 
' kildnngen darf man in der altern spräche bei gUttung der verse gewiss öfters zu hülfe 
Babmen, wie mir z. b. die von Pnlowor a. a. o. mitgeteilte einachiebung von grö* in 
r H^odna 2431 f. fM« 'HfMX er genehe» teiehe» gr>'tt nnde mAriy, die Diemer vor- 
gMiohla^D hat, höchst einleuchtend erscheint, — 453 haltt? ich Juscphs ergänzung 



130 KOCHBimÖBFFER 

dtsen für in, wie Haupt ergänzte (wa7i etfie forme vander an in beiden, swer si 
such), für falsch. Der hiuweis auf 487, wo dise beide steht, kann nur lehren, dass 
CS 453 in hoissen muss. Denn während 487, nachdem Dieterich und Engelhard be- 
schrieben sind, das dcmonstrativum am platze ist, eignet sich an unsror stelle noi — 
das persoualpronomon. Der dativ in beiden entspricht dem nominativ ai beide 450^. 

dem genitiv ir beider 4G6. Auch graphisch empfiehlt sich in mehr als disen, 

1128 muss ich Haupts emondation wan daxsi gewaltic mtn nü beide werden tnüexeti^ 
gegen die bemerkung Josephs (der dax aber st g. m. schreibt), dass sie ganz unver- 





ständlich erscheine, in schütz nehmen. Allerdings ist nicht, wie Joseph wol gemein* 
hat, wan dax zusammenzufassen und der damit eingeleitete satz vom vorherigen 
hängig zu denken; wan gehört vielmehr zu 1130 dax sol den edeUn süexen eit 
verxiyen, nämlich dax si beide gewaltic nnn werdest müexen. Ich möchte zur er^ 
läuterung Nib. 2316 anführen ich enkan iu niht bescheiden wax sider da gesehach 
wan rtter unde vroweti weinen nian da sach. Der lezte satz würde, wenn man di 
object durch einen nebensatz ausdrücken weite, unbeschadet des sinnes lauten könn^^ 
wan dax riter unde vroweti weinten man da sach und damit ein analogon bilden 
dem unsrigen. — Bös verderbt ist im alten drucke die boschreibung von 
rüstung 2534 IT. Haupts text ist zwar aus dem gröbsten herausgearbeitet, ohne jedocii^L 4 
völlig zu befriedigen. Wenn ich hier meine lesung mitteile, so muss ich im voia^ci^^^i^ 

bemerken, dass sie keineswegs das ursprüngliche zu treffen prätendiert, sie macs l -^ ^ 

auch nicht den anspnich besonders hübsch zu sein, sondeni versucht nur klarer ^ - p 
veranschaulichen, was Konrad nach meiner meiuung hat ausdrücken wollen. Ic=^=li 
denke mir, dass Engelhards rüstung in derselben ai't gewesen ist wie die des 
von Tenemark, Turn. 336 ff.: reht als die wcehen xieehen was ex mit golde wol dun 
nät . ex was eiti rilich plldt, der xwcier fiande vanve erscJiein . sich kande cm 



wol Wider ein rot unde griiene mischen, und was dar üf enxwischen xenu^et M d^ ^ ol 
xatn unde wili. Engelliards waffenrock war demnach blau und rot geteilt; auf d^s^m 
blauen stück waren vögel, auf dem roten vierfüssige tiere von gold aufgenäht. X*^«;h 
lese also: 

si wären beide wol xemdi 
2535 mit maneger kande bilde. 

beide xaiJi und wilde 

stuont dar an ein wunder 

von tiurem golde drunder. 

strt fehle wärens etewä: 
2540 in einem velde Idsürblä, 

dax oueh von stden was geweben, 

stuomlen als si sollen leben 

diu vogellin an maneger stat. 

durchliuhtie als ein rosen blat 
2545 dax velt in rotem schtne bran, 

da vofi golde wären an 

nü diu wilden tier genät. 



Die samluug der reime 2537 f. ist zwar bei Eonrad selten , doch nicht m 
sclilosst^n. Vgl. z. b. 2756 ro?i golde eins letren täpen fuorte ein ritter küene «V 
sinem schilte griiene. — 2560 hat Joseph diti selbe decke in den text gesezt nacL^ 
einer Vermutung Haupts in den anmerkungeu. Aber die Überlieferung des 



%n 



1 tum KOiniAi» V. nüBCTDiwi 



131 



■^BT HsDirt gefeilt war, der selbitn iheke eil (oder uiol) gestallt wuh über nhitn »ehül 

gBKogeH, d. h. von demselben xeugB wRr auch der ütmrzag dos schi1<les, \ai unan- 

I XQssig und liessQT als der Doniiaativ. Joseph Imttß den Vorschlag W. (irimms rf«>' 

MOt^uD derlse (Ällus s. 49 [393] anra.) cnvälmen können, worauf Zs. f. d. a. 28, 250 

I ÜognwiMen ist. — 2565 ist Haupts änderung av für umhe- nicht gut, mht leati 

iMn^n borleti y«o( fuorte er wrnhen heim nfn Jat beizubehalten, denn der borte ist 

lMo» den lielin geeolilungen. Vgl. Ed. 1T29 einen huot, ein borte ums al atnbr dran. 

ül^ie boschwening der vorlczteo silbe hat nauh den auseinaDdersctzuDgen e. 330 nicht.s 

ptÖiundBa. — 2502 f. er lurte dar tnn Alisa gefüeret ulnar frouwen kfis verstehe ich 

!**olit Es hat doch wol nicht, worauf man aus der fabeben interpnnktiou der fol- 

B^*»don ieile, hinter dw ein kolon i» stehen hat, achliesson könte, eine symbotischo 

''^ziehong zwischen dorn kuss und der zweiteüiui); des Schildes aogenomtncn werden 

*^Ht'n? Für er ist in zu auhreihen. Bentval tuvniert oben auch um frauenminne. — 

^029 %tm walde k^rte er wider in und tet sich aber utider liest Haupt mit dem altcji 

' »ich Wider ist an sich pit und findet sich auch bei Walther 58, 28 dat 

^f*ittr rogelUnI lel sich undtr. Aber gerade dieses beiapiel Ittsst mich die anwon- 

'^bg Aee ansdnickos im Engelhard bczn'cireln, da eine gewisse Bngstliohlieit, ein 

•^liutzsnchen darin liegt, wovon bei Engolhards abaouderung keine rede aoio kann. 

•*h schlage minder fOr under vor, wodurch auch die tautologie in den beiden zeilöu 

rmiedon wird, und erinnen.* an Parz, 700, 26 mit icenee liitten er lundcr trat. — 

f. miichte ich unter nüherera ansclUuss iin den druck losen drüf lac ein eover- 

*trf, diu hran rori golde in ßurc. In dioser wendtmg sind Ursache und Wirkung 

ereinigt, die in den in der anmerkung angezogenen beispiolen 2—4 gotrcnt vorkom- 

leo- — An der Überlieferung von 2710 f. dirre den und Jener d*»fn begunde retmeti 

•hont, die Haupt unbeanstandet gelassen, hat Bartsch Beiträge zur qucUenkundc 

Cl anstoss genoinmcn mit der frage: ,'Wie' kann davon der acc. abhüngig sein?" 

'oseph hätte sieli nicht von Bartsch verfahren lasseu sollen. Dass rennest mit acc. 

mit pttiposition verbunden ist, berührt niclit seltsamer als die gleiche konstruk- 

ion von sprengen, das in allen bedentungsüb ergangen mit jenem kongruent ist Die- 

dbe konstniktion von Kprengcn aber begegnot Serv. 1016 dax gol teil eerliengen dmt 

teilten, dm ni tprengen bediu Hute vndc tant. Dass vii in der rektiou des verbuuis, 

lunentlich in der wechBclseitigGn Verwendung von transitiven und btransitiven, nicht 

nclir die bevreglichkeit des mhd. haben, ist bekant. "Wir können heutzutage auch 

Glicht mehr das verbum 'reitten aktiv brauchen, wie es im mhd. so überaus hUofig 

QCDSchioht und auch Engelh. 5820 vorkomt. — 3069 hat der druck da» man dan Thueh 

^ieJil erküs. Haupts ko4Jektnr dnr ohr- für tiair Thueh imd Wackemagela besserung 

4es HaBptsclion textes dex dachte, wofür sich Joseph entschieden bat, waren unnötig, 

«U dea tttackea guten sinn gibt. — Zu 3650 bonierkf Joseph sehr richtig: „Bartsch 

U^bt von einer modernen empflndung aus, wenn er verhgen wegen der widerholung 

in Ten 3G53 durch vemietdet eraetzeu will. Die mhd. dichter scheuen durchans nicht 

«achgemiliise widerholungen', es entgeht ihm dabei, das» auch Haupt diese cmpfindung 

gnhabl hat, wenn er 3766 das terlogen seines textos in rermrldi-t Bndert, „da rer- 

\agen nach gelogen 3764 ungeschickt ist". Joseph hat auch gewiss nicht dieserhnlb 

vtrmeldel aufgenommen, sondern weil es hier in den Zusammenhang besser past. — 

F6r otnw.- s* Inlirne 4flil7 f. kann noch angezogen werden Parton, 13552 ge»teitua 

jKnMic. des mieh berill. was drüf gtstrütneet obene ■ ein bilde leol te lobene. Hit 

MKit uiberem an.ichlnsae an den druck koiite man vielleicht 4006 f. lesen dtv deeke 

ivn i/elirh •irtün 'Ins iß-irürhtr i-miberie, indem man dann 'rdpenkhil i 



132 SPRENGER) ÜBER HELMBRECHT, ÜBERS. VON FULDA. 

auffasst (und hinter frech komma sezt). Aus EoDrad habe ioh allerdiiigs für diese 
bedeutung keinen beleg, aber Ulidch von Lichtenstein 161, 23 schreibt dar ikc man 
mir drt decke sneit üf mtniu ors xe icäppefiklett. 

Einige druckfehlor mögen hier noch verbessert werden. 181 /. hoher. Nach 
608 La. ist einzuschieben: 609 reinlich. 2655 1. was. 4557 La. 1. bot] Vit gap\. 
5660 1. Ithe. Nach 5977 La. ist einzuschieben: 5978 dax fehlt. S. 225 z. 1 v. o. ist 
441 zu streichen. (Vielleicht ist 1469 gemeint.) S. 280 z. 6 v. o. 1. kursity die von 
golde sirebeteti — der statt des. 

Ich scheide von der neuen aufläge dos Engelhard mit dem gefühle, dass di< 
herausgäbe der kleineren gedichte Konrads, die hoffentlich nicht zu lange auf si 
warton lässt, in die richtige band gegeben ist. 

KIEL. KARL KOCHENDÖRFFKR. 




Meier Helmbrccht von Wernher dem gärtner. Eine deutsche novelle aus den: 
XIII. jahrhundei-t. Übereezt von Ludwigr Fulda, Halle, Otto Hendel. 0,25 m., 

Über die borochtigung von üboi-sctzungen aus dem mittelhochdeutschen ist vi 
gestritten worden. Allerdings wäi'o es wünschenswert, dass die gebildeten unse 
Volkes unsere ältere litteratur in ursprünglicher gestalt kennen lernten. Leider steh^ 
wir aber der vorwirklichimg dieses Wunsches jezt um so femer, nachdem der un 
rieht im mittelhochdeutschen, wenigstens auf den preussischen gymnasien und 
schulen, aufgehoben ist; im späteron loben werden die wenigsten zeit und lust hal 
poetischen genuss durch spraclistudien zu erkaufen. 

Der Übersetzer, welcher sich über seine fassung der aufgäbe in der vo 
ausspricht, hat mit recht den weg freier Übertragung gewählt, indem er auch in 
emeuerung der alten vi(»rhebigen reimpaare eine Variation angewant hat, durch welc 
sie unserem obre weniger cinfönnig ei'scheinon. In der euileitimg, welche die 








über die heimat des gedichtes und die ])erson des dichters behandelt, schliesst Si^ 
der Verfasser den forschungen von Keinz an. Er hat die umgegend des jezt o 
Osten eichischeu dorfes \N''angliausen selbst durchstreift und noch einigte notizen ge: 
melt, welch(» die annähme von Keinz bestätigen. Bekantlich war Pfeiffer der ansi 
das gedieht sei österreicliisch, hatte also die oi-tsangaben der handschiift a, da 
altbairische Innviertel oi-st in unserem jahrhimdert an Österi*eich übergegangen ist, ^ 
werfen. Er hatte dies(» ansieht besonders auf die verse 445 f. gestüzt, wo der v 
dem söhne die annolimlichkeiten der heimatlichen lebensweise aufzählt: 

datx' Osterriche clamirre, 
ist ex jener i^t ex dirre^ 
der tumhe und der tcise 
hdnt tx da für lierren spise. 

Fulda gibt diesen versen zuerst die einzig richtige erklärung, dass der 
darauf hinweise, dass clamirre, das heimatliche bauerugericht, im benachbarten Oi 
reich algemein für ein lierrenossen angesehen werde. Nicht besser konto in der 
der vater die Vorzüge der heimatlichen kost hervorheben! — Die person des dichteiT^^ 
betreffend tritt F. ebenfalls einer Vermutung von Keinz bei, dass derselbe ein patei.^ 
gärtner des klosti^rs Ranshofen gewesen sei. Dem hatte bekantlich C. Schröder wider- 
sproclien, der in bezug auf die vei-se 849 f. sagte, dass ein mönch, der bauem in dei 
küchengärtnerei unterrichtete, wohl nicht über schlechte aufnähme habe klagen dürfen 
Hierzu bemerkt F. . dass die vei-se nur dazu dienen sollen , um die glänzende aufnahmt 



^B £, KKnnEU, i:Bm buike, u'I8<:uk fohmu iu mei.. 133 

im vatei'hauä'.' ri>uht liorvorzulicibeii. Ich vei^loidio dazu nunli diu äbu- 
Echt> stt-üe liei Xonrad von Fusaeebnumou 2232 ff., einara diuhtcr, der jedonEaUs nioht 
la <lon fahrenden gnhört. 

Nun noch einige bemerkungen zu eiozclneu stellen. V. 13B8 hat F. die Biuhete 

konjektur von Jaeuicke Ibarme statt arme) nitht angenommen. Die atello ist dadurch 

niiklar gowonleu und durfte in einer ouuen aufläge zu bessern aoiu. Fab^h erklärt 

P- V. 501 in rnhalf el nicht niti lere, Pannior überaertü richtig; „Ihm Valer half 

Liikre niehi ". Das sot! doch woi hcisson : „Er butto mit tseioor ennahnung keinen 

BV^olg". Nun bezieht aber F. (n auf UelmbrMht, sin auf den vator, was ileni mhd. 

Sprachgebrauch entgegen ist Gegen den heutigen spraohgebrauch verstOBSen die 

ersc 13315,: 

(iefilllt hab' iob den eineu (Sack) 

Mit unversi-'hnittneii Leinen, 

Von deiiwQ, wer sie auch begehrt. 

Die Elle fiinfaehu Kreuzer wort. 

Das leinen — Icinonzoug kann nur iui siogular gebrauclit werdon. Auch diece 

l^llt! ist ieirbt zu lindern. Ein blosser dnickfohler ist woi U8 an »einem (st an 

*^*»iea) leih. Nioht riclitig ist es ferner, wenn iu der auui. zu IIUI zu dem uauen 

^■^»■a^ietAelch behauptet wird, inüacheti, welches sonst xenniUmen bedeute, heiSBO 

**«» fiffeubar ,l>ei wito hringün". Es ist vielmehr an das zerdrücken, zerBublagen der 

(Willemen) kelohe zu denken, was geschieht um sie unkentlich zu machen und oin- 

Ktmschmelzeu. Die verse 1651 — 1668 hält }\ilda mit l'feiffor für etngesohobon. Ich 

■•*1D dem nicht boi|iflichten. Deim urstena bann ein reim wie riiujeat: tninnett bei 

***^«in boirischen diehter diesci zeit nicht auffallen. Zwciteus wird 1632 gesagt, dass 

_*MelInd bei einem lauae gefunden wird. Sie bt also woi genötigt die rSuber zur 

*^lit8Ültte zu hegleiten, uod dorn widorspriuht es nicht, wenn Ilolmbrocht an der 

^^^peheide von ihr absclüod uimt. "Was die belastuog der diebo mit rindsliSuleu be- 

*^ Ht, so haben wir uns woi diu (/iu6t, das gestohlene gut darin vorpackt zu denken. 

Ich schlioHse mit doui wunsohe, dasa das bei ausserordentlich gcringeut jireise 

^^liin ausgestattete bütidchen dorn wimschu dos herausgebers gemäss diizu dieneu 

***ge, rocht viele ,von der ewigen jugond der diehtung Wemhera zu iilArzeugen'.' 

NOimiUV, UOBUn SCBENOEB. 



*. Radkc, Die epjsoho fermel im Nibelungenliede. Kieler disaertation, zu- 
gleiuh Programm dos gymno-'^iums zu Fraustadt. ISOO. Q2 s. i". 

Die Abhandlung zerfiillt in zwei teile: der erste s. 3— 20 enthHlt erüiteningan 
"^hiir das wssoD und den zweck der episuheu formein, über die eigen tu nüichteittui im 
V^braucb der einzelnen gattungeu innerhalb ites Nibolungeuliedes und der ihm jUibur 
^ttL^ionden vorangohoudeu und folgenden open., sowie über die hierbei hervortretenden 
>iBr5cliiudenheituj) zwischen den einzelnen teilen des Nibelungeuliedes; der zweite teil 
%. 21 — tI2 bealcht aus umfangreichen Iniiapiolsamlungen, die auch auf andere epen, 
Itnsoudets auf die Gudrun, die im DEß. enthaltenen und die Spielmannsepen sieh 
«nrtiBuken. 

Der Verfasser uutcrlitsst es das wescn der epischen formel genauer zu besüm- 
meo. Daher kernt es, dass er einerseits EuiälUgo oder auch algurnein gebräuohliehe 
im Biitlli'jwnlla nrachionoufi nmiD tthnrsotinng -iesMulBr Uulinhroobt dnroh Ci. BOtllchar 



134 E. KETTNEß, ÜBER RAJ)K£, KTISCUE FOBMEL DI NIBL. 

wortverbinduBgon und phrasen der gewöhnlichen spräche, auch ausdrücke mit rein 
sachlich bedingter gloichartigkeit in seiner samlong anführt, anderseits umfangreichere, 
nur den Nibelungen eigentümliche Übereinstimmungen zu den algemein epischen for- 
moln rechnet. In ihrem gebrauche sucht er beabsichtigte, berechnote poetische Wir- 
kungen, wodurch er sich öfter zu ziemlich gegenstandslosen ästhetischen nusonncments 
verleiten lässt; vorzugsweise aber erklärt er sie aus der „ehrfurcht vor dem alther- 
gebrachten*^, so dass nach seiner meinung ihr häufiges vorkommen ein Vorzug einer 
dichtung war und den beifall des publikums finden muste. Er vergisst hierbei, dass 
gerade in den rohesten volksepen die formelhaftigkeit am weitesten geht, und dass 
die gestaltung unseres Nibelungenliedes in eine zeit fällt, wo die aufkommende 
höfische opik, die nach möglichst individuellem ausdi-uck strebt, ungeteilten bei- 
fidl fand. In dem bemülicn, miterschicde zwischen den echten und unechten Stro- 
phen Lachinanns zu konsti*uieren , hat er den eigentümlichen inhalt der einzelnen 
teile und die ausdchiiung der verschiedenen liedor zu wenig berücksichtigt, wodurch 
seine Statistik für die kritischen fragen ziemlich wertlos wii-d. So führt er öfter ohne 
weitere bemerkung das XX. lied mit seinen beinah 300 Strophen als durcli ein häu- 
figeres vorkommen gewisser bildungen ausgezeichnet an , das nur Schilderungen äusser- 
licher Vorgänge outhaltende XII. lied dagegen als eigentümlich wegen des mangels ge- 
wisser typen für die einfühnmg der rede. 

Wenn R. auch die stärkereu sprachlichen Übereinstimmungen, wie sie sich 
namentlich in den darstellungen höfischen lebens finden, als algemeine epische formcln 
ansieht (vgl. dagegen in dieser ztschr. bd. XVII 8.410 fg.), so bedenkt er dabei nicht, 
dass es völlig gleichgiltig ist, ob sich die parallelen in einzelne gleichartige, auch in 
linderen open vorkommende formein zerlegen lassen, wie 222, 3. 4 und 1590, 3. 4; 
dass femer z. b. für die Verbindung knehtetiy \ nian schu4)f in guot gemcteh 127, 3, 
hiehiCy I si hetcn guot gentach 1600, 3 nichts erklärt ist dui'ch den nachweis von 
oinem anderweitigen vorkommen der phrasen hetc gtioten gemach ^ hiex in schaffen 
guot gemach, oder für die merkwürdige ähnlichkeit der ganzen Strophen 1606 und 
1742 durch die anführung von ein paar Wendungen mit nam er bi der hatU, und 
gienc. Im gegensatz zu dieser seiner anschauuug bemerkt er ganz richtig: „ohne 
zweifei Imben die schüderungen höfischen lebens im Nibelungenliede etwas eigen- 
artiges; sie untei-scheidcn sich sogar von den ihnen am nächsten kommenden dar- 
stellungen der Kudrun nicht unwesentlich.'' Diese boobachtung hätte ihn davor bo- — 
wahren sollen, diese so gleichartigen, aber nie völlig gleichen Schilderungen aus cint^ir^ 
überlieferten Schematismus zu erklären. Der wäre dann eben nur den dichtem de?"^ 
Nib. bokant gewesen, nicht aber denen der anderen volksepen. Es zeigen ja nur A.V« 
schUdemngen der Gudmn mit denen des Nib. eine nähere verwantschaft, und gei 
der dichter oder beaibeiter der (rudrun hat ganz besonders für diesen gegenständ 
Nib. als sein muster benuzt (vgl. in dieser ztschr. bd. XXITT s. 145 fg.). Übrigem 
wird auch durch dieses abhängigkeitsverhältniss, wozu noch das des Biterolf koi 
der weit der aus diesen epeu herangezogenen pai*alleleu zweifelhaft. 

Der erste teil der boispielsamlungen enthält eine zusammenstellong c^ft^^ 
fom\eln nach grammatisch -stilistischen gesichtspunkten (zu § 2 — 8), der zweite fc-^2 
nach dem inhalt (zu §9—14). Im ei-sten teil ist manches unwichtige material 
inengetragon , im zweiten hätte durch weglassung von ganz nataxüchen oder 
schwachen analogien raum gewonnen werden können für wiohtigieiras, mUdim 
gangen ist. Für manche abschnitte, besonders für H ^^^ 
und dai'stollung höfischen lebens) wäre eine gep 



im 

flWrdniiiie EU «nnsuheii. Immeriiin unUiält die sniulunfi oiji reii-hes iimterid 
fnnnelD und parallelen, so dass dieser hauiitteil der abhaDdlung, wenu ur au>;ti nooli 
•la tiiclitung bedarf, für die beurteiltU]^ des epischeu atilas Eeinun woi't bat. 



\'ti 



f)lau< 



i Rei 



Brs WoikImgBDde pauok-e (1650 — 75) und drei siiigsiiiulL' C'hri- 
3 (1T03 and 1710). HorBaBgogobcn von Georg EUiii^r. Berlin, 
XXrV, 71 s. 8". 3 in, [= Berliner iieudnioke , I. strie, 



^hriidor Faetel 1 
iMnd 3]. 

Schnell ist dem bd. 22 b. 381 boaprookenen Volkslied eralmauatb Nicolais eine 
aus«nhl von Berliner t'olegenlieitsg<!dii:liten aus der zeit dcB grossen kurfiirsten nud 
WdIb Friedrich I. von dor band desselben kündigen horansgobers gefolgt Die beiden 
achter, auf die seine wähl gefallen ist, sind keine Berliner von geburt, sondern aus 
Schlesien und Sachsen zugewandert und eolion ihrer lobunaatclltuig nach veraehiaden: 
Peucler ein wohlbestalter Stadtrichter, der sein publikum meist in den bürgorlichen 
Milien findet, Reuter ein gewesener studiosos der theologie und rechtsgelohrsamkeit, 
^ 00 dem jnngen königshofe sein glüt^k zu machen hofft. Feuckers andenken liat 
"le 1702, 28 Jahre »aisb seinom tode, vnraustalteto samlang seiner geiögonheitspoosion ■ 
'Bbctidig erhttltou; Heuter ist erst nouerfitigs durch Zamckos raühovollo forsciiungen 
^ Verfasser den iu Leipzig entstandenen satirischen romaus Sehelmufsky uud einiger 
^'»wifalB satiriBcher lustapiole bekant geworden. 

Bios jüngst orwacbto litterarhistorisolio intoressc für den talentvolleu LeipitigeT 

f^'*'*iten ist aber auch der einzige gnmd., durch den man den abdruck seiner drei 

^ &^iner hufTestUchkeitea nbgefos.'^ton siogspiele: 1) Die &oiockende Spree, zum 

I °' JOouar 1703, 2) Mars und Irene, zum 12. Juli 1703, 3) Das frolockendc Charlot- 

^^'**i»'g, zum 12. juli 1710, rBohtfertigoD kann. Dann Heuter hält hier keineswegs, 

^«ino fritheräD dichtangan versprachen; seine Singspiele sind ganz flache und farb- 

eslegonheitsreimereien in leidlich flüssigen vorsen ohne irgendwie neue gedniikon. 

Viel anziehonder wirken die aus den jähren 1646 — 1673' stammenden 100 ge- 

^*^liaitj^e<Iichte Teuukers, aus denen Ellinger zwölf ausgewählt hat, auf don lesor. 

1^ ^ "^t: als ob der Zeitgenosse des grossen kurfiirsten mehr diuhtertaJoDt besessen hätte. 

^*~ er hat die gäbe, einen fliessonden vors zu bauen, nnd ist um einen treftondeo 

*-X^k selten veriegen; er besizt volkstümlichen humor und verwertet und vermehrt 

»Mittel, dio eine langgeübte technik der golegonheitsdiohtang an die band gogoban 

^^'^i In der samhing von 1702 sind die leicbencarmina und geburtstagsgrahdationen 

«lurch wenige cxernplare vortreten, den hauptinbalt bilden hochzoitsgedichto. Do<A 

«iheliegonden gefahr der wi derb olung und einrörmigkoit weiss Pouoker meist glück- 

entgehen. Meist knüpft er an den namen der braut und des brSutigam zart« 

|k.. *■ derbo wortapielo an, er verherrlicht ihre heimat, dio Jahreszeit, er wirft einen 

^^■^^V auf den eben beendeten dreiasigjährigou kriog oder das baueniloben, deutut dio 

■ I _ ■*on des brautkranzes oder den gesang der vögel, gibt den güaten ein rlilsol auf 

■ tt^^* '"> 17. und 18, Jahrhundert weitverbreiteter brauch), verspottet die modische 
L ^^urpoosie iu einem nd. liodo oder geht auf den an die indreiisnacht goknüpfton 
I "-Vaglauben ein. 

li Da tit*l MKl uii^^ouui: 166U— lti>ä. 



136 BOLTE 

Der heiausgeber würdigt in seiner vortreflichen einleitiuig ausführlich Peuckers 
stoUung in der litteraturgeschichte und sein Verhältnis zu Joh. Franck, H. Held, 
W. Scherffer und zum Volkslied. Auch ein vergleich mit Greflinger, dessen gelegou- 
heitsgedichte Walther im Anzeiger f. d. altert 10, 73 (vgl. 13, 103) eingehend be> 
sprechen hat, wäre nutzbringend gewesen; über die gattung der hochzeitsgedichte er- 
warten wir von M. v. Waldberg eine arbeit. Auf die von Feucker vorwaoten sang- 
weisen, die füi' ihn und die Berliner geselschaft seiner zeit charakteristisch sind, hat 
Ellingor schon s. XYII hingewiesen; es wird sich jedoch verlohnen, ein volständiges 
Verzeichnis davon zu geben. 

Die geistlichen melodieen finden wir sämtlich in der 1648 zuerst ersohienenen 
und seitdem häufig gedruckton Praxis pietatis melica des Berliner Organisten Johannes 
Crüger. Ich benutze die 12. ausgäbe, Berlin 1666. 4^. 

Ach tote elend ist unser xeü s. 176 und 426 der Originalausgabe (1702). 
Text von Joh. Gigas (Wackernagel 4, nr. 260). — Crüger nr. 577 nach der melodie: 
Es ist das heil uns kommen her. — Eine parodie in einem fl. blatte v. j. 1677 
(Berlin Ye 1881): Ach wie elend ist unser zeit allhier in diesem dorffe. 

Allein gott in der höh scy ehr s. 335. 
Text von Nie. Decius. — Crüger nr. 282. 

Als Jesus Christus gottes söhn s. 319. 
Text von M. Weiss. — Crüger nr. 274. 

Nun last uns Qott detn herreti s. 277. 
Text von L. Helmbold. — Crüger nr. 486. 

Nun lob, mein seel, den herren s. 453. 
Text von Joh. Poliander. — Crüger nr. 302. 

Schwerer auszumitteln sind die weltlichen weisen, welche Poucker anführt. 

Achy du hertxchen schone, in wie lafiger xeit s. 74. 

Chym de begutit to grinen s. 444. 

Coridofi der ging betrübet s. 428. 
Text von Opitz, Deutsche poemata 1625 s. 176 (über die nachahmungen vgl. M. 
Waldborg, Die deutsche renaissancelyrik 1888 s. 115 f. 219). — Komponiert v^ ' 
C. Kittel, Arien und cantaten 1638 nr. 3. 

Daphnis ging vor wenig tagen s. 49. 324. 

J. Rist, (ialatheo 1642 Bl. Bjb mit melodie. Abdruck bei C. F. Becker, Lieder 
weisen vergangener Jahrhunderte 1, 20 (1849). Serapeura 1870, 149 nr. 35. Ven 
gärtlein 1659 s. 299. Gantz neuer Hans guck in die weit, Nüniberg, Felsecker ( 
1690) nr. 4. — Die melodie ward auch für kirchenlieder benutzt: Brandt og Helw 
Den danske psalmedigtning 1, 327 nr. 408 (1846). J. Neucrantz, Davids psalters 
1650 s. 11. 

Der edle schäfer Coridon s. 3. 

J. II. Schein, Musica boscareccia 1, 11 (1621). Serapeum 1870, 149 nr. 8. 
Doris ging in ihren garten s. 406. 

VonuRgärtlcin 1659 s. 3. Serapeum 1870, 150 nr. 134. 
Du bist meines herxens wonne s. 456. 
Es fing ein schäfer an xu klagen s. 136. 346. 528. 

H. Albert, Arien 5, 17 (1642). Vgl G. Neumark, Poetisch musikalisches lastwfildcXs-^ 
(1652) s. 74. 

Falscher schäfer, ist das recht s. 42. 70. 238. 341. 362. 




ÜBER BERLINKR NEUDRUCKE 1,3. 137 

G. Yoigtländer, Allerhand öden und lieder (1642) nr. 65. Auch im Berliner mscr. 
genn. quart 720, nr. 38. Serapeum 1870, 152 nr. 10. 

Herixlich thut mich erfreuen s. 275. 
Böhme, Altdeutsches liederbuoh (1877) nr. 142. 

Ihr sehufartxen äugen, ihr s. 422. 
Opitz 1625 8. 200. — Oft nachgeahmt; vgl. M. v. Waldborg s. 218 (Finckelthaus, 
Schoch, Schirmer). Serapeum 1870, 154. Hans guck in die weit nr. 68. Adam 
Krieger, Arien (1657) 5, 3. — Komponiert von Greg. Röbel, Arien (1646) nr. 4 und 
J. M. Rubert, Arien 1, 19 (1647). 

Luetdor hüt einst die aehaf s. 45. 
Venusgfirtlein 1659 s. 166. Fl. blatt der Berliner bibliothek (Ye 1779). Serapeum 
1870, 162 nr. 102. Hans guck in die weit nr. 29. 

Lustig, ich habe die liebste hekormnen s. 490. 
Serapeum 1870, 162 nr. 43. Hans guck in die weit nr. 25. 

Nun schlaf, mein liebes kindelein s. 17. 23. 
Böhme, Altdeutsches liederbuoh nr. 493. Dänisch bei Brandt og Hei weg, Ben danske 
Psalmedigtning 1 , 290 nr. 363 (1846). 

Leshia, du hirtenlust s. 108. 139. 
A. Hammerschmied, Weltliche öden 1, 10 (1642). Text von Homburg, Schimpff- 
JLQd emsthafifte Clio 2. aufl. 1642 bl. Q 2 b. 

tannenbaumy o tannenbaum, du bist s. 415. 
^ölune. Ad. liederbuoh nr. 491. 

Wann wird denn unser aufbrueh seyn s. 484. 
^^^"lingers Alemannia 12, 77 nach eÜQem fl. blatt von 1635. Eine geistliche umdich- 
^lAn^ (um 1650) auf einem fl. blatt in Berlin Yd 7854, 8 und einem andern Yd 791 1, 53, 1. 

Wehe, windchen, wehe s. 420. 
^^iiine, Ad. liederbuoh nr. 507. 

Wü sie nicht, so mag sies lassen s. 524. 
^ - ^BT^emings Gedichte s. 435 und 763 ed. Lappenberg (1863). — Komponiert von 
^- S^ammerschmied, Weltl. öden 1, 16 (1642). — Nachgeahmt von Finkelthaus, 
Lxistige lieder 1645 nr. 28, komponiert von Dedekind, Aelbianische Muscnlust (1657) 
^^- G2b. 

Zeuch, fahle, xeu>ch s. 418. 
^^ti^ine. Ad. liederbuoh nr. 510. Monatshefte für musikgeschichte 17, 92. Bolte, 
^^^'^. blatt d. Vereins f. niederdeutsche sprachf. 10 (3) 39. 

Die von Ellinger getroffene auswahl von 12 gedichtcn vergegenwärtigt vortref- 
^^ti ^gn Charakter der Peuckerschen dichtung. Hier und da wären freilich erklärende 
^^'^^örkungen erwünscht, namentlich bei dem s. 9 abgedruckten wiogenliodo für den 
^^T>rtizen Karl Emil v. j. 1655, wo übrigens Nicolai (Berlinische blätter 1797, 3, 

^ 96) und Louis Schneider (Schriften d. Vereins f. d. gesch. der stadt Berlin 11, 

^^- 1874) gute bemerkungen zu dem hier entworfenen bilde der rosidenzstadt geboten 
^^^^n. Da Peuckers gedichte überhaupt für die lokalgeschichte besondem wort be- 
^^^^^ö, so hätte der herausgeber denjenigen seiner leser, die sich für die geschichte 
T^rtitis unter dem grossen kurfürsten interessieren, die biographischen nachrichten 
^^^*' BOTliner fiunilien in einem alphabetischen Verzeichnis aller gedichte leichter zu- 
S'^K^^ioli machen können. 

Zum sohlusse mögen noch einige biographische und bibliographische nachtrage 
Dm gebortqahr Peuckers 1619, das s. Y nicht angegeben wird, teilt G. G. Kü- 



138 BOLTR, ÜBRR BKRUNER NEUDRUCKE I, 3 

ster, Altos und neues Berlin 4, 470 mit: „Poucker f a. 1674, aetatis 55 '^.^ Dii 
£. Fricdländcr herausgegebene matrikel der Universität Frankfurt a. 0. 1 , 752 a y 
uns, dass „Nicolaus Peucerus Jauranus Silesius*^ im herbst 1642 immatrikuliert wi 
Dass er 1644 noch in Frankfurt weilte, ergibt sich aus einem an den abreise 
studiengenossen Martin Friedrich Seidel aus Berlin gerichteten godichte: «Drei 
schon wegzuziehen*^ ^ Wann er nach Berlin kam, scheint ungewiss; woher Elli 
angäbe s. VI: 1641 oder 1642 stamt, vermag ich nicht zu sagen; nach dem 
bemerkten ist sie mindestens fraglich. Im jähre 1654 wurde er zum stadtricht 
Colin emant; vgl. das im Bär 1, 78 (1875) abgedruckte gedieht 

Von einzeldrucken Peuckerscher gedichte besizt die Königliche bibliothe 
Berlin vier nummem: 

1) Paucke. Berlin, Christoff Runge 1650. 4bl. 4» (= Samlung von 1702 1 

2) Lämmerknocht. Ebd. 1652. 4 bL 4^ (zur hochzeit von Joh. Heinzelmai 
Sophie Zieritz. =- 1702 s. 339). 

3) Arm und Reich. Guben, G. Schnitze. 1664. 2 bL 4"" (auf den tod von 
wig Marie von Haake, geb. Schlabbemdorff ) : „Stirbet heut ein Lazarus.*^ 

4) Der Fuchs kreucht zu Loche. Kölln, G. Schnitze 1674. 2 bl. 4*> (zur 1 
zeit von Paul Fuchs und Luise Friedebom): „Dem churfürst Friedrich Wilhelm tr 

Ausserdem verdanke ich der gute des hen*n schulvorstehers F. Budczies noc 
mittoilung mehrerer godichte P.'s, die sich in den leichonpredigten der bibliothe 
gymnasiums zum Grauen kloster finden: 1) auf den tod der Jungfrau Eva Cath. 1 
nomaim (1651), — 2) auf den des amtskammerrats Roichard Dieter (1655), — z 
den dos oborzeugmoisters Elias Francke (1660); vgl. die grabschrift bei Küster 4, 
— 4) die lateinisch -deutsche grabschrift des advokaten Krause (1656). 

BEUJN. JOHANNIS BOLTE. 



MISCELLEN. 

Ein brief Schillers. 

Weimar 17. Jenn. 1802. 

Ich hal)e an Opitz goschriobcn, da.ss or Dir auf Dein Ansuchen Absch 
von dor M[aria] StfuartJ und der J[ungfrau] v[on] 0[rloans] verabfolgen laßen k 
Du hast Dich also dclihalh unmittelbar an ihn zu wenden. Ich will Dir, außei 
som, oiiio Abschrift von meiner neuesten Arbeit, der Turandot, die ich nach < 
neu boarl)citot habe, zusenden, sobald ich eine Abschrift davon habe. Dafür 
erbitte ich mir, als einen gegondionst, daß Du für den jungen Uölzlin, der 
lM*im Theater zu Mannheim aufhält, etwas thun mögest. Seine armen Aeltom I 
mir bei meinotn Aufenthalt in Mannheim Fieundschaft [bj erwiesen, sie sind je 
üboln Unistäudon, die anno Mutter hat sich an mich gewendet, und ich wün 
herzlich gern etwas zu ihrer Erleichterung^ beizutragen. Laß unsre FreundschafI 
jezt wieder neu auflebte und wie ich sicherlich hoffe ununterbrochen fortdauern 

1) Auch 3, 396 nonnt Küster 1G74 als todosjahr; somit ist wol die 8, 463 geiuuita uhl ISJ 
dnickfohlor. 

2) Kbcnda 1, 749 b (sornmer 1&12) fijidot sich „Hoinrious Ueldt Ooiani» SflMiw." 
'M lYopompticA , (juibus M. F. Soidolio ßorolinonsi ox indyta pstriae if ikmli im 

dcinia> atquo n^doiKts .studia soa tronsforcnti beno ominabantor Ikatoraa, 
4^ (im Uorliucr Mm.t. )>onis.s. fol. 'JiX)). Aach Heinrich Held und Jok. 
poetisclio geuoääeu»chafl goKtiftet hatte, sind hier dorok ein 




MISCELLBK 139 

durch die guten Wünsche einer Familie, die uns beiden ihre Verbesserung dankt, 
eingeweiht und versiegelt werden. 

Die Turandot, die Du wahrscheinlich aus Gozzi schon kennst, ist ein Stück, 
welches auf jeder Bühne und besonders bei einem fröhlichen sinnlichen Publikum, 
Glück machen wird. Auch ist in dem Stück, da es in China spielt und bloß fabel- 
hafte Verhältnisse behandelt, nichts woran auch das reizbarste Publikum Anstoß neh- 
men könnte, [c] Sie wird bald in Dresden gespielt wei'den, dieß ist in Absicht auf 
Censur etc. alles gesagt. 

Es thut mir sehr leid, dafi Du Dich über I[ffland] zu beklagen hast. Freilich 

mögen die Verhältnisse, die ihn treiben und drängen, seine Stimmung verändert 

haben. Er hat als Director d[es] Th[eaters] ein böses Schiff zu regieren, er ist als 

Schauspieler und als Dichter im Kampf mit dem Parthoigeist und dem Zeitgeschmack, 

CT will erwerben und reich werden, und es federt schon den ganzen Mann, sich 

im Besitze zu erhalten. Das kann ihn däucht mir bei einem nachsichtigen Freund 

entschuldigen, wenn er sich nicht immer gleich bleibt; aber eine Jugendfreundschaft 

wie die eurige ist unzerstörbar und ich zweifle nicht, ihr werdet einander wieder 

iSxiden. 

[d] Charlotte Kalb hat Lust wieder von Erlangen weg und nach Weimar zu 
-zieben. Ich weiß nun zwar nicht, ob sie sich hier wieder gefallen wird; aber ich 
^fGiLG mich doch sie wieder zu sehen und wünsche zu Ihrem Wohlbefinden etwas 
^^^^tiragen zu können. 

Deinen Vorschlag wegen einer Reise nach Mannheim wünschte ich ausführen 
^ können, aber in dem nächsten Frühjahr kann es noch nicht geschehen, eher im 
^*=»^^^gen Jahr wo ich eine Reise nach Schwaben und der Schweitz damit verbinden 
^^^Xate. 

Lebe recht wohl, empfiehl mich Deiner Frau und erhalte mir Deine liebe. 

SCHILLEB. 

Den oben abgedruckten brief verdanke ich herm Rudolf Valdek, Schriftsteller 
"^^ien. Er ist an Heinrich Beck in Mannheim gerichtet und wurde von diesem 
^. februar 1802 beantwortet; s. Speidol und Wittmann, Schillerbilder (Berlin und 
'ttgart, Spemann o. J.) s. 171 fgg. minor. 



rx 



NEUE ERSCHEINUNGEN. 



leher, O. und Kinzel, K., Denkmäler der älteren deutschen litteratur 

^ür den litteraturgeschichtlichon Unterricht an höheren lehranstaltcn. 11.: Die 

fcöfische dichtung des mittelalters. 2: der arme Heinrich und Meier 

^elmbrecht Halle a/S., buchhandlung des Waisenhauses, 1891. 124 8. 0,90m. 

Dieses bändchen ist ebenso wie die anderen bereits erschienenen der samlung 

"x^ortroflich geeignet, dem auf dem titel angegebenen zwecke zu dienen. Eine 

^Knappe, aber scharf charakterisierende einleitung orientiert über Hartmann von Aue; 

^sesonders dankenswert ist, dass charakteristische proben aus mehreren seiner werke, 

^owie die bokante äusserung Gottfrieds von Strassburg über ihn im mhd. original 

^MiiQgeSwn aind; ebenso eine (vielleicht zu sehr zusammengedrängte) inhaltsangabc 

* n* und ,£rec^. Den „armen Heinrich'' hat der herausgeber mit dem 

mbeii übersesEt, bei einer im wesentlichen ti'euen widergabe des 



140 NEUE ERSCHEINUNGEN 

Sinnes doch zwanglos fliessende nhd. verse zu geben ; manche feinheit des oiiginals 
muste freilich dabei geopfert werden. Sehr gut gelungen ist die Übertragung des 
^Meier Helmbrecht '^. Die den beiden werken beigegebenen anmerkungen geben 
klare sachliche erläuterungen und regen zum nachdenken an. o. e. 

Brate, £• och S. Baggre, Runvorser. Undersökning af Sveriges metriska runinskrif- 
ter. Stockhohu 1891. 442 s. 8. 

Burkhardt, ۥ A. H., Das repertoire des Weimarisohen theaters unter 
Goethes leitung 1791 — 1817. ( Theatergeschich tlicho forschungen, herausgeg. 
von B. Litzmann. I.) Hamburg, Leop. Voss, 1891. XL u. 1528. 3,50 m. 

Die einloitung schildert die inneren und äusseren Verhältnisse des Weimarisohen 
theaters und gibt die quellen an, die dem herausgober vorlagen. Es folgt: A. Chro- 
nologisches Verzeichnis sämtlicher nachweisbaren aufführungen (mit einsohloss 
der vom Weimarer theater in Erfurt, Halle, Lauchstädt, Leipzig, Rudolstadt ge- 
gebenen gastvorstollungen). B. Alphabetisches vers^eichnis der dramen (mit 
einschluss der opern), ballette, musikauftührungen , prologe und epiloge. Die auf 
den tlieaterzetteln oft fehlenden verfassemamen smd vielfach ergänzt 

Drescher, Karl, Studien zu Hans Sachs I. Hans Sachs imd die heldensage. BerL 
1891. (Acta Germanica H, 3.) Vm, 105 s. 8. 

Goldbeck -Löwe, A., Zur geschichte der freien verae in der deutschen dichtung von 
Elopstock bis auf Goethe. (Kieler diss.) München, A. Buchholz, 1891. 82 s. 2 dl 

Hartmann von Aue, Iwein herausgegeben von Emil HenricL Erster teil: text 
(Germanistische handbibliothck YHI.) Hallo a/S., buchhandlung des Waisenhauses, 
1891. 388 s. 8 m. 

Der text ist nach vergleichung aller handschriffcen in neuer recension gegeben. 
Am rande ist in genauen zahlencitaten auf die entsprechenden verse aus Christian 
von Troyos vorwiesen; unter dem texte steht der volständige kritische apparat, so- 
wie in besonderer abteilung die abweichungen dos Lachmannschen textes. Wir be- 
halten uns vor, nach erscheinen des zweiten bandes (einloitung und erläuterungen) 
die kritischen und exegetischen fortschritte dieser ausgäbe eingehend zu besprechen. 
Auf der Münchener philologonvorsamlung hat Henrici über seine kritischen gnmd- 
sätzo vertrag gehalten. 

Hemnanowskl, dr. Paul, Die deutsche götterlehro und ihre Verwertung in kunst 
und dichtung. Berl. 1891. 2 bände. IV, 284 und VI, 278 s. 8. 

Heusler, Andreas, Zur geschichte der altdeutschen verskunst. [Germanistische ab- 
handlungon herausgeg. von K. Welnhold. VHI.] Breslau, W. Eoebner, 1891. 
Vin u. 161 s. 5,40 m. 

Hirzel, L., Wieland und Martin und Regula Künzli. Ungedruckte briefe und wider- 
aufgefundene aktenstücko. Leipzig, G. Hirzel, 1891. VI u. 240 s. 5 m. 

Die Veröffentlichung von 16 briefen, welche Wioland zwischen 1756 und 1759 
von Zürich aus an Maiün Künzli (lehi*er an der Stadtschule in Winterthur) und 
dessen Schwester Regina (geboren 1718) richtete, wird eingeleitet durch eingehende 
mitteilungen über den lebensgang und die schriftstellerische Wirksamkeit Künzli's, 
sowie über das geistige leben des damals um Bodmer sich scharenden kreises. 
Auf die Stellung dieser männor zu den litterarischen bowegungen in Leipzig und 
Berlin, sowie auf Wiolands leben unter ihnen fält manches neue lieht Im an- 
hange veröffentlicht Hirzel unter anderem einen nicht uninteressanten brief 
an Wieland vom 10. märz 1755, sowie einen von Klopstock noch am 12. decbr. 175 



p 



141 

wu Kaiievltaiieu au Bodiner gerichteteo lirief (weslialb dieseu mit auslfiseangcn?), 
über Uen KümÜ liüchst jihiliBliThaft iiburteilte (s, 145). 
^felmqTtet, Theodor, Naturskitdriiigania i den Don'üaa diktniageu. Btockli. 1891. 

IV. 218 8, gr. 8. 
■•hrMberfoht über dio crscheiuiuigeD auf dam gobiota der gunoaDiacdieii philologie 
lirg. vou der geBälschart für deutsche pbilologiß in Berlin. 12. Jahrgang. 1890. 
1. abt Lpt. 1891. 1S8 s. 8. — Dies trofliuhe bibliogruptiisuhe hüfBinittel, daa 
den Canhgidcbrton längst uneDtbehrlioli geworden iat, ad nucli weiteren kreiseu, 
namfutlieh deu berren direktoren höherer schnlen, warm empfohlen. 
«UliiKkkiiB, II., ArminiuB und Siegfried. Eicl und Leipzig. 1891, 38 s. 8. 1 m. — 
Der herr Verfasser, der sieh durch seine arbeiten auf dem gebiete der nieder- 
deutschen spräche nnd litteratur woWerdient gemacht hat, betritt hier mit weniger 
glück den boden der deutschen heldensage, indem er den hofnungslosen veraacli 
unteinimt, die hypothesen von Oudhr. Vigfiisson nnd Schierenborg (1) zu atützen. 
Die NibelnugensBge in eine politische Bllogorio autznlösen, ist nicht minder ver- 
fehlt, als in ihr eine darstellung chemischer processc zu erblicken. 

äT, E., ünterBuchmjgen über Alphartfi U>d. Gynin.-progr. Mühlhausen i. Thüring. 
1891. 52 s. 

1. Älgemeine Vorstellungen nnd ansohannngeu des dichters. 2. Epische ti^Jinik, 
3, Stil. 4. Stellung des Alpbart innerhalb der volksepik. 
«Itzmaim, Albert, Unterancbungen über Borthold von llolle, Habihlnlionsschrift. 
Jena 18!il, 48 s. 

, Neue beitrage zur textkritik von Ilortmouns Oregorins. Kieler diss. 1801. 
Leipzig, G. Foct 47 s. 1,50 m. 

1. Die lateinische dichtung Arnolds voii Lübeck und ihr Teriiültuis laM deut- 
schen original. 2. Die von Schniellei- edierte lateinische OregoiiJichtuiig xfda.2, 43Gfgg. 
3. Ober dii' eiuleitung eu Hartmaniu Oregorios. ^ Die lesarlen der Kumtaazor 
haadschrift sind durchweg berücksichtigt. 
FglaniiKa saga. Nach Bugges text mit einleitung und glossar herausg. vou Wilh. 

KaniBch. Berlin 1891. XVIU, 216 a. S. 3,00 m. 

Melnliidd, E., Mittelhochdeutsches lesubuch. Mit einem metrischen anhang 

und einem glossar. 4. anilnge. Wion, W. Braumüller, 1891. IV n. 28Gb. 4 m. 

Der abriss der gromniatik ist foitgeblieben, weil durch Weinholds kleine mhd. 

grainiaatik (2. aull. 1880} oraext; dos buch ist deimoch gegen die 3. aaDage mu 

lO Seiten sükker geworden doreh einige neu aufgenommene lesestücko (Farx. 

224, 1—248, 8; NeiUmrt ed. Haupt 57, 24—58, 24; stücke aus der Limburger 

Chronik als [irobeu eines md. diaicktes), sowie durch erweiternd-' Umarbeitung der 

einloitungen, der aniiicrkungen und des glossnrs. Daa bucli ist zur i-infuhruug in 

mhd. lekture auob für Studenten sehr geeignet, namentlich wegen der manuigfattig- 

keit smnes Inhaltes. 

Zehne* A>, Über hedentnng nnd gebrauch der hiilfsverba. I: aoln und müefen bei 

WolTnun von Eschetibach. Halle, diss. 1890. 55 a. Leipsig, 0. Fock. 1,50 m. 

ZImoit, Adolf, Die erst stichsisch-Mnliische, dann normannische Mirmaungage nach 

inluill, deatun« und urspmng. Progr. dos Bismarck-gymn. z» Pyritz. 1891. 



142 NACHRICHTEN 

NACHRICHTEN. 

ARTHUE REEVES f. 
In der nacht vom 27. auf den 28. februar 1. j. gieng mir aus Richmond, Indiana, 
Vereinigte.staaten vonN.-A., ein telegramm zu mit der kui'zen moldung: „Arthur Reeves 
kiiled railroad accident*^, und heute erhalte ich durch die gute des herm profesaors 
Ed. F. Evans, viceconsuls der vereinigten Staaten dahier, eine nummer des Boston 
Weekly Transcript's vom 27. februar, welche berichtet, dass am 25. abends auf der 
fahrt von Chicago nach Cincinnati ein eisenbahnunfall eingetreten sei, bei welchem 
der genante mit mehreren anderen personon verunglückte. Im vorigen jähre hat 
A. Reeves unter dem titel „The finding of Wineland the good*' (London, Henry Frowde) 
eine vortrefliche ausgäbe der auf die entdcckung Yinlands bezüglichen quellen mit. 
facsimilo's der handschriften, Übersetzung, sowie sehr beachtenswerten vorberichten, 
und anmerkungen herausgegeben, ein werk, welches im anschlusse an 0. Storm's. 
grundlegende Untersuchungen (Aarbogor for nordisk oldkyndighed og historie, 1887^ 
der zumal in Amerika noch herschenden vei'wirrung der ansichton über die Vinlands — 
fahrten der alten Nordleute ein ende zu machen geeignet ist. Zulozt war er mit eine»- 
englischen Übersetzung der Laxdaela beschäftigt gewesen, von der ich dahingestelt 
lassen muss, ob sie bereits zum abschlusse gediehen ist. In der schule des um die 
altnordischen Studien hochverdienten profcssors W. Fiske herangebildet, schien der 
ebenso liebenswürdige als arbeitsame junge mann noch eine lange reihe tüchtiger lei- 
stungon auf diesem gebiete zu vereprochen; das unerbitUche Schicksal hat diese hof- 
nungen abgeschnitten und nur dem wünsche räum gelassen, dass dem zu früh ge- 
schiedenen die erde leicht und bei seinen fachgenossen ein ehrendes andenken gesichert 
sein möge! 

MÜNCHEN, DEN 18. MÄRZ 1891. K. MAUBER. 

Am 2. februar d. j. verschied zu Boppai"d a/Rh. an den folgen einer gohinige- 
schwulst der langjährige bibliothekar an der Breslauer universitäts - bibliothek prof. dr. 
üermann Oestcrley. Geboren zu Göttingen am 14. juni 1833 als söhn des spätem 
bürgermeisters und nofife des im frühjahr 1891 cbenfals veretorbenen hannoverschen 
hofrnalcrs, zog ihn seit frühester Jugend die musik so mächtig an, dass er in kind- 
licher einbildungski'aft ein „zweiter Beethoven ** zu werden ersehnte und sich nach- 
mals an der Universität Kiel für musik und deren geschichte habilitierte. Nach einer 
mehrjährigen Wirksamkeit (1858 — 62), der es an anerkennung nicht fehlte — eine 
glänzende empfehlung für die stelle eines kgl. hofkapolmeisters war die folge — trat 
er indessen zum bibliotheksberuf über. Im Oktober 18G2 hilfsarbeiter an der damals 
bedeutendsten bibliothek Norddeutschlauds , der Göttinger, rückte er 1866 zum secretär 
daselbst vor, kam als custos 1872 nach Breslau und hat hier (seit 1876 mit dem 
titel bibliothekar, seit 1882 auch mit dem professoiütel) bis wenige monate vor seinem 
abscheiden gewirkt. 

Oesterley's litterarische tätigkeit war umfassend und vielseitig. Seine doctor- 
dissertation (1855) war ein „Abriss der geschichte der philosophischen beweise für 
das sein goiies^^. Dann veröffentlichte er Schriften über theoric der musik und über 
liturgik, sowie eine reihe philologischer und historischer werke. Hier interessieren: : 
Die dichtkunst und ihre gaiiungen. Mit einer vorrede von Karl Ooedeke (1870); ^ 
NiederdUch. dichtung im m.-a. Als XIL buch der dtsch. dichtung im m.-a, rofu^t 

K. Ooedeke bearbeitet (1871). Zahlroiclie ausgaben älterer texte und Schriftsteller ver 

anstaltete er und stattete sie mit zum teil sehr umfangreichen einleitungen un( 



NAGHBICHTEN 143 

anhängen aus. In der bibliothek des Stuttgarter litt. Vereins gab er heraus: Paulis 
Sehimpf u, Ernst (ISm); IL W. Kirchhofs Wendenmtä I—V (lS6d/70)\ SieinhmceVs 
Aesop (1873); Simon Deteh (1876). Eine kleinere ausgäbe dos leztgenanten erschien 
fast gleichzeitig als bd. IX der Goedeke-Tittmann'schen Dichter des 17.jhdts. 

Von andern ausgaben seien genant: Shakespeare' s Jest Book (London 1866); 
üomulus. Die paraphrasen des Phaedrus u. die aesopische fahel im m.-a. (1870); 
Oesta Romanorum (1872); Bibliothek orientalischer märchen und erxählungen I. 
Baital Paehisi (1873); Johannes de Atta Silva Dolopathos sive de rege et VII sa- 
pientibus (1873). Leztgenanter text, die vorläge zu dem altfranz. Dolopathos des 
Herbert v. Metz, war von den romanisten, namentlich Adolf Mussafia, jähre lang ver- 
geblich gesucht worden. Oesterley hatte ihn in der Athonaeums- bibliothek zu Luxem- 
burg wieder aufgespürt. Freilich hat die flüchtigkeit der ausgäbe gerade dieses textes 
das verdienst dos herausgebers stark verdunkelt. 

Auch neueren autoren hat er seine aufmerksamkeit zugewant: er ist mitarbeiter 
an der Ooedeke'schon grossen kritischen ÄcÄtV/er- ausgäbe gewesen und hat Seume's 
Spaxiergang nach Syrakus neu veröffentlicht. Eine grosso zahl Zeitungsartikel, auf- 
sütze u. dgl. mag hier nur vorübergehend erwähnt werden. 

Was Oesterley auszeichnete, war eine bewundeniswerte spankraft und Intelli- 
genz, die ihn befähigte die verschiedenartigsten materien zu umfassen und schnell zu 
durchdringen, sowie eine frische und klare auffassung, wie sie polyhistorisch oder 
bibliothekarisch veranlagten naturcn nicht eben eigen zu sein pflegt. Was ihm abgieng 
oder doch in folge äusserer lebensumstände nicht zur geltung kam, war sin volles 
verweilen auch bei dem kleinen und einzelnen. Damit hängt es zusammen, dass 
einem teile seiner arbeiten der Vorwurf ungenügender ausreifung nicht ganz erspart 
werden kann, wälirend sonst der umfang und die Vielfältigkeit seines wirkens in hohem 
grade achtung verdient. 

(Nach freundlichen mitteilungen von dr. Emil Seelmann in Breslau.) 



Am 3. fobruar starb zu Kopenhagen der ehemalige reclor der kathedi'alschule 
2U Aarhus, dr. G. F. V. Lund, Verfasser einer altnordischen syntax (oldnordisk ord- 
^jningslaere) und eines Wörterbuches zu den altdänischen gosetzen, 70 jähre alt. 

Am 26. april verschied im 64. lebensjahi-e zu Kiel prof. dr. Gottfried Hein- 
rich Handolmann, direkter des Schlos^vig- Holsteinischen museums vaterländischer 
Altertümer, Verfasser einer reihe von Schriften über altei*tujnskunde und Sittengeschichte. 

Am 25. mai verschied zu Bonn der ausserordentliche professor dr. Karl 
J^^staf Andresen (geb. 1. juni 1813 zu Ütersen). Die Zeitschrift für deutsche phi- 
^l^gie, die in dem dahingeschiedeneu einen langjährigen, treuen mitarbeiter betraueii, 
^^^ ihm ein dankbares angedenken bewahren. 



Der ord. professor dr. M. v. Lexer in Würzburg folgt einem rufe nach Mün- 
^^o. An der Universität Jena hat sich dr. Albert Leitzmann für germanische 
^J^^^logie habilitiert; ebenso in Bern dr. 8. Singer, in Halle dr. John Meier, in 
^**ön dr. Max Horrmann. 

, Beiträge zur goschichte der deutschen spräche imd litteratur'' werden 
adtwirknng ihrer begründe] 
/B. heraosgegeben werden. 



^ iwr mitwirknng ihrer begründer vom 16. bände ab von prof. dr. E. Sie- 



144 NACHRICHTEN 

Im Verlage von M. Niemeyer in Hallo a/S. wird unter dem titel Saga- 
bi bliothek eine samlung der wichtigsten altnordischen prosadenkmfiler mit deut- 
schen, erklärenden anmerkungen erscheinen. Die redaction haben dr. Gustaf Ceder- 
schiöld in Lund, prof. dr. Hugo Gering in Kiel und dr. Eugen Mogk in Leipzig 
übernommen. Zunächst werden herausgegeben worden : Droplaugarsona saga (G. Mor- 
genstern); £gils saga (Finuur Jonsson); Eyrbyggja (H. Gering); flores saga ok Blau- 
kiflur (E. Kölbing); Gunnlaugs saga (E. Mogk); Hall&edar saga (Th. Wisen); H^lfe 
saga (Fr. Kauffmann); Hdkonar saga (G. Storm); tslendinga bok (W. Golther); Joms- 
vikinga saga (C. af Petersens); Milgus saga (G. Cedei'schiöld); Bagnars saga lodbrokar 
(R. C. Beer); Sverris saga (G. Storm); V^lsunga saga (B. Sijmons); Qrvar-Odds saga 
(R. C. Beer). Als notwendige hilfsmittel werden der saga-bibliothek hinzugefügt 
werden: ein kurzgefasstos altnordisches Wörterbuch und ein handbuch der 
nordischen altcrtümor. Die bearbeitung des ersteren Werkes hat Pälmi Pals- 
son in Reykjavik übernommen. 



Boueke'scho preisaufgabo für das jähr 1894. Gewünscht wird eine 
geschichte der deutschen kaiserlichen kanzlcisprache von ihren anfan- 
gen bis auf Maximilian, die in angemessenen, zeitlich begrenzten abschnitten das 
constante und das schwankende in den laut- und flexionsverhältnissen , sowie mög- 
lichst auch in Wortbildung und Wortwahl zur anschauung bringt und mundartlich er- 
läutert. Eine beschränkung auf das lautliche >\ürdo nicht genügen; bcnutzung unge- 
druckten materials wird nicht verlangt. Äussere Verhältnisse, wie der wechselnde sitz 
der kanzlei, heimat und litterarische beziehungou der kaiser und kanzleivorstände, die 
herkunft der Schreiber, der einfluss wichtiger reichstage, etwaige rücksicht auf die 
mundart der adrossaten sind eingehend zu ))erücksichtigen und darzulegen. Auch das 
verhältms der kaiserlichen kanzlei.sprache zu den anföngcn einer oberdeutschen xoiyfj 
im 14. und 15. Jahrhundert darf nicht ausser acht bleiben: namentlich wird zu unter- 
suchen sein , ob die spräche der Nürnberger kanzlei auf die der kaiserlichen eingewirkt 
habe, oder umgekehrt Ei'v^'ünscht ist es endlich, dass an der spräche der Urkunden 
und der ältesten drucke einiger ausserbairischen litterarischen centren Süddeutschlands 
die bedeutung der kaiserlichen kanzlei für die mildcrung der mundartlichen gegensätze 
im 15. jahrlumdert geprüft werde: neben Nürnberg käme etwa Augsburg, für das vor- 
arbeiten vorliegen, und Strassburg in betracht. 

Bewerbungsschriften in deutscher spräche sind bis zum 31. augnst 1893 mit 
einem Spruche auf dem titelblatte an die philosophische facultät zu Göttingen einzu- 
senden mit einem versiegelten briefe , welcher auf der aussenseite den sprach der ab— 
handlun^;, innen namen, stand und wohnort des Verfassers anzeigt. In anderer weisg=^" 
darf der name des Verfassers nicht angegeben sein. Auf dem titelblatte der arbei"^ 
muss ferner die adrcsse bezeichnet sein, an welche die arbeit zurückzusenden is^ 
falls sie nicht preiswürdig befunden wird. 

Der erste preis beträgt 1700 m., der zweite 680 m. Die zuerkennong erfolgt 
11 mürz 1894. Die gekrönten arbeiten bleiben unbeschränktes eigentum der verfiiss*^»^ 



Halle a. S. , Buchdmckerei des Waiwmhinww 



BEITRAGE ZUE DEUTSCHEN MYTHOLOGIE 

I. Der todesgott ahd. Henno Wotan = Morcuriiis. 

Die mythologische forschung hat bis auf unsere tage der geschichte 
des kultes geringe beachtung geschenkt. Seitdem aber die hohe Wich- 
tigkeit dieser geschichtlichen grundlage gewürdigt wird, ist reicher 
erfolg der lohn. In Weinholds abhandlung „über den mythus 
vom Wanenkrieg**^ erscheinen unklare Verhältnisse durch die ört- 
liche und zeitliche Scheidung der kulte geläutert. Auf solchem wege 
nur können wir dahin gelangen, die mannigfachen Widersprüche zu 
lösen, die in den deutschen göttergestalten unseres mittelalters her- 
gehen. Weinhold hat die ausbreitung des Wödanglaubens verfolgt 
üüd den zusammenstoss des Ansenkultes mit dem Wanenkiüte als 
^ampf der chthonischen mächte gegen die götter des lichtes erwiesen, 
dieser krieg hat zu einem religionsfrieden , nämlich zur aufnähme der 
^a.Ben unter die Ansen gefuhrt Einerseits wird die erscheinung der 
Setter im lichte dieser auffassung einheitlicher und klarer, denn sie 
ßrl^tubt uns, viele verwirrende züge auszuscheiden *; anderseits aber 
^öi'den wir dem seelenglauben und totenkult der Germanen, dessen 
^'^ste sich in sage, sitte und brauch bis heute bewahrt haben, in höhe- 
^na masse als bisher gerecht, wenn wir in dem ursprünglichen, dem 
^inamelsgotte *Tiwax gegenüberstehenden *Wöäanax eine macht der 
^J^cie, den gott des todes imd der finstemis, erkennen. Zweifel an die- 
^^i* auffassung könte erregen, dass bisher in keiner bezeichnung des 
'^^Kihsten gottes, weder in dem hauptnamen *Wöda7iax (vgl. lat vätes, 
^tir. fäith) noch in seinen vielen beinamen eine tatsäxihliche anknüpfung 
^^ den todesgott erwiesen ist, denn in Requallvakan, Yggr, Ygg- 
J^^^ und Helhlindi ist doch höchstens eine indirekte beziehung zu 
^^hen. Diesen zweifei zu beseitigen , ist die aufgäbe meiner abhandlung. 

1) Sitzungsborichte der königl. preuss. akadeniie. Philos. - histor. klasse XXIX 
^1880), 611 fgg. 

2) Weinhold scheint mir durchaus nicht zu verneinen, dass götter oder dämo- 
te flüilerDis den göttem des lichtes im Wanenkult gegenüber gestanden haben; 

*A «q1 mar getagt sein, dass hier die lezteren die h ersehende stelle hatten. 

FBILOLOOIE. BD. XXIV. 10 



146 SIEBS 

1) Wenn Tacitus in der Germania (c. 9) berichtet, dass die Ger- 
manen als ihren höchsten gott den Mercurius verehren, so meint er 
damit den kult des Istwaz == Wöäanax bei den westlichen Deutschen. 
Die gleichsetzung Hermes = Mercuiius = Wödan ist nie bestritten 
worden, und sie ist nicht nur stichhaltig für die zeit, da Wödan als 
der gott alles geistigen lebens gilt, sondern auch in dem Verhältnisse 
beider götter zu den toten liegt eine ähnlichkeit: Wödan nimt die — 
freilich nach jüngerer auffassung von den Walküren zu ihm gelei- 
teten — toten auf, und auch dem Hermes xpvxojcoiindg werden die 
Seelen der verstorbenen übergeben. Durchaus sichergestelt wird — 
schon für sehr frühe zeiten — die Identität Merkurs mit dem deut- 
schen todesgottc durch eine inschiift, die im frühjahr 1872 zu Rohr 
bei Blankenheim im oberen Ahrtale gefunden ward. Ein altar, von 
dem nur der obere teil erhalten ist, trägt die werte: 

MEKCVKI 
CHANNINI 

Freudenberg (Bonner Jahrbb. des Vereins von altertfrd. im Rheinide 
53, 172 fgg.), der die inschrift zuerst erklärt hat, sah in Merctiri einen 
votivgenitiv; in dem Schlussbuchstaben der zweiten zeile wolte er den 
rcst eines E und in dem somit sich ergebenden Channine den ersten 
teil des namens der Canninefates erkennen. Mit gutem rechte — klar 
erweist das der name des Kennernerlandes — hat Much (Ztschr. f. d. a. 
XXXV, 208) erklärt, dass jener name nie und ninmier mit 6% hätte anlau- 
ten können, da wir mit germanischem Ä'zu rechnen haben: es sei des- 
halb Mercurio Channini zu lesen und in dem zweiten worto der germ. 
dativ eines beinamens Hanno (er vergleicht griech. y,owüv) zu erkennen. 
Freudenberg (a. a. o.) berichtet, dass für ein dativ -o in dw ersten zeile 
kein räum sei; in solchem falle müssen wir — die möglichkeit gibt Freu- 
denberg zu — in dem C der zweiten zeile ein erkennen und Mercurio 
Hannini lesen. Es fragt sich nun, wie dieser name zu erklären ist 
Nach dem gesetze der westgermanischen konsonantendehnung erweist das— 
miy dass (C)}iamiini aus *(C)hanjini entstanden ist Zu diesem datir" 
haben wir einen nom. sing. germ. *hanje *ha?ije^ (ich lasse das strit — 
tige, für unsere zwecke gleichgiltige G des anlautes weg) anzusetzen 
und diese formen sind lautgesetzlicho Vorläufer eines altsächs. althoch(k^ 
*henno (got *hanja)^ angelsächs. altfties. *henna. Ich behaupte 
dass mit diesem werte der todesgott bezeichnet ist Wie zahlreic." 
überhaupt die votivsteine sind, die — erklärlicherweise — gerade d 
todesgottlieiten errichtet wurden, das werde ich demnächst in ander^rti 




147 

feite» dartun. An dieser stelle soll zuerst <liö etymologische deii- 
ang, sodann tlio goschicbte des Ileuno gegeben worden. 

Wir kennen eine indogerm. wurzel ]:en, welche in der liochstufe 
, JD der tietstufe kn lautet und „stechen, schlagen, vernichttm, 
1* bedeutet: altpers. m-i;nn heisst töten, avest. i,mia Vernichtung; 
"griech. xni'wu aorist t-Amov -/.amv töten, -Aovj (Hesychius) mord. Die 
entsprecheudc germ. wurzel muss in der mitteistufe hen, hochstufe han, 
tietstufe kun lauten; je nachdem wir nuii ein nomen agentis mit Suf- 
fix -an- oder -jari- von der mittel- oder htmhstufe bilden, erhalten 
I wir ahd. *keiio *kinno oder "hano "ftentio in der bedeutung „vernich- 
tor, tod", personificiert „gott der Vernichtung, todesgott". Im mittel- 
«nd neuhochdeutschen haben wir Henne bzw. Hinne Han(it)e zu 
warten; auch finden wir die tiefstufe mit hune, kunne vertreten, 
2) Nunmehr muss es unsere aufgäbe sein, die geechichtc des deut- 
eten todesgottes Ilenrte zu verfolgen. Die Germanen verehrten ilire 
;&tter in heiligen haineti. Ein solches heiligtum hatten die iYiesen dem 
■nna und zwar dem kämpf- und todesgotte, dem Baduhenna 
tfon. Baduhetmae), geweiht Tacitua (Anna). TV, 73) erzählt: „niox 
tompertuvi a transfugis, iwngeiitas Eomanorum^ apud hicum, quem 
Boäuhennae vocant, pitgna in posleruitt cxtraeta confeclos*^. Die frü- 
I erklärungen dieses wortes als Badiane usw. glaube ich hiermit 
Hriderlegt zu haben. Zu den ausführungen Jaekels (Ztschr. f. d. phil. 
LXII, 257) bemerke ich, dass sie mir ebensowenig wie die erörtoruu- 
^ über die Alaesiagen und Hluiiana stichhaltig erscheinen, weil sie 
of einer sprachlich unzureichenden gruudlage erbaut sind; damit &d- 
Im auch die weiteren kombinationeu zusammen. Z. b, sagt Jaekel von 
Baduhenna: „der uame gehört, wie sein zweiter bestandteil -Aenwa zeigt, 
_der form nach zu den namen der auf römisch -germanischen Inschriften 
• dem Rbeinlande so häufig genanten matronen wie Älbiahcnae usw. 
i zu nameu wie Nchai-etmia und zu dem auf unserem votivaltar ge- 
aFimmü-ene'^. Niemals aber erscheinen meines Wissens matro- 
men mit nn des sutfi.\es, niemals solche auf -entae neben -enae; 
i werden die -beniia, -cn/iia, -ene und -Ae/iae - formen kur- 
ohne jeden grund identificiert, damit sich — „beweisen" 
„dass das h und die verdoppelimg des n im namen Batiuhefina 
^organisch, nur vom römischen munde eingeschoben ist" usw. Will 
steh die werte behufs einer erklärung iu solcher weise mund- 

1) Sollen diuse — ich äussere da.s nur als i>iae gewagte Vermutung — dem Badu- 

a geopfoH sein ? Weder eonficere iwcli die grosso »nhl der getöteten erregt bedenken, 

t^.Weiuhold, Sitzgsbcr. d. kgl jireuss, aknd- [.bil.-hivt. cl, XXIX (1891), s. 504 fgg. 

10' 



148 SIEBS 

gerecht machen, so gibt man den ansprach auf, über die reichlich 
vorhandene seit Jahrzehnten aufgespeicherte hypothesenlitteratur hinaus- 
zukommen. 

3) Darauf, dass bisweilen Heniie (ahd. Henno vgl. Graff, alid. 
Sprachschatz IV, 960) als mannesname erscheint, will ich kein gewicht 
legen, weil hier auch andere etymologische zusanmienhänge denkbar 
sind. Ebenso sind die mannigfach auftretenden Ortsnamen wieHefin' 
hofe7i, IIen7iau, Ilenndorf, Hameberg (vgl. Förstemann, Ortsn.* 730 
Igg.) nicht als sicheres material zu gebrauchen. Freilich fordern ja 
namon wie Wodemtberg, Gudensberg, WodenshoÜe u. a, (Grimm, Myth.* 
127 fgg.) zum vergleiche heraus, vor allem wenn sagenumwobene stat- 
ten wie der Hetmeberg und der Ilclgrabefi in volkstümlicher Überlie- 
ferung neben einander genant werden (vgl. Panzer, Beitr. z. d. mytli. 1, 114). 

4) Begreiflicherweise braucht Henno nicht immer in der ursprüng- 
lich ihm eigenen Wirksamkeit des todesgottes aufzutreten, sondern in 
späterer zeit ist er völlig gleichbedeutend mit Wodan, Er ist, nach- 
dem der uralte *Tiivaz aus seiner stelle verdrängt ist, der himmels- 
gott, der gott des neuerwachenden lichtes, des tages, des frühlings: 
sein äuge ist die sonne. Dem neu erwachenden lichte ruft man ent- 
gegen: y^IIennil wache! ^ Hennü aber ist diminutive koseform zu 
He7ino und dem sinne nach zu beurteilen wie die nordMos. anrede 
des Wodmi mit Wedke, Wedki (vgl. Müllenhoff, Schleswig -holsteinisch - 
lauenburgische sagen 167). In den märkischen sagen wird berichtet, 
(Kuhn s. 330): „Ein alter förster aus Seeben bei Salzwedel erzählte 
auch, dass man an diesen orten früher die gewohnheit gehabt habe, 
an einem bestimten tage des Jahres einen bäum aus dem gemeinde- 
walde zu holen, den im dorfe aufzurichten, darum zu tanzen und zu 
rufen: Hennil, Heiinil, wache!" Ich vermute, dass das am läng- 
sten tage geschah in dem sinne, Hennü solle stets so früh und so 
lange wachen, wie an jenem. Oder war es etwa ein ruf zur wintei^ 
sonnwendzeit? Dafür möchte die vergleichung der gebrauche zur 
zeit der zwölften (tvapelröd im Saterlande, wovon ich denmächst be- 
richten werde) mit einer erzählung des Ditmar von Merseburg 
sprechen (zum jähre 1017). Sie lautet: ^audivi de quodam bactilOj in 
CUVU8 summitate manus erat, unum in se ferremn tenens circulum,^^ 
quod cum pastare iUiua viUae JSHivellun (Selben), in quo is fuerai^^m 

per amnea domoB kos mngukurüer ducius, in prima introitu a porii 

tare suo j ^igila Hennil, vigila!^ sie enim rti^/in ■ i 

voe deUcate de eiusdem se iueri cu8iod£^ 

ÜLung dieser rusticft liDgis.il 




!proc'h6uen worte mit dem ungarischen hajtial und einem slowatisch- 
mischen hirteDgotte, wie Jaliob Grimm (Myth. s. 625) sie gegeben 
, erscheint mir immöglich; ich glaube, doss durch meiuo deutung 
laUe zweifei gelöst sind. (Der ruf erinnert an das römische Mars vigila!) 
5) In mittelhochdeutschen dcnkmülern finden wir eine höchst 
aui^illige interjektion: „i'd ke?inp."^, die Jakob Grimm (Deutsche 
gramm. III, 307) als ganz unerklärbar bezeichnet Altd. wäWer m, 
208 heiüBt es: diu chrd sprach „id /lefme."* Das ist aber nichts 
nnderee als „fürwahr, bei Wödan!" So mag auch violleicht in der 
'eiterbildiing ^jä hennenberc."* eine altheidnische orinnerung an 
einen totonberg (Valh^U) liegen. Die worte erscheinen in der Frauen- 
Bucht, „von Sibot" (von der Hagen, Gesamtabenteuer I, 52. 30). «yn", 
tpraeh si, ^Henjienherk!'^ und späterhin (56, 74) als antwort darauf: 
yiträ ist nü iuwer Hentienlx^k? "• Als eine blosse entstellung infolge 
roangelnden Verständnisses ist das hanauische T,spuk kennniei!'^ anzu- 
Man könte geneigt sein, diese fluche direkt an ein wort 
= tod anzuknüpfen: flucht man doch auch bei uns „tod und 
infel!" Dass wir sie aber bis auf den deutschen gott zurückzuführen 
üben, lehrt uns die in Niederhessen gebräuchliche interjektion „gott 
Tenne/'* Püster im Nachtrag zu Vilniars idiotikon (Marburg 1886) 
100) äussert sich darüber folgendermassen. „GoH Heime, wofür in 
Oberhessen alleiiliugs auch et dti Henne! gehört wird; nicht jedoch, 
T mundart angemessen, ei du kl wird heule in mannigfachster 
itiifung der gemütsbewegungen gebraucht: von ängstlichem klagen, 
leuem verwundern bis zu trotzigem bedauern. Die Spaltung von 
ime und hl ist wichtig. Das möchte nun immerhin seine bewandnis 
iben and liessc etwa iu allen gradcn doch an gekürztes: fahr hin, 
fahre es dahin! noch denken. Nun stellet sich aber jenem galt Henne 
ebenwol ein goü Hefmelerg zur seite, von dem man zunächst nicht 
weiss, ob es drei oder zwei Wörter seien. Was wäre gott Henneberg?* 
Ob in dem AT die oben besprochene njittelstufe "^hen + -jan- sufBx 
7.U erkennen ist, bezweifle ich. 
k 6) ^Am weg von Westerhausen nach Thale", so erzählen 

^L Kulm und Schwartz (Nordd. sagen s. 167. 489), „liegt gleich liinterm 
^H durf nn einem mit sandsteinklippen überdeckten borg die Hiuuemut- 
V terstubo, eine höhle in stein. Darin sizt die Hinnemutter, ein wil- 
P d« weib; aber wie sie hineingekommen, weiss kein mensch. Einige 
' sagen (war, sie sei nicht mehr darin; aber die kinder wissen das bes- 
^m *er. denn wenn sie nicht artig sind, so sagt nmn: ,wart, die Hinne- 
^klnattcr wird gleich kommen und dich holen!' und sie mögen noch 



I 



150 SIEBS 

so unartig sein, das hilft gewiss". Die Hinnemutter ist natürlich 
Fru Ilinne, und diese verhält sich zu Ileitnc gerade so wie Fm 
Oodc oder Frmi Gmide, Fru Wodc zu Wode (Grimm, Myth. 209. 
771 tgg.). Die Hinnenniutterhöhle ist also nichts anderes als der Wo- 
densbcrg, d. h. der borg, in dem Wodan hauset. Wie bei dem erwähn- 
ten Heyinü und Wedke, so finden wir auch hier die kosoform belegt, 
nämlich Hinniche. „In Tilleda am Kyffhäuser (vgl. Kuhn und Schwartz 
a. a. o. s. 395) sowie in der ganzen umgegend lässt man, nachdem 
aller roggen abgemäht ist, eine garbe unabgemäht stehen. Die ähren 
derselben werden darauf ungeknickt mit bunten bändern unten^'ärts 
gebunden, so dass das ganze die gestalt einer puppe mit einem köpfe 
bekomt, und nachdem diese fertig ist, springen alle der reihe nach 

darüber fort; das nent man ^über schdiiiichen springen'^ In 

Ilohlstcdt sagt man y^ilher schhinichen springen^ (ühersch hiyimchen 
springnt^\ vgl. das altenburgische y^eine schenne bauen"'). In Butt- 
städt hatte man bei der flachsernte ähnliche gebrauche — also in allem 
und jedem die Identität des Ilenno und Wodan. — Die vokalverschie- 
denheit zwischen hahuc/ien und hinnwhm hat, wie wir imten sehen 
werden, manche analogien. 

7) Auf Wodan Aveisen vermutlich züge einer mecklenbur- 
gischen sage hin (vgl. Bartsch, Mecklenb. sagen I, 305). Sie handelt 
von Otto von Plön, der bei Sülstorf hauste und als raubritter gehasst 
und gefürchtet war. „Aber der bösewicht entgeht seiner strafe nicht. 
Der hirte von Kieps, Haue, verriet es den von Schwerin kommen- 
den feinden, dass der ritter auf seiner bürg sei und versprach ihnen, 
sie in die bürg einzuführen; als lohn bedingt er sich aus „brot bis in 
den tod!" Und glücklich war der zug; die bürg wird erobert, Otto 
(M-schlagen, die beiden söhne werden mit fortgeführt Auch dem Ver- 
räter wird wort gehalten: noch auf dem zuge wird er erhängt und 
hr)hnond ihm zugerufen, nun habe er ja brot gehabt bis in den tod. 
Auf dem Riepser felde stand eine alte eiche, daran ward er gehangen, 
und das land heisst noch der Hänenbrook''. Der hirte als Wegwei- 
ser (Httrbardsljöd str. 50. SkirnisfQr str. 11), das betteln um brod, das - 
erhängen (Odhin an der weltesche) — das alles sind Wodans in so vie — 
len sagen widerkehrende züge; und da zu ihm gar noch der nan» 
Häne stimt, ist mir die Identität walirscheinlich. 

8) An die wilde Jagd klingt eine sage an, die Panzer (Beil 
z. d. myth. I, 178, vgl. Mone's Anzeiger VII, 52) überliefert „In derrr: 
Schönstelwald zwischen Au&tetten and Strüth geht ein gespenst i^m 
kall' Hennekalb nennt Einem j%c — s 



der nachts durch diesen wald gieng, sprang es auf den rücken und 
swang ibn, es bis gegen morgen herumzutragen. An dem ort, wo es 
Alsdann von ihm gewichen, liess der Jäger einen stein setzen, woiaiif 
er mit dem kalb auf dem rücken abgebildet, und der heute noch dort 
lu sehen ist". Solche sagen sind mir sonst nicht von Wodan bokant, 
'ol aber ähnliches vom teufol. Der ritt weist im vorliegenden falle 
■Alf dun aus Henno-Wddan hervorgegangenen tenfol hin; die kalbs- 
gestalt, die beim teutel nichts auFtUlIiges hat (vgl. Kuhn und Schwartz 
304), scheint aus nichtgöttüchen elem«nten des lezteren hinzugekom- 
aien zu sein. Der name Hennekalb ist für die beziehung der sage 
'«iif "Wodan beweisend.— Zweifelhaft aber ist mir eine aus der Ober- 
l^falz von Schönwerth (Sitten u. sagen a. d. Oberpf. Äugsb, 1857. I, 272) 
Wrichteto sage: Erdheunl sei ein todesbete, der unter dem stuben- 
Iroden wohne. Wir haben hier eine der zahllosen sagen, in denen bahn 
'Wid henue eine bisher unerklärte, wichtige rolle spielen. Ich bin über- 
Wngt, dass viele auf eine alte kontaminatiun des gottes- und tiernamens 
zurückführen, die natürlich im einzelnen falle stets hypotliese bleiben wird. 

9) Dass die altlieidnischen götter unter dem einflusse des christ- 
iichen kultes zu unholden werden, ist eine bckante tatsache. Mau 
denke nur an das fränkische iaufgelöbnis. Dass Wodan, der höchste 
.der heidnischen götter, mit der gestalt des teufeis verschmilzt, lehren 

manche züge untl auch beinamen des teufeis (z. b. helk-jatjer, Od- 
i^ner vgl. Grimm, Myth. 851). So darf' es uns nicht wundern, wenn 
much Henne als name des teufeis erscheint. In Ägricola's siirich- 
■örtem (1560) 322' heisst es: „er ^het eben, als hab er hohäpfel gen- 
SM .... uHe Henn der teufel^. Der teufe! auch scheint gemeint zu 
sin, wenn ein vers lautet: „Ilatisl, Hans, Hennamist, Dear de 
■aUen Weiba frisif^ (vgl Frommann, Mundarten III, 316). In diesem 
lUü hat mijg lieber weise eine kontamination des Hann Mist, der bei 
Srant and Mumer genant wird, mit dem Henne statget'unden. In Bruder 
{ansens Marienliedem 8708 (Lexer, Mhd. hdwörterb. 1222) lesen wir: 
,aä ntoes der langeswanste keyn sin sagel slaen xivischen sin beyn'^. 

10) Wir sind heute gewohnt, unter Hein den tod zu verstehen. 
ÜNicmals aber hätte, wie im oben erwähnten verse, der tod „langge- 
•cliwanzt" genant werden können: hier kann hcy)i natürlich nur don 
iteufel bedeuten. Da nun in der älteren spräche heyn und fwnn, 
iwie wir gesehen haben, für den aus dem uralten todesgotto unter 

iurohfnng duroh Wodan entwickelten teulel gebraucht worden; und da 
Jbrnflr, wie wir urweisen werden, henn und kenne (vielfach auch als 
kein keine auftretend) bis auf unsere tage don tod bedeuten: so wer- 



152 SIEBS 

den wir nunmehr auch „freund Hein" gewiss nicht mehr als eine 
im jähre 1774 gemachte erfindung des Matthias Claudius oder gar 
als einen auf einen Hamburger arzt gemachten namenswitz ansehen 
wollen. — Die form kein neben kenn und hann findet sich in dem 
mecklenburgischen werte für „storch". Bartsch (Mecklenb. sagen 11, 168) 
bemerkt, der heisse in derPriegnitz und einem kleinen teile von Mecklen- 
burg Hainotte oder Hannoiter^ und in Stuck und Strass bei Eldena 
heissen die aprilschauer Hannotierschure. Danneil (Wörterb. der altmär- 
kisch-platd. mdart. Salzwedel 1859 s. 74) nent Hannotter und Heinoiter 
für storch. Der name ist sehr unsicher. Steht -oite, -öfter für ädebar, 
oder ist es, wie Otterwehr (Grimm, Myth. nachtr. 193) vermuten lässt, 
nur das erste kompositionsglied des wertes ädebar? Und könte, wenn 
ersteres der fall ist, in dem Hein-, Hann- eine erinnerung an die 
sage liegen, dass die storche verwiesene menschen seien, dass tote in 
Storchgestalt umgehen? (vgl. Kuhn und Schwartz 400; Kuhn, Westfal. 
sagen 11, 69); oder ist er gar der dem Henno heilige vogel? 

11) Die bezeichnung des todes durch Henne hat sich in man- 
chen gebieten unseres Vaterlandes bis auf den heutigen tag erhalten. 
„In Augsburg spielt der Hennadone eine grosse rolle (Birlinger, 
Schwab. -augsburg. wörterb., München 1864, s. 227). Zu7n Henna- 
done heisst auf den gottesacker: yjdean trägt man zum Hennadone^, 
y^Zimi Hennadone homnien"' : sterben, wie in München zum St Steffej 
kommen, d. h. zum St. Stefan oder zu St. Christof, zu dessen bilde, 
das an gottesackem, leichenhäusern angebracht wai* als mittel gegen 
den gäben tod. Der Hemiadone mag eine persönlichkeit gewesen sein, 
die sich dort aufhielt. In A. gab es eine Stadtpersönlichkeit dieses 
namens. Scheiffele (Gedd. in schwäb. mdart, Heilbronn 1863) ^Wan 
alle Welt 's Laxiera haut und bald zum Hennadone gaut^. 'm Hen- 
nadone 's fueter liefrat"'. Birlinger hat das misverstanden. In Henn(a) 
ist der begriff des todes enthalten; vielleicht haben wir Henn-adone 
zu trennen und im zweiten teile St. Antonius zu erkennen; oder ist 
Hennadone für Hennadode = gevatter Tod {dote pate) gesagt? Mög- 
lich ist auch, dass Henna nicht mehr verstanden und durch ein wei- 
teres wort (dode tod) erkläi't ward. 

12) Im Codex Heidelbergensis 341 bl. 370* wird folgendes 
er/ählt Einem ritter wird durch urteil des kaisers statt seiner längst 
gestorbenen mutter ein altes weib, das ihn für ihren söhn ansieht, 
als mutter zugesprochen. Als ihm alle entgegnungen nichts nütsen, 
sagt er: y^wol her, liebiu niuoter min! 

ir snU mir vnUekomen ^n. 



BRITRÄOE ZUR DRUT80HKN MYTHOLOOIE. I 153 

doch envriesch ich solher mcere nie, 

dax also lange ein vrouwe ie 

hinenpriten si gewesen 

und alstis 7nanec jär genesen, 

si sol uns dennoch sagen me 

vde ex in jener werlde ste"'. 
Wackemagel (Ztschr. f. d. a. VI, 192) deutete das hinenimten als hin 
en Priten „fern von hier in Britannien^ und bezog sich auf Prokop 
(do hello Goth.IV, 20), nach dessen angäbe die seelen der verstorbenen 
von der nordküste Galliens nach einer insel bei Briitia übergefahren 
würden. Aber es ist doch undenkbar, dass diese Vorstellung plötzlich 
im 13. Jahrhundert in solchem zusammenhange und in solcher form 
auftauchen solte. Ein ritter des 13. Jahrhunderts solte in solchem 
ernste der Situation dem glauben werte leihen, dass die toten in Eng- 
land weilten! Und formell: wie kann das genesen jenem wirklichen 
tode entgegengestelt werden? Der ritter will auch gar nicht sagen, dass 
die mutter tot gewesen sei, sondern y^ich hörte noch niemals, dass 
einer frau körper so lange von der seele hätte verlassen sein können"". 
Es ist auch wohl nicht ohne bedeutung, dass es heisst y^ein vrouive^\ 
denn damit wird auf den algemein verbreiteten aberglauben von den 
Maren oder Wälrid^rsken bezug genommen, bei denen die seele eine 
Zeitlang den körper wie tot zurücklässt und die gestalt eines anderen 
Wesens annimt. Von diesem aberglauben an die Hinnenbritten han- 
delt Schmeller (Bair. wörterb. I, 372. 1118. 11, 1038), ohne den namen 
richtig zu verstehen. In bruder Berchtolts predigten (Codex germ. 

Monac. 1119 bl. 30*) heisst es: „ die da glaubent an perichicn 

w^< der eisnein nasen, an herodiadis und aii dyana die haidnischen 
glßttin (an pilbis, an die pey nacht varcnt, an die heupretigen, an 
chroten, an alpen, an elben und an wax sogleicher chranchait und 
ungelaubens ist)^] Cod. germ. 478 bl. 2** „an die nachtvaren, an die 
V^lueisen, an die hynnepritten, an dy traten, an dy schretlen, an 
^y unhuJden, an werwolf, an den alp oder 2vax solichs ungelaubefis 
^^'*; Cod. germ. 269 bl. * hat statt dessen y^hennpredigen""^ Cod. 
^frm. 4594 bl. 15 y.hinuirtigen''', Cod. germ. 4591 bl. 121^ „aw 
^ hantiper (dieses wort ausgestrichen) predigen. Das pritten, 
y^*^fen, predigen erklärt Grimm als „entrückt, verzückt", vgl. ahd. 
f'^P'Totton zu bretian. „Es ist der zustand jener ekstase, wenn der leib 
starrem sdilafe liegt", der zustand, wie er auf das genaueste beim 
"^^'^Ihrecäwel Odins in der Ynglingasaga cap. 7 beschrieben wird. In 
^*^ ^hinne^ weite Schmeller „von hinnen" erkennen, doch wider- 



154 SIEBS 

sprechen dem die genanten e-, a- und y- formen (vgl. auch „i'w hau- 
nebrüden geleg&n"" in Lachmanns Niederrhein. gedd. s. 9). Wir haben 
in hi7i7i€, hen, hynne den begriff des todes zu sehen: hinnepritten 
sind die durch den tod entrückten seelen, welche andere gostalt 
angenommen haben und wie Maren, Albefi oder Wälridersken einher- 
fahren — gegenstände des zu bekämpfenden Unglaubens. Der aus- 
druck j,hin7iebrittend"' (vgl. Grimm, Wörterb. IV, 2. 1457) ward spä- 
terhin nicht mehr verstanden und durch ^^ hinbrüten "^ ersezt 

13) Das wort kenne, hene in der bedeutung „tod** finden wir 
im deutschen mehrfach, auch ohne dass eine Personifikation ersichtlich 
ist. Der Wechsel zwischen kenne und hinne führt zimi teil auf alte 
nebenformen zurück, zum teil erklärt er sich durch mundartliche laut- 
verhältnisse, wie auch hen7ie und hi7i7ie = gallina vorkomt Die 
öfters belegte form Aeiw- mag, wenn sie im neuhochd. erscheint, auf 
älteres «, das in offener silbe dehnung erfahren hatte, zurückweisen 
(vgl. auch Htnenberg bei Frischbier I, 290); in den meisten fallen aber 
ist das ei als mundartliche Weiterbildung eines älteren e oder durch 
volkset>'mologische anlehnung des nicht mehr verstandenen kenne an 
vorhandene begriffe zu deuten. Ein in sächsischen und friesischen 
landen verbreitetes wort ist kennekled totenkleid. Es lautet im mit- 
tolniederd. heften- oder Jienneklet (Schiller- Lübben, Mnd. wörterb. IT, 
239), und sein ei-ster bestandteil kehrt im platdeutschen text der Em- 
sigoer rcchtsquellen wider (Richthofen, Fries, rechtsquellen 206, 12): 
„ Van testamenten, Waer eyn inan ofte wyf t>alt up oer kenbedde 
in hoer kranckheyt, ende man den preesier haelt^ usw. Es bedeutet 
hier „totenbett''. Ich weise das gleiche wort auch dem firies. texte 
zu, dessen schroiber es nicht verstanden und hlenbed daraus gemacht 
hatte: y^Hiversä hi 7non iefta m ivtf uppa thei henbed falt a7id ihene 
papa halath^ usw. (ebenda). Strodtmann (Idioticon Osnabrugense) bie- 
tet für totenkleid heinenklecd und Jieyndekked. Auch erscheint hetinekost 
„todeskost, abendmahl". — Das wort ken7ie in der bedeutung „mör- 
der'' scheint femer in dem namen d(}sHe7i7iarshungh auf Amrura enthalten 
zu sein. Bei Johansen (die nordfries. spräche, Kiel 1862, s. 231fgg.) wird 
die siige von der ermordung des königs Abel erzählt, und da heisst es: - 
„Wessel Hummer, auch Honner der Friese genant, als landsmann eia^ 
rdwormer, seines handwerks ein rademacher, hatte sich hinter dei 
brücke verborgen , vertrat dem könige den weg und spaltete ihm den kop*" 

mit der axt Als fischor und küstenfahrer fing er nun an, sein bi 

zu erwerben; bald sah man sein fahrzeug im watt, bald ihn sdbet 
Hennei-siioog, er war unstät und friedlos, ob ihn gleich nieiBMld 




Hmner (aus fienne unter aufiigiing des -er der ooniina agentis 
^bildet) ist nur der beinarae jenes iiiannes und bedeutet „mörder". 

14) Neben diesen formen nun finden wir auch die form der 
iiefstufe gemj. hvn mehrfach belegt, z. b. hunneukkt (Drenthe), htm- 
^neckdf (Nordfriosland, s. Outzen's wörterb.). Wie wir es von der tiof- 
Stufe zu erwarten habeo, bedeutete alid. *huHO nicht bowoI tod im 
<al(tiven sinne wie das nomen agentis *heiino, sondern „der tote", 
Daher bezeichnet humiebcdtk nichts anderes als „totenbett, grab- 
«tätte". Das3 späterhin die tiefetufe der germ. fhen init der gleich- 
Ikiitenden tiefetufe der germ. ^hemi gleichgestelt und unser kun- als 

L hün himi gehörig empfunden ward, ist begreiflich: daher die aus- 
drücke hüncnbett, heunenbett, heunenkleid (Stiirenburg , Ostfi-s. 
trörterb.), die zu so vielen mis Verständnissen anlass gegeben haben. 

15) ISune bedeutet in älterer spräche „der tote". In einem 
Braunschweiger testamente von 1398 heisst es: ^Ok gheve ek to 
S. Marterte Vi mark to den huuen'^. Ich glaube, das meint: „den 
■rmen seclen". Übrigens wird auch die tiefstufenfnrm Hüne als name 

; personificierfen todes gebraucht, Kulm (Mark, sagen XII) sagt: 
^Erwähnenswert ist noch, dass in einer altm&rkisclien schulweihepre- 
tfigt {s. Pohlmann und Stopel, Gesclüelite von Tangermünde s. 293) 
Äeo hartlierzigen gedroht wird, sie wurden deich zulezt alles Hans 
9u?ien fiberlassen mü-stsen. Offenbar ist das ein name des todes, der 
ilts liünc, riese wie der lange mann in der mordgasse zn Hof (Grimm, 
. sngen nr. 167) erscheint; ist daraus violleicht der bei Ciaudins zu- 
rst auftretende freuvd Hein (zunächst also hochdeutsch Hanne, Hewt) 
MltstandonV* Iiezteres habe ich bereits imter 10) klargestelt. 

16) Aus der soeben genanten bezeichnnng Hans Hüne sowie aus 
I Hans, Hansl, Hennamist (vgl, unter 9) ist ersichtlich, dass ge- 

biänchliche namen wie Hans, Heinrich ii. a. auch abstrakten begriffen 

«igelegt wei-den. Ebenso ist ja bekant, dass sie leicht in appellativa 

Iborgehon, z. b. Jan und alle mann, Hinx und Kitnx, Unter die- 

em geaichtspunkte ist es gewagt, in Worten, die allerdings auf den 

bamen Henrw, Hano zurückzuführen scheinen, bei denen jedoch die 

Ziehung zu Johann, Hans, Heinrick nicht ausgeschlossen ist, eine 

rionerung an Wodan zu sehen. Der vulständigkeit halber führe ich 

eine grössere zahl solcher benennungen an, überlasse aber den lesem 

lie beurteilung völlig. In Bremen redet man von Hnnnke in der 

hood; das Bremer wörterb. I, 591 sagt: „Hnnnke ist ein wort, das 

im gebraucli. dessen bedentiuig aber nnbekant ist. Hminke in 

der nooil ein n(ithflfi.T, einer dessen hülfe man sich nur aus not bedie- 



156 SIEBS 

net, weil man keinen besseren hat". Ähnlich ist das hamburgische 
(Richey, Idiot Hamburg, s. 93) ^He7ineke vor allen hölen^ zu beur- 
teilen d. h. ein mensch, der aus vorwitz hinter allem her ist, vgl- 
holsteinisch ^Hintx vor alle höge^^ unser ^Hans in allen yasseji^. 
Es wird vom ^starken Ilennel"' erzählt sowol als vom starken Hans 
(Grimm, Myth. nachtr. 223); im niederländ. findet sieh j^Hefineken 
AUetnan"' neben y^Jan AUemann^, Das leztere würde ich hier gar nicht 
erwähnt haben, wenn nicht auch ndl. Jan hen vorläge, eine komposi- 
tion , die doch hen als nicht mit Hans zusammenhängend erweist Mir 
ist nicht unwalirscheinlich, dass Henno in christlicher zeit zu einem 
schimpf- und spotnamen herabgesunken ist In mittelniederd. 
spräche bedeutet heniie einen narren. Kaysersberg sagt in der pre- 
digt über das narrenschiff: „öer, tveUher gott straft , der heisst Heyin 
von Narrenherg^, Ebenso ist nach Oudemans, Bijdrage tot een raiddel- 
en oudnederlandsch Woordenboek (Arnhem 1872. IH, 29) im ndl. 
Hamie = laffe vent, hoomdrager, Jan hen; ebenda s. 92: kenne hen- 
nen scheldnaam, Jan hen, onnoezele bloed. Und die gleiche erschei- 
nung bieten lebende mundarten. In den tirolischen nachtragen zu 
Schmellers Bayr. wörterb. wird kenn als Schimpfname angeführt (Frora- 
mann, Mdarten VI, 149), furchthenn, derfrome hdnn; henneler ist 
feigling. Höfer (Österr. wörterb. II, 27) bemerkt: henpärl (sehn der 
Henne; pari == barn ist aber wol kaum glaublich), hjenperl ein Schimpf- 
wort, wodurch ein feiger und verzagter mensch verstanden wird. Yil- 
mar kent (Idiot 164) in Hessen: kenn ein alberner mensch, schmä- 
hende, sehr übliche oberhessische bezeichnung; dazu Pfister (Nachtrag 
s. 100): „heute gilt lienne in Oberhessen als bezeichnung eines tropfes". 
Er zweifelt, ob das wort = gallina, oder ob es aus Hans oder Hein- 
7^ich abzuleiten sei. Ich habe diese dinge — das betone ich noch- 
mals — nur der volständigkeit halber angeführt: ich halte hier 
zum teil eine beziehung zu dem namen des deutschen gottes für 
möglich, aber für uncrweisbar. 

Auffällig mag erscheinen, dass ich das englische und nordische 
nicht erwähnt habe. In dem Wortschätze dieser sprachen und in der 
höheren mythologie habe ich keine anknüpfung an Henno gefunden; 
ältere orts- und personennamen habe ich grundsätzlich aus dem spiel 
gelassen, um der hypothose nicht zu viel räum zu geben; die eng- 
lischen und neunordischen ortssagen mögen manches bieten, dodi sind 
sie mir leider nicht zugänglich. 

Ich glaube aber durch das gebotene hinlänglich erwiesen zu habeiv,^ 
dass die Deutschen zu Tacitus' zeit den todesgott 



IST 

^ffn^ff^ -= Morcurius vorehrtou; dass dioser iiame aus 

isereii und aucii aus iunerea gründea grösseren nnsprucli 

darauf hat, für den z\i Jener zeit gebrüuchlichen naiuen des 

ottes zu gelten, als der erst spät erscheinende name W6äa- 

^nx; liass sich die erinnerimg an den namen des gottes im 

irolke bis auf unsere tage bewahrt hat. 

GREIFSWAIJ), MAI 1891. 



ZUM GANGA ÜNDIE JAEBAEMEN. 

In seiner gehaltvollen und anregenden abhandlung über den lap- 
penbsum (kludetrieet) in bd. I der Dania, tidskrift for folkeniäl og fol- 
kemiuder (Kopenhagen 1890) gelangt Kristoffer Nyrop auch zur 
besprechuug des altnordischen ganges unter den rasenstreifen. Er 
schliesst sich der von mir (Die altdiiniBchen schutzgildeu s. 21 fgg.) 
gegebenen deutung desselben insofern an, als auch er darin die syni- 
boUscbe darstellung eines geburtsaktcs erblickt, bei welchem die erde 
i mutter, der unter den rasonbogen gegangene als im mutterleibe 
iliodlich erscheint. Im übrigen aber weicht Nyrops ansieht erheblich 
xtn der meinigen ab. 

Während ich den gang under den rasenstreifen in engste bozie- 
nnng zu der eingehnng der blutsbrüderschaft (dem sverjask i föstlmp- 
ig) setzen und ihn im einklang mit der blutsvermischung und dem 
^erbrUdorungseide als symbolischen ausdruck der unter den künftigen 
isÜiTititr zu schaffenden verwantsohaft verstehen zu müssen glaubte 
od glaube, erblickt Nyrop in der symbolischen widergeburt „wesent- 
nich'' „eine geistige (oder leibliche) reinigungsceremonie". „Dies ver- 
r trSgt eich ja", meint er (a. a. o. s. 26), .„vortreflich mit der anwendung 
des braucfas bei eingehung einer blutsbrüderschaft; erst reinigten sich 
die betreffenden von allen Sünden des früheren lebens, darnach misch- 
ten sie ihr btnt, ivurden blutsbrüder, und endlich legten sie den feier- 
lichen eid ab". Also nicht um auch äusserlich als im leibe einer 
matter befindliche briider zu erscheinen, sondern um durch eine wider- 
geburt gereinigt ein neues leben zu beginnen, unterziehen sich die 
I künftigen blutshiTider der symbolischen Darstellung des geburtsaktes. Es 
I arbeit, dass bei dieser auffassung der gang unter den rasenstreifen 
liebt in einer inneren beziehung zur eingehung der blutsbrüderscliaft 
steht. Denn wenn auch der lezteren die reinigting der beteiligten 
(Jurcli widergeburt vorangolion könte, so würde doch eine solche rei- 
"(iiriing auch in vielen uodoren fallen als geboten oder erwünscht 



158 PAPPRNHKIM 

erschienen sein. In der tat begegnet ja auch bekantlich das ga^iga 
nndir jardannefi noch in zwiefacher anwendung im altnordischen leben, 
einmal in der Verwendung behufs gewinnung eines gottesurteils (Laxdo^la 
c. 18; s. meine Schutzgilden s. 23 fgg.)) sodann als eine demütigende 
art der busseleistung (Vatnsdsola c. 33; s. Schutzgilden ö. 25 fg.)^. In 
beiden fällen erblickt Nyrop in dem ganga u. j, eine reinigung durch 
widergeburt, deren eigentliche bedoutung jedoch bereits zu der zeit, 
wo die betreffenden Vorgänge spielten, in Vergessenheit geraten war. 
Nyrop versucht also widerum wie Jakob Grimm und Eonrad Maurer 
eine einheitliche erklär ung des ganges imter den rasenstreifen in sei- 
nen verschiedenen anwendungsfallen, während wir unsererseits eine 
nachträgliche Übertragung des brauches von dem sverjctök i fösthrceära- 
Uig auf die anderen fälle annehmen niusten, eine Übertragung, bei 
welcher der eigentliche gedankc jenes symbolischen aktes nicht zur 
Verwendung gelangen konte. 

Die ursprüngliche bedoutung des brauches glaubt Nyrop (s. 26) 
aus der Vatnsda>la entnehmen zu können. „Hier wird ja hervoi^ho- 
ben, dass der brauch geübt wurde, wenn man eine missetat bedangen 
hatte, und hierunter kann wol nur verstanden werden, dass man ein 
neuer mensch werden soll, dadurch dass man sich von seiner Übeltat 
reinigen und dieselbe sühnen soll". Allein Nyrop selbst muss anerken- 
nen, dass aus dem berichte der Vatnsdirla derartiges nicht mehr her — 
auszulesen ist Er betont, die ui-sprüuglicho bedoutung des brauciies==a 
sei hier ganz vergessen, indem derselbe als eine demütigende handlun^;^ 
aufgefasst werde, „da man sich ja bücken muss, um unter die erA^- 
streifen zu gehen '^-. Unter diesen umständen kann unseres eracbter^s 
nur versucht werden, die erzählung der Vatnsdößla mit den berichte« 
über die sonstige anwendung des ganga u, j, zu vereinigen, aber nicint, 
aus ihr die eigentliche erklärung des lezteren zu gewinnen. 

Ganz ebenso verhält es sich mit der Verwendung des ganga ti. j. 
im dienste des gottesurteils, von welcher die Laxdsela berichtet Auch 
hier orkent Nyrop an, dass zur zeit der niederschreibung der sage 
der brauch „ganz veraltet und ziemlich verwischt*' war. ^Ursprüng- 
lich ist das Verhältnis wol das gewesen, dass, wenn einem maoo® 

1) Über das ganga iindir jaräartmri in der Njiila s. Schutzgilden 8. 35 ttote 1- 
Die behauptuug von G. Bai st (Der gorichtliclio Zweikampf nach seinem urspni^ 
und im Kolandsliod s. 7 note 2 d(js sep.-abdr.), der dem Skapti I^oroddsson von Sk^^T^ 
lijodin gomaclit^3 Vorwurf sei von mir misvei-standen , ist zu wenig substanziiertf '^ 
eine wiilerlogung möglich oder nötig zu machen. 

2) S. dazu Schutzgilden s. 34 fg. 



GANGA ÜNDIR JARDARMEN 159 

nicht auf sein wort geglaubt wurde, er seine aussage mittelst einer 
feierlichen Versicherung bekräftigen solte, aber bevor diese abgegeben 
wurde, muste er „unter den rasenbogen gehen*' ! d. h. von seinen Sün- 
den gereinigt werden; denn natürlich muss die Versicherung eines sün- 
denfreien menschen zuverlässiger als diejenige sein, welche von einem 
sündigen menschen abgegeben wird*'. Für die zeit der Laxdöola 
bemerkt Nyrop, dass nicht dieser gedanke massgebend war, sondern 
der, dass man „in dem Zusammenbruch des erdstreifens eine äusse- 
rung der misbilligimg seitens der götter erblickte" ^ Demnach kann 
jene äusserung über die vermutlich ursprüngliche auffassung ebenfals 
nicht aus der Liaxdeela selbst begründet werden. Sie stelt vielmehr 
nur einen versuch dar, den bericht der lezteren mit einer anderweitig 
gewonnenen ansieht über die bedeutung des ganga undir jardannen 
zu vereinigen. 

Obwol demnach Nyrop den gang unter den rasenstreifon in sei- 
nen verschiedenen anwendungsfallen auf einen und denselben grund- 
gedaoken zurückführen will, bleibt doch auch für ihn die eingehung 
der blutsbrüderschaft; der einzige fall, in welchem jener gedanke noch 
direkt quellenmässig erkenbar sein soll. Aber vergeblich sehen wir 
uns in dem hier keineswegs spärlichen matcrial nach irgend welchen 
spxxren um, welche auf die auffassung des ganga u. j, als einer rei- 
nig"ungsceremonie hindeuteten. Nyrop hat, wie schon angeführt, eine 
solche als vortreflich verträglich mit der eingehung einer blutsbrüder- 
scliaft bezeichnet Allein mit welcher wichtigen, zumal mit welcher 
f^i" die persönliche Stellung der beteiligten personen wichtigen, feier- 
lichen rechtshandlung wäre der gedanke einer vorgängigen reinigungs- 
ceremonie nicht verträglich? Warum hätte er sich gleichwol nur eben 
^oi der eingehung der blutsbrüderschaft, nicht auch z. b. bei adoption 
^nd legitimation, bei eheschliessung und freilassung* in jener eigen- 
^gen gestalt anerkennung zu verschaffen gewusst? Dies sclieint doch 
^t entschiedenheit darauf hinzudeuten, dass wir es hier nicht mit 

« 

einem der blutsbrüderschaft entnommenen und deshalb ursprünglich 
*^f sie beschränkten gedanken und seiner symbolischen darstellung zu 
^ haben». 

1) S. Schutzgilden 33 fg. 

2) Diese käme hier um so mehr in botracht, als sich bckantlich im altgerma- 
^hen rechte die auffassung der volfreilassung als oinor widorgoburt tatsiiolilicli 

^^^^eiaen l&sst Vgl. Pappenheim, I^auncgild und Oarethinx s. 44 fg. 

3) Das einzige den quellen entnommono positive argumcnt Nyrops für soine 
^*^t wird alsbald zu würdigen sein. 



160 pappsnhum, oanoa undir jardarmkn 

Wie Nyrop selbst hervorhebt i, muss die von ihm angenommene 
reinigungsceremonie als der abschliessimg der blutsbrüderschaft voran- 
gehend gedacht werden. Denn mit dieser lezteren soll ja für die von 
ihren Sünden gereinigten ein neues leben beginnen. Dazu stimt aber 
der formalismiis des sverjask i föstbroßdralag durchaus nicht Aus den 
quellen eingibt sich, dass die blutsvermischung und die eidesleistung 
unter dem rasenbogen von den in die grübe getretenen vorgenommen 
wird. In dem augenblick, wo beide statfinden, ist demnach der akt 
der widergeburt noch nicht vollendet Denn hierzu gehört — und 
dies kann naturgemäss auch in der symbolischen darstellung nicht 
entbehrt werden — , dass ein austreten des betreffenden aus dem mut- 
terleibe statgefunden habe^. Dieses erfolgt in imserm falle durch das 
heraustreten der zu brüdem gewordenen aus der grübe; so lange sie 
in derselben sind, erscheinen sie als im mutterleibe befindlich. Dem- 
nach ergibt sich, wenn Nyrops auffassung der widergeburt als einer 
reinigungsceremonie angenommen wird, dass die leztere, die doch an- 
geblich der eingehung der blutsbrüderschaft vorangehen soll, in Wahr- 
heit erst auf dieselbe folgt Durch die berufung auf die Schilderung 
des sverjask i föstbrcedralag , wie sie die Porsteins saga Ylkingssonar 
enthält, scheint uns Nyrop seine Stellung nicht gefestigt zu haben. Er 
meint (s. 25)^, dort werde erst die blutceremonie und darnach der gang 
unter den erdstreifen erwähnt und erblickt in dieser anordnung eine 
hindeutung darauf, „dass der brauch als eine reinigungsceremonie auf- 
gefasst werden muss, der man sich unterwirft, bevor der eid geleistet 
wird". Aber einmal ist der bericht jener sage, wie schon anderweitig* 
hervorgehoben, nicht zuverlässig, dann aber sagt er ausdrücklich, dass 
auch hier der eid von den noch in der grübe stehenden, d. h. also 
noch nicht widergeborenen geleistet wurde ^. Endlich ist nicht zu 
erkennen, wie es für und nicht vielmehr gegen Nyrops auffassung 
sprechen solte, wenn die durch blutsvermischung und eidesleistung^ 
erfolgende Schaffung der bruderschaft zu einem teile nicht nur vor denm. 
abschluss, sondern sogar vor dem beginn der ihre Vorbereitung bUden — 
den „reinigungsceremonie" statfände. 

Lässt sich demnach der uns überlieferte ritus des sverjask i fös^- 

1) S. oben s. 157. 

2) Das bestätigon die sämtlichen von Nyrop selbst beigebrachten beispiole wiAx: 
lichor voi*wendung der symbolischen widergeburt im dienste ceremonieller romigan^ - 

3) Dies das oben s. 159 note 3 erwähnte argument. 

4) Schutzgilden s. 31. 

5) Verba: gengu undir jaräarmen ok söru far eida (forst. r. Yikgss'^K.3 
c. 21). 



JStTTKLBS, ZüM 8PRÜCU VON DEN ZEHN ALTEKSStÜFEN 161 

brr^äralag mit der erklärung des ganga undir jaräarmen als einer zu 
vorgängiger ceremonieller reinigung bestirnten widergeburt nicht in ein- 
klaiig setzen, so gestaltet sich alles auf das einfachste, wenn man in 
dem gang unter den rasenstreifen lediglich die darstellung des 
zixr künstlichen Schaffung von brüdern dienenden geburts- 
aktes erblickt. Der gesamte formalismus des sverjask i föstbrcßäralag 
erscheint dann in seinen drei bestandteilen als von demselben gedan- 
ken beherscht Die blutsvermischung dient der künstlichen herstellung 
der blutsgemeinschaft, die eidesleistung bietet die feierliche und ver- 
bindende form für die erklärung des auf Schaffung eines brüderlichen 
Verhältnisses gerichteten willens. Beide finden statt, während die künf- 
tigen schwurbrüder als gemeinsam im mutterleibe weilend dargestelt 
werden. Als fremde schreiten sie unter den rasenstreifen; aber nicht 
früher verlassen sie die grübe, als bis jene übrigen handlungen vor- 
genommen worden sind und sie nun als brüder wider geboren werden 
können. So erklärt es sich nicht nur,, sondern erscheint es als not- 
wendig, dass das ganga uiidir jaräarmen die übrigen teile des ganzen 
formalismus in sich einschliesst, wälu^end es nach Nyrops auffassung 
denselben voranzugehen hätte. 

KIEL. MAX PAPPENHEIM. 



ZUM SPKUCH VON DEN ZEHN ALTERSSTUFEN DES 

MENSCHEN. 
I. 

In der in bd. XXTP, 385 fgg. dieser Zeitschrift enthaltenen nach- 
gölassenon abhandlung Zach er s über die sprichwörtliche und bildliche 
^Zeichnung der zehn altersstufen des menschen hat der herausgeber, 
terr E. Matthias, eine fassung des bezüglichen Spruches unerwälmt 
gölassen, die von mir in der „Germania" XX, 30 veröffentlicht wurde 
Wid wegen ihrer eigenartigen form meines orachtens besondere berück- 
sichtigung verdient Ich glaube daher im Interesse der leser der Zeit- 
schrift zu handeln, wenn ich sie hier widcrholo und ihr Verhältnis zu 
^Gn von Zacher gesammelten kurz bespreche. Sie steht auf dem vor- 
Sötzblatte des der Grazer Universitätsbibliothek gehörigen cxemplars von 

Pamphilus Gengenbachs „Die zehen alter der weit". S. 1. 1534. 8 und 

lautet: 

Die xchen alter. 

Zehen jar ein kint, 
xwainxig jar wk und .^m, 

r. DXÜTSCHIC PHILOLOQIR. DD. XXIV. 11 



162 JEITTELES 

dreiss^ig jar ein envagsefier vian, 
vierzig jar wol gethan, 
funffxig jar stille statt, 
sechzig jar ei?i weiser nian, 
sihentxig jar toidter abe la7i, 
achtzig jar an khruckhen gan^ 
neuntxig jar der khinter spott, 
ain htindtert jar genadt di^r gott. 

Wie man sieht, ist die form eine von sämtlichen bei Zacher-Mattbias 
angeführten Versionen mehrfach vei-schiedene. Für die 2. und 6. — 8. 
altersstiife werden originelle, aber höchst bezeichnende schlagworte ge- 
wählt: statt „Jüngling" ist tmz uiid sin, wovor vielleicht j^voll^ zu 
ergänzen, gebraucht; statt „abgan" oder „geht das alter an": ein wei- 
ser man; statt „ein greis" — „aus der weis" oder „nimmer weis" 
mit den bezüglichen Varianten: wider abe lan — an krucken gan. 
Die für das zweite jahrzehent bestimte fomiel klingt an die unter den 
allegorischen dai*stellungen des Spruchs in der Münchener handschrift 
(Zacher a. a. o. 404) begegnende verderbte und unverständliche textie- 
rung j^er uon kainer wicz halt"" an, obwol sie das gegenteil davon 
auszusprechen scheint. Ebenso befindet sich der der 8. altersstufe ent- 
sprechende ausdruck „an krucken gan" mit den bildlichen darstellun- 
gen der lebensalter in Übereinstimmung. 

Allerdings fragt es sich, ob durch die für die 6. und 7. alters- 
stufe gewählten ausdrücke die anschauung von dem auf- und absteigen 
der lebensbahn, die, wie Zacher gewiss mit recht annimt, dem Spruche 
zu gründe liegt, nicht verrückt und die betreffenden verse etwa unter* 
einander vertauscht sind. Doch ist das wol nur scheinbar, denn aud^. 
die vorliegende form gibt einen guten, mit jener ursprünglichen auf — 
fassung übereinstimmenden sinn: wenn man nämlich annimt, dass mL^ 
dem beginn des 60. jahrcs der mensch gewissermassen auf dem höbfe — 
punkte der gewonnenen lebensweisheit angelangt ist, während auf do"» 
nächsten altersstufe durch das auftreten von gebrechen und schwachm- 
heiten widerum ein sinken von der erstiegenen höhe bemerkbar wii 
Eine Steigerung der im 7. vers angedeuteten abnalime der kräfte 
dann durch das für die 8. stufe gebrauchte bild „an krucken gan" ii^ 
sinfalliger weise ausgedrückt. 

Diese auffassung gewint an Wahrscheinlichkeit, wenn man die in 
vielen vei*sionon für <lie jähre 70 — 80 gebrauchte textgestaltung ft"»-i^ 
(Ion aus<lrücken „ein greis — nimmer weis" in betracht zieht, wov*"^*^ 



ZUM SPRUCH VON DEN ZEHN ANTEBS9TUFEN 163 

der erste den eintritt des verfals der körperlichen kräfte bezeichnet, 
der andere nur so verstanden werden kann, dass die im 60. jähre 
erreichte und bis zum 70. jähre behauptete lebensweisheit wider abnimt. 
Nach der vorliegenden fassung des Spruches wäre mithin für den stil- 
stand der erreichten volkraft ein Zeitraum von zwei Jahrzehnten, das 
50. — 70. lebensjahr, bemessen. 

Ob der spruch in der so beschaffenen form algemeinere geltung 
hatte, steht freilich dahin. Auch mir scheint die ursprüngliche gestalt 
des Spruches ungefähr die zu sein, die Zacher XXIII, 401 nach mut- 
masslicher annähme ansezt; nur will mir nicht einleuchten, dass die 
bloss einmal belegte unlebendige und mehrdeutige formel aus der 
weise das richtige treffen soll. Die anschauung, dass auf der einen 
Seite Jugend und torheit, auf der andern alter und Weisheit synony- 
misierend zusammengefasst wird, wohnt meiner ansieht nach unserem 
Spruche keineswegs inne^; denn in den allegorischen darstellungen und 
bildem sind zwar für das knaben- und Jünglingsalter kitz, kalb und 
bock, hingegen für die eigentlichen mannesjahro stier, löwe, fuchs, 
tiere, die doch nichts weniger denn als sinbilder der torheit gelten 
J^önnen, und für die beiden lezten altersstufen esel und gans, die doch 
gewiss nicht im geruche der Weisheit stehen, typisch angewendet. 
Wahrscheinlicher erscheint mir die annähme, dass für das 80. jähr die 
formel nimmer weis als die am häufigsten vorkommende ursprüng- 
lich gegolten hat oder dass sie wenigstens neben der formel aus der 
^eise gleichberechtigt einhergieng. In der im heutigen volksmund 
gangbaren gestaltung des noch allenthalben, insbesondere auch in öster- 
lich, ungemein verbreiteten Spruches hat sie dann dem ausdruck 
seh nee weis 8 grossenteils platz gemacht Für diesen scheint ein älte- 
^r, aus früheren Jahrhunderten stammender beleg in der tat nicht 
*tt bestehen. Aus diesem gründe (kaum aber wegen der reimbedenken, 
^e Zacher s. 399 geltend macht) verbietet sich die annähme der 
^irsprünglichkeit dieser formel; denn dass der spruch wirklich bis ins 
13. Jahrhundert hinaufgerückt werden müsse, dtifür dürften sichere 
^haltspunkte vorerst wol schwerlich gefunden werden. 

WIEN. ADALB. JETTTELES. 

1) Wackeroagel, dessen schrift „Die lebensalter " für diese auffassung von 
™ier angezogen wird, spricht an der botroifcndon stelle (s. 13) nur im algonioinon 
yo'i der in der spräche und littoratur geltenden identität von alter und Weisheit, 
V^fM WüA imer&hrenheit. 



11 



IVA 



LKWy 



n. 

In band XXÜI s. 385 fgg. dieser Zeitschrift steht eine lehr 
abhandlung „Die zehn altersstufen des menschen" aus dem nac 
von Julius Zacher, für deren Veröffentlichung dem herausgeber E 
thias dank gebührt 

Zu dem Spruche finde ich dem inhalt wie der form nac 
merkwürdiges seitenstück aus viel früherer zeit in der Mischna. 
älteren, um 200 n. Chr. niedergeschriebenen teile des Talmud, und 
in einem satze des Jelmda ben Tema, welcher in dem ethischen 
tat Abhoth (V, 21) enthalten ist. Ich stelle denselben zur verglei 
neben die von J. Zacher zeitschr. XXÜI, 401 erschlossene ursj 
liehe fassung des deutschen Spruches. 

fünfjährig: zur Bibel. 



zehnjährig: zur Mischna. 
dreizehnjährig: zu den geboten, 
fünfzehnjährig: zum Talmud, 
achtzehnjährig: zur hochzeit 
zwanzigjährig: zum streben, 
dreissigjährig: zur kraft 
vierzigjälirig: zum vei^stande. 
fünfzigjährig: zum rate, 
sechzigjährig: zum alter, 
siebzigjährig: zum grcisenalter. 
achtzigjährig: zum mächtigen alter, 
neunzigjährig: zum bücken, 
hundertjährig: wie tot und hinüber 
und aus der weit entschwunden. 



X€/ie7i jär: ein kint 



xtveinxec jär: ein jungelit 
dri^ jär: ein man, 
vierxec jär: wol getan, 
imnfxec jär: stille stän, 
sehxec jär: al)€ gäii, 
sibenxec jär: ein grise 
ahtxec jär: ?7§ der uise 
niimxec jär: der kinder 
hundert jär: genäde go 



Der hebräische spruch bietet einige Zwischenstufen, welc' 
deutschen sich nicht finden und auch nicht finden können, w 
eigentümlichen altjüdischen ansehauungen beruhen. Die vers< 
beim 10. jähre kann danach nicht auffallen. Beim 20. um 
zeigt sich Übereinstimmung; ebenso beim 40., da wol ge 
richtig erklärt ist = „steht jezt in der ganzen fülle seiner ^ 
und geistigen kraft". Beim 50. bietet der hebräische s^ 
neues, nämlich die crfahrung, welche zum raten befähigt 
und 70. herscht wider Übereinstimmung; ebenso in beachten 
beim 80. jähre, wo die deutung von n^ der ivtse auf ein 
ungcwöhnliciies alter durch den hebräischen spruch bestä^ 
geflissentlich das in Psiilni 90 v. 10 gubrauciite wort an\ 



ZXJM SPRUCH VON DKN ZEHN ALTKRSSTUFKN 165 

90. jähre ist nur der ausdruck verschieden: der gebückt gehende 

alte erregt den spott der kinder. Der jüdische gesetzeslehrer konte 

die spottenden kinder nicht erwähnen, da in solchem verhalten eine 

Verletzung des gesetzes Levit. XIX, 32 gefunden worden wäre. Er konte 

auch aus religiösen gründen beim 100. jähre gott nicht anrufen, ohne 

dass indessen sein urteil über diese altersstufe für abweichend von dem 

in dem deutschen Spruche zu halten wäre. 

Der hebräische spruch geht über die im psalm gegebene höchste 
lebensdauer von 80 jähren hinaus, ohne doch die in der Bibel erwähn- 
ten noch höheren lebensalter der patriarchen zu berücksichtigen. Es ist 
mir daher wahrscheinlich, dass Jehuda ben Tema einen klassischen spruch 
benuzt und durch einschiebungen in jüdischem sinne vervolständigt hat 
Es ist weiterhin möglich, dass der deutsche spruch selbständig auf die- 
selbe quelle — welche aber nicht mit Poet lat minor, ed. Baehrens IV, 257 
(^ffl. diese ztschr. XXTTT, 386) gleichzusetzen sein würde — zurückgeht 
Andererseits möchte ich es nicht für ausgeschlossen halten, dass 
^er bis ins 15. Jahrhundert zurückzuverfolgende deutsche spruch auf 
iff^ndeine weise — bekant sind Reuchlins Talmudstudien, allerdings 
'^^as später — aus dem hebräischen entstanden ist, unter weglassung 
l^r ausschliesslich jüdischen beziehungen. Diese Vermutung scheint 
^^^ durch eine andere unterstüzt zu werden. 

K. Meyer, Der aberglaube des mittelalters s. 143 und 230, erwähnt 
lach älteren quellen eines noch heute wenigstens im scherze häufig aus- 
5^prochenen satzes, dass reisende personen vom geistlichen stände ein 
zeichen baldigen regens seien; den Ursprung dieses satzes vormag er 
weht zu erklären. Nun ist in gewissen jüdischen kreisen, und zwar 
e\>enfals scherzhaft, das wort gang und gäbe: „Wenn die cJiäsldl^n (d. h. 
& frommen) wandern, wird es bald regnen^; und dies soll auf einer 
Verwechselung mit der femininform chcmdöth „storche" beruhen: wenn 
die Störche sich auf die Wanderschaft machen, so ist die herbstliche 
^nzeit nahe. Man wird diesen satz unbedenklich als den ursprüng- 
lichen annehmen dürfen; aus den „wandernden frommen männern" 
sind die „reisenden personen vom geistlichen stände" geworden. 

Solte der deutsche spruch von den zehn lobensaltern wirklich auf 
den hebräischen zurückgehen, so könte vielleicht in diesem beim 90. jähre 
Q^n der richtigen lesart w^b „zum bücken" die paläographisch sehr 
ähnliche Variante pnniob „zum spotte" vorhanden gewesen sein, zu wel- 
cher ^der kinder spott" auch wörtlich stimmen würde. 

MÜLHAUSEN IM KLSASS. HEINRICH LEAVY. 

i 



166 STREICHER 

ZUE ENTWICKELUNG DER MED. LYEIK 

Richard M. Moyer hat Ztschr. f. d. a, XXIX, s. 121 fgg.^ ähDÜch, 
wie vor ihm Wilmanns zur inhaltlichen vergleichung mit Walther, so 
vom formalen Gesichtspunkte und in ungefähr historischer reihenfolge 
die ausserordentlich zahlreichen parallelstellen unserer minnesänger bis 
auf Walther sehr sorgfältig zusammengestelt und die ansieht ausgespro- 
chen, dass sie auf anlehnung nicht innerhalb dieser poosie selbst, son- 
dern an alte, algemein verbreitete und zwar volkstümliche lieder 
zurückzuführen und somit als ein urkundliches zeugnis für das Vor- 
handensein einer volkstümlichen liebesdichtung vor dem minnesange 
anzusehen seien. 

Sind sie das wirklich? Und lässt sich über Vorhandensein einer 
volkstümlichen liebesdichtung vor dem minnesange und über ihre 
eigenaii; nach inhalt und darstellung vielleicht aus den vorhandenen 
denkmälern der mhd. lyrik ein urteil gewinnen? Endlich: welche 
stelle gebührt Walther in der entwicklung der dichtung? Mit diesen 
fragen beschäftigen sich der reihe nach die abschnitte dieser arbeit 

I. Bedeutung der foniielii In der spräche des minnesangs. 

Auch in der modernen deutschen lyrik lassen sich hunderte über- 
einstimmender stellen auffinden, von denen nach abzug aller aus zufiill 
oder infolge der algomeinheit der betreffenden sache und der geläufig- 
keit des verwendeten ausdrucks gleichlautenden, sowie der offenbar 
beabsichtigten entlehnungen eine sein* grosse menge in der tat der art 
ist, dass man sie für bewusste oder unbewusste nachklänge vorhan- 
dener formehi zu halten berechtigt ist Indes ist — untemimt man 
einen versuch — das immerhin eine mühsame arbeit, und mehr als 
immer etwa fünf mehr oder minder gleicher vei*se lassen sich in ziem- 
lich weitem umkreise überhaupt nicht leicht finden, während bei den 

1) E. Th. Waltoi*s ausführlicher vei*sucli, die ansieht Meyers zu widerlegen 
(Germ. XXXiV, s. 1 fgg.: Über den urs[)rung des hüfisclien minnesaugs und sein Ver- 
hältnis zur volksdicJitung) hat ihm eine scharfe und, wie mir scheint, in bezog 9^ 
die hauptsacho ungerechtfertigte zuiückweisiuig eingetragen (Ztschr. f. d. a. XXXI^» 
s. 14G fgg.: Volksgesang und ritterdichtung). Das ist die vomnlassung gewesen, ^ 
folgenden bereits 1885 entstandenen bemerk ungen ülwr dieselbe frage auch nach V^J* 
ters aufsatz noch zu veröffentlichen. Bezüglich der wc^nigen einzelheiten , in deD^ 
wir ausser dem gemeinsamen widerspräche zusammentreffcui, erkläre ich, weder vö*^ 
ihm noch aus Meyers entgegnung eine nachträgliche entlehnung gemacht zu habe«*- 



I 



I: 



mmnesängem bis jo zwanzig in tUe äugen fallen. Moyer schlii-sst ally 
Sprichwörter und kleineren formclii, tiie nie einen ganzen vers ausl'iil- 
ien, aus; und lioch weist seine tabelle Hausons, Rugges, Morungens 
Damen ja mehr als 60 mal auf, Reiamar und Noitliard sind anderthalb- 
hundertmal, von Waltber sogar über 100 verse (wenn auch nicht alle, 
wie Meyer selber weiss, mit gleichem rechte) genant, die er selbst 
widerholt oder mit andern gemein hat. Dabei begegnen aber unter 
den 60 bez. 80 aus Meiiiloh und Dietmar angeführten stellen je 22 
hier zum ersten male, während anf Hausens, Rugges und Morungens 
3mat ca. 60 in summa nur 13, auf die wben genante anzahl Boinmars 
auf die Walthers 5 und Ncithards auch nicht mehr ueuiinge kom- 
.men: ein Verhältnis, das durch orweiterung der samlung «war Verän- 
derungen erfahren würde, im rahmen der gebotenen Übersicht aber 
Bchun für die dauernde bewahrung und algoraeine benutzung dos ein- 
mal eingebürgerten bezeichnend ist. Und wenn nun, wie nicht »ti 
Tcrgessen, die doch gewiss noch grössere masse der uns verlorenen 
Dichtungen jener zeit, da minnesingen einen akt im geselschattlichen 
verkehr, einen bestandteil ritterlicher wolgezogenheit ausmachte, sicher- 
lich keine andere spräche führte, als die aufbewahrten, so wird man 
Meyer unbedingt zugebe», dass Zufälligkeit in einzelnen fällen wol mög- 
lich sei, jedoch für die ausseroixlcntliehe fülle der erscheinung, wie 
8io dem loser von MF sich vrm selbst aufdrängt und von neuem eiu- 
dringlicbor durch dicso samlimg zu gemüte geführt worden ist, keine 
ansreichende erklär ung bietet 

Wird man aber die annähme unabsichtlicher oder unbc wuster 

tanlehnuDg und unvermerkter oder unahgewehiier anziehung, wio sie 
Meyer vürgcschwebt hat, aus den gleichen erwägangen nicht ebenfals 
xnrückwoisen müssen? Ich meine, ja! Denn es erscheint undenkbar, 
,d«s8 sicii jene veise imd formebi in solcher masse „eingeschliclieu", 
dsag ihr tunfall und worlgefüge unvermerkt gewirkt und andere nach 
fach gezogen habe, so dass diese sänger etwa erst durch einen kri- 
ÜKohen Icscr auf die erscheinung zu ihrer Überraschung hätten auf- 
murksam gemacht werden können. Es geht auch nicht an, bloss einen 
von «lern vin^rigeu abweichenden gosclimack anzunehmen und jenen 
i iliditcra eine heutzutage in diesem masse nicht erlaubte barmlosigkeit 
I ge^nüber fremdem gute zuzutrauen oder es als bequemlicbkeit gelten 
I m lassen, die jener kunstübung bei ihrer Verbreitung fast notwendig. 
I Uifimi^ wenigstens ganz natürlich gewesen wäre. Violmehr wird man 
fc «ich angesichts der ungemeinen häutigkeit und der daucrhaftigkeit die- 
H tat furmeln nicht der einsieht vcrschliesscn, dass hier keine unbewuste, 



168 STREICUKB 

sondern eine beabsichtigte, erstrebte gleichförmigkeit der sprach- 
lichen form vorliegt. 

Wie steht es dann aber mit der ansieht, die erscheinung finde 
ihre erklärung ans dem Zusammenhang mit älteren Volksliedern? Der 
ritterliche spielmann — und war's selbst ein mann von dem freien 
blicke Walthers, der dazu selber zwei Jahrzehnte lang fast ein spiel- 
maunsleben führte — wendete sich doch stolz von den genossen ab, 
die geiragefie wdt nahmen, und die vornehme geringschätzung volks- 
tümlichen treibens hat in sein schönes maienlied (51, 13) ein störendes 
odi profanum gebracht (51, 25). Die gleiche gesinnung spricht aus 
Neidharts spöttischer muse, lehrte aber auch bereits Veldegges dame 
ihre abwendung von dem ehemals geliebten mit den charakteristischen 
werten (57, 30 — 32) rechtfeitigen, die seinem benehmen als herbsten 
Vorwurf den des bäurischen machen. Und dem geselschaftlichen kreise, 
in welchem solche anschauungen herschten, solte man von anfang bis 
zur zeit der höchsten blute seiner ihm allein eigentümlichen kunst, 
während doch vermutlich die abschliessung zunahm, die gleiche Ver- 
trautheit mit den weisen des volkes, die im volke selbst doch auch 
noch hätten leben müssen, und die unausgesezte, bereitwillige hingäbe 
an ihre eindrücke zutrauen dürfen? Eher würde dann mit der vol- 
leren entfaltung der neuen, höfischen kunst eine immer zunehmende 
abkehr von nachklängen der älteren dörperlichen zu erwarten sein. 
Auch erscheint eine in dem masso algemeine, gleichmässige Verbrei- 
tung derselben vermeintlichen Volkslieder in fast ganz Deutschland, wie 
sie Meyers annähme zur Voraussetzung hat, für jene zeit unwahr- 
scheinlich, weil es ein so wie das rittertum in spräche, anschauung, 
lebensform gleichgeartetes Volkstum nicht gab. Entscheidend aber ist 
der umstand, dass ihrem Inhalte nach eine ganze reihe jener angeb- 
lichen reste alter, volkstümlicher gesänge sicherlich weder alt, noch 
volkstümlich sind. Denn dass z. b. das aus CB. 116' (Meyer s. 137) ange- 
führte Vrowe ich hin dir undertnn mit seiner sippo, ebensowenig wie 
die Wendungen wan ob ich hau gedienet (MF. 13, 31) oder swaz sie 
gebiutcty dax dax allex si getan (15, 16) mit den von Meyer dazu 
(s. 149 und 151) gebotenen verwanten auf dem alt bebauten boden 
einer Volksdichtung, sondern dem neu bestelten feldo des höfischen 
frauendienstes gewachsen sind, kann wol keinem zweifei unterliegen. 
Und wem gehören sonst die im bewusstsein redlichen Verdienstes um 
lohn stammelnden bitten frone Idt mich des geniexen usw., die «u 
CB 116a (s. 137) aufgezählt sind, als dem minnendon ritter? Dem 
höfischen minnesang allein die retlexionen über die erziehliche wiricung 



[ 



ZUR KNTWICKKLUNO DXR BIHD. LYRIK 169 

Qügelohnter minne, von der sie sagen, dass sie kan geben höhen 
muotj du hast getiv/ret mir den imiot und was dergl. zu MF 3, 13 
und 33, 26 auf s. 134/5 genant wird. Und selten die seit Hausen 
(42, 9) unaufhörlichen liebesbeteurungen an die eine für elMu ivip 
volkstümlichen Ursprungs sein? Alle diese und andere formein tragen 
vielmehr so ganz deutlich den Stempel der erst mit dem minnesange 
entstandenen Verhältnisse der ritterlichen geselschaft, wie andere den 
jener merkwürdigen unten noch näher zu beobachtenden anschauungs- 
weise dieser poesie. Denn mir rätent mine sinne oder mir gap ein 
sinnic herze rät u. dgl. (Meyer s. 149 zu MF 13, 25) wusste vor der 
zeit der minnesänger kein ritterlied und kein Volkslied zu sagen. Lied- 
chen, die verse dieser oder jener art enthalten hätten, wären keine 
Volks-, sondern ritterliche minnelieder gewesen; und eine dichtung, die, 
wie Meyer will, fast nur aus seinen formein gebildet gewesen wäre, 
wttrde sich vom minnesange vielleicht durch den strophonbau, in wesen1> 
liotien dingen aber durchaus nicht unterschieden haben. Hat es aber 
vordem minnesange lyrische dichtung gegeben, so ist sie auch von ihm 
verschieden, ja, wie sich zeigen wird, grundverschieden gewesen. 

Wenn nun nicht aus Volksliedern, woher sonst jene formein? 
Hoyer selbst lässt sich darüber (s. 166) so vernehmen: „Der Ursprung 
avis der Umgangssprache ist klai\ Aber diese formein, behaupten wir, 
müssen in feste, dichterisch brauchbare gestalt schon vor der zeit der 
ältesten uns erhaltenen lieder" — soll sagen, in der zeit des Volks- 
liedes — „gebracht worden sein''. Dass sie das aber ganz und gar 
Dicht müssen und die ansieht, gestaltung imd festigung von formein 

• 

"^ Zeitalter des minnesanges selbst sei undenkbar, eine blosse behaup- 
^Dg bleibt, ist durch die oben erwähnten ihres Inhaltes wegen sicher- 
lich erst mit und im minnesange entstandenen und doch auch darin 
fest gewordenen Wendungen bereits erwiesen. Und wenn gefragt wird, 
^**' ohne die bereits überlieferten formein zwei in „art und form" so 
^^isc^edene dichter wie Gutenburg und Walther auf so ähnliche verse 
^^® der gedinge ttiot mir 2vol und doch tuot 7nir der gedingc wol 
(MF, 76j 35. W. 92, 7) allein durch die Umgangssprache hätten kommen 
können, der dabei doch die phrase: „diese hofnung tut mir wol'' nicht 
•"gesprochen wird, so möchte man in dem falle fast mit der umge- 
stalten frage entgegnen, wie sie unter dieser Voraussetzung für den 
Pöichen gedanken im gleichbewegten versmasse einen verschiedenen 
*^»8druck hätten finden sollen! 

Somit bleibt die Umgangssprache ohne eine so weitgehende 
Vorarbeit früherer dichtung im algemeinen allein die quelle jener for- 



170 STREICHER 

nioln, und was Meyer s. 165 fgg. weiter dagegen geltend macht, kac 
ich nicht als stichhaltig anerkennen. Die form und fessung derselb 
soll mit ihrer eutstehung aus einer blossen Umgangssprache unverei 
bar sein. Worte wie in minem herxefi ich si trage oder sOne wir-, 
ich niemer frö passten wol zu Moliöreschen precieusen, seien aber 
munde der damen des 12. Jahrhunderts, in der Unterhaltung der „ei 
nen" ritter einfach undenkbar. Nun, ein unangemesseneres epithet 
als eisern, selbst in gänsefüsschen, hätte man für den ritter jener s 
im verkehr mit der frauenweit, aus dem und für den allein seine 1; 
der entstanden, wirklich nicht herbeiziehen können! Die unterhaltu 
der ritter und frauen war eben keine „prosa des tages", und es hersclitc 
da kein „altäglicher gesprächston " ; denn mit der redeweise der höfi- 
schen geselschaft in festlicher Stimmung haben wir's zu tun; einor 
geselschaft, in welcher der stolz des mannes sich freiwillig auch d€?r 
laune des weihes zum spiele bot, sein lied Unterhaltung schafte du roll 
Verkündigung von gefühlen und empfindungen, die eigentlich nur einc?r 
galten und nur ilir gesagt sein selten, seine gedanken sich oft in don 
unbescheidensten wünschen ergiengen, deren Verwirklichung die doc:rli 
so demütig und fast scheu verehrte frauenwürde in den staub gezogc^-n 
haben würde. Es ist die spräche einer geselschaft, aus der man oh»^^ 
Verwunderung schon nach einem halben Jahrhundert die misgestalt ein^3S 
Ulrich von Liechtenstein hervorgehen sieht. Wie hätte sie sich natÄ«*- 
licli und al täglich ausdrücken sollen? Taten es auch die allongoporück^^t^ 
im 17. Jahrhundert? 

Die innerlich widerspruchsvollen Verhältnisse hatten nur bestärk" 
durch äusserlichc, bis ins einzelnste ausgeprägte, fest verpflichten^^* 
formen, nach deren strenger beobachtung in allen lagen man gesell" 
schaftlichen takt und gute sitte bemass. So gieng ein gewisses ni»»^=*^ 
von formelwesen vor allen in die spräche als ausdruck und mittel di^** 
ser geselschaftlichen beziehungen ganz naturgemäss über und stelt si<^** 

m 

daher auch in den dichterischen erzeugnissen als wesentliches kenz^^*' 
chen jenes verkehre und lebens dar. Mochten jene sänger ihren stol^ 
darein setzen, für ihre weisen neue töne zu erfinden — dem gut^^** 
tone unterwarfen sich im geselschaftlichen leben, wie auch im po^"^*' 
sehen ausdruck, soweit minnedienst und miiuiesang verbreitet wur<J^^ 
alle so bereitwillig, dass selbst persönliche besonderheit in jener ku«^^* 
nur sehr selten und schwach zur geltung kam. Und die so entst^^' 
dene gleichmässigkeit dos ausdrucks bis ins kleinste konte keinem ^^^' 
ger oder zuhörer anstössig sein, weil jenem, wie später den meist^^' 
singem ihrer tahulatur gegenüber, das gefühl der Unfreiheit soi^*^ 



bfwogung abgioug und beide den gL-lirauch regelrechter umgangsfor- 
iiioln, je häufiger er sich bot, um so mehr als vorziig anzusehen sich 
gewohnten. Il'iir ilio kentnis der höfischen Umgangs- und dichterapracho 
wäre alao xa wünschen, dass Meyer seiner samlung dit! erwähnte oin- 
schränkuiig nicht auferlogt hätte. 

11. VcrliUltiils xwisclu'ii tiiaitn und frau iiiiil dichterische 
anscliiiuutii; in dtT luiid. lyrllc. 

Meyer bezog sich auf einen aufsatz Burdachs (Ztschr. f. d. a. XXVII, 
s, 343 fg.), der, gegen Wilmanns' entgegengesezto meinung gerichtet, 
nachzuweisen suchte, dass es vor der zeit des böfischeti minnesanges 
in Dciitschlanil eine weitverbreitete, volkstümliche üeheslyrik gegeben 
habe. Ich unterlasse es, sowol im einzelnen bedenken gegen seine 
heweisführung zu äussern, wie auch ini ganzen den gleichen gang y.a 
neliinen, um die punkte der Übereinstimmung und des Widerspruchs xu 
bezeiclinen. Ich wünsche vielmehr diircli die betrachtung der orlial- 
lon denkmäler mhd. lyrik einen gesichtspunkt in helleres licht zu 
iteon, von dem aus sich dann ein urteil über die Meyer und Bur- 
^lach gemeinsame ansieht und vielleiclit nebenher für das Verständnis 

ieser poesie ein auch den darum vordienten gelehrten nicht unwil- 
koimnouer beitmg ergeben dürfte. Ich meine die bokante, aber, wie 
lir scheint, nicht hinreichend gewürdigte, dui'chsclilagendo verscliie- 
denheit der in MF vereinigten dichtungen in bezug auf das g^ensei- 
itigo verliältnis von mann und frau und die dichterische anschauung. 
Ond zwar sondern sich in dieser hinsieht von der grossen fast schabio- 
BCnhaft gleichartigen masse ab die lieder Kürenbergs und melirem 
^leialohs und Dietmare, endlich einzelne unter den namenlos überlie- 

srten und denen der beiden burggrafen von Regensbuig und Rietcn- 

)Uig; die meisten durchaus, einzelne nur mit einzelnen ziigen. 

Da erkiäi-t die dame noch ohne [Zimperlichkeit und Ziererei, mit 
türtichcr Offenheit und überzeugender Innigkeit (4, 36), dasa er üir 
ifier aUerliebeate man sei; dass keiner in aller weit ir besser gefalle 
i(4, 34); da£S sie es nicht im zorne übers herz bringe zu sagen: es sei 
Ihr ienien alse liep (18, ö); sie ruft sogar gott zum zeugen an, dass sie 
jhm wahrhaftig diu }iokle8te sei (4, 7). Min froide Uet rmunist tat umb 
■iül« ander man, er und kein anderer ist ihres herzens freude (7, 17); 
und dass ers mit ihr ebenso halte, bittet eine betrübten sinnes gar 
särtlicfa den gi^liebten, der ein leichter vogel zu sein scheint (37, 2^1): 

min friil. du soll i/rlotiljen duh andcrre iribe: iran, hell, dir i^olt du 



172 8TRKICHKR 

miden. Doch dass keine andere zuvor in seinem herzen gewohnt habe, 
und dass sie, die seiner liebe jezt sich freut, gerade von anbeginn die 
erste und einzige gewesen — das zu verlangen sind sie nicht engher- 
zig, es sich einzubilden nicht schwärmerisch genug. Nein, mit liebens- 
würdiger naivetät macht sich da eine über ihre arme vorgängeria 
gedanken (13, 35): sivelhm srnen mlleri hie bevor hat getan, verlos 
si in von schulden, der icil ich nü niht wichen, sihe ichs unfraeliche^i 
stän. Und ebensowenig glaubt eine andere selbst ein hehl daraus^^ 
machen zu müssen, wenn auch ihr herzenskämmerlein der jezt geliebt uL^***. 
nicht zuerst erschlossen hat; vielmehr spricht sie es unbesorgt aixs=:^ 

(4, 37): du bust in mtnen sinnen für alle, die ich i^ gewan, Vox^ 

wurfsvoll aber beschwert man sich über andere frauen, die nicht übc^^l 
lust haben, sich der beneideten zum trotz ihren ritter einmal näh^^ ~j 
anzusehen (4, 33); oder wir hören gar bitre klagen, wie ufistaetiu ^47 £^ ^^ ) 
manch Idndeschen rnan nur betrügen, ihm den sinn verwirren (4, 3_ ), 
was oft reiner liebe bund zerstöre. Was hilft ihr es dann, dass ^i^e 
selbst ir dcheiner trütes doch auch nicht zu begehren mit schmex"^i*<- 
lichem scherze beteuert (37, 17)? So eine vergessene konte nie ^Z^^'ö 
werden sit (7, 26); den lügenaere aber, den störem ihres glucks, wi: 
nichts gutes gewünscht (9, 17). Auch die unbequeme huote macht 
mancher schmerz, wunderliche, eigensinnige leute, die einer solch ^Ebfn 
liebenden scele zumuten, von dem freund zu lassen, desgleichen s^ie 
doch keinen lin<let auf erden (36, 5), und die auch gehässige reden nic3= ht 
vei-schmähen (13, 19). Nur selten freilich ruft dies sanftschmerzlio ^^ 
klagen hervor (32, 3), meist schlagen die vermahnten trotziglich o* ""t- 
schh)ssen die warnung in den wind. Ich laxe in durch ir niden j*^^- 
.s7* fliese nt alle ir areheit: er kan mir niemer tverden leit, heisst*s ^^ 
(18, 6); oder (16, 12): und laegrn d vor leide tot, ich rvil im ierf^^^ 
Ursen holt, si sint hetuungen (hie uöt; und noch stärker: staech^^^*^ 
ifx ir ongen, wir rdtent mine sinne an dcheinen andetn man (13, 2-^)- 
Ja eine her/hafto, die erfahren hat, dass kein weib es jemals A^^ 
weit n^cht machen kann, verdamt es frischweg als verwerflichen klei^' 
mut, solcher Weisung gehorsam zu sein (33, 11): swer sin liep daruT^^ ^ 
Idt, dax lannct von snaehes hvrxen rat, Kleinmut aber und schwä*?^^^ 
ist den frauen dieser lieder allerdings fremd. Eher gewaltsam köiit*^^ 
sie ei"scheinen, wenn z. b. eine von leidenschaftlicher liebe zu ein^*'^ 
ritterlichen sänger erfasst ihm kurz die wähl stelt: entweder wird ^^ 
mein, oder er hebt sich aus dem lande (8, 7). Sogar einer derbb^* 
sind sie im augeiiblicke der erregung nicht unfähig, und wir brauct»^^ 
nicht zu ei*stauneji, wenn wir einen wenig beherzten liebhaber, 



' wie Wilhelm Müller's wanderer sich geacheiif den schlaf der hohlen 
KU stören, ob dieser nacli ihrer meinung gar nicht angebracliten 
warten rücksicht imhöflicli genug aus frauenmunde mit diesen kräftigen 
Worten danken hören: des gehaxxe got den ät7/en lip! jö enwas ick 
niht ttin her tinlde, der dich aufgefressen, wenn du mich geweckt: 
hätte sie fortfahren müssen, wenn uns des sängere höflichkeit niclit 
den tcst ihres wilkommeus verschweigen gewolt (8, 15). 

Offen und unverstelt, natürlich und unumwunden, wie liebe und 
leid, so äussert sich eben auch ihr uiimut ungehindert, unverhült, 
kock uud derb; ob die erzählte sceae sich zwischen eheleuten oder 
unverheirateten abspielt, ist dafür gleichgültig. Daher bildet mit die- 
sem handfesten ausbruch des Unwillens wol einen grellen kontrast, 
«her keinen unvereinbaren Widerspruch das liebliche bekentnis schä- 
migen errötens in einem gedichte des Kürenbergers, einer wahren perle 
unter diesen schätzen (8, 17): Swtmne ich stän aleine in minem ficmedc 
und ich gedenke atie dich, ritter edek, so erblühet sich min variee 
ais rßse an dorne iitot. UtuI widerum tritt die ganze Zartheit, Innig- 
keit, Sanftmut uud hemlichkcit weiblicher art zu tage, wenn eine die- 
ser frauen um den feinen geliebten sorgt, dax er sich wol behüete 
(32, 22); wenn eine andere sich mit zweifeln quält ob seines langen 
ausbleibons: s^t^lder äne mine schuU fremedet er mich manegen tac 
(34, 13) und darüber schon den ganzen winter lang, seit die biumen 
wölkten und die vögel verstumten, in grossem jammer zu leben bekent; 
wen« wider eine den offenbar grollenden an liebe worte erinnert, die 
er ciüst zu ihr gesprochen, und seinem boten auftragt: inte in, dax. er 
mir holt «t, als er hie vor was (7, 6) oder ihm ins gedäohtnis mft, 
wie 810 sonst ihm lieb war, do du mich erst saehe (37, 26). Ebenso 
wenn eine den segnet, der ihr den erzürnten geliebten wider versöh- 
nen werde (9, 19); wenn sie ihre ungeduldige Sehnsucht, als ob sie 
sich ihrer ein wenig schäme, gar artig so versteckt: ane sehendes lei- 
des imti ich vil, diix ich im selbe gerne klagen unl (33, 5); wonn 
rosenbUiben und vögleinsingen , das doch allen herzen freude bringt, 
und nllc snmeru^n^ie für sie nicht da ist, so lange ihr holder geselle 
forn bleibt; wenn sie uns ihr geheimnis erzählt von vei^blichem bcmü- 
hcD um das, was sie nicht gewinnen kann und, was das sei, ims dann 
mit wehmütigem scherze deutet: Jon mein ich golt noch silbrr: ex ist 
dfn Hüten gelfch (8, 31); wenn sie den falken beneidet, wie er frank 
UDil frei auf den ast im waldo Itiege, der ihm wolgefallo: so wol dir, 
rtüke, dat du ItisL' du fiingi-M swar dir Ucp ist, während ihr den crko- 
rviion mann nndfvo tVauen nicht so unbeslritten la.ssen (37, 8); wenn 



174 8TRKXCHER 

ähnlich eine verlassene, der ihr liebster wie ein falke auf und davon 
geflogen, fromm und zart ihre sache dem anheimgibt, der trennen und 
vereinen kann: got sende si xesamene, die gerne geHebe tvellen s^^tn! 
(9, 11). Wie einfach und innig sind auch die bekanten worte, die das 
mägdlein von Tegemsee ihrer schwungvollen lateinischen liebesepistel 
anhängt! Dann wider leuchtet der helle stolz aus den Worten glück- 
licher, die sich der liebe ihres beiden sicher fühlen: Du zierest tnine 
siniie unde bist mir darxuo holt, spricht die eine (5, 12); die andere 
empfindet es mit erhebender befriedigung: Ich muox von rehten schul" 
den ho tragen dax herxe und cd die sinne, stt mich der allerbeste 
man verhobt in sime herxen 7nin7ie (38, 5); die dritte sont sich im 
glänze des geliebten: der sich mit manegen tutenden guot gemachet 
al der werlte liep, der mac wol höhe tragen den muot (16, 5). So 
das weib in diesen liedem. 

Der mann erscheint seiner natur nach abgemessener, besonnener, 
ruhiger. Wol kent auch er die zarte regung der Sehnsucht: mir tuet ätte 
muxe we, dax ich si sÖ lange mide (32, 15), klagt er, und dass aller vög- 
loin singen nichts ihm gelte um ihre liebe; aber während sie beim aus- 
einandergehen nach seligen stunden die trähnen nicht zurückhalten kann, 
tröstet er sich, wenn es nun einmal nicht anders sein kann, kurz mit 
dem alten sprucho: liep äne leit 7nac 7iiht gesin (39, 24). Er ist sich 
seiner Überlegenheit bewusst: mlp unde vederspil, meint einer sogar etwas 
vorwogen, die werdent Ithte xam: stver si xe rehte lucket, sd stioclient 
s^i den man (10, 17). Und wir finden ihn freilich nicht so oft, wie 
die frau, in sehnsüchtigem trauern und schmerzlichem vermissen, aber 
bei gelegenheit doch nicht weniger innig, warm und zärtlich, als jene. 
Vor dem walde eine linde und ein singender vogel darauf lassen ihn 
an einen andern wald und eine linde gedenken, wo auch ein kleiner 
vogel sang. Da sieht er die roseblumnen blühen, und die, vertraut er 
uns, 7nanent 7nich der gedanke vil, die ich hin xeiner frouwen hdfi 
(34, 3). Seine liebe ist ihm heiliges geheimnis, niemand soll drum 
wissen ausser ihm und ilu*, iviex undr ihnen xwein ist getä7i (10, 8). 
Ja wo er erst jubelt: Aller wlbe uriinne diu get noch 7negetin, zweifelt 
er hinterher schüchtern an seinem erfolge: in weix tviech ir gevaUe: 
mir wart nie wtp also liep (10, 15); ein schluss, der die den anfangs- 
worton widerfahrene abweichende aiislegung zu verbieten scheint Ge- 
radezu zaghaft aber fehlt ihm einmal, wie wir oben hörten, das 
herz, seine schlummernde schöne zu wecken. Komt es aber darauf ' 
an, so fehlt ihm mut und Selbstvertrauen so wenig wie aufopfenings — 
ftthigkeit, und mit dem urtp inlc schoene, das er (9, 21) aij^ruft mi 



ZUR RNTWICKELUNa D£R MHD. LYRIK 175 

ihm zu ziehen, ist er auch entschlossen, freude und leid zu teilen, 
was kommen mag. 

So zeigen diese lieder ein Verhältnis zwischen mann und weib, 
wie es dem natürlichen wesen beider geschlechter angemessen ist. Nach 
den äusserungen von jubel oder schmerz erscheint die frau als der teil, 
der mehr zu gewinnen oder zu verlieren hat; sie wird durch seine 
Uebe beglückt und mit stolz erfüit, sie wacht mit ängstlicher sorge 
darüber. Er hat die stärkere, überlegene rolle, lässt sich durch die 
leidenschaftliche liebeserklärung des energischen weibes nicht im gering- 
sten entflammen, zeigt gelegentlich selbst übermütig das bewustsein 
seiner macht — aber von der härte und rohheit, die man an ihm 
bemerkt haben will, finde ich nichts, und von begehrlichkeit nicht so 
viel wie bei der scheltenden frau (8, 14). Wol scheinen manche frauen- 
lieder auf untreue oder vorübergehende abwendung des mannes zu deu- 
ten. Sie beklagen ihn durch der lügenaere nit verloren zu haben 
(7, 24. 9, 13); sie bitten ihn bei ihren trähnenden äugen, sich anderer 
fraiien zu begeben (37, 18), erflehen verlorene liebe zurück (7, 1), 
tra.iiem um vergebliche Liebesmüh (8, 25), sehen den falken, den sie 
treulich gehegt, in ein anderes land entfliehen und noch umwunden 
'ait ihren seidenen bändem an ihnen wider vorüberziehn. Sind sie 
^iciht wirklich hart, die männer, die arme lieberfülte frauenseelen so 
l>ötn1iben können? Aber es darf nicht vergessen werden, dass wir 
^ix"klich aus mannesmunde selbst nur ein einziges mal ein wort der 
^^^^eisung vernehmen, eben jenem stürmischen weibe (8, 7) gegenüber: 
^ -muoz der mtner mmne ierner darbende sin (9, 35). Sonst steht in 
ß^Ännerstrophen nirgends auch nur eine silbe davon, dass einer ein zu 
itiOQ drängendes herz hart und kalt von sich gestossen habe. Dass ein 
^^nn seine färbe wechselt, komt wol vor, da wir sicherlich keinen grund 
h3a.ben, den werten jener triumphierenden geliebten zu mistrauen, die 
(1^3, 37) ihrer verdrängten Vorgängerin schmerz mitleidig am eignen 
glticke mass. Aber dürfen wir allem jenen klagen und flehen blind 
gla.uben und darauf hin die männer, denen es galt, als hart und kalt 
verdammen? Oder werden die mädchenherzen damals in der herzlichen 
behütung ihres köstlichsten Schatzes weniger emsig als heutzutage dabei 
gewesen sein, mit ängstlicher hast den blick einer andern, mit grü- 
belnder aufinerksamkeit misverständliche werte des geliebten aufzufan- 
S^^j bei langem ausbleiben nur selten ihn zu entschuldigen, um so 
^^&iger aber mit allerlei gründen und gründchen sich schliesslich ein- 
^'^en, dass er nicht kommen wolle, um sich dann mit törichten 
^«itterzen und ihn mit unnötigen vorwürfen zu quälen? Einmal wenig- 



176 STREICHKR 

stens (34, 11) tritt uns, glaube ich, eine solche selbstquälerin unver- 
kenbar vor äugen. Es ist tief im winter, denn blumen sah sie längst 
nicht mehr, noch hörte sie der vögel sang; der geliebte ist fem, so 
fest wahrscheinlich durch stürm und schnee in seine bürg gebaut, wie 
sie in die ihrige; man kann ihr also die Sehnsucht nicht verdenken, 
auch nicht, dass sie die zeit, seit sie in seinen armen lag, wol tausend 
jähre dünkt. Warum sie ihm aber mit den vorwurfsvollen Worten 
sunder äne rntne schult fremedet e?^ mich absichtliches ausbleiben 
schuld gibt, ist nicht zu verstehen, wenn uns nicht das reizende ge- 
dichtchen eben eine solche zärtliche seele in ihren törichten sorgen 
zeigen wolto. Und gewiss ist ebenso ein guter teil jener klagen aus 
frauenmunde zu erklären. 

In schroffem gegensatze zu dem dargestelten Verhältnisse der bei- 
den geschlechter steht nun dasjenige, aus dem mit ausnähme der weni- 
gen bisher besprochenen gedichte die uns erhaltene mittelalterliche lie- 
beslyrik ganz hervorgegangen ist. Freilich versichert es Reinmar zu 
widorholten malen hoch und teuer, der einzige zu sein, dem der ver- 
diente lohn der liebe von seiner dame verweigert werde (z. b. 189, 35. 
171, 22), und meint (176, 16, vgl. 155, 34), von seiner herrin so gelitten 
zu haben, dax nie man durch sin liep so vil erleit Aber hören wir 
nur die andern! Da möchte Horheim (115, 13) es auf seinen eid neh- 
men, dax niema7i groexern kuniber hat noh nien^ wart so trüric man; 
Gutenburg, der einst andrer meinung war, erkent nun (78, 3) seinen 
ii-timi: ich wände ieman so hete missetän, suocht er genäde, er soUe 
si vinden: dax muox leider an mir etneji xergän; und Hausen brauchte 
es nicht ein gröxex umnder zu nennen, dass er (52, 17) zu klagen 
hatte: diech aller serest minne, diu was mir ie gev^. Wer unter sei- 
nen genossen hätte sich eines besseren Schicksals zu erfreuen? Auch 
graf Rudolf minte, die ihn haxxet sere (81, 9 wie Reinmar 166, 31) 
und rauss sich der torheit (83, 11) anklagen: ich hän mir selben ge- 
7Na/Ji£t die stvaere, dax ich der ger, diu sich mir unl entsagen, Rugge 
schilt sich gar (104, 1): ich ma^c wol sin von gotiehes ort und jage ein 
üppecUche vart: tören si?ine hdn ich vil, dax ich des wtbes mimur 
ger, diu 7nich xe friunde niene wil Heinrich von Meningen wiH's au 
seinen leichenstein schreiben lassen (130, 1): wi^ liep si mir waer^ 
imd ich ir unmaere. Alle wie Reinmar, der mit schmerzen erken 
(159, 10): si ist mir liep, und danket mich, dax ich ir vollecUche 
unynaere si. Und so ist das gleiche Schicksal aller minnesänger voi 
Hausen und Veldegge an und das immer widorkehrende, fast einzi, 
thema ihrer liedor: liebe ohne lohn. Wenn wir also in diesen lieder» 






J5UR KKTWICKELUNO DRR MHD. LYRIK 177 

selten etwas anderes von den männern hören als klagen und von den 
frauen versagen, so sieht es wirklich fast aus, als hätten beide ihre 
rollen gewechselt; nur dass wir bei jenen rittem oben trotz gelegent- 
lichen Übermutes die herzenshärtigkeit nicht finden könten, unter der 
alle diese sich jammernd zu winden scheinen. Doch gleichen auch 
"Wider diese weibischen männer den frauen dort nicht, denen nichts 
weniger angestanden haben würde als die widerholten beteurungen, 
z.b. Hausens (50, 11), Johannsdorfs (90, 16), Morungens(134,31. 136,11), 
fw» Idnde, oder wie Hartmann noch lächerlicher übertreibt (206, 18) 
^tt de?' stunt, da er üfem stal)e reit, nur einer minne gedient zu haben. 
Man vemimt sogar das feierlich tönende gelübde (86, 1): Mfn (b'ste 
beiße, der ich ie began, diu seihe muox an mir diu lesie stn; und 
ähnlich rühmen alle ihre siaete, iriuwe, staetekeit unaufhörlich, hoffen 
von ihr, versichern und beweisen sie oft bis zu einer Zudringlichkeit, 
die sich mit der ieidenschaft jener frau auf der burgzinne nicht ver- 
gleichen lässt Die treue des mannes, in jenen liedeni der gegenständ 
JingsÜicher sorge, der grund höchsten stolzes für die liebende frau, 
scheint in diesem fast zur strafe für ihre hartherzigkeit geworden zu 
seini. 

Es ist bekant, dass diese verwandelung in erster linie die folge 
^luer Veränderung in den formen des geselschaftlichen lebens war, 
^© es durch fremdländische beeinflussung erfuhr. Natürliche anläge 
^*^d geselschaftliche zustände hatten bei den unsern vorfahren in der 
^^büdung äusserer lebensformen vorausgegangenen westlichen naeh- 
l>am ein dem natürlichen in gewissem sinne entgegengoseztes vorhält- 
'^ im verkehr zwischen beiden geschlechtern, ein unterwürfiges werben 
^68 mannes um die gunst wol meist verheirateter und an rang höher 
stehender frauen ausgebildet, in dem sich wirkliche liebesregung, hier 
*iatürlich voll feuriger, verzehrender Ieidenschaft, mit blosser galanterie 
^J^d förmlicher höflichkeit eigentümlich mischte. Als nun die kreuzzüge 

1) Es erfrischt unter den weichmütigen klängen den kräftigen ausbrach empör- 
^^ stolzes za vernehmen, mit dem Friedrich v. Hausen (48, 1) seinem flehen ein 
^Jide macht: ieh tcaer ein gouch, ob ich ir tumj)herf hncie für guot: rx cngcschiht 
'***^ niemer mi, oder der gelehrige schüler der troubadours (142, 15): des — dank- 
^••n dienates nämlich — bin ieh icorden lax, also dax ich vil schiere gelinde in 
^^^^ keile gründe verbrünne, e ich ir iemcr di^mie, ine wisse unihe trax; und die 
^^'^^Miche sogar bedroht (145, 33): Ich tril eine reise . . da icirt mnnic treise. 
**•■• ImU diu teil ich brennen gar. Ja auch lTart\vig von Rutes mimiejider uns in 
"^7, 33) wiritt wohätig zwischen dem minnonden sinnen jener klagclicdcr. Vicl- 
Usr fiUle wirklicher Ieidenschaft vorliogon. Al>er es sind nur die aus- 
loh Ar eine betrachtung über das wcsen der dichtung. 

<■« FBDiOLoeu. nn. xxiv. 12 



178 STRKICirKR 

und besonders der von Konrad HL und Ludwig VII gemeinsam unter- 
nommene die engste und nachdrücklichste berührung der beiden nach- 
barvölker hervorrief, trat diesseits des Rheins eine, wie wir annehmen 
müssen, sehr rasche Umgestaltung des ritterlichen lebens nach dem 
Vorbild des französisch -romanischen rittertums ein, eine Umgestaltung, 
die in der eigenart unseres volkes keine wurzel hatte. Denn wenn auch 
schon Tacitus von den alten Gennanen berichtet, wie ihnen die frau 
geradezu als ein verehrungs würdiges, heiliges wesen erschienen sei, und 
später der Mariencultus auf diesem gründe erwuchs, so bemerkt der 
Römer doch ausdrücklich, dass jene Verehrung von kriechender Schmei- 
chelei fem war; und der dienst der mutter gottes kante wol glaubens- 
volle anbeter und eine milde, gütige, trost imd frieden spendende 
Jungfrau, und hätte, seine gewalt dahin zurückgebend, woher er sie 
empfangen, eine Verehrung der frauen überhaupt, des weiblichen ge- 
schlechtes herbeiführen können, aber die unaufhörlichen lobpreisungen 
der einen und einzigen vor allen andern, die demütig-knechtische 
erniedrigung, die immer hofnungsloso und doch nie ungeduldige anbet- 
telung unserer minnesänger so wenig wie die unerbitliche hartherzig- 
keit ihrer damen. Allein es fand in dem vielgeglioderten reichskörper, 
wo immer grosse vasallen über kleinere, kleine über kleinste lehns- 
leutc und ministerialen geboten, die neue, fremde mode den geeignet- 
sten boden. Nach dem fremden muster ward nun die frau in die 
geselschaft eingeführt, der sie bisher fern gewesen, und wie durch 
eine stumme Verabredung der gegenständ achtungsvolster aufinerksam- 
keit, das ziel anbotenden dienstes und lobpreisenden gesanges. Üaiu 
natürlich war es, dass sie dabei neben eigner Schönheit und liebens- 
Würdigkeit häufig den vorteil höherer Stellung, macht, des reichtams 
ihres gemahls genoss. Denn so viel ritterpferde auf seinen ruf zuia 
Sammelplatze ritten, so viel häupter neigten sich im saale anbetend vor 
ihr, so viel sänger sangen ihr lob, jeder zwar ohne ihren namen zi:»- 
ncnnen, aber in beständigem Wetteifer mit den übrigen. Dass es ei*^ 
dienst übertriebener lobpreisung wurde, war natürlich; dass es trot:^ 
alledem im algomeinen gewiss ein dienst ohne lohn blieb, konte ebem^^ 
fals nicht anders sein. 

Und doch nicht ganz ohne lohn. Denn dass es, wie oben gese^* 
hon, trotz allem auch ein dienst unzerreisslicher geduld und unve*^ 
änderlicher treue blieb, lag weder bloss daran, dass sich die ehrec»- 
tugend des deutschen volkes aus dem hen*en- auf den frauendienst üb^*"' 
tragen mochte, noch daran, dass sich das conventionelle Verhältnis gewiö^ 
auch in Deutschland ab und zu mit ernstlicher, natürlicher leidenschÄfl" 



i 



ZUR ENTWICKELUNO DER MHD. LYRIK 179 

vermischte. Sondern der minnende fand glück und erfolg seines 
dienens reichlich in einem andern lande, wo ihn kein mitvverbender 
kümmerte und kein hindernis auch dem kühnsten begehren im wego 
stand. Offenbar so kam z. b. eine liebesgeschichte zu stände, wie sie 
Bin unter Dietmars namen überliefertes gedieht in der richtigen reihen- 
folge der Strophen (nämlich von hinten nach vorn gelesen) bietet. Da 
Ha^ nämlich in der ersten (39, 11) ein ritter, dass ihm ein edeliu 
frontce also vil xe leide iuot, weil sie will gedenken niht der mmigen 
sorgen sein, wie wilfährig er ihr auch gedient; nach der zweiten (39, 4) 
aber erweisen sich diese seine klagen doch als grundlos, denn sie ver- 
rat uns selbst, den ritter guot, von dem sie vil der tilgende sagen> 
gehört, äne mdxe ins herz geschlossen zu haben; und die dritte (38,32) 
zeigt ihn gar am ersehnten ziele: nu ist ex an ein ende kame?i, dar 
ntir;h min herxe ie ranc, dax mich ei^i edeliu frouwe hat genomen in 
ir getwanc. Ein erlebnis des dichters? Schwerlich; wenn nicht der 
hauptgegenstand aller jener dichtungen, die ungelohnte liebe, eine 
unerklärliche nichtigkeit sein soll. Aber in der anfangs (39, 11) gege- 
benen Stimmung wünscht er, die gefeierte möchte sich so vernehmen 
lassen imd er grund haben so zu jubeln, wie es ihn die regsamkeit 
seiner phantasie in den folgenden Strophen wirklich hat hören und 
aussprechen lassen. Ganz ähnlich gewiss, wenn in einem liede Hau- 
sens (54, 10) die frau von seiner treue rühmend spricht, seinen kummer 
föhlt, eingesteht, dass er ihr liep und lieber vil, als sie imtner im vil 
^^^bm manne sage, wenn sie bekent, nur aus sorge um sein leben und 
ihre ehre seine klagen nicht zu stillen, darauf sich aber seufzend doch 
roit neuen zweifeln plagt (54, 19 — 27): owe taete ich des er gert, wie 
'^e mirs ergehen, laxe ich ab in ungewert, dax ist eüi Uhi der 
9^tem manne nie geschach, um vorläufig noch zum entschlusse zu 
kommen: ich entars in niht gewem, im dritten liede aber (54, 37 — 
^5, 5) seinen vollen erfolg auszusprechen: des ist er von mir gewert 
^ swes sin herxe gert und solle ex kosten mir den Itp. Kein roter 
^^d hat diese worte erst zögernder, dann rückhaltloser hingäbe zum 
'fichter gesprochen; aber vernommen hat er sie doch im wundersamen 
^eben seiner träume zu hoher im liede widerstrahlender beseligung. 
'^önschen und wollen des dichters ist der quelbrunnen seiner frouden. 
Erfahrt er auch fort und fort Zurückweisung, er glaubt nicht daran. 
^ si mich alse unwerden habe, als si mir vor gebäret, so weiss sich 
«einmar (166,34) zu trösten, dax geloube ich nicmcr; so Kugge (100, 19): 

1*Wök denke ich si versiMche mich, ob i<^h iht staete küitne sin; imd 
Bdenbiiig scheint seiner sache so gewiss, dass er sivüere tvol, ex^ waer 

12* 



180 RTREICHRR 

ir kity wenn nur einer da wäre, der ihm Tic rehie solde staben (77,1). 
Gervinus hat in seiner ausgezeichneten darstellung dieses eigenartigen 
Zeitabschnittes unserer dichtung sie zutreffend mit der sinnigen, sehn- 
suchtsvollen, träumenden und schwärmenden, von phantasiegebilden 
und wahngestalten wimmelnden Übergangszeit, wo der knabe zum Jüng- 
ling wird, verglichen, in der liebesfreude und liebeslcid mehr ersonnen 
als erlebt wird. Nicht wirkliche bcgebenheiten gaben jenen dichtem 
den Stoff ihrer lieder, sondern süsse Selbsttäuschung einer wundersam 
erregten und gegen die tatsachen der aussenwelt verschlossenen pban- 
tasie; Selbsttäuschung, wie es notwendiger weise die ihnen allen gemein- 
same, so oft widerholte und stark versicherte Überzeugung war, der 
einzige unbelohnte liebhaber zu sein. Bloss von innen komt ihr dich- 
ten, unbewegt von äusserem geschehen; heisst ihre liebe doch auch 
mhuiej was Morungcns werte (138, 21) bedeutsam so erläutern: dass 
er so JierxecUche sei an si verddht (vgl. 147, 17 lanc bin ich geivesei 
verddht)^ wozu Hausen 46, 6 noch eine bemerkung fügt, wie sehr dies 
seine aufinerksamkeit äusseren vergangen entziehe: ich tvas so verre 
an si verduhtj dax ich mich underwtlent iiiht versan, und swer mich 
giiioxtCj dax ichs niht vernan. Und weiter: ein lieher wdn tröstet 
Hartmann (208, 23) über erlittenes ungemach, der ungeduldige Fenis 
beschoidet sich schliesslich doch damit (84, 9), dass genuoc gröx her 
gewesen sei seine iTöude ran iväne, und Reinmar gibt sich freilich 
weniger freudig so zufrieden (180, 1): ich tvas nit^ics muotes ie so 
h^r, dax ich in gexJanken diche schww Inc. Mit solchem lohne sich za 
begnügen ist sein stolz: so vil so ich gesanc nie nia)t, de}' anders nihS 
enJuiete wan den hloxcn wdn. Gedinge hat dem einen (Bugge 104, 3$> 
das herz gcviachei wunneclichen fro, dem andern (Morungen 125, 30) 
ist Icomen ein hügendcr wdn und ein wünneclicher tröst, der ihn frofc* 
machen wird. Mit gedajiken ich die xit vertrihe, als ich beste kaw^ 
sagt Hausen (42, 10); bei Reinmar (151, 33) hiimet eteswenne ein iac^9 
dax er vor vil gedanken 7iiht gesingen noch gelacken mac, und dod^ 
ist ihm vil lihte ein vröude 7idhe hl. Min leben, heisst es an andere»"^ 
stelle (153, 7) bei ihm, dunkel mich so gnot; und ist es niht, so tcaem-^ 
icJis doch; und doch klagt er auch (163, 18), dass ihm von gedcmkt^^ 
ist also iinmäxen ur, behauptet sogai* (174, 24) nie wart groexer ut^^ 
gemach, danne ex i^t der mit gedafiken umbegdt, wie Rugge es (101, 3Ö) 
bedauert, sich vcrldn zu haben xc verre üf den ivän. Mit gedofik^^ 
klagt ein sänger der hcrrin seine sorgen von fern (52, 1); ein anderö'' 
(125, 21) schwebt, als ob er fliegen künnc mit gedanken ienier umt^ 
sie. So gob(»n gedanken, wdn, gedingv dem dichter den lohn seiner 



ZUR EI^WICKRLÜNO DKR MHD. LYRIK 181 

Uebesmüh, die ereignisse seines liebelebens und scheinen fast seine ein- 
zige beschäftigung und geselschaft zu sein, seine freunde, seine ratgeber, 
seine boten. Und das alles durchaus nicht als blosse redewendung 
oder bildlicher schmuck, sondern als die ganz entsprechende äusserung 
innerlicher Vorgänge, das klare Spiegelbild eines ganz eigentümlich 
gestalteten Seelenlebens, so lebhaft, so wesenhaft und wirklich, dass 
iies& gedanken oft als ein besonderes wesen nicht in, sondern geradezu 
ausser dem denkenden vorhanden scheinen. Wenn z. b. Hausen ein 
vor der kreuzfahrt gedichtetes lied (47, 9) begint: Min herze U7id inhi 
lip diu wellent scheiden, diu miteinander vamt nü mange xtt, der 
lip wil gerne vehten an die heiden. so hat iedoch dax Jierxe erweit ein 
wipj 80 sucht er nun das herz von seinem vorhaben abzubringen und ent- 
lässt es nach dem vergeblichen bemühen wie einen eigenwilligen freund, 
der abschied nehmend vor ihm steht: Sit ich dich, herze, niht wol mojc 
^pendeti, dun wellest mich vil trilreclfchen Idn, so bite ich got, dax 
^ dich ruoche senden an eine stat, du man dich wol empfä. Und 
ov^, fährt er mit gleicher lebhaftigkeit fort, tvie sol ex armen dir ergän! 
^ iorstest eine an solhe not ernenden? wer sol dir dtne sorge helfen 
^nden mit solhen triutven als ich Jidyi getan? (vgl. 109, 11). Ganz 
ähnlich bei der gleichen veranlassung Reinmar (181, 13): Des tages, dö 
^^h dax kriuxe nam, so berichtet er, dö huote ieh der gedanke min 
— nu wellents aber ir unUe^i hAn und ledecUche vaiii als e; wozu 
Gr bezeichnend bemerkt: diu sorge diust min eines niet: si tuot ouch 
^^re Uuten we. Ist er bereit gott zu dienen, so wollen die gedanke 
'oiew und zurück afi diu alten rnaere^ seine minne natürlich, dax 
^(^ende, fleht er darum zur muoter unde maget, stt i^hs in niht ver- 
**^ inae. Dann erlaubt er ihnen doch etesivenne dar und aber wider 
^ xehant und sezt sich am ende mit den plagegeistern ohne viel ver- 
tuen auf ihre Zuverlässigkeit so auseinander: sös unser beider friiinde 
^ gegrüexen so keren dun und helfen mir die sünde bilezen, und 
^ in aUex dax vergeben swax si mir haben her getan. Sähe man 
solche stellen zuerst aus ihrem zusammenhange ausgelöst, wer würde 
^laten, von wem oder mit wem der dichter spricht? Doch wer wird 
^ch auch noch wundem über die neigimg zu solchem phantasiespiele 
'^i leuten, die im rausche hoher kämpf esziele auf ihren weiten kriegs- 
^n sich durch hunger und alle schrecken der Wirklichkeit nicht 
•Wialten Hessen, zu vielen tausenden zusammen immer wider das 
*P08telkoll^um und alle heiligen vor dem beer einherschweben zu sehen. 
Merkwürdiger Widerspruch: inmitten einer bewegten glänzenden 
geselschaft steht der minnende unbekümmert um sie, das äuge für 



\'<fr^^skiia:t: di.-r au'w^'rnw*-)! wi<r verM;bU.»syrn . panz iii ii^Df miKflveh ver- 
hufjk'fij liud nur ujit >^icb »i^-Jb^t bfr'schäftirt — zum ^tsaem nmeRcfaied 
v<^ij d«rfj 'Jj'rhUtTii jf*jj*-r aiu-rtüjülidj'-n'n lifrsüebeD. dk der nnmindbare, 
ijatijrJi''h*f auMJru<.'k wirkJi<r]j«.-ij <.-rl«rbenei "waren und immer ein biW, 
fiiuifu äijK!y^;vrj Yorirdiif: von «riiileucbt^nder wafarscfaeinli^iit^ darstel- 
t>;ij. iJa fcjirai.b «/iu«,^ frau zuiu davonrat-enden g?eljebtien <4- 35|. dort 
('51*. IKj auK d<:fijj traunj jr«,-w«-kt von einem vogeWu m tf^ peimi. dax 
i'tfl flffr iitul^n an daz Jia'i g^^jan. rief sie den noch schlummernden 
;r<'S4'llifij wach. Oder hie stand im kammerlein allein im weissen hemde, 
da« ^e^i<'bt von giübendeni rot bt/der-kt. weil sie des geliebten mannes 
dax^lit^;. laiiMrbtt; von der bur^inne heraufdringendem gesange, und als 
vi>fi der ^'ewalt der töne die leidenscliaft zu dem wolbekanten sanger 
überwalle, rid' der für solche (rlut unempfindliche nach ross und *sf/i- 
qt'jnuä. hicij davon zu ina<'hen. Oder sie schaute einsam harrend über 
die licid«; nach d<.'jn p.'lir-bten aus, und statt seiner kam ein falke geflo- 
p?n, dem die wfhnsuchtsvolh'n gedanken nun folgten (37, 4). In der 
fnnude w(*ilei)d gab ein ritter der freundin botschaft, und sie antwor- 
ti'b; (.'J2, V^. 21). Kin vogel sang in lindenzweigen und erneute in 
rittcrljrlicm hcrz<Mi selinsuc^ht und crinnerung (34, 3). Ein verzagter 
Hchlirli si<:h vom lag<;r der schlafenden geliebten usf. Auch zwiego- 
spräi'h, wirkliclH'S, d. h. von mensch zu mensch wurde vernomiuen, 
\\i*\\\\ aiH'h nur aus d(»r gegenredo; denn wir erraten seine mitteilung, 
der sie antwortete (7, 10): Wen manest du 7nwh leides, min vil liefßex 
fff'ft'f uftsrr Mrr.ier ,srhadrn müex ich (ßcleben niet ; und wenn sie (10,1) 
d<*n rat crhinit, sich wie der ab(5ndstern zu vorbergen und um das 
^'.elicimnis zu bewalinMi, die äugen statt auf ihn auf andere zu rich- 
ti'U, SC) hattn si(< sii^h iihnlich beschwert wie die (4, 30): dax, nideni 
ander rromrvn und haben t des hax and. sprecfient mir xe leide, dm 
si in wellen sehouwen. In den späteren liedern hören wir zwar gele- 
gentlich von Mausen, Horheim, Rugge, Reimar, dass sie in der fremde, 
auf «lern kreuzzng waren, von U»ztereni, dass seine unaufhörlichen kla- 
gen «len freundi»n mistielen, von Rugge, dass er vngemachefi grnox 
emptieng; Hausen sah die angebetete im träume, ein anderer küsste 
sie, einer stand und wagte sie nicht anzusprechen. Aber es wird das 
alles nur erwähnt, nur zum ausgange, nicht zum mittelpunkt und 
gt\iri'nstand des liedes. Dort geschah vor unseren äugen und obren, 
liier lässt sieh m\ gi^clu^hiMi nur gelegentlich als veranlassung einer 
^dai\kennnhe erkennen. Selten auch, dass einer dieser sanger die 
ir:i-' anr»>i"t «,S7, 21. 147. 4, 170, 5) oder sich etwa mit der ve^ 
-. ,':z-i\\z -^viu-LT autVichtiirkeit an die zuhörer wendet (88, 7. 70, 2. 



ZUR KNTWICKBI.UNG DER MHD. LYRIK 183 

76, 28. 127, 2), wobei es dann aber sein bewenden hat. Denn wirk- 
liches leben gewint weder diese noch jene beziehung; nie sind wir 
getrieben, uns den Sänger etwa in einen kreis von frauen oder män- 
nem tretend vorzustellen. Beschäftigt er sich mit sich selber, seinem 
herxe, seinen gedanken, so bleibt diese beziehung oft gewahrt — und wie 
lebhaft, haben wir oben gesehen; redet er dagegen andere, lebendige 
menschen an, so ist das nichts als eine redewendung ohne entspre- 
chende Vorstellung, wechselt daher leicht unter verschiedenen personen, 
die nicht wol zugleich anwesend sein können, oder wird unversehens 
wider aufgegeben. Nur eins von den sehr zahlreichen beispielen. In 
den eingangsstrophen eines liedes (123, 10 fgg.) behandelt Morungen 
die damo als abwesend : Min erste und mich min teste fröide was ein 
wif . . . waer ir mit mime sänge wol, so sunge kh ir, und wendet 
sich dann nach einander an eine anscheinend um ihn versammelte 
frauenschar mit der bitte: Nu rätent, liebe froiiweii, wax ich singoi 
müge so dax ex ir tilge, und abermals an die spröde selbst, aber jezt 
als gegenwärtige: Vil wiplich wip, nu ivetide mine sende klage, um 
sie ziüezt wider als abwesend zu betrachten: Ich sihe tvol, dax miyi 
fi'ouwe mir ist vil gehax. In der grossen masse der dichtungen aber 
Sit auch diese rhetorische belebung fort, und der dichter vermeidet 
selbst den anschein, für anderes als seine gedanken und empfindungen 
ein äuge zu haben. Diesen minnesang mit jenen älteren liedchen ver- 
glichen, glauben wir dort überall in den hellen Sonnenschein wirk- 
lichen lebens, hier in das weiche heldunkel des traumes zu blicken, 
^ort menschen, hier schatten zu sehen, dort ereignisso, hier erfindung, 
dort das du, hier immer nur das ich. 

Ergebnis. 

Die tiefgehende sachliche ungleich artigkeit der in „Minnesangs 
frühling** vereinigten dichtungen liegt am tage und beruht — irten 
^ir nicht — im wesentlichen auf der dargestelten zweifachen wande- 
l^ög der ritterlichen geselschaft und des deutschen gemütslebens, einer 
Von aussen hereingetragenen, fremden und einer naturgemäss 
*W8 innerer Ursache erwachsenen, heimischen, solte diese viel- 
leicht auch gleichzeitig bei einem nachbarvolke eingetreten sein. So 
P^ aber ist der unterschied der vor- und nachher entstandenen dich- 
^gen, dass beide unmöglich als einer gattung zugehörig betrachtet, 
^^ einem gemeinsamen namen bezeichnet und etwa jene, wie es 
Stehen, als die bescheidenen, nui* unentwickelteren anfange dieser auf- 
S^'^sst werden dürften. Sondern es scheiden sich hier scharf, d. h. 



i 



184 STREICHEK 

mit ans(*lu^inon(l kurzem, raschem übergange zwei nach stoff and gestal- 
tung wosontlicli verschiedene Zeitalter deutscher dichtiing, von denen 
allein dem jüngeren, aus einer überfülle von denkmälem uns genaa 
bokanton, der name des minnesanges mit recht zukommen dürfte. Von 
dorn iilton>n sind nur spärliche reste auf uns gekommen. Wir verdan- 
k(Mi ihre orhaltung vermutlich dem umstände, dass ihre Verfasser, wie 
der Küivnbergt^r, jener Wandlung nur zeitlich nahe gerückt waren oder 
sie innerlich erlobt und mitgemacht haben, wie besonders Dietmar und 
Moinloh, in dessen oben angeführten vei'sen z. b. {staechens iiz ir angenij 
mir nttmf mtne sifiNc usw. 13, 24), der gedanke der älteren, deraus- 
druck der jüngi^ron opoche angehört, Dass es aber nur reste eines 
nnohoivn sohatzos sind, scheint durch den grad ihrer vollendong, der 
oino langi^ro Übung sicherlich voraussezt, hinreichend erwiesen zu wer- 
den. Tiul wolto man dagegen einwenden, dass der verlust dieses 
iviohtums bis auf so wenige Überbleibsel unwahrscheinlich sei, so bedarf 
t\5 dii^T annähme ja p^r nicht. Denn wer weiss, ob sie nicht zum 
gKiston teil überhaupt unautgezeichnet geblieben oder doch nicht öffent- 
lich bekaut gomacht woriion sind, so ganz auf einen besonderen fall 
und an oino bi^tinue porson gerichtet, wie sie ursprüDglieh waren, 
wjihnMul dio tur die rittorlicho goselschaft berechnete poesie der minne^ 
s,HucK^r natürliohor woist^ zur vori^ffontlichunsr und schriftlichen au&eicfa- 
nunc tührto. Si^ wini man der annähme einer vor dem minnesange 
vorbnnioten Ivris^^hon diohtuug g;inz beistimmen, auch gegen ihre benen- 
nuusr als oinor volkstümlichen . insofern sie von der fivmdlindischen 
i>v%^ls^*hatfcAmir.uni: uulvrührt cobüoben. nichts einzuwenden haben: 
dor Ivhauptunc aber, der miiinosang habe sich durch b!o«^ ennrick- 
■u!\^ der in r.or älteren diohriirii: borvirs vorhandenen keime danos 
orhoKn. ir.u>^ n:,i!: als ri'.rr ö*urvhau> irrijren cnr4?rt?rotp?teii. 

Novh oiuo frsj^; ni-o-/ hier besr^nx^hen wenien, die donrfa die 
w n:v :nu>':io ,^r.>»chA;;:;r.;: v:r. olrr an :in.i enrwiokluni: der mineialti»'- 

.i^s :r::j i>r v.rs; h.-\;vi:s:or. tr£'..ir,;r.g>rn "ifCrr. Sit bearift die luekaBie 
T^irsAvh^*, v:äS5> unr^r *T:r.^r. .V.:rr:i:r.l:ohor. l'>i:iirf: -ris-r £t*.>s» lahi a, 



ZUR ENTWICKKLUNG DER BiHD. LYRIK 185 

soust durch die bestehenden Verhältnisse genötigt, das wcib hart und 

kalt darzustellen, habe mit freuden die form des frauenliedes gewählt, 

um von dem zwange frei auch die natürliche Zartheit und hingebung 

des geschlechts zur erscheinung zu bringen. Aber von anderer seite 

ist dem bereits entgegnet worden, dass Voraussetzung und folgerung 

dieses gedankens in gleicher weise dem tatbestande widersprechen; 

denn bei den dichtem jener zahlreichen frauenlieder gibt es keine 

harte, stolze frau; imd widenim, wo das der fall, da ist die zahl dieser 

liedor sehr klein. Darum soll der ritter vielmehr anfangs, d. h. doch 

wol in Kürenbergs zeit, nur aus scheu das geständnis eigener zarter 

empfindung, den ausdruck sehnsüchtiger liebe der frau überlassen haben, 

für die er ihm angemessener erschienen. Die sprachliche form der botref- 

fendon stelle könte uns in zweifei versetzen, ob wir danach die lieder 

für werke von frauen ansehen sollen, oder der mänliche dichter darin 

der frau den ausdruck seines gefühles, oder ob er ihr den des ihrigen 

überlassen. Ernstlich aber kann man nach dem zusammenhange nur 

zwischen den beiden lezten auffassungen schwanken. Im ersten falle 

liesse der dichter also seine eigene selbstempfundene Sehnsucht — weil 

^r sich schämte sie einzugestehen — durch frauenmund aussprechen; 

^ann wäre man versucht, um die in jenen gedieh ten dargestelten begob- 

fiisso der Wirklichkeit entsprechend aufzufassen, die rolle der liebenden 

zu vertauschen, was sich bei einem liede wie ich xöch mir einen val- 

^'^^* u. ä. allenfals, unmöglich aber bei dem vom weibe auf der zinne, 

^'om zagenden liebhaber und dem prächtigen wip vile schone machen 

^^osso. Oder der Sänger brächte die empfindung der eigenen brüst zum 

ausdmck und befriedigte dadurch den poetischen drang, dass er statt 

seiner die geliebte frau von der ihrigen sprechen iiess. Ja, aber nicht 

*^^ scheu mit seinen eigenen empfindungen herauszutreten — welche 

^^J^tellung dichterischen gemüts ! — sondern weil er sie zu beobachten 

^JXd darzustellen weder neigung noch fähigkeit besass. Man hätte nie 

^^^ frauenstrophen eines Kürenbergers und eines Hausen auf eine stufe 

^^^llen und mit gleichem masse messen sollen, da doch ihre entstehung 

^^ gewissem sinne fast entgegengesezte Ursachen hat In denen der 

^^^ntlichen minnesänger, so hat man sehr wol bemerkt, findet fast 

^^^nahmelos die in den männei-strophen ganz vermisste liebende hin- 

S^oo der frau ihren ausdruck. Und warum? Das ist eigentlich bereits 

^^n ausgeführt Denn was des dichters ohr in der regei nicht zu 

^^t^n bekam, das erschuf sich sein sinnender geist, der das drängen 

^^^©r wünsche verstand. Wie die besungene sprechen könte, solte, 

^'^ ©e ihre Zurückhaltung erklären, ihm gewährung verheisson, ja 



18(5 STRIÜGHEB 

geben möchte: das ist in den frauenstrophen des der weit der tatsachen 
abge Wanten minnesängers niedergelegt, fast könte man sagen, weil es 
dieser weit nicht angehört Es gibt leute, die gehen mit bewegten 
lippen, ja zuweilen laut redend auf der Strasse; wer hätte es nicht 
an anderen bemerkt, wer sich niclit selbst einmal in lautlosem gespräche 
betroffen, wenn er auf wichtigem gange sich die anrede zurechtlegend 
darauf den erwünschten oder befürchteten bescheid im voraus veroimt 
und rede mit gegenrede wechselt, oder eine freudige gäbe heimtragend 
den dank vorher hört; oder wenn ihm, einen Vorwurf im sinn, die leb- 
hafte entgegnung des beschuldigten schon durchs ohr klingt, oder wie er 
eine mislungene Unterhandlung auf dem heimwege glücklicher noch 
einmal führt. Solches nachsinnen wurde dem minner, der darüber 
nicht rechts oder links sah, zum erleben und zur dichtung. So ent- 
standen Hausens, Reinmars und ihrer genossen frauenlieder. Ganz an- 
ders die früheren, als die phantasie mit diesem träumen und grübeln 
noch nicht vertraut, der dichterische sinn nur auf die aussen weit gerich- 
tet, das dichtende gemüt nicht mit sich und seinem treiben, sondern allein 
mit den ereignissen und wesen der sinlichen Wirklichkeit beschäftigt war. 
War aber die späterhin so üppig fliessende quelle jenen älteren noch 
unerschlossen, regte sich ihnen noch der drang nicht zum künst- 
lerischen ausdruck dessen, was im herzen vorgieng; so konten sie auch 
diese bewegungen selbst nicht zum gegenstände ihrer darstellung machen, 
sondern griffen notwendig nach aussen, zu den äusseren dingen und 
Vorgängen, die ihnen das herz zu freude oder leid mit allen Zwischen- 
stufen erregten. Und wodurch wäre das ebenso oft geschehen, wie 
durch die werte der geliebten? Was wunder also, wenn neben liebes- 
versicherung, mahnung, neckerei des ritte rs selbst ganz besonders die 
klagen und bitten der geliebten, ihre sorgen und schmerzen, wie ihr 
stolz und ihre freude, geständnis und botschaft, nachdem sie ihn ge- 
rührt oder erfreut, ergözt oder betrübt hatten, als dichtung und zwar 
in eben der gostalt, wie er sie aus ihrem munde vernommen, wider 
seinem bewegten gemüte entsprangen? Und die erklärung liegt so 
nahe, indem wir nur zu glauben und zu veralgemeinern haben, was 
uns für einzelne fälle vom dichter selbst eingestanden wird, der dem 
Spruche der frau durch die werte (so) sprach dax (minnecUche) tcfp 
(5, 6. 8, 16) selbst die angäbe der Urheberin hinzugefügt 

III. Walthcr im Verhältnis zum minncsang und zu der Siteren 

lyrik. 

Darstellung äusserer Vorgänge mit dem natürlichen Verhältnisse 
zwischen mann und weib war der Inhalt der ältesten deutschen liebes^ 



ZUR ENTWICKKLUNG DER MUD. LYRIK 187 

lieder; innere zustände und Vorgänge eines fast überreizten Seelenlebens 
auf dem hintei^runde unnatürlich zugespizter verkehrsformen sind 
gegenständ des späteren, romanisierenden, höfischen minnesanges. Es 
erhebt sich die frage nach der Stellung Walthors von der Vogel- 
weide zu beiden richtungen. 

Als er die laufbahn betrat, hatten auch in seinem vermutlichen 
vaterlande Österreich die alten weisen der Kürenberge dem neuen ge- 
scTimacke weichen müssen und mit Reinmar der höfische minnesang 
gerade hier am hofe der kunstliebenden Babenberger seinen höhopunkt 
erreicht Hier lernte Walther singen und sagen, und es ist daher 
natürlich, dass er als nachahmer Reinmarischer kunst begann, deren 
bewiinderer er nach dem zeugnis seines kostbaren klageliedes auf den 
tod des meisters in gewissem grade auch späterhin geblieben ist. Da- 
her versenkt auch er sich in die eigentümliche schattenweit der gedan- 
ken; er macht sein inneres zu einem sonderwesen, das sich von ihm 
trennen und zur angebeteten darae begeben kann: Mtn sckin ist hie 
^foch: so ist ir dax herxe min bi (98, 9 und ähnlich 44, 17). Ohne 
*^igen sieht er sie doch, denn das herz schickt äugen hin; die 
^ber sein rätselhaftes wort verwunderten hörer erhalten den bescheid 
(99, 27): weit ir taixxen, tvax diu oiigen sin, da rnit ich si sihe dar 
ellit^ lant? ex sind die gedankc des hcrxen inin: da mite sihe ieh 
dur niüre und ouch du?' ivant. Möchte ebenso auch die horrin 
^'"^derwilent bei ihm weilen! Hoft er ja doch zuversichtlich, dass sie 
gleich ihm (44, 15) vil dicke eilende ?nit gedanhen sei; und schon bei 

^^1* blossen einbildung, dass sie ihn siht in ir gcdanken 

^*^, muss er auQauchzen. Wenn doch anstatt des herzens er auch 
^Iber einmal leibhaftig bei ihr einkehren dürfte: hei sollen si xesa- 
'^^^CTie kamen, mtn lip, 7nin (nämlich bei ihr weilendes) herxe, ir beider 
^^^He! (98, 12). So kann auch er von sich sagen: xewdre n'ü)ischcn 
^'^*rfc 'waenen, dax hat mich dicke frö gemachet (185, 9) und nach trü- 
^^^ erfahmug sich trösten (95, 22): stme vil ich tröstes ie verlür: so 
'^' ich doch xe früiden wdn. Was eiii saelic ma?i vollenden 7nac, 
^^^ auch ihm versagt; aber mit fast rührender genügsamkeit fügt er 
^^^sem bekentnis hinzu (92, 7): doch tuot mir der gedinge wol und 

^^ wiUe, den ich hdn, deiehx noch erwerben sol. Fort und fort ge- 
^^txkt er ihr zu dienen (94, 6) ilf den minnecliehen u-dn und vor- 

^^hert (119, 5): dax enkünde nieman mir geraten dax ich schiede von 
^^'^^^ wäne, und wa« ist der grund solcher hofnung? Min gedinge 
***j lautet die antwort des minnesängers (14, 14), der ich bin holt mit 

^"^^fan tTtuwen, daxs otich mir dax selbe si. Auch die kehi-seite, die 



188 STREICHRR 

klage über die quelle seiner leiden fehlt nicht. Er ist des hangens 
und bangens müde, wie sein moister Reinmar (41, 35): Uexeti mich 
gedanke frl, son wiste ich niht umb ungemach. 

Ganz natürlich, da doch auch sein Verhältnis zur dame, seine 
Schicksale und erlebnisse in diesem punkte die des minnesängers sind. 
Eigenliehen will er ihr undertdn bleiben sein leben lang (120, 16), sie 
hat allezeit über ihn gewalt (109, 5), vermag ihm (109, 6) wol trüren 
wenden unde senden fröide mannicvaU. Ja al min fröide lU an 
einem wibe (115, 14) imd wider nü min fröide und al mtn heil, dar- 
xuo al min werdekeit niht wan an dir einer stät (97, 15), so singt 
er mit Reinmar und Hartmann. Aber gross ist die Zuversicht auf diese 
fröide auch bei ihm nicht, er betet daher (120, 32): nü viüexe ex got 
gefüegen so dax ich noch von wärefi schulden werde fro, indem er 
vorläufig zugesteht: noch min fröide an xwivel stät und zufrieden ist 
zu wissen, dass diit gnote ihm seine not mac vil wol gebiiexen: ob 
s^is unllen hat. Auch an sie selbst richtet sich seine bitte (97, 21) 
doch soll du gedenken, saelic wfp, dax ich nü lange Icumber hdn und 
mit berufung auf seinen dienst (97, 32) du soll mich, frowe, des ge- 
niexen Idn, dax ich so rehte hdn gegert Aber das freilich alles nur 
von ferie; denn er gesteht uns (121, 26) sivie dicke ich ir noch bi 
gesax, so wessc ich minner danne ein kind (vgl. 115, 26). Heisst es 
daher auch bei ihm (121, 3): ich kan ab endes niht geivinnen — ein 
grund für weitere, neue hofnung findet sich noch immer: darfimbe 
waere ich nü verxaget, wan daxs ein wenie lachet so si fuir versaget 
Dann kommen ihm seine gedanken zu hülfe und bauen das ganze 
luftschloss auf diesem felsengrunde auf, bis er am ende das verheissungs- 
volle bekentnis der vermeintlichen geheimen Zuneigung seiner dame 
aus ihrem munde zu erlauschen glaubt (113, 33): Ich minne einen 
rittcr stille; dem enmac ich niht versagen me de^ er mich gebeten hat: 

1 110)1 ichs niht, mich dunket, dax min nietner werde rät daz 

ichx iemer eijien tac sol fristen, dcst ein klage, diu mir ie bi dem 
herxen lac. Erwacht aus dem tröstlichen wahn wünscht er dennoch 
(119, 17) Got gebe ir ieiner gnoten tac und laxe mich si noch gese- 
hen, diech minne und niht erwerben mac: und was Hausens (z. b. 
47, 1) und Reinmars stolz war, kein böses wort gegen die hartherzige 
zu sprechen, des rühmt er sich auch (71, 31): cm ander man ex liexe: 
nü vofg ab ich, snie ich es niht genicxe. suax ich darumbc swaere 
trage, da enspriche ich nicjuer übel xvo, nxn so ril dax iehx kJage^ 
Ja er Übertrift sie noch fast durch die frage (97, 1): wer sol defn des ?m- 
xrn datic, dem von staetc liep geschiht, nimt der staete gerne war? 



KÜR ENTWICKKLÜNQ DXR MHD. L7RIK 189 

H^m an staete nie gelanc, ob vian den in staete siht, seht, des staeie 
ist liiier gar. Mit allen dicscu zügen, dem wähnen und sinnen einer- 
seits, der hilflosen hingebung an die gute, der anspruchslosen erge- 
buiig in die härte einer angebeteten herrin, dem ganzen kultus unge- 
lohnter liebestreue andrerseits steht der dichter durchaus auf dem boden 
höfischen lebens und seiner poesie. 

Ganz anders geartet sind die lieder, denen wir uns nunmehr 
zuwenden. Da beklagt der dichter (75, 25), dass die bunte weit grau, 
die Vögel stumm geworden und nur die nebclkrähe noch schreie. Wo 
er im sommer gesessen auf grünem rasen und blumen und kJoo zum 
kränze sprossten, da liege nun reif und schnee. Der arme mann 
'>eschwere sich über die winterkälte. Der sänger aber selbst liegt ver- 
drossen daheim und munuelt mürrisch: dax ich lange in seüier drü 
^klefnmet waere, als ich bin nit, ich wurde e mibwh xe Toberlu, 
Ij^nd wider klagt er (39, 1): Uns hat der tvinier geschadet über ai, sehnt 
5i<"h nach dem frühlinge mit seinen freuden: saehe ich die megde an 
^^r sträxe defi bal werfen! so kaeine uns der vogcle scfial, und möchte 
drum rersUifen des wi?iters xtt, tröstet sich aber damit, dass ja auch 
^^r weichen müsse: weixgot er lat doch dem meien den strtf: so li.^e 
trth hhionien da rtfe nü Ut Und wenn der mai gekommen, noch 
löäehtiger als der winter, und pfaffen und laien ausgehen, ihn zu 
"^grüssen, da bleibt auch er nicht zurück, traurige weisen anzustim- 
'^^^n, sondern ruft (51, 23) zum tanzen, lachen und singen und jubelt 
^iit allem volke dem xouberaere entgegen: Wol dir, meie, wie du srhei- 
^^ist allex äfie hax! tui^e tvol du die bmnne kleidcM utid die heide bnx! Wie 
^^ geheissen und im winter herbeigesehnt, so scharen sich nun die mäd- 
^h^n auf dem plan, den ball zu werfen und den reihen zu s(;hwingen, 
'lud der sänger ist unter ihnen. Einen kränz von blumen in der band 
^^^ er unter sie getreten, ihn einer wolgetdnen maget mit freundlichen 
^<^Hen darzureichen. Nicht vergeblich ! Nicht vergeblich auch hebt er 
^^ band zur beteurung empor, dass er ihr lieber gold und edelstein 
*^*s haupt sezte; denn das mägdlein vei'schmäht die gebotene gäbe 
'^^ht und dankt gar anmutig und sitsam gleicli einem edlen üäulein, 
, "'"^'öteiid wie die rose, die neben einer lilie steht, und gewährt ihm 
etlichen lohn. Es wird ihm so selig, wie niemals noch. Da tagt 
■ ^ er erwacht und die herlichkeit ist dahin : sie war ein träum. Aber 
^ bofhung, dem traumgesicht im leben wider zu begegnen, lockt den 
^ixteren tr&umer den sommer lang hinaus auf den plan, wo sich jenes 




I, bunte leben abspielt Ob die gesuchte darunter ist? Welcher 
^^'^^li wenn er sie erschauen solte, mit seinem kränze geschmü(»kt! 



190 STREICHER 

Rucket ftf die. hü^ie ruft er dnim unter die tanzenden. Und er wird 
die seine wol gefunden haben. Unter die linde auf der beide sind sie 
gegangen, wo die nacbtigall sang, er vor ibr, sie ihm nach, und er 
hatte inzwischen bereitet von bhiometi eine bettestat und sie mit tau- 
send küssen empfangen. Niemand hat die beiden bei einander gesehen, 
aber gebrochene blumen und gräser zeigen noch die stelle, wo ihr 
haupt gelegen, dem zum heimlichen ergötzen, der desselben pfades 
geht Welch mannigfaltig buntes, heiteres leben in diesen bildern! Da 
ist kein klagen und jammern, das uns teilnahmlos lässt oder gar ver- 
driesst, kein hoffen und trösten, dessen nichtigkeit wir durchschauen. 
Nicht schattenhaft schweben hier unsichere gedanken durch mauern 
und wände, sondern lebendiges, fröhliches volk tummelt sich in früh- 
lingslust auf grünem plan. Kein demütiger, wehmütiger minner steht 
im geiste vor seiner harten hcrrin, die oft unsem beifall erwirbt, wenn 
sie ihn abfallen lässt, sondern ein munterer sänger schreitet durch den 
kreis froher tänzerinnen, guckt allen t^dst under dougen und bringt 
seinen kränz zu unserer befriedigung nicht umsonst, während das niäd- 
eben zwar nicht den geliebten abzuweisen versteht und nichts von den 
grübeleien und bedenklichkeiten weiss, unter denen jene damen ihre 
hingäbe versagen oder erklären, aber dafür wie des Kürenbei^ges mägd- 
lein schamhaftes erröten kent. Als er vor sie tritt mit dem liebeszei- 
eben, heisst es (74, 32): do erschanipten sich ir liebten ougen. Nicht 
wahnfreude webt im trüben dämmerschein grübelnden sinnens ihre Wi- 
der, nicht halb unterdrückt wagt sich die, sei es ängstlich verhaltene 
oder bloss eingebildete, unwahre, immer aber zurückgewiesene, ein- 
geschüchterte empfindung einer zimperlichen, in den zwang unnatür- 
licher formen gebauten geselschaft hervor, sondern keck wird begehrt 
und lieblich gewährt, und ungehemt entquilt die jubelnde lust dem 
herzen freier, leichter menschen im hellen Sonnenlicht des wirklichen 
lebons. Kurz es erscheint hier erstens das weson der geschlechter und 
ihr gegenseitiges Verhältnis natürlich und unbeeinflusst von ritterlicher 
verkehrsform und sodann der dichterische sinn nicht auf sich allein , son- 
dern auf die aussenwelt gerichtet: d. h. die beiden kenzoichen des eigent- 
lichen minnesanges fehlen, und es berühren sich vielmehr solche lieder 
mit jenen vor dem minnesange entstandenen. Berühren sich aber frei- 
lich auch nur; denn wie hoch hat sie Walthers durch die schule des 
minnesanges gegangene kunst darüber hinausgehoben ! Dort der schlichte, 
treuherzige ausdruck ni(*ht ohne unheholfenheit, der gedankengang oft 
unterbrochen, sprunghaft — bei ihm die klarste folge und eine gewante, 
spielende, anmutige spräche; dort ungenaue reime und härten des vere- 



ZUR ENTWICEELÜNO DER MUD. LYRIK 101 

baues — hier die feinsten, biegsamsten melodieen; dort nur ein einzelnes 
bildeben, zuweilen mehr angedeutet als ausgeführt — hier eine sich 
entrvrickelnde, an gestalten und färben reiche handlung; dort halb 
iinbewnsste — hier die berechnendste kunst. 

Und was ergibt sich aus dem bisherigen für Walthers dichterische 
entwicklung? Dass man die darstellung unserer liederhandschrift, die 
ihn auf grund des bekanten gedichtes (8, 4) mit übereinander geschla- 
genen beinen zeigt, das haupt gedankenschwer in die hand gestüzt, 
die äugen vor sich hin gerichtet, mit unrecht als sinbild seiner dichtung 
ansehen würde. Denn so allein, in nachdenken verloren, den blick 
nicht hinaus, sondern hinein in die selbstgeschafne träum weit seines 
herzens geheftet, mit sich und für sich allein dichtend zeigt sich nicht 
Walther, sondern die minnesänger vor und zu seiner zeit Ihr blick 
^*Äh nur die neugefundene enge weit des eigenen innem, und dahinein 
schienen sie sich wie auf ein weit entferntes, einsames eiland mit der 
freude der ersten entdecker ganz geflüchtet zu haben. Walther nicht 
ebenso! Denn war auch ihm sein herz einmal eine solche stille Zuflucht 
gewesen, so fesselte sie ihn doch nicht auf die dauer und lag dem fest- 
bände näher, wohin sich daher sein wideraufgeschlagenes äuge wendete; 
^ald stand er selbst mitten im getümmel. Einige gewiss im anfange 
^iner tätigkeit entstandene lieder zeigen ihn noch ganz von dem zau- 
^^ befangen, der die minnesänger im umkreise ihrer innenweit gefan- 
^n hielt; die zulezt angeführten — deshalb aber natürlich nicht not- 
wendig die jüngsten — bilden in dieser hinsieht den gegensatz. Er 
ffibt die richtung an, die Walthers entwicklung nahm, und bezeichnet 
^ine stelle in der geschichte der dichtung. Während nämlich die dich- 
tung bis in Kürenbergs zeit nur objektiv darzustellen vermochte, die 
'Minnesänger aber sich den bereich des subjektiven erschlossen und 
'Mit einer wundersamen hingäbe pflegten, ist Walthers blick für den 
^Mgeren wie den weiteren kreis offen; nicht als ob er, ein äusserlichor, 
'^^^^^ kunstreicherer nachahmer des älteren von dieser betrachtungs weise 
^^ jener zurückgekehrt sei, sondern indem sein dichterischer geist beide 
^t^igkeiten als nur verschiedene äusserungen seiner kraft in sich ver- 
, ^nd und, seitdem sich seine eigenart herausgebildet, zu gleicher zeit 
'M Anwendung brachte. Das bezeugen die bei weitem meisten aller 
^^iner dichtungen, von denen man daher bei mangelhafter Überlieferung 
^1 dies oder jenes einem Reinmar, keines einem Meinloh, Dietmar, 
^'^ij'enbeig beizulegen in Versuchung kommen könte. 

Verfolgen wir die durchdringung dieser innerlichkeit und äusser- 
^^^^^Äkeit, nnd die anrede des mägdleins in dem lieblichen gedichte 



192 BTRRICHini 

Under der linden: da mu{fet ir rinden schone beide gelrrochen bluo- 
meji unde gras möge der ausgangspunkt der beobachtung sein. Von 
dem Unvermögen des minnesängers, sich trotz der bestimmung seiner 
lieder für den Vortrag in ritterlicher geselschaft in eine lebendige bezie- 
hung zum hörerkreis zu setzen, ist oben ausführlich die rede gewesen. 
Solte hier einmal Walther und leider in einem der anziehendsten lie- 
der der gleichen unbekümmertheit oder nachlässigkeit verfallen sein? 
Denn bedeuten die angeführten werte mehr als eine leblose wendung 
und soviel wie eine aufforderung des mädchens an zuhörer, hinzugehen 
und die stumredenden zeugen ihres bekentnisses zu suchen, müste dann 
nicht dem dichter entgangen sein, dass ein solcher aufruf nicht nur 
mit natürlicher Verschämtheit überhaupt, sondern auch mit ihrem so 
reizvollen und zarten ausdrucke in der schlussstrophe einen unverträg- 
lichen Widerspruch bildet? Er ist ihm entgangen, sonst wäre er ver- 
mieden worden. Aber nicht ein mangel an beziehung zum hörer kann 
ihn veranlasst haben. Denn gerade die lebhaftigkeit derselben unter- 
scheidet Walther von den minnesängem, und hierin stelt sich ein ein- 
dringen des Objektes in das subjektive dar. Treten auch bei ihm nicht 
immer nur lebendige menschen auf, ihn selbst sehen wir fast stets vor 
solchen stehen, mit ihnen sprechen, was seinen dichtungen in beson- 
derer weise den schein der unmittelbarkeit, des lebens verleiht Er 
spricht von seinem tröste, nein, einem kleinen troesteUny das ihn in 
seinen zweifeln erfreue, und fügt zaudernd hinzu (66, 3): so kleiftey 
sivenne ichx in gesage, ir spottet min. Er fragt in den kreis hinein 
(69, 1): Saget mir ieinan, waz ist minne? . . der sich bax denn ieh 
versinnCy der berihte mich.,! gibt sich dann selber den bescheid min^ie 
ist minne, tuot si wol: tiiot si we, so enheixet si niht rekle niinfie 
und bedingt sich nun, willens diese antwort zu erklären, zuvor im 
falle des ein Verständnisses die Zustimmung der hörer dazu so aus: Obe 
ich rehte raten kihnie, waz diu minne si, so sprecJiet denne ja! Ein 
andermal wird frauenschönheit über frühlingspracht gepriesen, und die 
anwesenden mit der behauptung überrascht, wenn eine edeliti frotace 
schocne reine durch die menge schreite, so Hessen sie alle blumen 
stehen, um das werde ivtp zu schauen. Und da man doch nicht recht 
einvei-standen scheint, so fordert er, für seine pei-son über die wähl 
im reinen, auf, es alsbald zu probieren (46, 21): Nu wol dan, weit ir 
die ivdrheit schon wen! gen 2mr xuo des meicn Jiohgexite! Wider 
vergleicht er die Schönheit der horrin mit einem köstlichen gewand, 
das sie angelegt; und als könne ihr in den sinn kommen, ihn wie 
einen fahrenden zu belohnen, erklärt, er, gegen seinen gebrauch solcl^ 



ZUR ENTWICKFLÜNQ DER MHD. LTRIK 193 

ein getragen kleid fürs leben gern anzunehmen, dem zu liebe spielmann 
zu T^erden, auch ein kaiser nicht erröten würde (63, 5). Vor ihm aber 
sass gewiss, als er dies zuerst sang, der kaiser in der tat; denn um 
die Wahrheit seiner Versicherung zu erweisen, ruft er: da, heiser, spil! 
und man meint den angeredeten aufstehen und nach der hingehaltenen 
leier greifen zu sehen; da bereut der sänger das gefahrliche spiel und 
zieht sie bestürzt zurück: neiii, kerre keiner, ander sivä! Diesen verkehr 
mit der Zuhörerschaft, an deren ohr sein lied klang, hat kein minne- 
sänger vor Walther gekaut. Schienen sie blind vor ihr zu stehen, so 
sieht ihr Walther in die äugen, bemerkt ihr fragen und vei-wundem, 
Zustimmung und Widerspruch und kann nicht anders, als sich an sie 
wenden. Meist erhöht dies den reiz seiner dichtung, in dem gedieht 
vom mägdlein unter der linde tut es ihm entschieden eintrag. Was 
des mädchens herz beglückend erfült, vernimt niemand; nur der dich- 
ter hört es, weil er den vorzug hat, auch ungesprochene werte zu deu- 
ten. Er will andere mit dem erlauschten geheimnis erfreuen und das 
Selbstgespräch widergeben, wie ers gehört. Allein die selbstverleugnimg 
ff^lingt ihm nicht ganz; denn offenbar spricht aus den werten der 
anrede statt des mädchens der dichter selbst, der sie vorträgt. Und so 
^heint das mädchen statt des dichters aus ihrer stillen kammer als 
declamatorin unter einen zuhörenden kreis versezt; oder, anders aus- 
gedrückt: der Sänger hat die Wirklichkeit seiner läge beim vortrage 
^men augenblick deutlicher und lebhafter gefühlt als die ei-findung sei- 
'^^ gedichts. 

Der misgriff ist eine lehrreiche ausnähme. Immer glücklich aber 
l^zeugt sich Walthers objektives anschauungs- und gestaltungsverraögen, 
^^dem es die von früheren minnesängern auch wol, aber nur schatten- 
haft begrüsste Minne, desgleichen die Staete, die Maxe, den Meie 
lind andere phantasiegebilde belebt. In einer betrachtung über den 
'^^rten druck ungelohnter treue entringt sich ordentlich der gequälten 
*^^le die flehentliche bitte (96, 35): Lät iuich ledic, liebe min fro 
^^^^te! Der mai, als habe er sich wirklich eingebildet mit seiner pracht 
*^ll>st frauenschöne zu übei-strahlen , muss den spott hören (46, 30) her 
^^*«, ir milexet merze sin, e ich min fronen da verlür. In liebesnot 
'^öcht der dichter mit beweglichen worten die minne zu seiner fürbitterin 
^^^9, 25): Silexe Minne, sagt er, sit nach dinier süexen lere mich eiii 
^^p also betvmngen hat, bite si^ daxs ir nvplich güete gegen mir 
^^e; er bewirbt sich um ihre bundesgenossenschaft (98, 36): Nu frowe 
"^*»»we, kum si minncclichen an, diu mich tunnget und also betuun- 
9*** häL Erau Minne wohnt in seinem herzen, hat den sin daraus 

"" jr. DVÜTSOHS PHILOLOGIE. BD. XXIV. 13 



194 STBRICHER 

vertrieben und zur herrin gesant, darüber beschwert der dichl 
bei ihr (55, 12): tvie künde ich äne sin genesen? du vxmest a 
staty daW inne soUe wesen: du sendest in du wei^t taol war. d 
er leider nikt erwerben , frowe Minne, Seufzend macht er ih 

den verschlag: du soUest selbe dar erdringest du da dine 

lä mich in, dax tvir si mit ein ander sprechen, und so dringe 
er: Oenäde, frowe Minne! ich toil dir umbe dise boteschaft g 
dlnes u^llen vil: ivis tmder mich nü tugenthaft, so vorwurfsv< 
er: Oenaedeclichiu Mhme , lä: war umbe tuost du mir sd we? 1 
mit versprechen und fasst sie schliesslich bei der ehre, um sie 
reizen exn wart nie slox so manicvalt, dax vor dir gestiUnde 
meisterinne, tuo üf! sist ivider dich xe baU. Dies gedieht is 
besonders lehrreich, indem es den engsten Zusammenhang ^ 
mit der bisherigen minnepoesie aber auch seine eigenart, die a 
liehe lebhaftigkeit seiner erfindung deutlich aufweist Das gel 
ner phantasie erscheint nicht wie sonst z. b. in Hausens sie 
vergleich bietenden kreuzfahrtsliede (47, 9) bloss als des dichtej 
res neben dem dichter, sondern neben dichter und innerem (. 
ein drittes, ursprünglich auser ihm vorhandenes. Man erkent ( 
schiedenheit des dichterischen Vorgangs, dort das unvermögei 
andere, hier die absieht, gerade diese gestalt zu erfinden; ei 
ja auch die treue, koute — etwas gewiss ausser ihm liegen 
den mai, konte auch fremden hax und nit ebensowol als 
liehe wesen darstellen. Diese beiden werden einmal angeredet 
ir spehere, so ir niemen stowten fniiget erspehen, den ir verk 
hebt iuch hein in iiaver hüs. Auch das ihm unfreundliche 
Avii'd verkörpert als frö Sajide, die ihm immer den rücken 
und ihn nicht ansehen mag. Louf ich hi?i umbe, icJi bin doa 
hinder ir, heisst es da (56, 1); und das anschauliche bild wird 
dem schalkhaften wünsche festgehalten: ich woÜe, dax ir ouge) 
nacke stiienden: so müest ex an ir da?ik gescheiten, Denselb 
für anschaulichkeit bezeugt die vor Walther unbekante ausfühi 
über weibliche schönhdt und die äussere erscheinung der frau, 
der deutlichen Schilderung der einherschreitenden (46, 11), wies 
gekleidet unde wol gebunden . . . xuo vil Hüten gät hoveUche 
getmiot, niht eine, umbe sehende ein wenic under stunden. 

Auch in seiner Stellung zur besungenen dame und zur di 
geselschaft überhaupt ist Walther in dieser mehrzahl seiner höfische 
kein minnesänger im älteren sinne, und sein selbstbewustsein erins 
mehr an den mann in den frühesten liedem. Er bleibt ein verd 



ZUR ENTWICKELUNQ DKR MHD. LYRIK 195 

frau, doch seine spräche gegen sie hat die fügsame Unterwürfigkeit 
eines Hausen und Reinmar abgelegt. Wenn jene nur schüchtern die 
bittende vemiutung gewagt, der schoene ihrer herrin werde genäde 
auch zugeselt sein, so tritt der ähnliche gedankc bei ihm als entschie- 
dene mahnung auf (121, 6): Si sehe, daxs innen sich beivar — si scM- 
nei Uten fröidenrtch — dax3 an den siten ikt irre var, die er ilir als 
höfliche erwartung ins gesicht widerholt (86, 4): hat ir, als ich ynich 
vertvaene, gilete bi der ^voJgetaene, wax danne an iu elfter eren Ut! 
Er hütet sich vor grossem lobe, ja kent fehler an ihr; und bestehen 
sie auch nur darin, dass (59, 25) si schadet ir vinden niht und tiwt 
ir friunden wCy so hat er doch auch ausser schoene und ere keine 
tagend zu preisen. Und im gefühl, weder ihr noch andern damit 
genug zu tun, schliesst er kurz und fest: ich seit iu gerne tuseni: 

ir^n ist niht me da wax ivil si mere? hiest wol gelobt: lobe an- 

d^rswd. Selbst vollen tadel müssen sich die sonst so hochgelobten 
gefallen lassen (91, 1): Lät mich xuo den frouwen gän: so ist daz 
^^n aller meiste klage, so ich ie mere xtihte hän^ so ich ie minre 
^^^rdekeit bejage (vgl. 48, 25). Für die sanftere äusserung dieser selbst- 
gewissen Überlegenheit besonders bezeichnend ist das hübsche lied 
(ö2, 26), in dem er einen ausspruch seiner dame gegen sie selbst wen- 
^et: Swer mir beswaere mtnen muotj dax ich den mache wider frö, 
s*^ Ihr zu mir, nun diit lere, ob si mit trimven st, dax schtne an 

• 

^^' ich fröuive iuch, ir beswaeret mich: des schämt iuch, ob ichz 

^^den getar, lät iuwer wart niht velschen sich und werdet guot: so 

habt ir war. Man merkt überall, dass ihm die sache gar nicht so 

^^^hrecküch tief geht, wie es die minnesänger von sich ohne aufhören 

^^d augenscheinlich aufrichtig versichern. Der ernst und die selbst- 

"^"^nisste würde dieses mannes sträubte sich offenbar ereßfen die oft 

epische gnadenbettelei und sein auf Wahrheit und natürlichkeit gerich- 

^^^ sinn gegen die unnatur des geselschaftlichen frauendienstes. Treue 

^*^öe wandel, wenn auch ohne lohn war der Wahlspruch des minne- 

^'^gs; die zu lieben, die ihn wider hasste, das immer von neuem 

*^klagte loos des einen wie des andern. Walthers stolz kent solche 

^©be nicht, und seine meinung lautet vielmehr (69, 10): Minne ist 

^'^^eier herzen tviinne: teilent si geliche, söst diu minne da, olme das 

Y^r nicht; denn (51, 7) eijies friimdes minne diu ist niht, da ensi 

^^ ixnder bt minne entoue niht eine, si sol sin gemeine. Und ist 

^*^^ das glück so wenig hold wie jenen, dass die vielgeliebte und viel- 

S^bta seine lieder doch nicht erhören will, so fragt er unmutsvoll 

^^* V^i tcaenet si, daz ich ir liep gebe mnbe leit? sol ich si dar 

13* 



196 8TRKICHRB 

umbe Huren, dax six wider kere an mtne unwerdekeit? oder erkent 
empört (40, 22) owe danne, so han ich getobet, dax ich diu geHuret 
hän und mit lobe gekroenei, diu mich tvider hoenet Nicht einmal 
lange warten mag er, sondern drängt (69, 16): wellest du mir helfen, 
so hilf an der xtt, st ah i^h dir gar unmaere, dax sprich endeUche: 
so lax ich den strit unde udrde ein ledic man, Muss er aber eifer- 
süchteleien von ihr hören, so stelt er sie vor die wähl (71, 7): wü si, 
dax ich andern wtbe?i widersage, so laxe ir min rede ein wSnic box 
gevaUen; denn sein grundsatz ist hier wie in andern dingen (49, 16): 
swä ich niht verdienen kan einen gruox mit mime sänge, dar ker ich 
vil herscher man miyien nac od ein min wange, dax ktt: mir isi 
umbe dich, rehte als dir ist uinbe mich und er komt zum beschluss 
ich wil min lop keren an wtp die kimnen danken: wax hän ich 
den Überheren? Und wirklich hat sich ja der Sänger zeitweilig ihne 
abgewant, um die köstlichen lieder zu singen, von denen oben die red 
gewesen ist 

Sein gegensatz zur herschenden richtung war kein ihm unbewus^* 
ter. Das beweisen zahlreiche stellen. So, wie es scheint, gleich 
erklärung (95, 27): Muox ich nü sin nach wäne frd, son heixe i 
niht xe rehte ein saelic man, ohne zweifei aber die häufige rechtfox-— 
tigung seiner abkehr vom höfischen minnedienst. Er nimt gelegenhd 
den tadel derer abzulehnen, die ihm verwtxent, dass er seinen 
so nidere wende (49, 31): dax sie niht versinnent sich, uxix Hebe 
des haben undanc! sie getraf diu liebe nie, die nach dem guote u 
nach der schoene minnent, tve tme minnent die? Er bestreitet 
recht, ausscldiesslich die froutve, die darae von edler geburt zu ehr^ 
weil manche den namen führe, die den namen w^p nicht verdiexi^ 
während jedes wip auch frouwe zu heissen wert sei (48, 38). So hol>^ 
sich sein liebeslied vom dienst einer herrin zur Verehrung der wiph^^ 
(49, 1), reiner Weiblichkeit, der frauenwürde, des ganzen weiblich^^ 
geschleciits ^ Alle frauen zu ehren ist erst die aufgäbe von Walthex« 

1) Denn wir hören die Vorgänger Walthers, einen wie den andern, immer von 
neuem versichc^m, dass ihn die eine des Jierxen , . . beraubet gar für elliu Uf^P 
(MF 42, 9), dass er um ihretwillen nichts frage nach allen andern frauen (103,5), d»^* 
sie allein ihm vor allen andern wiben im herzen sei tag und nacht (114, 37), ds^s 
er rür si nie kein wtp crkos (160, 11), doch sie vür elliu tcip (43, 14. 197, ^• 
47, 12. 50, 31. 103. 12), und Reiiimar verteidigt das recht solcher versichenu^- 
Dergleichen äusseruiigen sind aher so überaus zahlreich — man brauoht jert nur ä'*^ 
die Zusammenstellung bei Meyer Ztschr. f. d. a. XXIX, s. 157 zu verweisen — dass di® 
wenigen stellen, wo Fenis (81, 25) durch si yuoten wiben zu dienen meint, Ad«!^' 
bürg (148, 13) ebenfals um ihretwillen yviU. vren elliu wtp und Reinmar (18^ *^ 



ZÜB XNTWICKKLUNQ DER MHD. LYRIK 197 

gereiftem und abgeklärtem miiinegesang, dem die einschränkung, die 
gtdat^n von den bösen (58, 35) zu scheiden, wol angemessen erscheint. 
ifit diesem vorbehält wird es dann als losung ausgegeben (99, 11): dux 
mat% elUu wip sol eren und iedoch die besten bax. Diese gesinnung 
spricht auch aus der erklärung (45, 14): ich7i gelobe si niemer alle, 
siaiex den lösen missevalle, sine werden alle guot Nicht seine frmve, 
sondern die frauen, gtioiiu wip, belehrt, ermahnt, tadelt er, wie er 
alle lobt, allen dient; an sie heisst er den gedenken, der in heimlichen 
sorgen sei; um ihretwillen erteilt er die Weisung (93, 11): er tuo dur 
eitler mllen sÖ, dax er den andern wol beJiage, und mit hochgefühl 
spricht er selbst von seinem lobe deutscher frauen. Und auch das 
gehört zu den punkten, wo sich Walthers Objektivität den minnesän- 
gern gegenüber betätigt; pflegte ihre phantasie, um andere unbeküm- 
mert, nur den dienst der einen, so folgt Walthers lied seinen äugen, 
die sich von einer zu andern und allen richten. Spottet er nicht im 
hinblick auf die veraicherungen der minnesänger, wenn er ungelohnter 
liebesmühe überdrüssig einmal die abweisende fragt (71, 5), was es 
ihm denn nütze, dass er sie rainne vor in allen? Sehr wahrschein- 
lich, dass auch das Streitgedicht (111, 23; Eeinmar MF 159, 1 fgg.) 
gegen solche Übertreibung gerichtet ist und die noch nicht ganz auf- 
geklärten werte der unmässigen an der konventionellen härte der dame 
danklos abprallenden lobrednerei der minnesänger den ihm ohne diese 
zu teil werdenden liebeslohn entgegensetzen. Derselben gewohnheit 
^ui verständigen lobes galt sein kurzes hie ist wol gelobt, lobe ander sivd, 
t>esonder8 aber der scharfe spott (61, 24): ich wil lip und vre und al 
*w£n heil verswem: tvis künde sich deheiniu danne min erwern? 
Von selbst fallen einem die so exaltierten beteurungen, wie Albrechts 
^on Johansdorf (MF 87, 9) ein: swenne ich von schulden era)me ir 
^^n, so bin ich vervluochet vor gote als ein heiden; aber auch die 
^iderholten auftichtigkeitsversicherungen Reinmars (165, 19. 170, 21). 
Wol mit recht hat man in einer solchen eine ausdrückliche entgegnung 
*^f den erwähnten angriff Walthers gesehen, und sie ist geeignet, die- 

^d. 202, 35) verlangt wir suln alle froicen eren (doch vgl. 183, 24) oder sich trö- 
'^^i wenn sein dienst unnütz sein würde, so sin doch geret eil tu wip, dass diese 
^'laaahnieii nicht für die regel gelten dürfen und es ein irtum war dies elUu wip 
^«n sogar das Stichwort der höfischen Säuger zu nenneu, während es dem minnesang 
ebenso wenig ursprünglich angehört wie die tröstliche betrachtung über die orzieh- 
*Ache Wirkung des minnedienstes und eine blosse einbildung und phi-ase ist, wie die 
*^emeine klage über den alleinigen miserfolg. Wie könto sich Reinmar mit recht 
'^en trotz lauter undank von wtbcn nie übel, immer wol zu sprechen, da er ja 
'^^ nur einer dient, nur von einer den undank erfährt? 



198 8TREI0HKR 

sen zu erläutern. Reinmar sagt nämlich (197, 3): wax imviäxe ist 
daX', ob ich des hau gesivoni, daz si mir lieber si dan eUiu tüip'^ 
an dem eide ivirdet nieuier hdr verlofm: des setxe ich ir %e pfände 
mtnen hp und lässt raten, an wen sich seine frage wendet, denn er 
fährt fort: si jehent — die lidhgeimwten nent sie der demütige anders- 
wo (165, 19) — dax ich %e vil geredc von ir und diu liebe »i m 
lüge diech von ir sage. Aber ihm und seinesgleichen entgieng ja eben 
das iinnatürliclie und auch bei offenbarer aufrichtigkeit doch im gründe 
genommen unwahre ihrer beteurungen, Walther empfand es und das 
gab ihm das bewustsein des gegenwärtigen gegensatzes. Aber im mikla- 
ren über die volzogene Umwandlung seiner eigenen poetischen an- 
schauung liält er freilich nunmehr das für unaufrichtig und unwahr^ 
was doch auch ihm ehemals aus dem herzen gekommen war. Das ist 
die Unwahrheit, deren trägern als lügenaeren das testament des dich- 
tere seine sivacre verschreibt (61, 3): min unsi?inen schaff ich den du 



mit vekche minnen, während den frauen statt des wolgefallens an sol 
chen diensten nach herxeliebc senendüi kit zugedacht isi Denselbei 
lügenaeren galt die schwere beschuldigung (44, 30): unsiaete, schäm 

Sünde, tinere, die rdient sie stvä man sie ftoeren wil . . . dax mirt noc h 

maneger froivcn schade. Man sieht, er hat auch die sitlichen wide* ,jM- 
sprüche in dem gedankenkreis des minnesängers erkant imd glaubt vczzdd 
sich sagen zu dürfen: ich sanc von der rehten mi?me, dax si wae=— re 
Sünden fri: und das ist die, die er oben den frauen zu hinterlass^^n 
wünscht. Von diesem Standpunkte Walthers war übrigens nur <==*^ in 
schritt zu Wolfram von Eschenbachs lobe der eigenen hausfrau. Ei^B^d- 
lich werden auch Walthers oft widerholte beschwerden über da^ a^-ias- 
sterben der freudigkeit in der weit und die endlose traurigkeit at^uf 
eine algemeine Verstimmung und bedrücktheit zielen, die als eine folge 
des undankbaren dienons und singens eintrat. Die rührende klc»ge 
(120, 10): oince deich niht vergexxen mac, tvic rehte frö die li-^^ie 
wären könte dann vielleicht als zeugnis dafür dienen, dass der didm*er 
in seiner Jugend noch die ausklänge des älteren, natürlicheren, leiclit- 
lebigeron gesanges vernommen hat. 

So wendete sich Walthei-s minnelied vom träumen zum lel>^n- 
Aber das leben bot seiner dichtung viel mehr als nur minne. W^^^ 
er einmal als bedingung für die widcrherstellung seiner lebensfre^J^Jo 
die beiden punkte nent, dass werdeut Husche liiäc uHder giiot uT9de 
troestet si mich, diu mir kide tnot (117, 5), so ist das schon eine ßr 
Reinmars dichterischen gedankenkreis unmögliche zusammensteliunf' 
Geradezu verletzend aber muste diesem die geringe Wertschätzung des 



ZUB ENTWiCKSLUNa DEB MED. LYBIE 199 

lei<3hen gegenständes vorkommen, die des diehters erklärung an frau 
[ii^iie ausspricht (58, 19): »i besuoche, wä die sehse sin: von mir hdts 
^ der Woche ie den sibenden tac. So hat sich in der tat Walthers 
Lolitung vom engen kreis des eigenen weltvergessenen, minnenden 
lixoren zur behandlung der sitlichen und politischen dinge und bege- 
emheiten erweitert im natürlichen fortlauf der beobachteten entwick- 
le ng-. Und die anregung dazu fand er nicht allein in der ihm 
Lg^ntiimlichen begabung, sondern nicht zum geringsten auch in den 
»^».ndelungen seines äusseren lebens. Nach herzog Friedrichs tode aus 
nl>ekanten gründen vom österreichischen hofe veretossen, aus behag- 
iclier Sorglosigkeit und einer zu beschaulichem insichselbstversenken 
inladenden ruhe herausgerissen, begann Walther im gegensatz zu Rein- 
nsir und, soviel bekant, allen früheren minnesängem ein unstätes zie- 
len und wandern, reich an mühen, sorgen, entbehrungen, enttäuschun- 
^n, das wol geeignet war, ihn nachdrücklich mit den gestalten imd 
ereignissen der wirklickeit in berührung zu bringen. Er hat am hofe 
könig Philipps geweilt, ist mit kaiser Otto gezogen, hat Friedrich IL 
begleitet; er ist bei Hermann von Thüringen und Dietrich von Meissen 
eingekehrt, wider nach Wien gekommen, hat den grafen von Katzen- 
ellenbogen aufgesucht, ist beim Passauer bischof gast gewesen, hat an 
die klosterpforte in Tegemsee geklopft und wer weiss wo überall noch, 
worüber uns keine nachricht geblieben ist. Mehr als zwanzig jähre 
sahen ihn in dieser läge, heimatlos von land zu land, ja von burghof 
zu burghof ziehend und gewiss oft am morgen noch zweifelnd, ob er 
Zur nacht freimdliche herberge finden werde. So glich sein leben dem 
®^nes fahrenden Sängers, wie ihrer viele damals, männer aus dem volke 
^d nicht ritterbürtigen geschlechts, im lande umherstreiften, in städten 
^i dörfem gern gesehen, auch auf bürgen ritterlicher herren zuwei- 
^^D nicht unwilkommen. Sic spielten zum tanz auf, priesen die gön- 
^®^) schalten die feinde und trugen sätze einfacher lebensweisheit vor, 
^^t xum trost oder andern zur mahnung. Dieselben mühseligkeiten 
^^d freuden wie sie, reizten auch Walther zum poetischen ausdruck 
^^ Schufen eine spruchdicht ung, die, an geist und edler kunst Sper- 
^^göl und Hergers sänge natürlich weit überlegen, erst recht das volle 
^^derspiel zu der sich in sinnen und träumen verlierenden über- 
^^'^englichkeit des minnegesanges ausmacht Gleich dem fahrenden 
f^St er am frühen tage seinen morgen- und reisesegen (24, 18), wie 
^^J* aus späterer zeit viele auf uns gekommen sind, preist wie meister 
^Pervogel (MF 26, 20. 27, 12) des wirtes glück und klagt die not des 
ß^W Er bittet hier und bittet dort um gastliche aufiiahme oder um 



200 STREICHES 

lohn für seinen gesang, bei kaiser Otto und Friedrich um ein leben; 
er daakt dem Bogner, dankt dem Meissner für empfangene gäbe und 
jubelt kaiser Friedrich dank, als der ihn belehnt. Er verständigt sich 
mit dem herzog von Kämthen, der ihm mehr versprochen, als er hal- 
ten konte, trift mit herbem spotte den abt von Tegemsee, bei dem er 
wenig gastfreundlich aufgenommen worden war, verlangt energisch und 
selbstbewusst lob vom Meissner, den er zuerst gelobt habe: nach dem 
grundsatze des spielmanns (MF 21, 13. 21), dass ein narr sei, wer dem 
kargen manne, da ex äne lo7i betihet, diene. Wie der bürgerliche Sän- 
ger es halbes lob nent (MF 20, 1 — 21, 4), wenn einer draussen gibt 
und zu hause geizt, einen toren schilt (21, 31), swer ffuot vor eren 
spart y wie er (22, 5) erklärt swem dax gnot xe herzen gdt, der gwinnet 
niemer ere: so mahnt Walther die herren in Ostreich (36, 1), die im 
sparen ihrem herzog gefolgt waren, da es an der zeit war, nun nach- 
dem jener freigebig geworden, sein beispiel auch nicht zu vergessen; so 
rät er dem vom kreuzzug zurückkehrenden Leopold (28, 70) auch daheim 
zu sorgen, dax ieman spraeche, ir sohlet sin beliben 7nit eren dort; so 
lehrt er (103, 10): inaiieger schinet vor den frömden guot und hat 
doch valschen muoL wol im xe hove, der heime rehte tuotl so end- 
lich singt er wider und wider den segon edler freigebigkeit. Aber 
auch hier geht Walthers beobachtung vom engen ins weite, vom eig- 
nen ins algemeine. Die üblen zeiten, da die (24, 10) jungen frecher 
xungen pfiegent und schallent unde scheltent reine frouwen, da das 
guot höher gilt, denn ere und gottes huld, der vater bi dem kinde 
tmtriutve vi?idet, der bruoder sinem bnioder liuget, geistlich leben in 
kappen triuget (21, 34), da friede und recht darnieder liegen, gewali vei't 
üf der strdxe und untriuire auf der lauer liegt (8, 24), rufen seine mah- 
nung zu strenger, weiser kinderzucht, sein gebet an gott um bessere 
söhne für die schlechteren väter hervor. Durch himmelszeichen von 
angst vorm lezten zome erfült, lässt er sein lautes nü wachet unter 
die schlafende menschheit erschallen. Hübsch bescheiden und nicht zu 
hoch hinaus, ist seine lebensregel; die sechs soll sich nicht zur sieben 
machen wollen. Manliehiu wip, wipliche inav , pfa fliehe ritter, rit- 
terliche pfaffen sind ihm gleichermassen verliasst. Drei dinge machen 
die grundlage menschlichen glückes aus: gut, weltliche ehre, gottes 
huld (83, 27. 20, 25), eine lehre, aus der man den niiniiesänger nicht 
mehr erkent. Wenn menschenwert in frage konit, so gilt bei ihm: 
amien maii mit gnoten sifincn sol man für den ?'ichru minncn (20, 22) 
Er preist den, der sich selbst zu bezwingen vermag und alliii sinin 
lit i?i huote bringet; er wird ein warmer lobredner der freundschaft 



ZÜB SNTWlCKELUNe DER MED. LYBIK. 201 

Überall spricht eine reiche und reife erfahrung, der heiligste eifer für 
Sache, der ernst eines grossen, edlen, für die wahren guter des 
erschlossenen geistes. Die schönsten und lebensvolsten erzeugnisse 
es geistes aber gelten dem nach seiner Schätzung höchsten der guter, 
irdischen wenigstens, seinem seit kaiser Heiurichs tode von unauf- 
ichem büi^rkriege zerrissenen vaterlande. 

Ton dem engen halbdunkeln gedankenkreise der minnosänger 
Walther aus, um ihn durch eifrige beziehung auf den hörer und 
fülle und sinliche anschaulichkeit von dingen imd gestalten — den 
eigentümlichen vorzug der frühesten epoche lyrischer dichtung — zu bele- 
^ zu bereichem und zu erhellen, seine kunst im bewussten gegensatz 
r und mehr aus den schranken geselschaftlichen gebrauchs zu natür- 
^n Verhältnissen zurückzuführen und ihr endlich statt des bisher 
allein üblichen gegenständes neue aus dem ganzen bereich des sitlichen 
'^^i^ des politischen lebens zu erschliessen. 

In der entwickelung unserer lyrik geschah von Kürenberg zu den 
ält;^reii minnesängem der erste, von ihnen zu Walther der zweite 
sohi-itt Es ist schwer zu sagen, welches der bedeutendere gewesen; 
das unterliegt wol keinem zweifei, dass Walther mit den früheren 
nesängem mehr gemeinsamen boden unter den füssen hat, als diese 
i*^it: ihren — volkstümlichen — Vorgängern. 

BERUN. OSKAK STREICHER. 



:n:eue belege füe den gebeauch von thäte = 

med. entete bei luther ' 

1) Luther Wider Hans Worst 1541 bl. M" (in Knaakes neudruck 

Halle 1880 s. 54): y^Ja viel dings [unsre gegner] selbs jtxt leren, das 

^*ß xutior verdam.pt j dazu nichts xu leren hetfeii, wenn vnser Bücher 

^^tten^. Die Braunschweiger Volksausgabe bd. IV 1890 s. 312 um- 

^breibt richtig: ^wenn nnsere Bücher nicht daimren^\ während der 

sonst in der Utteratur des 16. Jahrhunderts wol bewanderte pf. Bessert 

^^ seiner besprechung dieser ausgäbe im Theol. litt, blatt 1891 sp. 164 

in unkentnis der jüngst über diesen Sprachgebrauch geführten Ver- 
edlungen — hier völlig irre geht 2. 

2) Auslegung von Joh. 6 — 8 (1530 fgg.) Erlanger ausg. 47, 230: 
"»^^nn wo die Verfolgung nicht thäte , so würden wir tvohl so arg 

1) Vgl. diese zeitschr. XXITI, 41. 293. XXIY, 41. 43. 2) Bei der korrektur 
^^^^e ioh gewahr, dass diese stelle inzwischen auch von Köstlin XXIV, 41 mitgeteilt ist. 



202 KAWSRAU, TRÄTE = ENTETE BEI LÜTHKB 

und böse sein, als unser Widersacher^. Diese schrift erschien gedrucl 
zuerst 1565 im IL bd. der Eislebener siipplementbände Aurifaber 
das ^nicht^ ist vielleicht erst zusatz des bearbeiters und herausgcbei 

3) Vermahnung an die geistlichen, versamlet auf dem reichst! 
zu Augsburg 1530, Erl. ausg. 24 ^ s. 362 fg. y^Und hätten wir ge 
than, ich sorge wahrlich, cur Oelehrten tcären der Sachen xu schirai 
gewesen — ". Auch hier ist zu erklären: Und wären wir nicht c 
gewesen — . Dies beispiel ist besonders dadurch interessant, dass hi< 
diese bedeutung des verbums tun mit ausgelassener negation, die i 
allen bisher nachgewiesenen beispielen nur für den einfachen conj. pri 
belegt war, auch in dem conj. der plusquamperfectumschreibung vo 
komt, die ja almählich in bestirnten fallen für das einfache präteritu; 
sich eindrängte. 

KIEL. ö. KAWERAU. 



EIN BRIEF GOTTSCHEDS AN DEN KÖNIGSBERGEE 

PROFilSSOR FLOTTWELL. 

Auf dem archive der hiesigen, nun fast ein und ein halbes jahi 
hundert blühenden königlichen deutschen geselschaft befinden sich i 
einem fascikel „Acta die vermischte Correspondenz der Gesellschaft en 
haltend. Vol. P (von mir fortan K. V. C. I. citiert) 17 briefe Got 
scheds an den Königsberger professor der weltweisheit und deutsche 
beredsamkeit Coelestin Christian Flottwell, der seit 1750 zugleic 
das amt eines rektors an der kathedralschule bekleidete und am 2. j 
nuar 1759 starb. Der erste jener briefe führt das datum des 21. auga 
1743, der lezte ist am 19. juli 1752 geschrieben; mit ausnähme vc 
dreien gehören sämtliche stücke den jähren 1744 und 1745 an. Da. 
diese briefe nur einen kleinen bruchteil einer sehr lebhaft geführte 
correspondenz darstellen, beweisen die zahlreichen schreiben Flottwel 
— es sind weit über hundert — , die über fast alle bände der gews 
tigen, auf der Leipziger Universitätsbibliothek aufbewahrten Gottsche 
sehen briefeamlung verteilt sind. Der lezte brief von Flottwells hai 
ist datiert den 20. September 1756 und berührt bereits den einmarsi 
der Preussen in Sachsen. Mit diesem jähre schliesst überhaupt d 
22 folianten umfassende Leipziger samlung. Dass aber trotz aller krieg 
Unruhen Gottsched mit dem Königsberger freimde noch in fernere 
brieflichen verkehr gestanden hat, dafür ist ein zeugnis jenes an Flo' 
well gerichtete merkwürdige schreiben Gottscheds vom 22. okt 178 



KRAUSE, BBIEF QOTTSCUEDS AN FLOTTWELL 203 

mit einem postskript vom 1. november über die widerholteii und ein- 
gehenden Unterredungen, deren ihn könig Friedrich der grosse im 
Oktober dieses jahres wenige tage vor der schlacht bei Rossbach gewür- 
di^ hatte. Dieses hochbedeutsanie dokumcnt, welches zuerst in den 
Neuen Preussischen provinzial- blättern 3. folge bd. IV. (Königsb. 1859) 
s. 295 — 301 nach einer auf der Stadtbibliothek zu Elbing aufbewahr- 
ten , von dem rektor Joh. Lange (f 1781) herrührenden kopie zum 
abdruck gelangte, konte von mir in meiner schrift Friedrich der grosse 
und die deutsche poesie (Hallo 1884) s. 87 fgg. leider wider nur nach 
jener, einige Schreibfehler enthaltenden abschrift mitgeteilt werden. Yer- 
gebens habe idi auf dem archiv der hiesigen deutschen geselschaft und 
an anderen stellen dem original nachgespürt. 

Flottwell, ein mann ohne geistige Selbständigkeit und schriftstel- 
lerische erfindungskraft, war ein unbedingter anhänger Gottscheds. Sein 
evangelium war die „Critische dichtkunsf, deren regeln auch in weiteren 
kreisen zur geltung zu bringen, er sich eifrigst bemühte. Um in diesem 
sinne wirken zu können und um sich zugleich an der Universität ein 
ff^^össeres ansehen zu verschaffen, hatte er noch als magister legens im 
jähre 1741 eine deutsche geselschaft gestiftet, die seit 1743, mit einem 
staatlichen Privilegium ausgestattet, den titel einer „königlichen" führte. 
Flottwells beziehungen zu Gottsched waren die engsten. Wol gegen 
^lienaand hat sich dieser in seinen brieflichen mitteihmgen so wenig 
zwang auferlegt, wie gegen seinen Schildknappen in Königsberg, da er 
seiner unbedingten ergebenheit gewiss war. Andrerseits berichtet auch 
Flottwell seinem meister und freunde mit der grössten Offenheit, was 

• 

^^ den kreis seiner interessen und sorgen tritt; insbesondere versorgt 
®r ihn aber mit neuigkeiten aus der hauptstadt Ostpreussens, die stets 
^t lebhafter teilnähme entgegengenommen werden. Diese oft sehr 
^öifangreichen berichte gewähren einen tiefen einblick in das littera- 
^^sche und geistige leben, in die geselschaftlichen und akademischen 
^^tände der Pregelstadt. Aus den briefon Flottwells und denen zahl- 
reicher anderer Königsberger gelehrten und Schöngeister an den bcrühm- 
^^n landsmann in Leipzig weht dem leser recht eigentlich die geistige 
luft entgegen, welche die Alberiina vor der Kantischen opoche erfülte. 
^origens sei hier noch bemerkt, dass Flottwell, was bei einem gelehr- 
^^ jenes Zeitalters gewiss auftallen muss, mit verliebe fragen der hohen 
Politik berührt Eine besondere anregung dazu gab ilim wol sein ver- 
^^hr mit vornehmen, im diplomatischen dienste tätigen personcn. 

Als Danzel in seinem buche „Gottsched und seine zeit" den lit- 
^ ^^*JariÜ8tori8chen schätz hob, der in dem zu Leipzig befindlichen Gott- 




204 KBAUSE 

schedschen briefwcchsel ruhte, hat er die nach Königsberg reichenden 
beziehungen, als ihm zu fern liegend, nur flüchtig gestreift Gottsched 
hing an seiner heimat Ostpreussen niit aufrichtiger liebe, in diesem 
punkte zeigt sich der sonst so steife lehrmeister bisweilen von einer 
menschlich liebenswürdigen seite^ Auch als er auf der höhe seines 
ruhmcs stand, waren seine gedanken und wünsche dorthin gerichtet 
wo seine wiege gestanden. Aufs eifrigste war er bemüht, seinem, 
„vaterlande^ und seinen landsleuten zu ansehen draussen im reiche 
verhelfen. Neue nahrung gewann diese anhänglichkeit, als er im ji 
1744 die heimatsstadt mit seiner „freundin" von Danzig aus besuchte 
Das gelehrte paar genoss damals die gastfreundschaft ilottwells, de: 
mit seiner mutter und seinen Schwestern einen gemeinschaftlichen haut 
halt hatte. 

In Königsberg wurden Gottsched und seiner gattin so viele ehrei 
bezeugungcn und beweise der froundschaft von seinen landsleuten z 
teil, dass die erinnerung an diesen besuch bei beiden stets mit dei 
gefühl der dankbarkeit gepaart blieb. Am 10. august 1744 schreil 
Gottsched unter dem unmittelbaren cindruck der Königsbei^r tage ai 
Danzig an Flott well: „Ob ich übrigens gleich Preussen verlassen hal^ 
so habe ich doch eine erneuerte und verstärkte liebe gegen mein V 
terland, und eine wahre Hochachtung gegen den guten Theil meiiL' 
werthesten Landsleute mitgenommen. Diese werde ich bis in m^ 
Grab zu erhalten wissen, imd bey aller Gelegenheit mündlich U3cm<] 
schriftlich blicken lassen". (K. V. C. I.) 

Andrerseits hielten die Königsberger freunde noch an ihm 
als sein ansehen in Deutschland bereits völlig gebrochen und 
name den meisten ein gegenständ des hohnes und der Verachtung 
worden war. Noch am 20, april 1756 versichert Flottwell den 
ziger freund seiner unwandelbaren treue: „Die jungen herrn hüpl^<©*^ 




1} Mau vergloicin» aus sciueu godichton z. b. die 1728 seinem vater zum 
gobiuistago übersautc cklogo (abgodniekt iu der Grit, dichtkunst* s. 407), in welol^^'' 
der durch oiu ^seltnes Soli ick sal *^ in ^ Sachsens Paradies, das fette MeissneriÄÄB-*^^ 
gebrachte frcuide hirt Pruteuio in folgenden „sirengen soufzem'* sich ergeht: 

da.'^s niich doch kein "Wind nur einen lialbon Tag 

Zu dieser Hirten Zahl in Preussen führen mag! 

Wie munter würde da mein treues Ilerze springen! 

Wie würde mir die I.ust durch Mark und Adern dringen! 

AVi(^ eifrig wollt' ich da durch alle Hütten gehn 

Und mündlich überall die Gunst und Iluld erhöhn, 

Die mir vor hunderten, di(i meines Gleichen waren, 

In Proben mancher Art, zehn Jahre wiederfahren, 0. £. 



ziw»«T' iiiti uns ältere herum, wie die Spechte. Sie verfolgen une mit 

S^i<l, niit Spott, mit neuen Gerlanken; und Gott weiss, dasa so wie 

au^ der Jurisprudenz in Freusseu, so besonders nunmehr aus der gan- 

z»D Philosophie eine wächserne Nase gemacht wird , . . Wer nun weder 

Zeit, noch Jahre, noch lust hat, diese Tändeleien zu erforschen, der 

h(3i:^t ein Ignorant. Und dennoch Wdbts dabey: Dieses ist die beste 

VTcilt Bleiben Sie nur mein alter Gönner und Vertheidiger, so soll 

nvii* diese obgleich unter Arbeiten u, Ketten saure Welt allezeit die 

beste bleiben". (Oottschedsche briefsamlung in Leipzig bd. XXL Ich 

beaceichne sie fortan mit L.) Ancli in der deutschon geselschall blieb 

lottsoheds einfluss im ganzen bestehen, so lange Flottwell ihr als direk- 

tur vorstand (bis zum Januar 175S). Vergebens hatten sich einige mit- 

gUedor bemüht, einen neuen geist einzufiiliren. 

Um eine probe der zwischen Gottsched und Flottwell geführten 
™niespondenz zu geben, teile ich das lezte jener 17 auf dem archiv 
^^f hiesigen deutschen gcselschaft erhaltenen schreiben Gottscheds mit 
^ ist vom 19. juli 1752 und eignet sich besonders zur Veröffentlichung, 
**n es einen in sich geschlossenen inhalt bietet Es betritt nimilich 
•iie bekanle dichtertrönung des baron von Schönäich, dessen im .jahre 
*'^1 erschienenes plattes epos „Hermann, oder das befreyte Deutsch- 
laotj " Ton Gottsched ausersehen war, den Messias Klopstocks zu ver- 
"*^ngeii. Der brief, am tage naeh der feier verfasst, ist ein nnmittel- 
^*^r gefühlserguss des krampfhaft nach einer stütze suchenden diktators 
"od darum von eigenartiger Wirkung. Er ergänzt mehifach die dar- 
^Uung des aktes im „Neuesten aus der anmuthigen Gelehrsamkeit" 
^ bd. (1752) s. 627 — 6^0. 

Qochedelgebohmer und Hochgel. insonders hochzuehr. HE, Professor 

sehr wertlier Herr Gevatter'. 

Nun muss ich Fl H. eine entsetzliche, merkwürdige, erstaunliche 

""tl 80 lange Leipzig eine Universität ist, d. i. 343 Jahre her, uner- 

^****te Neuigkeit berichten, die sich kein Mensch noch vor drey Wochen, 

'*^i 14 Togen so arg träumen lassen, und die ich dennoch zum Ver- 

°^ ügen der Stadt und aller Wohlgesiuneten glücklich ausgeführet habe. 

■*« meynen Sie wohl? Ich habe was gethan, das noch keiner vor 

i~ in Leipzig gethan hat: und Salonion mag sagen was er will, so 

doch gestern was Neues unter der Sonnen geschehen. Kurz und 

I ^^*^il, ich habe einen Poeten gekrönet und zwar öffentlich, prächtig, 

■2*** vielen Solennitaten, und Anstalten, ja cum paucis et Trompetis, 

I die ganze Stadt dabey rege geworden ist. Und nun rathiin Sie 




206 KRAUSE 

einmal, wen? Ich weis nicht, werden Sie sagen. Aber Sie kennen 
ihn, und er geht ihnen so nahe an, dass Sie mir dafür danken müs- 
sen. Ich? Ja freylich Sie, nebst der ganzen kön. D. Gesellschaft: 
Denn es es (sie!) ihr Mitglied, ihr Ehrenglied, ihre Zierde und Eione, 
der HE. Baron von Schönäich!'^ 

Da haben Sic nun die kurze Geschichte: mehr werden Sie aus 
meiner Einladungsschrift, Rede, und den Gedichten vernehmen, die 
nun zusammengedrucket, und mit einer kleinen Erzählung begleitet 
werden sollen^. Nur eins müssen Sie noch wissen. Es war gestern 
der hohe Geburtstag unsrer Köuigl. Chur-Prinzessinn, einer grossen 
Beschützerinn der Musen, ja der zehnten Muse selbst*. An diesem 
Tage nun, kam alles was von unsrer Generalität, von Hof und Eam- 
merräthen u. s. w. galant seyn wollte, ins philosoph. Auditor: und di^ 
Menge der Zuhührer von allen Facultäten, sonderl. der Studenten war^ 
so gross, als hie noch nie, weder bey Magister Promotionen, noch bey^ 
der Buchdrucker Jubelrede 1740. so gross gewesen. Ein junger Baroim. 
Seckendorf, ein Neffe des Feldmarschalls Grafen von Seckendorf, de^r- 
ihn Studiren lässt, und in meine Aufsicht gegeben, vertrat des abwesen. — 
den Dichters Stelle, und las nicht nur seine Danksagungsode ab, soik — 
dem sagte auch auswendig einen Glückwunsch an denselben auf d^r 
obern Catheder, mit guter Parrhesie her^. Kurz mein ganzer Actas^ 
ist, ringentibus licet collegis quibusdam paucioribus, et multa mala d:3C 
parte Studiosoruni minantibus, mit der grössten Stille, Aufmerksamkeit 
und Ordnung vorgegangen^; so dass sie nunmehr alle beschämt sin.<3, 
und sich ärgern. Sonderl. war mir der itzige Rector Prof. Christ, Prot 
Poes, zuwider"; hauptsächl. weil er in der Facultät. da ich es 
Decanus vortrug, nicht zugegen war, und ob er gl. Prof Poes, i 
um die Krönung eines Dichters nicht eher was gewusst, als bis ic?b 
schon die Anstalten dazu machete. Hier half nun sein Einwend^i* 
nichts: ich hatte die Pluralität, ja, ausser ihm, die Einhälligkeit, uD-d 
liess mich nichts irren, obgleich noch Sonntags vorher, der Senior 
Facultatis durch ihn auch furchtsam ward, und mirs rieth die Sact*^ 
8. Tage zu verschieben, bis man aus Dresden vom Ober Consist Ao-^^ 
wort einholen könnte. Allein ich gab nicht nach, weil ich es 
lächerlich hielt anzufragen, ob wir etwas thun dörften, wozu uns 
König selbst als Vicarius Tmperii, 1741. die Kaiserl. Vollmacht 
ben hattet Die Wahi-heit zu sagen: so war dieses von uns, auf 
nen Antrag, als ich auch Decanus war, gesuchet worden®: und a 
habe ich auch in der Kniiiung selbst die Jungferschaft dieses 
davon getragen. 



BRIEF GOTTSCHEDS AN FLOTTWKLL 207 

Da nun diese ganze Sache der kön. D. Ges. zu Kön. haupts. mit 
zu Ehren gereicht; da der Baron ihr Ehre machet, und noch ferner 
machen wird, da er sie so schön beschenket hat^^: so wäre es wohl 
nicht unrecht, wenn man ihm einen Gltickw. im Namen der Kön. 
Gesellschaft überechickte, den ich mit zu der Sammlung könnte drucken 
lassen. Dieses ist die Haupt Absicht meines Briefes, den E. H. geneigt 
zur Erfüllung zu bringen bedacht seyn werden; und zwar je eher, je 
lieber, denn die kleine Sammlung muss hier innerhalb 4 Wochen fer- 
tig seyn^^ Man kann unmaassgeblich darinn darauf dringen, dass 
Lorberkränze sonst von Kaisern mit eigener Hand gegeben worden, 
und im grössten Ansehn gestanden. Nachmals hätten die Comites Pa- 
latini sie zwar durch den Misbrauch verächtlich gemachet*. Daher die 
Fürsten sie ganzen Corporibus zu verwalten aufgetragen hätten: wie 
denn die Phil. Fac. zu Wittenb. unter unseres sei. Königes Vicariate es 
erhalten, in Göttingen aber die ganze Universität es erhalten, und 
selbst vor 2 Jahren in Gegenwart des Königes ausgeübet. Aber mit 
solcher Anstalt und Herrlichkeit als wir es gemachet, pro dignitate et 
witiquitate Academiae nostrae, ist es noch nirgends geschehen ^^ Ma- 
chen Sie doch dem würdigen HEn Präsidenten ^^ ihrer Gesellsch. und 
dien Hitgliedern meine Empfehlung. Versichern Sie HEn. D. Hart- 
^annen meiner Ergebenheit, mit dem Vermelden, dass ich noch nichts 
gewisses von der Verkaufung des Cabinettes sagen kann, aber noch 

• 

^mer Hoffnung bekomme, es anzubringen^^. Man muss der grossen 
Herrn ihre gute Stunde erwarten: denn bisweilen ist es ein blosser 
Eigensmn, wenn sie was thun, das gut und klug ist. 

An die wertheste Fr. Gevattcrinn , und mein liebes Pathchen bitte 

ich mich ergebenst zu empfehlen i^. Die wertheste Mama, und Frau 

^hwester, nebst dem HEn Bi-uder finden hier auch von mir und mei- 

^^f Lieben, die das kalte Fieber gestern zum dritten male gehabt, die 

'^eisicherüngen, von unsrer Hochschätzung ^®: ein gleiches ergeht, an 

*J^ vornehme Sahmische ^-^ und Lestockische Haus^^. Auf mein neu- 

^^iies bitte ich mir auch Antwort aus*^^ Alle Ihre Mitglieder seuf- 

^^ nach Antworten, und dem Drucke Ihrer Schriften. Wie? Wenn 

^^ Qesellscbaft vierteljährig kleine Sammlungen von 6. Bogen her- 

*^®6äbe. So käme jährlich ein Bändchen vom Alphabethe auf unsre 

*) Daher hätte ich boyiiah gestern, (wie HE. D. Qu." bey der Introduction des 
" -Lyaua Sen. im Löbenicht)*^ das liod süigen lassen: O Herro Gott Dein göttl. 
^«"t Ut laDg usw. 



208 KRAUSE 

Ich bin, und beharre aufrichtigst 

E. Hochedelgeb. 
Meines hochgeschätzten Herrn Gevatters 
Leipz. d. 19 Jul. treuergeb. Diener 

1752. Gottsched. 

NB. Die gestr. Solennität kostet über 30 Till, und kostet deiCP^ 
Bar. keinen Pfennig. Die Faciilt. tliut es theils gratis, theils trage ich-^ 
theils Breitkopf23. 

P. S. Machen Sie doch an den würdigen Übersetzer meiner Red^ 
von Wien einen ergeb. Empfehl. Ich verdiene die Ehre nicht, die 
mir gethan; ich habe aber die Zeit noch nicht gehabt sie ein 
zu übei-sohen. Ehestens antworte ich ihm selbst mich zu bedanken**. 

Anmerkangreii. 

1) Gottsched war pate der tochter Flottwolls, Johanna Cöleatine, die ilmm^ 
nachdom ei' sich im jahro 174G mit jdngfer Maria Lovisa Lübekin vermählt hatt^^ 
1749 geboren war. In einem briefo vom 25. sopt. 1749 teilt er Gottsched 
ereignis mit und fügt folgende worte hinzu: ^2 Tage darauf [nach der geburt] iiahi 
ich mir die frej'heit in das Taufbuch nebst unseren HErm Ober Marschall [d. i 
Johann Ernst von Wallenrodt, geh. etats- und Irriegsminister und obermarschall, voi 
1743 bis 17()6 proti?ktor der deutschen geselschaft] und Oberhofprediger [d. i. D. 
hann Jacob Qvandt, 1743 — 1772 präsident desselben Vereins, s. imton anm. 12] 
zweenen gegenwärtigen Johannes, den dritten in der Person E. M. aufzeichnen ^ii 
laßen, und meine Tochter wurde Johanna Cölestina getaufet". (L. XIV. bd.) 

2) Schönäich war auf anregimg Gottscheds am 13. april 1751 zum ehrenmit- 
gliede der geselschaft eniant worden. Von seiner band finden sich auf dem arcbiv' 
derselben vier an Flottw«?ll gericht<*te briefe aus den jähren 1751 und 1752 (K. "V- 
C. 1) sowie eine dichtung „tViederich Wilhelm'', welche in Königsberg zum dniok 
befördci-t werden soltc. Scliönäich feiert daiin den haushälterischen und tätigen köni^ 
Friedrich Willielm I. und stelt diesem den ei-sten preussischen könig gegenüber, des- 
sen Verschwendung und eitelkeit er in der weise der Memoires de Brandenbouzi^ 
scharf tadelt. Flottwell koute für dies poetische machwerk in Königsberg nicht c«»" 
sur erhalten und schickte es an die Berlini»r akademie der Wissenschaften. ^jAll^ßi** 
Mens. Pelloutier (der bibliothekar der akademie) antworti?te mir: er glaubte, die G«^ 
sellscliaft wolte die Acad. in Versuchung führen, dali sie auf den Grosvater ihr^^ 
Stifters gesalzen»» Asclie streuen wolte: die Memoires wären du main de Maiti« ufi^" 
Keiner würde an eine Censur denken wenn das nicht wäre''. (Brief Flottwells •** 
Gottseh. 2f). dee. 1752. K XVII. bd.) 

3) No(!h im jalirc 1752 ei*s<^hien bei B. Ohr. Bivitkopf in lieipzig „Der I»*"* 
berkranz, welclien der Hoch- und AVohlgebohme Herr, Herr Christoph Otto, •^•^ 
H. 1?. K. Freyherr von Schönaieli, von E. löbl. philosophischen Facultät zu Leip**^ 
feyerliehst erhalten haf. 4° (von J. .1. Schwabe). Der inhalt dieser samlung *^ 
folg<Mider: 1. Die lateiuischo cinladungsschrift (lottscheds, des damaligen decans ^^^ 
phih»sophischen fakultät, vom 16. juli nebst der deutschen Übersetzung. Gottsched ^"^ 
mit aufwand grosser golehi-sainkeit eine geschichto der dichterkrönungen und teilt ^^ 



2W 

dtplom mit, durch welches könig nnd kurFürst Friedrieb Augast als reiohBTicar un 

K. december 1741 ,doin pliilosopliischeii Orden zu Leipzig' die volmaolit erteilt 

lüeschickto und in der Poesie vortreffllobe Petsoueii . . durch Aufsetzung dee Lor- 

berkranzes und üebei^eliuiig des Rüigos zu gokrijoten Dichtern zu machee und KU 

i^rUireu* (s. 41). Elf jähre habe. das recht geruht; da sei der (reiherr von Schön^ch 

"^u seitiüs heldeugedichts IlerniaDD, das Gottsched Tassns befreitem Jerusalem und 

Vollüi^es lleiiriade an die Seite stelt, von der fakultüt des lorbeers für würdig befun- 

\ den »-otiien. 2. Bio von (jotlsohed bei der feier am 18. Juli gchalteuo rede, latei- 

iiiid dcutsoh. Hierin sucht Gottsched dio behauptung zu erweisen, „dalt uusore 

iK«t»«-spiBche mit Keeht unter die gelehrten Spracheo zu zählen, und wo nicht für 

pledt-ter, doch gewiss für eben so gelehrt zu achten sey, als die griechiaclie bu 

nders, und die römische zu Kaisers Augusts Zeiten gewesen* (s, 68). Zum 

oWuH^ ruft er den baron t. Schön^ch feierlich ,iu einem kaiserlich gekrönten Poe- 

r auf die feier hezflgltohe gedichte, deren erstes die gDanksagonga- 

Oile «i.^»B neugokrönten Dichters" ist, ein herzlich achwaches poem. 

Im Neuesten aus der anmutigen gelehrsamkeit 1753 s. 46~-57 erschien eine 
inhalt^tsngabe jener festsamlung und s. 57 — D!) zu ehren des gekrönten horong eine 
Ulein_is«he ode von D. Erdm, Kupitz. Im 2. bände derselben Mitschrift (1752) findet 
äirh »_ 027—30 der bericht ,ZuTerläfiige Nachricht von der den I8ten des Henmo- 
natha gcschcheneu ersten [loetlBchen Krönung in Leiiizig", SchöuMich (f 1807) erlobte 
"* "'^«ili, dass daä fünfzigjiilirigQ andenken dieser krönung im jähre 1802 zu Leipzig 
(eiprlir-h erneuert wurde (K. H. Jörfens Lexikon deutscher dichter und nrosaiaten, 
4, bil. 



3.007- 



m.i. 



4) Das lob, welches Gottsched hier unii an anderen stellen dieser fiirstin apen- 
'^•. ^■ar keine servile Schmeichelei. Maria Antonia Walpurgis, eine tochter des kai- 
N-ts Karl vn.. geb. am 18. juli 1724 in München, seit dem jähre 1747 mit dem 
rflci» sächsischen turprinzen Friedrich Christian vermShlt, war eine ausserordentliche, 
iw 4qii Zeitgenossen riel bewunderte frau. An ihr fanden kttnsto und wissenschaf- 
("H «ine eifrige gönneriu, ja sie trat auf denn gebiete der musik und dichtkunst mit 
*^E^Q«ai ereeugnissen hervor, so dass die arVadbcha schSfergcselschaft zu Kern sie 
™'*r ihre mitglieder aufnahm. Daneben zeigte sie für staatflgesohüfto veratSnd- 
"'* Und geschick und hat in der politischen geschieht^ Sachsens eine nicht uube- 
'■'«teiMio roUu gespielt. Oottsohoii hat sich um die gunst der kurprinzeasin und 
""^ gemahls durch überreicbutig von bücburn und gedichten unansgesezt bemüht 
"Bd g^ diese bemühungen von erfolg gekrönt. Vgl, Danzel, Gottsched und seine xeit 
'■ 314 tgg. 

5) Das glückwunschgedicht dos barons von Seckendorf (in der festschriftensam- 
""g ,Der lorberkrani' s. 98— 101) feiert sum schluss nach Gottscheds anweisuug die 
•"^Vrinxessin : 

„Doch, welch ein lichter Olanz urogiobt mich auf einmal? 
Mich dünkt, Minerva selbst erhsillet diesen Saal! 
Es ist was göttliches, uud streuot Licht und Schimmer: 
Antonia erecheint, der Preis von Fraoenommet! " usw. 
Der grund, weshalb der dichter des Hermann nicht porsöulich in Leipzig 
T^^osend war um die ihm zugedachten ehren eutgegenziinehmen , lag an der eigen- 
^'^ilich kläglichen Stellung, die ihm von seinen eigensüchtigen uud launenhaften 
^tu zucewiesen wurde. Er wurde wie ein umnündigor knabe behandelt und in 
aJi eine reise nach Leipzig nicht zu den- 
U 



■^tu zugewiesen wurde. Er wurde .... 
**)ti Minen schritten überwacht, so dass 



210 KRAUSE 

kcn wagte. In seinon briefen aii Gottsched gibt er bisweilen seinem Unwillen über 
die unwürdige behandlung bitteren ausdmck. Vgl. Danzel a. a. o. s. 377. 378. 
379. 381. 

6) In dem dem Neuesten aus der anmuthigen gelehrsamkeit 1752 eingefügten 
festberichte heisst es auf s. 630: ^Die ganze feyerliche Ceremonie ist mit der schön- 
sten Ordnung, bey ungemeiner Stille imd Aufmerksamkeit einer unzählbaren Menge 
von Zuhörern, darunter einige vor großer Hitze fast in Ohnmacht gesunken, toQ- 
zogen worden, und hat beynahe zwo Stunden gewähret*'. 

7) Johann Friedrich Christ (1700 — 1756), besonders bekant durch seine lei- 
stungen auf dem gebiete der archäologie, bekleidete seit 1739 die ordentliche profee- 
sur der dichtkunst an der I^eipziger Universität. 

8) Vergleiche anm. 3. 

9) Davon steht in den für die Öffentlichkeit berechneten berichten nichts. 
10) Da nach den gesetzen der Königsbergor deutschen geselschaft die Membn 

honoraria verpflichtet waren, „ein schönes zur deutschen Sprache gehöriges Buch zur 
Geselschafts Bibliothec einzuliefern'', so hatte Schönäich Chr. G. Jöchers Allgemeines 
gelehrten -lexikon (4 bände in 4^ Leipzig 1750 — 51) eingesant. Dies „prächtige 
Geschenk" wurde am 22. april 1752 der geselschaft von ihrem direkter übergebe 
(|)rotokoll). Noch heute steht das schöne, in braunes leder gebundene exemphur in 
der geselschafts -bibliothek. 

11) Dieser aufforderung wuixie sofort entsprochen. Schon am 7. august mel- 
det Flottwell: „Ich eyle gehorsam zu seyn und die freude der Gesellsch. in beylie- 
gondom gedieht zu bezeugen''. (L. bd. XVII.) Der „Glückwunsch der königl. deut- 
schen Gesellschaft zu Königsberg au den Freyherm von Schönäich als ihr werthestes 
Ehrenglied " ist der samlung „Der Lorberkranz " usw. eingefügt (s. 102 — 104) und 
fuidet sich wider in „Der Königlichen deutschen Gesellschaft in Königsberg Eigene 
Schriften". Erste samlung. Königsberg 1754. S. 368 — 71. Der titel des gedieht« 
stamt von Gottsched. Das gedieht erhebt sich in nichts über den durchschnitt der 
poetischen machwerke, welche aus dem kreise der Gottschedianer hervoigiengen. 
Hier mögen die lezten, in eine ahnungsvolle hofnung ausklingenden versa stehen: 

„Die Muse feure dich, gekrönter Dichter, an, 

Schwing dich noch höher auf, so hoch, als Marc kann. 
Dein seltnes Beyspiel wird noch manchen Geist entzünden, 
Und Leipzigs weise Hand mehr Lorberzweige winden. 
Sagt, späte Zeiten! ihm dafür den ächten Dank! 
Sein blühender Parnaß erhöh der Dichter Rang. 
Der edelste Geschmack wird femer sich verbreiten. 
Wer weis, was bald geschieht? = ==== Auf, schafft uns 

neue Scyten!* 
Der Verfasser war der senior der geselschaft, M. Johann Gotthelf Lindner, sp^**' 
ter rektor in Riga. Er kehrte im jähre 1765 als professor der dichtkunst nachKönig^^ 
borg zumck und eröfnetc am 25. Januar 1766 die seit 1758 infolge der russischi^*^ 
occupation aufgehobene geselschaft als deren direkter wider. (Protokoll der ges.) 

12) Gemeint ist D. Johann Jacob Qvandt, preussischer oberhofpredig^^ 
und erster professor der thcologie zu Königsberg, geb. 1686, t 1772. Er war pi^^ 
sident der deutschen geselschaft und mit Gottsched schon von dessen Königsbergs^ 
zeit her bekant und befreundet. Er wurde von seinen Zeitgenossen als kanzelredn^^ 
viel bewundert, besonders, weil er sich bemühte, in einem reinen und fliessend^^ 



BRIEF Q0TTS0UKD8 AN FLOTTWELL 211 

deutsch zu predigen. Friedrich 11. erklärte ihn noch 1781 für den einzigen redner 
Deutschlands. Ygl. L. E. Borowski, Biographische nachrichten von dem denk- 
würdigen preussischen theologen D. Johann Jacoh Qvaadt usw. Königsberg 1794. 
Q. Krause, Friedrich d. Gr. und die deutsche poesie s. 96. 

13) In der ersten hälfte des vorigen Jahrhunderts lebten in Königsberg zwei 

iheologen namens Lysius, vater und söhn. Der ältere, D. Heinrich L. (1670 — 1731), 

wurde im jähre 1721 theologus primarius an der Albertina und erhielt zugleich das 

][^farramt der Löbenichtschen kirche; vgl. D. H. Arnoidts Historie der Königsbergischen 

Universität U. teil. (Königsb. i. Pr. 1746) s. 168. Über des Lysius theologische 

Streitigkeiten s. Amoldts Kirchengeschichte des königreichs Preussen (Königsberg 

1769) Vm. buch. 13, kapitel. Wenn Flottwell am 7, august 1752 nach Leipzig 

schreibt: (D. Qvandt) „hat ihr Gedächtniß recht bewundert, daß Sie noch an Lysii 

ßnfühnmg gedenken*^ (L. bd. XVU), so wird man das erstaunen des oberhofpredi- 

gers über Gottscheds gutes gedächtnis gerechtfertigt finden. 

14) Diesen anweisungen Gottscheds in bezug auf den inhalt des glückwunsch- 
gBdichtes haben die Königsberger nicht entsprochen. Das von M. Lindner verfasste 
gedieht ergeht sich in mehr algemeinen redewendungen zum preise Schönäichs und 
seines Aristarchs. In jenem bereits angeführten schreiben Flottwells vom 7. august 
1752 (L. XVn. bd.) heisst es: „hätten wir mehr Zeit gehabt, so hätten wir eine 
kleine historie der Preuß. gekrönten Dichter hinzugefügt; doch dieses bleibt auf eine 
*ö<lre Zeit ausgesetzt*. In der 1754 herausgegebenen ersten Samlung eigener schrif- 
^ hat die gesolschaft dies versprechen eingelöst; hier findet sich s. 372 — 402 ein 
8^ck ^Kurzgefaßte Nachricht von den gekrönten Poeten in Preußen**. 

15) D. Qvandt. 

16) D. Melchior Philipp Hartmann, professor primarius der medicin an der 
Königsberger Universität, geb. 1685, f 1765, war hausarzt der alten mutter Gottscheds 
'^d der Flottwellschen familie. Er war im besitz kostbarer samlungen „von Müntzen, 
Naturalien, Bömstein imd andern curiosis in Anatomids und Botanicis**, die zum teil 
Doch von seinem vater, dem 1707 verstorbenen professor der medicin Philipp Jacob H. 
stamten. Pekuniäre Verhältnisse hatten M. Ph. Hartmann genötigt, so schwor es 
''^ ankam, an den verkauf der ausserordentlich wertvollen und mit grossen kosten 
^d mühen zusammengebrachten samlungen zu denken, und er hatte sich, da Gott- 
^^ed so viele vornehme bekantschafton bosass, an diesen mit der bitte gewant, den 
^^^iauf zu vermitteln. Diese angolegonheit durchzieht seit dem jähre 1745 immer 
^^er die briefe Flottwells an Gottsched , bisweilen stelt sich auch Hartmann selbst mit 
®**iem schreiben ein. Trotz aller bemühungen und trotzdem im Neuen büchersaal 
"^i' schönen Wissenschaften u. freyen künste IX. bd. (1750) s. 362— 368 eine „Nach- 
'^ol^t* von diesen samlungen erschien, gelang es Gottsched nicht, den wünsch des 
«P^nssischen Galens*^ zu erfüllen. Da verkaufte im jähre 1754 Hartmann selbst sein 
^^^tiatein- kabinet für 800 taler nach England (br. Flottwells an Gottsched 25. juiii 

* ^ L. XIX. bd.) und im folgenden jähre das münz -kabinet und die naturaliensam- 

^^**^g nach Petersburg (br. Flottwells an Gottsched 25. nov. 1755 L. XX. bd.). In 

^ H. Amoldts Fortgesezte zusätze zu seiner historie der Königsbergschen Universität 

, ^*^^. (Königsberg 1769) findet sich auf s. 13 bei der erwähnung der Harbnannschen 

L ^^fiolongen bemerkt, dass die naturalien an die akademie in Moskau verkauft seien. 

l 17) Vergleiche anm. 1. 

I 18) YgL s. 204. Yon den beiden Schwestern Flottwells war die eine im anfange 

■ dfeijtl^rQg 1749 gestorben, die andere hatte sich in eben demselben jähre mit dem 

I u* 



212 KRAUSE 

^Eön. Bath hofgerichts Secret. u. Botbenmeister Sand*^ vermählt. Über die lebens- 
stolluug seines bnidcrs, der Theodor hiess, habe ich nichts genaueres eimitteln kön- 
nen, obgleich er auch sonst in dem briefwochsel zwischen Gottsched und Elottwell 
erwähnt wird. 

19) Reinhold Friedrich von Sahme (1682—1753) gehörte seit dem jähre 1751 
dem neuerrichteten perpetuirlichen tribunal- und pupillencollegium an, nachdem er 
vorher erster professor der juristischen fakultät und direkter und kanzler der univer- ' 
sität gewesen. Er hatte sich des Vertrauens von drei preussischen königen zu erfreuen 
gehabt und wichtige und verantwortungsvolle ämter bekleidet. Eine reihe juristischer 
Schriften ist von ihm verfasst worden. Sein haus und das des professor Hartmann 
hatte sich Gottsched und dessen gattin bei ihrem besuche in Königsberg im jahie 
1744 besonders freundlich erwiesen. In beiden familien muss ein anregender, geistig 
gehobener ton geherscht haben. In beiden bildeten atmiutsvolle, höheren geistigen 
bcstrebungen zugängliche töchter die hauptzierde. Frau Gottsched hatte sich dersel- 
ben bei ihrer anwesenheit in Königsberg mit besonderer teibiahme angenommen, was 
ihr durch eine schwärmerische Verehrung vergolten wurde. Die vornehmen f^ulein 
hatten eine art akadomie gebildet und lagen aufs eifrigste der musik und der dicht- 
kunst ob. Flottwell hatte als ein berufener Apollo diese lieblichen musen gelätet, 
bis Hymens band den bund nach und nach auflöste. 

20) D. Johann Ludwig L'Estocq (1712—1779), krieges- und Stadtrat, profes- 
sor der rechte und ohrenmitglied der Königsberger deutschen geselschafL Er war 
seit 1745 mit „Maria Eleonora Hintzin verwittibte Reussnerin'^ vermählt, deren erster 
gatte Johann Friedrich Reussner der inhaber der hof- und akademischen buchdruckerei 
gewesen. L'Estocq hatte sich das alte Reussnersche Privilegium übertragen lassen, 
aber schon 1750 die officin an den hofgerichtsrat Cabrit verkauft, vgl. (Meckelbnigs) 
Geschichte der buchdruckereien in Königsberg (Königsberg 1840) s. 35. L'fistocqs 
frau war Gottsched zu grossem danke verpflichtet, da dieser nach dem tode ihres 
ersten mannes in einer seinem hei-zon ein höchst rühmliches Zeugnis aussteUenden 
weise bemüht gewesen war, mit hülfe Breitkopfs ihr die weiterführung und Verbes- 
serung der druckerei zu erleichtem. Ihre briefe an Gottsched bekunden eine gesdiente, 
klar denkende frau. Der bekante ostpreussische patriot und Schriftsteller Johana 
George Schefbier, der als student eine zeit im hause L'Estocqs gelebt, rühmt äUE* 
„eine für ihre Zeiten ganz ausgezeichnete Bildung*^ nach; vgl. Scheffner, Mein leben, 
usw. (Leipzig 1823) s. 61. 

21) Gottsched bezieht sich hier auf ein schreiben vom 3. mai 1752, auf wel — 
ches einzugehen mich zu weit führen würde. 

22) Erst im jähre 1754 erschienen bei Johann Heinrich Härtung in Königsbeii^^ 
„Der Königlichen deutschen Gesellschaft in Königsberg Eigene Schriften in ongebon^' — 
dcner und gebundener schreibai*t. Erste Sammlung.*^ 8°. Allerlei schwierigkeitec»'* 
welche der Verleger bereitete, hatten den druck sehr verzögert Die dem haxh^ 
vorausgeschickte widmung an köiüg Friedrich 11. hatte Gottsched auf bitten Qvandl^ö 
und Flottwells verfasst. Der loztgonante schrieb am 8. märz 1754: , Wegen d^*" 
Dedic. werfen wir uns in Dero Anne; Sie kennen den hoff, und wir wollen mit ihre«** 
schönen Witz wuchern''. (L. XIX. bd.) Gottsched wagt sich in dieser widmung D»i* 
einem leisen tadel gegen des königs litteraiischen geschmack hervor: „Eure ESoi^' 
Helle Majestät geruhen aUergnädigst, dieß allerunterthänigste Opfer einer einheimisch^'' 
Gesellschaft, mit eben so heitern Blicken anzusehen, als diejenigen sind, deren slo» 
ausländische Musen zu erfreuen haben''. 



BBUF 00TT8CHFDS AN FLOTTWILL 213 

23) Sohloss der seite; zn ergänzen ist natürlich: die Kosten. Das noch fol- 
gende postsoriptilm steht am rande derselben seite. 

24) Ein mitglied der Eönigsberger deutschen geselschaft, Christoph Heinrich 

\on Schiöderfi, hatte die lateinische rede Gottscheds ^Singnlaria Vindobonensia^ usw. 

ubersezt Mottwell hatte die arbeit nach Leipzig mit folgender bemerkung gesant: 

,H£. Y. Schröders . . hat bey fleißiger Lesung Doro Schriften sich besonders in die 

trefliche Rede und Reisebeschreibung von Wien verliebet. Er hat sie, wie es scheinet, 

mit vielem fleiß übersetzet, und er war feurig genug, sie sogleich auf seine Kosten 

drucken zu laßen, wenn er nicht vorher die Erlaubnis vom Vater des Kindes haben 

müste und wenn er nicht befürchtete, daß der unschuldigste Lobspruch auf Francis- 

cum in Preußen verdächtig wäre«*. (Brief Flottwells v. 11. mai 1752. L. XVH. bd.) 

KÖiaOSBSRO I. FB. O. KRAUSE. 



BERICHT ÜBER DIE VERHANDLUNGEN DER DEUTSCH -ROMANISCHEN 
SECnON DER XXXXL VERSAMLUNG DEUTSCHER THILOLOGEN UND 

SCHULMÄNNER IN MÜNCHEN. 

Erste Sitzung. 

1. Die deutsch -romanische section constituiorto sich donnerstag den 21. mai, 
Tormittags; an den Sitzungen beteiligten sich im ganzen etwa 30 mitgliodor. 

Die zu gesonderter sectionssitzung nicht in erforderlicher anzahl erschienenen 
Romanisten lassen durch herm prof. Freymond erklären, dass sie den anschluss an 
die germanische section dem an die neusprachliche vorziehen. Es erfolgt die wähl 
der herren prof. dr. Brenner und privatdocent dr. Golther zum ersten, bz. zwei- 
ten vorstand und der herren dr. K. Borinski und dr. R. Otto zu Schriftführern, 
von denen sich der lezto das romanische gebiet vorbehält. Auf den verschlag des 
lierm prof. Osthoff wird für den nachmittag eine gemeinschaftliche Sitzung der sec- 
tion mit der indogermanischen angesezt und danach die reihenfolgo der angemeldeten 
Vorträge bestirnt. 

2. Vortrag des herm dr. B. Kahle „über den altnordischen vokalis- 
nitts auf grund der skaldenreime** (abschnitt aus einem demnächst erscheinon- 
<iQi werke über die spräche der skalden auf grund der binnen- und endreime). Der 
vortragende orientiert über das material , ausgaben (Gislason, Wisen, Ungor, Gering) und 
chronologische begrenzung (800 bis mitte dos 14. Jh.), erörtert die für den lautstand 
^ frage kommenden Verhältnisse der skaldcnmetrik — gleiche vocale und conss. 
(adalhending) in den binnenreimen der geraden Zeilen, gleiche conss. (skothending) in 
«en binnenreimen der ungeraden — und geht alsdann auf die erscheinungen des u- 
W- Umlauts ein. u (v) ist erhalten oder geschwunden in der historischen zeit (bei- 
we mit geschwundenem u nom. n. pl. von a- stammen: band : raftda [fj6{)olfr 
Of Hvini]; nom. sing. v. fem. a- stamm: hctll : allan [Sighvatr]; beispiele mit erhal- 
***ein u: dagr : fagrum [Sighvatr], alls : snjallum [Einarr Skülason]. Bei densel- 
wn dichtem formen mit umlaut im i-eim , wie ^tidurgoßs : hqndum [tj6{)olfr]). 

Die frage nach dem umfang des auftretens des umlauts beantwortet Paul 
. VI) für das gesamtgebiet des nordischen und erklärt die ausnahmen durch 
*^*>iogie. Kock (Ark. IV = Beitr. XIV) unterscheidet zwei perioden. In der älteren 
^ geschwundenem u überall eingetreten, wird er in den ostnord. sprachen stark 
«Weh aoalogie verdunkelt In der jüngeren wird der umlaut durch ein noch daste- 



214 BOBINBKI 

hendes u bewirkt Island und gewisse gegenden Norwegens erhalten den umlaut. 
Dagegen wendet sich Wadstein (in ^fomnorska homiliebokens Ijudlära*^), indem er 
den älteren umlant gleichfals im gesamten gebiet des nordischen annimt Anders iat 
die Sachlage bei erhaltenem u. Bietet Dänemark ganz wenige umgelautete formen, 
so werden sie im ostnorwegischen zahlreicher, im westnorwegischen und isländischen 
ist der umlaut so gut wie ganz durchgeführt Er weist auf die analogen umlauts- 
verhältnisse im ahd. bei t, ^ hin, wo in einzelnen dialekten gewisse consonanten 
hindernd einwirken, in anderen nicht Die hindernden consonanten im altn. hierfür 
anzugeben, sei man nicht in der läge. 

Der ansieht Wadsteins ist zuzustimmen. Hinsichtlich dos materials sei es 
zweifelhaft, ob gewisse hss. rein norwegisch sind oder isländische einflüsse enthalten. 
Für die spätere zeit sind die im „ Diplomatarium norwegicum '^ befindlichen aktcn- 
stücke (testamente u. ä.) für die wirklich gesprochene spräche von Wichtigkeit. In 
den kanzleien hätte sich isländische tradition bilden können. Auffallend vorbindungea 
mit yersohiedener bchandlung des a {qllum : mannum, dagegen allum : mqnnum). 
7 aktenstüoke haben nur 9, 13 nur a. Diese aktenstücke sind aus dem westlichen 
Norwegen. 

Brenner im Altnord. handbuch meint, der unterschied sei als flexionsmittel 
bedingt Wadstein schliesst sich dem im wesentlichen an. Den tatsächlichen ycr- 
hältnisson entspricht das nicht ganz, wie das vorkommen von acc. plur. = nom. sg. 
beweist. 

Lyogby (Tidskr. f. phil. U, 296 fg.) widerspricht, dass die ausspräche des a der 
Schrift gemäss angenommen werde; a sei graphische darstcllung für q. Ähnlich Bren- 
ner a. a. 0. Wie man sich auch entscheiden mag, ob für altes oder aiialogisch wider- 
hergesteltes a, man muss annehmen, dass die reime auf a auch wirkliches a enthal- 
ten. Unreinheit der reime ist ausgeschlossen wegen fülle der boispiele auch bei form- 
strengen dichtem. 

Unterschied zwischen altisl. und norw. skalden besteht nicht. Noch bei Einarr 
Skülason, mitte des 12. Jahrhunderts finden sich a- formen. Nach ihm schwinden 
die nicht umgelauteten formen gänzlich. Norwegische einfiüsso sind ausgeschlossen, 
da grade damals die a- formen in Norwegen durchdringen und das plötzliche aufhören 
dieses einfiusses nicht zu erklären wäre. In Island um 1000 entstandene verse der 
Kristni-saga bringen a für 9 bei erhaltenem u. 

Für den umlaut von ä finden sich nur wenige fälle; (r- umlaut unsicher s. 
Noreen Altn. gr. §71). Bei e ist es das verdienst Lofiflers auf den imterschied von r- 
und u- umlaut hingewiesen zu haben. Sowol altes e als umlaut -c wird zu 0, Gegen 
die frühere meinung, dass vi oder vj den umlaut bewirke, wies I^fTler (aus isl. und 
norw. hss.) die gesonderte Wirkung erst des t- und dann des v-umlauts nach. ist 
überhaupt ein seltener laut r- umlaut auf e zeigt sich erst nach 1151 in den gedich- 
ten des Einarr Skülason. (sverßs : gerßu [Eib'fr Ou{)runarson] , gekk : stekkva [BJQm h. 
krapphendi]). t, wurzelbeginnend vor ng und nk zeigt zuweilen umlaut, zuweilen 
nicht (>y). Sichere boispiele für t- formen vom 10. — 14. jahrh. Daher ist t wider 
einzusetzen in den von Oislason {om helrim) gebrachten bcispielen im reim auf tyggi. 

Für brechung bringt Noreen (Gr. d. germ. phil. I, 446) beispiele aus west- 
norw. und isl. handschriften, io nicht iq (Wadstein aus der Orthographie des Norw. 
homilienbuches). Brate (Beitr. X) zeigt chronologisch, dass im 9. jh. die brechung 
noch nicht eingetreten sei. Zimmer (Ztschr. f. d. a.) belogt aus irischen Ulster -annalen 
847 ereilt 892 ierllj 917 tar/a. Die ältesten sicheren beispiele ende des 9. jahrhun- 



PHILOLOaENVSRSAMLUNO 1891 215 

derts leikbiaßs : ßaprar, okbjqni : Mqma (^jo^Ur.]^ woraus zugleich ersatz des o 
durch 9 erhelt Einfluss der cons. (r, l Noreon) auf brochung unsicher, da diese an 
und für sich häufig an diesen stellen sind. 

In einem excurse am schluss glaubt der vortragende eine praeteritalform mit S 
nachweisen zu können {heU:veltan [I'orkellSkallason, Heimskringla 624, 22 a]). An 
eine kürzung in veltan glaubt vortr. nicht. 

In der discussion bringt prof. Fischer an dem vorkommen von doppelfor- 
men bei denselben dichtem die analogen Verhältnisse im mhd. zur .spräche. Dr. Mogk 
interpelliert hinsichtlich einer frühen Verkürzung bei veltan. 

Zweite sitzung. 

1. Am 21. mai nachmittag 3Vt uhr hielt vor der Vereinigung der deutsch - 
romanischen und der sprach vorgleichenden section herr prof. dr. Osthoff einen ver- 
trag ,,über eine bisher nicht erkante praesensstambildung im indoger- 
manischen'^ ^ 

Er geht von den germanischen formen *standan (got as. standan, ahd. stan- 
tan, aisl. stafida, ags. stondan)^ *windan (got. as. windan, ahd. tointan, aisl. vin- 
da), *swindan (ags. swindan, ahd. swintan) und *8lindan (got. frasUndan, ahd. 
slitUan) aus, die er in *8tar-nd-anj *wi-nd-any *8wi-nd-an und *8li-nd-an zerlogt 
und der reihe nach mit den wurzeln ^stä- in lat. sta-re, gi*. i-artj-v, *wi- in lat. 
vi-ere, vJ-men, ahd. wi-da „salix**, gr. i-r^a, *8wT' in ahd. stci-nan, ap. swl-ma, 
*8la%' in gr. Xat-fiög kai-r^a verbindet. Bei 8tandan weist auf eine solche Zer- 
legung noch das praeteritum goi 8to-p, altisl. sto-dy ags. as. 8iod, ahd. (bei Tatian) 
siuo-i und das altisl. particip 8ta'denn hin, während bei den übrigen Wörtern die 
praesensstamform auf die ausserpraesentischen verbalformen übertragen, bei sltndan 
und windan sogar als reine verbalwurzcl angesehen und auch zu nominalen neubil- 
dungen wie ahd. mhd. 8lunt, got. wanduSf altisl. vt^fidr benuzt wird. 

Zu diesen 4 boispielen treten einige ableitungen von {«-wurzeln, die aber in 
weniger durchsichtiger gestalt vorliegen. Germanische praosentien wie lat. rumpo 
tundo pungo mit u -{- nasal -{- consonans und dem ablaut -unx -aux -ux (wo x 
einen beliebigen geräuschlaut bezeichnet) wurden nämlich entweder im anschluss an 
die verba der klasse *beudö (got. biuda), mit denen sie im praeteritum und partici- 
pium gleichen ablaut hatten, durch formen mit -eu- ersezt, für *runibö trat also 
*reubö ein (altisL 1 plur. rjüfom)\ oder es wurde, nachdem der nasal aus dem prae- 
sens in die ausserpraesentischen formen verschlept und die reihe *runib- *raid)' *rub' 
durch *rumb' *ramh- *nimb- ersezt war, eben von diesen nasalierten neubildungen 
aus nach dem muster der klasse ^biiid- *band- *bund' i auch ins praesens eingeführt 
und *rumbö zu *rtmbö umgestaltet. Gerade diese veralgemeinenmg von i auf kosten 
von u zeigt sich im germ. ja öfter bei praesensbildungen, die wie die sA*-, die nw-, 
die nasalinfigierenden und die „aorist^-praesentien von hause aus tiofstufigkeit der 
Wurzel erforderten. So erklärt sich ahd. tretan, ags. as. tredan als neubildung neben 
got. trudan, altisl. troda, ahd. (bei Otfr.) firspirtiit neben ags. ahd. spurnan, got. 
du-ginnan, ags. a-jtWmn, ahd. as. bi-ginnan neben mnl. beghomien (idg. *kf^W', 
auch in abg. -ctn-q <: 'CXnv((), got. ags. ahd. winnan neben vorauszusetzendem 
germ. *iounnan ('*idg. w^w-, vgl. altind. vamti), got. as. ahd. rinnan neben mnL 
rönnen (vgl. altind. fnöti fnvati, gr.ÖQvvfit), — ags. ryfie und got. runs sind dem- 
nach in einer zeit entstanden, wo das praeteritum *ran lautete an stelle von ältorem 

1) Den boricht über diesen Vortrag verdanken wir herrn dr. L. Sütterlin. 



216 bobinbh 

^wr und jüngerem ramn — , ahd. in-trtnnan neben *trumian^ von der idg. wnrzel 
der- in altind. dfnäti dadära, goi tairan tar, und endlich goi Priakan, ahd. dres- 
can neben einem zn erschliessenden, mit lat tero verwanten germ. *PrU'8kan, In 
dieser weise werden nun auch zu nasalinfigierenden praesentien mit u neue formen 
mit i geschaffen. So trat ags. torin^anf ahd. ringan an die stelle eines älteren 
germ. *irrM-n-^ö, dessen worzel *wurg = idg. *tcTgh in ahd. würgen, mhd. uHirgen, 
abg. vrügq und dessen praeteritom und particip in mhd. erwarg erworgen vorliegen. 
Warzelhaftes, nicht aus f entwickeltes u wurde dagegen in goi stigqan «stossen*^ 
und in ags. drintan «schwellen^ ersezt, da stigqan zu altind. tt^'- ^schlagen*^ und 
drinian zu altisl. prutenn ^geschwollen^, got ßrÜtsfiU ^aussatz*^, mhd. nhd. strotzen 
gehört. 

Darnach lassen sich auch einige germ. praesentien auf -indö als Umgestaltun- 
gen älterer zu t<- wurzeln gehörenden formen auf -undö auffassen, bei denen -nd- 
wie bei standan praesensbildung war. Das gilt von ags. dindan ^schwellen^ neben 
lat. tu-meo, gr. tv-Ios^ germ. *tindan ^zünden, brennen^ (goi tundnan tandjany 
ahd. xunten) neben gr. da((o de-dav-fiivog ^ altind. dunöti und der an die stelle eines 
älteren *iunnan eingetretenen nn -bildung mhd. xinnen, endlich ags. hrindan, altisl. 
hrinda ^stossen*^ neben gr. xQovta xQoa(vto, 

Die in diesen 7 germanischen beispielen vorhandene praesensbildung -nd- 
geht nach ausweis anderer idg. sprachen auf ursprachliches -n/- zurück. Zu den 
erwähnten germ. formen gesellen sich nämlich zunächst 3 aus den slavisch-litau- 
i sehen. Lit j-u-nt-u ^durch das gehör gewahr werden^ gehört, da es prothetischcs 
j hat, zu gr. äfw^ abg. u-mü, got ga-umjan, lit. pu-nt-ü „schwellen*^ zu lett. 
pu-ns „auswuchs am baum*^, abg. kr^tq, das sich aus kr^ftjmi^i „drehen*^ erschliessen 
lässt, zu lat. curvus, gr. xoQ(ov6g xvQTog. Aus dem indoiranischen endlich sind 
altind. kr-nt-äti, av. kere-tU-aiti „schneidet* neben gr. xi(Qta^ ahd. sceran sowie 
altind. kf-nät-ti „spint*^ zu erwähnen, mag dieses kfndtti nun zu dem eben ange- 
führten abg. kr^(t)nqti oder zu lat eolus, gr. xXtad-to xkataxco zu stellen sein. 

Die flexi on scheint auch bei unserer praesensklasse ursprünglich nicht ganz 
einheitlich gewesen zu sein. Denn altind. kf-ndt-ti weist auf athematische flexion 
und einen Wechsel idg. *stn'net-mi *8tn'nt'mSs hin, während altind. kf-nt-d-ti, 
av. kere-^-ai-tt und lit. ju-nt-ü eine thematische flexion mit -o- -e- voraussetzen. 
Mit den nasalinfigierenden praesentien müssen die n«/- praesentien in enger berüh- 
rung gestanden haben. Einerseits wurde das t der endung -fiet- wurzelhafk, indem 
man nach dem muster von fällen wie altind. vavarja neben vf-firj- z. b. zu irr-fil- 
auch ca-karia schuf. So erklärt sich wol auch das ^ in got. stö-ß (für *8tö) neben 
storfid-an. Andererseits aber kam bei der sogenanten nasalinfigierenden klasse neben 
dem lautlich allein berechtigten und erst auch allein voriiandenen eingeschobenen 
nasal n eine stärkere „infixsübe*^ ne auf: nach dem Verhältnis *tci'nt'mes zu tci-net- 
mi bildete man zu *l%'n'q'me8 auch li-ni-q-mt. ursprünglich lautete die starke 
form des praesensbildenden elemcntes bei der 7. altind. klasse ganz anders. Nach 
dem nebeneinanderliegen von u-n-d-a und vd-en- licsse sich vermuten, dass neben 
/»-ftg- diese stärkere form liq-en gelautet habe. Aber armenische verba wie eUanem 
„verlasse*^ und die griechischen auf -dvo» wie Xt/nndvat zeigen, dass vielmehr -aii- 
die starke form des praesensbildenden elementes dieser klasse gewesen ist 

In unserer n«/- praesensklasse ist aber das suffix nicht auf diese bis jezt alleia 
erwähnte form beschränkt. Vielmehr findet sich entsprechend dem Wechsel von. 
tetfuis und media im wurzelauslaut — vgl. lat pando und ptUeo, pango und pacu^ 



FHILOLOeSNYIHSAMLUNe 1891 217 

wr — neben -ne<- -n^- auch der ausgang -med- -nd-. Lautgesetzlich berechtigt wird 
dieses d nur in der schwachen form -nd- gewesen sein, da sich die worzelschlies- 
sende tennis wol nur zwischen nasalen, hier also nur in fällen wie *8tn'nt'fne3 , in 
die media verwandelte {* sinnd^mes). Dann wurde o^ in die starke form net über- 
tragen. So lassen sich mehrere verba auffassen: altind. tfnadmi trndmds „durch- 
bohre*^ von Wurzel ter- in gr. Ji^ito joqhv\ altind. ehinddmi chindmds ^^abhauen*^, 
lat scindo von wurzel skhi- in lat. ds-set-aeo] altind. hhinddmi bhindmas „spalte*^, 
lat findo von wurzel *bki' in ahd. bUkal ^beil*, gr. (ftrgog, lat. /5-nw; avest. nwre- 
üdat „tötete*^ von wurzel mer- in lat. morior\ gr. i»-(pXvvSäv(o „breche auf* (von 
geschwuren) neben tpiUai (plvw^ lat. fiuo; lat fundo neben altind. dkunöti „schüt- 
telt*, gr. ^wiw ^imi, altisl. d^'a; lett. füdu „verschwinde* (aus *fundu) neben lit. 
xüwü „komme um*; aibg.bqdq (aus ^burnd-wm-) neben gr. <^t;ai, lit. biiti^ abg. byti. 
Aus diesen praesentien auf -net" -nt- und -ned — nd- entwickelten sich, wie 
schon teilweise ausgeführt wurde, in folge des einflusses der nasalinfigierenden klasse 
häufig kürzere formen auf -t und -d, die wie i-eine verbalwurzeln verwendet wurden. 
t liegt abgesehen von dem schon oben erwähnten got stoß, altisl. stctäenn z. b. vor 
in gr. x^qt'Ofjios (für ^x^gr-afiog durch beeinflussung von rofidg „schneidend*), lit 
kertü, alünd. ca-karta (perf.) neben kr-nt-dti und gr. xUQm\ in got skatdcm, ahd. 
seeiden neben altind. ehinddmi, lat. scindo; d dagegen ist enthalten in altind. bke- 
datiy got beita/n und bditrs, lat fidi neben altind. bhinädmi. Auch wo kein prae- 
sens auf -nt' oder -nd- in den einzelsprachon wirklich mehr nachweisbar ist, kann 
wurzelschlioBsendes t oder d in der aDgegebenen weise entstanden sein; so vielleicht 
^ got giu'tan, ahd. gioxan neben gr.;^^o), altind. yt^^^e; in ahd. flio-xan, ags. ^ed- 
tan, lit plÜ8tu plü-dau neben ahd. tr-^f/7-en „spülen, waschen*, ^.nX^to, hXpluü, 
abg. plovq\ femer in ahd. slioxan, lat. clau-do neben lat. clavis, gr. xXe^g, in gr. 
»lijCto^ got lüutra neben lit sxlüfu, lat cloaca, altlat. e/f4o; in mnd. tmitn „das 
gesicht waschen*, gr. fxv^og neben abg. m|(;({, lett. mauju\ möglicherweise auch in 
gr. T^vdta, lat. tandeo neben temno. Hierher gehören zum schluss wol auch die nur 
in einer spräche vorhandenen gr. x^^'i xli&d(o neben ;^A/ai /Xiatvat und lat. ctttb 
neben ahd. hauwan^ abg. kovq, lit kdnju, 

2. Es folgt sodann ein vertrag des herm dr. Borinski (München): Grund- 
züge des Systems der artikulierten phonetik^ Der voiixagende erörtert die 
iiotwendigkeit rein methodischer Untersuchungen, wie sie für die naturwissenschaft 
l&gst eingeführt seien. Er bespricht die principielle Unsicherheit der philologie und 
historischen Sprachforschung hinsichtlich ihres materials und seiner Wirkungen, sowie 
flie pflicht der forschung hier einzusetzen. Es handle sich nicht um aufstellung eines 
l>eliebigen subjectiven Systems, sondern um kritische darstellung der die phonetischen 
^tisdrucksmittel ermöglichenden Systematik. Hier tritt zunächst hervor die notwen- 
fiigkeit einer auseinandersetzung mit dem melisch - phonetischen ausdruck (musik); 
^<emer der abgrenzung vom thierischen schrei, vorwürfe die den alten harmonikem 
tuid grammatikem viel geläufiger waren. Auf die natur des artikuliei-ten ausdrucks 
eingehend, erörtert der vortragende die Ursachen einer speciellen lautforschung, ihres 
X^roblems und der in ihr zu unterscheidenden richtungon, der grammatischen, laut- 
l^ysiologischen (anatomischen) und physikalisch -akustischen. Er nimt die gramma- 
"tisohe als naive auffassung des lautmaterials gegen manche der ihr von den phone- 
'titon gemachten vorwürfe in schütz, zeigt das dilemma, in das die lautphysiologische 

1) Dir Vortrag erscheint yolstftndig tind von specialisierten anmerkangen begleitet im verUge der 
^. I. Gtahn'Mben biudüumdlaDg in Stuttgart. 



218 BORINSKI 

richtiuig bei ihren beobachtungen gerate, und dass sie gefahr laufe, die linguistischen 
aufgaben vergessend, sich in eine algemeine Charakteristik im Baconschen sinne zu 
verlieren. Die akustische richtung, deren geschichte und resultate kurz beleuchtet 
werden, sei bisher in der linguistischen debatte der lautphysiologischen gegenüber im 
nachteil gewesen, obwol sie den vorzug zu den kriterien der lautauffiassung hinzu- 
leiten schon äusserlich aufweise. Von Helmholtz* und seiner Vorgänger bekanton 
Untersuchungen über die der tonempfindung innewohnenden wahmehmungskritoiien 
ausgehend, erörtert er die bez. Stellung der spec. lautempfindung und gelangt nach 
musterung des Standes der physiologischen und psychologischen forschung zur Vor- 
legung einer methode, die herausbildung des Schematismus qualitativer momente in 
empfindungsreihon (skalen) überhaupt zu fixieren. Vermittelst dieser theorie beleuch- 
tet er nun die Verhältnisse der lautskala und stelt dem die bisherigen aufiassun- 
gen mit ihren für theorie und praxis gleich verderblichen consequenzen gegenüber. 
Femer weist er auf die möglichkeit von hier aus den phonetischen controvorsen 
im sinne dos ausgleichs beizukommen, sowie auf den gewinn für die wissenschaft- 
liche Charakteristik der laute und ihrer graphischen fixierung. 

Hieran schUosst sich im zweiten teile des Vortrags die erörterung der erschei- 
nungon dos lautwandols. Auch hier vom laute als ausdrucksmittel ausgehend zeigt 
er, wie dem laute ebenso wie dem tone das streben zu neuen stufen überzugehen, 
innewohne. In parallele mit der darauf sich gründenden strengen musikalischen setz- 
kunst erörtert er die weniger leicht zu fixierenden aber in ihror beschaffenheit durch- 
aus gleichen normativen lautbeziehungen (lautgesetze) , mit denen die Sprachwissen- 
schaft auf schritt und tritt operiert, ohne doch die objcctive formel für sie so leicht 
finden zu können. Die gesetzlichkeit im lautwandel wird nun auf durchgehonde, 
mechanische bezw. organischo gesetze zurückgeführt und im interesse ihrer reinen 
erfassung gegen die anwendung des torminus „lautgesetze*^ für die einzelnen tatsachen 
der historischen Sprachänderungen einspruch erhoben. Yortragender weist sodann die 
in der lautänderung wirksamen anstössc in der tönung (accentuierung) auf, skizziert 
ihre hauptsächlichen erscheinungsformen und zeigt wie der streit über die ausnah ms- 
losigkeit ihror Wirkung sich von selbst erledige. Das analogische princip glaubt er 
scharf hiervon abtrennen zu müssen und reiht es den architektonischen principien der 
sprach bildung als leztes und mächtigstes an. 

Die sprach bildung als solche stelle den dritten teil der aufgäbe dar. Man 
könne an ihr nicht vorüberschlcichen und das falsch gestehe in ihren problemen nur 
methodisch aus der debatte hinausschaffen. Yortragender zeigt, wie sie sich der 
historischen Sprachwissenschaft unablässig aufdrängen nicht blos in dem sie gefähr- 
denden wissenschaftlichen unkraut, sondern auch in ihren eigenen unentbehrlichen 
hülfsmitteln (wurzeln, erschlossene formen, Ursprache, neubildungen). In engem 
Zusammenhang stehen die schon die alten lebhaft beschäftigenden fragen nach den 
factoren des veränderten wortgebrauchs. Vortragender zeichnet die hierbei mass- 
gebenden grundanschauungcn und findet ihren wissenschaftlichen boden in der früh 
hierfür berechneten disciplin der algemeinen poetik. Er schliesst mit einem hinweise 
auf den wert der Wahrscheinlichkeitsbeweise und der beobachtung der lebenden 
spräche selbst in ihren niedrigsten oder individuellen erscheinungen für das begreifen 
historischer Sprachänderungen in ihrer continuität. 

In der discussion weiss dr. Sütterlin sich nut dem vortngeiideii in denen 
auseinandorlegung der gesetzlichkeit im lautwandel eins, gibt die noIwiBDdiglDBit einer 
strengen und durchgreifenden rüoksichtnahme auf die alraetiwiw 



FHILOLOaENYEBSAMLUNG 1891 219 

nimt schliesslich die spec. indogermanische Sprachforschung hinsichtlich ihrer heran- 
ziehung imaginärer stützen, sowie einiger als veraltet zu betrachtender werke lingui- 
stischer palaeontologie (Pictets Origines) in schütz. 

Dritte Sitzung. 

1. Dr. E. Henri ci (Berlin) machte bei beginn der Sitzung einige mitteil ungen 
über den ,, Jahresbericht über die orscheinungen auf dem gebiete der germanischen 
Philologie", welcher bei C. Reissner (Leipzig) erscheint und jezt im 12. Jahrgang vol- 
lendet ist Zu einer gedeihlichen foiiführung des Unternehmens seien drei dinge 
erforderlich: eine erhöhte abonnentenzahl, weil die gesteigerten herstellungskosten in 
den lezten jähren den schon geringen ertrag noch mehr vermindert haben; die regel- 
mässige Zusendung aller neuen publicationen, weil die beschalTung derselben den ein- 
zelnen mitarbeitem oft recht schwer falle; endlich der zutritt neuer mitarbeiter, 
weil die bearbeitung zu grosser gebiete durch einen roferenton bedenklich erscheine. 
In allen drei beziehungen erbat der redner die teilnähme der fachgenossen wie der 
Verleger. 

2. Alsdann spricht derselbe redner über „einige grundsätze der Iwein- 
tritik*. Die für eine textlierstellung notwendige Untersuchung des handschriften- 
verhältnisses ist nach Lachmann (1843) von Paul (1874) und Oscar Böhme (1890) 
unternommen worden. Der leztgenante geht von einer vorgleiohung mit dem Wigalois 
aus und gelangt zu der moinung, dass Wirnts handschrift das original für alle vor- 
handenen sei. — Der vortragende zeigte dem gegenüber, dass auf grund des vorhan- 
<ienen materials sich zwar das Verhältnis einzelner handschnften zu einzelnen aber 
nicht aller zum original Hartmanns feststellen lasse, weil jede an einer stelle sichere 
l<ombination durch die beobachtung an anderen widerlegt werde. Während aus 
gemeinsamen Zusätzen sich Bb, H, ab, br, cf, pr, EJap als gruppen erweisen und 
ebenso aus starken änderungen Eapr, Bz, DJbc, also stets majuskcl und minuskel 
gemischt erscheinen, treten 7695 — 7702 alle älteren handschriften (vor der mitte des 

14. Jahrhunderts) zu einer gruppe zusammen und gegenüber den jüngeren Jabdlpr, 
^^elche die bezeichneten verse hinter 7716 stellen; cfz fehlen an der stelle. Eine 
^üinliche allen beobachteten Verhältnissen zuwiderlaufende gruppierung findet sich 
3998, ADEfl gegen Jabcdprz, während B beide lesarten vereint! Auch 3944 und 
3945 — 48 durchbrechen alle Ordnung; bemerkenswert sind ferner 3372. 4110. 4583. 
-4590. 4795. 6919; die lezte stelle kehrt wider alles sonst gesicherte um. — Der vor- 
zuragende ist daher der Überzeugung, dass bei der behandlung der sinnvarianten J^ach- 
:manns bevorzugung von A wol berechtigt war und noch die meiste gewähr gibt, des 
Achters fassung wider zu erlangen. — Ganz anders steht die sacho mit der spräche; 
^lass Lachmann auch diese auf A gründete, war ein verhängnisvoller fehler, wie schon 
IPaul richtig bemerkte: denn A ist mittel-, zum teil sogar niederdeutsch. Dass seine 
Schreibung wertlos sei, zeigte der vortragende an einem boispiel. Lachmaun giiin- 
<l6te auf A die Unterscheidung von und, nnt, titide; aber die handschrift selber sezt 
"TÄ, fr», vnd, vnde, vnt je nach dem räume, der noch auf der zoile war, oder ganz 
irilkürUch, wie 691 lehrt: hier sezt A vnde atigestltcher für unaugestlichen, es 
Jöste also das in der vorläge gefundene un oder tm eigenmächtig zu vjide auf. — 
Ton den übrigen alten handschriften sind EJK oberdeutsch mit verschiedener dialekt- 
ftrbasg, D Tielleicht böhmisch, CG mitteldeutsch, M niederdeutsch; nur BFHNO 
dst ^ipht««» spräche in sich und mit den reimen übereinstimmend. Es kann 
II iwfdfel sein, dass B^ die einzige volständige handschrift der lezten 



220 B0RIN8KI 

gruppe, die grundlage für die sprachliche widerherstellang des gedich- 
tes sein muss. Diese handschrift hat der vortragende deshalb auch seiner soeben 
(Halle, Buchhandlung des Waisenhauses) erschienenen ausgäbe des Iwein zu gründe 
gelegt 

3. Es folgt ein Vortrag des herm dr. Wunderlich (Heidelbei^) über: ^die 
deutsche syntaxforschung und die schule '^^ Die syntaxforschung ist ein 
Stiefkind der philologie. Die textkritik hält die roheste satzstellung zu gunston der 
versglättung für angezeigt Es fehlt zwar nicht an schulprogrammen und ebenso- 
wenig an dissertationen über syntaktische fragen.. Aber es bleibt meist bei statisti- 
schen erhebungen ohne positive resultate. Dabei steht im gespräch und selbst in Zei- 
tungen sprachliche polemik in blute, ebenso das schelten auf die schule. Der 
deutsche Unterricht aber komt in ihr zu kurz. Die Orthographie ist zum teil geregelt, 
laut- und formenlehre kann durch germanistische lehrer im einzelnen normiert wer- 
den; schwieriger aber ist es den grossen Zusammenhang in der syntax aufzuhellen. 
Die syntaktische Schulung der lehrer lässt zu wünschen übrig. Die kläger selbst sind 
in ihrem Sprachgefühl oft sehr unsicher. 

Der vortragende geht auf die unter dem titel „ Sprachdumheiten '^ in den 
,, Grenzboten *^ erschienenen artikel ein. Der Verfasser dieser aufsätze, offenbar ein 
erfjEthrener schulmann, betrachte die spräche als kunstwerk. 

Demgegenüber tritt der, der die spräche als Verkehrsmittel auffasst. Den Vorwurf 
der „papiersprache*^ teile der Verfasser mit 0. Schröder. Allein man dürfe rede - und 
Schriftsprache nicht als völlig gleich behandeln. Die leichte form der rede ist, wenn 
sie aufs papier gebaut wird, durchaus nicht immer so leicht lesbar. Die natürliche 
rede arbeitet nicht mit vorausgedachten gedanken. Pausen zu vor- und rückschau 
sind ihr meist nicht möglich. Sie bevorzuge daher die parataktische satzfügung; die 
Schrift dagegen könne zur periodischen greifen. TVenn man eine Wortfügung, die das 
äuge verlezt, vorliest, so gewährt das keine stichhaltige Verteidigung. Das ohr prüft 
flüchtig, das äuge nachhaltig. Der vortragende begründet dies im einzelnen hinsicht- 
lich mehrerer pronominal- und partikelformen, berücksichtigt die begleitung der geber- 
denspracho, die verschiedenartigkeit der korrektur. Der redende kann nur nachtra- 
gen (nachtragsfiigungen). Es gebe mehr stilformen, als man gewöhnlich annehme. 
Auf Verschiedenheit der stilformen beruhe z. b. komische Wirkung. Ein hauptunter- 
schied sei der zwischen mündlicher und schriftlicher mitteilung. 

Was das Sprachgefühl im algemeinen anlangt, so könne man ihm nicht so enge 
schranken ziehen. Wenn es sich z. b. gegen die flexionsunterlassung in der appo- 
sitioneilen bezeichnung bei titeln auflehne, so könne man dies gelten lassen. Gegen 
den Vorwurf aber, dass man statt der alten präpositioncn Umschreibungen gebrauche, 
müsse man erinnern, dass auch die alten, sich abnützenden praepositionen Umschrei- 
bungen gewesen seien. So strenge Scheidungen im wortgebrauche, wie zwischen her 
und hin lassen sich nicht durchführen, da hierbei das jeweilig herschende interesso 
den ausschlag gebe. Gegen die gelenkigkeit der spräche der kinder wird bei pedan- 
tischer stienge in solchen dingen gesündigt, die freiheit der ausdrucksweise gefähr- 
det Das eigentümliche in der mundart werde syntaktisch zu wenig berücksichtigt (vgL 
Binz, Zur syntax der Basler mundart, diss. Basel 1888). Das buch von Franke, 
Reinheit und reichtum der deutschen spräche sei vom Sprachverein gekrönt, <^e 
dass es das syntaktische berühre. 



1) Der Vortrag ist in erweitert« gestiüt abgediwkl fa te tof '->iUMMtaa«llmr H. IM 

vom 18. juni 1891. 



PHILOLOGEN VIBSAMLUNG 1891 221 

In dieser frage frische mit vernünftiger strenge zu paaren, sei sache der päda- 
gogen. Dazu gehöre aber, dass die deutsche schulgrammatik ihre aufgäbe besser 
er&sse. Sie führe oft sprachungeheuer an zur Illustration von regeln und ausnah- 
men. Den früheren Schriften zur Schulreform fehlte es noch an einer darstellung der 
deutschen syntax. Nun aber sei das ebenso sehr angegriffene als ausgenüzte buch 
von Oskar Erdmann vorhanden, von dem die anregung zu grösserer tätigkeit auf 
diesem gebiete erhoft werden könne. 

Der vortragende schliesst mit einem hinblick auf die nötige abgrenzung gegen- 
über fremdsprachlichen einflüssen (lateinisch schon beiOtfrid). Im französischen und 
englischen Unterricht seien die principiellen unterschiede hervorzuheben. 

In der discussion interpelliert prof. Brenner über die deklination des wertes 
herr als pronomen in schwäbischen Urkunden; dr. Hermanowsky über ^echte xmd 
unechte*^ praepositionen. Ausserdem erfolgen bemerkungen über die Stellung des 
finiten verbs und die auslassung der hilfsverba. 

4. Vortrag des herm dr. W. Golther: ^Are I*orgilsson und seine 
werke*^. Im gegensatz zu Björn Magnussen Olsen (Aarböger f. nord. oldkyndighed og 
historie 1885, 341 fgg. u. Timarit hins Islenzka bokmentafclags 10, 214 fgg.) vertrat 
der vortragende die ansieht, dass Are nur zwei werke, eine verlorene, umfangreiche 
ältere tslendingabok, aus der die Landndma und Kristnisaga flössen, und die erhal- 
tene Ib. verfasst habe. Gerade die von Olsen beigezogenen stellen zeugen hiefür, 
indem Sturlunga kap. 12 und Landnäma Y, 12 (Islendingasögur I, 312 fgg.) zusam- 
men den Inhalt der älteren Ib. repräsentieren, aus welcher durch kürzung die zwei 
stellen der erhaltenen Ib. (bei Möbius s. 4, 26 und s. 13, 30) hervorgiengen. Olsens 
hypothese, dass der Wortlaut von 3 quellen (der alten und jüngeren Ib. sowie einer 
besonderen Landniuna Ares) vorliege ist nicht stichhaltig. Abgesehen von gezwun- 
genen und unrichtigen auslegungen im einzelnen sind die drei stellen von Olsen in 
falsches abhängigkeitsverhältnis zu einander gesezt. Herr prof. v. Maurer erklärte 
seine Zustimmung zu den ausführungen des vortragenden unter hinweis auf seine 
demnächst in der Germania (36, 61 fgg.) erscheinende abhandlung über Are und seine 
werke. Der Schriftführer der section 

MÜNCHKN. DR. KABL BORINSKI. 



UTTEEATUR 



^■TUndriss der germanischen philologie, herausgegeben von H. Paul. 
X, 3—5 (s. 513—1024). H, I, 2—4 (s. 129—496). H, ü, 2 (s. 129—256). 
Strassborg, Trübner 1890. 1891. 12 m. 

Die früher erschienenen hefte dieses Unternehmens hat referent in dieser zeit- 
*^^^x:Lft XXn, 462 fg. XXm, 365 fg. besprochen; die seitdem veröffentlichten sechs 
^^'^^^aideln gegenstände, welche zu den hauptfächem der deutschen philologie gehören. 
Die drei hefte des ersten bandes bringen die grammatik zum abschluss. Auf 
geeohichte der nordischen sprachen folgt die geschichte der deutschen spräche 
0. BehftgheL Sie hast in knapper und doch sehr reichhaltiger darstellung die 
der hooh- und niederdeutschen sprachen einschliesslich der mundarten 
vdüB Tim einem oonstruierten urdeutsch aus die einzelnen sprachlichen 
itt iverdsn. Diese darstellungsweise sezt freilich beim leser ein ziem- 



222 IfAHTIN 

liches mass vou kentnisson und von aufmerksamkeit voraus, gewährt aber auch Tiel- 
faoh lehrreiche Übersichten. Bei so viel umfassendem inhalt kann es nicht fehlen, 
dass einzehies bedenklich erscheint. Referent möchte zunächst zwei punkte von tief- 
greifender bedeutung hervorheben. 

S. 541 heisst es: ^^^^^ meisten anspruch tonangebend [für die bildxmg der 
mittelhochdeutschen litteratursprache] gewesen zu sein, hätte das ostfränkischo; 
denn es lässt sich wol kein fall nachweisen, wo an stelle einer angeborenen sprach- 
lichen eigen tümlichkeit eine solche erschiene, die jener mundart fremd wäre*^. Hier 
ist ein gegenzouge anzuführen, der aber auch wol völlig ausreicht: Wolfram von 
Eschenbach. Die eigenheiten seiner spräche sind doch gewiss als seiner ostfränkischen 
mundart angehörig anzusehn: jene Vermischung von i und ie, u und uo^ die aus den 
reimen hervorgeht; jene Verwendung von wenic, wofür einige handschriften lütxd 
einsetzen; jene construction von ^e«n mit dem accusativ (Parz. 452, 28) usw. Dass er 
in vielen dieser abweichungen vom gewöhnlichen mittelhochdeutsch mit dem neuhoch- 
deutschen übereinstimt, bestätigt nur ihre mundartliche herkunft; denn das nhd. 
richtet sich ja wesentlich nach dem mitteldeutschen, wo es die mittelhochdeutsche, 
d. h. alemannische grundlage verlässi Dass das alemannische wirklich der boden des 
mhd. war, fühlen heute noch die am OboiThein heimischen: sie empfinden beim ler- 
nen des mhd. beständig die verwantschaft ihrer mundart mit der mhd. Schriftsprache: 
das wird joder gehört haben, der einmal Schweizer, £lsässer, Badenser im mhd. zu 
unterrichten hatte. Diese verwantschaft zeigt sich nicht nur in den lauten, sondern 
auch im genus der substantiva, in Wortwahl und wortgebrauch, in der syntax. Was 
wollen diesen zahlreichen übereiustinmiungen gegenüber die paar volvocalischen 
endungen alemannischer Urkunden besagen, die man zum hebel gebraucht hat, um 
die von selbst sich aufdrängende, schon von Bodmer ausgesprochene erkentnis von 
der alemannischen grundart des mhd. umzuwerfen! 

Auf derselben s. 541 wird von der kanzleisprache , als dem ausgangspunkt der 
neuhochdeutschen Sprachentwicklung gesprochen, dabei aber völlig verschwiegen, 
dass dieser nhd. Charakter zuerst und zwar in den hauptpunkten durchaus entschieden 
um 1350 in Böhmen auftritt Das hat Müllonhoff mit volgiltigon belegen gezeigt; 
referent hat weitere beweismittel beigebracht Wo ist diese denn doch sehr wesent- 
liche tatsache widerlegt worden? Die widerspruchsvollen bemerkungen von v. Bahder, 
Grundlage dos nhd. lautsystems s. 3 fg. sind doch keine Widerlegung. Referent muss 
diese klago um so mehr betonen, als sich bereits stimmen hören lassen, welche 
geradezu die Vertreter der angeführten wissenschaftlich begründeten auslebten ver- 
höhnen. Prof. Brenner in einer reccnsion meiner mhd. granmi. nebst wörterb. zu der 
Nib. not sagt in den Blättern für das bayerische gymnasialschulwesen 1890, 480: 
„Martin hat sonderbare dinge stehen lassen: das alemannische am Oberrhein soll dem 
mild, am nächsten gestanden haben; am Main wurde statt uo ü gesprochen, in Böh- 
men habe die deutsche bevölkerung einen mischdialekt ausgebildet . . .*^ Da die 
redaction dieses bayrischen scliulblattes eine entgegnung nicht berücksichtigt hat, so 
möchte ich die gelegenheit nicht vorübergehen lassen öffentlich zu einer wissenschift- 
liehen Widerlegung oder zur ancrkennung der auch von mir vertretenen annahmen 
aufzufordern. 

Noch ein principiellor punkt bedarf der erörterung. S. 5d8 sagt Bebafßid: 
„Die theateraussprache von / als tenuis aspirata ist ein reines kunstpiodnkt*; •• 66B 
wird das etwas deutlicher und vorsichtiger erläutert Es itt ja wßißi^- ^ kB 
bestreben, den orthographisch überlieferten nntexsohied yon d imiP 



GOER PAUL, GRUnDlUSS DKR GUUl. PHIL. L Q 223 

[ geltend zu machen, aat die aspiration dos aolautendon l hingewirkt hat; aber die 
I theatersprache hat dies bestreben gewiss in keiner weise gefordert, geschweige 
I denn hervorgenifeii. Überhaupt wird dm bühneuspmche vielfach eine weit übertiie- 
t bedeutuDg beigelegt Von irgend einem einüuäs auf die Umgangssprache, von 
I irgend einer mustergiltiglieit kann höchstens seit Lessinga auftreten, also rund von 
1 1T50 ab, als von einer möglichkeit geredet worden. In Wahrheit aber hatte noch 
L Goethe um 1800 als Iheaterdirelrtor seine liebe not damit den aubauspielern die aua- 
I Sprache der gebildeten kreise beizubringen: siebe z. b. Goethes gespi^che heraosg. 
von W. &eiliemi v. Biedermann 1, 219. Von ausdrücklichen festsetzungen iilier die 
bühnciioiisspracLe z. b. des g wüste icli erst aus den 70eT jähren unseres jahr- 
buiiderts. In jedem fall folgt das theater der spräche der gebildeten kreise erat 
Mch. Auf diese und auf das ganzu volk hat vielmehr ein anderer foktor mass- 
gebend eingewirkt, der wenigstens bei Behaghal nicht genügend hervorgehoben wird, 
die kanzel. Tilan kann sagen: von 1350 bis 1560 ist das neuhochdeutsche kanz- 
leispraohe; von da bis wenigstens 1750 ist &a kanzelsprache. Der fichulunterricht 
sckloes sich der kauzel an. Ein beispiel ihrer Wirksamkeit ist das nbd. vater mit 
langem a, neben gevatler mit kurzem. Der oberdeutsche spiicht mundartlich räter, 
und uoch Goethe sprach so, wie aus Goethes gespr. 8, 344 tu entnehmen ist. Die 
Termutong liegt nahe, dass das lutherische Väla^ unser die dehuung auch nach Sud- 
Jeiitscbland brachte; so wird auch dos gicb sein i erhalten haben. Cbrigeos soll 
nicht geleugnet werden, dass gerade im ernsten Schauspiel die dialettische ausspräche 
besonders störend eiBchien, wofür ein beispiel die in Danzels Gottsched 266 berührte 
Stnssburger aufführung gibt; eur dass nicht von Gottscheds Cato, sondern vom Po- 
■ Jycuct der fran Link die rede ist (s. Jahrbuch des Vogesenclubs ^11, 118). Auch 
p *nög«n die Wanderungen guter trujjpen oder gastspiele hen*orragender Schauspieler zur 
Verbreitung der neuhochdeutschen musterausspracbe beigetragen haben. 

Von streitigen einzelheitea berühre ich nur noch auf s. 609 uänsehaffen , das 
Verding« auch Lexer mit ü schreibt. Es ist, wie die belege zeigen, aus dem nie- 
derilcutfchen entlehnt, wo lean- vielfach als negationspartikel ei'scheint: wanhöde 
vernauhläsaigung, tean&öp, teanruelUtclt uaw. und solte ebenso wie Kameitxe mit 
"irzcffi o bezeichnet sein. 

8. 530 ist boisohe eiuwandernng wol für slawische e. gesezt. Ebenda 
■sl die bohauptung irrig, dass seit der Hussitanbewogung das deutsche in Böhmen 
'ortdauemd rücksohritte gemacht habe: der anschluss der böhmischen briider an 
Lntltvr hat das deutschtuni in Böhmen gefördert, die gegenreformation seit 1620 hat 
^ tschechische unterdrückt, und zwar mit gewalt und mit fast volständigera erfolg, 
••wejt es sich um die ütteratur bandelt. 

S. 531 wird von den deutschen eigennomen in Urkunden gesagt, dass sie ausser 
"^ (lallen in den deutschen stamlanden erst seit dem 9. Jahrhundert ersuheinen: 
"eUsenhnrg und Murbach hieten sie doch schon um 700. — Die a. 335 angegebene 
J^Mlii^mig des niederdeutsohou vom mitteldeutschen weicht sehr stark ab von der 
™«h Richard Andree im Globus LIX n. 2 uad 3 (mit einer sehr hübschen karte) 
"^twiilen: wo dos richtige liegt, ist vielfach wol noch zu untersuchen. — S. 625 
*•* (ur die goousüber^ge wol zu bemerken gewesen, dass zwischen mhd. und 
"^^ dar nntorschied ölters auf andere mundartliche gnmdlago zurückgeht: z. b. 
*f**ir igt fem, im nhd. wie bei Otfrid, mhd. niosc. Vergleiche hierfür namentlich die 
■^»elien samlongeu in Veinhold.'! Mhd. gramm. § 309—311. 



224 MARTIN 

Von druckfehlem notiere ich die folgenden: s. 527 Sehmierlcteh si Schmer- 
lach, 539 Telft st. Telfa, 560 Swdbe st Swdp, ebd. kürxung von si kürxung tfor, 
596 Äirar^m st. hvmrhu/m. öfters ist ^ für c^ gesezt worden. 

Als 6. teil des V. abschnittes schliesst sich an: Geschichte der niederländischen 
Sprache von Jan te Winkel, also von einem Niederländer, dem zunächst die oor- 
rectheit des deutschen ausdrucks lobend nachzusagen ist, abgesehen von wenigen 
hollandismen , wie au8geicichen für geflücJäet, blieb über anstatt blieb übrig u. ä. 
Hunde s. 688 ist druckfehler. Die anordnung lässt zu wünschen übrig; von den ver- 
schiedenen orthographischen Systemen ist s. 641 fgg. und wider, aber ausführlicher, 
s. 658 fgg. die rede; ebenso wird der einfluss des französischen mehrmals behandelt 
Dies liegt zum teil an der erweiterung des gesichtskreises, in welchen von te Winkel 
auch Wortbildung und syntax hineingezogen werden, während sonst meist nur laut- 
und flexionslehre behandelt worden sind. Diese mannigfachen gegenstände erscheinen 
allerdings öfters in einer unerwaiteten Verbindung und reihenfolge behandelt Bei den. 
differenzeu zwischen holländisch und flämisch ist das leidige confessionelle dement^ 
welches auf die trennung und auseinanderhaltung besonders hingewirkt hat, nichk 
angeführt. Einzelnes erscheint unrichtig. S. 648 «In »tfioel neben muil haben wi^ 
wol ein späteres westfälisches oder rheinisches lehnwort mit nicht verstandenem .^ 
aus das mtU^. Hier wäre schon da^ anstatt dat auch für die nächsten, nachbam d&x 
Niederländer nicht anzunehmen. Yielmehi* haben wir ja in schmollen, mhd. smidemi 
das verb, zu dem das nl. Substantiv gehört S. 670: „Sehr eigentümliche imperativ^« 
sind im mnl. sich von sien, lach von laen neben laten, dwach von dwaen, 
von slaen, doch von doen, ganc von gaen, stant von staen'*'. Hier hätten doch w^ 
die aus älteren, im hochd. erhalteneu formen ganz leicht ei klärbaren sich usw. 
den beiden analogieformen lach (auch mhd.) und doch getrent werden müssen. S. 
worden die weiblichen bildungen graefnedcj swaesenede und gesdnede auf zusammf 
Setzung mit altsächs. ides zurückgeführt: schwerlich mit recht; lautlich entspredi^»^ 
vielmehr völlig ableitungen auf mlat. ata, wie mansionata auch mesneda eigi'bt 
(s. Ducange). 685 j,oorlog (aus urlugi) bedeutet das flamme verursachende; V| 
ags. arlege, mhd. urlilge ...*'; diese mhd. form ist erst in jungen quellen und 
mutlich mit langem ü überliefert; auch ist die bedeutung des verursachens abzuloli' 
neu, da mhd. ur- (= got. us) in den nomina dem mhd. er- in verben gleichstel&t, 
also nur hervorgehn aus etwas gemeint ist. Dies zu s. 684; ebenda fehlt die yor- 
wendung des praefix toan zur negation, wie in tcanconnen, 686 wird minne aIs 
verstümmelt aus minnemoeder bezeichnet; aber auch das mhd. hat minne ohne wei- 
tere Zusammensetzung für grossmutter oder mutter; ebenso steht es mit den meisten 
übrigen Wörtern, die nach dem Verfasser verstümmelt sein sollen. 704 wird der Icel- 
tische Ursprung von Rgti und Ngmwegen mit unrecht angezweifelt Falsche formen 
fremder sprachen s. 701 Friggadagr und 709 n'exc^tee personne. 

Widerum auf laut- \md flexionslehre beschränkt sich 7. die geschichte der 
friesischen spräche von Th. Siebs. Der nicht eben reiche Sprachschatz des frio* 
sischen wird klar und übersichtiich, vielleicht etwas breit dargestelt, mit yorsiohti^^ 
betonung dos sicheren und dos ungewissen. Der volksname wird aus got. frai^^^ 
erklärt: „die in gefahr (d. h. in wassergefahr) schwebenden*; warum nicht die eryfo^ 
ien? oder die kühneti? der uralte name wird doch wol oin auszeichnendes lob b^^* 
und nach den Zeugnissen der alten lebten die Chauken noch mehr als die Friet^^ 
in gefährdeter läge. 



ÜBER PAUL, ORT7NDBI8S DKB GERM. PHIL. I. U 225 

um 80 reicher erscheint dem friesischen gegenüber die geschichte der eng- 
lischen spräche, von Kluge bearbeitet; dem für die geschichte der französischen 
bestandteile D. Behrens, für die syntax E. Einenkel zur seite getreten sind. Es 
ist eine überaus grosse fülle an tatsachen und, vrie Kluge selbst hervorhebt, eine 
noch grossere fülle von anregungen zu weiterer forschung, die sich hier darbietet. 
För das mittelenglische ist namentlich ten Brinks buch über Chaucers spräche 
bennzt worden. Ein paar mal scheinen nicht alle möglichkeiten erwogen worden zu 
sein : wenn (s. 840) der mangel der palatalisierung in aengl. scöl darauf zui*ückgeführt 
wird, dass lat. seola erst später als scrinitmi {shrine gegenüber von sckool) u. a. 
eingeführt worden sei, so lässt sich doch wol auch denken, dass der beständige 
gebrauch des firemden wertes in der klosterschule auch die fremden laute geschüzt 
habe. Widerholungen sind auch in diesem beitrage Kluges nicht vermieden: s. 870 
wird sogar dieselbe bolegschrift z. 9 und z. 14 angeführt. Der abschnitt über die 
Syntax ist übermässig knapp: s. 911 heisst es, dass stiehe usw. „ihr geschlecht 
andern*^; welches sie vorher hatten und nachher erhalten haben, wii*d nicht gesagt. 
Schriften von Rosenbauer, Dubislav usw. werden ohne jede nähere angäbe citiert 
Zum vergleich mit den S3rntaktischen eigentümlichkeiten des älteren englisch, wofür 
übrigens wesentlich nur anfallende Verwendungen von pronomina und partikeln 
vigefübrt werden, dienen altfranzösische, von A. Tobler vermerkte; dass germanische 
sprachen, insbesondere die niederländische, aber auch das mhd., viel ähnliches zeigen, 
hätte in einem grundrisse der germanischen phUologie wol gesagt werden können. 

Als anhang zur Sprachgeschichte folgt die bearbeitung der lebenden mundai-ten. 
^Igemeine grundzüge schickt Ph. We gener voraus, mit berücksichtigung des Mag- 
deburgischen für die beispiele und mit praktischem sinn für die anleitung zu diesen 
forschmigen. Für die deutschen mundarten gibt F. Kauffmann eine sorgföltige 
bibliographie. Die skandinavischen behandelt J. A. Lundell, die englischen J. Wright, 
^de mit eignen methodologischen bemorkungen über geschichte und umfang der 
niundarten. Vielleicht wäre es nicht unmöglich gewesen, irgendwo die germanische 
schifferkoine zu behandeln, von der s. 937 mit recht die rede ist und welcher eine 
S^Qieinsprache der romanischen Seeleute gegenüber stehen soll. Auch das judon- 
"ö^tsch hätte doch wol berücksichtigung verdient, welches — aus kulturhistorischen 
^Q^bältnissen erklärlich — auch auf das gaunerdeutsch eingewirkt hat. An litteratur 
^^ diese beiden leztgenanten fehlt es bekantlich nicht 

Den schluss des ersten bandes bildet die mythologie, welche eigentlich mit 

^^r heldensage zusammenhängen und mit dieser den litterarhistorischen teil eröfnen 

*^«e; räumliche rücksichten haben wol die abgrenzung der bände bestirnt. Die 

"■Mythologie, von Mogk bearbeitet, liegt bis jezt nur zum teil veröfTentlicht vor, so 

^*®^ ein urteil über diesen ganzen abschnitt besser noch ausgesezt wird. Nur einzel- 

J^iten mögen schon jezt zur spräche kommen. Von MüllenhofFs arbeiten, die nach 

^^ luteil des referenten die wege zu einer wissenschaftlichen behandlung der deut- 

^^^ mythologie überhaupt erst eröfnet haben, fehlt auf s. 995 die zulezt, allerdings 

7*^^ dem tode des yerfassers erschienene: Frija und der halsbandmythus, ztschr. f. 

/^ 30, 217 — 260. — 8. 1005 heisst es: „Interessant ist im hinblick hierauf [auf 

^^ ^bnben iron dem yoileben der seele] die Vorstellung, die der Schwede im mit- 

^^^Qr Ton dMT menwdilichen seele hatte: er stelte dieselbe dar als kleines kind, das 



dem mmide hauchte . . Die seelen können also als kindor wider- 

P* DAe angeführte Vorstellung ist algemein christlich und durch mit- 

leateolilaiid und Italien häufig bezeugt: im Hortus deliciarum 



ILOLOen. BD. ZZIV. 



15 



226 MARTI!? 

der Herrad von Landsberg (in Straubs ausgäbe der bilder pl. XXXEQ); drei Jahrhun- 
derte später bei Diebold Laubor (Oeifcken, Bildorkatechismus dos 15.jahrh., tafel XI 
und XII); auf dem bekanten , Triumph dos todes*^ im Campo santo zu Pisa, der 
Orcagna zugeschrieben wurde, und noch später auf itaUänischen bildem (Denkm. der 
kunst, volksausg. tafel 62). — Zu s. 1014 ^valr = die leichon, toten, valkyrja, räl- 
eyrie totenwählerin '' durfte nicht verschwiegen werden, dass es sich bei wal nach 
allen Zeugnissen (wie es ja jozt noch in „Walstatt*^ der fall ist) um die im kämpfe 
gefallenen handelt; dass femer die vei'wantschaft einerseits mitwählen, andrerseits mit 
wälzen \md wallen auf die Vorstellung von den im gewaltsamen tode sich umwäl- 
zenden, sich übereinander wälzenden sterbenden hinweist. Die Verbreitung der Wör- 
ter icaly wio sie zumal durch den gebrauch in zusammengesezten namcn sich kund- 
gibt, und der Zusammenhang mit dem kriegerleben gebon auch dem begriff der 
Walküre im alten Germanenglauben eine vorzügliche stelle, und es ist wol grund 
vorhanden anzunehmen, dass erst mit dem verblassen dieser Vorstellung sich die — 
vielleicht an sich älteren — Vorstellungen von dem geistorgesindel der maren, tru- 
den, hexen usw. wider in den vordergiund gedrängt haben. Den griechischen kerea 
vergleichbar, stehen die walküi-en recht mitton in der heroischen weltanschaumig ; 
die nomen erscheinen ebonfals in solcher besonderer beziehung zu kämpf und tod., 
so dass sie wol als veralgemeinerung jenes Schicksalsbegriffes gelten dürfen. 

Von Mogk ist auch die geschieh te der norwegisch -isländischen litteratur Ter- 
fasst, mit deren beschluss das 2. hcft desl. bandes, I. abteilung begint S. 136 erluilt 
Gautier, der dichter der lat. Aloxandreis, mit unrecht noch den vomamen Ph(ilipp?)- 

Hieran schliesst sich die Geschichte der schwedisch -dänischen litteratur ?O0 
H. Schuck. S. 149 ist Genoveva wol ein Lapsus calami für Griseldis. Die geschieht« 
dieser an sich weder durch inhalt noch durch form anziehenden litteratur hätte y\A^ 
leicht durch die besondere rücksicht auf deutsche, natürlich meist niederdeutscli« 
Vorbilder und parallelen noch einen eigenen wert erhalten können; dazu wäre s. 1^1 
bei den Dyre-rim (vgl. s. 432), dem Broder Rus (vgl. s. 431) und sonst gel©- 
genheit gewesen. 

Für deutsche leser tritt mit der althoch- und altniederdeutschen litteratoT'? 
deren geschichte Kögol geschrieben hat, wider das heimatliche intoresse hervoX'- 
Eögel hat die dürftigkeit und lückenhaftigkeit der quellen durch kritische behandloDl^ 
aufzuheben gesucht, auch manches neue geboten, dem jedoch referent keineswegs 
durchweg zustimmen kann. S. 163 heisst es vom Wiener hundesegon, es sei dab€^ 
nicht an einen hirten zu denken . . „Auch bleibt der hirtenhund bei der herde uii<* 
läuft nicht dui'ch wald und fcld*^. Hier gibt aufschluss, was bei Schmeller B. wb. II *-• 
902 über die wolfssegcn mitgeteilt wird und auffallender weise auch von Müllenhoff 
in den denkmälem nicht benuzt worden ist. In diesen wolfssegen wird das vieh vo*" 
wolf und Wölfin sowie vor dieben in schütz genommen, wenn es zu holex ufid ««* 
reld . . XU waid und xu wasser geht. Für die weidenden tiere ist also der wolfs-* 
sogen bestimt, und die einfügung der hunde und hündinnen ist eine Verdrehung d«^ 
echten textes, die allerdings wol ein Jäger (oder ein hundezüchter?) vorgenomm^** 
haben mag. Dass der h. Martin als hirtc genant wird, stimt zu einem lateinische^ 
liedchon bei Du Moni, Poesie du M. A. 111: Martine, pastar egregie, Nos ^ 
lupi defendas rabie Saerientis. — S. 165 fehlt der Züricher milchsegen: Genn. 22, 
352 fg. — S. 166 ist die Vermutung, dass die Germauen in der Schlacht den rhyth- 
mus ihrer gesänge durch anschlagen der Schwerter an die Schilde markiert hattest 
durch die angeführten Tacitusstellen schwerlich gerechtfertigt. Dagegen hätte ^ 



J 



ÜBER PAUL, GRUNDRISS DER OERM. PHIL. I. U 227 

an/iihnmg von Tac. Germ. 3 der barditus wol auch erwähnt und erläutert werden 
l'öniieD. — S. 168 wird die annähme von germanischen klageliedem an der bahre 
vor" der bestattung durch die griechischen, römischen und slavischen beispiele nicht 
genügend gestüzt, zumal Tacitus ausdrücklich den gegensatz gegen die römische toten- 
fei^x* hervorhebt. — Nach s. 171 „hatte Notker der Deutsche über undankbare klo- 
stf^i-schüler zu klagen, die verslein auf ihn machten*'; aber Henrici QF. 29, 187 zeigt, 
daf>s die als zusatz Notkers bezeichnete stelle schon bei Augustinus steht. Auf der 
folgenden seite ist die Übersetzung von ersaxta durch „sezte an**, die Müllenhoff gege- 
ben und durch beispiele gestüzt hatte, sehr burschikos durch verweis auf das setzen 
(„l^onieren") der Studenten abgetan worden. Für die spotlieder hätte auf Ztschr. f. 
d. SM.. 18, 261 fg., 33, 437 fgg. verwiesen werden sollen; ebenso wegen der rätsei und 
Sprichwörter auf Voigt Ztschr. f. d. a. 30, 260 fgg. 352, sowie auf dessen ausgäbe 
der Fecunda ratis von Egbert von Lüttich (Halle 1889). — Besonders ausführlich 
ist <3as Hildebrandslied behandelt; aber i-eferent bedauert sagen zu müssen, dass 
er g^erade hier viel zu beanstanden findet. Zunächst hätte unter den hilfsmitteln hier 
wio sonst auch das facsimile in Könnekes bilderatlas angeführt werden sollen. S. 176 
behauptet Kögel: „Die herschende meinung ist seit Holtzmann, dass ein Niederdeut- 
scHor habe hochdeutsch schreiben wollen''. Referent kann versichern, dass alle ihm 
p^i*s^nlich bekanten germanisten diese meinung nicht geteilt haben; und wenn K. 
auf die inzwischen gestorbenen keine rücksicht nehmen will, so leben doch noch 
Kleiner, Heinzel u. a., die sich für den niederdeutschen Ursprung des liedes aus- 
gesprochen haben. Kögel nent Müllenhoffs beweisgründe für diesen uraprung dürf- 
tig! uns schienen sie schlagend. Was sonst schon Lachmann über die niederdeutsche 
i»y^tax des liedes gesagt hat, verschweigt er; ebenso die behandlung des lautstandes 
^^^ Wortvorrats durch Socin, Schriftsprache s. 54 fgg., während doch bei diesem mit 
Töolit auch das bemerkt ist, was vom sächsisch -niederdeutschen ab- und auf einen 
grenzdialekt hinweist. Dazu komt übrigens noch der gebraucli der praep. in, die 
as- durch an vertreten ist — Kögel behauptet, dass urhcttun als „kämpfer** aus dem 
ahd. nicht verständlich sein würde, wol aber aus dem niederdeutschen sprachkreise, 
^enn es auch im as. zufällig nicht belegt wäre. Warum soll nun das fehlen der 
bedeutung im ahd. nicht auch zufall sein? Die in den Gl. Ker. 251, 29 überlieferte 
bedeutung von urheixxo = suspensus kann übrigens doch nur ebenso tropisch verstan- 
den werden, wie in dem immittelbar vorhergehenden piheixit = suspendit, pollicetur; 
oder wie soll die sinlicho bedeutung von „hängen*' dem mit heixxari zusammengesez- 
te^ Worte zugekommen sein? urheixxo , als „kämpfer" gefasst, führt auf den begriff 
des nord. keiistrengjay worüber Grimm, RA. 900 zu vergleichen ist und wovon, ohne 
^ speciell nordischen formen , Beowulf 676 fgg. ein boispiel gibt. Wie es aber mög- 
ncn War, diesen begriff lat durch suspensus wider zu geben, darüber möge eine 
^^nnutong gestattet sein. Manche ausdrücke und gebrauche des germanischen fech- 
^^esens sind uralt und können schon bei den römischen gladiatoren üblich gewesen 
^'^i welche grossenteils Gormanen waren. (Seneca sagt ep. 70 § 20 in einer überaus 
"'^^^'Schen, hier nicht mitteilbaren geschichte: in ludo besiiariorum unu^ c Germa- 
*•• ^iHü ad matutina spectacula pararetur). Ein boispiel für diesen zusammen- 
^"C (Met der umstand, dass, wie der besiegte gladiator um sein leben flehend einen 
^8* onponeekt, so auch im rosengarten die besiegten riesen es tun : Grimms ausg. 
" ^ "itrt im die finger der rise PüsolL Ebenso könte es auch altgerma- 

* deo ich £reilich nur aus ritterlicher poesie (Ulrich Jjanz. 5429 fgg.) 
der sich zum kämpf erbietende einen schild aushängte, wie 

15* 



228 MARTIN 

noch später die meistcrsingor zum wctsingcn aufforderten, indem sie einen kra 
aushängten (Wackemagel LG.* § 74, 13). So würde der urheixxo iDSofem stisp^ 
8U8 genant, als er einen schild oder ein sonstiges zeichen der herausfordemog &i 
gehängt hat; und ebenso würde sich die glosse piheixü = suspendä erklären. V* 
übrigens auch unten U, 2, 185, wonach der dingfrieden durch einen aufgehä. 
ten Schild bezeichnet; als „ding*^ wurde ja auch der gorichtlicho Zweikampf m 
gefasst (irchadinc). Ich könte schliesslich mich noch auf die heutige student^^^ 
spräche berufen, welche „mit einem hängen*^ von einem zum duell bestirnten 
braucht; ich würde damit dem beispicl Eögols folgen, dessen deutung von ers^m 
s. 172, wie oben bemerkt, sich ebenfals auf die heutige Studentensprache stüzt^ 
S. 177 heisst es zu v. 20, dass hur als „kammer, frauengemach'' nicht hochdeu'ft 
sei. Aber hat es hier diese bedeutung? Kann es nicht bedeuten: haus (so übers 
Lachmann, Kl. sehr. s. 425) oder auch wohn ort? vgl. zu der lezten annähme ] 
liand 196 barn an hurgun und 205 M. — Für z. 26 vermutet Kögel dehtisto : 
Verweisung auf ahd. glossen devotua = Iddeht; also hier soll das ahd. für das d 
derdeutsche mit gelten. Allein wie erklärt sich kidefU etymologisch? Graphis 
leichter ist auf jeden fall die conjectur denchisto, welche Scheror, Ztschr. f. d. a. S 
380 eingehend begründet hat, und deren abieituug keine Schwierigkeit bereitet • 
Zu s. 35 dcU bemerkt Kögel: Dass-sätze ohne vorhergehenden hauptsatz begegne 
zwar auch sonst, aber nicht in dem hier durch den Zusammenhang gefordert« 
sinne''. Demgegenüber verweise ich auf liachmanns anmerkung, die ich Ztschr. f. * 
a. 34, 281 mitgeteilt habe, und wozu, wie J. Stosch mich mit i'echt erinnert, \c 
auch auf Beneckes anm. zu I wein 7928, Haupts zu Erek 4068, sowie auf Priesterei 
(Denkmäler' LXYIII) besonders mit dem schluss der dazu gehörigen anmerkung mic: 
hätte beziehen sollen. Auch die heutige Volkssprache kent versicherungssätzc nt 
„dass" ohne vorbeigehendes vorbum: Arnold Pfingstmontag III, 2 (Berwel) dass ir 
fie icurr verwitsche! IV, 5 (Lizenziat) dass ich als xelle icäj x' Nachts nimtn vur 
gehn! IV, 6 (Mehlbmh) dass ich's gewiss nit lyd. Die textveränderung Kögel 
htcat ist somit überflüssig. — Noch weniger zu billigen ist die freilich schon vo 
anderen vorgeschlagene abänderung der alliteration in v. 48 riche : reecheo. Mit so! 
eben gewaltsamen mittein die folgerung Lachmanns, dass das lied in einem niedei 
deutschen grenzdialekt gedichtet sei, beseitigen ist nichts als eine petitio princ 
pü. — In bezug auf die sage vermutet Kögel s. 180, dass Theodorich als verbant< 
an die stelle des von Odoaker abgesezten Romulus getreten sei: aber wenn selbst d 
grösten römischen kaiser und feldherm von der deutschen heldensage volständig vei 
gessen worden sind, so hatte sie für eine derartige puppe doch erst recht kei 
godächtnis. — Schliesslich wird das gespräch von Hildebrant und Hadubrant als dt 
tragische gegenstück zu dem von Glaukos und Diomedes bezeichnet: wem ist mit so 
eben ganz fem abliegenden vergleichen etwas gedient? 

Begreiflicherweise kann im übrigen Kögcls litteraturgeschichte nicht ebens 
eingehend kritisiert werden. Nur noch zu den ältesten und -wichtigsten denkmfiler 
seien folgende bemerkungen gestattet. Für den altsächsischen Ursprung des Wesao 
brunncr gobcts wird s. 196 geltend gemacht, dass ahd. wafii nur partes bedeut« 
nicht wie as. *went grenze, wofür als l)eweis as. giwand angeführt wird. Aber an 
mhd. gewende neben geicande „ackermass'^ ist für das ahd. simplex diesdbe beden 
tung zu erschliessen, und das aus den Nib. 1280 bekante wende komt ebeobb i 
betracht. So ruht der beweis Kögels für den mittelteil des denkmib iaf a dh i H M iw 
stütze. — Für das Muspilli wird s. 212 trotz des im as. fibmHoÜwi i 



ÜBER PAUL, GBUNDBISS DER OERM. PHIL. I. H 229 

eine zusaramoDsetzung des wertes mit mit- angenommen, das sonst nur in müwerf 
m^tulwnrf erscheint and wofür keinerlei verwan tschaft nachzuweisen ist, so dass auch 
hiei* zweifei bleiben. Dass das gedieht vom muspilli rein bairischen dialekt habe 
(s. 212), ist auch zu viel behauptet: s. Piper, Ztschr. f. d. ph. XV, 89 fgg. und jezt 
K. Oarke, QF. 69, 33 fg. 

Bei Otfrid ist in der anm. zu s. 216 der gebrauch grammatisch falscher for- 

mon im reim den Schreibern zur last gelogt worden: aber da eine handschrift sicher, 

z^w^ei andre vermutlich unter den äugen des dichtors entstanden sind, durften sich 

die Schreiber da wol solche wilkür erlauben? — Die auf derselben seite (nach 

Olsen) behauptete gleichzeitigkeit der drei rhythmischen Widmungen wird dadurch 

sehr in frage gestelt, dass die Widmung an Salonio gleich der an könig Ludwig das 

aki'osticbon auch in den schlussconsonanten der vorlezten reimzeile durchaus rein 

hält, während die an die S. Galler ungenau bindet: 42. 62. 106 thax — was, 48 in — 

firtziMy 72. 130 ein — heim, 129 forn — fol. Das deutet doch auf ältere abfas- 

simg; oder soll es Otfrid mit der metrik seinen freunden gegenüber minder genau 

genommen haben, als gegen seine vorgesezton? — S. 216 soll Otfrid seine freunde 

Ja 8. Gallen sicher besucht haben: woher wissen wir das? kennen lernte er sie ja 

in der klosterschule zu Fulda. -— S. 217 heisst es: Otfrid habe („nach fremdem 

Ditister, wie man jezt glaubt^*) die zahl der hebungen des halbverses auf vier erhöht: 

<^a«5 man ist doch nur von einem teile der germanisten zu verstehen. "Wenigstens 

f^forent hält die Lachmannscho lehre von der ursprünglichkeit des vierhebigon kurz- 

^ör-ses für durchaus nicht erschüttert und weiss sich auch hier mit vielen fachgenos- 

^^ eines sinnes. — Endlich ein beispiel, wie Kögel sogar die in dem grundrisse 

^^'^Itist ausgesprochenen ansichten und angaben anderer, violleicht unabsichtlich , über- 

s^^iit: s. 186 wird mit berufung auf Wattenbach '^ I, 319 fg. die bekante stelle der 

^^odlinburger annalen über die sage von Ermanrich und Dietrich als wertloses zeugnis 

**^6€wiesen, währond s. 34 Symons doch schon bemerkt hatte, dass die angefochtene 

®*^^theit von H.Lorenz (Germ. 31, 137 fgg.) mit guten gründen verteidigt worden sei. 

Mehrere, allerdings kleinere und minder wichtige donkmäler sind ganz über- 

ß^Xigen worden: so das Abecedarium Nortmannicum MSD. V, die Baseler rocepte 

HSD. LXn, der ordo ad dandam poenitentiam MSD. LIII, Ztschr. f. d. a. 21, 

2V3fg., der priestereid MSD. LXVIU, die Hamburger und Würzburger markbeschrei- 

bxirig (eb. LXin. LXIV), die Essener und Freckenhorster heberollen. Die über- 

geliung der glossenlitteratur wird man ebenso bedauern. Geschahen diese aus- 

l^ssungen zur raumerspamis? Aber dann hätte doch lieber s. 189 der jezt volkommen 

gleichgiltig gewordene streit über die z. 56 des Ludwigsliedes übergangen werden 

sollen, deren lesung längst völlig sicher gestelt worden ist. Ebenso hätten von den 

»teinischen gedichten historischen inhaltes aus der Merowinger- und Karolingerzeit 

(b. 191) diejenigen wegbleiben können, die keine deutsche grundlage, nicht einmal 

einen deutschen dichter haben. 

8. 199, z. 4 ist anstatt: „zu Yorkshire geboren" zu lesen „in Y. g.** S. 200 
"®ifet es von Beinwald, er sei durch sein freundschaftsverhältnis zu Schiller bekant; 
^«nun nicht kurz: Schillers Schwager? Die frage, von wem die Glossae Lipsianae 
Ätsdir.f. d. a. 13, 335 fgg. herausgegeben seien, ist durch den hinweis auf den dama- 
^9^ herausgeber der Zeitschrift selbst leicht zu beantworten. 

Ben erwartongen , die wenigstens der referent einem grundrisse gegenüber hegt, 
^■''Hiolit die behandlung besser, welche F. Vogt der mittelhochdeutschen litteratur hat 
laasen (s. 245 — 418). Knapp und doch anschaulich werden die resultate 



230 MABTIN 

der bisherigen forschung vorgelegt und durch den hinweLs auf eine gut ausgewähl 
zahl von belegsteilen und belegschriften die einzeluntersuchung weiter gewiesen. D 
Stellung, die der Verfasser den einzelnen streitfi'agen gegenüber einnimt, könte ref 
rent nicht immer teilen; doch freut er sich namentlich darüber, dass Vogt in d 
frage nach dem ursprünglichen text der Nibelungen die handschrift A bevorzu 
(s. 316): damit ist ein gemeinsamer boden gefunden, von dem aus die verschieden 
hypothesen über die entstehung dieses gcdichts, unter denen refcrent die Laohmau 
und Mülleuhoffs noch immer für die einzig wahrscheinliche hält, gegen einanc 
abgewogen werden können. Hoffentlich nimt Paul in einer späteren neuen aufla 
des grundiisses (bei s. 133 des I. bandes) rücksicht auf die Stellung seines im 
arbeiters. 

Nur auf zwei stellen möchte referent kritisch eingehn. S. 251 wird die es^ 
stehung dos Annoliedes bald nach dem tode des heiligen (1075) angosezt. liefei*< 
hält die zuerst von Kettner eingehend begründete annähme einer abfassung im ja^ 
1106 für sicher. Die absieht des dichters ist unzweifelhaft, die nach dem uncr^^- 
teten tod Heinrichs IV. zur unter>verfung unter die geistliche Obergewalt gezwui» 
nen Kölner mit diesem loos auszusöhnen. Daher wird die Stadt Köln und A^ 
zugleich gepriesen; ja der einzige lleck, der die biiist des heiligen verunziert hat, 
sein imversöhnlicher hass gegen die Stadt Der schwung des liedes entspricht 
edlen grossmut, welche der dichter seiner siegreichen partei anempfiehlt, eine gr<r 
mut, welche gewiss zugleich die höchste klugheit genant werden muss. So l&i 
Köln noch kämpfte, wäre eine solche milde leicht als zeichen der schwäche erscfc 
nen; auch müste, bei fiüherer abfassung, irgendwo eine bcdingung ausgesprocl 
sein, irgendwo das subjektive moment der meinung des dichters hen'ortroton. 
diesem zeitansatz passt es nun auch vortroflich, dass v. 505. 6 Mainz als ort * 
königsweihe bezeichnet wird: nicht bloss Rudolf von Schwaben ward hier gekrÖ 
sondern auch Heinrich V. erhielt hier 1106 die reichsinsignien und ward von d 
legaten noch besonders durch handaufleguug geweiht: Giesobrecht, Kaiserzeit 3 *, 7^ 

Sodann behauptet Vogt s. 325, dass die lyrik der vaganten erst mittels c 
lyrik der vulgärsprachen, der deutschen volksmässigen wie der französisch - pro vena 
lischen die ausbildung erfahren habe, in der sie uns aus der Beui'ener handschrift ei 
gegentritt. Man wird unterscheiden müssen: einzelne lateinische stücke, auch solo 
die bereits die volle kunst zeigen, sind sicher älter, und sie müssen uns als zougnis 
dienen für die priorität der lateinischen lyrik, die von der kirchlichen dichtung ai 
gegangen, an den mustern der antike sich entwickelt hatte. Doch das bedarf w< 
terer ausführung, als sie hier möglich ist. Für jezt nur noch die bemerkung, di 
Vogt s. 326 mit unrecht die Strophenform des Eckenliedes als vorbild für die lat 
nische Carm. Bur. nr. 180 bezeichnet. Abgesehen davon, dass die übereinstimmui 
wie Vogt selbst hervorhebt, nur „fast ganz genau** ist: warum soll nicht das uinj 
kehrte Verhältnis obwalten? die bildung der stropho stimt weit mehr zu lateinisch 
französischen, niederländischen formen als zu deutschen. Ahnlich sind z. b. 
Bai-tschs Pasturellen 135, 22. 306, 1. Zwei punkte sind dabei massgebend: eitic 
die reimstellung aabccb, von welcher F. Wolf, Sequenzen und leiche s. 33 sa 
„Natürlich gieng eine so durchaus volksartige form auch sehr bald von der miti 
lateinischen in die vulgarpoesie über und erscheint auch hier, was wol zu beaob^ 
ist, am häufigsten in geistlichen moralisch -ascetischen und volksmässigen gedichte: 
Die deutsche volkspoesie hat sie auf jeden fall erst später und gewiss durch 
dichtungen in anderer spräche erhalten; und zwar hegt es weit näher aa die ImM 



ÜBEH PAUL, GRUNDRIS8 DES GERM. TEIL. I. n 231 

nisohe, geistliche zu denken als an die romanische, ritterliche. Zweitens ist das ein- 
solmiebsel der jambischen dipodie vor der lezton reimsilbe der lateinischen strophe 
in der lateinisch -romanischen dichtung beliebt und ursprünglich, nicht aber in der 
doYi.tschen; man begreift, dass der deutsche dichter sie durch eine dreihebige, klin- 
gende zeile .ersezte. 

Die mittelniederdeutsche litteratur ist von H. Jellinghaus bearbeitet worden 

(s- 419 — 452), der mit recht darauf hinweist, dass er sich kaum auf Vorgänger 

stützen kann, wenn er das ganze reiche, aber nur selten ästhetisch wertvolle schrift- 

tojofi Niederdeutschlands zusammenfasst. Die abhängigkeit von Oberdeutschland , vom 

Verfasser fast unwillig geschildert, macht ein einheitliches bild ziemlich immöglich. 

ITm so nützlicher wird für die weitere einzelforschung die gebotene Übersicht sein. 

S- 430 war anstatt Jan Deckers zu lesen: Jan deClerc (oderBoendale: s. 471). S. 451 

w^ird Eulenspiegel „der die städter verhöhnende abenteurer aus dem bauemstande* 

genant: ist nicht viebnehi* anzunehmen, dass die spässo über die einzelnen hand- 

werke aus der misgunst dieser selbst gegeneinander herstammen? 

Für die von Jan te Winkel geschriebene geschieh te der niederländischen lit- 
teratur lagen dagegen zahlreiche und teilweise vortrofliche vorarbeiten vor. Das 
lO. Jahrhundert ist hier mit in den kreis der darstellung hineingezogen worden, wie 
sction die mnd. litteraturgeschichte (und diese zwar noch in weitergehendem masse) 
die neuzcit einbegriffen hatte. 

Mit dem anfang der friesischen litteratur, deren geschieh te Th. Siebs über- 
J^ommen hat, schliesst das 4. heft des 11. bandes, 1. abteilung ab. 

Von der 2. abteilung des IT. bandes ist inzwischen nur ein hefk erschienen, 
^orin zunächst Amira das recht zu ende bringt (s. 129 — 200): eine reichhaltige, 
^olgeordnete arbeit, für den ref. sehr lehrreich. Zu s. 137, wo als isländischer aus- 
*^^^ck für idnder der geschwisterkinder „andere brüder* angeführt wird, kann bemerkt 
^^rden, dass auch das Elsässische (gegend von Colmar) 's amlerefnj hinter für das- 
^Ibe Verhältnis gebraucht 

Dagegen ist der XU. abschnitt: kriegswesen von A. Schultz überaus sum- 
^ftrisch behandelt worden (201 — 207). Das empfohlene buch von Jahns dürfte phi- 
lologisch betrachtet nicht befriedigen. 

Der XIII. abschnitt: sitte fasst zunächst die skandinavischen Verhältnisse ins 
^^ge (208 — 252). Der Verfasser dieser abtheilung. Kr. K&lund, bringt ein reiches 
'"^^terial zusammen, bei dem man nur gern die einzelnen Zeiträume noch mehr unter- 
^hieden sähe, da nur so der wert der einzelnen nordischen Zeugnisse für die erkent- 
^'s der urgermanischen zustände geprüft werden kann. Und auf diese ergänzung 
^heint doch die 2. abteilxmg, worin A. Schultz die deutsch -englischen Verhältnisse 
^^^spiicht, sehr zu rechnen, da er nach wenigen Vorbemerkungen nur auf die ritter- 
lichen Zeiten näher eingeht. Vielleicht bringt auch die fortsetzung noch die wün- 
schenswerte darstellung der altgennanischen sitte nach. 

STRASSBUSG. E. MARTIN. 



i 



Prolegomena zu einer urkundlichen geschichte der Luzerner mundart, 
Von dr. B. Bnndstetter. Einsiedeln 1890. 88 s. 8. 

Der Verfasser der vorliegenden schrift hat im jähre 1883 in seiner dissertation 
•IMe aschlaate der mundart von Bero- Münster* (kanten Luzem) behandelt Diese 
••■ift bewies bereits gründliche kentnis des weitem gobietes, das nun gegenständ 



232 TOBLKB 

der vorliegenden ist und eine noch ausführlichere behandlang erfahren solL Die Pro- 
legomena zeigen, dass der Verfasser auch der grossem anfgabe, die er sich stell, 
durchaus gewachsen ist, und erwecken günstige erwartungen von dem künftigen 
werke, dem der Verfasser vielleicht nur etwas zu viel schon vorweggenommen hat; 
denn er bespricht nicht nur plan, methode und quellen desselben, sondern er gibt 
auch schon zahlreiche proben dos Stoffes und der bearbeitung und einen aosblick au 
ziele und resultate (s. 80 — 88). Wir kenneu die dimensionen and proportionen, in 
denen der bau enichtet werden soll, noch nicht, möchten aber dem Verfasser raten 
denselben nicht zu weitläufig anzulegen und auszuführen; denn wenn vor kurzei 
Kaufmann über die geschieh te der schwäbischen mundart ein buch schreibei 
konte, so handelt es sich hier um ein viel engeres gebiet Andrerseits kann freilic 
ausführliche behandlung eines solchen um so gründlicher und erschöpfender sein au< 
einzelheiten von besonderm interesse ans licht ziehen; nur wird es ratsam sein mucl 
beim kleinsten immer das interesse der gesamtwissenschaft im äuge zu behaltmi un 
in der fülle des Stoffes zufälliges von wesentlichem zu unterscheiden. 

Beschreibung lebender schweizerischer mundarten haben wir seit 15 jährt* 
eine ganze reihe erhalten, darunter sehr gute, aber vorläufig wol auch genug; ge 
schichte einer mundart noch keine. Es ist also ein wirkliches verdienst, einmal 
Verhältnis aufzusuchen und darzustellen, in welchem die gesprochene volksspractrrr^jL 
der gegenwart zu der geschriebenen der altem zeit steht Dabei erhebt sich a 
sogleich die frage: wie kann aus Schriften der altem zeit die damalige (jeweili(^~ 
mundart herausgelesen werden? welches sind die quellen, aus denen die alte 
mundart geschöpft: werden kann , und nach welchen gmndsatzen müssen sie zu jene 
zwecke verwertet werden? Die art, wie der Verfasser dabei zu werke geht, v 
dient volle Zustimmung durch die vorsieht und umsieht, die er anwendet (s. 64 fgg^ . > ; 
denn dass wir auf einem unsichem boden stehen, verhehlt sich der Verfasser kein, -^^n 
augenblick. Vor allem muss in der geschriebenen spräche der altem zeit eine kan -^ - 
leisprache (s. 29fgg.) unterschieden werden von Schriftstücken oder stellen, in dei». <^?d 
Volkssprache mehr und weniger unmittelbar zu tage tritt oder zu gründe liegt I^^ 
sind damach primäre, secundäre und tertiäre quollen der altem mundart zu vakim—^^' 
scheiden (s. 39 fgg.). 

nichtig und wichtig ist innerhalb der mundart die Unterscheidung zwe^S-^' 
schichten, algemein üblicher und bloss von den gebildeten gebrauchter Wörter (s.!— ^^^* 
Weniger tiefgehend ist der unterschied zwischen gewöhnlichen und euphemistis--^'** 
entstelten oder nur in formelhaften Verbindungen vorkommenden Wörtern (s. 15 fg^^- ^ ' 
Bemerkenswert sind die angaben über eine absichtlich entstelte sprachweise, welc 
vom Verfasser (s. 17) Kotwelsch genant wird, dergleichen doch auch in 
weise bei kindem vorkomt. 

Die ältesten sichern belege von mundart findet der verÜBsser (s. 26) in oi 
namen aus dem ende des XII. Jahrhunderts; die mundart soll aber „natürlich 
vorher bestanden haben '^ (s. 28). Dieser zusatz hätte wol wegbleiben dürfen, da z 
und art jenes altem bestandes uns unbekant sind. Die erste periode der miui< 
soll von dem genanten Zeitpunkt bis gegen ende des XIY. Jahrhunderts reichen; 
zweite von da bis auf die reformation; die dritte bis heute. Dieae imitie 
aus algemein geschichtlichen gründen richtig sein; was der veiÜMBer Ton 
liehen merkmalen anführt, würde kaum genügen. Den mtMleaden mangel 
abstrakten Substantiven in der heutigen mundart erklärt er (s. 27) als ilB%B 
nation und verrottung aller Verhältnisse im XYIL und XYHL 



c 





ÜBEB BRAND8TBTTEB, LÜZERNEB HUNDART 233 

jener mangel liegt wol im wesen der mundart und des gemeinen Volkslebens über- 
haupt Zwischen volks- und kanzleisprache soll (nach s. 30) zu allen Zeiten ,eine 
tiefe kluft^ bestanden haben und doch (nach s. 31) eine starke gegenseitige beeinflus- 
sung — was kaum vereinbar ist Richtig wird sein, dass die kanzleisprache der 
mittelhochdeutschen Schriftsprache (wenn oder soweit eine solche bestand s. 32, vgl. 
58) näher stand als der mundari Urkunden des XIII. Jahrhunderts zeigen noch 
endungen mit vollen vokalen, während diese in andern abgeschwächt sind; Schrift- 
stücke der ersten art haben zugleich mehr mundartlichen Charakter. Fein beobachtet 
und wichtig sind die für die vokale der bildungssilbon aufgestelten gesetze (s. 59 fgg.) ; 
dennoch verhält sich der Verfasser zu der frage der lautgosetze unentschieden (s. 61), 
wie er denn auch s. 47 in der Luzemer mundart zwei formen und s. 62 zwei vokale 
neben einander bestehend findet. — S. 55 gibt ein hübsches beispiel eines rückschlus- 
ses von vokalqualität auf consonantische. Merkwürdig ist die auch in andern mund- 
arten vorkommende Schwächung von vokalen haupttoniger silben im ersten teil von 
Zusammensetzungen; dagegen scheint das -s als durchgängige endung des genetiv auch 
im plural und weiblicher Wörter der Luzemischen mundart eigen (s. 71). 

Zum schluss einige ergänzungen und vielleicht berichtigungen. Der Verfasser 

zeigt scharfe phonetische Unterscheidungen, z. b. s. 10 5 stufen von fortis, welche 

ihm nicht jedermann leicht nachempfinden wird; wenn er (s. 11) in nhd. nachmittag/ 

alle 3 Silben gleich starktonig findet, kann ich ihm nicht beistimmen, da ich die 

dritte merklich stärker finde als die zweite. — Das auf s. 20 in frage gestelte wort 

tkunhering kann wol nur den thunfisch bedeuten, der vom häring zwar in der grosse 

sehr verschieden ist, aber wie jener eingesalzen schon im XY. Jahrhundert importiert 

worden sein wird. — wan s. 42 ist das verkürzte mhd. wände ^ weil. — S. 48 wird 

eister als nebenform von eistig genommen und einsdar eine ungeheuerliche form 

genant; aber s. 70 wird dies richtig dem nhd. immerdar gleich gesezt, und wir haben 

im Idiotikon (I, 532) keine andere erklärung zu geben gewusst. — 8. 68 wird das -is 

von vergebis dem von büebschis gleichgestelt , und in der tat ist es beide mal aus 

-enes entstanden, doch mit dem unterechied, dass im ersten der genetiv eines part. 

prät. zu gründe liegt, im zweiten der des infinitiv, also eigentlich -ennes, — Ob 

ffefeeht = lärm (s. 76) auf mhd. gevehte beruht, ist fraglich; s. Id. I, 644. — S. 86 

Werden g'stolen und g'stolnig doppelformen des part. perf. genant; aber das zweite 

ist doch nur erweiterong des ersten durch -ig, in adjectivischer bedeutung. — 

S. 87- Warum die ausspräche ai von an in hlaUy grau usw. einst herschond gewesen 

Sein müsse, verstehe ich nicht — Die erklärung von gehigelle s. 77 fg. scheint mir 

^hr fraglich, bzw. der unterschied der Schreibung mit / oder II nicht unwesentlich. 

Xin Bemer Oberland wird allerdings das / der diminutivbildungen verdoppelt, aber für 

die Liuzemer mundart gilt dies nicht Ich sehe in dem fraglichen wort eine zusam- 

tiriensetzung mit dem im Idiot II, 210 besprochenen alten gelle, pellex. — S. 81. 

Xn x'best könte x allerdings = ds, da^ sein, wo der artikol wirklich so lautet, nicht 

Zu blossem s verkürzt ist Da aber die formel x'best rede auch in mundarten vor- 

Icoiiit, wo der artikel nur '« lautet (z. b. in Zürich), so muss die annähme der prä- 

Position offen bleiben; der casus wäre aufzufassen wie in x'letst, zulezt — S. 82 

scheint der yerfasser wirkliche Umschreibung des dativ durch die präposition in anzu- 

ii«hmai; ich verweise aber auf Idiot I, 290. 

SOBIGH, OKTOBEB 1890. L. TOBLER. 



234 socm 

Blattner, H., Über die mundarten des kantons Aargau. (Leipziger disser- 
tation.) Brugg 1890. 

Die vorstehende abhandlung zerfölt in drei teile: einteilong der mundarten des 
kantons Aargau, phonetik, vocalismus der Schinznacher mundart Die mundait des 
ortcs Schinznach , aus welchem der Verfasser stamt, repräsentiert ihrer geographischen 
läge nach ungefähr das mittel unter den dialekten des kantons Aargau. Der Verfas- 
ser unterscheidet sechs gruppen, deren umfang ein übersichtlich gehaltenes kärtchen 
veranschaulicht. Die südwestliche gruppe, die mit dem dialekt der angrenzenden 
kantone Bern und Solothurn ziemlich überoinstimt, teilt Blattner dem ,, deutsch -bur- 
gundischen*^ sprachstamme zu; er glaubt sogar, es könte aus den heutigen mund- 
arten ein beweis für oder gegen die Zugehörigkeit der Burgunden zu den Ostgermanen 
erbracht werden. Von den sechs charaktenstica, die Blattner s. 17 für das aleman- 
nisch- burgundischc aufführt, können indes fünf ebensogut rein alemannisch sein, 
und es bleibt als wesentlich nur die vocalisierung des / zu u. Aber diese komt auch 
anderwärts vor: sie ist nichts als eine folge schwerfälliger articulation. Ich muss 
gestehen, dass ich mich gegen die methode, aus diesem moment, wie Blattner es 
tut, einen schluss auf altgermanische dialektverhältnisse zu ziehen, skeptisch ver- 
halte. Auch die möglichkoit, jene palatahsierung durch romanischen einfluss zu 
erklären, ist principicU abzuweisen. Die Sprachgeschichte lehrt, das es schon weit 
gediehen sein muss mit der gegenseitigen durchdringung zweier sprachen, bis das 
lautsystem davon inficiert Mird. Die westlichen dialekte der deutschen Schweiz sind 
nun aber durchaus keine bastardsprachen, sondern im gegenteil sehr altertümlich. 

Blattnor scheint die beiden arbeiten von Ludwig Tobler: „Ethnographische 
gcsichtspunkte der schweizerischen dialektforschung •* und „Die lexikalischen unter- 
schiede der deutschen dialekte*^ nicht zu kennen. Hier ist ganz besonders der eigen- 
artige Wortschatz der schweizerischen südwestgi'uppe herausgehoben; aber auch er ist 
nicht durchschlagend für die annähme eines deutsch -burgundischcn sprachidioms. 

Wir wollen damit nicht a priori die niöglichkeit von der band weisen, dass 
eine deutsch -burgundische spräche sich wirklich entweder rein oder mit dem ale- 
mannischen vermischt erhalten habe; aber vom boden der heutigen dialekte aus ist 
dieser beweis nicht zu führen. Erst wenn uns aus der geschichte, aus dem recht, 
aus gewissen gruppen von orts- und personennamen und namentlich aus dem häuser- 
bau die notw'endigkeit dargetan sein wird, für die deutsche Westschweiz burgundische 
demente anzunehmen, können wir uns dazu verstehen, auch ihre sprachlichen abwei- 
chungen, sofern sie sich als alt erweisen, auf diese quelle zurückzuführen. Dass 
man aber gar noch für die Scheidung von est- und westgermanisch hieraus material 
gewinnen könne, ist eine utopie. Die altburgundischeu sprachreste geben uns ja nicht 
einmal einen sicheren bescheid, und es scheint mir, dass, abgesehen vom nordischen, 
seit dem 6. Jahrhundert die Unterscheidung von est- und westgermanisch überhaupt 
gegenstandslos geworden ist. 

Im zweiten abschnitte „phouetik** unterscheidet Blattner für die Spiranten /, s, 
schy ch die drei stufen lenis, longa, foiüs. Das verhalten der Frickthaler mundart 
(s. 36 und 37) zeigt, dass es besser gewesen wäre, in Übereinstimmung mit anderen 
dialektarbeiten zu sagen: lenis, fortis, geminata. — „Die longae stehen ohne räck- 
sicht auf die quantität des vorliergehenden vocals im innom der silbe als erste cont- 
ponenten doppelter oder dix^ifachor consonanz, z. b. lu»d, band, rosd, roÄi, wa/dL^ 
rä/d'*. Richtiger und umfassender ist dieses gesetz von Heusler: „ConsonantismiÄja 
von Basel -Stadt" §27 formuliert worden: „Treffen zwei oder mehr stimlose laut 



m-AUER MUNIIIRTEN 235 

I erhalten ihre articulatiuiien eine gewisse initlere inteuaität, klüftiger 
■Is die der lenis, sthwiiclier ab die dor fortis. Wir künoen für diese laute die 
beidchmiDg neutrale braui^heo". Die soaoren. n, m, l uimt Heufiler allordiii^'S von 
diemr regel aus; es kaun <JB dialettversehiedenbeit vorliegen, 

HanoheE zum kapitol der {ibonetik konte gelernt werden au)« der beobaclitiing 
Aar «t und weise, wie die von lautphyalologisdien tbeotieu unlieeiulliisäten dialekt- 
, •^mftetellor sich die miuiilartlicbo ortbogra[ibio zurecht roocben; ebenso aus den 
Epischen sclu'eibo fehlem der schuljngend, aus der landeeitblichen ausspräche des 
SchriftdeulaoheD , lateinischen usw. 

Der „roooliBmue ' endlich gibt zu wenig und ku viel. Zu wenig, wenn man 
ihn mit der gleiohzeitig orschienenun disaertation von £, Hofrinann: ,Der niund- 
jvtliuha vöcaliBmus von Basel-Stadt" vergleicht — den vocalismus der unbetonten 
a tut Blattner auf zwei seiteu ab — ; zu \-iel im hinbliok daniur, dasa der voca- 
^smoB der Schinznachor mondart sich von denyeiiigeu, den Winteler und Stiokelber- 
gei dargeslelt haben, nicht wesentlich unterac])eidet. Blattner hätte verdienstlicher 
' ganzen lautlchre nnr dos abweichende anzugeben and dafiir die 
bxionä- oder die woitbildungslelire ausführlich zu behandeln. Dass auf diesen gebie- 
ten noch wenig band augelegt worijen, ist um so bedauerlicher, als gerade hier diir 
■nundart in raschem zerfall hcgriSeu ist. 

Von einselbeiten habe ioh folgendes notiart: der ausdruck s. 8 rubi» und stü- 
ti« .mit stumpf und ütiel'- kann nicht aus „rauchend und staubend" erkUi"! werden; 
die eynonyme wendnng in anderen dialokten „mit nunjif und stumpf dürfte auf die 
tichtige fährte führen. S. 11: die palatahsierusg des ch zum leA-laute im dialekt 
des westliehen Bemer oberlandca erfolgt nicht nach vocal, Bondaro im anlaat: • 
tiiütme ich komme, ck>a kann (Stalder, Dialektologie a. 62), ch'aes käse, eh^cht 
Diooht (Bachmann, Gutturallaute s. 11). S. 13: das spätoi« burgundische gebiet bat 
■cb weit über das Äarethal hinaus erstreckt, denn im lO./H- Jahrhundert war nach 
^m aengnis Wippo's Basel eins burgiiudiaohe Stadt, S, 17: In öia „uns", ü(«e" „on- 
i doch etsatzdehnung, wie die zwisohcuform um beweist, deren umlaut 
von der aocusativform imsik herzurühren scheint. S. 1!): verniiiiktn und cersckmöi- 
> smd zwei ganz verschiedene woiter; das erste hängt mit mfucheln zusammen, 
das zweite mit mhd. etrsmiegm. S. 27 z. 7 v. u. lies „nachfolgende*' st „vorange- 
' kende*'. 

8.56: aus dem offenen u in aummer „soramer" lüast sich nicht sohliesseo, 
i die tfingung der cousonanz in dioaeni worto besonders &üh erfolgt sei, da ja 
■Ue mhiL ä zu ü geworden sind, S. 72: „endung -■ aus ahd. -li/x" scheint irtüm- 
Heil in den toxt geraten zu sein. 

8, 73: öp\ii aus eieicKi erklärt sich nicht aus analogie, sondum aus einer 

eigentümlichen alemannischen erhohung von uubentonigem e zu * wie in der durch 

(JM unterscheid utigsbedürfnis erhaltenen form lebt* <. lebrJc ritti'et. Vgl, über die- 

>H gesetz die citierte abbandlung von Uotfmaun § 222 fgg. 

I 8, 74: ein blick in Wuinholds mhd. gramm. und auf den angrenzenden dialekt 

I der landsobaft Basel hätte dem Verfasser sofoLt gezeigt, doss die Terwendung der 

C. eoqiunctivfbrm *in für »int längst etwas ganz gewöhnliches ist 

I Die unturauchung moderner dialekt« bat nach unserer anschanung vor allem 

I*%nt zielpniikte ins äuge lu fassen: 1) in prinoipieller hinsieht anfscbluss über die 

K*Miognngim, unter denen die sprachentwicklung sich volzieht; 2) in historischor 

Iwinsidit liicksoidüssu auf frühere spraibporiodou. Es iüt klar, dass das Studium der 



236 BERNHARDT 

lautphysiologischen Untersuchungen von Winteler, Kräuter, Sievers, Trautmann hie- 
fdr allein nicht genügt. Wie man, ohne sich auf phonetische subtilitäten einzulas- 
sen, aus der vergleich ung der heutigen mundart mit der Urkundensprache aber- 
raschende resultate für die spiuchgescbichte des mittelalters gewumen kann, zeigt die 
[s. 231 fg. besprochene Red.] ausgezeichnete schrift von R. Brandstetter: ,,Prolego- 
mena zu einer urkundlichen geschichte der Luzerner mundart" (Einsiedeln 1890). 
Der Verfasser unserer abhandlung verrät durch seine einleitenden bemerkungen über 
das schwinden echt mundartlicher rodeweise, über die eigenheiten der einzelnen dia- 
lektgruppen, über zufällige einflüsse auf die lautgestaltung eines ortes, über den 
unterschied von stadt- und landmundart (§ 13) eine scharfe beobachtungsgabe; aber 
es mangelt ihm noch an kentnis der eigentlichen philologischen litteratur und an 
belesenheit in den älteren Sprachdenkmälern. Für das historische hätte er unbedingt 
Jahn 's „Geschichte der Burgundionen '^ und die Fontes rerum Bemensium benützen 
sollen. Worden diese lücken ausgefült, so soll es uns freuen, ihm auf dem felde der 
mundartenforschung wider zu begegnen. 

BASEL, DEC. 1890. ADOLF SOCIN. 



A comparative glossary of the Gothic language, with ospecial refe- 
rence to English and Gorman, by G. H. Balg, Ph. D. With a preface 
by Prof. Franels E. Mareh. Mayville, Wisconsin 1887 — 1889. 

Dies buch, ein statlicher band von 667 Seiten in vorzüglichem druck, liefert 
einen erfreulichen beweis, dass jenseits des Atlantischen ocoans das Studium germa- 
nischer Sprachgeschichte im aufblühen begriffen ist. 

Prof. March sagt darüber in seiner vorrede folgendes: „ Thh glossary is largely 
oceupied with comparativ etymology, hut it should not be judged o« a scientific 
dictiotiary merely, hut also as a practieal handbook to illttstrate and ground the 
study of English by etymologicul study of its Gothic relationSf and to aid in 
niaking comparativ filology interesting. Hense the large number of English deri- 
vativs fully explaindj tlie explanation not being confined to the Gothic elements of 
the English words**. 

Die einrichtung des buchs wird durch ein beispiel am besten dargelegt wer- 
den. Unter hlaifs worden zuerst von 56 bibelvorson und stellen der Skeireins, wo 
das wort erscheint, 12 in der reihenfolge der biblischen Schriften angeführt. Sie ent- 
halten belege für sämtliche casus, auch für die zwei nominativformen hlaifs und 
hlaibs; ein beleg für den accusativ hlaib wird vormisst; auch ist die nominativfonn 
hlaibs nicht erwähnt Der dativ und accusativ des plurals sind je dreimal belegt 
Nun folgen die entsprechenden alt-, mittel- und neuenglischen, sowie die alt-, mit- 
tel- und neuhochdeutschen formen; altnord. hleifr ist nicht erwähnt Sodann wer- 
den dio englischen Zusammensetzungen hläf-icard = lord, hldf-dige = lady, htäf- 
nupsse = lammas besprochen. Das lozte woii; gibt dem Verfasser anlass zu einem 
excurs über m^sscy neuengl. mass, nhd. messe y lat. missa. Die zweite bedeutung 
dos deutschen messe = Jahrmarkt führt ihn auf engl, fairj feriue, feier. 

Am Schlüsse dos buchcs sind zehn Verzeichnisse der besprochenen griechischen^ 
lateinischen, alt-, mittel-, neuenglischen, altnordischen, altniederdeutschen, alt-, 
mittel-, neuhochdeutschen Wörter beigegeben. 

Das glossar ist gewiss geeignet das vei'ständnis des englischen zu fordern und 
die teilnähme an diesem Studium zu beleben und zu verbreiten, und der von dem 



ÜBKB BALG, OLOSSARY OF THE GOTHIC LANGÜAGB 237 

verfiasser auf seine samlungen verwante fliaiss verdient um so mehr anerkeDnung, da 
die beschaffüng der litterarischen hülfsmittel für ihn mit grossen Schwierigkeiten ver- 
banden war, s. Introductory remarks s. XI. 

Für uns in Deutschland wäre ohne zweifei ein neues gotisches glossar mit vol- 
ständigen belegstellen, eindringender behandlung der Wortbedeutungen, aufzählung der 
entsprechenden wortformen in den übrigen germanischen sprachen eine erwünschte 
gäbe. Solche forderungen erfült nun freilich Balgs Olossary nicht in ausreichendem 
masse. Die belegstellen sind, wie wir sahen, nicht volständig aufgeführt; in der 
zweiten hälfte des Werkes (von wo an?) sollen sie es nach des Verfassers angäbe 
meist (for the nuöst partf) sein; erst ein für später versprochener anhang soll die 
fehlenden citate nachbringen. Was die behandlung der Wortbedeutungen betriffc, so 
TOTsichert der verfiasser grosse mühe auf genaue Übersetzung der gotischen werte 
verwant, ausser den vorhandenen lexikalischen hülfsmitteln den griechischen text, 
sowie die englischen und deutschen bibelübersetzungen zu rate gezogen zu haben. 
Das lezte war eine überflüssige mühe; neben dem griechischen text kommen zur 
feststellung der bedeutungen nur die Itala und Yulgata, einige kirchenväter, und 
höchstens noch die ältesten deutschen Versionen resp. evangelienharmonien in betracht. 
£io tieferes eindringen in die bedeutung der gotischen werte vermisse ich nicht sel- 
ten. Was bedeutet z. b. af in afdrtighfa, afetjoy niip in mipsatjan I. Kor. XTTT, 2? 
Wie kommen fraqiman, usqiman zu den bedeutungen „verzehren", „töten*' und 
der dativrection? Wie hängen die beiden bedeutungen von dia in distairan, die- 
**^ni€M,n zusammen? Was bedeutet gawairfd? 

Die aufzählimg der entsprechenden werte in den übrigen germanischen spra- 
chen bedarf ebenfals der vervolständigung. Wir sahen oben, dass zu Maifs das alt- 
'^ordisohe hleifr nicht angegeben ist; zufällig ist mir noch d&s fehlen von altnord. 
f^l imter fugls aufgefallen; im buchstaben B vermisse ich die altnordischen paral- 
lelen zu hadiy andbahts, hairgan, bairgahei, baurgs, bairhts, banja, basi, batiTM, 
^^'<ija.n usw. 

Die vorstehenden bemerkungen würden ihren zweck verfehlen, wenn sie den 
Verfasser entmutigten. Möge ihm erfolg und anerkennung in seiner heimat nicht 
fehlen und eine neue ausgäbe des Glossary recht bald die vorhandenen mäugel 
^>®seitigenl 

KBFÜRT, IM SEPT. 1890. 1. BERNHARBT. 



'^^^tmann von Aue als lyriker. Eine litterarhistorische Untersuchung 
Von F. Saran. Halle a.S., Niemeyer. 1889. 112 s. 2,40 m. 

An litterarhistorischen Untersuchungen über Hartmann von Aue haben wir eher 
^^rüuss als mangel. Die wenig zahlreichen und wenig sicheren anhaltspunkte, die 
^^ den lebensgang des dichters und die reihenfolgo seiner werke, insbesondere auch 
^^*' lyrischen, bisher in betracht kamen, sind so vielfach besprochen und so ver- 
f^'iieden verwertet, dass wol alles vorgebracht schien, was einen für diesen oder 
J^tien Standpunkt, vielleicht auch für die Überzeugung einzunehmen vermochte, dass 
^*^ ^ber das, was der eine so, der andere so entschieden zu haben meinte, über- 
P^^pt nichts wissen können. Eine neue behandlung dahin gehöriger fragen wird daher 
^^^ berechtigung vor allem durch die beibringung neuer, bisher nicht bekanter oder 
^■^i^Btons nicht beachteter tatsachen zu erweisen haben. Solche aufzudecken und 
hat sich der Verfasser der vorliegenden sohrift: bemüht. Im vorhanden- 



238 F. VOGT 

sein oder fohlen des auftaktes bei den lyrischen, der Senkungen bei den reimpaai 
gedichten glaubt er ein kriterium für die spätere oder frühere abfassungszeit der eh 
zelnen werke Hartmanns gewonnen zu haben. 

Die Zeitbestimmung der liedor geht natürlich von den auf den kreuzzug bezü 
liehen aus, wobei angenommen wird, dass Hartmann sich der fahrt Barbaross 
angeschlossen habe, da für diese nach des Verfassers meinung auch die beziehnngi 
zwischen den betrefTenden liedem und den predigten sprechen, welche gerade zu di 
sem 3. kreuzzuge auffordern. Das beim antreten der fahrt gedichtete ießi rar n\ 
iuicern hulden MF 218, 5, in welchem der auf Saladin bezügliche vers nun natu 
lieh im anschluss an Grimm und Paul gedeutet wird, gehört demnach in den anfai 
des Jahres 1189; vor ihm liegen die einzelne kreuzzugstrophe 211, 20 und die unt 
dem frischen eindruck der kreuznahme gedichteten Strophen 209, 25 fgg. , die etwa 
den april des Jahres 1188 zu setzen sind. Vor diesen widorum ist str. 206, 10 ve 
fasst, welche den tod des herren erwähnt, jedoch ohne das ereignis schon mit de 
entschlusse zur kreuznahme in Verbindung zu bringen. Zugleich wird in ihr der ai 
lösung eines liebes Verhältnisses gedacht, auf welche sich auch die übrigen stroph« 
desselben tones beziehen; und da die erste unter ihnen im winter abgef&sst sein mu! 
so wird die entstehung des ganzen tones in den winter von 1187/88 zu verwei» 
sein. Auf das nächste verwant sind diesen Strophen die MF 207, 11 mitgeteilte 
welche die aufsage des minnedienstes in einer weise behandeln, die voraussetz 
lässt, dass sie nicht lange vor den orsteren verfasst wurden; und da nun endli* 
andrerseits die str. 207, 11 eine direkte beziehung auf eine Strophe des tones 2C 
19—207, 10 enthält (vgl. v. 207, 11 mit 206, 28), so wissen wir, dass 206, 19 fg 
vor 2(>7, 11 fgg. gedichtet sein muss, und wir haben somit für 6 töne eine bestimi 
vom beginn des jahros 1189 rückwärts zu verfolgende reihe gewonnen. Dieser n 
henfolge nun entspricht eine almähliche Veränderung in der behandlung des aufta 
tes: in dem lezten gedichte (218,5) fehlt dieser nirgends, in einigen der früheren fei 
er schon hie und da; augenscheinlich ist hier eine almähliche vcrvolkomnung d 
kunst des dichters festzustellen, welche geeignet ist, auch auf die reihenfolge d 
ausserhalb jener gruppe von 6 tönen liegenden lieder licht zu werfen. Sie alle zeig 
in dieser beziehung erheblich mehr Unregelmässigkeiten als eben jene kurz vor d 
kreuzzug fallende gruppe, und andrerseits lassen sie auch widerum unter sich beträcl 
liehe abstufungen wahrnehmen. Darauf gründet der Verfasser ihre chronologise 
bestimmung. Das Verhältnis der fälle, in welchen innerhalb eines tones der aufta 
fehlt, zur gesamtzahl der verse dieses tones drückt er in i)rocenten aus, gibt ei 
genau nach diesen procentzahlen geordnete tabellarische Übersicht über Hartman 
sämtliche lieder, nimt an, dass ihre abfassungszeit ganz dieser Ordnung entsprec 
und sucht dann schliesslich in einem besonderen kapitel auch den dichterischen ci 
wickelungsgang unseres Sängers durchaus diesem Schema gemäss zu konstruieren. 

Die Untersuchung ist zunächst recht geschickt an einen festen punkt angcspo 
neu; aber sie verliert sich schliesslich in so unsichere combinationen , wie sie nur 
über die reihenfolge der lieder Hartmanns angestelt sind. Das mathematische au 
sehen, welches die grundlage der chronologischen aufsteUungen des Verfassers zei) 
darf über den grad ihrer Zuverlässigkeit nicht täuschen. Einmal sind schon die za 
len, auf welchen die procentberechnungen fussen, viel zu gering, als dass diese e 
richtiges bild von dem wechselnden gebrauche des auftaktes bei unsorm dichter geb« 
könten. Es ist ja schon verwirrend, wenn z. b. von dem nur 7 verse enthaltend« 
liede 211, 20 fg. gesagt wird, die zahl der auftaktloscn verse betrage hier 0,00proten 



ÜBER SARAN, RARTlffANN Y. AÜR ALS LYRIKER 239 

deon nicht auf 100, sondorn auf 7 verse findet sich hier kein Yers ohne auftakt, und 
man kann durchaus nicht behaupten, dass der dichter, wenn er dies lied auf 100 
verse gebracht hätte, auch den übrigen 93 Yei-sen stets den auftakt gegeben haben 
niüste, nur deshalb, weil er ihn den 7 ersten gab! Damit hängt zusammen, dass die 
differonzen zwischen den einzelnen gedichton nach der tabelle des Verfassers viel 
grösser erscheinen als sie tatsächlich sind. So stöhn in ihr den 0,00 procent des 
genanten tones 2,22 procent des 1. tones gegenüber; aber nicht diese zahl, sondern 
die zahl 0, 31 würde die differenz der beiden im gebrauch der aiiftaktlosen verse aus- 
drücken; denn da in dem 45 verse umfassenden 1. tone zweimal der auftakt fehlt, s^^ 
würde das gleiche Verhältnis in einem gedichte von 7 versen imaginär durch die ange- 
gebene zahl, faktisch eher durch das fehlen als durch das vorkommen eines solchen fal- 
les seinen ausdruck finden. Den erwähnten 2,22 procent des 1. tones (MF 205, 1) folgen 
als nächsthöchste zahl 9,00 procent des 10. tones (MF 214, 12). Der Verfasser sieht 
darin ,einen ganz auffallenden Sprung, der nach der sonst zu beobachtenden stetigen 
zunähme der procentzahlen nicht natürlich und organisch sein kann*^. Er glaubt, 
(üese lücke in der fortschreitenden kunst des dichters dadurch ausfüllen zu müssen, 
<las3 er vielleicht die abfassung der verlorenen, von Gliors ei-wähnten loiche, „ohne 
zweifei" aber das 1. büchlein (soweit der Verfasser dasselbe für echt hält) zwischen 
die der so sehr verschiedenen beiden töne sezt. Und worin besteht denn nun tat- 
s^^<^ich dieser grosse, ganz auffallende unterschied? In den 45 versen des einen 
tones fehlt der auftakt zweimal, in den 22 versen des andern fehlt er — auch 
zweimal! Dies das wirkliche Verhältnis, welches lediglich durch die hier ganz ver- 
fehlte procentrechnung zu dimensionen aufgebauscht wird, die den Verfasser wie den 
löser in die irre führen. 

Aber damit noch nicht genug; der Verfasser hat bei der aufstellung seiner 
tabelle entweder ganz vergessen, dass dieselbe die fortschreitende regelung des auf- 
taktes veranschaulichen soll, oder er sieht diese regelung ausschliesslich in dem gleich- 
°^**S8igen setzen, nicht auch in dem gleichmässigen fehlen des auftaktes, und ebenso- 
wenig in dem bestirnten Wechsel von versen mit und ohne auftakt; denn nach seiner 
Übersicht steigen unterschiedslos mit der zahl der auftaktlosen verse eines tones auch 
jene procentzahlen, deren alniühliches anwachsen uns immer weiter zurück auf die 
stufen geringerer kunstfertigkeit des dichters führen soll; die denkbar niedrigste stufe 
derselben würden wir demnach mit der denkbar höchsten procentzahl erreichen, d. h. 
^ einem consequent ganz ohne auftakt gebauten gedichte! Ein solches findet sich 
^^li allerdings bei Hartmann nicht, wol aber gebraucht er strophenschomen , welche 
^ fehlen des aufkaktes an bestirnter stelle erheischen. So erfordert das ginmd- 
^«ema des tones 213, 29 augenscheinlich 4 auftaktlose stellen verse, während von 
^^Qi siebenzeiligen abgesang gleichfalls 5 verse ohne auftakt bleiben, 2 dagegen, 
'^'^lich der zweite als der einzige zweihebige und der sclilussvers, sich durch auf- 
**^ abheben. Die erste strophe zeigt diese reguläre form (denn z. 37 statt des 
*^*ttd8chriftlichen dax, nicht mit Haupt deiche sondern mit Saran dax^ si einzusetzen, 
öaben wir keine veranlassung); die zweite weicht darin ab, dass sie ausser den ange- 
K^benen auch zwei anderen versen des abgesanges noch den auftakt verleiht; das 
^'^^taktschema wird also hier in einem liede von 22 versen zweimal vemaclilässigt; 
^* iat genau dasselbe Verhältnis, wie es in dem vorhin besprochenen Uede 214, 12 

oii^^ Nach des Verfassers berechnung steht dagegen 213, 29 mit nicht weniger 
^8,20 procent als ein gedieht, in welchem „das gefühl für die bedeutung des 

^^'^^ktes nooh gar nicht existiert'', ganz am anfang, 214, 12 mit 9 procent ganz am 



240 p. vooT 

onde der vor der ^grossen lücke'' liegenden liederreihe. — Und so wie hier werden 
denn auch in einem gedichte, welches regelmässig verse ohne und mit auftakt wech- 
seln lässt, die auftaküosen ganz mechanisch zu einer zahl zusammenaddiert, die uns. 
den grad der Unregelmässigkeit des auftaktes veranschaulichen soll. Es ist das lied 
212, 13, dessen versanfönge folgendes streng geregelte Schema zeigen: -i, x— ^ — % 
x^; Ji, x-^, x-^ X—- I^iö einzige Unregelmässigkeit zeigt die dritte stroph» 
(die nach dem Verfasser übrigens ganz selbständig sein soll) darin, dass sie im anfaDg» 
des abgesanges den vers mit auftakt dem auftaktlosen nicht wie in den beiden ersten 
^ropben folgen, sondern vorangehen lüsst. Das kann uns, bei der im übrigen beson- 
ders künstlichen gestaltung des auftaktes, natürlich nicht hindern, dies lied unter 
diejenigen zu zälilon, in welchen der dichter dem auftakto am meisten aufmerksam- 
koit zugewant hat; es würde von dieser seite aus gar kein bedenken dagegen vor- 
liegen, das gedieht noch hinter die kreuzzugslieder zu setzen. Nach des yerfasseis 
tabelle dagegen folgt es mit 37 procent auftaktloser verse unmittelbar auf die beiden 
töne, in welchen sich noch gar kein gefühl für die bedeutung des auftaktes verrät! — 
Die beigebrachten proben werden genügen, um zu zeigen, dass des Verfassers berech- 
nungen und die auf diese gegründete hypothese von der reihonfolge der Hartmann- 
Hchen lieder durchaus verfehlt sind. Gewiss wird es richtig sein, wenn man die lie- 
der mit strenger regulierung des auftaktes für jünger hält als die mit freier behandlung 
desselben; aber illusion ist es, wenn man glaubt, dass man auf grund eines ganz 
minimalen mehr oder weniger in der einen oder in der andern richtung nun auch 
jedem einzelnen gedichte seinen bestirnten platz in der gesamtreihe anweisen könne. 
Und wenn man , von der Chronologie ganz absehend , lediglich zur veranschaulichung der 
grösseren oder geringeren rogelmässigkeit dos auftaktes eine übersichtliche reihe der 
lieder aufstellen wolte, so müste diese doch ganz anders ausfallen als die vom Ver- 
fasser construierte. 

Neben dem fehlen des auftaktes kommen nach dem Verfasser noch zwei (in 
seiner tabelle jedoch nicht berücksichtigte) metrische Unregelmässigkeiten in betracht: 
zweisilbiger auftakt und zweisilbige Senkung. Beides stelt er in näherem anschluss 
an die handschriften gegen Haupts text mehrfach her. Ich bin gewiss weit davon 
entfernt, diesen nicht für verbesserungsfähig zu halten, und sicherlich verdient beson- 
ders die frage erwogen zu werden, ob die metrischen rücksichten, welche TjmlunMin 
und Haupt veranlassten, von der Überlieferung abzuweichen, überall berechtigt sind; 
aber es muss zu diesem zwecke im zusammenhange geprüft werden, welchen grad 
von zutrauen denn die handschriften bei den hier in betracht kommenden dingen 
verdienen, inwiefern sie sich durch verschiedenen gebrauch in analogen fiülen selbst 
corrigiercu usw. Nur so lassen sich sichere grundsätze gewinnen, und diese müssen 
dann consequent angewendet werden. Aber in dieser beziehung lässt des Verfassers 
verfahren gar manches zu wünschen übrig. Warum stelt er z. b. 210, 33 den auf- 
takt ich teil gegen Lachmann im anschluss an die Überlieferung her, nicht dagegen 
209, 36 der sin und 210, 2 beidiu? gerade in dem vom Verfasser hergestelten verse 
haben BC sicherlich nicht an zweisilbigen auftakt, sondern falschlich an 4 hebongen 
statt dreier gedacht, ebenso wie in den beiden unmittelbar vorangehenden 210, 31/32; 
so gut wie diese war auch 3H zu bessern. Hält auch der Verfasser den vers dtu 
tcerlt lachet mich triegent an metrisch für unmöglich, da er er hier stilschweigeod 
die änderuug hinnimt? eine bemerkung darüber schiene doch notwendiger als die^ 
dasH hier triegende mit elision dos e zu lesen sei. Warum schliesst er sich nicht 
den handschriften auch da an, wo sie (^ine Senkung fehlen lassen, wie 205, 4; mid 



ÜBEB SABAK, HARTMANN Y. AUE ALS LYBDOBB 241 

warum stdt er die zweisilbige Senkung, die sich doch Hartmann gestatten soll, so 
wenig consequent her wie den zweisilbigen auftakt? Zu 217, 24 ist gegen Haupt 
und gegen das metmm wc&re angeblich nach C horgestelt, aber in C steht Haupts 
yxicfr entsprechend wer; auch zu 218, 26 ist eine das metrum verschlechternde lesart 
als aus C stammend aufgenommen, während dort tatsächlich etwas ganz anderes 
steht usw. Alles in allem fühlt man sich bei den kritischen bemerkungen des Ver- 
fassers — trotz der Sicherheit, mit der auch sie vorgebracht werden — doch nicht auf 
sichererem boden als bei seinen aufstellungen über die reihenfolgo der lieder. 

Das auseinanderlegen der Strophen eines tones in verschiedene einzelne lieder 
treibt der Verfasser sehr weit; entschieden zu weit, wenn er — abgesehen von 
äuBseren kriterien — mehrstrophige lieder nur da anerkennen will, wo ein klarer 
und ungezwungener gedankenfortschritt statfindet, dagegen nicht, wo sich ohne sol- 
chen die einzelnen Strophen eines tones um denselben gedanken drehen. Die wider- 
holong eines und desselben gedankens in verschiedener form ist nun einmal der alten 
dichtkunst, der epischen sowol wie der lyrischen, in weit grösserem umfange geläufig, 
als es dem modernen geschmack entspricht; sie diesem zuliebe durch allerlei kritische 
mittel möglichst einzuschränken, ist ein zwar herkömliches, aber darum noch nicht 
berechtigtes verfahren. Anders steht es natürlich, wenn die Strophen eines tones 
ganz verschiedene dinge behandeln, augenscheinlich aus unvereinbaren Situationen 
entsprangen sind usw.; doch muss man auch hier behutsamer als der Verfasser zu 
▼erke gehen, der an der vermeintlichen Verschiedenheit der Strophen ebenso oft ohne 
gnind anstoss nimt wie an ihrer Übereinstimmimg. Was er z. b. über abweichende 
voraussetzimgen in den einzelnen Strophen des liedes 206, 19 fg. sagt, ist entschie- 
den hinfällig. Mehrfach hat er in der abtrennung einer und der andern Strophe schon 
Vorgänger gefanden, und er treibt dann durch isolierung jeder einzelnen Strophe die 
Sache auf die spitze, während ich in einigen fällen schon jene teilweise loslösung für 
nnbegriindet halte. So z. b. bei dem sechsstrophigen liede 207, 11. Euer hätte nicht 
einmal die 6. strophe abgetrent werden sollen, wie es in MF geschehen ist; denn 
diese palinodie der 1. strophe bildet meines erachtens gerade die schlusspointe, zu 
welcher sich die almählich fortschreitenden gedanken zuspitzen. (1) „Mein verspre- 
chen, ihr mein ganzes leben zu widmen, kann ich nicht halten; ich habe mein herz 
▼on ihr gewendet; von einem unbesonnenen gelübde muss man sich befreien, ehe 
man in nutzlosem ringen seine jähre verzehrt; so auch ich; ich räume ihr das feld 
nnd werde in zukunft meinen dienst anderswohin wenden. (2.) (Man darf mich des- 
^h nicht treulos schelten:) untreue war mir stets verhasst; lediglich meine treue 
Mt mich nicht schon eher, soviel ich auch zu leiden hatte, aus ihrem dienste schei- 
^ lassen. Jezt schmerzt mich, dasssie mich ohne lohn lassen will; und doch will 
*ct auch jezt nichts als gutes von ihr reden; ehe ich sie betrübe, will ich lieber 
nm schaden auch die schuld auf mich nehmen. (3.) Was solte ich auch der jezt 
Wses nachsagen, die ich bisher immer nur gelobt habe? Ich kann ja meinen kum- 
mer klagen, ohne sie deshalb schlecht zu machen, meinen kummer, dass sie viele 
JMre meinen dienst hinnimt und meinem werben um ihre minne doch nur mit feind- 
*®ngkeit antwortet Dass ich nie erfolg bei ihr hatte, muss ich mir selbst zum vor- 
^^ machen; hätte sie nüch dessen für würdig erachtet, so würde sie mir besser 
gdohnt haben. (4 = 207, 33) Da ich also auf lohn von ihr, der ich doch so lange 
K^'^ent, verzichten muss, so bitte ich gott, dass er mir doch eins gewähre: dass 
* nSmhch ihr stets wol ergehen möge ; das sei meine räche , dass ich bessere wün- 
•*e för sie hege als irgend ein anderer, ihr leid betraure, ihres glückes mich freue. 

"■ttCMDT F. DlUTSCHE PHILOLOOIE. BD. XXIV. 16 



242 F. vooT 

(5 = 208, 20) Jone jähre, die ich ihr gewidmet habe (vgl. 208, 12 fg. 207, 

sind doch nicht verloren: fehlte mir auch der minnelohn, so tröstete mich ( 

freundliche ho&iung. Ich wünschte nichts weiter, als dass ich sie wider wie ehe 

meine herrin nennen möchte! manchem manne geht's so bis an sein ende, dass 

niemals liebes widerfährt, dass ihn aber doch immer die hofnung darauf froh mi 

(6) (Nun so will ichs denn auch so halten:) um ihretwillen, der ich bisher gec 

habe, will ich fi-oh sein, wenn mir der dienst auch nichts genüzt hat; ich w 

dass meine herrin edel ist; wer die seine fahren lässt, der mag das haben: ihn 

driessen die nutzlos verzehrten jähre; wer so minnot, ist falsch; ich habe es be 

im sinne, ich will niemals von ihr lassen*^. So wird hier das gedankenspiel von 

aufkündigung dos dienstes aus durch eine Stufenleiter versöhnlicher betrachtui 

hindurch zur förmlichen zurücknähme jener aufsage geführt Str. 207, 23 ordne 

wie Paul und Burdach ein. Str. 208, 23 wird (si tröstet A troestet BC) zu l 

sein tröste, denn es geht aus den vorhergehenden wie aus den folgenden versen 

vor, dass es sich um den zustand des dichters in den vergangenen, jezt zuri 

gewünschten jähren vergeblichen und doch hofnungsfi-ohen dienstes handelt 208 

schliessc ich mich (wie Saran) der handschriftlichen Überlieferung an; aber die j; 

sind nicht als die zukünftigen, sondern als die verflossenen aufzufassen: diese 

driessen den, welcher den dienst (wegen mangelnder gewährung) aufgibt, natüj 

weil sie nun vergeblich hingebracht sind, während sie demjenigen, der, wie jezt 

dichter, zur erkentnis gekommen ist, dass nicht nur die gewährung, sondern 8« 

die hofnung beglückt, und der deshalb auch den dienst festhält, vil unverlom si 

Ein weiteres eingehen auf des Verfassers auflösungsversuche muss ich mir 

versagen; so weit wie er wird in dieser beziehung schwerlich sonst jemand gc 

Übrigens schränkt er selbst in einer nachträglichen anmerkung seine Ursprung! 

aufstellung etwas ein, indem er die Strophen, welche sich ohne gedankenfortsc 

um dasselbe thema drehen, wenn auch nicht ein lied, so doch einen stropheol 

bilden lässt, dessen einzelne teile sich der cntstehungszeit nach nahe standen , tu 

her auch alle zusammen vorgetragen sein werden (also doch wol auch von den 1 

ausgeben! als zusammengehörig zu bezeichnen sind? dass bei den so bezeichn« 

deshalb die gedankenentwickelung imd Strophenverknüpfung dieselbe sein müsse 

in der neueren kunstlyrik, hat doch niemand behauptet?). Freilich meint der ^ 

fasser, dass auch die ganz verschiedenen Situationen entsprungenen, unteroinan 

unvereinbaren Strophen eines tones sich zeitlich doch immer wenigstens insofern ni 

standen, als Hartmann zwischen solchen niemals Strophen eines anderen tones gedi< 

tet hätte. Baraus leitet der Verfasser auch das recht ab, bei seinen untersuchonf 

über die auftaktverhältnisse jeden ton als ganzes zu betrachten, auch wenn er i 

seine Strophen als selbständige einzellieder ansieht. Das war allerdings notweod 

wenn eine bestimmung der Zeitfolge der lieder auf grund der behandlung des a 

taktes möglich bleiben solte; denn zwischen jenen kleinen einzelliedem des 

bon tones würden sich in dieser beziehung nach der vom Verfasser angewende 

procentrcchnung teilweise ganz riesige differenzen ergeben, welche, auf entspreche] 

diffcrouzen in der abfassungszeit zurückgeführt, ein sehr wunderliches chronologisc 

durcheinander von einzelnen bestandteilen verschiedener töne zur folge gehabt ha 

würden. Aber wenn die abweichungen im auftakt zwischen den einzelnen lied 

desselben tones für deren zeitliches auseinanderliegen nichts beweisen, wel 

bewoiskraft bleibt ihnen dann in dieser beziehimg noch für die verschiedenen tö: 

So dichtet z. b. Hartmann im ersten tone vier einstrophige neunzeilige liedohen 



^BKB 8ARAN, HABTMANN Y. AUE ALS LTBIKER 243 

legelmässig ausgefültem auftakt, eines dagegen, in welchem zweimal der auftakt fehlt; 
mosten wir demnach nicht das leztere von den vier anderen zeitlich noch weiter 
abriiclcen als das zweistrophige lied 214, 12, in welchem auf die 22 verse der hei- 
den zusammengehörigen Strophen nur 2 verse mit fohlendem auftakt kommen? Aher 
in einem falle soUen sich die lieder trotz jener differenz zeitlich nahe stehen, im 
anderen falle wird ihr so grosses gewicht beigelegt, dass sie nur durch eine längere 
imterhrechimg in Hartmanns lyrischer dichtung erklärt werden kann. Nach des ver- 
&ssers weise würde die nicht zu berücksichtigende differenz sogar durch die procent- 
zahlen gegen 22, die berücksichtigte durch 2,22 gegen 9 auszudrücken sein. Auch 
Ton dieser seite zeigt sich wider, wie wilkürlich und haltlos dieser ganze chronolo- 
gische aufbau ist. 

Besser steht es mit der Statistik der in den reimpardichtungen fehlenden sen- 
knDgen, insofern hier die zahlen gross genug sind, um eine geeignete grundlage für 
procentberechnungen abzugeben und nicht alzugrossen zufalsschwankungen ausgesezt 
zu sein. Mit recht unterscheidet der Verfasser dabei, ob die Senkung zwischen 
zwei verschiedenen werten oder zwischen zwei silben desselben wertes unterdrückt 
wird. Er sieht in dem ersten falle eine grössere härte, welche von den genaueren 
dichtem mehr und mehr gemieden, von einzelnen schliesslich ganz beseitigt wird, 
während sie sich die zweite freiheit noch gestatten. So lässt sich auch von Hart- 
maans epischen dichtungen eine reihe aufstellen, in welcher die erste freiheit etwas, 
die zweite verschwindend wenig abnimt, nämlich: Erec, Iwein, Gregor, armer Hein- 
lich. In dieser folge sind denn auch nach des Verfassers meinung diese gedichte 
entstanden. 

Vom ersten büchlein betrachtet der Verfasser den in reimpaaren gehaltenen 
^pttefl für sich; derselbe würde nach der gesamtzahl der fehlenden Senkungen hinter 
sämtUche epen gehören, nach der zahl der zwischen zwei werten fehlenden zwischen 
Iwein und Gregor, so dass also natürlich der andere fall, das fehlen der sen- 
^g zwischen zwei silben desselben wertes, widerum seltener ist als in allen epen. 
^as stimt nun allerdings nicht zu des Verfassers sonstigen chronologischen voraus- 
Atzungen; denn er sezt, wie wir bereits sahen, diesen echten teil des ersten büch- 
1^ mitten zwischen die lieder in jene „grosse lücke*^, die gesamte lyrik Hartmanns 
^r sezt er noch vor den Erec. Aber jener Widerspruch lässt sich nach seiner 
Bteinnng durch die annähme ausgleichen, dass Hartmann sich in dem büchlein mit 
88inem nicht der epik, sondern der lyrik aufs nächste verwanten Inhalt durch die 
^^re form des minnegesanges beeinflussen Hess. Ich halte nun zwar diese datierung 
^ entschieden unrichtig; denn was es mit jener grossen lücke auf sich hat, haben 
^ gesehen, und Hartmanns lyrik auch in ihrer am meisten ausgebildeten kunst- 
^ für älter als sein episches erstlingswerk halten, heisst meines erachtens auf 
m Verwendbarkeit der zwischen den einzelnen werken waltenden kunstunterschiede 
™r die bestimmung ihrer Zeitfolge verzichten. Dennoch kann man ja an sich dem 
^etfiisser zugeben, dass ein gedieht wie das erste büchlein auch im versbau durch 
*® lyrik beeinflusst werden konte; nur muss dann dieser einfluss von vornherein in 
^höherem grade in dem lezten teile dieses gedichtes vermutet worden, der nicht 
Ä^ inhaltlich, sondern in der künstlichen reim weise und in der gruppierung der 
^ewe auch formell schon der lyrik näher steht als der epik. Es kann uns daher gar 
^^ wundem, wenn in diesem stücke die Senkungen überhaupt und ganz insbeson- 
^ die Senkungen zwischen zwei verschiedenen werten seltener fehlen als in allen 
^'^'ican gedichten Hartmanns; und es ist ungerechtfertigt und entspricht jeuer vom 

16* 



244 F. VOGT 

Verfasser bezüglich der metrik des ersten teiles gegebenen erklänmg keineswegs, wenn 
er hier diesem umstände eine so hervorragende bedoutung boimisst, dass er allein 
schon die Unmöglichkeit beweise, Hartmann als Verfasser dieses Stückes aDzuneh- 
men. Auch was sonst für die annähme beigebracht wird, dass dies ^schlussgediclit'^ 
(v. 1645 — 1914) nicht von Hartmann verfasst, ja mit den versen 1 — 1644 nur durch 
Zufall zusammengeraten sei, halt nicht stich. Der Verfasser meint, die verse 1645 fg. 
könten unmöglich, wie Haupt meinte, als rede des leibes zu denken sein, der 1642 fg. 
vom herzen aufgefordert war: nu solt du lip hin xir unser fürspreche stn; das 
beweise v. 1679 min Itp vor leide nach verswant und v. 1911 ich hdn in dinen 
(jeicalt ergeben die sele xuo deni libe, die eniphdh . . . (vgl. auch noch 1903 fg.); 
deim hier rede doch sicher nicht der leib, sondern der dichter, und der den versen 
1 — 1644 zu gründe liegende gedanke von einer trennung des leibes und der soele 
und von einem dialog zwischen beiden als selbständigen personen verrate sich im 
Schlussgedichte nirgend. Dem gegenüber ist zu bemerken, dass nach den ausdrück- 
lichen Worten der verse 1642 fg. der leib ja von jezt an eben nicht mehr ausschliess- 
lich als leib, sondern als vertieter von leib und herz, also im namen der gesamten 
pei*sönlichkeit sprechen soll; es ist also keine sonderliche ungenauigkeit, wenn Hartmann 
ihn schliesslich nicht anders reden lässt, als wenn er, der dichter, selbst spräche. Aber 
selbst in dem vorangehenden dialog v. 1 — 1644 ist die trennung keineswegs in dem 
vom Verfasser angegebenen sinne durchgeführt Denn erstens steht ja dem loibe keines- 
wegs die Seele, sondern das von dieser ausdrücklich unterschiedene herz gegenüber, 
und zweitens dockt sich der Itp hier durchaus nicht mit dem begriffe „körper*, son- 
doiii er umfasst auch einen teil der geistigen kräfte mit; ja wie im gewöhnlichen 
sprachgebrauche lip die ganze persönlichkeit bezeichnen, min lip für ich gesagt wer- 
den kann, so spricht auch Hartmann in jenem dialoge oft genug einfach selbst, wo 
der lip das wort hat So sagt denn der lip: ich hin ein freudeloser man 334, wird 
vom herzen ebeufals man genant 595, spricht öfter dem herzen gegenüber von sei- 
nem fnuot und getnüete, von den gedanken, mit denen er der geliebten nahe ist 
132 fg., von seinem sin 1086, seiner armen sele 1431 — ja er spricht sogar von 
seinem leibe: dax ich (der lip!) üx al der werlt ein wip xc froweii über minen 
lip für s7 hate niht erkom 107 fg. Damit dürfte jenes bedenken wol endgültig 
beseitigt sein. Dass 1644 einen befriedigenden schluss gebe, kann ich nicht im min- 
desten zugestehen; die aufforderung 1642 fg., in der für spreche nur als fürsprecher, 
wortfülirer verstanden werden kann, hat nur zweck, wenn sie die Schlussapostrophe 
einleiten soll, zu der sich nun herz und leib verbinden und die widerum mit dem 
hin weis auf die Vereinigung der beiden im dienst der geliebten (1903 fgg.) passend 
endigt. Was endlich die abweichungen des Schlussgedichtes von Hartmanns sonsti- 
gem Sprachgebrauch betrift, so erklären diese sich wol ausreichend aus der ungewöhn- 
lichere ausdrücke und Wendungen heischenden reimhäufong. 

Auch das zweite büchlein erklärt der Verfasser für unecht, indem er die schon 
von anderen für diese ansieht vorgebrachten gründe hauptsächlich widenun durch 
seine die fehlenden Senkungen betreffenden beobachtungen zu verstärken sucht Nadi 
diesen würden die Senkungen, besonders zwischen zwei verschiedenen Worten, im 
zweiten büchlein weit seltener ausgelassen sein als in allen übrigen diohtungen Hait- 
manus (s. 51 fg). Icli bin zu einem anderen ergebnisse gekommen. Nach meiner zih- 
lang fehlt die Senkung in den 826 versen des zweiten büchleins zwischen zwei ver- 
schiedenen werten 88 mal, zwischen zwei silben eines wertes 138 mal; in den 826 
ersten vei-sen des ersten büchleins komt der erste fall 87 mal, der zweite 91 mal vor. 



ÜBEB SABAN, HABTKANN Y. AUS ALS LYBIKEB 245 

Danach zeigt sich also in jenem sogar eine merkwürdige übereinstimmmig zwischen 
den beiden bächlein; in diesem dagegen steht das zweite büchlein dem Gregor und 
Iwein näher, wo in der gleichen yerszahl zwischen zwei silben eines Wortes die sen- 
kang llOmal beziehungsweise 141 mal unausgefült bleibt. Ich kann also in diesen 
Verhältnissen keinen grund gegen die abfassung des zweiten büchleins durch Hart- 
niann finden. Vielmehr halte ich dieselbe nach wie vor für das wahrscheinlichste, 
weil das gedieht für einen plagiator zu gut ist, weil sich auffällige Übereinstimmun- 
gen mit sicher Hartmannischem eigentum auch in nebendingen zeigen, bei denen an 
entlehnung nicht zu denken ist, imd weU die enÜehnung aus Hartmanns sämtlichen 
werken (und nicht allein aus seinen epen, sondern auch aus seiner keineswegs wie 
jene malsgebenden lynk) in augenfälliger weise statgefunden haben müste, während 
von anderen dichtem, insbesondere auch von den grösten und bekantesten lyrikom, 
nichts entlehnt worden wäre; denn dass die verso büchlein 725/26, auf deren Über- 
einstimmung mit Burkhart v. Hohenfels MSH I, 205 str. 3 Saran hinweist, ui*sprüng- 
lich nicht dem büchlein, sondern Burkhart gehören, kann man natürlich nur anneh- 
men, wenn man den späteren Ursprung des büchloins schon aus anderen gründen für 
erwiesen hält 

Von den liedem werden 212, 37fgg., 214, 34 fgg., 320, 1 fgg. auf ihre echt- 
heit untersucht und die beiden lezten Hartmann abgesprochen; eine sehr wesentliche 
rolle spielt dabei wider des Verfassers oben geken zeichnete auffassung der auftaktver- 
hältnisse. Ein abschnitt „zur textkritik dos schlussgedichtes imd des (2.) büchleins*' 
enthält einige bemerkenswerte bosscrungsvorschläge. Dankenswert ist der nachträg- 
liche, zur erklämng von selpwege dienende hin weis auf Rud. Crodners beobachtun- 
gen über eine ähnliche fluterscheinung, die an der Ostseeküste der seobär genant wird. 

BRESLAU. F. VOGT. 



Die lieder Neidharts von Reuenthal auf grund von M. Haupts herstel- 
lung, zeitlich gruppiert, mit erklärungon und einer einloitung von 
Friedrich Keinz. Mit einem titelbilde. Jjoipzig, Hirzel. 1889. 146 s. 2,80 m. 
Es war ein sehr dankenswertes unternehmen, Haupts grosser Ncidhartausgabo 
eine wolfeUe, nur mit den notwendigsten beigaben versehene toxtedition zur seito zu 
setzen. Durch eine kurze einleitung, welche die in den Münchener Sitzungsberichten 
von 1887/88 veröffentlichten Neidhart -Untersuchungen des Verfassers voraussezt, wird 
der leser zunächst über Neidharts leben und die gattungen seiner dichtung in klarer 
und knapper form unterrichtet. Dann folgt der text in einer von Haupt abweichen- 
den anordnung. Die lieder werden in sechs verschiedene gruppen gesondert, ^die der 
von Keinz angenommenen entstehungszeit gemäss aufeinander folgen, nämlich: I. Ju- 
gendlieder. U. Jiutel und ihre gespiolinnen. IH. Kreuzlieder. IV. Fridorun. V. Bai- 
rischo lieder der späteren zeit, VI. östeiTcichische lieder. Dieser Ordnung fehlt ja nicht 
die tatsächliche grundlage. Wir wissen, dass Neidhart einige lieder auf dem kreuz- 
zuge, dass er andere in Baiorn und dass er widerum andere später als diese in Öster- 
reich dichtete; wir können ferner einigen wenigen der bairischon zeit mit bestimtheit 
entnehmen, dass sie vor, einer weit grösseren anzahl, dass sie nach dem Zerwürfnis 
mit Engelmar verfasst sind, ein ereignis, dessen dann auch in österreichischen liodeni noch 
gedacht wird. Aber darüber hinaus wird der boden sehr unsicher. Es besteht meines 
erachtens kein genügender anhält dafür, gerade die unter I gebrachten lieder und nur 
sie als Jugendgedichte zusammenzufassen, die» unter H gesezten alle um ein liebes vor- 



246 F. VOGT 

hältnis zu Jiutel (ein name, der auch nachher in einem österreichischen gedicht= 
(nr. 63) vorkomt), die unter IV um ein Verhältnis zu Friderun zu gruppieren; in niclcr 
wenigen fällen sind auch die grenzen zwischen Y und YI nicht sicher, und selb^ 
oh die kreuzlieder aus dem jähre 1219 chronologisch gerade unter IQ an der ri( 
tigen stelle stehen, ist zweifelhaft Mit recht ist schon im Litterar. oentralhl. 
s. 477 das bedenken erhoben, dass bei der von Eeinz angenommenen Zeitfolge Wol 
rams bekante beziehung auf Neidharts dichtung (Willehalm 312, 11), für die docz:^ 
nach 1219 ontstaodene lieder nicht mehr in botracht kommen können, keine 
reichende erklärung finden würde. Die dem gegenüber von Keinz im nachtrag 
seiner ausgäbe' s. 6 aufgeführten stellen aus liedem seiner zweiten gruppe (18, 
und 21, 11), in denen Neidhart seine freunde einmal wegen des tanzlokals, 
anderemal wegen des gegen seine geliebte zu beobachtenden benehmens um rat l^ 
tet, kann doch Wolfram nicht im sinne gehabt haben, wenn er sagt. Neidhart wüt— 
es seinen freunden klagen, sähe er ein so ungefüges schwort wie das des Kern 
wart über seinen gauhügel tragen. Bas sezt schon Neidharts feindschaft gegen 
bauem voraus, klagen über die plumpen und gewalttätigen dörper, wie sie nur in 
dorn der V. und VI. gruppe, an stellen wie den a. a. o. angezogenen (46, 45. 49% 
58, 63) sich finden. Aber noch mehr: dass Wolfram gerade bei der beschroibi 
von Rennewarts nesenwaffe auf diese bemerkung kam, lässt sich nur erklären, wi 
er an ein Neidhartsches lied dachte, in welchem ausserdem auch die schilder«.:a.j] 
eines besonders ungeschlachten Schwertes vorkomt. Nun wird aber überhaupt in kc:^ 
nem der lieder aus Ks gruppe I — IV ein schwert erwähnt; erst in gruppe V 
VI geschieht es mehrfach. Die eingehendere Schilderung eines besonders 
schwertos zugleich mit der klage an die freunde aber findet sich nur in dem eizs. 
liede K 42 (gruppe V). Hier wünscht Neidhart den rat seiner freunde in dem 1t> 
tem leide, das ihn bedrückt: die geliebte ist ihm feind; die meiste schuld an seiis.« 
Unglück ti'ägt ein getelinc mit einem gewaltigen Schwerte, so gross wie eine 
schwinge; dies noch weiter beschriebene schwert bildet den mittelpunkt einer dixx"^ 
zwei Strophen hingezogenen scene, und dann folgt wider die klage Idt iu mcre kid ^ 
den mhier 8ic{ere, die tumben getelinge itwnt mir aller leideelieh. Ich glaix 1 
daher, dass Wolfram auf dieses ganz bestimte lied Neidharts anspielt; in ihm »1>^' 
wird V. 28fg. der raub von Frideruns Spiegel, also auch die feindschaft mit Engelrd-'' 
schon vorausgcsezt. — Bedenklich ist doch auch die beschränkung einzelner perioci^ 
hier auf sommerlieder, dort auf wintorlieder, so dass in gruppe I und IV nur 
erstere, in gruppe V dagegen nur die leztere gattung vertreten ist Soll denn N^> 
hart in der doch 10 jähre umfassenden lezten bairischen periode nur noch im wio^ 
gesungen haben? oder sollen aus einer periode alle sonmierlieder, aus einer ande^"*^^ 
gerade die wintorlieder verloren gegangen sein? Ich glaube, diese bedenken ni<^^ 
zurückhalten zu sollen, da sich in unserer litteraturgeschichte traditionen über <^' 
Zeitfolge von werken leicht in fällen festzusetzen pflegen, in denen chronologi»o^ 
anhaltspunkte erwünscht, aber im gründe nicht vorhanden sind, wobei denn auch 
unterschiede der gattung auf solche der abfassungszeit übertragen werden, 
will ich nicht behaupten, dass die vorliegende ausgäbe durch die gewählte aQOxdnL'CS^ 
etwas an brauchbarkeit eingebüsst hätte; der hauptsache nach steht in den 
gruppen verwantes beisammen. 

1) München 1889. 8. 18 s. Keinz sozt sich hier mit den kdtikK te 
und mit 0. Paschmann (die lieder Neidharts v. R. StnüilHiig LWiiliC. ^ 



ÜBBB NUDBABT ED. KEINZ 247 

Bezüglich der verhältnismässig wenigen stellen, an welchen Keinz einen ande- 
ren text bietet als Haupt, kann ich ihm meist zustimmen; so auch in der stiophen- 
ojndnimg von nr. 52 und 64; nicht dagegen in derjenigen von nr. 22, sowie in der 
leausg von 52, 63. 62, 37 (so zu lesen statt 35 in den lesarten, wo auch die angäbe 
fehlt, dass Haupt hier R folgt). Nr. 32, 2 scheint mir doch die von Wilmanns 
befürwortete lesart von c strichen st. ticJien ganz zweifellos. Der zu 20, 32 fg. 
ermähnte besserungs Vorschlag Pauls besteht nur darin, dass man hier den hand- 
sclixiften C bezw. c folgen soll, und das scheint mir in der tat das richtige; wonig- 
wäre die mitteilung dieser lesart hier, yro Keinz selbst bemerkt, dass der sinn 
nach Haupt widergegebenen textes imklar sei, doch angezeigt gewesen. Ebenso 
liütt« auch zu der im texte unausgofült gebliebenen zeile 22, 50 der Wortlaut der 
liAiKlschriften angegeben werden sollen. In einzelnen fällen, wo Keinz bemerkt, 
dass in einer handschrifk Strophen fehlen oder dass die sti'ophenordnung in dor hand- 
scliriftlichen Überlieferung oder bei Haupt abweicht, hätte ohne belastung des kri- 
tisolieh apparates angegeben werden kömien, welche Strophen dort fehlen, bezw. wie 
die Strophen dort geordnet sind. Sonst kann ich Keinzs enthaltsamkeit in der angäbe 
von. Varianten nur billigen. Für den „weiteren leserkreis ", auch für die nächsten 
x'wecke der studierenden, genügt, was er gibt; für kritische Übungen aber muss man 
doch den volständigen apparat herbeiziehen, wie ihn Haupts in jeder seminar- und 
Universitätsbibliothek vorhandene ausgäbe bietet. 

Das für den „weniger geübten leser" berechnete Wörterverzeichnis, welches 
ursprünglich nur das Neidhart eigentümliche umfassen solte, wird bei einer zweiten 
aixOage um Wörter wie bue, trlel, liupper, xii^elbreche , verriden, güffen (37, 44), 
gcjphuBte und einige andere zu vormehren sein; auch den von anderer seite schon 
ausgesprochenen wünsch nach einem namen Verzeichnisse (natürlich mit volständigen 
steUenangaben) werden wir dann hoffentlich erfült scheu. Möchte eine schnelle Ver- 
breitung des verdienstlichen werkchons dazu beitragen! 

BRESLAU. F. VOGT. 



^ö echtes bei Neifen. Von dr. Wilhelm Uhl. Paderborn, Schöningh. 1888. 

222 s. 3 m. (Göttinger beitrage zur deutschen philologic herausg. von M. Heyne 

und W. MüUer IV). 

Für die scheidimg von echtem und unechtem bietet die Überlieferung der 

S^diohte Gottfrieds von Neifen insofern keinen anhält, als diese, von 8 in späteren 

^Äödschriften vorliegenden Strophen abgesehen, bekantlich allein in C auf uns gekom- 

^öu sind. Aber die beschafTenheit dieser handschrift selbst lässt nach Uhls meiuung 

^^^sse stücke der Neifenschen liedersamlung schlechter beglaubigt erscheinen als 

'^der©. In der regel ist nämlich hinter denjenigen liedern, welche weniger als 

stixjphen umfassen, vom Schreiber ein räum freigelassen, der gerade ausreichen 

'^^'de, um sie auf 5 Strophen zu bringen. Das ist bei 20 liedern der fall\ während 

f'^wre 20 wirklich fünfetrophig sind. Aus dieser Sachlage schloss man bisher, dass 

^^^^ ersteren unvolständig überliefert seien, dass aber C durch jene z\\ischen räume 

*^ ihre dereinstige ergänzung aus reicheren quellen vorkohnmg getroffen habe, ühl 

1) Kiobl b0i 19, wie auch ühl noch nach Haupt angibt. Nach Apfelstodt (Germania XXVI, 216) 
30, 2i, WD Haiqpt (einleitang s. VI) das Vorhandensein einer lücke len^netc , 8 zoilon fh)igolas- 
kt M Mdk, wenn Uhl s. 6 von 21 fOnfistrophigen liedern in C spricht; es ist da 28, 17 
6. itoopliB nicht in C, sondern nur in p überliefert ist. 



248 F. VOQT 

dagegen hält die fragliohen lieder für volständig und meint, dass die auf sie fol^e Ei- 
den lüoken nicht ftir die nachtragung echter, sondern für die aofiiahme neu hin^u 
zu dichtender Strophen bestirnt waren , durch welche dem von dem samler der hand- 
Schrift C, nicht aber von Gottfried als bindend erachteten princip der funfstrophigk^it 
rechnung getragen werden solte. Baraus folgen dann aber weiter bedenken ge^^u 
die echtheit der lezten strophen derjenigen lieder, welche nach der überliefern. ng^ 
wirklich jenen vorschriftsmässigen umfang haben; bei ihnen allen ist von vornherein 
mit der möglichkeit zu rechnen, dass sie der normalzahl zuliebe schon zusatze erhal- 
ten haben, wie die anderen sie noch erhalten selten, und daran lässt sich dann die 
Untersuchung von interpolationen anderer art anschliessen. 

Diese neue hypothese mag von vornherein natürlicher erscheinen als die alto; 
dass sie aber besser begründet sei, bezweifle ich. Uhl fragt: „wenn der Schreiber 
der handschrift C wüste, dass dies oder jenes lied fünfstrophig war, so hatte er dooh 
die fünf strophen desselben schon einmal hinter einander gelesen oder singen geh(>i~t; 
was hinderte ihn nun , das ganze lied mit seinen 5 strophen niederzuschreiben **' ? 
Dagegen ist denn doch zu bemerken, dass jemand, der ein lied einmal volständig 
gehört hat, bei einer unvolständigen niederschrift desselben sehr wol wahrnehmen 
kann, dass eine imd die andere strophe fehlt, ohne dass er deshalb im stände zu sein 
braucht den Wortlaut des fehlenden zu ergänzen. Aber hier bei Neifen liegt diie 
Sache noch viel einfacher. Der Schreiber oder sein auftraggeber braucht nur gewixst 
oder auf grund einer in sängerkreisen herschenden tradition geglaubt zu haben, dass 
der berühmte dichter die regel der fünfstrophigkeit befolgte; grund genug um anzu- 
nehmen, dass lieder, die in der vorläge diese zahl nicht erreichten, un volständig 
seien und sich einst aus anderen quellen ergänzen lassen würden. Dass nun C i^ 
algemeinen seine jeweilige hauptvorlage möglichst aus anderen handschriften zu ver- 
volständigen bemüht war, ist ja eine bekante tatsache, die ühl bei seinen algemei0^^ 
ausführungen über die entstehung der samlung C hätte berücksichtigen sollen. ^ 
ist es doch emiesen, dass C beim abschreiben der älteren, bereits mit bildem re*"' 
sehenen samlung BC, deren Uhl freilich auch mit keinem werte gedenkt, nicht o^^ 
ganze lieder, sondern auch einzelne strophen aus einer anderen alten, A verwant^^ 
samlung einschob. Danach ist es schon an sich höchst wahrscheinlich, dass ^'^ 
lücken in C für entsprechende vervolständiguiigen ausgespart wurden; und das wird 
zur gewisheit, wenn wir z. b. sehen, wie einerseits C hinter 2 strophen Ulrid*^ 
von Singenberg, die unmöglich ein volständiges lied bilden können, für S weit^^*^ 
Strophen räum lässt, und wie andererseits diese 3 strophen in der älteren handscbri^ 
A sich wirklich vorfinden (MSH str. 47. 48. Pfeiffer sti:. 36. 37. 39). Dies beißp»^ 
ist auch insofern lehrreich, als wir daraus ersehen — was freilich schon in d.^*" 
natur der sache liegt — dass wir den ursprünglichen platz der in C fehlenden stJ^"*-^ 
phen keineswegs nur da suchen dürfen, wo C die lücke für sie lässt, nämlich bi**' 
ter den mitgeteilten, sondern ebensowol zwischen oder auch vor diesen; so enthält 
in diesem falle nur die 3. und 5. strophe des liedes. — Dass also die lücken is^ ^ 
durchweg lediglich für nachdichtungen offen gelassen seien , ist sicherlich eine uniicU^^ 
annähme ; dass sie teils für solche, teils für quellenmässige nachtrage bestirnt waren •» ^ 
möglich, aber nicht sonderlich wahrscheinlich ; man darf vermuten, dass sie ursprun^^^ 
durchweg durch die erwartung lezterer veranlasst wurden. Damit ist natürlich w^^®' 
gesagt, dass die lieder, welche der Veranstalter der samlung C für unvolständig 1»»^^^ 
wirklich in jedem einzelnen falle unvolständig sein müssen, noch dass die strophen ^ ^^^ 
er von vornherein oder als nachtrage aufnahm, durchweg echt sind; nur hietet J* 



ÜBER ÜHL, UNXOBTBS BSI IIEIFEN 249 

besondere eiimchtimg der handsohrift keinen anhält für die annähme von interpola- 
tionon, und für die ermittelung solcher ist man eben lediglich auf form und inhalt 
der betreffenden lieder selbst angewiesen. Der inhalt aber bietet bei der einförmig- 
keit der themen des minnegesanges, bei der algemeinheit seiner gedanken und bei ^ 
dem lockeren Zusammenhang der strophon des einzelnen liedes wenig Sicherheit; und 
aiicli bezüglich der form bleibt zu erwägen, inwieweit gewisse ungleichmässigkeiten 
derselben etwa einer aus ungleichwertigen quellen geflossenen überUeferung zuzu- 
schreiben und durch emendation zu beseitigen sind, und inwieweit sie andererseits 
aach aus der Verschiedenheit der vom dichter durchlaufenen kunststufen erklärt wer- 
den können. Uhl zieht meines erachtens den kreis dessen, was man Neifen an 
gedanken und formen zutrauen kann, zu eng. So soll Neifen bestimte formkünste 
innnerhalb eines liedes entweder konsequent durchführen oder sie gar nicht anwen- 
den. Es wird daher beanstandet, wenn in einem drei- oder mehrstrophigen gedichte 
nur einmal der schluss einer Strophe durch den ähnlichen worüaut der folgenden 
wider aufgenommen wird, wie 30, 20 fg. 43, 35 fgg. — soviel ich sehe nur deshalb, 
▼eil sich in einem nach Uhl echten, dreistrophigen liede eine solche wideraufnahme 
zweimal findet (51, 27 fgg. 35 fgg,); denn dass bei andern dichtem die vereinzelte 
form derselben oft genug vorkomt, ist ihm doch wol bekant (vgl. z. b. MF. 124, 
38 — 40. 125, 1). Ähnliches gut bezüglich der bedenken gegen die beschränkung 
^^r anapher auf einzelne Strophen eines liedes (28, 18 fgg.) und gegen sporadisches 
Auftreten des rührenden reimes in einigen fällen, während dasselbe in anderen zuge- 
gen wird (27, 17. 27 usw. 34, 22/25. 39, 1. 4, wo übrigens unrichtig bemerkt 
▼^, heil (ac^.) : unheü (subsi) sei eigentlich gar kein rührender, sondern ein iden- 
tischer reim; vgl. 8.170 — 71 über den gehäuften reim und Neifen 3, 1:5); auch 
^^^i^An, dass Neifen verstreute grammatische reime unbedenklich anwendet, sei gegen 
^^ forderung der konsequenz im gebrauch imgewöhnlichor reimformen erinnert. Aber 
<ües nnd ähnliches hat noch keine entscheidende bedeutung; auch nicht der umstand, 
^^^ss der Verfasser die autorität der handschriftlichen Überlieferung doch mit gar zu 
^gleichem masse misst, wenn er z. b. an 10 korrespondierenden vorsen des fünf- 
ßtrophigen echten liedes 19, 32 fgg. acht emendationen vomimt, während er sich 
S^^^gentUch der Verderbnis eines nach seiner meinung unechten liedes darauf beruft, 
**S8 sonst bei Neifen kaum auf 10 Strophen eine emendation nötig sei (s. 178). Das 
^osentlichste kriterium für echt oder unecht ergibt sich dem Verfasser doch, wonig- 
^öns in den meisten fällen, aus der beobachtung der beschafPenheit, des zusammen- 
'^Anges und des ausdruckes der gedanken. Diese werden denn bis ins einzelnste 
^^''gliedert, und dabei werden an ihre präcision, ihre logische Verknüpfung, ihren 
P^^^tischen gehalt und ihre einkleidung forderungen gestelt, welche häufig mehr dem 
"^dividuellen geschmack des Verfassers als dem charakter des minnegesanges ent- 
sprechen. Nicht selten verliert er sich dabei in grübeleien und Wortklaubereien, 
^ölclie die richtige auffassung eines liedes nicht fördern , sonder hindern. Andererseits 
^ er doch auch bei aller eindiingenden Sorgfalt seiner Untersuchung nicht immer 
Schlich genug verfahren, um alle mittel der auslogung zu erschöpfen, ehe er dieses 
1^^ jenes für schlecht, unverständlich oder unsinnig erklärt; und in einzelnen fällen 
^^ Sein absprechendes urteil sogar lediglich darauf zurückzuführen, (Jass er den text 
^▼erstanden hat. 

Der nach weis, dass unter den liedem, welche Uhl als echt gelten lässt, auch 

•Jönigen, hinter denen sich in der handschrift lücken finden, volständig seien, fusst 

''•^UrgemäBS auf einer noch weniger sicheren grundlage. Nur bezüglich des drei- 




250 F. VOGT 

strophigen liedes 37, 2 kann ich ihm unbedingt reoht geben; dagegen halte loh 24, 21. 
42, 21. 48, 9 entschieden für onvolständig, und bei den übrigen ist die mö^^chkeit, 
dass dies der fall sei, nicht abzuweisen. Man muss nur festhalten, dass, wie oben 
bemerkt wurde, die betreffenden Strophen durchaus nicht gerade am schlusae des 
liedes zu fehlen brauchen. 

Die begründung der unechtheit ist am besten bei den fünften Strophen der 
lieder 3, 1; 5, 25; 7, 15; 15, 6; 40, 25; 49, 14 gelungen, da des verfausers aosfoh- 
rungen hier durch auffällige metrische Unregelmässigkeiten, welche die betreffenden 
Strophen im gegensatze zu den übrigen aufweisen, gestüzt werden. Seinen übrigen 
athetesen mich anzuschliessen, hindern mich meist die oben geäusserten bedenken^ 
Im ganzen erklärt er 10 lieder mit 34 Strophen und 26 einzelne Strophen für unecht 
Leztere finden sich meist hinter den echten, wobei jedoch vielfach die angestrebte^ 
fünfstrophigkeit noch nicht erreicht ist Der uachdichter ist da nach XJhls meinun^ 
mit seiner arbeit nicht fertig geworden; für ihre fortsetzung blieb noch räum zi 
Verfügung. Hie und da aber stehen dio intorpolationen auch zwischen den echtem 
Strophen. Schon auf grund dieser ßUle hätte Uhl zugeben müssen, dass 
nicht alles, was er für unecht hält, erst nachträglich in lücken der handsohr^jft 
C eingefügt sein kann; auch bezüglich der ganz unechten lieder lässt sich diese 
fassung nur gegen alle Wahrscheinlichkeit und im Widerspruche mit ühls eigen.« 
bemerkungen (auf s. 15 und 16 o.) durchführen. 

Im einzelnen mag zu den athetesen folgendes bemerkt werden. Bei lied 
(4, 27 — 5, 24) lässt sich gegen die 5. Strophe nichts einwenden, als dass sie 
unrichtiger stelle steht. Giske hat in dieser ztschr. XX, 198 fg. meines eraohtens 
ganz zweifellos erwiesen, dass sie zwischen 2 und 3 gehört, denn ihr aofang knäLpft 
an den Wortlaut des lezten verses von 2 an, während ihr eigener schluss widenzm 
durch den 1. vers der 3. strophe aufgenonmien wird. Das kann doch unmöglich 
zufälliges zusammentreffen sein, noch dazu in einem liede, in welchem schon 
ganz entsprechendes Verhältnis zwischen schluss und anfang der Strophen 1 und 2 
besteht; dass dasselbe nicht auch zwischen str. 3 und 4 (nach richtiger ordnon^ ^ 
und 5) statfinden kann, liegt in der natur der sache, da 4 (5) einen selbständigo'i 
Schlusssatz bildet, dessen eingang ausdrücklich auf alle vorangegangenen zusammeza.- 
fassend zurückweist, und schliesslich ist nun noch die angeblich unechte stropb^ 
ausser in C jauch noch in ik, und zwar hier wirklich hinter str. 2 (3. 4 bezw. 4. ^ 
fehlen ik) überliefert An dem „inneren Zusammenhang*^ der Strophen ist bei dies^iV 
reihen folge nichts auszusetzen, und sehr mit unrecht wirft ühl Giske vor, dass 
denselben hier „wie immer* unberücksichtigt gelassen habe. Weit mehr scheint 
gegen eine bemerkung Uhls einzuwenden, welche gegenüber allen jenen argument^^ 
schliesslich noch die einzige stütze seiner auffassung bildet: wenn der dichter d^»' 
fraglichen strophe ausruft „Minne, fessele auch die geliebte oder lass mich los!* ^^ \ 
„begebe er sich dadurch nicht nur von vornherein jedes anspruchs auf gegenlieb^'i 
sondern es sei sogar eine grobheit, der geliebten so etwas vorzutragen '^ I (vgl. s. 
Bartsch SMS VIII, 8, 21 — 26). — Wir haben in diesem liede einen der fälle 
uns, wo ein nachtrag aus einer bei der ersten niederschrift nicht zugänglichen qoeL^^ 
in dio nur mit rücksicht auf den gesamtumfang, nicht auf die strophenfolge des lii 
des gelassene lücko wirklich schon eingefügt ist. 

Zu IX (12, 33 — 14, 3) ist gegen str. 5 nichts stichhaltiges vorgebracht 
Widerspruch zum vorhergehenden kann ich nicht bemerken; denn von „froher hop^ 
nung auf erhörung '^ ist da nicht die rede gewesen; vielmehr hat der diditw 



ÜBER UHL, UNICHTRS BEI NEIFEN 251 

det Wl«ge über unerwiderte liebe nur die miiine um hülfe gebeten und gesagt: ^wie 

gluclcXich würde ich sein, wenn die liebste mir trost spenden wolte; bei den frauen 

ist js^ die höchste herzenswonne zu finden*^ usw. Daran sohliesst sich untadelig an: 

^nuiixuglich habe ich der liebsten und der minne gesungen, und doch lässt sie mich 

traurig dastehen; so muss ichs denn lassen, muss mich von ihr scheiden; aber bes- 

sero lohn hfitte ich doch verdient*^. 

In m (16, 9—17, 16) stört die 5. strophe nur an dieser stelle; als zweite 
ist sie ganz am platze; wir erhalten dann in 2 und 3 eine ebenmässige Steigerung in 
der daisteUung der minnefreuden: freundliches lächeln und blicken, kuss, umbevanc, 
ennel flehten bein verschrenken — denn wenn ühl meint, den leztgenanten aus- 
druck roüsten die zuhörer wol auf den tanz und nur die geliebte auf etwas anderes 
deuten, so hält er doch die zuhÖrer für gar zu harmlos; vom tanz ist in der ganzen 
stioplie nicht die rede. Dass in der* 5. (richtig 2.) strophe nach tctbes güete (z. 8) 
spater (z. 12) fortgefahren wird din vil roserarwer fnunt mit beziohung auf tvip, 
bat d.och nichts bedenkliches. Eine „mislichc aposiopese*^ sieht Uhl in den vcrsen 
12—14 nur, weil er Haupts interpunktion nicht beachtet hat; nach ihr ist zu über- 
setzen: „dein rosiger mund würde, wennn er lieblich lachen wolte, blühen wie die 
rose im tau*. 

Von XVm (23, 8—24, 21) werden str.4 und 5 für unecht erklärt. Ehe der 

Verfasser v. 24, 3 als sinlos und v. 24, 4 — 6 als ganz unverständlich auf grund einer 

Übersetzung bezeichnete, welche Haupts interpunktion widerspricht, hätte er sich 

doch mit dieser abfinden müssen. Nach ihr sagt der dichter 24, 1 — 3: „sie kann 

nur wol hülfe senden. Da ich in vielem schmerzlichen verlangen (natürlich „nach 

^*^) lebe, so ist mein weg zu ihr gebahnt '^. Es ist also durch die sehnsüchtigen 

ß®^^ken, welche der sänger zur geliebten wandern lässt, ein weg von ihm zu ihr 

Söbahnt, auf welchem sie nun ihrerseits ihm hülfe senden kann. Dies bild vom 

^®ße schwebt ihm auch im folgenden noch vor : „ da ich ihr nun mein immer durch 

^^ minne gefesseltes herz sende, sehet, so würde ich noch fröhlich werden, wenn 

^^ geschehen möchte (wenn das der erfolg dieses sendens wäre), dass ich sie umfinge 

^^d sie es gut aufnähme". Zum senden des herzens vgl. auch noch MF 47, 27 fg.; 

^ine fesselung durch die minne bezeichnet der Verfasser als ein „falsches bild*; 

Reifens herz werde nur verwundet, aber nicht gebunden! Metrisch ist v. 24, 13 

^cbt anstössiger als 23, 37. V. 24, 16 ist natürlich zu lesen alle untügent hat si 

^^^örn. Die leere und Weitschweifigkeit der verse 24, 11 — 15 darf man bei einem 

l^öde mit so schwieriger formkünstelei nicht zu sehr urgieren. 

Aus XXI (27, 15 — 28, 17) sucht der Verfasser ohne genügenden grund die 
^^Utxh reim mit der 1. und 3. verbundene 2. und 4. strophe auszuscheiden. 27, 25 
^ keineswegs unverständlich; es hoisst „mir war freude erblüht"; das war in der 
^1 15 — 17 geschilderten, jezt längst entschwundenen frühüngszeit geschehen; daher 
^® dem Verfasser unerklärliche „form der Vorvergangenheit*. 27, 28 tccer min sanc 
^^^ungen ir „hätte sie meinen sang gehört"; dann wäre der erfolg der gewesen, 
f^®ö der dichter (vor freude, durch liebesglück) wider jung würde, während er jezt 
^ Sorgen alt geworden ist. Die frage des Verfassers zu 27, 31 fg. „was hoisst das: 
^^ minne, gib mir deinen rat, oder ich lebe in sehnsuchtspein?" brauche ich wol 
^^ als beispiel dafür anzuführen, wie weit der Verfasser seine bedenken gegen die 
^^isdrucksweise der ihm verdächtigen Strophen treibt Zu 28, 11 ist das Subjekt aus 
**" ^. 8 und kerxeliebe v. 10 zu folgern: „und wenn sie die liebe auf sich nähme 
^***d nicht davon abliesse". Zu 27, 35 fg. hat der Verfasser (s. 104) Haupts inter- 



252 F. VOGT 

ponktion falsch verstanden; zusammengehöriges so dax scheidet Haapt nicht durch 
komma; es heisst: „ich habe nach dem so Lieblichen und leuchtend roten munde 
gerungen, ohne dass mir je meines herzens wunde geheilt wäre*^. 

XXTT (28, 18 — 29, 35) umfasst in C 4 Strophen, in p 5, von denoi eine 
jedoch einem andern liede Neifens angehört (34, 6 — 15); statt ihrer fehlt in p eine 
der in C überiieferten atrophen (3), während andererseits wider eine der in p vor-- 
liegenden (str. 5) inC fehlt; doch ist in C für eine fünfte strophe räum firei geUssea^ 
(Reihenfolge in C: 2. 3. 1. 4. lücke; in p: 1. 2. 5. 34, 6 — 15. 4). Die nächstli^.^ 
gende annähme ist hier sicherlich die, dass p und C sich gegenseitig ergänzen, 
uns also auch in p diejenige strophe vorliegt, für welche C die lüoke liess. 
dagegen meint, es seien überhaupt nur 2 Strophen dieses liedes echt (28, 18 — 29, 
2 seien m C zugedichtei Eine fünfte hätte sich C vorbehalten, wäre aber mit 
hier wie so oft nicht zu stände gekommen. Die nur in p überlieforte str. 5 
eine auf grund der von C zugesezten str. 4 verfasste nachdichtung. Aber die n 
wendige Voraussetzung für diese künstliche annähme wäre doch, dass p aus C 
und das ist offenbar nicht der fall; die abweichungen im texte wie in der reihenfol^^ 
der Strophen sprechen deutlich genug dagegen, imd statt der 3. strophe übeilieCert 
ja p sogar eine zu einem ganz andern liede Neifens gehörige. Es ist also tatsarslio, 
dass eine von C unabhängige version, bei der es ganz gleichgültig ist, ob sie sp&t:^T 
als C aufgezeichnet wurde oder nicht, zu einem liede, bei dem C räum für 
mehrstrophe frei lässt, wirklich eine solche überliefert; das ist widerum eine 
tigung für unsere auffassung von der bedeutung der lücken in C. Bezü^ch clor 
gründe, mit welchen der Verfasser die unechtheit der fraglichen atrophen zu erwei^ 
sen sucht, gelten die oben gegen sein vorfahren im algemeinen geäusserten bedenken- 
Zudem würde die 2. strophe keineswegs einen befriedigenden abschluss bilden; man 
erwartet entschieden die widerau&ahme des in str. 1 angeschlagenen persönlicben 
motives. 

Von XXTTT (29, 36—31, 36) sollen str. 2. 4. 5. 6 unecht sein. Soll auch 
für dies lied Uhls lückenhypothese gelten, so müste C hier von vornherein eine 
erweiterung auf sechs Strophen vorgesehen haben, was doch, ebenso wie die einrich- 
tung von 27, 15 auf 4 Strophen, der grund Voraussetzung des Verfassers widerspricht, 
dass die nachdichter die fünfstrophige form herzustellen beabsichtigten. An str. 5 
wird getadelt, man merke erst in der 3. zeilo, dass das nu lache, womit sie begint, 
auf den roten mund und nicht auf die frau bezogen werden soll; aber schon die 
lezton 4 verse der voitmgehenden strophe hindurch ist ja niemand anders als der rote 
mund angeredet! Zu z. 9 so wirde ich sender fröiden vol wird sendiu fröide f^ 
eine „gedankenlosigkeit des nachdichters" erklärt; warum zieht denn XJhl sender nicht 
zu ich? — "Wenn der dichter str. 2 sagt, dass zwei in der minno einmütige her»<^ 
sich nur bcsanien und niht besunder freuen, so sieht Uhl da ein „grobes hendiady* 
ein", welches „die ungeschickte band des nachdichters verrät*. Str. 4 sind dann di® 
frcrlich stcndm ougcn „zu tadeln", wird hcte ich iuicer minne und dax ich hi *** 
icmre als „zu algomoin und wenig poetisch'' beanstandet usw. — Str. 6 wird ff** 
Strauch als ein durch str. 2 hervorgerufener Spruch aufzufassen sein, der aber d(K5** 
wegen der beziehung auf 2 und wegen der stilistischen Übereinstimmung mit str- ^ 
bestirnt gewesen sein mag, im anschluss an das lied vorgetragen zu worden. 
ihn Neifen selbst nachträglich verfasste, scheint mir wol möglich. 

Den inneren Zusammenhang der widerum für unecht erklärten 4. strophe 
XXV. licdos (32, 14 — 33, 32) hat Uhl nicht erfasst oder wenigstens nicht zur 



ÜBER UHL, UNECHTES BEI NEIFEN 253 

gebraohi Die ganze atrophe dreht sich um die bildliche darstellung des miunelohnes 

als eines wirklichen soldes, eines gutes, welches die frouwe dem werbenden verleiht. 

So lia.t er denn schon geglaubt, dass er ganz und gar von der klasse der armen 

gescliieden wäre, jezt aber wird er gewahr, dass sie gar nicht daran denkt, ihm 

lohn zu geben; jeden morgen muss er um gut sorgen (wie einer der jedesmal mit 

nahrungssoigen für den anbrechenden tag aufwacht), er muss minne borgen — das 

steht seiner herrin doch gewiss übel an. Y. 26/27 sind ganz falsch aufgefasst; in 

den Worten 8i wü lönes Idn mich in senden sorgen liegt weder die ungewöhnliche 

koDStruktion einen eines dinges Idn noch ein merkwürdiges unb xotvoO^ sondern 

eioe ganz gewöhliche Verbindung vor: sie will mich in bezug auf den lohn in sehn- 

sachtsvoller sorge lassen. Auch graf Kraft von Toggenburg bringt übrigens sein 

ininnewerben unter das bild vom streben nach gut; dabei wird teils die frouwe 

selbst, teils was sie verleiht als guot gefasst (Bartsch, SMS. VI, 6, lOfgg. 7, 8fgg.). 

Von dem dreistrophigen liede XXVI (33, 33 — 34, 25) wird die lezte Strophe 

für unecht erklärt Bezüglich der gegen den granmiatischen reim in 34, 22 — 25 

vorgetragenen bedenken (s. 126) bemerke ich, dass der dichter in dem werte mifmen- 

eiieh doch sicher nicht lieh, sondern minne als stamm empfunden hat; lieh gilt ihm 

hier als sufüx, in gdieh dagegen als stamm, also Variation ein und desselben Stammes 

JJegt hier nicht vor. Zu der „hässlichen widerholung* in v. 22 fg. vergleiche die 

widerholung an der entsprechenden stelle der vorhergehenden strophe. 

Gegen die echtheit der lezten der beiden Strophen des XXXV. liedes (42, 1 — 20) 
^•^ird kein irgend annehmbarer grund vorgebracht. Wenn der dichter seine liebste 
bittet, sie möge es ihm zu gute kommen lassen, dass er sie höher als alle weiber 
scbäzt, sie einzig und allein im herzen trägt, so wird das ein seltsamer gedanke 
genant, denn „dieser ausbedungene reale lohn der erhörung kann unmöglich für 
blosse gedanken und die kundgebung derselben in anspruch genommen werden'^. 
I'ass minneneUch geditige und lieber wdn neben einander gesezt werden, wird geta- 
<i©lt, da beide dasselbe bedeuten (vgl. Walther 92, 10. Hartm. 2. Büchl. 93). Zu 
den horten dax diu süexe minne ttoinge so dax mir an iu gelinge wird bemerkt: 
»"Welche grobheit, das seiner herrin selbst vorzuhalten!** usw. Ganz wunderlich sind 
gegen dar an z. 20 vorgebrachten bedenken; natürlich geht es auf den ganzen 
▼orangggungQngQ ^^^^ worauf ja auch widerum Haupts interpunktion hinweist. 

XXXVni (43, 26 — 44, 19): ein dreistrophiges lied, von dem nicht nur die 

2- Und 3. strophe, sondern auch die beiden lezten verse der ersten unecht sein sol- 

^^^ l Dadurch wird dann der pausenreim dieser strophe mit seiner auseinanderroissung 

"®8 Wortes wip — lieh (: Itp) Neifen aberkant Aber eben der umstand, dass an der 

"^^f^ffenden stelle nicht einmal wortschluss vorliegt, macht es doch höchst unwahr- 

^^einlich, dass sich ein nachdichter gerade hier zur einführung eines pausenreimes 

^te veranlasst gefühlt haben. Des Verfassers ausstellungen betreffen besonders die 

^'^ imd weise, wie der z. 29 fgg. ausgesprochene vergleich der eigenschaften der 

S^liebten mit einem kleide in den folgenden versen und Strophen ausgesponnen wird. 

^^ gedankengang des ganzen liedes ist etwa folgender: „Der mai hat die natur mit 

^^Qem gewande bekleidet, so hat auch meine herrin wonnige kleidung angelegt: es 

^ ihre gute, Schönheit, ehre, reinheit; bei dieser kleidung ist ihr trauter anmu- 

^S^ leib zu finden. Ach, könte ich doch diesen kleidem nahe sein! dann wäre ich 

^^üer frende; so aber muss ich in jammer sterben, voll Sehnsuchtskummer nach den 

^*^em, die ihr so schön stehen. Will sie meinen kummer stillen, so sende sie 

^ttir die kldder — durch ihren trauten leib! Dann ist all mein leid dahin**. Dass 



254 p. VOGT 

der dichter sich danach sehnt, aller der vorsnige seiner geliebten sich in persönliche: 
beisammensein erfreuen zu können, dass er dabei mit dem bilde von den kleidei 
spielt, die liebste auffordert sie ihm zu senden, aber so, dass ihr holder leib selb 
der Überbringer sei, hätte nicht als unsinn u. dgL bezeichnet werden sollen. 2 
44, 3 wird Haupt getadelt, dass er hier das „flickwort" denne (welches für „eine 
eines Neifen unwürdigen lückenbüsser^^ erklärt wird) in den text aufgenommen, wäl 
rend er in den gleichen fällen 39, 13 und 43, 16 so etwas nur durch eine anme: 
kung anzudeuten gewagt habe. Aber die fälle sind nicht gleich; hier machte da 
vorangehende vröuden den ausfall eines folgenden derme graphisch wahrscheinlich. 

Von den 3 Strophen des XLV. liedes (47, 10 — 48, 8) wird zwar keine 11 
unecht erklärt, aber in jeder wird ein vers gestrichen, wodurch widerum ein pauset 
reim beseitigt und unter zuhülfenahme weitgehender versversetzungen ein ganz and< 
res metrisches Schema erzielt wird. Da zu so durchgreifenden änderungen kein aui 
reichender grund vorliegt (str. 1 ist der überlieferte text entschieden besser als Uh 
herstellung !) , da es femer ganz unerfindlich ist, wie der träger der Überlieferung ai 
eine so verwickelte Umformung der Strophen gekommen sein solte, so vermag ich i 
des Verfassers construction nichts weiter als ein übrigens geschickt ausgeführtes kr 
tisches spiel zu sehen. 

Dass die 5. und lezto strophe des Uedes XLYIII (50, 7 — 51, 19) mit de 
vorhergehenden nicht zusammenhängt, hebt ühl mit recht hervor. Ob sie Keife 
abzusprechen ist, wage ich nicht zu entscheiden. Es ist ein im tone des vorangehei 
den liedes verfasster streitspruch gegen die falschen zungen, der immerhin hintf 
jenem aus besonderer veranlassung vorgetragen sein kann. Z. 15 diu (zunge) raUch 
in ir herxefi und mit simie C gibt auch nach Haupts änderung in ir herze un 
in ir sinne keinen befriedigenden sinn. Ich möchte beidemal mit statt Haupts t 
lesen; der sinn ist dann: „zugleich mit ihrem herzen, ebenso wie ihr herz (von de: 
sen falschheit schon die rede war) ist auch ihre zunge falsch '^. Z. 17 fg. hat Ul 
ganz misvorstanden und lediglich deshalb dem „nachdichter '^ grobheit, geschmacklosi^ 
keit und anderes vorgeworfen. Die worte ob mich diu süexe reine wil meinen y a> 
ich meine ai lieben alterseine heissen natürlich nicht „wenn mich die süsse reii 
im herzen tragen will, wie ich sie ganz allein zu lieben vermeine*', sondei 
„wie ich sie, die liebe, ganz allein im herzen trage''. 

Yüi volständig unecht hält der Verfasser die heder XVII. XXVin. XXD 
XXXn. XXXm. XXXVn. XLI. XUn. (22, 15 fg. |35, 17 fg. 36, 4 fg. 38, 26 fj 
39, 35 fg. 42, 35 fg. 45, 21 fg. 46, 17 fg.). Dazu konmien dann noch die von ihi 
als Volkslieder bezeichneten XXXIX (44, 20 fg.) und XIj (45, 8 fg.). Auch hier stel 
die beweisführung auf rocht unsicherer grundlage. Besonders unzulänglich scheii 
mir, was gegen 45, 21 fg. vorgebracht wird. Nicht richtig ist die bemerkung ai 
s. 205, dass Haupt diese Strophen „für ein lied mit fehlendem ausgange^ gehalte 
habe. Das wäre eine unbegründete annähme, denn ein anderer abschluss des abei 
teuers als der durch str. 3 gegebene ist nach den eingangsversen nicht zu orwartei 
Haupt hat nur bemerkt, das lied sei sicher unvolständig. In der tat wird z wische 
der freundlichen begrüssung, welche das mädchon in str. 2, und der derben abfei 
tigung, welche sie in str. 3 dem dichter zu teil werden lässt, eine strophe m 
begehrlichen werten des lezteren fehlen. Auf diese bezog sich dann auch das in de 
vorliegenden gestalt des gedieh tes im verständliche hien ist der wtbe nicht: „solch 
weiber (wie ihr sie da im sinne habt) gibt es hier nicht*^. — Vers 39, 3 dos XXXL 
liedes sieht ühl „eine unüberwindliche Schwierigkeit, zu deren erklfining wede 



ÜBER UHL, ÜNSCHTKS BEI NEIFEN 255 

Eaapt noch sonst jemand ehieii versuch gemacht hat '^ ; es stehe nämlich dort (dax 
«r ffüeie mich gewer,) wer ist der mitk des verbünde! Mit dem ^ verbinden*^ weiss 
er nichts anzufangen, auch vergunde zu coigicieren gehe nicht an, so meint er denn, 
der nachdichter habe dies verbünde ohne rücksicht auf den sinn einer stelle wie etwa 
13, 23 entlehnt Aber weder in der handschrift noch in den texten steht michf son- 
dem überall mirl Und bekantlich heisst nicht allein vergunnen, sondern auch verbun- 
f*en misgonnen; an verbinden ist natürlich nicht zu denken; der coi\j. prät. aber ist 
liier, wo es sich um ein irreales Verhältnis handelt, durchaus nicht unrichtig. So 
*«var also an dieser stelle gar nichts zu erklären; sie heisst: „(dass ihre gute mir 
^rewährung zu teil werden lasse,) wer ist der mir das misgonnen solte!*^. 

Zu 46, 26 fg. bemerkt der Verfasser: „es gibt doch keinen sinn: fürwahr, 
mich muss danach verlangen, dass ihr roter mund mir die freude nicht mehren 
^vi2i*I Gewiss, aber deshalb ist eben mich muox des belangen hier anders aufzufas- 
sen; es heisst: „die zeit muss mich zu lauge dünken, dass*' usw. 

Wie viel an den beiden volksmässigeu liedem 44, 20 fg. und 45, 8 fg. Neifen 

^Wrklich zu eigen ist, wird sich nicht entscheiden lassen; jedosfals liegt kein grund 

S^gen die annähme vor, dass er sie selbst mit unter seine lieder aufnahm; denn mit 

dem Volkslied ist er vertraut, und lieder wie 45, 21 fg. und das Wiegenlied 52, 7 fg. 

Sinei der gattung nahe genug verwani Das Wiegenlied nimt Uhl viel zu tragisch; 

^ <3.er sentimentalen liebes- und kinderstubengeschichte, die er davon zu erzählen 

^v^eiss, ist seine phantasie auf seltsame abwege geraten. Nicht ein hauch „rührender 

^^el&xnut'^, sondern leichtfertigen humors liegt auf dem liedchen. Die junge mutter 

ver^^ünscht die kinderwirtschaft, die sie vom tanze fernhält; sie gibt das kind der 

aiu-rrte, damit diese es stille und sie selbst des Verdrusses ledig werde. 

BRESLAU. F. VOGT. 



*^^«dor Hampe, Die quellen der Strassburger fortsetzung von Lam- 
prechts Alexander und deren benutzuug. Bonner dissertation. Bremen, 
lEd. Hampe. 1890. 110 s. 

Ein weiterer schritt zur Verteidigung und ausführung der Bonner hypothese, 

Lamprechts Alexanderdichtung keinen grösseren umfang gehabt habe, als die 

^^>^X'lieferung in der Vorauer handschrift aufweise. Wie der titel der arbeit zeigt, 

*^* der Verfasser es bereits für ausgemacht, dass der Strassburger bearbeiter des 

Alexanderliedes auf grund lateinischer quellen eine selbständige fortsetzung desselben 

verfasst habe. Der beweis gilt ihm für erbracht durch Alwin Schmidt in dessen 

ebenfalfl auf anregung von Wilmanns veriasster dissertation „Über das Alexanderlied 

^^^ Alberic von Besannen und sein Verhältnis zur antiken Überlieferung* (Bonn 1886). 

Meine dagegen ausführlich in dieser Zeitschrift XX, 88—97 dargelegten einwendun- 

^^ Werden beiläufig zurückgewiesen. Da ich dieselben durch Hampes arbeit nicht 

™^ Widerlegt ansehen kann, niemand aber in eigener sache richter sein soll, so ver- 

^oise ich auf dieselben und überlasse die entscheidung andern. 

Hampes arbeit zeugt von eingehender, gründlicher beschäftigung mit dem 

^^ß^Jiatande. Er hat nicht nur die lateinischen tmmittelbaren quellen, darunter eine 

J^öne Version der Historia (I nobili fatti di Alessandro Magno ed. Giusto Grion, Bo- 

^^*^ 1872), sondern auch die französischen, die spanische und die Alexandreis des 

^ther von Chatillon in den bereich semer Untersuchung gezogen imd zeigt überall 



256 KINZEL 

eine klare und besonnene auffassung. Aber die ergebnisse, zu denen er gekommen 
zu sein glaubt, sind zu unbedeutend, als dass sie an dem stände der sache erheb- 
liches zu ändern vermöchten, obgleich doch jeder, namentlich jeder jugendliche for- 
scher geneigt ist, seine resultate möglichst voll und rundlich erscheinen zu lassen. 

Die durch Forschung der zulezt genanten quellen ergab nur ein negatives resul — 
tat. Der Verfasser erkent an, dass man sich nach dem bis jezt zu geböte stehendecx 
material bei der betrachtung der Verhältnisse der deutschen dichtung zu den franz& — 
sischen epen auf einem i*echt schwankenden gründe bewegt und den sicheren bodd^^ 
beinahe völlig unter den füssen verliert, wenn man das Verhältnis derselben zu dexxi 
spanischen gedieht ins äuge fasst. Auch eine eigentliche, bewuste benutzung d^^s 
gedichts Walthers von Chatillon ist nicht nachweisbar. So bleiben wir auf die schon 
bisher berücksichtigten lateinischen quellen beschränkt. 

Hier hatte nun schon meine ausgäbe festgestelt, einmal dass neben der Hisbo- 
ria Julius Valerius benuzt sei, dann dass das deutsche gedieht YS anfangs mehr der 
Hist. in, später mehr der Hist. I folge. Schmidt hob hervor, dass für V Valerius 
hauptquello gewesen, wälirend die Historia nur nebenbei in betracht gekommen sei, 
Harape betont, dass Valerius später mehr zurücktrete, und oonstruiert aus der iix 8 
sichtbaren bevorzugung von Hist. I einen hauptgrund dafür, dass 8 im zweiten t:eil 
selbständiger fortsetzer, nicht bloss überarboiter sei. Seine werte lauten: „Sowol an 
zahl, wie auch — einige wenige fälle ausgenommen — an gewicht stehen die in der 
tabelle aufgeführten stellen den im ersten kapitel gegebenen Übereinstimmungen von S 
mit der Hist. 1 uacli; und eben diese tatsache bildet eine weitere stütze für den satz: 
die haudschrift der Historia, welche dem deutschen gedieht (S) zu gründe liegt, 
stand der Hist. I bedeutend näher, als der Hist. H. III, wenn sie sich auch — das 
dürfen wir ebenfals aus dieser tabelle schliessen — mit keiner der beiden uns bis- 
her bekanten handschriften der Rec. I (B u. M) gedeckt haben wird*. 

Es ist klar, dass bei dieser überaus schwierigen läge der dinge ein sicherer schlos 
nicht zu ziehen ist. Der möglichkeiten, die man ins äuge zu fassen hat, sind n. 
viele, und keine lässt sich zu einiger walirscheinlichkeit erheben. Möglich ist sogar» 
dass derselbe Verfasser vei*schiedene recensionen der Historia gleichzeitig, neben ^ 
den andern nachgewiesenen quellen, wie Valerius, Curtius usw. benuzt; so die wei- 
teste annähme. Möglich auch, dass er diese Verschmelzung schon in einem latei- 
nischen buch vorfand, wie Lamprccht im Alberich; so die engste annähme. Dies 
eine unhaltbare Vermutung zu nennen, wie Hampo s. 66 tut, wo er selbst sich recht 
ratlos zeigt, ist etwas zu kühn*. Genug, wir wissen es uns vorläufig nicht zu erktt* 
ren (wie noch vieles andre die quellen des Alexanderliedes betreffende!), dass das- 
selbe anfangs mehr beziehungen zu Valerius und Historia HI, im zweiten teile m©^ 
zu Historia I und Valerius zeigt, während in diesem teile daneben Hist IQ reichlicoi 
bis auf den Wortlaut benuzt ist. 

Qrade dies lezte könte man zur stütze der ansieht verwenden, dass 8 ^^^ 
ganzen Lamprecht, überarbeitet, enthalte. Denn wenn S von vors 2038 den IßJ^' 
precht selbständig foi-tsezte und hierzu Hist. I zu gründe legte, warum folgte er da^o 
an einer grossen anzahl von stellen doch der Hist. HI, und zwar auch an solch©*^ 
wo es sich gar nicht um den Inhalt, sondern um ganz nebensächlichen Wortlaut hBf^' 
delto, wie z. b. 3690 utuler des wären xwene man = erant etiim quidam ex pr*^^ 

1) Auch Wemhor von Elmendorf , der jüngst noch als compilator eigener erfindong rertaidi^* ' 
ist keiner, sondern nur Übersetzer I Ztschr. f. d. a. 34, G5. 



ÜBER HAMFE, QUELLFN DES STRASSB. ALEXANDER 257 

eipiinis? Und derselbe bearbeiter hat doch in dem teil, welcher die vergleichung 
ermögL'cht, ebenfals zusätze gemacht, welche sich vorläufig nur aus Hist. Hl erklä- 
ren lassen, wie ver8 287 und 504! "Wählte er also gerade so wie Alberich -Lamprecht 
ganz nach belieben aus verschiedenen lateinischen quollen seinen stoff aus, so sieht 
man nicht ein, wie aus diesen abweichungen ein solcher gegensatz zwischen Y und S 
coDstruiert werden kann. 

Und dies ist unseres erachtens dem Verfasser auch im zweiten teile seiner 
arbeit nicht gelungen, welcher auf grund der von Schmidt kühn aufgebauten Charak- 
teristik von V, was die behandlung des Stoffes anbetrift, eine wesentliche Verschie- 
denheit beider teile feststellen will. Diese frage hängt eben mit der quellenfrage aufs 
engste zusammen und kann vorläufig ebenso wenig entscheidend beantwortet weixien. 

Bleibt das lezte hindemis, aber das schwerste: der schluss von V. Auch hier 
scheint 'es auf eine individuelle entscheidung ankonmien zu sollen. Werfen wir noch 
einmal darauf einen blick. 

Zimächst ist doch die tatsache nicht wegzuschaffen, dass V seine quelle wil- 
kürlich, ohne grund verlässt. Ein Alexandergedicht, das mit dos beiden geburt begint 
^d mit der tötung des I)anus durch Alexander gegen die geschichte und die benuz- 
^^ quellen schliesst, ist ein torso. Darüber könte einigkeit herschen unter den 
unbefangenen. Aber vielleicht ist dieser leib ohne köpf vom dichter beabsichtigt? 
Schmidt hat dies nachzuweisen versucht, unseres erachtens ohne überzeugende kraft. 
l^*e lezten 40 verse von V behalten für uns den schein eines gewaltsamen Schlusses. 
^*^r auch dies könte man ja als absieht des dichters erklären, — wenn nur nicht 
"*® fortsetzung da wäre, in welcher jene schlussverse später, an andrer stelle in 
^^hter Verwendung erscheinen! In rechter Verwendung? Dies bestreitet eben Hampe 
"^'^ scheinen sie in S an sehr unpassender stelle eingeschoben zu sein. 

Sehen wir zunächst Y an: nachdem die Schlacht am Granicus von 1209 — 1384 
«osfürlich erzählt worden ist, heisst es: Als Alexanders wunden geheilt waren, nickte 
^^ S^gen. Darius vor und eroberte Sardes. Der perserkönig droht übermütig, Aloxan- 
«er aufzuhängen, und besendet seine vasallon. Er war der gewaltigste könig: 32 
Könige ^ 270 grafen, 803 herzöge und viele tausend beiden folgten seinem ruf aus 
^*^^T berren länder. Achtzig verse werden auf ihre aufzählung verwant. — Als Aloxan- 
"^^ dies hörte, ritt er ihnen entgegen nach Mesopotamien, wo es zum kämpf kam. 
*^^iöe seitdem geschlagene Schlacht lässt sich mit dieser vergleichen. Das feld war 
^it toten bedeckt Als Alexander durch das Schlachtfeld brach, wie viel beiden 
*^en da tot! Und wie früher, so muss es jezt ergehen. „Ihr solt jezt den zins 
^'^^ten, den ihr gefordert habt; ich habe ihn euch in das land gebracht**. Mit die- 
^'^ vrorte schlug er ihm (dass Darius in der Schlacht war und hier gemeint ist, 
^^*^ man erraten!) das haupt ab. Da endete der kämpf. So sagt uns meister Albe- 
^^h. und der gute pfaffe Lamprecht. Das lied ist wahr und recht. Hier schien es 
'^^ü beiden genug. Jezt ist es zeit aufzuhören. 

Führen wir uns nun den verlauf der erzählung in S vor. Bis zu der oben 
^fch gedankenstrich bezeichneten stelle horscht Übereinstimmung. Dann heisst es: 

Und als Alexander vernahm, dass Darius mit einem beer Persieu gogen ihn 

^^idigen weite, berief er seine mannen, die von Macedonien, und üborscliritt dtiii 

^*^. Darius schickte einen brief mit einem wagen mohn au ihn. Alexander mii- 

^^l©te durch eine band voll pfeffer und kehrte zunächst unter kämpfen zu imitutr 

^^**ken mutter heim. Auf der rückkohr hat er widerum verschiedene kUmpfn i^un, 

Sollten. Als Darius von seinen siegen hört, will er auf den gofordortaii %ii$n 

^•USCHKIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXIV. 17 



258 KINZEL 

verzichten, doch seine ratgoher sind dagegen. Alexander rückt vor und erkn 
folge eines bades. Übergang über den Eufrai Auch des Darius beer nie] 
Schlacht bei Issus. Des königs angehörige fallen in Alexanders hände. Briefv 
des Darius mit Alexander und mit Perus. Alexander geht als böte zu Darius. 
überschreitet den fluss Strage und bereitet sich zur Schlacht. Schlacht bei . 
Alexander, wie ein gott gewafnet, greift an. Die geschosse fliegen dicht wie i 
Ileerhömer und trompeten erschallen. Alexander ermahnt seine s(3ldaten unc 
vor. Am Strage auf der aue stossen die beere zusammen. Wo sie zusammen ! 
war das feld mit toten bedeckte Mit schwort und lanze wird gekämi 
hass. Keine seitdem geschlagene Schlacht lässt sich mit diesei 
gleichen, wo Alexander dem Darius den zins bezahlte. Dass man je an 
zins gedacht hatte, reute manchen, der im blute lag. Schilde werden zersc! 
helme durchschnitten. Darius bedauert sehr, dass er von Alexander dei 
verlangt habe. Viele wurden erschlagen, viele ertranken im fluss. Darius flo 

Ist es wahrscheinlich, dass ein dichter, welcher selbständig Lamprechts j 
fortsezte, diese schlussvcrse so gewant hier einfügte? Oder ist es annehr 
dass ein vorschnell schliessender schreibor den schluss, welcher allen in den < 
überlieferten tatsachen ins gesiebt schlägt, aus den betreffenden versen kurz ; 
menstoppelte? 

Wir glauben vorläufig noch bei der annähme beharren zu sollen, dass 
precht die ganze Alexandergeschichte in deutsche verse brachte und dass u 
zweite hülfte dieser schätzenswerten dichtung nur in der ziemlich st^lbstäudig« 
verständigen bearbeitung von S erhalten ist 

FSIKDENAU, NOV. 1890. KARL EINZKL. 



Emil Kettner, Untersuchungen über Alpharts tod. Beilage zum pro; 

des gymnasiums zu Mühlhausen in Thüringen. Ostern 1891. I^gramm i 

52 8. 8. 

Die abhandlung des durch verschiedene kritische arbeiten wol vorbei 
Verfassers zeichnet sich durch klarheit der auffassung und ruhe der darstellui 
Sie wendet sich gegen die ergebnisse der bisherigen Untersuchungen einerseits 
tins und v. Muths, welche aus dem überlieferten gedichte einen älteren ker 
scheiden weiten, andrerseits Fr. Neumanns, welcher eine Verschmelzung 
texte nachzuweisen versuchte. In drei absclinitten handelt Kottner über die al 
nen Vorstellungen und anschauungcn des dichters, die epische technik und d* 
des gedichts. Er sucht nachzuweisen, dass weder in den beiden durch die 
getrenten teilen der dichtung, noch iimerhalb derselben in den als imccht b< 
neten stellen ein unterschied vorhanden sei. Dass ein älteres volksmässigc 
unserm epos zu gründe liege, gilt auch Kettner mit recht für ausgemacht; ab 
überarb<?itor hat nach Kettnei-s meinung nicht bloss den überlieferten stoff mit 
poesie umgeben, sondern ihn in derselben aufgehen lassen. Aus der betra 
„ergeben sich nicht so wesentliche unterschiede zwischen dem ersten und z 
teile , dass sie ihre absonderung von einander rechtfertigen , wol aber solche ül 
Stimmungen in den algemeinen anschauungcn wie auch in einzelnen vorstel 
und äusscrungen, die auf die einhcit des verfassen? schliesson lassen. Hierbe 

1) Die gesperton worte sind dieselben, wie in V. 



ÜBER KSTTNER, Zu JkLPHABTS TOD 259 

nert manches an die in der spielmannsepik herschenden anschanungen ; ja zu man- 
chen der besprochenen stellen liessen sich parallelen aus einzelnen spiolmannsepen 
beibringen. Aber während die spielleute sich mit verliebe an die alten märchenhaf- 
ten Stoffe halten und das wunderbare und abenteuerliche oft bis zum absurden über- 
treiben, waltet hier ein psychologisch -ethisches intercsse vor, welches das algemein 
menschliche in den Vordergrund treten und das ganze epos aus einer sitlichon idee 
herauswachsen lässt''. 

Kann man bisher dem Verfasser unbedingt beipflichten, so scheint er doch 
darin zu weit zu gehen, dass er jede möglichkeit, jüngere bestandteile zu erkennen 
und anszuscheiden , ableugnet und alle auffallenden Unebenheiten und Widersprüche 
damit zu erklären versucht, dass der dichter bloss mit dem mündlichen vortrage und 
einem hörenden publikum gerechnet habe. Es ist zwar sehr verdienstlich, dassEett- 
ner auf diese lezte tatsache wider einmal nachdrücklicher hinweist und hervorhebt, 
dass in solchen für den vertrag vor einem grossen publikum ausschliesslich bestimten 
gedichten manche erscheinungen auf den leser oder gar kiitiker einen wesentlich 
Anderen cindruck machen müssen, als auf die hörer; aber es ist nicht zulässig, die 
iritik dadurch überhaupt unterbinden zu wollen. 

Als abfassungszeit der uns vorliegenden dichtung nimt Eettner 1250 — 60 an. 

FBIEDENAÜ, JUNI 1891. KABL KINZEL. 



^i*- Werner Cordes, Der zusammengesezte satz bei Nicolaus von Basel. 
Leipzig, Gustav Fock. 1889. XI, 236 s. 

Im wesentlichen hat Cordes dieselbe arbeit für Nie. von Basel geliefert, wie 
fioetteken für Berthold von Regensburg. Auch die anordnung berührt sich natürlich 
^olfach, nur dass Cordes bei der aufstellung und gruppierung der nebeusatzarten den 
^iBherigen gebrauch beibehalten hat. Femer hat Coi*des die Satzverbindung, also die 
Verbindung gleichwertiger (haupt-) Sätze als eigenes kapitel an die spitze gestelt. 
"^^Ui erst folgen die Verbindungen von haupt- und nebensätzen, denen sich dio vor- 
vendong von Infinitiv und particip anschliesst; mit der darstellung des gebrauches 
^^ particips geht er ebenfals über Bötteken hinaus. Im einzelnen werden modus - 
^ temposgebrauch bei jeder einzelnen nebensatzart eingehend erörtert, hin und 
^ör wird die Wortstellung berücksichtigt. Da hätte ich nun den wünsch auszu- 
sprechen, dass zum Schlüsse ein zusammenfassendes kapitel modus- und tempus- 
Sebrauch, wort- und satzstellung bei Nicolaus behandelt hätte. Der den stoff beher- 
^^de autor hätte leicht zusammenstellen können, was sich der leser mühsam aus 
den einzelnen kapiteln zusammensuchen muss; damit wäre auch demjenigen, der uns 
die Syntax des zusammengesezten satzes schreiben wird, ein wesentlichor gefallen 
ß®*5hehen. Aber auch dadurch, was ich besonders bei Cordes vermisse, dass auf 
*e einschlägigen vorarbeiten beständig rücksicht genommen worden wäre. In der 
Anleitung s. 11 werden wol einige syntaktische arbeiten citiert, die der Verfasser 
"^^ hat*, (ich vermisse darunter den IV. band der grammatik, der ja auch für 
^^ zusammengesezten satz manches bietet); in der darstellung selbst wird aber 
*^bst selten auf die resultate anderer forscher hingewiesen. Es wäre aber doch 
^^hst wünschenswert gewesen, wenn Cordes wenigstens immer auf Rötteken bezug 

1) Sonderbarerweise heisst es da: „Von anderen arbeiten aaf dem gebiet der syntax habe ich 
HIV."; es geht aber keine nennmig irgend einer syntaktischen arbeit voraus. 

17* 



260 TOMANETZ, ÜBEB CORDES, STNTJkX DES NIO. TON BABEL 

gODommen und verglichen hätte, ob das, was er bei dem niystiker gefunden, mit c 
Sprachgebrauch Bertholds übereinstimme. In diesem falle hätte eine einfache i 
Weisung auf den betreffenden paragraphen bei Eötteken gentigt, im entgegengcses 
hätte die divorgenz besonders hervorgehoben werden müssen. Rotteken unterlässl 
nicht, stets auf Ei'dmann oder Bock zu verweisen, obwol auch bei ihm eine rii 
sichtnahme auf die altdeutsche prosa, für die freilich noch keine erschöpfende s 
taktische darstellung vorliegt, sich noch mohr empfohlen hätte als die auf Oti 
Cordes hätte dm-ch die gewünschte hinweisung auf die resultate Höttekens seit 
buche einen viel grösseren praktischen wert verliehen. Durch eine genaue inha 
angäbe ist allerdings demjenigen, der die resultate dieser arbeit mit anderen 4 
schlägigen arbeiten in Verbindung setzen will, die sonst mühevolle arbeit in et 
erleichtert worden; wie denn die ganze arbeit an sich höchst dankenswert ist 1 
hauptsächlich dadurch, dass sie einen prosaisten zum gegenstände hat und des 
Sprachgebrauch so eingehend und sorgfältig darstelt, einen höchst erwünschten beit 
zur kentnis der nihd. syntax des zusammcngesezten satzes repräsentiert 

ANHENHEIM AM OSSIACHER - SEE , SOMMER 1890. KARL TOMANETZ. 



0. Mensingr, Untersuchungen über die syntax der concessivsätze im a 
und mittelhochdeutschen mit besonderer rücksicht auf Wolfra: 
Parzival. Kieler dissortatiou 1891. Leipzig, G. Fock. 80 s. 2 m. 

Schon das ziel, das der Verfasser sich in dieser arbeit gesezt hat, ist freu 
zu begrüssen. Es ist fast das erste mal, dass versucht wurde, durch den gan: 
Zeitraum, den die alt- und mittelhochdeutsche syntax umspant, einen solchen län 
schnitt zu ziehen. Der kurzschnitte haben wir ja mehr; aber die erkentnis < 
geschichtlicheu Zusammenhanges haben sie nicht immer in erwünschtem ma 
gefördert 

Der concessivsatz, enge verwant mit causal- und conditionalsatz, pflegte l 
her meist nach ihnen und erst an dritter stelle behandelt zu werden, wenn die ki 
an den ersten beiden satzverhältnissen sich erschöpft hatte, und wenn über ( 
Interesse an der begründung mannigfaltiger spielaitou einer erscheinung der wuns 
zum abschlusse zu konmien, den sieg davon trug. Da war es schon dankensw< 
eine ungebi*ochene kraft von vornherein ganz den problemen des concessivsatzes zu 
wenden. Ausserdem hat der Verfasser in der fülle von stoff^ die er zusanuneuj 
ti*agen hat, eine rühmliche ai'beitsfreudigkeit bewiesen und bekundet in der beb 
schung der einschlägigen litteratur eine sachkentnis, die nicht bloss bei einer ei 
lingsarbeit orfreuen würde. 

So konte dem Verfasser denn auch der erfolg nicht ausbleiben, dass er wo» 
kentnis des concessivsatzes in ganz bestimton punkten entschieden gefördert, in eini^ 
vielleicht für absehbare zeit abschliessend bestimt hat Die entwickelungsgeschicl 
der Partikel doch imd ihres späteren ersatzes durch so wie so, mhd. swie dürfte b 
für lange die foim gefunden haben; auf die fügungen mit al und aiein, ai eine 1 
hier überhaupt zum ersten male helleres licht Weniger glücklich ist die darstellang < 

1) Die von MoQsing nur beiläufig behandelten concessivsätze im mhd. volksepos WBroD ^ai 
zeitig von einem anderen mitgliede des Kiolor germanistischen seminars, herm U. KaklaaBB, 
angriff genommen , dessen dissertation mitlerweile ebenCals erschienen ist. 



WTTMDEBLICH, ÜBEB MENSING, CONGESSIYSÄTZE IM AHD UND MHD. 261 

conjunctionslosen fügungen ausgefallen. Hier hat wol die oben gerühmte energie, 
mit der der Verfasser auf den concessivsatz sich beschränkt hat, nachteilig gewirkt. 
Hier vor allem galt es, den concessivsatz sicher von anderen satzverhältnissen abzu- 
grenzen, concessiven inhalt und concessive formen (wenn der ausdruck 
eilaabt ist) zu scheiden; dazu war eine vollere kentnis vor allem des oonditional- 
Satzes nötig. Ausserdem war für diese dai-stoUung die auffassung, die Mensing vom 
ooDJunctiv im concessivsatze gewonnen hat, verhängnisvoll. Mensing leitet ihn (vgl. 
S.7) für das ganze satz Verhältnis im gründe aus einer quelle ab, aus einer ver- 
blassten Unterart dos jussiven Optativs, die auf dem „persönlichen interesse'' 
de6 redenden an der verbaltätigkeit beruhe. Man darf dieser auffassung wol den vor- 
warf nicht ersparen, dass sie im bestreben, einen einheitlichen ausgangspunkt zu 
gewinnen, den verkehrten weg einschlage, nämlich den endpunkt zum ausgangspunkt 
mache. Sinliche kraft komt ja doch dem bedeutungsgehalte der formen ursprüng- 
lich zu; erst im gebrauche nützen sie sich ab und verblassen, so dass für ganze 
gnippen die einigende formel möglich wird. Es wäre verfehlt, vom Verfasser ver- 
langen zu wollen, dass er uns aus der filteren deutschen syntax, die so sehr auf 
lateinischen füssen steht, den ganzen Vorgang in historischer entwicklung heraus- 
schäle. Aber verdienstvoll wäre es gewesen, wenn er die ei'sichtlich jussiven fas- 
suDgen, die er für den concedierten satz zu verzeichnen hat (vgl. die imperative 
auf s. 11 u. a.), zunächst von den ersichtlich hypothetischen fassungen geschie- 
den und dann in schärferer gliedorung der cotgunctionslosen conjunctive die Unter- 
suchung gewagt hätte: in wie weit haben auch sonst der wille oder die re flexi on 
^ 9 persönliche Interesse '^ des redenden im concessivsatze beeinflusst? Auf diese 
^eise wäre auch die gliederung der ganzen arbeit vielleicht übersichtlicher geworden. 

Der Verfasser begint nach kurzen Vorbemerkungen, in denen vor allem seine 
litteraturkentnis voll befriedigt, mit der definition des concossivverhältnisses, die eine 
etwas breite fassung erhalten hat. Die concession ist allerdings ein Zugeständnis, 
**>er es wird nicht zugestanden, „dass das eintreten eines ereignisses seiner natur 
uach im stände gewesen wäre, das eintreten eines andern zu verhindern •*; vielmehr 
^J'd dem einen satzinhalt eine gewisse geltung eingeräumt, deren grenze 
^^f zweite satzinhalt feststelt Das besondere hierbei ist, dass beide sätze auch in 
^uem gewissen causalverhältnis stehen; nach dem gesetze der causalität scheint der 

• 

^e satz den andern auszuschliessen, aber trotzdem wird gerade für den zweiten die 
»orderung der realität erhoben. Hieraus ergeben sich dann für den ersten satz 
zweierlei möglichkeiten: entweder seine realität überhaupt wird durch den zweiten 
etschüttert; oder diefolgerungen, die aus ihm gezogen werden können, werden 
^^ert Wir sehen also, der concessivsatz enthält neben der concession eine com- 
l^uiation von adversativen, causalen und hypothetischen momenten. 

Diese momente hätte referent gewünscht, in breiter darstellung auseinander 
8®^<^ zu sehen unter straffer abgrenzung des concessivsatzes von den übrigen satz- 
^^n. Damit hätte sich kap. I „Algemeino bemerkungen über satzform und modus 
^®^ concessivsatze" mit kap. IL „Conjunctionslose concessivsatze** zu gemeinsamer 
"^'^tellung vereinigen lassen, während die folgenden kapitel dann entsprechend den 
^Piteln ni — VI bei Mensing die partikeln und pronomina einzeln behandeln konten, 
^6 in das concessivgefüge übergetreten sind: dcchj stcer und seine ableituugen, al 
^p. aUinj conditionalo, causalo, comparative partikeln. Das VII. kapitel „ Histo- 
^*^« Übersicht über den gebrauch der vorechiedenen formen des concessiven neben- 



262 RACHEL 

Satzes*^ hätte dann aUerdings auch etwas andere gestalt gewonnen; aber es ist sei 
in der jetzigen eine sehr dankenswerte loistung. 

Noch manches hätte reforent beizufügen: kleine aosstellongen wie gelege 
liehe Ungleichheit in der reihe der belege (sie springen manchmal vom ältesten a 
gleich zu Parzival über, s. 40 oben) oder versuche einer anderen crklärung, als M( 
sing sie gegeben hat (so zu § 62). Aber es wäre das beiwerk geeignet, die mit v 
1er Überzeugung dargebrachte anerkennung in schiefes höht zu rücken. Und anerk< 
nung gebührt dieser fleissigen und fördernden arbeit in reichem masse! 

HEmELBSRQ, AFBIL 1891. B. WUNDEBUCIL 



NEUERE SCHRTFTEN ÜBER HANS SACHS. 

Neben den zahlreichen volkstümlichen darstellungen von dem leben imd w 
ken des Hans Sachs ist die wissenschaftliche litteratur über diesen gegenständ nc 
nicht zu einer der bedeutung des mannes entsprechenden ontwicklung gokommi 
weil die Vorbedingungen dazu bisher nur sehr unvolkommen erfült sind. Vor aU 
dingen ist die gesamtheit seiner werke nicht leicht zugänglich. Die wichtigste grui 
läge einer algemeinen bescbäftigung mit Hans Sachs wird erst gelegt sein, wc 
die von A. von Keller begonnene und von Edmund Goetze fortgosezte ausga 
des litterarischen Vereins vollendet sein wird. Diese ausgäbe, zunächst nur gepL 
als Widerabdruck der Nürnberger folioausgabe, ist gegenwärtig mit dem 18. bar 
bis zum beginn des 5. (lezten) bandes dieser ausgäbe gediehen, dessen abdruck nc 
den 19. und 20. band füllen wird. Der 21.. band soll die bisher ungedruckten m 
stersängerischen stücke und diejenigen enthalten, die in der Nürnberger ausgäbe k 
nen platz gefunden haben. Mit dem 22. bände wird die ausgäbe vollendet werd* 
Dieser soll die ausführlichen registcr, eine zeitlich geeixinete aufzählung sämtlicl 
werke, also auch der moistergesäqge mit den erreichbaren bibh'ographischon angal 
bringen. Diese aufzählung und Zeittafel wird eines der wichtigsten hilfsmittel ] 
beurteilung der dichterischen tätigkoit des Hans Sachs sein; und sie wird wol auch d 
von Goedeko gewünschten abdruck der Sachsischen meisterliedcr in der hauptsac 
entbehrlich machen. 

Wenn dann die vollendete emeuerung der folioausgabe den Zugang zu d« 
gesamten text des Hans Sachs (abgesehen von den meisterliedern) in freilich au 
immer noch beschränktem masse ermöglicht, dann werden auch die aufgaben, \ 
der Sachs - forschung noch gestelt sind, mehr in angriff genommen werden könn* 
Das ist zunächst eine grammatische und lexikalische bearbeitung des spnu 
Stoffes, der uns erst dadurch, dass die neue ausgäbe vom 13. bände an soweit m( 
lieh auf die handschriften zurückgeht, in zuverlässiger form geboten wird. In di« 
beziehung ist so gut wie alles noch zu tun. Karl Frommann miiste sich in s 
nem „Versuch einer grammatischen darstellung der spräche des Hans Sachs*^ (Nüi 
borg 1878. 1. teil: lautlehre) auf drucke beschränken; denn auch die ersten bäo 
der Kellcrschen ausgäbe begnügen sich mit einem Widerabdruck der ziemlich fehl« 
haften ersten folioausgabe. Erst Goetze hat in seiner ausgäbe des hürnenen Seufri 
und in den 7 bändchen der fastnachtspiele (Halloscho neudrucke 1880 — 1887) so m 
in der grossen ausgabo soweit möglich die handschriften zu gründe gelegt Froi 
manns arbeit ist daher mehr als ein beitrag zur kentnis des Nürnberger dialekts i 
16. Jahrhundert, und insofern als eine Vorarbeit zur Sachs -forschung zu betrachten. 



SCHRIFTEN ÜBEB HANS SACHS 263 

Für die lexikalische bearbeitung liegt eine unschätzbare gmndlage im Schmeller- 
scheu i^örterbuche vor; doch kann dies natürlich bei dem ausserordentlichen umfange 
der Sachsischen werke nicht erschöpfend sein und lässt einer genaueren bearbeitung 
noch breiten Spielraum; auch fehlt noch manches wori 

Yerhältoismässig am meisten angebaut ist das gebiet der quellenunter- 
suchiingen. Hierher gehört zunächst die schrift von Fr. M. Thon, Das Verhält- 
nis des Hans Sachs zu der antiken und humanistischen komödie. Halle 
&• S. 1889. Freilich enthält der gedruckte teil der dissertation, in deren inhalts- 
aogabe zwei hauptteile mit je vier Unterabteilungen genant sind, nur die ersten bei- 
den abschnitte des ersten hauptteiles. Thon führt in dem ersten dieser abschnitte 
den gedanken von Gervinus weiter aus, dass das 15. und 16. Jahrhundert das Aristo- 
phanische Zeitalter unserer litteratur sei. Besonders führt er die zahlreichen alle- 
gorien des Hans Sachs, die form der kampfgespräche und klagreden auf Anstophanes 
zorück; sie seien ihm durch die humanisten Bebel, Erasmus, Hütten, und diesen 
wider diuxjh des Aristophanes nachahmer Lukianos vermittelt worden. Im zweiten 
abschnitt weist Thon nach, dass die -„Comedia, darin die göttin Pallas die tugend 
ttöd die göttin Venus die Wollust verficht**, vom 3. febr. 1530, auf der „Voluptatis 
cum virtute disceptatio" des Benedictus Chelidonius, der als Benediktiner im Aegidien- 
l^ostor der Vaterstadt des Hans Sachs lebte, beruht; sowie dass das kleine spiel, das 
dof Schweizer Jacob Funckelin in sein spiel vom i-eichen mann und armen Lazarus 
einlegte, nicht, wie Goedeke meinte, eine nachahmung des Sachsischen Stückes ist, 
sondern gleichfals auf die disceptatio des Chelidonius zurückgeht. Dagegen ist das 
'^ jähre 1536 von Georg Rhaw in Wittenberg gedruckte „Lustspiell vnn vast ehr- 
liche Kurtzweile", das den gleichen Inhalt hat und dessen Verfasser sich einen „vleis- 

m 

^gen ehrliebenden Studenten" nent, weder eine neue aufläge noch ein nachdruck, 

sondern „eine lüderliche abschrifk und teilweise periphrase der Sachsischen komödie". 

Dazu kann der Student allerdings nur eine auf unbekante weise in seine bände gekom- 

°^^öe, sehr eilfertige, lücken- imd fehlerhafte abschrift des Sachsischen manuscriptes 

"®öU2t haben. Wie sich Hans Sachs mit der lateinischen spräche dos Originals 

^«^gefunden hat, darüber können wir nur Vermutungen hegen. Thon nimt als wahr- 

^^einüch an, dass er mindestens ein glossiertes imd überschriebenes exemplar der 

^^inischen komödie benuzt habe; denn ganz ohne gelehrte beihilfe habe er sicher 

^cht übersetzen können. Sicher nicht; aber darin hat Thon wol recht, dass er 

^^i^t — wie manche z. b. beim Hekastus wollen — lediglich eine Übersetzung 

^^Uzte; auf eine unmittelbare beuutzung des lateinischen textes lässt z. b. eine 

^Üe im Hecastus v. 1053 schliessen, wo der teufel den tod „Schwester" nent. In 

®^eni excursö gibt Thon ein Verzeichnis der personificationen und belebungen von 

^^^traktis, tugenden, lästern, zuständen usw. bei Hans Sachs; wir ersehen daraus, 

^® gross die allegorisierungslust des dichters war. In einem zweiten excurse wird 

^ Beroaldus Declamatio contra scortatorem et de ebrioso Aleatorem als quelle des 

f**ipfgespräche8 zwischen buhler, Spieler und trinker angegeben. Ein anderer oxcurs 

^^t nachweise über das vorkommen dos di'eireims schon vor Hans Sachs und macht 

r^ Wahrscheinlich, dass die Reuchlinsche vorläge zum Henne der anlass war, dass 

'^^i^ Sachs wenige tage nach abfassung des Henno im Pluto den dreireim im prolog 

^**^ an den aktschlüssen consequent anwante. Hoffentlich findet Thon noch gelegen- 

b^*t^ auch die übrigen teile seiner schrift zu voröffentlichen; sie ist ein wertvoller 
^itrag zur frage nach den von Hans Sachs bonuzteu quellen und fördert die orkent- 
^^ oeiner art zu arbeiten. 



264 BACHBL 

Karl Droscher veröffentlichte als Berliner dissertation 1890: Stadien i 
Hans Sachs. L Hans Sachs und die heldensage. Abschnitt I ondYII. (39 t 
Der erste abschnitt behandelt „den hürnen Seufried^. Bemerkenswert ist beso 
dei-s die Untersuchung über den 7. aki Für das ganze ist die quelle das Siegfried 
liod und das gedruckte heldenbuch; aus diesem ist der 6. akt entnommen, und zw 
aus dem rosengarten. Bezüglich der abweichimgen des 7. aktes von der quölle we 
Drescher darauf hin, dass bei Hans Sachs gewisse personentypen, Situationen, ei 
kleidungen regelmässig widerkehren und dass er oft; auch entferntere andeutung 
seiner vorläge aufgreift, um ihm geläufige Schemata zu entwickeln. Die wcndui 
dass Siegfried schlafend im walde ermordet werde, gehe auf oino anregung aus de 
heldenbuch (Gedicht vom tode kaiser Ortnits) zurück; das schlafen im waldu kel 
bei Hans Sachs in einloitungen, einkleidungen häufig wider. Für das verhalten d 
überlebenden gattin sei ebenfals diese vorläge massgebend; das auffinden der leic 
durch die gattin sei vielleicht einem von Hans Sachs vielfach behandelten stof 
„Der ermördt Lorenz*^ (nach Boccaccio) nachgebildet Die Untersuchung wirft au 
ein hübsches licht auf die Schaffensarbeit dos Hans Sachs, und zeigt namentlich, ^ 
er mit dem Stoffe ringend die von ihm hineingetragenen anschauungen nicht inim 
festzuhalten vermochte (z. b. die Seufrieds als eines misratenen sohnes), und wie 
andrerseits mancherlei durch freie gestaltung verbesserte. 

Der andere abschnitt beschäftigt sich mit der sage von der königin Teutelind 
von Hans SacLs zweimal behandelt (Meistergesang: Die königin mit dem mee 
wunder vom 15. sept. 1552 und spruchgedicht: Historie, königin Deudalinc 
mit dem meerwunder vom 25. mai 1562). Der meistergesang hat als quelle w 
einen oinzeldiiick, der später in Kaspars von dor Roen heldenbuch aufgcnomm< 
wurde; das spruchgedicht stelto Hans Sachs lediglich aus dem meistergesaugo h 
und gibt darin wol aus misverständnis der lezten verse: „das es niemant erfuro i 
Lamparter laut — tut die cronica sagen '^ die LAmparter chrouika (HI. buch d 
dän. Chronik von Albert Kranz) als quelle an. Als grund, warum Kaspar von d 
Roen in seinem heldenbuch den namen der Teutelinde nicht nent, vermutet Dresch 
die rücksicht darauf, dass Teutelinde als schützerin des katholischen glaubens in It 
lien in der kircho in hohem ansohn gestanden habe und dass daher die erzählui 
eines so schimpflichen abenteuers von ihr hätte anstoss erregen können. Dem in au 
sieht gcstelten nachweise, dass die gedieh te des K&spar v. d. Roen und Hans Sac 
litterarische fixierung alter sagen seien, sowie überhaupt der fortführung der umsieht 
geführten Untersuchungen Dreschers darf man mit guten erwartungen entgegensehe 

Ebenfals mit einer verglcichuug einer dichtung des Hans Sachs mit ihrer quel 
beschäftigt sich Max Herrmann in seiner ausgäbe der deutschen schriften d 
Albrecht von Eyb (2. band: Dramenübertragungen, Berlin 1890). Den nachwe 
dass Hans Sachs zu seiner komödie Monechmo die Eybsche Übertragung als vorbi 
gehabt habe, hat schon Günther in seiner dissertation (Plautus - emeuerungen in d 
deutschen littemtur des 15. — 17. Jahrhunderts. Leipzig 1886.) geliefert Herrmai 
gibt noch genauer den illustrierten druck des Spiegels der sitten vom jähre 1518 i 
vorläge an und zeigt in einer genau durchgeführten vcrgleichung beider stücke, dB 
Hans Sachs d&s stück durch sehr bedeutende kürzungen und auslassungen wesenüi 
geändert und ihm einen ganz andern charakter gegeben hat Es kam ihm offenL 
darauf an, viel sinnenfallige handlang zu geben, und er tat dies auf kosten der fe 
heit des dialogs. Nicht mit unrecht nent daher Herrmann das stück eine der v-« 
fehltesten Schöpfungen des Hans Sachs. 



SCHRIFTEN ÜBER HANS SACHS 265 

Aach für die forschung nach den quellen und der arhoitsweise des Hans Sachs 
wird die für den 22. band der Tübinger ausgäbe geplante Zusammenstellung ein ausser- 
ordentlich bequemes hilüsmittel bieten. 

Das ausführlichste zusammenfassende werk über Hans Sachs, das wir gegen- 
wärtig überhaupt besitzen, stamt aus einer französischen feder. Es heisst: Un poete 
allem and au XYI** siecle. Etüde sur la vie et les oouvros de Hans Sachs par 
Ch. Schweitzer, professeur aggrego de Tuniversite, docteur de lottres. Paris 1887 
[aasgegeben erst 1889]. XXI und 479 s. 

Schweitzer schreibt für einen französischen leserkreis und hat daher sein buch 
auf viel breiterer grundlage angelegt, als z. b. J. L. Hoffmann, der ja die seinem 
buche über Hans Sachs (Nürnberg 1847) zu gründe liegenden vortrage vor Nürnber- 
ger hörem gehalten hatte. Aber Schweitzer hat sehr richtig gesehn, dass es mit 
Hans Sachs ähnlich ist, wie mit seinem um drittehalb Jahrhunderte jüngeren landsmann 
Grübel. Von dessen gedichten sagte Goethe in der Jenaer Alg. litt-ztg. 1805 (Hem- 
pels ausg. 29, 415): „um' sie völlig zu gemessen, muss man Nürnberg selbst ken- 
^^^-t seine alten grossen städtischen anstalten, kirchen, rat- und andere gemeinde- 
häuser, seine Strassen, platze und was sonst öffentliches in die äugen fält; ferner 
soite man eine klare ansieht der kunstbemühungen und des technischen treibcns 
gegenwärtig haben, wodurch diese stadt von alters her so berühmt ist, und wovon 
sich jezt noch ehrwürdige reste zeigen". Daher lässt Schweitzer dem ersten kapitel, das 
einen lebensabriss des dichters gibt, sogleich im zweiten kapitel eine ausführliche 
Schilderung des alten Nürnberg folgen, während sich das dritte mit der reformation 
und das vierte mit den politischen Verhältnissen und ei*eignissen der zeit befasst. Auf 
diesem hintergrunde schildert Schweitzer dann immer in engem anschluss an die 
einschlägigen erzeugnisse der Sachsischen muso die gestalt des wackeren Nürnljerger 
bürgers^ der seine Vaterstadt warm liebte und begeistert inr lob sang; des mann- 
haften und erfolgreichen Vorkämpfers der neuen lehre, der dabei doch mit milde und 
Besonnenheit vor überhebung und unnötiger schäifo warnte; endlich des vaterlands- 
hebenden mannes, der mit heller stimme zum kämpfe gegen die türken malmte, der 
diö inneren zwistigkeiten aufs tiefste beklagte und gegen die Vertreter und verüber 
"®^ gewalt seine kampflieder ertönen liess. Nach einer zusammenfassenden üboraicht 
"®^ '^verke des Hans Sachs und ihrer hauptsächlichen arten (kap. 5) folgen in einzel- 
^^^ abschnitten: der Sittenprediger, der meistergesang, der humoristische dichter, die 
Dioral der humoristischen dichtungon, das fastnachtspiel, biblische und weltliche 
Schauspiele und verschiedene arten von gedichten. Ein schlusskapitel (das 13.) gibt 
®^*^ö zusammenfassende darstellung des gewins der betrachtung. Ein anhang bietet 
"®p "vvortlaut des im 9. kapitel angezogenen schwanks: Der ainfeltig müllor mit den 
Spitzbuben, der um seiner länge willen hierher verwiesen ist, während sonst die 
^K©hörigen textstücke in fussnoten gegeben sind. Dann folgt noch eine anzahl 
^^ß^ruckter stücke, und zwar: Der maier mit dem thumprobst nach einer Dresdner 
^'idschrift als spruchgedicht; und ebenso als meistergesang und als spruchgedioht 
^ß^nüboiigestelt: Die gertnerin mit dem pock; ferner mehrere spruchgedichte nach 
''^sdner, Zwickauer, Berliner, Leipziger handschriften. Beigegeben ist eine pho- 
Si'aphische nachbildung eines handschriftlichen blattes (Anfang des meistorliedes 
*^ gertnerin mit dem pock) und ein abdruck der melodie der Silberweis nach 
^ zweiten bände der meisterlicder zu Zwickau. Dem ganzen voraus geht ein 
^^^eichnis der benuzten haudschiiften und bücher, an das sich eine geschichtliche 
^^^«Uidit und eine Übersicht des gesamten handschriftlichen bestandes sowol der von 



' 266 RACHEL 

Hans Sachs geschriebenen wie der abschriften anschliossi Den schluss des buches 
bildet ein abschnitt über spräche und metrik des Hans Sachs, auf den spater noch 
zurückzukommen sein wird. 

Schweitzer zeigt in seiner darstellung die umfassendste kentnis, das beste Ver- 
ständnis und eine warme liebe für den von ihm geschilderten dichter; ebenso ist ihn 
eine sorgfältige benutzung aller vorarbeiten nachzurühmen. Mehrfach geht er selb- 
ständig über seine Vorgänger hinaus. Er bricht erstens ganz entschieden mit allea 
Überlieferungen über das leben des Hans Sachs, die ihre quelle nur in einleitungon 
oder einkleidungen seiner gedichte haben; bisher war man teilweise nur sehr zaghaft 
an die ausmerzung derselben gegangen. So bestreitet Schweitzer z. b. die teilnahn^s 
des Hans Sachs am feldzuge Karls Y. nach Frankreich und seine diensÜeistung 
Jäger bei kaiser Maximilian in Innsbruck (Einleitung zu dem spruchgedicht , 
unnütz frawSorg^), an welchen noch Goedeke- Tittmanns 2. ausgäbe festhielt Ai 
den einleitungen gegenüber, aus denen man schliossen zu sollen meinte, dass 
Sachs trotz seiner drei häuser in Nürnberg in der vorstadt Wöhrd gewohnt habe (< 
Gesellenstechen, Historia von dem keiserlichen Sieg in Aphrica, Ha 
Unfleiss), verhält sich Schweitzer mit recht durchaus zweifelnd. Dagegen nimt^ 
an, dass das buhlscheidlied vom 1. sept. 1513 (Ach ungelück, wie hastu) aus 
sönlicher erfahrung hervorgegangen sei und den ausdruck wirklicher empfindung 
halte. Dieses lied aber ist so wenig individuell, so algemein gehalten und 
seine seitonstücke an so viel andern älinlichen liedern, dass man es doch wol ricrJ 
tiger für eine schulübung hält, wie so viele andere. Aus ihm zu folgern, dass aH'^ 
Hans Sachs, wie andere grosse dichter, seine lieder mit seinem herzblute geschrr^ 
ben habe, heisst wol seinem poetischen ingenium alzugrosse ehre antun. 

Zweitens hobt Schweitzer sehr richtig hervor, dass Hans Sachs der dichtknn^^ 
vom meistergesang aus gewonnen worden ist, dass er also in erster linie meistersiU'^ 
ger war; die gründe, warum er trotzdem seine meisterlieder nicht veröffentlicht hd0^ 
gibt Schweitzer sehr richtig an: die hauptsacho war wol das verbot einer drucklegon^^ 
durch die meistersingergemeinschaft. Dass er sonst möglichst für Verbreitung seine 
lieder in den kreisen der Schulfreunde bemüht gewesen ist, sehen wir ja, wie 
Schweitzer hervorhebt, daran, dass er sie selbst vielfach abschrieb und so verbrei- 
tete. Für grössere kreise geeignete stoffe bearbeitete er dann auch sehr häufig in 
spruchform. Ob er sie der form nach seinen spruchgedichten für gleichwertig gehal- 
ten habe, wird sich schwer entscheiden lassen; jedenfaLs sind sie es nicht In den 
spruchgedichten, wo er nicht unter dem zwange eines oft gekünstelten metrums 
steht, gestattet er sich die freiheiten viel weniger, deren er sich in den meisterlie- 
dem so häufig bedient: zerschneidung eines wertes am versende (gebrochener reim) 
oder anfügung eines unorganischen e (z. b. bei den starken praeteritis) , um ein^ 
klingenden ausgaug zu erzielen (anhang) und andere wilkürlichkeiten, die zwar durch 
die tabulatur verboten waren, aber doch bei Hans Sachs nicht selten sind. 

Bezüglich der dramen macht drittens Schweitzer die sehr treffende bemerkong, 
dass Hans Sachs vom biblischen drama aus zum weltlichen drama gekommen ist, 
als dessen Schöpfer man ihn ansehn muss. Dadurch erklären sich viele mängel sei- 
nes weltlichen dramas. In den biblischen stücken standen die Charaktere von vorn- 
herein fest; jede der dort auftretenden porsonen hatte feste umrisse. Die aufgäbe des 
dichters lag daher weniger in der Charakteristik, als in der führung der handlung. 
Indem nun Hans Sachs diese grundsätze auf das weltliche drama übertrug und die ^ 
Charakteristik den geschehnissen gegenüber zurücktreten Hess, bekamen seine dramen^ 



SCHBIFTEN ÜBEB HAK8 SACHS 267 

«twas skizzenhaftes, unfertiges, nur angedeutetes; die befriedigung des stofhungers 
der Zuschauer stand zu sehr im Vordergründe. Dabei muss aber doch hen^orgehoben 
^werden, dass die dramen auch des Haus Sachs durch die aufführung wesoutlich 
gewonnen haben mtissen; denn gerade solche nur den umrissen nach angedeuteten 
gestalten sind einer volleren ausführung durch die darstellung nicht nur bedürftigs 
sondern auch in geschickten bänden in hohem grade iahig. Und wenn es nun auch 
bloss liebhaber, handwerksgonossen und bürgerssöhnc wai'en, die die stücke des Hans 
Saxihs aufführten, so ist doch andererseits sicher der umstand den ausführungen zu 
^nte gekommen, dass der dichter selbst in den meisten fallen stücke und rollen ein- 
übte. Freilich sind ja die grenzen des dramatischen Schaffungsvermögens des Hans 
fiSaciis ziemlich eng; aber Schweitzer hat volkommen recht, wenn er darauf hinweist, 
dass jede zeit sich bei der darstellung vergangener zeiten in einer Zwangslage befin- 
det. Auch die scheinbar objektivsten, die nach genauestem orts- und zeitkoloiit 
st3:'o1)eD, tragen in die darstellung vergangener zeiten stets etwas subjektives hinein. 
XJrrx so mehr ist das der fall bei der naiven anschauung des 16. Jahrhunderts, das 
dio schlachten des römischen altertums durch landsknechte illustriert, die mit trom- 
und fahnen gegeneinander vorrücken. Der naive dichter >^ird auch schliesslich 
le andern menschen darstellen können als die er selber kent. Und so sind es 
den El auch stets ehrsame Nürnberger bürgersleute , dio wir bei Haus Sachs antreffen, 
au.<3li wenn es gilt, könige, ritter und beiden der vorzeit darzustellen. Das mus, 
freilich mitunter komisch wirken; aber mit recht erinnert Schweitzer daran, dass auch 
Racines gestalten nur leute sind, wie er sie kent, herren vom hofo Ludwigs XIV; 
^^>^r eben da diese den höchsten gesolschaftskreisen entstamten, war er dadurch für 
seine dramatischen Schöpfungen, die auch grosse herren vorführten, im vorteile. 

In bezug auf die aufführungen der Sachsischen stücke durch den dichter selbst 

^^t Schweitzer der erste, der die von R. Genee in seinen lehr- und wanderjahren 

des deutschen Schauspiels gegebenen nach Weisungen benuzt, dio dieser den mitteilun- 

6^0^ des dr. Wilhelm Loose aus den Nürnberger ratsprotokollen verdankte Neu ist 

ÄUch die mitteilung, dass der 5. band der spruchgedichte , der sich in Berlin befin- 

^^> saphica, d. h. lyrische Strophen enthält, dio bestirnt waren, in den pausen der 

Vorstellungen der Griselda und der tragödie Gismunda gesungen zu werden. Bei den 

^^^6orien endlich, denen Schweitzer wol mit recht im ganzen wenig dichterische 

'^deutung beUegt, macht er vielleicht im anschluss an Lucä (Pi-eussische jalirbüchor 

^- 58) die ansprechende bemerkung, dass die phantasie des Hans Sachs, die ja in 

^*«8en stücken, den allegorien, kampfgesprächen , Personifikationen usw. am freiosten 

ich ergehen kann, sich wahrscheinlich an den werken Albrecht Dürers geschult und 

^^ügelt habe. 

Weniger vertraut als mit dem inhalt der dichtungen des Hans Sachs und 

enigQf glücklich als in deren dichterischer Würdigung ist Schweitzer bei dai"stollung 

^^ Sprache und metrik des Hans Sachs. Bezüglich der spräche liegen allerdings 

^^h wenig vorarbeiten vor. Eine erschöpfende darstellung erklärt Schweitzer auch 

^^'^ nicht geben zu wollen; nur eine algemeine Vorstellung von der spräche dos dich- 

^ ymH er seinen lesem verschaffen. Ob dieser zweck zweckmässig ist, und ob er 

^rclx die etwas zusanmienhanglosen bemerkungen über i)honetik und grammatik 

®^ Hans Sachs erreicht wird, darüber Hesse sich wol streiten. Jedesfals hat sich 

1) Diese Nfimbexger ratsvorlässo hat V. Michols nouerdings bearbeitet and die eigobnisse im 
ier Yierteljahrssdirifl; für litteratorgeschichte veröffentlicht. 



268 BACHEL 

Schweitzer, obwol er geborener Elsässer ist, dooh nicht genügend mit der älteren 
deutschen spräche beschäftigt; es finden sich daher manche misvenitändnisse und 
irtümer. Unvolständig ist z. b. das über die bedeutung von ae bei Hans Sachs gesagte, 
und die beispiele sind teilweise unrichtig, ue steht für den umlaut von u (thuer, 
due^kj oder für mhd. uo (cluegy genueg) oder für mhd. üe, den umlaut zu uo 
(dtiecher, puecher). Diese lezten werte bringt aber Schweitzer s. 458 als beispielo 
dafür, dass ue = tw sei. In dem vocabularium gehen nümbergische idiotismeo, 
mundartliche formen, alte werte und solche, die auch heute noch gebräuchlich sind, 
bunt durcheinander. Auch hier laufen irtümer unter: gaden heisst nicht tor, fron 
ist weder adj. noch heisst es heilig; sturtxel darf nicht so ohne weiteres = wurxel 
gesezt worden; entwiht ist nicht == enttceiht (ein irtum, den Schweitzer vielleicht von 
Arnold, dem hcrausgeber der auswahl in der Eürschnerschen nationallitteratur, über- 
nommen hat), sondern eine andere form für ctiwihif niwiht, niht = nichts; neckten 
imd he int werden als gleichbedeutend hingestelt (la nuit demihre), während das 
zweite auch und zwar wol meistens die auf den heutigen tag folgende nacht, die 
nächste nacht, bezeichnet. In der syntax ist als beispiel der ellipse des artikcls 
angeführt: an köpf schlagen y er schaut in xettcl. Hier liegt aber nur zusammen- 
Ziehung vor, wie bei Goethe in Götz von Bcrlichingen : in türm werfen. Beim geno- 
tiv ist ausser acht gelassen, dass er häufig von der negation bedingt ist; dahin sind 
die unter andere rubiiken gebrachten beispiele zu ziehen: ich bin sein nimmer; sie 
sach sein nit; auch wol ich hah nie gelcx, doch erklärt sich der partitive gonitiv 
hier auch ohne negation. Überhaupt sind die in der syntax angeführten beispiele 
schwer zu beurteilen, da sie ohne Stellenangabe stehen und daher nicht nach- 
geprüft werden können; vielleicht düifte sich manchmal eine andere erklärung 
als besser ergeben. — Das s. 475 angeführte beispiel eines anakoluths erscheint 
nicht als solches, wenn man den voraufgehenden relativsatz in konditionalem sinne 
nimt 

Die bomerkungen über die verskunst des Hans Sachs stützen sich auf Som- 
mer (llostocker diss. 1882). Bei der heranziehung dos mhd. zur erklärung des 
umstandos, dass Hans Sachs auch ablcitungssilbcn betont, lässt Schweitzer ausser 
acht, dass dort die abloitungssilben neben den stamsilben betont werden, während 
Hans Sachs die stamsilben in den schwachen, die abloitungssilben in den starken vers- 
tcil sezt. Die haupterklärung liegt wol darin , dass — wie auch Schweitzer ausführt — 
durch die Vortragsweise der meistersiugor der unterschied zwischen betonton und 
unbetonten silben sehr verwischt und dadurch almählich das ehr für den unterschied 
unempfindlich wurde. Bezüglich der gleitenden reime scheint Schweitzer anzunehmen, 
dass sie wie klingende gesprochen wurden: adclich = adlich, heleydigen = beley- 
ding. Doch lassen andere gleitende reime, z. b. niechtiger, brechtiger (K.-G. VIII, 
s. 85G) eine derartige zusammenzichung nicht zu; hier musten drei silben hörbar 
sein. — Die lozte bemerkung in der metrik, dass Schiller sich die alte gewohnheit 
des droiroims in seinen dramen angeeignet habe, beruht wol auf dem misvorstand- 
nisse einer stelle aus dem von Schweitzer angefühlten programme des unterzeichneten 
über roimbrechung und dreireim im drama dos Hans Sachs. Schiller hat in Wallen- 
steins lager die reinibrcchmig und in Verbindung damit den dreifachen und vierfachen 
reim sehr mannigfach verwendet; auch hat er längere ungereimte reden in seinen 
dramen durch zwei gereimte zoilen abgcsclüossen (wie vor ihm Shakaspeare) und 
dadurch eine nlmliche Wirkung erreicht wie Haus Sachs durch den dreireim am 
Schlüsse seiner reimpaare. 



SCHRIFTEN ÜBRR HANS SACHS 269 

Trotz dieser kleinen ausstellungen am anhang des buches moss das gesamt- 
urteil dooh dahin abgegeben werden, dass das Schweitzerische buch das beste und 
aoafahiliohste ist, das wir über Hans Sachs besitzen. Wenn auch in sprachUoher 
beziehmig nicht auf der höhe stehend, gibt es doch von der persönlichkeit des Hans 
Sachs und seiner dichterischen Wirksamkeit eine auf reicher belesenheit fussende, 
luniassende, in den hauptzügen richtige, in der form so fesselnde und — ich möchte 
sagen — liebenswürdige darstellung, dass wir uns nur freuen können, einen so kun- 
digen und beredten herold unseres dichters in Frankreich gefunden zu haben. Vor 
allem ist die liebevolle Versenkung in unsere Vergangenheit und das richtige vei-ständ- 
nis dafür sehr erfreulich und schätzenswert. 

Noch seien drei kleinere deutsche arbeiten über des Hans Sachs leben erwähnt 
In der Algem. deutschen biographie hat Edmund Ooetze auf 15 Seiten die gesicher- 
ten ergebnisse kurz zusammengefassi Er räumt — nach dem vorgange Schweitzers — 
mit den aus den einleitungen und einkleidungen genommenen biographischen angaben 
gründlich auf und gibt eine übersichtliche geschichte der Sachsischen dichtung. Von 
den ausgaben werden die Nürnberger, die Kemptener und der Stuttgarter neudruck 
besprochen. Die über den lezten gegebenen mitteilungen sind oben schon angeführt 
worden. 

In zweiter aufläge, aber mit durchgreifenden Veränderungen, ist erschienen: 
Hans Sachs, Sein leben und seine dichtungen von £. E. Lützelberger, 
neu bearbeitet und vermehrt von Karl Frommann. Nürnberg 1891. 283 s. 8. 
Die Schrift; ist ihres Charakters als gelegenheitsschriffc (zur einweihung des Hans Sachs- 
deukmals) jezt entkleidet und hat durch die bessernden und ei*weitemden Zusätze an 
wert und Zuverlässigkeit gewonnen. Frommann ist bei den texten überall auf die 
ältesten zugänglichen quellen zurückgegangen und hat dadurch manche stelle gebes- 
sert; ob die beibehaltung der alten Schreibweise für die zwecke dieser ausgäbe sich 
empfahl, konte zweifelhaft erscheinen. Unter den vorgängom des Hans Sachs im 
fastnachtspiel wird auch Peter Probst genant. Für die darstellung der dramen ist 
Genee benüzt, der von früheren herausgebem, z. b. Arnold, unverdienter weise 
unberücksichtigt geblieben war. 

Endlich ist als 19. band der Bayerischen bibhothek ein Hans Sachs von 
Edmund Goetze erschinen, mit Zeichnungen von PetorHalm (Bamberg 1890. 76 8.). 
Durch ausführliche analysen wird eine anschauung vom godankcnkroiso und der 
entwicklung des dichters gegeben. litteraiische nachweise und excurso sind in die 
anmerkungen am ende des büchleins verwiesen. Unter den deutschen Schriften über 
Hans Sachs ist diese, soweit nicht proben gewünscht werden, die ausführlicliste und 
untei-richtendste. Auch die abbildungcn (bildnisse des Hans Sachs, gleichzeitige 
Stadtbilder, eine singschule, ein kurzes autograph des dichters) bilden schätzbare 
ergänzungen. 

FBKIBEBQ. M. RACHEL. 



Schriften zur germanischen philologie, herausgegeben von dr. Max Roe- 
dlger, IV. heft: Deutsche Schriften des Albrecht von Eyb, heraus- 
gegeben und eingeleitet von Max Hemnann. I. Das Ehebüchlein. 
Berlin, Weidmann 1890. LH und 104 s. 6 m. 

Vorliegende ausgäbe des Ehebüchleins, welchem laut angäbe auf dem 
umschlage demnächst die Dramenübertragungen desselben Verfassers (Plautns, 



270 MATTHIAS 

ügolino, Pisani) folgen werden, ist um so freudiger zu l^egrüssen, als bisher ein vol- 
ständiger neudruck dieses für die kentnis der deutschen prosa vor Luther überaus 
wichtigen buches überhaupt nicht vorhanden war. Denn die zierliche, 1879 bei Max 
Fassheber in Sondershausen erschienene, von Karl Müller besorgte ausgäbe des Ehe- 
standsbüchleins, wie es hier genant wird, ist für jenen zweck nicht zn verwen- 
den, da sie eine für ein grösseres publikum berechnete sprachliche emeuening des 
alten dnickes bietet, von demselben auch nur etwa Vs enthält, indem namentlich 
solche stellen übergangen sind, „dei*en inhalt für die heutige leserweit nicht recht 
geeignet erschien*^, wie die Albanuslegende (s. 91 fgg. des Herrmannschen neu- 
druckes). — Die einleitung behandelt ausschliesslich fragen bibliographisch -textkii- 
tischer natur, indem alle übrigen offenbar ihre erledigung finden sollen in der ebeTi— 
fals auf dem umschlage als künftig erscheinend angekündigten monographie <1.^9(S 
herausgebers : Albrecht von Eyb und die frühzeit des deutschen human i ^ - 
mus. Eine tabelle veranschaulicht zunächst (s. YII) das abhängigkeitsverhältnis <fL^r 
12 bekanten drucke, die von 1472 bis 1540 reichen, sowie der 5 vorhandenen haxfe.«ii- 
Schriften. Die von s. VIII — XXII reichende besprechung beider kategorien komt 
dem resultato, dass von den 5 handschriften keine das original ist, welches 
am 1. Januar 1472 dem magistrate von Nürnberg widmete, dass vielmehr 4 
abschriften erhaltener drucke, für die kritik also wertlos sind: drei Münchener (k^ — |, 
m,, m,) und eine handschrift der fürstlich Lobkowitzischen bibliothok in Raudxn^tz 
(Böhmen, = r), und nur eine in betracht komt, die bisher völlig unbekante absdixrrift 
der Berliner bibliothek (b); von den 12 drucken sind ohne wort: 1. M, 1475, v^on 
Conrad Maucz aus Blaubeuren; 2. H, s. 1. et a. kaum vor 1520; 3. N, niederdeva^t- 
scher druck aus dem jähre 1493; 4. L, s. 1. et a. von Martin Schönspei^r in W'uwrx- 
bürg; 5. 0, 1517, von Silvan. Othmar in Augsburg; 6. B, 1474, von Joh. Bäml^r 
in Augsburg; 7. S, 1482, von Hans Schönsperger in Augsb.; 8. St., 1540, von HeiÄiT. 
Steiner in Augsburg; 9. Seh., 1495, von Hans Schobsser in Augsburg; wert hab^n 
nur 3 aus dem jähre 1472 stammende: C, von Fritz Creussner, K, von Koberg^^, 
beidos Nürnberger, und Z , von Günther Zeiner in Augsburg. Die vier in frage koDCi- 
menden quellen der Überlieferung, die handschrift b und die drucke CKZ, zerfallen 
in zwei gruppen, von denen C die eine, KbZ die andre vertreten. Aus der flücl^- 
tigkeit des druckes C, sowie aus anderen gründen schliesst der horausgeber, da^^ 
jener nicht direkt nach Eybs verlorner handschrift («), sondern nach einer abschr^'*^ 
davon veranstaltet worden (/S), die auch verloren. KbZ gehen, wie aus übereinstiÄit*' 
mung in den fehlem deutlich wird, auf eine gemeinsame vorläge (y) zurück, A^^ 
eine abschrift des originales ist, imd zwarZ direkt, Kb dureh vermiÜung einer z^^^^" 
ten abschrift (S). Eine kritische herstellung des Urtextes ist demnach unmöglich, 
C und KbZ oft derartig einander gegenüberstehen, dass eine entscheidung zu 
sten einer von beiden lesarten nicht zu treffen ist. Da auch an eine rekonstrukti^^'* 
nicht zu denken ist, so hat sich der herausgebor consequenter weise für den abdru^^*^ 
desjenigen textes entscheiden müssen, welcher ihm den ursprünglichen am treust^^*'^ 
bewahrt zu haben schien; er hält dafür den Kobergerechen druck (K), obgleich d^'^'^ 
selbe vom original nachweislich durch zwei mittelglieder getrent ist. Es kommen ^' 
reihe äusserer gründe hinzu, welche die wähl von K als gerechtfertigt erscheii^' 
lassen: Der umstand, dass Kobcrger seine tätigkeit auch sonst mehrfach im aal 
des rates ausgeübt hat, ferner, dafe der neflPe Eybs, der bischof Gabriel von F«^ ■^'' 
dem im jähre 1517 von ihm veranstalteten nachdrucke des ehebüchleins (= 
gerade K zu gründe legte, dadurch also diason druck gewissermassen als ol 



ÜBER EYB, EHKBÜCHLEIN ED. HERRMANN 271 

anerkante. — Es folgen sodann (XXV— XXXI) Zusammenstellungen betreffend ver- 
scbiedenheiten in der Interpunktion, in den abkürzungen und im abteilungsvorfahren 
des alten druckes, die auf beteiligung mehrerer setzer hinweisen: sind dieselben im 
Neudrucke getilgt, so sind dagegen die auf gleiche weise zu erklärenden Schwankun- 
gen im lautsystem und der Orthographie getreu beibehalten worden. S. XXXI bringt 
^in Verzeichnis der beseitigten druckfehler. Für die unzahl von fäUen, in denen C 
allein der klasse y (KhZ) gegontiberstand, hat sich der herausgeber der unsäglichen 
mühe unterzogen, Eybs lateinische vorlagen zu vergleichen, wie er selbst gesteht, 
ohne entsprechenden erfolg (s. XXXII). Es folgen weiter (XXXm— XXXV) Ver- 
zeichnisse über die lesarten von C, von denen nicht zu entscheiden, ob sie ursprüng- 
licher sind, als in /, sodann über irrungen von C, endlich über abweichungen des 
druckes Z (XXXVI — XL), dieses nicht aus textkritischem Interesse, sondern weil 
sie wichtig sind für die beurteilung der behandlung des textes von Seiten der setser, 
umsomehr, als es sich bei Z um die wichtige Zeinersche officin handelt 

Da alle vorgenommenen Untersuchungen sich nur auf die textdrucke, auf 

die behandlung des textes in der Kobergerschon, Creussnerschen, Zei- 

Derechen d ruckerei beziehen, so gibt der herausgeber auf s. XLI — LU ein von 

ihm aufgefundenes, von Eyb verfasstes und geschriebenes deutsches 

rechtsgutachten (aus einem Eichstätter cod.), um ein urteil über die behandlimg 

des textes von selten jener druckereien zu ermöglichen, indem er ausführlichere 

^Untersuchungen für die oben angeführte monographie verspart. Da sich jedoch eine 

®3«ze reihe von Sätzen des rechtsgutachtens mit Sätzen des IV, kapitels des ohebüch- 

leins nach dem Kobergerschon drucke sprachlich wie orthographisch fast volständig 

«eclcen, so lässt sich schon jezt erkennen, dass der herausgeber diesen, als dem 

^'^ßiöale am nächsten stehend, mit recht seiner ausgäbe zu gründe gelegt hat. — 

^- 3 — ^99 bringen einen getreuen abdruck des textes von K, indem am fusse der 

^®Jte diejenigen abweichungen der drei übrigen texte (CbZ) angeführt werden, von 

^©nen anzunehmen, dass sie in « gestanden, indes K geändert hat. S. 100 — 103 

^*St ein namenregister, 104 endlich ein, den Manczschen druck (M) betreflTender 
»^elitrag. 

NOBDHAÜSEN. E. MATTHUS. 



^^ geschichte der deutschen Universitäten von Cleorg Kanftnann. Bd. I: 
Vorgeschichte. Stuttgart, Cotta. 1888. XIV und 442 s. 

Auch für eine einleitung in die geschichte der deutschen Universitäten ist von 

^^sen selbst in dem vorliegenden bände zu wenig die rede. "Was uns in demselben 

^^^oten wird, ist vielmehr eine geschichte des westeuropäischen unterrichtswesens 

^^ anfange des mittelalters bis zum frühen 14. Jahrhundert; sie gipfelt in dem 

^^^h^eise, dass bis weit in das 12. Jahrhundert hinein eine schrankenlose lehr- und 

^'^^^^iheit herschte und erst seitdem in folge einer almählich sich volziehenden 

l^^^ildung eine reihe angesehener privater unterrichtsuntemehmungen und einzelner 

^^^^nsialten, die sich an ältere stifts- und klostersohulen anlehnten, zum ansehen 

,J^^ xiamen von „ genendstudien * kamen. Das 14. Jahrhundert bildet in dieser ent- 

Lung insofern einen weiteren tiefgreifenden einschnitt, als sich nunmehr der grund- 

wbürgerte, dass es zur errichtung eines generalstudiums oder zur anerkennung 

bortehenden schulanstalt als solches eines päpstlichen Privileges und eines kai- 



272 8CHUM 

serlichcu oder königlichen stiftongsbriefes bedürfe. Die schilderang, die uns Kauf« 
mann von diesen überaus verwickelten, in ihren anfangen schwer ergründbaien 
vergangen gibt, ist ebenso gründlich wie umfassend und muss jeden leser durch 
lebendige frische und anschaulichkeit der darstellung fesseln. Überall tritt wanne 
hingäbe an den stofP und völlige geistige beherschung desselben durch den ver&sser 
zu tage; bei aller scliärfe ist die von ihm geübte kritik in massvolle formen geklei- 
det. Vorteilhaft unterscheidet sich Kaufmann hierin von H. Denifle, der, gestüzt 
auf ihm zuerst zugängliche schätze des vaticanischen archives, schon 1885 mit dem 
ersten bände seiner „Universitäten dos mittelalters bis 1400*^ an die öffentlichkeit 
trat. 8o viel neues und bemerkenswertes man auch aus diesem werke entnehmen 
kann, so dürften sich doch nur wenige durch die vom horausgeber beliebte brät- 
spurige gelehrsamkeit angezogen, viele dagegen durch die hochfahrende, gehässige 
polemik, die daselbst sogar au verstorbenen, anerkant hochverdienten forschem geübt 
wird, geradezu abgestossen fühlen. 

Nur nach einer richtung hin kann ich Kaufmann nicht völlig beipflichten: aaob 
er sucht noch zu sehr aus der mannigfaltigkeit der erscheinungen ein gesetz, wel- 
ches die gesamte entwicklung beherschte, herauszuklügeln und trägt nicht genügen^ 
dem geiste der sonderbildung, der das innerste wesen des mittelalters ausmach. t^ 
rechnung. Zwai* war es überall die kirche, die in der schrankenlosen bewegongs»" 
freiheit des an umfang und bedeutung unablässig zunehmenden gelehrtenstand^^ 
die grösten gefahren für den bestand ihrer lehrmeinungcn erblickte und daher 
einführung eines geordneten befahigungsnach weises für das lehiumt drängte; im 
waren es dieselben fragen des wii-tschaftlichen verkehr« und des rechtslebens, di^' 
die grossen schaaren meist fremder lehrer und schüler zu einem genossenschaftlich»^^ 
zusammen- und abschluss gegen die ansässige, nicht gelehrte bevölkerung zwangen — ^ 
aber fillo abhülfemassrogeln, in denen wir die keime zu einer hochschulverfassung i'*^ 
erblicken haben, erfolgten ganz auf gnmd örtlicher Sonderverhältnisse; diese habe^^ 
sogar vielfach die ihnen innewohnende kraft behauptet und geäussert, wenn man siel 
auch bei jüngeren Schöpfungen absichtlich an ältere Vorbilder anlehnte und 
bestellende cinrichtungcn nachzuahmen suchte. Man kann getrost behaupten, 
bis zum 14. jahrhundei't keine Universität der andern in ihrer äusseren Verfassung 
völlig gleich gewesen sei. Bologna, Paris und Neapel sind nur die generalstudiei 
an denen die drei verschiedenen hauptrichtungen der entwicklung zum vollendetste 
ausdrucke kamen; je nachdem, wie an erster stelle, die städtischen behörden dL ^ 
als unabhängig anerkante scholarenkörporschaft sich mehr selbst überliesscn odes^^« 
wie an den beiden anderen orten, die leitung der Universitätsgerichtsbarkeit entwed^^*" 
einem kirchlichen Würdenträger oder einem königlichen beamten übertragen wurdi 
muste auch die Weiterbildung eine andere werden. Neben und zwischen jenen 
haupttypen erscheinen die äusseren Verfassungsformen aller übrigen italienische^^^ 
französischen, englischen und spanischen Universitäten nur als Übergänge und 
schenstufen. Kaufmann gibt selbst die einzelnen anhaltspunkte für eine sdc 
beobachtung, nur unterlässt er es dieselbe an geeigneter stelle bestimt zu formi 
lieren. Weit deutlicher und schlagender zeichnet Kaufmann hierauf das zusamm< 
wirken der verschiedenen umstände und Ursachen, die es zu wege brachten, 
trotz der oft erhebliclien abweichungen in der äusseren Verfassung der universii 
sich doch im wesentlichen gleiche grundsätze und gcbiüuche für die lehrmeÜu 
und die unterrichtsordnung aller orten ausbildeten. Mit recht erblickt er den höhi 
punkt dieser entwicklung darin, dass ungeachtet des von einigen Seiten geleistet^^^ 




ÜBER KAUFMANN, GESCH. DER UNIYXRSITÄTBN 273 

inri<leTstandes der gmndsatz algemein durchdrang, die an einer Universität erlangte 
lelix-li^fthigttng müsse von allen übrigen als giltig anerkant werden. 

Weiter auf den inhalt des Eaufmannschen buches einzugehen, ist mir leider 
durch den räum nicht gestattet; neben den ausführungen , die für die erörterung der 
oben angedeuteten hauptpunkte unbedingt erforderlich sind, werden auch manche 
fragen, die nur in lockerem zusammenhange mit jenen stehen, berührt. So gut 
wie Kaufinann ist es wol noch niemand gelungen, in einer auch weiteren kreisen 
gewiss zusagenden form das wesen der Scholastik, ihre geschichte und ihre wissen- 
schaftlichen leistnngen zu schildern; aber das diesem gegenstände gewidmete einlei- 
tende kapital besizt einen im Verhältnis zum übrigen zu grossen umfang. Das soll 
nns indes nicht gegen den Verfasser einnehmen, wofern er uns nur den für unsere 
heimatliche geschichte wichtigeren zweiten band seines Werkes nicht zu lange vor- 
enthält 

Anders urteilt natürlich Denifle; er lässt in einer anzeige im Historischen jahr- 
buche 10, 72 — 98, wie man zu sagen pflegt, kein gutes haar an Kaufmanns arbeii 
I^aräber braucht man sich freilich nicht zu wundem; ist doch ein mann wie Savigny 
schon in ähnlicher weise von Denifle behandelt worden. Man sieht nur zu deut- 
sch, dass auch jezt misgunst und erregung aus ihm sprechen; er kann nicht 
^^^rüber hinweg kommen, dass sein werk nicht von Kaufmann auf jeder seite min- 
tlestens mehrere male citiert wird, dass die von ihm vermeintlich zum endgiltigen 
fthschluss gebrachten fragen von Kaufmann erneut behandelt und zum teil in anderer, 
^on der wissenschaftlichen weit beifölliger aufgenommener weise beantwortet werden. 
^^^ einzige, was man Denifle allenfals zugeben kann, ist, dass Kaufmann ein oder 
^^^ andere, die gesamtauffassung keineswegs erheblich beeinflussende litterarische 
lis übersehen hat; daneben handelt es sich vielfach nur um kleinliche rechthabe- 
die bei dem stände unseres quellenmateriales und der ganzen art der mittel- 
^^^lichen anschauungen keine bestimte entscheidung nach einer oder der anderen 
^^**o zulassen, z. b. um die frage, ob eine schule in irgend einer italienischen oder 
*"^^2ö8iflchen provinzialstadt, die später völlig aus der geschichte der hochschulen 
^^^•■^^ch windet, einmal als genoralstudium gegolten hat oder nicht. Auf eine replik 
^'^iXmanns hat Denifle eine duplik folgen lassen, doch artet die erörterung hier erst 
in ein leeres Wortgefecht aus. 

HEL. < W. SCHXTM. 



olegomena der litterar- evolutionistischen poetik. Von dr. Eugen 
^olff. Kiel und Leipzig, Lipsius und Tischer. 1890. 32 s. 1 m. 

Unter dem anspruchsvollen titcl birgt sich eine reihe von bemerkungen über 
^^•^ rechten weg, poetik zu treiben, die, ihrer gespreizten fassung entkleidet, ziem- 
*^ barmloser natur sind und dem Verfasser wahrlich nicht das recht geben, von 
^^r „neuen methode*^ zu reden. Von der richtigen erkentnis ausgehend, dass die 
ideale bei verschiedenen Völkern und in verschiedenen zeiton verschieden 
I, verlangt Wolff eine inductive poetik, die eine geschichte der poetischen gat- 



^^'^^ und Stile gibt und aus einer möglichst grossen litteraturkentiiis das gemein- 



zu abstrahieren sucht. Das ist eine forderung, die uns längst geläufig ist und 
^eren erfüllung die litteraturgeschichte seit Jahrzehnten aibeitet; und auch für die 
im allerengsten sinne bringt sie nichts irgendwie neues, zumal es tatsächlich 
gluok auch bei Wolff wesentlich auf das befragen klassischer beispiele heraus- 

F. DKUT8CHB PHD.OLOGU. BD. UUV. 18 



274 ROETHE 

läuft: die grosse Wahrheit, dass die induction um so sicherer sei, je grösser und 
mannigfacher ihr materiai ist, bedurfte schwerlich noch nachdrücklicher betonimg. 
Selbst der begriflF des evolutionistischen wird nicht von Wolff zuerst auf die poetik 
angewendet und passt obendrein für seine auffassung derselben erheblich schlechter 
als etwa für die poetik Schcrers, die Wolff zwar als „ natiurwissenschaftlich * recht 
einseitig und schief charakterisioi*t, die aber allerdings z. b. die dichtungen der nator- 
Völker ernsthaft in den kreis ihrer betrachtung zog, während der evolutionist Wolff 
ihnen keinen wert für die poetik beizulegen scheint. Bei Wolff ist das ovolatio- 
nistische vonviegend schminke: er gefält sich darin, allerlei parallelen zwischen der 
geschichte der poetischen gattungon und der entwicklung der natürlichen arten zu 
finden ; ich vermag aber in diesen gesuchten und unerlaubt hinkenden vergleichen nur 
eine irreführende Spielerei zu sehen, deren stärkste leistung wol „der interessante 
chemisclie pi-ocess" ist, durch den aus dem „fi'anzösischen drama Gottscheds -j- eng- 
lischen epos der Schweizer*^ durch veiiauschung der a^jectiva das „englische drm^ 
Lessings (+ romantische epik Wielands V)" wird (s. 15). Ich kann nicht leugnen, 
mich dieses coquettieren mit der naturwissenschaft, nur weil sie modern ist, recl 
verdriosst: eine lediglich inductiv geschichtliche poetik brauchen wir doch wahrik^^ 
nicht erst von Danvin zu lernen. Ist es denn schon so ganz vergessen, was unsi^^ 
Jahrhundert dem aufschwung der historischen Wissenschaften verdankt? Uim^ 
grade das naturwissenschaftliche gebiet, auf dem der poetikforscher wirklich viel «-"■* 
lernen hat, die experimentelle psychologie, scheint inWolffs Interessen nicht im vo^'" 
dergrund zu stehn. 

Eine probe seiner methode gibt Wolff nun s. 15 — 23 an einem überblick ül 
die deutsche tragödio. So flüchtig er ist, so lässt er sich doch hören und ist 
meiner meinung die lesenswerteste partie des schriftchens. Das resultat 
(s. 20), das wesen der tragödie sei es, durch erschütternde Vorstellung menschlidie^<^ 
leidens eine möglichst grosse entladung und damit erleichterung von immanentiO^ 
Wehmut, von immanentem trähnenreiz herbeizuführen, lässt manches zu wünschie^B 
übrig und wird durch die Seitenblicke auf die definition des Aristoteles, die mit ihn^«" 
medicinischeu xdl^aQai^ auf das Wolffscho ergobnis unverkenbaren einfluss geübt hw^^ 
nicht eben gehoben. Für form und mass, für die bedeutung der tragischen schalt 
und für manches andere fmdot Wolff in seiner auffassung keinen platz: man hat 
mit rocht ihm entgegen golialten, dass, da die derbste erschütterung die stärkste 
ladung herbeiführe, die raffmiert cffektvolsten schauer- und rührdramen nach sein^*" 
definition den triumph ti*agischer kunst bilden müsten. Hier rächt es sich vielleicli* 
doch, dass Hans Sachs und die englischen komödianten neben Lessing und Goetl^^ 
als zeugen für das wesen der tragödie erscheinen duiften. 

Aber Wolff dehnt seine entladungstheorie weit über die tragödie ans. Als 
denkbares ergebnis seiner „methode'^ ei-scheint es ihm z. b. s. 24, das epos 
„entladung von immanenter bo wunderung *, und er will in diesem hypothetisch^'' 
ergebnis sogar ein zeugnis für die ursprünglichkeit des epos sehn, weil die bewo**' 
derung dem religiösen gofühl am nächsten stehe, religiöse dichtung aber gewiss ^^ 
älteste war. Auch die lyrik soll uns „von eignen, in uns schlummernden empß''' 
düngen*^ entladen s. 24; ja die erleichterung ist ihm so sehr der zweck der poe0>^ 
dass die anregung dahinter zurücktritt. Es widerstrebt mir, an diesen tastenden ai0' 
fällen kritik zu üben. Nur ein paar fragen! S. 19 scheint Wolff, so verstehe ic^ 
ihn wenigstens, für die rechte entladung eine katastrophe nötig: soll die nun auC" 
für epos, für lyrik, für didaktik not>\'endig sein? soll etwa auch der roman, <^' 



ÜB£R WOLFF, PROLBQOMENA DER POBTIK 275 

erbe des epos, uns von bewundenmg entladen? und ist die enüadung von trähnenreiz 

^rklich nnr der tragödie eigen? Ich moss gestehn, dass mir die fruchte dieser 

poetik 80 unreif und so dürftig erscheinen, dass sie gegen die methode die schlimsten 

Vorurteile erwecken müsten. Aber ich glaube freilich, die schuld liegt mehr an der 

Süchtigen anwendnng als im wesen dieser inductiven poetik, die in ihrem kern gewiss 

^rechtigt, nur nichts weniger als neu ist. 

Es will mir scheinen, als ob Wolff weder durch kentnisse noch durch for- 
schererfabrung berufen war, einer „ neuen '^ poetik die woge zu weisen. Meinte er, neue 
bahnen gefunden zu haben, so mochte er uns eine ernsthaft durchgearbeitete probe 
<Uvon an einem bestimten thema geben; dass die billigen, undurchgeführten skizzen 
und gedanken des vorliegenden schriftchens die Wissenschaft ernstlich weiter bringen 
Verden, erwartet er wol selbst nicht "Wolff ist offenbar wenig philologe. Das ist 
gewiss kein Vorwurf. Wenn ich mir aber die dinge ansehe, die er z. b. über das 
epos verkündet, so kann ich das gefühl nicht unterdrücken, er würde sich von die- 
sen teils oberflächlichen, teils geradezu falschen und wilkürlichen construktioueu nicht 
befriedigt, er würde sich zum Columbus dieser neuen poetik nicht bestirnt gefühlt 
haben, wenn er den ernst und die straffe anspannung streng philologischer arbeil 
genügend kennen gelernt hätte: ich glaube nicht recht an die litterarhLstoriker, die nie 
Philologen gewesen sind. Die trivialitäten, mit denen er sich s. 9 fg. für die epische 
gr^odform der poesie entscheidet \ und die beweisen, dass er den Schwierigkeiten 
dieser auch meiner meinung nach noch nicht erledigten frage nie näher getreten ist, 
<Üe Angabe s. 12, dass die didaktische poesie bei den neuem Völkern zuerst als tier- 
epos aufgetreten sei; die Sätze, die er s. 13 über volks- und kunstdichtung aus- 
spi^oLt — all das zeigt, dass Wolff jedesfals noch nicht der mann dazu ist, aus der 
^üUq reichen wissens und erkennens kurze prägnante, das wesentliche sicher heraus- 
heb^B(je skizzen unsrer litteratur zu geben, welche die poetik wirklich fördern kön- 
^^ * dazu fehlt ihm noch die ruhige, sichere auffassung der tatsachon, dazu die 
^^'^^cfong und bescheidenheit des geschichtlichen urteils und auch manches andere. 
Icl^ glaube freilich, wenn er das alles in hölierem grade besessen hätte — dies büch- 
leiti y^'fffQ zunächst nicht geschrieben worden. 

QOTTINQEN, 0. APRIL 1891. ROETHE. 



^'^ ^ Qdrich Ludwig Schröder. Ein beitrag zur deutschen litteratur- und theater- 
^eschichte von Berthold Litzmann, prof. a. d. univ. Jena. Erster teil. Hamburg 
xmd Leipzig, Leopold Voss. 1890. IX u. 350 s. gr.8°. 8 m. 

Der erste teil von Litzmanns Schröder- biographie reicht bis zum jähre 1767, 

^ *^« bis zu dem jähre, in welchem der junge Schröder, durch den vertrag seines 

^^^vaters mit dem Hamburger konsortium stellenlos geworden, sich von der Acker- 

'"^^^iischen trappe trente. So umfasst dieser band ungefähr den 4. teil des zu bewäl- 

"S^tiden Stoffes. Es stand ja zu erwarten, dass in den siebzig jähren, welche seit 

^^yti erscheinen von Meyers, mehr von herzlicher freundschaft, als von kritischem 

g^Vdte getragenem: „Beitrag zur künde des menschen und künsüers'^, verflossen sind, 

S^Ung neural matenals aufgefunden soi, um eine neue biographie gerechtfertigt er- 

^«^«mflii za lassen. Litzmann muss aber über unerwartet reiche schätze gebieten 

'"^^'UiMi. Der groeae fortschritt dieser neuen biographie und ihr Schwerpunkt liegt 

1) tti W%inwifcnOTi!n ansieht stamt übrigens von Müllenhoff, nicht von Scherer her. 

-IQ* 



276 uiuNE 

jedoch nicht alleiu in einer fülle präziser nochrichten und der breiten gnmdlage sichdnE^*^ 
archivaliächer foi-schung, sondern hauptsächlich darin, dass sie uns überall reich '^ 
litterarhistorische und kritische ausblicke gewährt; und da der Verfasser, wie frühe/i^ 
arbeiten schon bewiesen, in der periode, in welche Ackermanns and Sohrodeis wiri^ 
samkeit fält, ganz besonders zu hause ist, so ist er um so mehr in der läge, diesen 
Standpunkt fmchtbar auszunutzen. 

Die einteilung des Stoffes ist klar und übersichtlich; nur glaube ich, dass der 
anfang des zweiten buches (»Auf der fahrt ins eltemhaus*^), der sich inhaltlich und 
chronologisch eng an den voraufgehenden („Auf eigenen füssen*^) anschli^st, auch 
äusseilich zu diesem hätte geschlagen werden, und das zweite buch erst mit dem 
folgenden kapitel („Rückblick, die flucht nach westen*^) hatte begonnen werden sollen. 

Gleich das erste buch bringt im ersten abschnitt (s. 3 — 41), der sich mit 
Schröders eitern beschäftigt, eine neue auffassung von Schröders rechtem vatcr, dem 
Organisten Johann Diedrich Schröder, den die ältere traditiou als braven Organisten, 
litzinann aber als ziemlich verkommenen truiikenbold schildert, von dessen „künstlcr- 
blut*^ (s. 5) wenig zu spüren ist. Auch für Sophie Schröders lebensgeschichte sind 
zu den bekanten dateu, die zum teil erst richtig gestelt werden mnsten, neue hin- 
zugekommen; ihre erste bekantschaft mit Ekhof jedoch, und ihr entschluss, sich dem 
thoater zu widmen (s. 7) bleibt noch immer unaufgeklärt Eine eindringliche Schilderung 
der Schönemannschon bühne zeigt, dass veif. auch aus dürftigen nachrichton etwas 
zu machon weiss; solte aber Schönemanns verzieht auf das austrommeln des theater- 
zettels (s. 18) nicht richtiger auf eine polizeiverordnung, als auf die Vornehmheit dieser 
truppe zurückzuführen sein? Auch möchte ich bemerken, dass solche truppendichter, 
wie Ad. Gottfried üblich (s. 11) nicht nur erscheinungen, „jener zeit*, sondern bereits 
im IG., 17. und 18. Jahrhundert regelmässig vertretene typen sind. Mit sicherem ur- 
teil sondeii verf. aus den widei-sprechenden nachrichten über den streit der Sophie 
Schröder mit Schönemann das wahrscheinliche aus und schildert dann anschaulich ^ 
die überstürzte gründung des neuen Schrödei'schen Unternehmens, den almählichen ^ 
verfall und völligen iiün desselben. 

Auch hier schon ist auf die litterarischen bezüge bedacht genommen und das ^s 
Verhältnis der beiden bühnon zu Gottsched und seiner schule einsichtig hervorgehoben; ^f: 
ob es aber möglich ist Droyers anzügliches verspiel (s. 23) nicht auf Gottsched 
deuten, möchte ich bezweifeln. Auch der auffassung des verf. bezüglich des harie- 
quins in der regelmässigen komödie (s. 36) kann ich nicht beistimmen. Eine figar, 
die nahezu fünf Jahrhunderte lang allerdings in verschiedenen masken, aber doch ii 
ununterbrochener aufeinanderfolge auf der bühne erschien, möchte ich nicht als ein< 
„eindringling*^ betrachten. Übrigens finden sich die als neu aufgeführten harlequin 
chai*aktere: z. b. als Schornsteinfeger, als politischer ehemann, als betrogener 
(aus)gestopfter harlekin bereits in Veltens und Hoftmanns repertoir. 

Der folgende abschnitt (s. 42— 101) „Erste kinder- und wandeijahre*^ enthält t 
bezug auf Schröders lebonslauf w^enig neues, nur ist auf grund der aufseichnungen 
schauspieleiin Caroline Schulze mancherlei, besonders der Charakter der ini 
Clara Hoffmnnn klarer gestelt worden. Doch bleiben die gründe für die gleich 
lieh platzgreifende entfremdung zwischen mutter und sehn noch inuner im 
Ich denke, dass eine erklärung dafür nicht ganz fem liegt Solte der matter, deri 
misslicher zeit, in der sie sich kaum selbst durchzubringen vermochte, so 
und plötzlich eine nachkommonschaft aufgebürdet war, nicht eine onbarnüi enjfS 





, fKBKÖT'r.tl 

der wigst aadiktiert Boin, der solm könoo sonst alzuleicht den laslem dos vatere 
Tflrfallen, zumal das kiiid docli schon früh allerlei unliolDjame iieigungcn verriet? 

Besonders intsFessant nind ausser dor Schilderung ddr erlebnisse der Acker- 
««nuBohen Wandertruppe dio Charakteristiken von Johanu Karl Dietrioh (s. 45), der 
aller-ding« mehr oin Spekulant, als ein harmloser theater-unrr gewesen xv sein scheint; 
Yon XdDSon (s, 65) und dem gcnial-lioderliclicn Johann Christian Ast (S. T2). Es 
drSoK^ *'oh uns ein hodauern anf. dass die vormittler iwischen litteratnr und hühne 
aucb liier nieder leute üwcirelhoflen sublagcs nind. Bei den vortrefflichen ansfäb- 
tooB*"-« über das eindringen des hürgerliolien dtamas (b. 81 ff.), das mit rocht fnr 
I)ci*t.^liland eine vorsohule Shakespeares genant wird, ist aher die b«morkung, dasa 
tiogödien tu prosa eine neue errungen scbaft jener Keit seien, oin irrtum. 

Die drei kapitcl ,Im koUegiiun Fridericianum' s. 102 — 116, „Auf eigonon 

rüssoti' s, 116 — 133, ,Anr dor falirt ins eltumhaus*, s. 133 — 144 hoschäftigon sich 

ausschliesslich mit Schröders erlebniasen. In grossen Eugen hatte schon Meyer an der 

banrl roa Schröders autohiographie dariilwr L«riohtet. Hier werden sie aber dotail- 

Uertor behandelt und durch manches neue seugnis gestÜKt. Die ganze orznhlung 

erinnert lebhaft an ronmne wie Moritz's „Anton Keiser". zumal auch hier pietistisuhe 

enuohung, nusHch weifen de phantasie und goldinangi^l hanptfaktoren sind. Die klarstol- 

lung der romantischen orscheinung der Stuarts und oinomnstorhafte darlegung der ver- 

■Uutniaso des Kollegium Fridericianum verleilieii der sorgfältigen und auaführliehen 

daistelltuig dieser knahenachicksale einen besoaderen wert. Auch in dem dainnr fol- 

SWmIm» nickbliok anf die tätigkoit der Ackortnannsohen truppi' in der iwisflienzeit, 

"Win der hosohreibung dor Sehweiiter- undElsBsser-poriode (s. 145 — 190) sind glüclt- 

"f'iie ttouo funde geschickt verwertet; die gleicliKoitigen berichte aus verschiedenen 

^'U t der eines predigers und der einer scliauspielerin. geben ein vielseitigcH und 

'»na bild von dem damaligen zustand der truppe. Mit sicheren strichen ist der 

'titfprt -vieiRa niedergang der goselschafl geHchildert, die sich aueh noch in diesem in- 

*wnd ,|urcli die daratellung der „Johanna Gray" auf dor Wintertburar bübne ein 

^'^•^dos verdienst gewann. Durch ebe glückliche parallele dieser darstellung mit 

""'■ "iesr Sara Sampson erhält die erste eine gerechte Würdigung. Danohon werden 

»liriitlp^ Schicksale weiter vorfolgt: seine wider Vereinigung mit den ollem, seine tätig- 

m\ a.ijr der hüime, die ueaen Kwistigkeiten und dio mancherlei voiirruugon, die er 

sii-h 2^ schulden kommen liess. Das nJkobsto kapitel (s. 190—246) begleitet die wan- 

rterüvijj,, ,1^^ Ackermannsohen truppe bis zu ihroT ankunft in Hamburg, Zwei für 



Schrt^] 



*<4er besonders wichtige momente sind hier sorgRUtig herausgehoben: 



e bekftnt- 



whaTt Dijt der Wielandschen Shakespeare -Übersetzung und Ekhofs eintritt 
''•''»'»nannsohe gesellschaft. Dio Wichtigkeit beider er«ignisHe für Schrüder ist richtig 
frfcar^t;. ^(^J wälirend verf. über das erste, BUnüchst weniger folgenreiche rasoher 
"^^•^(^gehen kann, iiimt er hoi dem zweiten Veranlassung sehr einleuchtende und 
"'""'^»iehe l«merkungen über den unteisehied der beiden damals hersohenden schsu- 
^P'^loristihcn richtungen onzuknüpfon. Ekhof. der vortreter der Schönenlau nschen 
^■'ile, vertritt die traditiou der deklamatori^ch-idealistischeu riclitung, die junge 
Ackonn^gg,^ sohnlo ist empirisah und neigt tu realistischer auTfassung. 

Der lexte absohnitt des hnohes „Ackermann in Hamburg'^ (s. 247 — 350) gibt 

^'^ verf. gelegenhoit, seine gründlichen kentniBso der Hamhurgisohen litteratnrverfaält- 

^**^ auszunutzen. So schildert er denn in dem ,Die stadt und ihre bewohner' bo- 

. ^*«n erston kapitel {a. 247—08) den charakter doa Hamburgers und bosondors 

""lg uod einQuss von Bichey, Brockes, Hagedorn und Lamprpcbt, deni Schüler 




278 HEINE, ÜBER LITZUANN, SCHRÖDER 

Rioheys. Eine gleiche ausföhrlichkeit wäre für eine rekapitolation der HambuigeKT 
theatenrerhältnisse wünschenswert gewesen, zumal die Hamburgische oper einen Tii 
weitgehenderen einfluss gerade auf die aosbildong des Schauspiels gehabt hat, al 
verf. anzunehmen scheint Bei den Wandertruppen Deutschlands war um die wendi 
des siebzehnten jahrh. eine ganz ungeheure nachfrage nach Übersetzungen aoslindi 
scher dramen; durch die texte der Hamburger oper, die zum grössten teil aus solch) 
Übersetzungen aus dem spanischen, italienischen und holländischen besteht, ward der — f 
bedarf gedeckt, so dass der einfluss der Hamburger öpemtexte bis in die mitte de^:»^ 
18. Jahrhunderts zu spüren ist. Das zweite kapitel (s. 268 — 291) bringt eine aas ^— - 
fährliche, auf vielfache zeitgenössische berichte gestüzte Charakteristik der damaligea^^ 
Zusammensetzung der Ackermannseben truppe; Lessings kritiken der Schauspieler, dl' 
ebenfals hinzugezogen sind, werden bei dieser gelegenheit oinor sehr feinsinnii 
analyse unterworfen. Nach der schauspielerischen physiognomie wird das repertOK — ^ 
untersucht (s. 291 — 300). Das ergebnis führt den verf. zu der betrachtong der ^eids. — 
zeitigen dürftigen litterarischen Produktion, deren haupt Vertreter unter den äugen Lef^ — 
sings ein Weisse sein durfte. Nur das ballet unter Schröders leitung stand in blät^p- 
Den schluss des bandes bildet die geschichte der gründung des national -theatera i^ca 
Hamburg. Ackermann hatte mit den Willersschen erben, den besitzem des opens. — 
hofes, einen sehr vorschieden beurteilten vertrag geschlossen. In folge dieses ver*^ — 
träges, den verf. vorzüglich zu motivieren vorstanden hat, erbaute Ackermann ei 
neues theater; gleich nach eröfibung desselben begann ein intriguenspiel, das bish« 
ziemlich unaufgedeckt geblieben ist. Verf. weist nun mit vortreflioher klariieit 
wie die föden desselben in der band Löwens zusammen laufen, und wie die HenseflL-v 
vielleicht auch Eckhof wilkommene und wilfährigo Werkzeuge des ehrgeizigen 
wurden. So sehen wir zum schluss des buches Ackermann diesen vergangen 
Opfer fallen und Schröder in einom augenblick von Hamburg vertrieben werden, 
Bodos freundschaft und Lessings protektion seinem leben eine neue riohtung zu geb»^ 
im begriff waren. 

Dem vorzüglichen inhalt des buches entspricht die form; nur vereinzelt find^' 
sich eine stilistische Unebenheit: „so erkläre ich mir jedenfals die Vorgänge*^ (s. 
„Aber eben gerade weil also die Schauspielkunst** (s. 83); oder ein wort wie „ 
keit** (s, 315). Über die bedoutung des wertes „redlich** hat ja Börne schon 
stritten; ich wüixle es nicht so wie verf. (s. 117) anwenden. Unangenehm aber fä 
ein Widerspruch bei der Charakterisierung Hagedoms auf; s. 256 heisst es oben: „ 
auf eignen füssen** habe Hagedom gestanden, wenige zeilen weiter unten aber: 
ist immer auf der suche nach vorbildem, hat das bedürfnis bald hier, bald da m 
anzulehnen . . **! Endlich möchte ich mir noch die bomerkung erlauben, dass d 
ausdmck „amphitheater** (s. 319) wohl die zwei ränge umfassen sol und nicht ar 
einen dritten rang hinweist. 

Solche kleinen ausstellungen können aber den wirklichen bedeutenden wert d. 
vortref liehen buches nicht beeinträchtigen. Es ist eine freude, wieder einmal 
biographie zu lesen, die über trockne lebensgeschichtliche aufzeichnungen hinausg9<Ki.'* 
und mit vortref liebem erfolge die zeitgenössischen litteratur- und kulturgeschichtlidk. 
momente und die Wechselwirkung der einzelnen gruppen in den kreis ihrer 
tungen hineinzieht. Hoffentlich eifreut uns bald dio fortsetzungl 

HALLE. C. HUNB. 



PB08CH, ÜBEB KOLLER, KLOFSTOCKSTÜDISN 279 

KIi<^P^^<^^^^^^i^* ^* Klopstock als musikalischor ästhetiker. 2. Elop- 
Stocks beziehungen zu den zeitgenössischen musikern. Von Oswald 
Koller. (Jahresbericht der landes-ober-realschulo.) Kremsier, H. Gusek, 1889. 
Ö5 s. 

Die beiden werbrollen aofsätze bereichern in erfreulicher weise die Elopstock- 
litteratur. 

Aus Elopstocks theoretischen abhandlungen und einigen seiner odon lässt sich 
sein System der ästhetik ohne grosse mühe aufbauen. Versucht man, demselben 
seine historische Stellung anzuweisen, so muss es an den endpunkt der bewegung, 
-welche die Schweizer kunstkritikor des vorigen Jahrhunderts veranlasst haben, und 
in das vorlessingische Zeitalter verlegt worden. Es ist eine höchst merkwürdige tat- 
sacbe, dass Klopstock nicht bloss im groisen-, sondern auch im kräftigsten mannes- 
alter bloss den anschauungen und erinnerungen seiner Jugend lobte. Für ihn exi- 
stierte weder der Goethe -Schillei'sche klassicismus, noch die philosophio Kants; aber 
nicht einmal Lessings kunst^sichtcn konten auf den mann einwirken. Bloss Lessings 
Laokoon scheint, wie der Verfasser der vorliegenden studion (s. 3 fg.) zeigt, auf ihn 
einen nachhaltigen eindruck gemacht zu haben; dagegen gieng die Hamburgische 
dramatorgie an ihm spurlos vorüber, und alles ernistes behauptet er: „zwischen der 
epischen und dramatischen dichtung ist kein wesentlicher unterschied; die leztere 
wird nur dadurch eingeschränkt, dass sie dai'stelbai* sein muss**. Wol aber befindet 
man sich aller orten in dem fahrwassor Bodmorscher und Breitingerscher meinungon. 
^Q ganzes leben lang hält Klopstock an dem principe fest, dass die poesie nicht 
nur ergötzen, sondern auch erbauen müsse; darum sei ihr wert nach ihrer sitlichen 
Wirkung zu veranschlagen. Der in der abschiedsrede von Schulpforta zunächst aus- 
gesprochene gedanke, dass jener poesie, die das Christentum noch nicht gekaut habe, 
das lezte zur volkommenheit fohle, nimt bald die gestalt an, dass religiöse poesie 
^^r gipfel aller dichtkunst sei. Dieser grundsatz enthält bekantlich für eine reihe 
^^^ jähren das programm der Klopstockschen dichtimg. Von den jüngeren ästheti- 
kem Scheint nur Sulzer, der in so vielen punkton mit den Schweizern übereinstimt, 
seinen beifall erlangt zu haben. 

Der Verfasser fand es mit recht für nötig, in seinem ersten aufsatze zunächst 
^ Al^meinen den ästhetischen Standpunkt dos dichters zu charaktorisieron , schon 
*^ dem gründe, weil im vorigen Jahrhundert die musikalische ästhetik überhaupt 
^^ im engsten anschlusse an die ästhetik der dichtkunst behandelt wurde. 

Schiller (^Über naive und sontimen talische dichtung'') sagt von Klopstock: 
»Was nur immer ausserhalb der grenzen lebendiger form und ausser dem gebiete 
^^^ individualität, im felde der idealität zu eiTcichen ist, ist von diesem musika- 

^^en dichter geleistet So eine herliche Schöpfung die messiade in musi- 

*alisch poetischer rücksicht, nach der oben gegebenen bestimmung, ist, so viel 

^^t sie in plastisch poetischer noch zu wünschen übrig, wo man bestirnte, und 

^' die anschauung bestimte formen erwartet •*. Koller hat in seiner abhand- 

^8 (a. 10) an diese stelle, obschon er sie dort nicht erwähnt, angeknüpft und fügt 

^^'^ches bei, was Klopstocks art genau schildert. Nach Klopstocks ansieht ist pas- 

f^^e wähl des ausdrucks die hauptaufgabe des dichters; er tut im streben danach 

^ Seinen späteren öden sogar zu viel und opfert in dem bestiebon, für die ompfin- 

uung ^^^ richtigen ausdruck zu finden, gar oft dio wärme der empfindung auf. Der 

^•^niok selbst ist ihm aber ein ziemlich äussorficher, denn „er sucht ihn nicht in 

i ^^ tnocdnoDg und Verknüpfung der gedanken, sondern lediglich in rhythmischen 



280 FROBGH 

und sprachmasikalischen beziehungen. Nicht das wort, insofern es das bild ein 
anschaaung, eines begriffes ist, gilt ihm als ausdracksmittel, snndem sofern es dan 
seinen sinlichen klangreiz wirkt '^. Der dichter unterscheidet in beziehong auf d< 
ausdmck ein vierfaches: wolklang, tonausdruck, zeitaosdruck, tonverhali 

Sehr bezeichnend ist, dass Klopstock in seinen Untersuchungen zwar mit Ka 
darin übereinstimt, dass er erkent, das schöne habe seinen grund in formverfafiltni 
sen, mass, Übereinstimmung und Zweckmässigkeit, aber nicht findet, dass das gefi 
len allein durch den einklang zwischen Inhalt und ausdruck bedingt ist, ohne nie 
sieht darauf, ob dem inhalt an sich ein besonderer wert zukomme. Es ist vielme 
ganz im sinne der didaktischen betrachtungsweise der Schweizer und Sulzers, wei 
er als lezten grund der Schönheit eine stofUche betrachtung des inhaltes annin 
Infolge dessen „kann er den sprachlichen ausdruck nicht mehr in vergleich setz 
mit dem Inhalte, weil dem wertvolleren moralischen inhalte auch ein volkommcn 
ausdruck entsprechen müste. Das geht nicht; daher bleibt ihm nichts übrig als d> 
sprachlichen ausdruck widerum absolut zu betrachten. Daher komt er in sein 
ästhetik über stofliche Wertschätzung nicht hinaus. Er betrachtet, nachdem ihm d 
Verhältnis zwischen inhalt und ausdruck durch den zu erstorum hinzugetreteneu stc 
liehen wert incommensurabel geworden ist, wie er früher den inhalt für sich botrac 
tete, so jezt den ausdruck für sich. Daher verliert er sich in etymologische ui 
grammatische Seltsamkeiten, daher beti-achtet er die spräche nur, insofern sich d 
rhythmus äusserlich im verse und im wolklang offenbart, nicht insofern sie innt 
lieh ihram gehalte nach mit dem darzustellenden congnuert Er schreibt keine pc 
tik, nicht einmal eine Stilistik, nur eine rhythmik; er betrachtet die spräche nur 
laut, nach melodischen und rhythmischen kategorien, nicht nach psychologisch* 
er betrachtet die spräche nur vom musikalischen, nicht vom poetischen staa 
punkt*^. 

AVenn es sich darum handelt, die rangordnuug der künste in Klopsto- 
ästhetischem Systeme festzustellen, so wird dies nun mit rücksicht auf den mois 
sierenden Standpunkt nicht schwer sein. Die poesio, welche allein moralische ^ 
kungen ausübt, komt zuoberst, ihr zunächst steht die musik, welche das herz m 
rühren kann, als die bildenden künste. Ganz richtig ahnt Klopstock, dass die bea 
hung der musik zur aussenwelt in nichts anderem bestehen kann, als in dem abl 
dynamischer und rhythmischer Vorgänge, erst in zweiter linie in der darstellung p* 
chischer ereignisse. „Aber die macht und stärke der begleitenden associationen w 
leitet ihn, diese für die hauptsache zu nehmen. Er sezt den zweck der musilc: 
die erregung von gefühlen'^. Aus diesem gründe sezt er aber auch die vokalmutf 
welche allein eine sitliche Wirkung haben kann, über die instrumentalmusik , 
welche ihm das Verständnis fast ganz abgeht Es war schon oben davon die re 
dass Klopstock nur der musik neben der dichtkunst beachtung schenkt und da^ 
ihre volkommenste Wirkung in der Vereinigung mit der dichtkunst, also im gesaia 
findet. Der gesang ist ihm aber nichts weiter, als genauere, dui'ch masse gerege 
deklamation. Die deklamation kann sonach den gesang vertreten, ja sie ist vorz« 
lieber, weil sie, wenn auch nicht so bestirnt, so doch viel modulationsfahiger iz 
abwechselungsreichor ist Klopstocks anschauungen über die musik sind in diev 
beziehung volkommen unrichtig, denn er verlangt von ihr eti^'as, was eigentL 
ausserhalb ihrer Sphäre liegt; er findet das wesen dieser kunst einlach im ompi 
dungs vollen vortrage. Der Verfasser sagt mit rücksicht hierauf folgendes: «Ist ^ 
gesang in parallele zu stellen mit der deklamation, so ist muk das dmoh. 



sikaltscha Kunstwerk in parallele za stellon iiiit dorn dichtwerk. Wie 
ibar kier Elopütock die rührendi) empfindimg für daa ästiietischo hauptmomeDt hielt, 
b muste er eine ftbnliclie Wirkung auoh für die mosik annehmen. Die ]>ooBii> arliei- 
: uüt beetimten voistellatigou und bcgrilTeji; di« mosik hatte keine solchen, soadem 
r ,ilit' weniges algo meines ". Die wii'kung der |ioesic gieng auf moraliHulie quali- 
, luf bestimtoH wollen und handeln, die der musik nur auf unbestimtes empfin- 
b; die |)oeeie xolte sitlicli erbeben, die musik wenigstens rubren*. — — „Aber 
sn weil ^eh Klupatock von der stoflichen Wertschätzung uicbt frei tu niaeheu 
«SS, komt er mit seiner inusikalisehon ästhetik nieht weit. Er siioht aucli hier 
•fliehon wert und findet ibn nicht, mübt sich ab, ibu nu suchen, und musB gestc- 
bt daas er in der mugik uiuht existiert. Tina erseheint ihm als fehler, und su 
libt ihm als wesen der vom texte losgetrenten musik nichts übrig als die geord- 
le benegungsform, der blosse rhythmus. Uod darum lässt er in der musik nur 

> bräden uxtreme gelten: den gefühlsjnhall, d<"r die musik volsländlg aufgehen lässt 
' dor poesie, den gesong in der dekloinatiun; und das rhythmische elenient, das an 

noch keine musik ist Dalior coucentricrt sieh sein ganzes interesae an der 
. suhliesslicb darauf, moti'inuhe Schemata für seine diebtUDgen aufzustellen und 

> von seinen freunden mit tonen ausfüllen zu lassen; und so entE|irachett die mage- 
B GlockBebon composiüoDen seiner öden schliesalieh allen anfoi^lorungen, ilie ei' an 
i tnugik stellen zu müssen glaubte". 

Kilrzer kann sieh der referent über den zweiten aufsatz fassen; denn obschoa 
dieser reich an einzelnen interessanten details ist, so werden in ihm decb keine tn- 
^^^ prineiptellor natur wie in dem vorausgehenden erörtert Der Verfasser suhildert 
'*'" ttkUHikalischeu aoregimgen, welche Ktopstock in Kopenhagen und Uamburg erfuhr, 
"^d Visrichtot über die beriibrungen , die zwischen Kloiistoek und musikom deB vori- 
^*'' Jahrhimderts statfandeu. Dabei wird die cinsuhlligige fachlitteratur, beMondors 
'^ l>iiH[woehsol, sorgfältig benüzl und manuhos neue, insliosendore den litterarhisto- 
™'Oim fem liegende, herangezogen; besonders ausführlieh wird das Verhältnis zu 
'««!( behandelt. S. 50 enthält einen nachtrag über eine von Telemann comiienierte 
^K^«iruckte cantate aus dem Messias, 51 — 55 ein die hisherige kentnis weseotlioh 
v^'^ifhemdes Verzeichnis der cemiwsitiouen Klopstookseher diehtungen, soweit sie 
"*** Verfasser betont sind. 

Kollers schützbare arbeit führt, einzelne tleinere versehen abgerechnet, in der 
^ptsache zu unanfechtbaren resultaten. 



MISCELLEN. 
Böse. 

In den nihd. wörterliücherri wird räsc ■■iiifach als uhd. rose widergegeben. 

«eefi ist aber nicht ganz richtig, ^Hoae" bL'Zeiehoet blnmo überhaupt und im 

■Bgorn begrilTe erst unsere nhd. rose. Die baucm in den deutseben dörferu des 

ODSbergee, im Ennsinatbale, in Luseuna gebrauchen heutzutage noch den ausdrauk 

« fwsen" für ,die blumen' '. 

J. A. S<;hmellcr in: ,Cimbr)sche9 Wörterbuch oder Wörterbuch der deutsoben 
he, wie sie sicli in einigen der VII und dar Xni gemeinden auf den alpeo von 



282 lUSCXLLKN 

Vicenza und von Verona erhalten hat*, Wien 1855 (Sitzungsberichte d. phil-l 
klasse XY. bd.), sagt s. 223: t,Ro8; roas f. rose, blume überhaupt, fiore^, 

Dass „rose*^ blume überhaupt bezeichnete, bestätigen uns die nhd. composit» ' 
alpenrosen (rhododendron), steinröslein, windröslein (anemone), weihnachtsros?^ 
Schamrose (niesswurz) und viele andere im volksmunde. So heissen in manc&ei:^ 
gegenden der Etsch und des Eisacks die narzissen „gelbe roson*^. 

Im Kreuterbuch des Adam Lonicerus, Frankfurt 1630 finde ich folgende com- 
posita s. 125: „Eschrößlin, sorbus torminalis. Eschrößlin, arresel und wQd sper- 
gorbaum'^. S. 211: Feldrößlin oder feldanomone. Am ende des meyen bringt es 
ein kleines gelbes blümlein mit vier blättern, wie die klapperrosen*^. S. 207: ,Klap' 
perrosen, papaver erraticum. Klapperrosen oder kornrosen nent man auch 
feldmaysonnen, grundmayen*^. S. 347: „Sammetrößlin, flos indianus. Sam- 
metrößloin wirdt ihrer schönen sammeten färb halben also genannt 

S. 403: „Perninnroson, heißen sonsten auch benininnrosen, königsrosen, 
gichtwurtz, vennedischrosen, benedictenroson , pfingstrosen, freysonnrosen". 

S. 424: „Narcissenrößloin, narcissus. Das narcissenröfilein wird graoee 
narkios, latino narcissus und ital. narcisso genant. Deren sind fümemlich zwei 
geschlecht. Erstlich das gelo, so man geel hornungs- oder mertzenblumen nennet .. 
Darnach sindt die weiße narcissenrößlin latine narcissus candidus*^ nsw. Überdiess 
begegnen: s. 356 „Ernrosen oder herbstrosen, wintorrosen, römisch bappel, latine 
malva arboroa, malva hortensLs und rosa transmarina*^. S. 358: „ Sigmars wurtz, 
alcoa, Venediger wetterrößloin, malva Vonota. üngerkraut, herba ungarica^. 

S. 317: „Ghedweich, lychnis silvostris. Das gliedweich, graece Iv^vig «;'(>*«, 
ist auch ein morgenrößlein, wird wild morgenrößlein genant, zum unterschied des 
zamen, von welchem sie bevor unter den wullkräutom* gesagt ist**. Es heisst s. 313: 
„Auch wird unter die wullkräutcr gezehlt das morgenrößlin oder frawenröß- 
lin, sammetrosen, damastenrosen^. 

Im Eisackthal heisst „ein rösl schenken* eine blume oder ein blumenstraoss- 
loin als zeichen der gewogonheit oder liebe geben, wenn auch kein einziges röslein 
dabei ist. 

Bei Walthor von der Vogol weide 40, 7 fgg: 

Do het er gemachet 
also richc • 

von bluomcn eine bettestat, 
des icirt noch (jclachet 
innecllcJiCy 

kumt fernen an dax> selbe pfat. 
bi den röscn er wol mac, 
tandaradeiy 

merken y wd mirx houbet Uic^, 
Da kann rdsen nur biuomefi bezeichnen. 

Wenn K<>iirad v. Würzburg sagt: 

„ Den hof mac er florieren, 

sam rösen ttwnt ein ouwe. Troj, kr. 3383, 

1) Für das ,,wullkrnut, vorboKCum", gibt Ix>niconis dio noch teilweise heato fortlebenden 
namen: ,,kortzenkraut, unholdoukortz , himmelbraudt, bronnkraat, königskertzen, IMd- 
kertzen" s. 312. 



• msoELLXN 283 

Bo können unter rosen nur blumen verstanden werden, wie auch an folgenden stellen: 

so wären dd ht springende 
rosen rot durch grüenen kli, Engelhard s. 346. 
Der tcase wol geblUemet lac 
mit vtol und mit rosen. Troj. kr. 16546. 

Wenn Stricker Karl den grosseu Des gclouben ein rose nent (Karl 9756), so steht 
''Öse für hluomey wie bei Berthold I, 166, 111: Der eifie weg ist linde als pfetcer, 
atfnät und sidr und als rosen; und wenn Tanhiisor 34 (II, 96**) den mai der heide 
'aniger hande rosen geben lässt, so sind blumen im algemeinen zu verstehen. 

Hat das mhd. rose nun die weitere bedeutung flos, so entsprechen sich das 
id. rosen brechen und das lat. deflorare, wofür wir hluomen brechen auch fiuden. 
i Walther von der Vogel weide sind bluomen brechen 78, 16 und rosen lesen 
?, 3 gleichbedeutend. 

OUFIDAUN, S£PT. 1890. IQNAZ ZINOEBLE. 

din gredieht aus dem ende des 15. jahrhanderts ttber die Zerfahrenheit 

der stände. 

(Cod. hist. 8 f. 201 ** der univorsitäts-bibliothek zu Upsala.) 

Deuorat agricolam rex, regem tyro, sod illum 

Vsurator edit, monachus sed douorat illum. 

At monachum meretrix, meretricera leno romordet, 

Lenonem caupo, sed caupouem parasitus, 

nium sesquipedes, quos domum symea toi'quot. 

Der her frisset den puren, 

das lest sich kloin beturon 

der ritter vnd frisset deu herrn, 

der ritter mag sich nit erwern, 

der wacherer thöt in verschlinden, 

den wacherer weiss der münch zu finden, 

der frisset in gantz vnd gar, 

des münchs nympt das hürlin war 

vnd verschlint den münch fürt, 

die dem rüffigon dan gebürt, 

der selb der thnt sie fressen, 

der wirt nymts vngomessen, 

bys er den rüffigon euch verhert, 

der wirt darnach wurt vorzert, 

den fressen die wynbuben, 

80 bissen die ufs gross gi'uben 

in die selben wynanecht, 

so kumpt die lust dem äffen recht: 

also get is hamauber (?) wandelen 

vnd frisset ie einer den andern. 
Hec mundi leges, hec iura volubilis orbis 
Inque vicem cedunt pia sors fortunaquo soua. 
Nil est pcrpetuum, quod nobis fata miuistrant, 
Dant, rapiunt, tollunt, commutant, docima reddunt 



284 HISGSLLEN 

Et sudore graui postquam sablimia scandunt 
Auctorem proprii nouerunt omnia damni. 

WILHHLMSHAVEN. HUGO HOLSTEIN. 

Jacob Grimm an — ? (königr Ludwig Ton Bayern?) 

[Cassol, februar 1826.] 
[Abgeschnitten] den zweiton Theil meiner deutschen Grammatik vorzalegen , in 
dessen Vorrede ich eine Hof&iung auszusprechen gewagt habe, deren Erfüllung aJle 
Deutschen erfreuen würde. Die Herausgeber vaterländisclier Sprachdenkmäler bedür- 
fen des Beifalls der Regieiningen. Man sollte meinen, dass in Deutschland, das so 
viele Fürsten zählt, alles, was unsere Muttersprache betrifft, sicherer geborgen iixid 
leichter ans Ijcht gezogen sein würde. Allein die Wahrheit ist, dass bis heute xux^^ 
kein einziges Gedicht weder des 13. Jahrhunderts noch der älteren Zeit mit höher'^^' 
Unteratützung im Druck erschienen ist, wenn ich Wolframs Wilhelm den heilig^^** 
ausnelime, den Landgraf Friedrich, des jetzigen Kurfürsten Grossvater, auf seil 
Kosten hat bekannt machen lassen. Einleuchtend Iiat die Herausgabe der voi 
denen wichtigen Monumente den grössten Einfluss auf das gründliche Stadium d- 
deutschen Geschichte und Rechte. 

[abgeschnitten] unterthänigster Diener 

Jacob Grimm 
Bibliothecar. 
Concept. Handschrift der Eutiner gymnasial -bibliothek, deren autographensarc:::^^^^ 
lung durch sehen kiuigon von Abraham Voss begründet und vom oberregierungsrat Hell 
wag erweitert ist. — Ort, tag und Überschrift abgeschnitten! Ort und zeit bestimro( 
sich nacli dem erscheinen des 2. teils der grammatik. „Unterthänigster Diener 
nennen sich die brüder Grimm gewölinlich nur von fürsten und allenfals noch v( 
ministem. Nun lautet die einzige stelle der vorrede, auf welche sich die hindouti 
am anfange des briefes bezielien kann (s. X): „Die evangelienharmonie in Münch( 
sieht der erlösung aus ihren banden seit der regierung könig Ludwigs getrostes:^^^^ 
entgegen, eines fürsten, der sich, wir hoffen es, auch einmal vaterländischer spracbc^^^^ 
und altertümer annehmen wird**. Im k. haus-archiv zu München ist ein brief J. Grimi 
allerdings nicht vorhanden. 

KIEL. EUGEN WOLFP. 

Dribolde scheren. 

Den prolog zum Richtsteig I^andrechts (herausgegeben von Homeyer s. 
schliesst Johann von Buch, von den „unrechten*^ sprechend, mit den werten: 

Wen sc haten uns bilkni, tccnte wi wolden oft wi mochten en afspre* 
und afschrircn liff gud und erc. Und d/tt tci en to euer bekantnisse dr 
holde mochten scheren und se 7nit einte hetcn isernc mochten doreh de t 
(var. : backen) bernenj uppe det nie de guden bckandcj dar wolde wi mit v 
len fein jar deste er univw sterven. 
Das wort dribolde — eine handschrift hat: cnen drybolt — sucht man in den w* 
terbüchorn vergeblich. Der sache nach handelt es sich um ein scheren in bestim 
weise, welches dazu dienen soll, die unrechten für jedennann kentlich zu mach 
Anschoineiui wurden geisteskranke auf diese art bezeichnet. Wenigstens haben and 
handschriften (Uomeyer a. a. o. anm. 75) an stelle der werte Und — scheren: 






und maehlc irh sy btcxviehcn aUai fromi^n lulen und moeht irh sij bi-sclurrn 
gleich den lorcn als man pflit cxu tun den rechten form. 

Souat ist bekaotlicb gesuborenea honr zeichen der knecbtächoft, scheren des boares 
daher beschiuipfeude strafe ojur syinbol der acterwerfung (J. Qriinni, RA. 140 fg., 
339, 702), VieUeioht yermag ein leser dieser zeilscbrift über das dribrilde srWen 
I weitere anfklSrutig zu gebet). 



Zu Wielands n-erkeu. 

In die Hempelstbe ausgäbe der werke Widands batDüutzer (XXXIII, 89 fgg.) 
'inen aaTHatE aus dem Teutschen Merkur (1773 ÜI, 107 fgg.) aiifgenommeo, welcher 
wtocbläge für die „ Regierungskunat oder uuterriciit eines alteu persischen monaruhen 
10 Beinen söhn, nach dem englischen '^ und „Zusätze zu den mit stamchen bezeich- 
neten stellen dieses stückeB" enthält. Auch Seuffert in der Vierteljahrsschrift II, 581 
"*it an der autorschaft Wielands fest und findet darin „echt Wielandische gedanken", 
^"•^dem er a. o. 0. 1, 355 den einflusa von Hallere Usong auf Wieland unterenoht 
"•*■ Aus dem Hallerisohen TOmaoe sind aber die „Ratschläge" wörtlich entlehnt, und 
"'^ die widersprechenden „zusUtze'' gelieren Wieland und enthalten dessen eigene 
^^''^ttteo. WielanU verändert den Hailoriäcboti test, um den bezug auf Peraien m 
^^ 'istihen und keine erinuerung an Uallor aufkommen zu lassen. Die Varianten zu 
™'*eicbnen überlasse ich anderen. minor. 

Xtramatisclie aufTtthrungen im XVI. nud XVII. Jahrhondert In Stnttsart. 

B, ITaug, Schwab] Hub OB magiizin 1779, a. 549: 

a) ,1572 im juliu hat die bürgerschaJt in Stuttgai'd vor dem hemog Ludwig von 
Würtemberg die biblische geschieht« von Joseph im schloss durch lauter 
bürgerskinder anfgeführt'. 

b) ,1b eben dieaem jähr ist diese komödie wider gegeben worden, und zwar 
ÖSentlii'b, in der Stadt auf dem markt, worzu der herzog den kindem 
30 reichsthaler verehrt hat". 

c) ,1607 hat die bürgerschaft in Stuttgard dureli ihre kinder die biatorie vom 
erzvater Abraham auf dem üffentljcboa markt auffuhren laBsen'. 

über das anftreten der engtigchen komOdianten in (Stuttgart vgl. Trautmann 
.Archiv für litteraturgeschichte XV, 211 fgg. 

Die obigen nacbricbten hat FfafI in seiner üeschiahte der Stadt Stuttgart 1845 
110 gekant; diesen citiort von Woilen, Der Sgyptische Joaef im drama dos XVI. 
►•hrliunderta, Wien 1887 s. 115. 

Die aufmerksamkeit war durch die , Beitrü^'e zur geschicble der deutschen 
iihne* im Doutscheii niuBoum 1776 1, s. 752 fgg. und 1701 11, 359 fgg. auf 
''^ aalführuogen gelenkt worden. MiNon. 



Xsehtrilre zd KSstlins Lutherstudien in dieser leitschrift XXIV, ST Hr. 



*«n nairenbesühwörung 68. 40; 



j. I) Die richtigkoit der iu dieser Zeitschrift XXIV, 37 fg. vou herrn prof. Köst- 

E^'^gebenen erkläruug der Wortverbindung «mit lungt-n auswerfen" (= mit rosa- 
k werfen) bestätigt folgende im Deutschen wöi-turbucb nicht angeführte stelle a 



286 MISCRLLKN 

^Wie man riefet in eim walt, 

Glich also das selb wider schallt. 

Mit langen ich euch werfen kan, 

Wann da mit katlen fahest an. 

Wann wir schon würfen beide samen 

Mit kat und wüst ernstlichen zamen, 

So bschißen wir uns alle beid 

Und würd zä letst uns selber leid*. 
hudelberg. m. Spanier. 

2) Zu der in dieser Zeitschrift XXTV, 39—40 besprochenen stelle aus Luthers 
werken : Es trägt mich auch ihre rotte spielen mit solchem urteil fgg. hat J. Köst- 
lin richtig vermerkt, dass spielen tragefi zusammengehöre. Es konte hier auf ana- 
loge Wendungen älterer zeit hingewiesen werden wie heJuüden tragen (Mhd. wörterb. 
in, 71', 36 fg.; Meleranz 3003; Salomon und Morolf ed. Hagen 1964»), begraben 
tragen im Passionale K. 538, 28, slafen tragen in den Oesta Rom. ed. Ad. Keller 
s. 108 und 110. Was liier aber spielen ursprünglich zu bedeuten habe, wird sich 
vielleicht mit mehr Sicherheit erörtern lassen aus der vorgleichung folgender stellen, 
die ich mir aus der loktüre behalden getragen habe. In der handschrift nr. 26 
(= LXXXV) der Zeitzer domherrenbibliothek, einem handelbucho aus der zeit und 
der kanzlei Dietrichs von Buckendorf, aus dem ich in den hiesigen schulprogrammen 
der jähre 1875 und 1879 längere abschnitte mitgeteilt habe, findet sich folgende 
stelle auf fol. 374**: stach gerächte nicht heymlichen sundir ofßnhar ist, so dasx 
(= da, insofern dieses) gemeynlichen eyn yderman speien treit in der stad rxu 
Hercxberg. Femer heisst es in einem briefo Walthers von Schwarzenberg an den 
Stadtschreiber Joh. Brun zu Frankfurt a/M. aus dem jähre 1474, mitgeteilt von 
£. Wülcker in dem Neujahrsblatt des Vereins für gesch. u. altertumskunde zu Frank- 
furt a/M. 1877, s. 23 — 24 man liget (}xii^ so fast (beziehentlich der falschen gerüchte 
vom kriegsschauplatze vor Neuss) xu Kolln, dax ich die logen spillen drage so 
lange, dax ich usx sieben logen xu xitten kume eyn warfieit kan gemachen. Soviel 
ist aus diesen beispielen klar, dass die betreffende redensart nicht den sinn gehabt 
haben kann von: „einen verhöhnen und hie und da lästern'^ oder gar: „ihn aufzie- 
hen auf der spielbühne wie die am faden oder draht hängenden spielpappen'. Nach 
meinem dafürhalten hat spielen (speien^ spillen) hier ursprünglich nicht den sinn 
von lat. ludere, sondern hat sich aus dem alten spellen, ahd. spellon, got. sptÜTn = 
erzählen, schwatzen entwickelt; vgl. darüber Schmeller- Frommann 11 , 662. Spü 
und spei sowie spiln und spellen sind bekantlich sehr früh schon mit einander ver- 
wechselt worden. Wenn aber spellen gehn (nach Vilmar Idiot 391, vgl. Mittelnie- 
derd. gedieh te von A. Lübben s. 3, v. 68 und 75) oder spielt gehen (nach Beinwald 
Henneberg, idiot. 1, 154) soviel bedeutete als „zu einem nachbarlichen besuche, ver- 
traulichen geplauder gehen '^, so ergibt sich daraus für spellen tragen die bedeatong: 
austragen durch weitererzählen, ins gerede bringen, ausplaudern, vermaeren; and 
dies solte wol auch durch die alte Übersetzung passim calumniari ausgedrückt 
werden. 

ZKTTZ, DI JUU 1891. FKOOB BBOH. 

3) Das s. 39 fg. dieses bandes besprochene spielen tragen wird wol anders, 
als dort geschehen ist, erklärt werdenm üssen. Wenn die in der bewusten Streitschrift 

l) Dieselbe redensart wol auch im Pass. K. 433, 2 (g. ex sint, spra^ &r (= der teuM) 
Mamgts menschen, die ieh jage (hs. trage) Und uf in (oder imeY hs. irt) behalden tragt (hs. ja$ii* 



r. EHSCHRINITN'OSIt I 

Luther« gemeiote rotte ihn mit falschem nrieil spieim Iragt, bo ist dieses wort raei- 
aea »rauhleus an da» im mittel- wie im niedordoutBoben verbreitete npillrn oder 
*peltm, speien gthen = zu besuch uud ge|)Iauder gehen aoziLschliesseti. Znr 
Etymologie des wertes und beitiiglich dos vorkouimens sebe mau deo aitikel Kirch- 
spiel im DWB. 5, 825 nach; Vilmar bemerkt im Idiot, von Kurhessen unter apel- 
ifft: ,iQ Mittelhesnen wie io Thüringen und Henneberg, in der graTächaft Hohnsteiu 
der aoBschlicaslich für solche besaelie gelnüachliohe ausdnioli''. Weitere oacliweiBe 
l>'eten Hegel, Ruhl. muiidort 271; Spie.'«, Henneberg. Idiot. 237; LiesenlHirg, Stieger 
inimdart 201. Das vrart kann Luther schon von Eutleben her gekaut boheo, wenn 

|*ir es auch in Jeclits Wörterbuch Aay Mansfelder muudart vermissen. 
Wie niu aber dies »pillen, Spelten, speien in Verbindung mit den vorbon 
Jrtcw, kommen, sein gerade so TOrkomt, wie ■das anderwärts verbreitete synonyme 
Wk«n (s. bcBondei« Nenliauer, Altdeutsche idiotisnicu der Egerlündischeu mundart 
Ki73), so stelt sich auch das im Egerer fronleiohuamsspiel (Ausgabe von Milchsack, 
Hbl. d<» littor. Vereins l.'JO, v. 2405) gebrauchte InUxtn tragt», d. i. urspiüngücli : 
Wn hutcen, in die hutzeustube austragen, zu jenom „spielen tragen" bei Luther. 
Die verlenroderiscbon reden trägt die rotte beim spielen {d. i, Spillen, sprlkn) gehen 
i'oti haus KU haus; vgl. im Tristan lb394: xe »pelle machen über hof und tilier lanl : 
'"^ Keinfried 523r>: elt ir lougcnlieliK speJlnil üf min Sre; ähnlioh in Schmellers 
ß«ir. Wörterbuch I', 939: »i r/rnlleiit iwli an ir heingarle» — tradnil ros in 
nw»ot7tM suis. 



I 



NEUE ERSCHEINUNGEN. 



älteren deutschen l 
1 höheren leh ran stalten. 



2. aull. VIII u 
H. Löschhorn 



1 metrisch übertragen und durch 



BVltleher, G., und Klnzel, K., Denkmäler der 
ratur für den litteraturgoschichtllchon untei-richt a 
Tllldebrandslied und Waltharilied, nobst : 
II pilli, übi'reezt und erläutert von G. Bö 

■ I, 2: Kndrnn, übertragen und erliintort von , 

■ hncbhnndlung doK wuscuhanseR. 1891. 0,90 m. 
* Aus der Eudrun hat Löschhom 744 atropliei 

Mchtiehe anmerknngon orlSntert. Die ubersotüung liest sich gut; nur ist nach mei- 
ner meinuug zu viel von der eigentümlichkeit der mhd. atrophe aufgegeben. Die 
lezte bolbzeilc hat bei Löschhom nur 3 hebungeii uud fast überall stumpfen reiui, 
"■. »odurch selbst Fmole zu I-Yut geworden ist 341 = 561 o. ■. 

|lhna]4, R., Emil Brann's briefwechsel mit den brüdern Orimm und 
'oseph vou Lassberg, flotha, F. A. Perthes. 1S9I. Xn und 109 s. 3 m. 
E. Braun (geboren als söhn eines forstmeisters 1809 in Gotha, gostorlien 1856 
I "> Sekretär dos arofaäoto^scben iustitutes in Rom) hatte sieb in Heiner Jugend mit 
I B^nnamsliscbeu studion beschüFtigt und auch den plan zu einer habilitatJon für dieses 
I wai ge|;tgBt; doch ist keine seiner germanistischen arbeit«n zur voiüffentlichung 
l^oninien. Den brüdern Oiimm ist Braun eclion in Kassel im Jahre 1839 nahe 
B*tr«tBn; bei ihrer üiwrsiedelung nach Göttingen war er noch dort als eifriger sohfi- 
f ™ Karl Otfrid Müllers, bezog Jedoch bald die Universität München. Von dort ans 
I mit Massmann im Jahre 1830 zum ersten male den teibarm von Lassberg 
ünem schlösse zu Eppishusen besucht. Der briefwechsel mit den brüdern Orimm 




288 NACHBICHTEK 

umfasst^r2 bricfc aus den jähren 1829 — 1833, der mit v. Jjassberg 24 ans den ji 
ren 1830 — 1336. Die anmerkungen des hemusgebers geben manche wünschenswei 
erläutorung; einen zusammenhängenden biographischen abriss vermisst man. 

Heyne, Moriz, Deutsches Wörterbuch. Dritter halbband: h — Ucht. Leip^ -ig " 
Hirzel. 1891. 640 sp. 4». 5 m. 

Die herausgäbe dieses bedeutenden Werkes (vgl. diese Zeitschrift 23, b9I^^^ 
wird mit erfreulicher rüstigkeit gefordert. 

Kehrbaeh, K., Mitteilungen der geselschaft für deutsche erziehunj 
und Schulgeschichte. Jahrgang I, heft 1. Berlin, 1891. 106 s. 

Kollmann, Artnr, Deutsche Puppenspiele. Erstes hefL licipzig, F. W. O 
now. 1891. 111 8. 1,50 m. 
' Herr dr. med. Kollmann hat durch vieljährigc bemühung eine reichbal ti. 
samlung von textbüchem und theaterzettcln der puppenspieluntemehmer hergestelt 
begint jozt mit der Veröffentlichung interessanter stücke. Das vorliegende heft enth£:Mlt 
ausser einem anziehend geschriebenen algomeineu vorwort das stück: Judith uK^^d 
Holofernes, dem eine sehr genaue Übersicht älterer bearbeitungen dieses stofi^^es 
seit dem 16. Jahrhundert vorangeht; sodann eine reihe neuer mittoilungen zum pi^H^ P" 
penspiel vom doctor Faust. 

Kahlmann, Hermann, Die concessivsätze im Nibelungenliede und in 
Gudrun, mit vorgleichung der übrigen mhd. volksepen. Kieler diss. ISI 
Leipzig, G. Fock. 60 s. 1,50 m. 

Die arbeit bildet eine fortführung und ergänzung der Untersuchungen Mensi: 

(vgl. s. 260 fg. dieses hoftes). 

Pasehke, Paul, Über das anonyme mhd. gedieht von den sieben wei 
meistern. Breslauer diss. 1891. 54 s. 

Weinhold, K., Beiträge zu den deutschen kriegsaltertümern. Sitzui 
berichte der königl. pi*euss. akademie der Wissenschaften XXIX. 1891. 25 s. 

Zingerle, Ifsrnaz Y», Sagen aus Tirol. Zweite vermehrte aufläge. Innsbn:^'^^) 

Wagner. 1891. XX und 738 s. 




NACHRICHTEN. 



Am 15. juni 1891 verschied zu Bonn der ausserordentliche profeesor dr. A "" 
ton Birlinger (geb. 14. Januar 1834 zu Wunnlingen), rühmlich bekant als ket^Mier 
alemannischer mundai*t, Volksdichtung und sitte, hcrausgeber der Zeitschrift ^AleUBMf^' 
nia". Auch unsere Zeitschrift betrauert in ihm einen langjährigen und fleissigen Dt>**' 
arbeiter. 

Der ausserordentliche professor dr. A. Sauer an der Universität zu Pra^ ^ 
zum Ordinarius emant. 



Halle a. S. , Buchdrackerei des Waiseohaasea. 



i 



i 



DIE HAUPTGOTTIN DER ISTVAEEN. 

Unter „Istvaeen" kann man zweierlei verstehen. Nach Plinius 
und Tacitus bezeichneten sich diejenigen durch nachbarschaft sowie 
durch gemeinsamkeit der abstammung und der religion verbundenen ger- 
manischen Völkerschaften als „Istvaeen^, welche ihre sitze am weitesten 
nach Westen vorgeschoben hatten und um den anfang unserer zeitrech- 
iiung am Rheine, etwa von Coblenz bis zu seiner mündung, wohnten. 
Dagegen fallen nach einem jüngeren, lediglich gelehrten gebrauche 
des Wortes die Istvaeen mit den Franken, jenem seit dem 3. Jahrhun- 
dert genanten Völkervereine, zusammen, und in diesem weiteren sinne 
wird der name heutzutage gewöhnlich von den deutschen altertums- 
forschem verwendet 1. Eine mythologische Untersuchung, welche sich, 
wie die nachstehende, auf den festen grund der römisch -germanischen 

• 

Jöschriftensteine des Rheinlandes und auf die nachrichten des Tacitus 
^tüzt, kann mit dem namen „Istvaeen" natürlich nur den sinn ver- 
binden, welchen derselbe bei den Germanen des Plinius und Tacitus 
natte. Welche Völker im algemeinen zu dieser gruppe gehörten, ist 
*^lar; nur inbetrefF der einen oder anderen rechtsrheinischen völker- 
^^*haft herscht gegenwärtig noch streit, ob sie zu den alten Istvaeen 
2^ rechnen sei oder nicht Was die Völker angeht, deren weibliche 
"*^uptgottheit hier behandelt werden soll, so ist ihre Zugehörigkeit zu 
den Istvaeen unbestritten. Es sind dies nämlich 1) die westistvaeischen 
^bier, Batawer, Kanninefaten, Marsaker, Sturier und Fri- 
^lawen und 2) diejenigen Völkerschaften, welche die alte marsische 
^stvaeengruppe bildeten. Diese Völker nanten ihre hauptgöttin verschie- 
^^*^, so dass unsere Untersuchung zunächst voraussetzen muss, dass 
^ tnehrere verschiedene istvaeische hauptgöttinnen gegeben habe, und 
^^t durch eine analyse des wesens dieser göttinnen ihr gegenseitiges ver- 
'^^tnis zu bestimmen hat 

L Nehalcnnia. 

1. Denkmäler und Inschriften. 

Von einer göttin Nehalennia weiss man erst widor seit dem 
• Januar 1647. Um den anfang dieses Jahres hatten sich an den 

f>-^ 1) Vgl. z. b. Rieger in der Zeitschr. f. d. a. 11, 180; Müllonhoff ebenda 

"^^ > 4 und 154. 

*^T8CHBIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXIV. 19 



290 JAEKEL 

küsten der zeeländischen insel Walcheren heftige ost- und nordost- 
winde eingestelt, welche die dünen arg zerzausten und die see zu 
ungewöhnlicher höhe türmten. Vom stürme zerwühlt und von den 
wogen unaufliörlich gepeitscht schwand der fuss der dünen mehr und 
mehr zusammen. Als dann an jenem tage imter dem wehen eine» 
starken Ostwindes eine auffallend niedrige ebbe eintrat und sich das. 
meer weit vom lande zurückzog, erblickten die bewohner von Doom— 
bürg, einem Städtchen an der nordwestküste der insel, hart an des^ 
gewöhnlichen uferlinie eine grössere anzahl von steinen und anderec^ 
gegenständen, die bis dahin vom sande bedeckt gewesen waren. B^m. 
näherem zusehen erkante man trümmer von antiken säulen, fragment^ 
von Statuen, altäre und eine beträchtliche menge meist gut erhalten^:!- 
kapelchen (aediculae). Im ganzen waren es 45 fundstücke. Davo:Ki 
trugen mehr als die hälfte Inschriften, und die altäre und kapelch»vi 
zeigten fast durchweg reliefdarstellungen von gottheiten. Aus d^:n 
inschriften gieng zunächst hervor, dass die überwiegende mehrzahl d^r 
kapeichen einer dea Nehalennia geweiht seien, dass also das heilig:- 
tum, dessen Überreste man vor sich hatte, ein Nehalennia -tem[>^] 
gewesen sein müsse. In der unmittelbaren nähe des heiligtums wixi^ 
den sechs merovingische münzen, femer eine erhebliche anzahl rönai- 
scher kaisermünzen aus der zeit von Vespasian bis Tetricus, sodann 
becher, gefasse und andere derartige gegenstände aufgelesen. 

Der fund erregte ungemeines aufsehen, und die künde davon 
verbreitete sich schnell. Die Niederländer beeilten sich, ihren berühm- 
ten altertumsforscher Petrus Scriverius um eine erklärung der entdeck- 
ten altertümer anzugehen. Schon am 14. jan. 1647 gieng aus Dooux^ 
bürg ein schreiben an ihn ab, in welchem über den fund berichtot 
und fünf von den inschriften mitgeteilt wurden. Nach diesem schrei^ 
ben machte dann Lotich im V. bände des Theatrum Europaeum, d^^ 
1647 erschien, die entdeckung in Deutschland bekant (s. 1298) un** 
teilte jene fünf inschriften ebenfals mit Die Zeichnungen und beschr^i'' 
bungen der fundstücke, die man aus Doomburg dem prinzen Friedrich* 
Heinrich von Oranien gesant hatte, liess dieser durch seinen secretai^-» 
Constantin Huyghens, am 15. februar ebenfals an Scriverius schickei^i 
den dann Huyghens am 23. februar um rücksendung der zeichnung^^ 
sowie um erklärung der altertümer bitten lässt^. Noch in demselb^^ 
jalire machte der bekante kupferstecher H. Danckerts die fundstücl^^ 

1) Die drei schreiben teilt Autonius Matthaeus in seinen Veteris 
atMlecta VI, 391 fg. mit (=- lll^ G95 fgg.). 



soweit sie noch in Dooniburg vorhanden waren, unter dem titel: „Äff- 
beehüo^ van de ovoroiide rariteyten aan de ütrandt omtrent DombiiR'h 
gevondoD den 5. januarij 1647" (Hagae Comitinu 1647) nach xeich- 
Dun^D von H. van Schnylenburgh auf 13 platten bekant^ Erläuternde 
bemerknngen über den fimd waren der pubHkatiou nicht beigegeben. 
Der erste öffentlicJie berieht über die erste entderkung wurde von nie- 
derlüiidisoher seit« erst IGöO durch Olivarius Vredius in seiner Histo- 
rift Comitnm Flaiidriae I Additiones s, XLIV fgg. gegeben. Er hatte 
selbst in Dooniburg die reste in augenschein genommen und gab nun 
die abbildungon von 22 altären, von 13 römischen münzen und einigen 
■»«leren gegenstanden. Mit knappen, präcisen worten wurden die ein- 
zelnen Stücke beschrieben und erläutojrt. Seine erklärungen, die für 
*pine zeit vortretlich sind, wurden später viel benuzt So niht z. b. 
M- Smallogaoge Chronyk van Zeeland Middelburg 1696 fol. 82 u. a. 
ganz auf Vredius. Smallogango benuzte nicht nur die beschreibenden 
ansahen jenes, sondern, wie os scheint, sogar die platten, weiche für 
ili«3 Vre<liusschen abbildungon angefertigt worden waren. 

Die behörden der insel Walchexen hatten bald nach der ent- 
dociimg den Doombui^em befohlen, die merkwürdigen Überreste der 
heidnischen vorzeit volstandig auszugraben und in Verwahrung zu neh- 
men. Da der Ostwind längere zeit anhielt, gelang es, den fund zu 
"*Tgen. Man entdeckte dabei noch das fuudament eines häuschens und 
*^*?ss in einer tiefe von einigen fuas auf zahlreiche baumstümpfe und 
OQtitQwurzeln , woraus mau ersah, dass das Doomburger Nehalennia- 
™i''gtuni in einem liaine gestanden haben müsse. Weniger sorgfältig 
'"'ö man in Doombui^ dem zweiten teile des befehls nach, die fund- 
■^ftcke wol zu verwahren. Dem TJtrechter Studenten M. Smaltegangc, 
[••er damals in Middelburg, dem hauptorte Walcherens, seine winter- 
"len verbrachte und sich ein paar tage nach der ausgrÄbung in Doom- 
^ _ einfand, wo er die Inschriften von sechs denkateinon abschrieb, 
'sMioiitß gg^ aug ^em ftindo eine lampe und einige münzen anzukaufen, 
'o er selbst in dem eingehenden, zuverlässigen bericht über die ent- 
' ^knng der Doomburger altertümer erzählt, den er seiner dironik 
' **■- 82) eingefügt hat. Ja, man liiolt nicht einmal die grösseren fund- 
«clje in Dotimburg zusammen. So versehwand denn auch eine eriieb- 
'« zaid der uns liier allein angehenden Nehalenniaaltäje, teils sofort, 
;päter, aus Doimiburg. Als J. (.1. Keysler seine Exercitutio de 



teils 



I . 1) Ein pnemiilar 

L'"'Uitochöu bstituts. 



vcrliN befindet sich auf der biblitithck dos kgl. nieder- 



292 JAEKKL 

dea Nehalennia numine Walachrorum topico, die 1717 zu Celle erschien 
und 1720 mit einigen Verbesserungen in seine Antiqaitates selectae 
Septentrionales et Celticae (s. 235 fgg.) aufgenommen wurde, ausarbei- 
tete, machte ihm Hadrianus Relandus aus Utrecht von einer in seinem 
besitz befindlichen säulenbasis mitteilung, welche eine weihinschrift an 
Nehalennia trug und einst aus Zeeland nach Utrecht geschickt wor- 
den war. Diese säulenbasis muss bald nach jener entdeckung vom 
5. Jan. 1647 aus Doomburg verschwunden sein, denn in den Danckerts- 
schen „ AfFbeeldinge '^ findet sich keine abbildung derselben. Jezt ist 
dieses denkmal zu gründe gegangen oder doch, fals es noch vorhan- 
den, der ort, wo es verblieben, unbekant. Ein anderes Doomburger 
fundstück, einen Nehalenniaaltar ohne inschrift, sah der holländische 
gelehrte Janssen 1845 in einer aus allerlei alten steinen erbauten brücke 
auf dem gute Westhove bei Doomburg eingemauert. Sodann befand 
sich am anfange des vorigen Jahrhunderts, wie Gargon Walchersche 
Arkadia (1717) I, s. 318 mitteilt, ein Doomburger Nehalenniaaltar in 
einem zäune vor einem tore von Middelburg; femer war nach demsel- 
ben Gargon (a. a. o. II, 11)^ ein anderer Nehalenniaaltar damals irx\ 
hofe des landhauses Steenhovo, das am wege von Middelburg nac^V 
Koudekerke liegt. Verhältnismässig spät ist aus dem Doomburg*^ 
funde jener Nehalenniaaltar abhanden gekommen, der jezt auf 
schloss Ilpestein bei Dpendam verwahrt wird. Denn die angäbe v^ 
G. van Ernst Koning (Het huis te Upendam s. 5 fgg.), wonach die^ 
denkmal um 1622 beim trocknen des Purmer gefunden worden 
soll, eine angäbe, worauf noch Wolf in seiner oberflächlichen arl> 
über Nehalennia- Schlüsse gründet, verdient keinen glauben, da 
ser altar vom flandrischen historiker Vredius im jähre 1650 und no 
später von Cornelius Boot in Doomburg gesehen und abgezeich 
wurde. Sehr früh müssen dagegen jene beiden Nehalenniaaltäre 
Doombiu-g verschwunden sein, welche sich später im besitze Pap^^ 
broeks befanden und dann nach Levden in das niederländische reicl^ 
museum der altertümer gelangten. Weder Danckerts noch Vred 
(Smallegange) noch Keysler wissen etwas von diesen beiden steint •^ 



1) Der altar, von dem Gargon U, 7 spricht, ist kein Nehalenniaaltar, sond 
eiu Matronenstein! 

2) In den Jahrbb. des Vereins von altertumsfr. im Rheinlande XII (18-*^^ 
s. 21 — 41 und in den Beiträgen zur deutschon raythologic 1 (1852), 149 — 160. -^ 
konte Janssen nicht benutzen und muste sich auf die ungenügenden älteren pubü-^* 
tionen stützen! Wolf kante nicht einmal den 1776 (oder 1777) gefundonen Deut^**' 
Nehalenui&stein ! 



M* Mafleios {Mus. Veron. s. CCCCXI.Vim, 3), Oudendorp (legati Pa- 
penbr. deecriptio s, 12 nr. 10 und s. 11 nr. 9) und andere machten 
dieselben bekani Endlich war einer von den Doomburger Nehalennia- 
steineo früh nach Brüssel geraten, wo er nach mannigfaltigen Bchick- 
saieii im Mus(*e R. d'nrmm-es, d'anüquitös et d'ethnoliigie aufnähme 
find.. Erst H. Caunegieter behandelte diesen altar in seiuer, leider 
Diaiiiisc-ript gebliebenen, abhandliing „ Domburgsche oudheden, ver- 
Jilaa.rt". Aus diesem manuscript, das jezt der U. klasae des kgl. Nie- 
derländischen Institute gehört, hat dann Janssen 1845 (De romeinsche 
beeiden en gedenksteenen van Zeeiand s. 67 fgg.) über das denkmal 
bei-ichtet 

Die denksteine, weiche auf Walcheren verblieben, wurden almäh- 
licla im chor der reformierten kirciie zu üoorabui^ vereinigt. Am 
19. nkt 1848 zerstörte dann ein blitz kirche, türm «nd denkmäler. 
Nut 6 denksteine, freilich sehr beschädigt, einer davon in 10 stücten, 
konten an einem vom türme abgesonderten platze in der wider auF- 
ge bauten kircho notdürftig aufgestelt werden; die übrigen stücke und 
brocken wurden im freien am zaime der Doomburger stadtschrelberei 
in einem häufen übereinander gestapelt. Nachdem sie hier 17 jähre 
l»>ig wind und wetter ausgehalten, fanden sie im jähre 1866, ebenso 
*ie jene 6 noch leidJich erhaltenen stücke, im Middelburger museum 
•ofiiahme. 

Schon 1647 waren die ersten schritten erschienen, welche eine 
deutüng der göttin versuchten. Ihnen folgten zahlreiche orläuterunga- 
^hriften und publicationen. Diese ältere ütteratur ist bei Janssen 
*■ a. 0. vorrede s. XII — XV verzeichnet Durch diesen Hess nämlich 
1845 die zecländische geselschaft der Wissenschaften die erst« zuverläs- 
^'?e, zwar noch nicht allen anforderungen genügende, aber, was die 
''^chroibung der denkmäler anlangt, vortreflich ausgefallene publication 
''t bildwerke veranstalten: Do romeinsche beeiden en gedenk- 
steenen van Zeeiand, uitgegeven van wege het Zeeuwsch genoot- 
*'^haj) der wetenschappen , Middelburg 1845. Aus diesem werke sind 
'■iö Doomburger Nehalonnia-inschriften bei de Wal Mythologiae sep- 
'eiitrionaüs monumenta (Utrecht 1847) nnd bei Brambach Corpus 
ins<;riptionnm Rhenan. (1867) mitgeteilt. 

Im herbste des jahres 1870 wurde bei Doomburg noch ein 

''^^lalenniaaltar entdeckt, der sich jezt im Privatbesitz befindet, Ihn 

* C. Ijoemans in den Verslagen en mededeelingen der koninklijke 

"ademie van wetenschapen, afdeeling Ictterkunde, 11. reeks, II deel 




294 JAEKEL 

(1872) s. 63 fgg. ausführlich behandelt und dabei auch die Schicksale 
der übrigen Nehalenniadenkmäler besprochen ^ 

Bereits vor dem Doomburger funde war ein der Nehalennia geweih- 
ter, aber als solcher nicht erkanter altar zu Deutz entdeckt worden. 
Die erste nachricht von demselben enthält ein um 1600 geschriebenes 
manuscript des Stephanus Broelmann auf der öffentlichen bibliothek zu 
Cöln (Commentarii historiae veteris omnis et piurae plenaeque civitatis 
Ubiorum florentis), wonach der stein am rheinufer bei Deutz ausgegra- 
ben wurde. Publiciert wurde das denkmal zuerst von Gruter 1603 in 
seinem bekanten inschriftenwerk; er muss das denkmal in Deutz in augen- 
schoin genommen haben, denn er gibt an, dass auf jeder scite des 
altars ein füllhorn ausgehauen sei. Den namen der göttin las er auf 
dem offenbar verstümmelten steine: Ncaee. Nach anderen lautete er: 
Nehalee. Das denkmal ist nicht mehr vorhanden. Im jähre 1776 
oder 1777 fand man nun aber in Deutz bei dem neubau der Bene- 
dictinerabtei einen altar, welcher laut seiner deutlich lesbaren inschrifti. 
„deae Nehalenniae'' gewidmet war. Auch dieses denkmal, desseim. 
1781 zimi ersten male erwähnung geschieht 2, ist jezt verloren. 

Die holländischen gelehrten, zulezt wider Leemans (a. a. o. s. S5) 
haben behauptet, diese beiden altäre müsten aus Walcheren nach DeutJ?^ 
verschlept worden sein. Sie hielten nämlich Nehalennia für eine topischc^ 
göttin Walcherens und weiten gern Doomburg zum eigentlichen sitz dcjssr 
Nehalenniakultes und Nehalennia selbst zu einer Holländerin machen.^ 
Das eine ist so verfehlt wie das andere. Nehalennia erscheint au.^ 
Walcheren in enger Verbindung mit Hercules Macusanus. Diesez * 
aber wurde laut inschriftlichen Zeugnisses^ auch in Deutz verehrtSi 
Sowie nun der zu Deutz gefundene altar dieses gottes nicht von Doom -^ 
bürg nach Deutz verschlept, sondern im jähre 1884 am rheinufer unter — 
halb Deutz ausgegraben worden ist, so gibt es natürlich keinen grünem 
zu leugnen, dass auch seine gattin Nehalennia zu Deutz verehrt wor^ — 
den ist. Jene beiden denkmäler des Nehalenniakultes sind wirklich^' 



1) Von deutsclior seito besprach dieses denkmal Josef Klein in den Jahrbüohei 
de> Vereins von altcrtumsfr. im Rlieinl. 57 (187C), 195 fgg. 

2) \\\ den „Materialien zur geist- luid weltlichen Statistik dos niederrheinischer 
kreises*" usw. (Erlangen 1781) 1. Jahrg., wo s. 179 — 184 die steininschriftcn des krei 
ses mitgeteilt werden; sodann bei Gercken Heise durch Schwaben, Baiem, aogräi 
zeude Schweiz, Franken und die rheinischen provinzen in don jähren 1779 — 178 — 
(Stendal 1783) 111, 337. 

3) Jahrbücher des Vereins von altertuinsfrconden im rheinland 77, 45; darnach 
in der "Westdeutschen zeits<'hr. 3, korrespondenzbl. s. 118 nr. 139. 



wie die ganz unvprdtU^htigon borichto darüber melden, in Deute aiis- 
ausfiegrsbpn worden; jedor zwoifel daran ist überflüssig. 

Die bisherig^en versuche der deutschen mythologen, die göttin 
Nehaleuiüa zu deuten, sind nicht glücklich genesen. Die einen hiel- 
ten sie für eine keltische, die anderen für eine germanische göttin; 
aber weder die einen noch die aiidoron haben eine etymologie des 
naniens, die algomeino Zustimmung gefunden hätte, zu geben ver- 
mocht. Jakob Grimm gieng in seiner mythologie nicht näher auf No- 
ludennia ein. Zwar schwankte er (l*, 213), ob dies eine belgische 
oder eine friesische göttin sei, weil ihm ihr name nur gezwungene und 
Mibefriedigendo anknüpfmigen zu gestatten schien; doch gefiel ihm 
schliesslich (s. 347 anm. 2) die ableitung ihres namens aus dr>m kel- 
«sclien, wie sie Heinrich Schreiber (Die feen in Europa s. 65 fgg.) vor- 
Ä^tragen hatte. W. Müller meinte (Geschichte und System der altdeut- 
schen religiou s. 91), dass, wenn auch deutsche stamme, etwa die 
"^osen, Nehalennia verehrten, sie doch nicht echt deutsch sei, sondern 
"*rBm Ursprünge nach sicher den Kelten angehöre. Dann nent er sie 
' "ofr doch (s. 25ö) geradezu eine friesische göttin. Dagegen erklärte 
"olf (Rheinische Jahrbücher 12, 21 fgg. und Beiträge zur deutsehen 
L "lytliologie 1, 149 fgg.), ohne eine deutung des namens zu geben, Ne- 
B^'iennia für eine deutsche göttin '. Simrock erklärt (Deutsche raytholo- 
^NiiO K. 351) Nehalennia für keltisch, doch meint er (s. 370 und 545), 
■' oass nur ihr name keltisch sei und die deutsche Isis den keltischen 
"Völkern Nehalennia geheissen habe; schliesslich hält er es {s. 371) für 
iQ'Jglich, dass auf Walcheren, wo das heiligtum der Nehalennia gestan- 
'•eii habe, „deutscher imd keltischer gottesdienst vielleicht zu einem 
Wodo der Völker zusammengeflossen sei"*. Holtzmann, dem keltisch 
und germanisch als gleich gilt, glaubt doch (Deutsche mythologie s. 122), 
raöglichkeit besprechen zu müssen, dass der name Nehalennia ein 
deutscher sei. Die erklärung, welche H. Kern in seinem aufsatze 
.Nehaiennia" in Taal- en letterbode II (Haarlom 1871) s. 80 fgg. und 
<'er Revue Celtiqne vol. II (1873) s. 10 fgg. gegeben hat, wonach 
fföttin als schenkerin, wolgeneigte geberin. herrin, frau („ schenkster, 
'ffuristige geefeter, meesteres, vrouwe^) zu deuten und Nehalennia 
!'"'■ dor einheimische landscliaftüche name der nordischen Freyja sei, 
J^' sprachlich unhaltbar. Mit iieUian libaro, immolare (Graff II, 1015) 
i'^ dieser name nichts zu tun. 

1) An den DiiniBu der göttin, erklärt Woir, wolle er nicht weiter rühren, woii 
^Rn^rlich si'i. Er teilt die älteren deutungsTaranche mit, die nicht mehr ange- 
■ Zu werden verdienen. 



296 JA15KEL 

Die Publikationen der Nehalenniadenkmäier weichen, schon w 
die zahl der altäre angeht, erheblich von einander ab. Es hätte hi^T 
keinen zweck, die sämtlichen altäre mit ihren inschriften und bildlichezz 
darstellungen der reihe nach zu beschreiben; die wichtigeren werden 
im verlaufe der Untersuchung bei den einzelnen fragen behandelt wer- 
den. Um aber für die folgende Untersuchung die citate so kurz als 
möglich gestalten zu können und um künftigen forschem zeitraubende 
mühe zu ersparen, auch um die Übersicht über die bisher gefundenen 
altäre zu erleichtem, zähle ich hier die Nehalenniadenkmäier mit angäbe 
der nunmiera, unter denen sie bei Brambach, de Wal, Janssen, 
Keysler (Antiquitates selectae septentrionales et celticae) imd Vredius 
publiciert sind, auf. Den leztgenanten habe ich hinzugenommen, weil 
er die denkmäler in Doomburg selbst studiert hat und seine oft benuzte 
Publikation zeigt, wie viele Nehalenniaaltäre damals in Doomburg noch 
vorhanden waren. 

A. Doomburger altäre. 

1. Brambach 24 = de Wal 196 = Janssen s. 10 — 18, taf. TV 
nr. 8a — c = Keysler s. 239 § 4 = Vredius LI, 5. 

2. Brambach 27 = de Wal 176 == Janssen s. 38 — 41, taf. VII 
nr. 15a— d = Keysler s. 242 § 10 = Vredius UI, 11. 

3. Brambach 28 = de Wal 177 = Janssen s. 41 — 45, taf. VIII 
nr. 16 a— c = Keysler s. 243 § 11 = Vredius LII, 12. 

4. Brambach 29 = de Wal 178 = Janssen s. 45 — 47, taf. IX 
nr. 17a— e = Keysler s. 241 § 6 = Vredius LI, 7. 

5. Brambach 30 = de Wal 179 = Janssen s. 48 — 49, taf. X 
nr. 18 a — c = Keysler s. 242 § 9 = Vredius LU. 10. 

6. Brambach 31 = de Wal 180 = Janssen s. 50 — 52, taf. XI 
nr. 19a— c = Keysler s. 241 § 8 = Vredius LI, 9. 

7. Brambach 32 = de Wal 195 = Janssen s. 57 — 59, taf. XII 
nr. 21a — d. 

8. Brambach 33 = de Wal 192 = Janssen s. 59—60, taf. XII 
nr. 22a— c = Keysler s. 244 § 12 = Vredius LII, 13. 

9. Brambach 34 = de Wal 197 =- Janssen s. 60 — 61, taf. XIII 
nr. 23a— c = Keysler s. 245 § 16 = Vredius LH, 17. 

10. Brambach 35 = de Wal 198 = Janssen s. 61 — 62, taf XIII 
nr. 24a— d = Keysler s. 240 § 5 = Vredius LI, 6. 

11. Brambach 36 = de Wal 194 = Janssen s. 63— 66, taf. XIV 
nr. 26 a— c == Keysler s. 249 § 23. 

12. Brambach 37 = de Wal 193 = Janssen s. 66 — 67, taf. XV 
nr. 27 a — c. 



HAUPTOÖmN DER ISTVAEEN 297 

13. Brambach 38 = de Wal 184 == Janssen s. 84 — 85, taf. XVm 
nr. 34. 

14. Brambach 39 « de Wal 187 - Janssen s. 67—72, taf. XV 
nr. 28a — c. 

15. Brambach 40 = de Wal 186 « Janssen s. 72 — 73, taf. XVI 
nr. 29a— =- Keysler s. 247 § 20 = Vredius LI, 4. 

16. Brambach 41 = de Wal 185 = Janssen s. 73— 74, taf. XVII 
nr. 30a— c = Keysler s. 244 § 13 = Vredius LH, 14. 

17. Brambach 42 == de Wal 189 = Janssen s. 83—84, taf. XVII 
nr. 33a— c « Keysler s. 245 § 17 = Vredius LH, 18. 

18. Brambach 43 = de Wal 188 = Janssen s. 75 — 83, taf. XI 
nr. 32 == Keysler s. 246 § 18 = Vredius Uli, 21. 

19. Brambach 44 = de Wal 182 = Janssen s. 85, taf XI nr. 35. 

20. Brambach 45 =- Keysler s. 245 § 15 = Vredius LH, 16. 

21. Brambach 48 = de Wal 199 = Keysler s. 250 § 24. 

22. Brambach 50 1 = de Wal 191 = Janssen s. 62 — 63, taf XIV 
nr. 25a— c — Keysler s. 248 § 21. 

23. Janssen s. 93 — 95, taf. XIX nr. 4 = Keysler s. 246 § 19 = 
Vredius LEI, 23. 

24. Janssen s. 74 — 75, taf XVIII nr. 31. 

25. Keysler s. 241 § 7 =» Vredius LI, 8. 

26. Keysler s. 244 § 14 = Vredius LII, 15. 

27. Altar von 1870, beschrieben von Leemans in den Verslagen 
en mededeelingen der koninklijke akademie van wetonschapen, 
afdeeling letterkunde, II. reeks, II deel s. 74 fgg.; nach ihm 
von A. Röville in der Revue celtique II (1873) s. 18 fgg. und 
von Josef Klein in den Jahrbb. d. Vereins von altertumsfreun- 
den im Rheinlande LVII (1876) s. 195. 

B. Deutzer altäre. 

28. Brambach 441 = de Wal 183 == Janssen s. 100 — 102 = 
Keysler s. 265 § 35 = Vredius XLVIH. 

29. Brambach 442 = de Wal 190 = Janssen s. 96 — 100. 

2. Nehalennia und Hercules Macusanus. 

Das Doomburger und das Deutzer Nehalenniaheiligtum beweisen 
^^''^ittelbar, dass die göttin von den bewohnem Zeelands, d. h. von den 
^^rsakern, Sturiern und Frisiawen, sowie von den bewohnem 

1) Brambach 49 = de Wal 181 = Janssen s. 52—57 taf . X nr. 20 a— c = 
'^Bler 8. 248 § 22 ist kein Nehalennia-, soudom ein Mati'onenaltar! 



298 JABKEL 

der Deutzer gegend, den Ubiern, verehrt wurde. Diesen vier Völker- 
schaften galt, wie erhaltene Inschriften beweisen \ Hercules Macusa- 
n US als männliche hauptgottheit Dies lässt vermuten, dass auch die 
übrigen Völkerschaften, welche den Hercules Macusanus als hauptgott 
verehrten, Nehalennia als hauptgöttin gefeiert haben. Bestätigt wird 
diese Vermutung durch die enge Verbindung, in welcher Hercules Macu- 
sanus und Nehalennia, nach den bildlichen darstellungen von fünf 
Doomburger altären zu schliessen, gestanden haben. Jeder derselben 
(oben nr. 2, 3, 4, 5 und 6) zeigt nämlich auf der Vorderseite das bild 
Xehalennias und auf einer seitenwand das des Hercules, auf der 
andern das des Neptunus. Dies lässt sich nur durch die annähme 
erklären, dass Neptunus, ein deutscher wassergott in römischer gewan- 
dung, Hercules Macusanus — denn dies ist laut inschriftlichen Zeug- 
nisses der Walcherensche Hercules — und Nehalennia für den kultus 
eine engverbundene dreiheit von gottheiten bildeten. Man ist dabei* 
berechtigt, überall, wo Hercules-Macusanus-kult nachweisbar ist, aucl^ 
Nehalennia- kult als bestehend vorauszusetzen und umgekehrt Wi^ 
haben also nicht nur Frisiawen, Marsaker, Sturier und Ubier, sondei 
auch die Kanninefaton und Batawer als Nehalennia- Verehrer zi 
betrachten. Denn diesen sechs Völkerschaften galt Hercules Macusanu 
nach ausweis imserer Inschriften als männliche hauptgottheit'. 

Da nun bei den deutschen stammen die männliche luid die weil 
liehe hauptgottheit stets zu einem ehepaare verbunden erscheinen, s -= 
müssen auch Hercules Macusanus und Nehalennia als gatte und gat^ir 
tin betrachtet worden sein. 

3. Die attribute Nehalennias. 

Um das wesen Nehalennias zu ergründen, haben wir nicht vorr 
ihrem namen, dessen bedeutung ja vorderhand noch streitig ist, so 
dern von ihren attributen und ihrer tracht auszugehen. Von de 
Inschriften geben nur zwei an, wofür der göttin gelübde gelöst wui 
den; die übrigen melden nur, wer die gelübde gelöst hat 

Die göttin ist auf achtzehn altären bildlich dargestelt, 4mi 
stehend (oben nr. 1, 3, 5, 11), 14nial sitzend (nr. 2, 4, 6 — 10, 12 
14 — 16, 22 — 24). 

Alle diese darsellungen zeigen die göttin in einen weiten, mi 
einem grossen kragen versehenen mantel gehült Nach den älterei 

1) Vgl. Bramb. CIKh. nr. 51 und ol)en s. 294 anm. 3. 

2) Bramb. CIRh. nr. 51, 130, 134; CIL. VH, 1090; Westd. seüschr. III kor 
respondonzblatt s. 118 nr. 139 und V korrespondenzbl. s. 51. 



pi'hliliationen der Doombiirger donkniaier trag sie auf einigen altaren 
(iiboB rir. 1, 7, 11} aiifli fino haubo oder kappe. Allein auf nr. 1 fohlte 
Jen» bildo der güttin der köpf, mit dem sie bei Vredius (Smallegange), 
Ke'ysler and anderen dargestelt ist; derselbe ist nach der ausdrück- 
lic-li«'n angabo des Vrcdius erst vom graveur ergänzt worden. Was 
man aber auf nr. 7 und 11 als kappe angesehen hat, ist nach Janssen 
I*. &H und 64) nur ein teil der hohen frisur der göttin. Der weite, 
verhüUondo mantel ist also die stereotype tracht Nehalennias. Von 
dan bekant^n gcnnanisfhen göttinnen ist nur eine stereotyp im man- 
tel vor- und dargestelt wordon, nämliiih Hol, die göttin des todes 
nnd der Unterwelt. Mit Hei stimt Nehaleunia in der tracht über- 
eio- Hei war nach nordischen angaben eine tochter Lokis, also aus 
dar familie der chthonlschen fenergottheiten. Zieht man also 
Nehalennias traebt für sich allein in erwägung, so kann man die göt- 
tin Hill- für eine todesgottheit aus dem geschlechte der cbtho- 
nisolien fenergottheiten halten. 

Was die eigentlichen attributo Nehalennias angeht, so begegnet 

•Ol liänfigsten, auf elf altären, ein zu ihr aufblickender hund. Der- 

"olbe sizt in 3 fällen zu ihrer linken (eben nr. 1, 4, 15), in 8 lallen 

«" ihrer rechten (nr. 2, 3, 5, 6, 11, 12, 14, 22). Die bedeutiuig, 

"'*'U-hc der hund in der germanischen mythologie hat, ist längst erkant 

und richtig dahin formuliert worden, dass der hund diener und 

'*ymboi der feuer- und todesgottheit ist'. Denn nach deutschem 

^^f^lksglauben wird durch bundegeheul sowol tod als feuer vorherver- 

^'indet: tod, wenn der heulende hnnd ztu- erde sieht; feuer, wenn er 

"* die hebe heult. Der hund des heljägers läuft, wenn man am clirist- 

*oend die haustüi- offen läsat, herein und legt sich auf den herd, von 

*•* er das ganze jähr nicht wegzubringen ist. Er frisst asehe und 

l^'^hlon und verächwindet erst wider, wenn der heljager das nächste 

JftI» r an dem hause vorüberjagt. Schwarze hunde hüten nach deutschem 

, S'atjben die schätze, das cigentiun der chthonischen feuergottheit, und 

Ji^^inhold nent sie daher mit recht clbische wosen*. Ein cbthonisches 

P*TCK^rwe6on ist auch der höUenhund Oarmr, der beim Weltuntergänge 

*t Tfr streitet. Seine bezlohung zur untei'welt ist ohne weiteres klar; 

Kr'^s er aber ein feuerwesen war, beweist sein name. Müllenhoff 

■y*^utsche altert II, 206 anm.) will freilich diesen als ein derivatum 

^er ^cupidus" oder als die Verkürzung eines composituma auffas- 

j*On, Dies halte Ich für verfehlt Der name ist unzusammengesezt wie 

1) Vgl. z. b. Weinhold in dor Zoitschr. f. d. a 



300 JAKKEL 

ein echter göttemame; er ist von derselben wurzel wie skr. gharm^::^ 
^glut^ (Böhtlingk und Both, Sanskrit -wörterb. 11, 882) gebildet imi 
bedeutet „der feurige"; und weil er, wie ein echter göttemame, eim.- 
fach ist, so glaube ich, dass es einst auch einen chthonische: 
feuergott Garmr gegeben hat, der mit seinem Symbole, dem hundi 
im namen übereinstimte, wie ja ähnlich der stier, das symbol Erey 
freyVj der widder, das symbol Heimdalls, heimdalir usw. hiessen. Du 
ser gott, nicht der hund, Oarmr war meines erachtens ursprünglic^li 
der gegner des T^r; und es muss dieser gott als verderblicher feua:^'- 
gott gedacht worden sein. Von den germanischen göttinnen steht eiü^e 
einzige, und zwar widerum Hei, in beziehung zum hunde (vgl GrimKxi, 
Mythol.* n, 555). Die hunde, welche für geistersichtig galten, 
ken nach deutschem Volksglauben, wenn Hei umgeht! Es muss 
Nehalennia ihrem häufigsten attribute nach zu schliessen eine chtiio- 
nische feuer- und todesgöttin gewesen sein. 

Auf drei altären der göttin erscheint neben ihr ein schifs Vor- 
derteil. Auf nr. 1 hat sie ihren rechten, auf nr. 5 und 11 den lin- 
ken fuss auf ein solches gesezt Auf nr. 1 hält sie überdies in der 
linken ein rüder. Man könte hier mit früheren forschem an das M-^ 
toten schiff, das im germanischen glauben eine bedeutsame rolle spielte ^•^ 
(vgl. Grimm, Mythol.* H, 692 fgg.; Weinhold, Altnord, leben 483 fgr-) 
und somit an Hei denken. Allein das schiff, auf welchem der tote I^q 
zu Hei fährt, wird nicht von Hei selbst gelenkt, wüirend doch Nah»-- ^"^ 
lennia das rüder hält, also als schifsführerin gedacht wurde. Jhn^^ 
nach können schiff und rüder der göttin nur als schirmerin de? ^ 
Schiffahrt zugekommen sein. Hierzu stimt, dass man laut einer ii 
jähre 1885 zu Rom gefundenen inschrift (Annali d. instit 57, s. 27i 
nr. 25) auch Nehalennias gemahl Hercules Macusanus auf s( 
gegen die vom meere drohenden gefahren anrief; vor allem aber passr -^ 
dazu die inschrift eines Doomburgor altars (oben nr. 18): Deae N(e)--^ 

halenniae ob merces recto conservatas S(e)cund(inius) Sil ' 

vanus negotiator cretarius Britannicianus v(otum) 8(olTit)^ ^ 
l(ibens) m(erito). Hier löst ein seefahrender kaufmann der göttin N« 
halennia ein gelübde für die glückliche rettung seiner waaren. Er mi 
dieselben, als sie in gefahr waren, also auf einer seereise, dem schuttt^^ * 
der göttin empfohlen haben. Nehalennia vermochte demnach, wie ih*'^^ 
gemahl, den schifiFer und seine waaren vor den unbilden des m( 
zu schirmend 

1) Loidor ist in der iDschrift auf nr. 14 ^Doae Nehalenniae T. Calvisi 
Socundinu» o[b] moliores actus'^ nicht klar, was unter den „meliores 



^^^^^^^ 301 

Auf sehn altären führt Nehalennia ein körhchen bez. eine 
schale mit äpfeln, mul zwar hat sie ein solches körbcheu auf nr. 4 
lind 1 6 zur rechten, auf nr. 6 und 22 zur linien, auf nr. 9 auf jeder 
Seite neben sich stehen. Auf nr. 7 holt sie das körbcheu auf dorn 
, auf nr. 2, 12, 14 hat sie eines zur linken und eines auf dem 
echooss, auf nr, 11 eines auf dem linken knie'. 

"Dieses körbohen mit äpfeln hat viele forscher bewogen, Nebalen- 
F Dia zu den im Rheinland allenthalben begegnenden Matres oder Ma- 
¥lToaae zu rechnen, die meist ein körbcheu mit fruchten, gewöhnlich 
lipfelD, auf dem schoosse haben. Allein diese Matre» kommen immer 
limr in der dreizahl vor, heissen als tupische gottheiten in jeder 
■ ludsohaft anders und werden niemals als deae bezeichnet Es war 
l^er gar nicht anders zu erwarten, als duss Max Ihm in seiner nnter- 
Wchung über den mütter- oder matronenkultus und seine denkm&Ier 
Pahrbb. des Vereins von altertumsfr. im Rheinl. 83 (1887) s. 1 — 200) 
dem resultate (s. 31) gelangte, dass die „dea Nehalennia" und die 
»Matronae" auseinander zu halten seien. Man kaun eben nicht, um 
' üpfel der göttin Nehalennia zu deuten, die Matronen, welche aller- 
■"ögs meist ein körbchen mit äpfeln führen, sondern nur göttinnen, 
denen die schale mit äpfeln als attribut zukomt, heranziehen. Von 
solchen göttinnen war der germanischen mythologie bisher eine einzige 
bekant, nämLch die norwegisch -isländische Iilunn, welche in goldener 
^^'halc oder Schachtel (enkt) äpfel vei-wahrt 

Was bedeuten die äpfel der göttin Idunn? 

Wenn man den isländischen mythologen glauben soll, so waren 

'•it^elben nicht für die menschen, sondern für die gotter bestimt, 

^''"elche sich durch den genuss derselben ewig jung erhielten, Als 

''unn einst samt ihren äpfeln in die gewalt des riesen Thiazi geraten 

^Äf, begannen die götter zu altern, ihre haut wurde welk, die Zähne 

*lelen ihnen aus und ihr haar ergraute. Hiernach ist klar, dass die 

, "Pfel Idunns als die bewahrer des keims zu frischem jugendlichen leben 

"It^n. Die angäbe aber, dass von ihrem gonusse die jugendfrische 

götter abhängig gewesen sei (eine Vorstellung, zu der ich in den 

fc*'**ientn indogermanischen mythologieen kein analogen finde!) trägt den 

^Qapel später erfiiidung an der stirn. Sie mui^s von den philoso- 

f***A«renden isländischen mythologen herrühren, welche doch auch für 

^anrtehen sei. Janssen rät (s. 69) auf „bessero wege". Ebenso gut tönt« ma:i wi 
'*™'**iB«rB Unternehmungen ", „besseres ergeheo' u. dgl. denken. 

1) Nnuh Janssen s, G2 will Cannegieter aucb aur nr. 10 ein körbobon erkeo- 
. lUs Nebalunnia in der linken gehalteu (!) habe. Dies ist inindeKteus uusicher. 



302 JAEEEL 

die ewige Jugend der götter einen zureichenden grund angeben wolte: 
Dem alten echten Volksglauben lag es fem, über derartige dinge nacAsi- 
zudenken. Dies hätte sich mit der ehrfurchtsvollen scheu vor den git- 
tern, von der, nach allen berichten zu schliessen, die herzen unserer 
vorfahren durchdrungen waren, schlecht vei*tragen. Die attribute, welcbe 
der naive fromme sinn der gottheit beilegte, selten ihr beim einwirken 
auf das menschliche leben dienen. Daher müssen auch die äpfel 
der Idunn einen unmittelbaren bezug auf das menschenleben gehabt 
haben; sie müssen für die menschen, nicht für die götter bestirnt gewe- 
sen sein. Was aber ein apfel, den die gottheit dem menschen reichte, 
bewirkte, ersieht man aus der Wirkung des apfels, den könig Rerir 
nach der Vqlsungasaga von der gottheit erhielt, als er zu Odinn und 
Frigg um nachkommenschaft flehte: derselbe machte Rerirs gemahlüi 
schwanger. Demnach waren Munns äpfel nichts anderes als das sjrm- 
hol der ehelichen fruchtbarkeit, des kindersegens, und dafür wurde 
ja der apfel von den Indogermanen überhaupt angesehen. Dass gerade 
von Idunn, die in Brunnakr wohnt, wo der Jungbrunnen quilt, der 
kindersegen komt, wird überdies durch den deutschen Volksglauben, 
der die kinder aus dem brunnen kommen lässt, bestätigt Die äpfel 
erweisen somit Idunn als göttin der ehe und des kindersegens. 
Ebendasselbe hat von den äpfeln Nehalennias zu gelten, d. h. auch 
Nehalennia wird durch ihr körbchen mit äpfeln als göttin der eh© 
und des kindersegens erwiesen^ 

In Nehalennia haben wir demnach eine chthonische göttin vor 
uns, welche göttin des lebens und des todes zugleich war. Da da^ 
körbchen mit äpfeln und der hund diejenigen attribute Nehalennia^ 
sind, welche fast regelmässig auf ihren bildern erscheinen, so mus^ 
man es als ihre hauptfunctionen angesehen haben, der ehe kindersegetP- 
zu verleihen und den eintritt des lebenden in das reich des todes z* 
bewirken. 

Auch zur vegetativen fruchtbarkeit stand Nehalennia in be^ 
Ziehung; sie war nämlich erntegöttin. Dies zeigen zunächst die fül^ 
hörner, die auf fünf altären dargestelt sind (nr. 7, 8, 9, 17, 28). Dieser 
steine zeigen auf den beiden seitenwänden je ein mit äpfeln und bir-^ 

1) Man würde Nehalennia als göttin der animalischen fruchtbarkeit überhaap^ 
betrachten dürfen, wenn das opfei-tier auf nr. 23 wirklich, wie Vredius, Smaüegang^» 
Cannegietor meinen, ein hase wäre, der ja als symbol der animalischen fnichtbarkei't 
gilt. Allein wenn das tier ein hase ist, so kann es kein opfertier sein; denn n^*^ 
haustiere wurden den göttern geopfert. Jedesfals ist es ganz unsicher, was für ein 
tier hier dargestelt ist. Nach Janssen (a. a. o. s. 94) könt^^ es auch ein Spanferkel sein. 



HAUPTOÖTTIN DER ISTVAKEN 303 

aen. gef altes fülhom, das auf zwei altären (nr. 7 und 17) auf einem 

apfel ruht und auf welchem bei nr. 8, 9 und 17 noch ein pinienzapfen 

liegt. Auf nr. 7 ist überdies die lehne des thronsessels, auf dem Neha- 

lennia sizt, durch zwei fülhörner gebildet. Von der älteren der beiden 

Beutzer aren (nr. 28) berichtet Gruter, dass auf jeder seite ein fülhom 

ausg^hauen seL Auch die fruchte, welche Nehalennia auf einigen 

altären in der hand hält (nr. 5, 6, 8, 9, 15 und 22), kenzeichnen sie 

als erntegöttin. Dagegen sind die laubgewinde und trauben auf den 

altären nr. 10, 11, 12, 14, 15 sowie die lorbeerbäume auf nr. 16 und 

26 als blosse vemerungen zu betrachten. 

Nehalennia erweist sich also 1) durch ihre stereotype tracht, 
4ea verhüllenden mantel, und durch ihr häufigstes attribut, den hund, 
«Is feuer- und todesgottheit; 2) durch schiff und rüder und 
durch eine Doomburger Inschrift als beschirmerin des schiflfers 
^d seiner waaren vor den gefahren des meeres; 3) durch ihr 
körbchen mit äpfeln als göttin der ehe und des kindersegens 
und 4) durch die fülhörner und durch die fruchte, die sie in der 
haad halt, als erntegöttin. Sie herschte demnach über das reich des 
^es, über die eheliche und die vegetative fruchtbarkeit und schüzte 
^®n menschen und sein gut vor den unbilden des meeres. Diese 
chthonische gottheit waltete also ebenso in der oberweit wie in der 
iinterwelt Wie sie aus den tiefen der erde die fülle des lebens empor- 
s^ndete, so nahm sie auch das leben wider zurück, um es dann wider 
^on neuem hervorgehen zu lassen. Sie hatte daher ein doppeltes ge- 
wicht: ein düsteres und ein freundliches, ein schwarzes und ein weisses. 
bie war lichte und finstere göttin zugleich; aber, wie ihre stereotype 
*''^<5ht und ihr häufigstes attribut erkennen lassen, stand die dunkle 
^^te in der Vorstellung, welche sich die Istvaeen von dieser göttin 
°^^chten, im Vordergründe: sie war in erster linie todesgöttin. Dies 
"^t^en wir im äuge zu behalten, wenn wir nunmehr an die deutung 
lures namens gehen. 

4. Der name Nehalennia. 

Der name der göttin ist auf 4 altären Nehaleniae (nr. 3, 10, 
^^, 20), auf 13 altären Nehalenniae (nr. 2, 4, 9, 11, 12, 14 — 18, 
^^1 27, 29), auf nr. 22 Nehalennie, auf nr. 28 Nehaleni, auf nr. 19 
^^halaen geschrieben; und was sich in den undeutlichen und ver- 
^ÜBamelten inschriften von dem naraen der göttin noch erkennen lässt, 
^^Bat zu jenen formen, so dass die lateinische form des namens Neha- 
^^n(n)ia ist In dieser lat. namensfonn ist das e vor dem nasal, wie 



304 JAKKEL 

nach Janssen (a. a. o. s. 118) schon Gannegieter erkante, die gallisch — 
römische entsprechung eines germanischen t, genau so wie in dem 
namen „Baducnna" und „Fimilcne" (vgl. Ztschr. f. d. phiL XXII, 268). 
Den Römern waren namen auf -innitLs, -innia nicht geläufig, wol 
aber solche auf -efinius, -ennia (Ennius, Herennius, Olennius usw.); 
daher wurde in ihrem munde Nehalinnia zu Nehalennia. Der 
deutsche name der göttin muss also im dativ Nehali(n)njai gelautet 
haben, mithin der stamm desselben Nehali(n)njö- sein. Das leicht 
orkenbare suffix dieses namens, germ. -tw/ö-, westgerm. -itinjö-, zeigt, 
dass wir es mit einem movierten femininum zu tun haben, das im 
nominativ bei den Istvacen Nehali(n)ne [aus Nehali(n)nja] gelautet 
haben muss. Da nun die göttin in erster linie todesgöttin war, so 
muss das grundwort *Nehal, ein nomen agentis auf -oto-, meines 
erachtens die westgerm. entsprechung eines got *NaIA;als und von 
derselben wurzel wie lat. nequalia, griech. w'xtc; usw. gebildet sein. 
Weil der name der göttin, got *NalÄ;alini (vgl. Saür-Saürini) wahr- 
scheinlich von jeher wurzelbetonung hatte (vgl. vixvg)^ so wird urgerm. 
h regelrecht durch westgerm. h vertreten. Westgerm. Nehalinne ver- 
hält sich zu got '''Naf/e;alini ebenso wie althd. sehan^ alts. gisdian 
zu got saiha7i, ahd. aha zu got alva, ahd. lihan zu got leihan usw. 
Da nun westgerm. *Nehal, got *NaIA;als „der toter" bedeutet, so 
bedeutet Nehalinne „die töterin", eine bedeutung, welche zu dein, 
was wir oben über das wesen der göttin festgestelt liaben, auf das 
genaueste passt^ 

II. Aiwa. 

Der name „Nehalennia" erschöpfte das wesen der göttin keines- 
wegs. Ihre beziehung zu meer und meerfahrt, zur ehe, zur vegetati- 
ven fruchtbarkeit, kurz ihre ganze lichte seito liess derselbe ungeken- 
zeichnet „Nehalennia" kann daher weder der einzige noch der älteste 
name dieser göttin gewesen sein. Es ist nun ein zweiter name der 
gemahlin des Hercules Macusanus in einer inschrift erhalten, ein name, 
den man freilich noch nicht zu deuten vermocht hat, dessen sinn uns 
aber jezt, wofern wir das wesen der göttin richtig bestimt haben, klar 
werden muss. Man hat nämlich zu Millingen in der Oberbetuwe unweit 
Nimwegen einen altar mit der aufschrift gefunden: Herculi Macu- 

1) Ferd. Dctter war also auf der richtigen fährte, wenn er (Zeitschr. f. d. a. 
31, 208) meinte, dass der name Nehalennia Welleicht zu griech. v^xi\^ gehöre. Da- 
gegen ist die namensdeutung, welche neuerdings (Zs. f. d. a. 35, 324 fgg.) Kudolf Much 
vorbringt, aus mythologischen und sprachlichen gründen abzulehnen. 



HAÜPTQÖTTIN DER ISTVABEN 305 

sano et Haevae Ulp Lapio et Ulpia Ammava pro natis v(o- 
tum) s(olverunt) l(ibentes) m(erito)^. Dieser altar wurde also 
dem Hercules Macusanus und der „Haeva" von einem istvaeischen 
ehepaare zum dank für kindersegen errichtet. Mit dieser „Haeva", 
der gattin des Hercules Macusanus, haben die klassischen mythologen 
nichts anzufangen gewust^, und es darf dies nicht wunder nehmen, 
denn es ist weder eine römische noch eine keltische, sondern eine 
deutsche göttin, der hier fiii* kindersegen gedankt wird. Haeva ist 
nur die römische Schreibung für gemi. Aiwa. Darunter aber kann 
nur, da germ. aiwa „ehe" bedeutet, die göttin der ehe, die den 
kindersegen verleiht, verstanden werden. Dieser name bezeichnet also 
die westistvaeische hauptgöttin als ehegöttin, als diejenige, welche 
die äpfel des frischen jugendlichen lebens verwahrte. Unter dem 
nameu Aiwa wurde sie, wie die Millinger ara beweist, neben ihrem 
gemahl um kindersegen angefleht. Diese westistvaeische Aiwa oder, 
wie sie im mittelalter heisst, ver Äwe, d. i. frau Aiwa, war eine hoch- 
gefeierte göttin der Germanen des Rheindeltas. Ihr name hat sich 
lange erhalten. Noch 1248 begegnet z. b. bei Capelle auf der zeelän- 
dischen insel Südbeveland der flumame Veren-Äwen-drecht „der 
frau Aiwa drecht"^. Dass diese Aiwa in der tat auch eine finstere 
Seite an sich hatte, also mit Nehalennia zusammenfält, zeigt ihre sym- 
bolisierung durch den schwarzweissen vogel, die tiefmythische 
elster, denn diese trägt in der tiersage jener gegend den namen ver 
Äwe „frau Aiwa**^. Die mythische bedeutung der elster für tod und 
krankheit klingt im deutschen Volksglauben noch lange nach. So heisst 
es z. b. in der Chemnitzer rockenphilosophie 158: „Schreit eine elster 
vormittags auf dem krankenhause sitzend und man sieht sie von 
vornen, so ist die bedeutung gut; schreit sie nachmittags und man 
sieht sie von hinten, schlimm (Grimm, Mythol.^IU, 439). Und wie 
der gottheit des finsteren todes nach germanischem glauben die macht 
über die schätze zusteht, so gilt die elster auch als bringerin des reich- 
tums, wie sie denn unter den vögeln genant wird, welche die spring- 
wurzel bringen (Grimm, Deutsche sagen nr. 9). Man sieht, die haupt- 

1) Bramb. CIRh. 130; de Wal Mythologiae septentrionalis moimm. epigr. 
lat 148. 

2) Vgl. den artikel „Haeva** in Roschors Ausfuhr!, lexikon der grioch. und 
röm. mythologie I sp. 1813, 46 fgg. 

3) van den Bergh, Hell. oork. I, 1 nr. 462: „terra que dicitur Verenavcn- 
dregt*. 

4) Vgl. Grimm, MythoL* 562, der bereits fühlte, dass sich hinter diesem 
namen der elster eine heidnische göttin bergen müsse. 

ZEIT80HBIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. IXW. 20 



SOG JAEEEL 

göttin der Westistvaeen ist ehe- und todesgöttin zugleich, ihr wesen 
umschliesst eine lebengebende und eine lebenzerstörende seile. 

Der älteste istvaeische name dieser göttin entgeht uns noch; 
er muss algemeinerer natur gewesen sein und die physikalische gnind- 
lage ihres wesens, das der erde innewohnende feuer, die kraft der 
erde, bezeichnet haben. Dadurch, dass die verschiedenen Seiten ihree 
Wesens durch besondere beinamen (Aiwa, Nehalennia) gekenzeichnet 
wurden, war der anstoss zur Spaltung der göttin in eine lichte, gebi- 
ronde und eine finstre, vernichtende gottheit gegeben. Dieser differeo- 
zierungsprozess befand sich in den Jahrhunderten, aus denen unsere 
denkmäler stammen, schon im fluss; wann derselbe zum abschlnss 
gekommen ist, wird sich erst bei der besprechung der mänlichen haupt- 
gottheit der Istvaeen, mit welcher sich unsere nächste untersuchun; 
beschäftigen soll, ermitteln lassen. 

III. Die hauptgSttin der marslschen Istvaeengrappe. 

Nach Tacitus (Ann. I, 51) zerstörte Germanicus im jähre 14 n. Chr. 
im gebiete der Marsen „ccleberrimü illis gentibj- teraplü q Tä&n^ 
uocabant**. So lauten die werte in der einzigen handschnft (Medid), 
die göttin muss daher entweder „Ta?^fana*^ oder „Tawfana** geheissen 
haben; und ich vormag nicht einzusehen, wie MüUenhofiF (Zeitschr. t 
d. a, 23, 23) auf grund der handschriftlichen form „Täfan^" nur „Ta«- 
fana** als die überlieferte form des namens gelten lassen konte. Aus 
jenen von ihm selbst abgednickten werten der handsehrift niuste er 
doch ersehen, dass auch der Mediceus I r^elmässig für m und n die- 
selbe abbreviatur verwendet. 

Diese Tacitusstollo ist die einzige sichere erwähnung der göttin; 
denn die Inschrift (Orelli I, s. 358 nr. 2053; de Wal 261), welche dei 
nanien ^Tamfana^ enthält, gilt ebenso wie das Wiener Schlummerlied, 
in dem es heisst ^Zanfana sentit morgane feiziu scäf cleiniu*^ (Ber. 
der Berl. akad. 1859 s. 254), als fi